Reisen Jesu der ersten Periode rc. 136
wahrscheinlich ohngefähr eine Stunde oberhalb der Mündung desJordans. In jener Gegend findet man wenigstens die Ucberresteeines schönen Klosters, das durch die Kaiserin Helena erbautworden und Johannes dem Täufer geweiht war. Es lagohngefähr eine Viertelstunde vom Flusse, auf einem kleinenHügel, wo es von den Ueberschwemmungen weniger litt. Vor-züglich sind es noch Ruinen der Kirche des Klosters, in derenMitte sich ein Altar befindet, auf welchem die Barfüßer alleJahre am Ostermontage Messe lesen in Gegenwart einer MengeMenschen: Männer, Weiber und Kinder, die hierauf alle sichHände und Füße in dem Jordan waschen, oder sich auch wohlganz darin baden. Selbst die Mohamedaner beweisen demJordan ihre Verehrung und baden oder waschen sich darin,wenn sie ihm nahe kommen.
Vom See Tiberias bis zum todten Meere macht derJordan mehrere Windungen. Bei seinem Ausflusse ist er 60bis 80 Schritte breit, und in dem Sommer nur 4 Fuß tief,ja zuweilen soll er so seicht seyn, daß man fast trocknen Fu-ßes durch ihn hindurch gehn kann; daher wird er auch nichtbeschißst. Im Monate März und April aber, wenn der Schneeauf dem Libanon zu schmelzen beginnt, schwillt er an, so daßer bisweilen über seine Ufer tritt, was jedoch jetzt wenigerder Fall ist, weil er sein Bett tiefer gegraben hat. SeinMaster ist trübe und lehmig, vorzüglich wenn er angeschwol-len ist; wenn man es aber ruhig stehn läßt, so klärt es sichvöllig ab*); auch gewährt es einen gesunden Trunk. SeineUfer sind sandig und von hohen Gebüschen und Rohr bewach-sen. Aus dem Rohre verfertigt man die Schreibfedern fürdas ganze umliegende Land; denn die Türken bedienen sichkeiner Federkiele zum Schreiben. Auch ist der Jordan sehrfischreich, weil wenig Menschen an seinem Ufer wohnen unddaher auch wenig gefischt wird.
Er nimmt in seinem Lause mehrere kleine Flüsse oder
*) Eine Sage behauptet, das Wasser des Jordans sey durch die Be.-uihnnig Jesu bei seiner Laufe unverderblich geworden. Wenigstens ver-sichern die Reisenden, daß es nicht leicht faniig werde. Forbin-Jansc»,der jetzige -Bischof von Nancy und Loul, erzählt, er habe 1820 ein Fläsch-che» mit Wasser aus dem Jordan hingestellt, da sey dieses fortwährendvöllig durchsichtig und gut geblieben.