Such der Lieder. Von Heinrich Keine. Leipzig und Wien. Bibliographisches Institut Die Anmerkungen sind der Ausgabe vr. Ernst Elsters entnommen. Vorrede zur dritten Auflage. Das ist der alte Märchenwald! Es duftet die Lindenblüte! Der wunderbare Mondenglanz Bezaubert mein Gemüte, Ich ging fürbaß, und wie ich ging, Erklang es in der Höhe. Das ist die Nachtigall, sie singt Von Lieb' und Liebeswehe, Sie singt von Lieb' und Liebesweh', Von Thränen und von Lachen, Sie jubelt so traurig, sie schluchzet so froh. Vergessene Träume erwachen. — Ich ging fürbaß, und wie ich ging, Da sah ich vor mir liegen Auf freiem Platz ein großes Schloß, Die Giebel hoch aufstiegen. Verschlossene Fenster, überall Ein Schweigen und ein Trauern; Es schien, als wohne der stille Tod In diesen öden Mauern. Dort vor dem Thor lag eine Sphinx, Ein Zwitter von Schrecken und Lüsten, Der Leib und die Tatzen wie ein Low', Ein Weib an Haupt und Brüsten. Ein schönes Weib! Der weiße Blick, Er sprach von wildem Begehren; Die stummen Lippen wölbten sich Und lächelten stilles Gewähren. Die Nachtigall, sie sang so süß, — Ich könnt' nicht widerstehen — Und als ich küßte das holde Gesicht, Da war's um mich geschehen. Lebendig ward das Marmorbild, Der Stein begann zu ächzen — Sie trank meiner Küsse lodernde Glut Mit Dürsten und mit Lechzen. 4 Vorrede zur dritten Auflage. Sie trank mir fast den Odem aus — Und endlich, wollustheischend, Umschlang sie mich, meinen armen Leib Mit den Löwentatzen zerfleischend. Entzückende Marter und wonniges Weh ! Der Schmerz wie die Lust unermeßlich! Derweilen des Mundes Kuß mich beglückt, Verwunden die Tatzen mich graßlich. Die Nachtigall sang: „O schöne Sphinx! O Liebs! was soll es bedeuten, Daß du vermischest mit Todesqual All deine Seligkeiten? „O schöne Sphinx! O löse mir Das Rätsel, das wunderbare! Ich Hab' darüber nachgedacht Schon manche tausend Jahre." — Das hätte ich alles sehr gut in guter Prosa sagen können . .. Wenn man aber die alten Gedichte wieder durchliest, um ihnen, behufs eines erneuerten Abdrucks, einige Nachfeile zu erteilen, dann überschleicht einen unversehens die klingelnde Gewohnheit des Reims und Silbenfalls, und siehe! es sind Verse, womit ich die dritte Auflage des „Buchs der Lieder" eröffne. O Phöbus Apollo! sind diese Verse schlecht, so wirst du mir gern verzeihn . . . Denn du bist ein allwissender Gott, und du weißt sehr gut, warum ich mich seit so vielen Jahren nicht mehr vorzugsweise mit Maß und Gleichklang der Wörter beschäftigen konnte ... Du weiht, warum die Flamme, die einst in brillanten Feuerwsrkspielen die Welt ergötzte, plötzlich zu weit ernsteren Bränden verwendet werden mußte ... Du weißt, warum sie jetzt in schweigender Glut mein Herz verzehrt ... Du verstehst mich, großer schöner Gott, der du ebenfalls die goldene Leier zuweilen vertauschtest mit dem starken Bogen und den tödlichen Pfeilen... Erinnerst du dich auch noch des Marspas, den du lebendig geschunden? Es ist schon lange her, und ein ähnliches Beispiel thät' wieder not. .. Du lächelst, o mein ewiger Vater! Geschrieben zu Paris, den 20. Februar 183g. Heinrich Heine. Junge Leiden. (1817—1821.) Traumbilder. Mir träumte einst von wildem Liebesglühn, Von hübschen Locken, Myrten und Rescde, Von süßen Lippen und von bittrer Rede, Von düstrer Lieder düstsrn Melodien. Verblichen und verweht sind längst die Träume, Verweht ist gar mein liebstes Traumgebild'! Geblieben ist mir nur, was glutenwild Ich einst gegossen Hab' in weiche Reime. Du bliebst, verwaistes Lied! Verweh jetzt auch, Und such das Traumbild, das mir längst entschwunden, Und grüß es mir, wenn du es aufgefunden — Dem luft'gen Schatten send' ich lust'gen Hauch. 2.' Ein Traum, gar seltsam schauerlich, Ergötzte und erschreckte mich. Noch schwebt mir vor manch grausig Bild, Und in dem Herzen wogt es wild. Das war ein Garten, wunderschön, Da wollt' ich lustig mich ergehn; Viel schöne Blumen sahn mich an. Ich hatte meine Freude dran. ! An Josefa, die Scharfrichterstochter, gerichtet. k Junge Leiden. Es zwitscherten die Vögelein Viel muntre Liebesmelodei'n; Die Sonne rot, von Gold umstrahlt, Die Blumen lustig bunt bemalt. Viel Balsamduft aus Kräutern rinnt. Die Lüfte wehen lieb und lind; Und alles schimmert, alles lacht, Und zeigt mir freundlich seine Pracht. Inmitten in dem Blumenland Ein klarer Marmorbrunnen stand; Da schaut' ich eine schöne Maid, Die emsig wusch ein weißes Kleid. Die Wänglein süß, die Äuglein mild, Ein blondgelocktes Heil'genbild; Und wie ich schau', die Maid ich fand So fremd und doch so wohlbekannt. Die schöne Maid, die sputet sich, Sie summt ein Lied gar wunderlich: „Rinne, rinne Wässerlein, Wasche mir das Linnen rein!" Ich ging und nahete mich ihr, Und flüsterte: O sage mir, Du wunderschöne, süße Maid, Für wen ist dieses weiße Kleid? Da sprach sie schnell: Sei bald bereit, Ich wasche dir dein Totenkleid! Und als sie dies gesprochen kaum. Zerfloß das ganze Bild, wie Schaum. — Und fortgezaubert stand ich bald In einem düstern, wilden Wald. Die Bäume ragten himmelan; Ich stand erstaunt und sann und sann. Und horch! welch dumpfer Widerhall! Wie ferner Äxtenschläge Schall; Ich eil' durch Busch und Wildnis fort. Und komm' an einen freien Ort. Traumbilder. Inmitten in dem grünen Raum, Da stand ein großer Eichenbaum; Und sieh! mein Mägdlein wundersam Haut mit dem Beil den Eichenstamm. Und Schlag aus Schlag, und sonder Weil' Summt sie ein Lied und schwingt das Beil: „Eisen blink, Eisen blank, Zimmre hurtig Eichenschrank!" Ich ging und nahete mich ihr. Und flüsterte: O sage mir, Du wundersüßes Mägdelein, Wem zimmerst du den Eichenschrein? Da sprach sie schnell: Die Zeit ist karg, Ich zimmre deinen Totensarg! Und als sie dies gesprochen kaum. Zerfloß das ganze Bild, wie Schaum. — Es lag so bleich, es lag so weit Ringsum nur kahle, kahle Heid'; Ich wußte nicht, wie mir geschah, Und heimlich schaudernd stand ich da. Und nun ich eben sürder schweif'. Gewahr' ich einen weißen Streif; Ich eilt' drauf zu, und eilt' und stand. Und sieh! die schöne Maid ich fand. Auf weiter Heid' stand weiße Maid, Grub tief die Erd' mit Grabescheit. Kaum wagt' ich noch sie anzuschaun, Sie war so schön und doch ein Grau 'n. Die schöne Maid, die sputet sich, Sie summt ein Lied gar wunderlich: „Spaten, Spaten, scharf und breit, Schaufle Grube tief und weit!" Ich ging und nahete mich ihr, Und flüsterte: O sage mir. Du wunderschöne, süße Maid, Was diese Grube hier bedeui't? 3 Junge Leiden. Da sprach sie schnell: Sei still, ich hall' Geschaufelt dir ein kühles Grab. Und als so sprach die schöne Maid, Da öffnet sich die Grube weit; Und als ich in die Grube schaut', Ein kalter Schauer mich durchgraut; Und in die dunkle Grabesnacht Stürzt' ich hinein — und bin erwacht. 3.' Im nächt'gen Traum Hab' ich mich selbst geschaut. In schwarzem Galafrack und seidner Weste, Manschetten an der Hand, als ging's zum Feste, Und vor mir stand mein Liebchen, süß und traut. Ich beugte mich und sagte: „Sind Sie Braut? Ei! Ei! so gratulier' ich, meine Beste!" Doch fast die Kehle mir zusammenpreßte Der langgezogne, vornehm kalte Laut. Und bittre Thränen plötzlich sich ergossen Aus Liebchens Augen, und in Thränenwogen Ist mir das holde Bildnis fast zerflossen. O süße Augen, fromme Liebsssterne, Obschon ihr mir im Wachen oft gelogen. Und auch im Traum, glaub' ich euch dennoch gerne! 4. Im Traum sah ich ein Männchen klein und putzig. Das ging auf Stelzen, Schritte ellenwsit, Trug weiße Wäsche und ein feines Kleid, Inwendig aber war es grob und schmutzig. Inwendig war es jämmerlich, nichtsnutzig. Jedoch von außen voller Würdigkeit; ' Auf Heines Verhältnis zu Amalie Heine bezüglich, die seit dem IS. August l8S1 vermählt war. Traumbilder. Von der Kourage sprach es lang und breit, Und that sogar recht trutzig und recht stutzig. „Und weißt du, wer das ist? Komm her und schau So sprach der Traumgott, und er zeigt' mir schlau Die Bilderflut in eines Spiegels Nahmen. Vor einein Altar stand das Männchen da, Mein Lieb daneben, beide sprachen: „Ja!" Und tausend Teufel riefen lachend: „Amen!" S. Was treibt und tobt mein tolles Blut? Was flammt mein Herz in wilder Glut? Es kocht mein Blut und schäumt und gärt. Und grimme Glut niein Herz verzehrt. Das Blut ist toll, und gärt und schäumt. Weil ich den bösen Traum geträumt; Es kam der finstre Sohn der Nacht, Und hat mich keuchend fortgebracht. Er bracht' mich in ein Helles HauS, Wo Harfenklang und Sans und Braus, Und Fackelglanz und Kerzenschein; Ich kam zum Saal, ich trat hinein. Das war ein lustig Hochzeitfest; Zur Tafel saßen froh die Gäst'. Und wie ich nach dem Brautpaar schaut', — O weh! mein Liebchen war die Braut. Das war mein Liebchen wunnesam, Ein fremder Mann war Bräutigam; Dicht hinterin Ehrenstuhl der Braut, Da blieb ich stehn, gab keinen Laut. Es rauscht Musik, — gar still stand ich; Der Freudenlärm betrübte mich. Die Braut, sie blickt so hochbeglückt, Der Bräut'gam ihre Hände drückt. 10 Junge Leiden. Der Bräut'gam füllt de» Becher sein Und trinkt daraus, und reicht gar fein Der Braut ihn hin; sie lächelt Dank, — O weh! mein rotes Blut sie trank. Die Braut ein hübsches Äpflein nahm. Und reicht es hin dem Bräutigam. Der nahm sein Messer, schnitt hinein, — O weh! Das war das Herze mein. Sie äugeln süß, sie äugeln lang', Der Bräut'gam kühn die Braut umschlang, Und küßt sie auf die Wangen rot, — O weh! mich küßt der kalte Tod. Wie Blei lag meine Zung' im Mund, Daß ich kein Wörtlein sprechen kunnt'. Da rauscht' es auf, der Tanz begann; Das schmucke Brautpaar tanzt voran. Und wie ich stand so leichenstumm. Die Tänzer schweben flink herum; — Ein leises Wort der Bräut'gam spricht, Die Braut wird rot, doch zürnt sie nicht. 6.' Im süßen Traum, bei stiller Nacht, Da kam zu mir mit Zaubermacht, Mit Zauberinacht, die Liebste mein, Sie kam zu mir ins Kämmerlein. Ich schau' sie an, das holde Bild! Ich schau' sie an, sie lächelt mild, Und lächelt, bis das Herz mir schwoll. Und stürmisch kühn das Wort entquoll: „Nimm hin, nimm alles, was ich Hab', Mein Liebstes tret' ich gern dir ab, 2 Auf die Scharfrichterstochter Josefa bezüglich; der Verlust der Seligkeit wird durch die Liebe zu der Tochter eines „verrufenen, unehrlichen" Scharfrichters erklärlich. Traumbilder. Dürft' ich dafür dein Buhle sein, Von Mitternacht bis Hahnenschrei»". Da staunt' mich an gar seltsamlich, So lieb, so weh und inniglich, Und sprach zu mir die schöne Maid: O, gib mir deine Seligkeit! „Mein Leben süß, mein junges Blut, Gab' ich mit Freud' und wohlgemut Für dich, o Mädchen, engelgleich, — Doch nimmermehr das Himmelreich." Wohl braust hervor mein rasches Wort, Doch blühet schöner immerfort. Und immer spricht die schöne Maid: O, gib mir deine Seligkeit! Dumpf dröhnt dies Wort mir ins Gehör, Und schleudert mir ein Glutenmeer Wohl in der Seele tiefsten Raum; Ich atme schwer, ich atme kaum. — Das waren weiße Engelein, Umglänzt von goldnem Glorienschein; Nun aber stürmte wild herauf Ein gräulich schwarzer Koboldhauf'. Die rangen mit den Engelein, Und drängten fort die Engelein; Und endlich auch die schwarze Schar In Nebelduft zerronnen war. — Ich aber wollt' in Lust vergehn, Ich hielt im Arm mein Liebchen schön; Sie schmiegt sich an mich wie ein Reh, Doch weint sie auch mit bitterm Weh. Feins Liebchen weint; ich weiß warum, Und küss' ihr Rosemnündlein stumm — „O still', feins Lieb, die Thränenflut, Ergib dich meiner Liebssglut! „Ergib dich meiner Liebesglut —" Da plötzlich starrt zu Eis mein Vlut; 12 Junge Leiden. Laut bebet auf der Erde Grund, Und öffnet gähnend sich ein Schlund. Und aus dem schwarzen Schlünde steigt Die schwarze Schar; — feins Lieb erbleicht! Aus meinen Armen schwand feins Lieb; Ich ganz alleine stehen blieb. Da tanzt im Kreise wunderbar Um mich herum die ganze Schar, Und drängt heran, erfaßt mich bald, Und gellend Hohngelächter schallt. Und immer enger wird der Kreis, Und immer summt die Schauerweis': Du gäbest hin die Seligkeit, Gehörst uns nun in Ewigkeit! 7/ Nun hast du das Kaufgeld, nun zögerst du doch? Vlutfinstrer Gesell, was zögerst du noch? Schon sitze ich harrend im Kümmerlein traut. Und Mitternacht naht schon, — es fehlt nur die Braut. Viel schauernde Lüftchen vom Kirchhofs wehn; — Ihr Lüftchen! habt ihr mein Bräutchen gesehn? Viel blasse Larven gestalten sich da, Umknixen mich grinsend und nicken: O ja! Pack aus, was bringst du für Botschafterei, Du schwarzer Schlingel in Feuerlivrei? „Die gnädige Herrschaft meldet sich an, Gleich kommt sie gefahren im Drachengespann/' Du lieb grau Männchen, was ist dein Begehr? Mein toter Magister, was treibt dich her? Er schaut mich mit schweigend trübseligem Blick, Und schüttelt das Haupt und wandelt zurück. Was winselt und wedelt der zott'ge Gesell? Was glimmert Schwarz-Katers Auge so hell? > In deutlichem Zusammenhang mit Nrg. und sicherlich aus Josefa bezilglich. Traumbilder. Was heulen die Weiber mit fliegendem Haar? Was lullt mir Frau Amme mein Wiegenlied gar? Frau Amme, bleib heut' mit dein Singsang zu Haus, Das Eiapopeia ist lange schon aus; Ich feire ja heute mein Hochzsitfest, — Da schau mal, dort kommen schon zierliche Gast'. Da schau mal! Ihr Herren, das nenn' ich galant! Ihr tragt, statt der Hüte, die Köpf' in der Hand! Ihr Zappelbein-Leutchen im Galgeuornat, Der Wind ist still, was kommt ihr so spat? Da kommt auch alt Besenstielmütterchen schon, Ach, segne mich, Mütterchen, bin ja dein Sohn. Da zittert der Mund im weißen Gesicht: „In Ewigkeit, Amen!" das Mütterchen spricht. Zwölf winddürrs Musiker schlendern herein; Blind Fiedelweib holpert wohl hinterdrein. Da schleppt der Hanswurst, in buntscheckiger Jack', Den Totengräber huckepack. Es tanzen zwölf Klosterjungfrauen herein; Die schielende Kupplerin führet den Reihn. Es folgen zwölf lüsterne Pfäffelsin schon, Und pfeifen ein Schandlied im Kirchenton. Herr Trödler, o schrei dir nicht blau das Gesicht, Im Fegfeuer nützt mir dein Pelzröckel nicht; Dort heizet man gratis jahraus jahrein, Statt mit Holz, mit Fürsten- und Bettlergebein. Die Blumenmädchen sind bucklicht und krumm, Und purzeln kopfüber im Zimmer herum. Ihr Eulengesichter mit Heuschreckenbein, Hei! laßt mir das Rippengeklapper nur sein! Die sämtliche Holl' ist los fürwahr. Und lärmet und schwärmet in wachsender Schar; Sogar der Verdammnis-Walzer erschallt, — Still, still! nun kommt mein feins Liebchen auch bald. Gesindel, sei still, oder trolle dich fort! Ich höre kaum selber mein leibliches Wort. — 14 Junge Leiden. Ei, rasselt nicht eben ein Wagen vor? Frau Köchin! wo bist du? schnell öffne das Thor! Willkommen, feins Liebchen, wie geht's dir, mein Schatz Willkommen, Herr Pastor, ach, nehmen Sie Platz! Herr Pastor mit Pferdefuß und Schwanz, Ich bin Eu'r Ehrwürden Diensteigener ganz! Lieb Vräutchen, was stehst du so stumm und bleich? Der Herr Pastor schreitet zur Trauung sogleich; Wohl zahl' ich ihm teure, blutteure Gebühr, Doch, dich zu besitzen, gilt's Kinderspiel mir. Knie nieder, süß Brautchen, knie hin mir zur Seit'! — Da kniet sie, da sinkt sie, — o selige Freud'! Sie sinkt mir ans Herz, an die schwellende Brust, Ich halt' sie umschlungen mit schauernder Lust. Die Goldlockenwellen umspielen uns beid': An mein Herze pocht das Herze der Maid. Sie pochen wohl beide vor Lust und vor Weh, Und schweben hinauf in die Himmelshöh'. Die Herzlein schwimmen im Freudensee, Dort oben in Gottes heil'ger Höh'; Doch auf den Häuptern, wie Grausen und Brand, Da hat die Hölle gelegt die Hand. Das ist der finstre Sohn der Nacht, Der hier den segnenven Priester macht; Er murmelt die Formel aus blutigem Buch, Sein Beten ist Lästern, sein Segnen ist Fluch. Und es krächzet und zischet und heulet toll, Wie Wogengebrause, wie Donnergeroll; — Da blitzet auf einmal ein bläuliches Licht, — „In Ewigkeit, Amen!" das Mütterchen spricht. 8/ Ich kam von meiner Herrin Haus, Und wandelt' in Wahnsinn und Mitternachtgraus. > Nach Heines Äußerung ISIS entstanden; aus Josefa bezüglich. Traumbilder. Und wie ich am Kirchhof vorübergehn will, Da winken die Gräber ernst und still. Da winkt's von des Spielmanns Leichenstein, Das war der flimmernde Mondesschein. Da lispelt's: Lieb Bruder, ich komme gleich! Da steigt's aus dem Grabe nebelbleich. Der Spielmann war's, der entstiegen jetzt. Der hoch auf den Leichenstein sich setzt. In die Saiten der Zither greift er schnell, Und singt dabei recht hohl und grell: Ei! kennt ihr noch das alte Lied, Das einst so wild die Brust durchglüht, Ihr Saiten, dumpf und trübe? Die Engel, die nennen es Himmelssreud'. Die Teufel, die nennen es Höllenleid, Die Menschen, die nennen es — Liebe! Kaum tönte deS letzten Wortes Schall, Da thaten sich auf die Gräber all'; Viel Luftgestalten dringen hervor, Umschweben den Spielmann und schrillen im Chor: Li. be! Liebe! deine Macht Hat uns hier zu Bett gebracht, Und die Augen zugemacht, Ei, was rufst du in der Nacht? So heult es verworren, und ächzet und girrt. Und brauset und sauset, und krächzet und klirrt; Und der tolle Schwärm den Spielmann umschweisl, Und der Spielmann wild in die Saiten greift: Bravo! Bravo! immer toll! Seid willkommen! Habt vernommen. Daß mein Zauberwort erscholl! Liegt man doch jahraus jahrein. Mäuschenstill im Kämmerlein; Laßt uns heute lustig sein! Mit Vergunst, — Junge Leiden. Seht erst zu, sind wir allein? — Narren waren wir im Leben, Und mit toller Wut ergeben Einer tollen Liebesbrunst. Kurzweil kann uns heut' nicht fehlen, Jeder soll hier treu erzählen. Was ihn weiland hergebracht. Wie gehetzt, Wie zerfetzt Ihn die tolle Liebejagd. Da hüpft aus dem Kreise, so leicht wie der Wind, Ein mageres Wesen, das summend beginnt: Ich war ein Schneidergeselle Mit Nadel und mit Scher'; Ich war so flink und schnelle Mit Nadel und mit Scher'; Da kam die Meisterstochter Mit Nadel und mit Scher'; Und hat mir ins Herz gestochen Mit Nadel und mit Scher'. Da lachten die Geister im lustigen Chor; Ein Zweiter trat still und ernst hervor: Den Rinaldo Ninaldini, Schinderhanno, Orlandini, Und besonders Carlo Moor Nahm ich mir als Muster vor. Auch verliebt — mit Ehr' zu melden — Hab' ich mich wie jene Helden, Und das schönste Frauenbild Spukte mir im Kopfe wild. Und ich seufzte auch und girrte; Und wenn Liebe mich verwirrte, Steckt' ich meine Finger rasch In des reichen Nachbars Tasch'. Doch der Gassenvogt nur grollte, Daß ich Sehnsuchtsthränen wollte Traumbilder. 17 Trocknen mit dem Taschentuch, Das mein Nachbar bei sich trug. Und nach frommer Häschersitte Nahm man still mich in die Mitte, Und das Zuchthaus, heilig groß, Schloß mir auf den Mutterschoß. Schwelgend süß in Liebessinnen, Saß ich dort beim Wollespinnen, Bis Rinaldos Schatten kam Und die Seele mit sich nahm. Da lachten die Geister im lustigen Chor; Geschminkt und geputzt trat ein Dritter hervor: Ich war ein Konig der Bretter, Und spielte das Liebhaberfach, Ich brüllte manch wildes: Ihr Götter! Ich seufzte manch zärtliches: Ach! Den Mortimer spielt' ich am besten, Maria war immer so schön! Doch trotz der natürlichen Gesten, Sie wollte mich nimmer verstehn. — Einst, als ich verzweifelnd am Ende: „Maria, du Heilige!" rief, Da nahm ich den Dolch behende — Und stach mich ein bißchen zu tief. Da lachten die Geister im lustigen Chor; Im weißen Flausch trat ein Vierter hervor: Vom Katheder schwatzte herab der Professor. Er schwatzte, und ich schlief gut dabei ein; Doch hätt' mir's behagt viel tausendmal besser Bei seinem holdseligen Töchterlein. Sie hat mir oft zärtlich am Fenster genicket, Die Blume der Blumen, mein Lebenslicht! Doch die Blume der Blumen ward endlich gepflücket Vom dürren Philister, dem reichen Wicht. Da flucht' ich den Weibern und reichen Halunken, Und mischte mir Teufelskraut in den Wein, Heine. B»Ä der Lieder. 2 Ig Junge Leiden. Und Hab' mit dem Tode Schmollis getrunken, Der sprach: Fiduzit, ich heiße Freund Hein! Da lachten die Geister im lustigen Chor; Einen Strick um den Hals, trat ein Fünfter hervor: Es prunkte und prahlte der Graf beim Wein Mit dem Töchterchen sein und dein Edelgestein. Was schert mich, du Gräflein, dein Edelgestein? Mir mundet weit besser dein Töchterlein. Sie lagen wohl bsid' unter Riegel und Schloß, Und der Graf besold'te viel Dienertroß. Was scheren mich Diener und Niegel und Schloß? — Ich stieg getrost auf die Leiterspross'. An Liebchens Fensterlein klettr' ich getrost. Da hör' ich es unten fluchen erbost: „Fein sachte, mein Bübchen, muß auch dabei sein, Ich liebe ja auch das Edelgestein". So spöttelt der Graf und erfaßt mich gar, Und jauchzend umringt mich die Dienerschar. „Zum Teufel, Gesindel! ich bin ja kein Dieb; Ich wollte nur stehlen mein trautes Lieb!" Da half kein Gereds, da half kein Rat, Da machte man hurtig die Stricke parat; Wie die Sonne kam, da wundert' sie sich, Am hellen Galgen fand sie mich. Da lachten die Geister im lustigen Chor; Den Kopf in der Hand, trat ein Sechster hervor: Zum Weidwerk trieb mich Liebesharm; Ich schlich umher, die Büchs' im Arm. Da schnarret's hohl vom Baum herab, Der Rabe rief: Kopf — ab! Kopf — ab. O, spürt' ich doch ein Täubchen aus. Ich brächt' es meinem Lieb nach Haus! So dacht' ich, und in Busch und Strauch Späht ringsumher mein Jägeraug'. Was koset dort? was schnäbelt fein? Zwei Turteltttubchen mögen's sein. Traumbilder. Ich schleich' herbei, — den Hahn gespannt, Sieh da! mein eignes Lieb ich fand. Das war mein Täubchen, meine Braut, Ein fremder Mann umarmt sie traut, — Nun, alter Schütze, treffe gut! Da lag der fremde Maun un Blut. Bald drauf ein Zug mit Henkersfron — Ich selbst dabei als Hauptperson — Den Wald durchzog. Bom Baum herab Der Rabe rief: Kopf — ab! Kopf — ab! Da lachten die Geister im lustigen Chor; Da trat der Spielmann selber hervor: Ich Hab' mal ein Liedchen gesungen, Das schöne Lied ist aus; Wenn das Herz im Leibe zersprungen, Dann gehen die Lieder nach Haus! Und das tolle Gelächter sich doppelt erhebt. Und die bleiche Schar im Kreise schwebt. Da scholl vom Kirchturm „Eins" herab, Da stürzten die Geister sich heulend ins Grab. 9.! Ich lag und schlief, und schlief recht mild, Verscheucht war Gram und Leid; Da kam zu mir ein Traumgebild, Die allerschönste Maid. Sie war wie Marmelstein so bleich. Und heimlich wunderbar; Im Auge schwamm es perlsngleich, Gar seltsam wallt' ihr Haar. Und leise, leise sich bewegt Die marmorblasse Maid, Und an mein Herz sich niederlegt Die marmorblasse Maid. > Wohl mit Nr. 2, lZ, 7, 8 zusammenzustellen. Junge Leiden. Wie bebt und pocht vor Weh und Lust Mein Herz und brennet heiß! Nicht bebt, nicht pocht der Schönen Brust, Die ist so kalt wie Eis. „Nicht bebt, nicht pocht wohl meine Brust, Die ist wie Eis so kalt; Doch kenn' auch ich der Liebe Lust, Der Liebe Allgewalt. „Mir blüht kein Rot auf Mund und Wang', Mein Herz durchströmt kein Blut; Doch sträube dich nicht schaudernd bang, Ich bin dir hold und gut." Und wilder noch umschlang sie mich, Und that mir fast ein Leid; Da kräht der Hahn — und stumm entwich Die marmorblasse Maid. 10. Da Hab' ich viel blasse Leichen Beschworen