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4 (1794) [R - Z]
Entstehung
Seite
659
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praktisch auszuführen, da die Aus-übung selbst uns völlig fremd ist.

Zur Vollkommenheit des Verses,in sofern mau sie vom Ausdrnk un-abhängig betrachtet, wird verschie-denes crfodert. Erstlich muß derwahre metrische Gang unfeine völligUngezwungene Weife, so bald mandem Geiste der Sprache und dem In-halt gemäß liest, dem Ohr leicht ver-nehmlich feyn, so daß man, ohneden wahren Vortrag zu verletzen, ihngar nicht nnmetrifch lesen könnte.Jeder Redcsatz hat nach der Verbin-dung der dazu gehörigen Wörter,und nach dem Sinn, den er aus-drükt, seine bestimmte grammatischeund rhetorische Accente. Werdendiese gehörig beobachtet, so mußgleich das Metruin da stehen, wennder, welcher liest, es auch nicht ge-sucht hatte. Hiezn dienet nun sehrdie Vorsichtigkeit, die Worte so zuwählen, daß sie durch die Füße desVerses an einander gekettet werden,damit man nicht irgendwo nach ei-nem Fuß eine Pause setzen könne.In der freundschaftlichen Sprachedes taglichen Umganges könnte eineMutter, die mit einem Kind auf demFelde wäre, zu ihm sagen: V.ommDoris, komm; xu jenen Ba-rben, so daß diese Worte ihr Me-trnm völlig verlören. Der Grnnddavon ist, weil mit dem dürrenWorte sich auch ein Fuß endiget.So genau kann uns der Vers sel-ten gemacht werden, daß gar alleWorte durch die Füße an einandergekettet würden; aber darauf mußder Dichter wenigstens mit Fleiß se-hen, daß kein Einschnitt im Sinngerade am Ende eines Fußes siehe.Haller sagt:

Hier spannt, o! Sterbliche, der Seele

Sehnen an,Mo Wissen ewig m'iiit, und Jrecn scha-den kann.

Nach dem Worte Sterbliche kannman, obgleich der Fuß zu Ende ist,

nicht stehen bleiben, man muß fort,eilen, lind dadurch das Metrum em-pfinden, weil der Sinn noch nichtbestimmt ist. Im zweytcn Versaber kannman bcy dem Worte nüizc,stehen bleiben, so lairge man will;weil der Fuß und zugleich der Sinnvollendet ist. Deswegen zerfalltauchdieser Vers in zwey Halfrcn, da erblos einen kleine» Ruhepuukt in derMitte haben sollte. Der Vollkom-menheit des erstem dieser Verseschadet eS aber, daß man die letzteSylbe des Worts Sterbliche gegenseine wahre Aussprache nachdrüklichoder schwer machen muß.

Zweylens gehört zur Vollkommen-heit des Verses ein so genau be-stimmtes Metrum, daß man ohneVerletzung deswahren Vortrages ihnnicht auf zweierlei) metrische Weiselesen könne. Herr Gcl?!egol, derdieses auch anmerkt, führt von die-ser Zweideutigkeit des Metrums fol-gendes Beyspiel an:

Ich sah, wie wir vordem, ansein Oran»genblatt.

Der Vers ist ein gewöhnlicher, aberschlechter Alexandriner:

Ich sah j wie wir j vordem I auf einjOraiijuenblatt,

aber er ist auch ein choriambischerVers:

Ich saß j wie wir vordem I auf ein sjrangrndistt.

Diese be»den zur Vollkommenheitdes Verses erforderlichen Punkte hatHerr Scklegel sehr gründlich abge-handelt, und mit Beispielen hinläng-lich erläutert *).

Drittens muß der Vers auch flies«send iind wolklingend seyn. So wirder, wenn jedes Wort nicht nur»sich, sondern auch in dem Zusam-menhang, darin es vorkommt, leicht

Tt 2 ans-

") In seiner Abhandlung von der Har-monie des Verses.