beyöe Falle ist ihm eine genaue undausgebreitete Kenntniß der in derkörperlichen und sittlichen Natur vor-handenen Dinge, und der in ihnenliegenden Kräfte höchst nothwendig.Da die glükliche Wahl der Materieden meisten Antheil an dem Wertheines vollkommenen Werks der Kunsthat: so ist dem Künstler nichts mehrzu empfehlen, als eine unabläßigeBeobachtung der in der Schöpfungvorhandenen Dinge und ihrer Kräfte.Unaufhörlich muß er seine äußernlind innern Sinnen gespannt hal-ten; jene, damit ihm von allen Wer-ken der Natur, die ihm vorkommen,keines unbemerkt entgehe; diese, da-mit er allemal genaue Kennmiffvonder Würkung bekomme, die jederbeobachtete Gegenstand unter denalsdenn vorhandenen Umstanden aufihn machet. Dieses ist der einzigeWeg das Genie zu bereichern, undihm für jeden Fall, da es für dieKunst arbeitet, den nöthigen Stoffan die Hand zu geben. Man höretoft von reichen Genien und erfinde-rischen Köpfen sprechen, die in denschönen Künsten groß geworden.Diese sind keine andere, als die flech-sigsten und scharfsinnigsten Beobach-ter der Natur. Ein solcher war vor-züglich Homer, dessen scharfem Au-ge (was man auch von seiner Blind-heit sagt) nichts cntgieng. Daherder überschwengliche Reichthum sei-ner Vorstellungen.
Es giebt Kunstler, welche die Na-tur nur durch die'zweyte Hand ken-neu, weil sie sie nicht in dem Lebenselbst, sondern in den Werken andrerKünstler beobachtet haben. Diesewerden, was für Gcschiklichkeit zurKunst sie sonst haben mögen, alle-mal nur schwache Nachahmer bleiben,die höchstens ihre eigene Manier inBearbeitung der Dinge haben. Aberman merkt es, daß sie die Naturnicht selbst gesehen; ihre Gegenstän-de sind entlehnet, und dieDarstel-
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lnng derselben hat das Leben nicht,das die wahren Meister, die nachder Natur gezeichnet haben, ihnen zugeben vermochten. Es ist sehr na-türlich, daß ein in der Natur vor-handener Gegenstand lebhafter rüh-ret, als sein Schattenbild, das manaus Erzählung, oder Nachzeichnungbekommt: ist aber der Künstler selbstweniger gerührt, so muß nothwen-dig seine Zeichnung weniger Kraftund Leben haben. Man kann alleGeschichtsschreiber, die Schlachtenund. Aufruhr und Tumulte beschrie-ben haben, auswendig wissen, ohnedadurch so viel gewonnen zu haben,eines dieser fürchterlichen Dinge mitwahrer Lebhaftigkeit zu schildern;dazu gehört nothwendig eigene Er-fahrung. So ist es mit jeder Vor-stellung und mit jeder Empfindung,Darum ist das Studium der Naturimmer die Hauptsache jedes Künst-lers.
Es trifft sich gar oft, daß derKünstler den ihm nöthigen Gegen-stand in der Natur nicht gerade soantrifft, wie er ihn braucht. Denner hat nicht eben gerade den so be-stimmten Zwek, den die Natur bcyHervorbringuug des Gegenstandesgehabt hat. Da stehen ihm zweyWege offen sich zu helfen. Entwe-der bildet er sich aus dem mit seinerAbsicht am nächsten übereinstimmen-den Gegenstand ein Ideal; so mach-ten es die griechischen Bildhauer,wenn sie Götter, oder Helden abzu-bilden hatten*); oder er braucht sei-ne, durch lange Beobachtung genugbereicherte Phantasie, um sich selbstden nöthigen Gegenstand zu erschaf-fen. Aber da muß er sich genau andie Horazische Regel: NiÄa lmrproxima verls, halten; sonst schaf-fet er ein Hirngespinst, ohne Kraftund ohne Leben. In solchen Erdich-tungen kann keiner glüklich seyn, der
nicht
*) S. Ideal.