mit Wortesmacht; Die wollen nun nicht mehr weichen Zurück in die alte Nacht. Das zähmende Sprüchlein vom Meister Vergaß ich vor Schauer und Graus; Nun zieh» die eignen Geister Mich selber ins neblichte Haus. Laßt ab, ihr finstern Dämonen! Laßt ab, und drängt mich nicht! Noch manche Freude mag wohnen Hier oben im Rosenlicht. Ich mnß ja immer streben Nach der Blume wunderhold; Was bedeutet' mein ganzes Leben, Wenn ich sie nicht lieben sollt'? Ich möcht' sie nur einmal umfangen Und pressen ans glühende Herz! Lieder. Nur einmal auf Lippen und Wangen Küssen den seligsten Schmerz! Nur einmal aus ihren? Munde Möcht' ich hören ein liebendes Wort, — Alsdann wollt' ich folgen zur Stunde Euch, Geister, zum finsteren Ort. Die Geister haben's vernommen, Und nicken schauerlich. Feins Liebchen, nun bin ich gekommen! — Feins Liebchen, liebst du mich? Lieder. i. Morgens steh' ich auf und frage: Kommt feins Liebchen heut' ? Abends fink' ich hin und klage: Ausblieb sie auch heut'. In der Nacht mit meinem Kummer Lieg' ich schlaflos, wach; Träumend, wie im halben Schlummer, Wandle ich bei Tag. Es treibt mich hin, es treibt mich her! Noch wenige Stunden, dann soll ich sie schauen, Sie selber, die schönste der schönen Jungfrauen; Du treues Herz, was pochst du so schwer! Die Stunden sind aber ein faules Volk! Schleppen sich behaglich träge, Schleichen gähnend ihre Wege; — Tummle dich, du faules Volk! s? Jmige Leidcn. Tobende Eile mich treibend erfaßt! Aber wohl niemals liebten die Hören; — Heimlich im grausamen Bunde verschworen Spotten sie tückisch der Liebenden Hast. 3. Ich wandelte unter den Bäumen Mit meinem Gram allein; Da kam das alte Träumen, Und schlich mir ins Herz hinein. Wer hat euch dies Wörtlein gelehret, Ihr Vöglein in luftiger Höh'? Schweigt still! wenn mein Herz es höret, Dann thut es noch einmal so weh. „Es kam ein Jungfräu lein gegangen, Die sang es immerfort, Da haben wir Vögleiu gefangen Das hübsche, goldene Wort." Das sollt ihr mir nicht mehr erzählen, Ihr Vöglein wunderschlau; Ihr wollt meinen Kummer mir stehlen, Ich aber niemanden: trau'. 4. Lieb Liebchen, leg's Händchen aufs Herze mein; Ach, hörst du, wie's pochet im Kämmerlein? Da hauset ein Zimmermann schlimm und arg, Der zimmert mir einen Totensarg. Es hämmert und klopfet bei Tag und bei Nacht. Es hat mich schon längst um den Schlaf gebracht. Ach, sputet euch, Meister Zimmermann, Damit ich balde schlafen kann! Lieder. LZ 3.' ' Schöne Wiege meiner Leiden, Schönes Grabmal meiner Ruh', Schöne Stadt, wir müssen scheiden, — Lebe wohl! ruf' ich dir zu. Lebe wohl, du heil'ge Schwelle, Wo da wandelt Liebchen traut; Lebe wohl, du heil'ge Stelle, Wo ich sie zuerst geschaut. Hätt' ich dich doch nie gesehen, Schöne Herzenskönigin! Nimmer war' es dann geschehen, Daß ich jetzt so elend bin. Nie wollt' ich dein Herze rühren, Liebe Hab' ich nie erfleht; Nur ein stilles Leben führen Wollt' ich, wo dein Odem weht. Doch du drängst mich selbst von hinnen, Bittre Worte spricht dein Mund; Wahnsinn wühlt in meinen Sinnen, Und mein Herz ist krank und wund. Und die Glieder matt und trage Schlepp' ich fort am Wanderstab, Bis mein müdes Haupt ich lege Ferne in ein kühles Grab. 6. Warte, warte, wilder Schisfsmann, Gleich folg' ich zum Hafen dir; Von zwei Jungfraun nehm' ich Abschied, Von Europa und von ihr. Blutquell, rinn aus meinen Augen, Blutquell, brich aus meinem Leib, > Heine kehrte nach der Liquidation seines Geschäftes im Sommer ISIS von Hamburg nach Düsseldorf zurück, um sich siir die Unin-rsitatsstudi-n vorzubereiten. Junge Leiden. Daß ich mit dein heißen Blute Meine Schmerzen niederschreib'. Ei, mein Lieb, warum just heute Schauderst du, mein Blut zn sehn? Sahst mich bleich und herzeblutend Lange Jahre vor dir stehn! Kennst du noch das alte Liedchen Von der Schlang' im Paradies, Die durch schlimme Apfelgabe Unfern Ahn ins Elend stieß? Alles Unheil brachten Äpfel! Eva bracht' damit den Tod, Eris brachte Trojas Flammen, Du brachtst beides. Flamm' und Tod. Berg' und Burgen schaun herunter In den spiegelhellen Rhein, Und mein Schiffchen segelt munter, Rings umglänzt von Sonnenschein. Ruhig seh' ich zu dem Spiele Goldner Wellen, kraus bewegt', Still erwachen die Gefühle, Die ich tief im Busen hegt'. Freundlich grüßend und verheißend Lockt hinab des Stromes Pracht; Doch ich kenn' ihn, oben gleißend. Birgt sein Innres Tod und Nacht. Oben Lust, im Busen Tücken, Strom, du bist der Liebsten Bild! Die kann auch so freundlich nicken, Lächelt auch so fromm und mild. Lieder. 8. Anfangs wollt' ich fast verzagen. Und ich glaubt', ich trüg' es nie; Und ich Hab' es doch getragen, — Aber fragt mich nur nicht: wie? 9. Mit Rosen, Cppressen und Flittergold Mächt' ich verzieren lieblich und hold Dies Buch wie einen Totenschrein, Und sargen meine Lieder hinein. O, könnt' ich die Liebe sargen hinzu! Am Grabe der Liebe wächst Blümlein der Ruh', Da blüht es hervor, da pflückt man es ab, — Doch mir blüht's nur, wenn ich selber im Grab. Hier sind nun die Lieder, die einst so wild, Wie ein Lavastrom, der dem Ätna entquillt, Hervorgestürzt aus dem tiefsten Gemüt, Und rings viel blitzende Funken versprüht! Nun liegen sie stumm und Toten gleich, Nun starren sie kalt und nebelbleich. Doch aufs neu' die alte Glut sie belebt, Wenn der Liebe Geist einst über sie schwebt. Und es wird im Herzen viel Ahnung laut: Der Liebe Geist einst über sie taut; Einst kommt dies Buch in deine Hand, Du süßes Lieb im fernen Land. Dann löst sich des Liedes Zauberbann, Die blassen Buchstaben schaun dich an, Sie schauen dir flehend ins schöne Aug' Und flüstern mit Wehmut und Liebeshauch. Junge Leiden. Romanze n. i. Ber Traurige. Allen thut es weh im Herzen, Die den bleichen Knaben sehn, Dem die Leiden, dem die Schmerzen Aufs Gesicht geschrieben stehn. Mitleidvolle Lüfte fächeln Kühlung seiner heißen Stirn; Labung möcht' ins Herz ihm lächeln Manche sonst so spröde Dirn'. Aus dem wilden Lärm der Städter Flüchtet er sich nach dem Wald. Lustig rauschen dort die Blätter, Lust'ger Vogelsang erschallt. Doch der Sang verstummet balde, Traurig rauschet Baum und Blatt, Wenn der Traurige dem Walde Langsam sich genähert hat. 2. Berg stimme. Ein Reiter durch das Bergthal zieht, Im traurig stillen Trab: Ach! zieh' ich jetzt wohl in Liebchens Arm, Oder zieh' ich ins dunkle Grab? Die Bergstimm' Antwort gab: Ins dunkle Grab! Und weiter reitst der Reitersmann, Und seufzet schwer dazu: So zieh' ich denn hin ins Grab so früh, — Wohlan, im Grab ist Ruh'! Romanzen. Die Stimme sprach dazu: Im Grab ist Nuh'! Dem Neitersmann eine Thräne rollt Von der Wange kummervoll: Und ist nur im Grabe die Ruhe für mich. So ist mir im Grabe wohl. Die Stimm' erwidert hohl: Im Grabe wohl! 3. Zwei Brüder. Oben auf der Bergesspitze Liegt das Schloß in Nacht gehüllt; Doch im Thale leuchten Blitze, Helle Schwerter klirren wild. Das sind Brüder, die dort fechten Grimmen Zweikampf, wutentbrannt. Sprich, warum die Brüder rechten Mit dem Schwerte in der Hand? Gräfin Lauras Augenfunken Zündeten den Vrüderstreit. Beide glühen liebeStrunken Für die adlig holde Maid. Welchem aber von den beiden Wendet sich ihr Herze zu? Kein Ergrübelu kann's entscheiden, — Schwert heraus, entscheide du! Und sie fechten kühn verwegen, Hieb' auf Hiebe niederkracht's. Hütet euch, ihr wilden Degen, Böses Blendwerk schleicht des Nachts. Wehe! Wehe! blut'ge Brüder! Wehe! Wehe! blut'ges Thal! Beide Kämpfer stürzen nieder, Einer in des andern Stahl. — L8 Junge Leiden. Viel Jahrhunderte verwehen, Viel Geschlechter deckt das Grab; Traurig von des Berges Höhen Schaut das öde Schloß herab. Aber nachts, im Thalesgrunde, Wandelt's heimlich, wunderbar; Wenn da kommt die zwölfte Stunde, Kämpfet dort das Briiderpaar. 4. Der arme Peter. I. Der Haus und die Grete tanzen herum, Und jauchzen vor lauter Freude. Der Peter steht so still und stumm, Und ist so blaß wie Kreide. Der Haus und die Grete sind Bräut'gam und Braut, Und blitzen im Hochzeitgeschmeide. Der arme Peter die Nägel kaut Und steht im Werkeltagskleide. Der Peter spricht leise vor sich her, Und schaut betrübt auf beide: „Äch! wenn ich nicht gar zu vernünftig war', Ich UM' mir was zuleide". II. „In meiner Brust, da sitzt ein Weh, Das will die Brust zersprengen; Und wo ich steh' und wo ich geh'. Will's mich von hinnen drängen. „Es treibt mich nach der Liebsten Näh', Als köunt's die Grete heilen; Doch wenn ich der ins Auge seh', Muß ich von hinnen eilen. Romanzen. „Ich steig' hinauf des Berges Höh', Dort ist man doch alleine; Und wenn ich still dort oben steh', Dann steh' ich still und weine." III. Der arme Peter wankt vorbei, Gar langsam, leichenblaß und scheu. Es bleiben fast, wenn sie ihn sehn, Die Leute auf der Straße steh». Die Mädchen flüstern sich ins Ohr: „Der stieg wohl aus dem Grab hervor?" Ach nein, ihr lieben Jnngfräulein, Der legt sich erst ins Grab hinein. Er hat verloren seinen Schah, Drum ist das Grab der beste Platz, Wo er am besten liegen mag Und schlafen bis zum Jüngsten Tag. ö. Lied des Gefangenen. Als meine Großmutter die Liese behext, Da wollten die Leut' sie verbrennen. Schon hatte der Amtmann viel Tinte verklext, Doch wollte sie nicht bekennen. Und als man sie in de» Kessel schob, Da schrie sie Mord und Wehe; Und als sich der schwarze Qualin erhob. Da flog sie als Nab' in die Höhe. Mein schwarzes, gefiedertes Großmütterlein O komm mich im Turme besuchen! Komm, fliege geschwind durchs Gitter herein, Und bringe mir Käse und Kuchen. 30 Junge Leiden, Mein schwarzes, gefiedertes Großmütterlein! O möchtest du nur sorgen, Daß die Muhme nicht auspickt die Augen mein, Wenn ich lustig schwebe morgen. 6. Die Grenadiere. Nach Frankreich zogen zwei Grenadier', Die waren in Rußland gefangen. Und als sie kamen ins deutsche Quartier, Sie ließen die Köpfe hangen. Da hörten sie beide die traurige Mär'! Daß Frankreich verloren gegangen, Besiegt und zerschlagen das große Heer, — Und der Kaiser, der Kaiser gefangen. Da weinten zusammen die Grenadier' Wohl ob der kläglichen Kunde. Der eine sprachWie weh wird mir, Wie brennt meine alte Wunde! Der andre sprach! Das Lied ist aus, Auch ich möcht' mit dir sterben, Doch Hab' ich Weib und Kind zu Haus, Die ohne mich verderben. Was schert mich Weib, was schert mich Kind! Ich trage weit beßres Verlangen; Laß sie betteln gehn, wenn sie hungrig sind, — Mein Kaiser, mein Kaiser gefangen! Gewähr mir, Bruder, eine Bitt': Wenn ich jetzt sterben werde, So nimm meine Leiche nach Frankreich mit, Begrab mich in Frankreichs Erde. Das Ehrenkreuz am roten Band Sollst du aufs Herz mir legen; Die Flinte gib mir in die Hand, Und gürt mir um den Degen. !? Romanzen. gl So will ich liegen und horchen still, Wie eine Schildwach', im Grabe, Bis einst ich höre Kanonengebrüll Und wiehernder Rosse Getrabe. Dann reitet mein Kaiser wohl über mein Grab, Viel Schwerter klirren und blitzen; Dann steig' ich gewaffnet hervor aus dem Grab, — Den Kaiser, den Kaiser zu schützen! 7. ilie Botschaft. Mein Knecht! steh auf und sattle schnell, Und wirf dich auf dein Roß, Und jage rasch durch Wald und Feld Nach König Duncans Schloß. Dort schleiche in den Stall, und wart, Bis dich der Stallbub' schaut. Den forsch mir aus: „Sprich, welche ist Von Duncans Töchtern Braut?'' Und spricht der Bub': „Die Braune ist's", So bring mir schnell die Mar'. Doch spricht der Bub':„Die Blonde ist's", So eilt das nicht so sehr. Dann geh zum Meister Seiler hin, Und kauf mir einen Strick, Und reite langsam, sprich kein Wort, Und bring mir den zurück. 8. Sie Heimfülirmig. Ich geh' nicht allein, mein feines Lieb, Du mußt mit mir wandern Nach der lieben, alten, schaurigen Klause, In dem trüben, kalten, traurigen Hause, Junge Leiden. Wo meine Mutter am Eingang kau'rt, Und auf des Sohnes Heimkehr lau'rt. „Laß ab von mir, du finstrer Mann! Wer hat dich gerufen? Dein Odem glüht, deine Hand ist Eis. Dein Auge sprüht, deine Wang' ist weiß; — Ich aber will mich triftig freu'n An Nosenduft und Sonnenschein." Laß duften die Rosen, laß scheinen die Sonn', Mein süßes Liebchen! Wirf um den weiten weißwallenden Schleier, Und greif in die Saiten der schallenden Leier, Und singe ein Hochzeitlied dabei; Der Nachtwind pfeift die Melodei. 9. Jon Nomiro. „Donna Clara! Donna Clara! Heißgeliebte langer Jahre! Hast beschlossen mein Verderben, Und beschlossen ohn' Erbarmen. „Donna Clara! Donna Clara! Ist doch süß die Lebensgabe! Aber unten ist es grausig In dein dunkeln, kalten Grabe. „Donna Clara! Freu dich, morgen Wird Fernando am Altare Dich als Ehgemahl begrüßen, — Wirst du mich zur Hochzeit laden?" „Don Namiro! Don Ramiro! Deine Worte treffen bitter, Bittrer als der Spruch der Sterne, Die da spotten meines Willens. Romanzen. „Don Ramiro! Don Ramiro! Rüttle ab den dumpfen Trübsinn; Mädchen gibt es viel auf Erden, Aber uns hat Gott geschieden. „Don Namiro, der du mutig So viel Mohren überwunden, überwinde nun dich selber, — Komm auf meine Hochzeit morgen." „Donna Clara! Donna Clara! Ja, ich schwör' es, ja, ich komme! Will mit dir den Reihen tanzen; — Gute Nacht, ich komme morgen." „Gute Nacht!" — das Fenster klirrte. Seufzend stand Ramiro unten, Stand noch lange wie versteinert; Endlich schwand er fort im Dunkeln. — Endlich auch, nach langem Ringen, Muß die Nacht dem Tage weichen; Wie ein bunter Blumengarten Liegt Toledo ausgebreitet. Prachtgebäude und Paläste Schimmern hell im Glanz der Sonne; Und der Kirchen hohe Kuppeln Leuchten stattlich wie vergoldet. Sunimend, wie ein Schwärm von Bienen Klingt der Glocken Festgeläute, Lieblich steigen Betgesänge Aus den frommen Gotteshäusern. Aber Korten, siehe! siehe! Dorten aus der Marktkapelle, Im Gewimmel und Gewoge, Strömt des Volkes bunte Menge. Blanke Ritter, schmucke Frauen, Hofgesinde, festlich blinkend, Unddie hellen Glocken läuten, Und die Orgel rauscht dazwischen. