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Buch der Lieder
Seite
155
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Schreiten über den wimmelnden MarktplatzNach dem treppenhohen Rathaus,Wo steinerne KaiserbilderWacht halten mit Zepter und Schwert,Unferne, vor langen Häuserreihn,Wo spiegelblanke FensterUnd pyramidisch beschnittene Linden,Wandeln seidenrauschende Jungfern,Schlanke Leibchen, die VlumengesichterSittsam umschlossen von schwarzen MützchenUnd hervorquellendem Goldhaar,

Bunte Gesellen, in spanischer Tracht,Stolzieren vorüber und nicken.

Bejahrte Frauen,

In braunen, vorschollnen Gewändern,Gesaugbuch und Rosenkranz in der Hand,Eilen trippelnden Schritts,

Nach dem großen Dome,

Getrieben von GlockengeläuteUnd rauschendem Orgelton.

Mich selbst ergreift des fernen KlangsGeheimnisvoller Schauer!

Unendliches Sehnen, tiefe WehmutBeschleicht mein Herz,

Mein kaum geheiltes Herz;

Mir ist, als würden seine WundenVon lieben Lippen aufgekllhtUnd thäten wieder bluten,

Heiße, rote Tropfen,

Die lang und laugsam niederfallenAuf ein altes Haus, dort untenIn der tiefen Meerstadt,

Auf ein altes, hochgegiebeltes Haus,Das melancholisch menschenleer ist,

Nur daß am untern FensterEin Mädchen sitzt,

Den Kopf auf den Arm gestützt,

Wie ein armes, vergessenes Kind

Und ich kenne dich, armes, vergessenes Kind!