Druckschrift 
2 (1847)
Entstehung
Seite
337
Einzelbild herunterladen
 

337

ist die Eigenthümlichkeit wichtiger Entdeckungen, daß siezugleich den Kreis der Eroberungen und die Aussicht in dasGebiet, das noch zu erobern übrig bleibt, erweitern. SchwacheGeister glauben in jeder Epoche wohlgefällig, daß dieMenschheit auf den Kulminationspunkt intellectueller Fort-schritte gelangt sei; sie vergessen, daß durch die innige Ver-kettung aller Naturerscheinungen, in dem Maaße als manvorschreitet, das zu durchlaufende Feld eine größere Ausdeh-nung gewinnt, daß es von einem Gesichtskreise begrenztist, der unaufhörlich vor dem Forscher zurückweicht.

Wo hat die Geschichte der Völker eine Epoche aufzuweisen,der gleich, in welcher die folgenreichsten Ereignisse: die Ent-deckung und erste Colonisation von Amerika, die Schifffahrtnach Ostindien um das Vorgebirge der guten Hoffnung undMagellan's erste Erdumseglung, mit der höchsten Blüthe derKunst, mit dem Erringen geistiger, religiöser Freiheit undder plötzlichen Erweiterung der Erd- und Himmelskundezusammentrafen? Eine solche Epoche verdankt einen sehrgeringen Theil ihrer Größe der Ferne, in der sie uns er-scheint, dem Umstand, daß sie ungetrübt von der störendenWirklichkeit der Gegenwart nur in der geschichtlichen Er-innerung austritt. Wie in allen irdischen Dingen, ist auchhier des Glückes Glanz mit tiefem Weh verschwistert ge-wesen. Die Fortschritte des kosmischen Wissens wurdendurch alle Gewaltthätigkeiten und Gräuel erkaust, welche diesogenannten civilisirenden Eroberer über den Erdballverbreiten. Es ist aber eine unverständig vermessene Kühnheit,in der unterbrochenen Entwickelungsgeschichte der Menschheitüber das Abwägen von Glück und Unglück dogmatisch zu ent-scheiden. Es geziemt dem Menschen nicht, Weltbegebenheiten

A, v, Humboldt, Kosmos II, 22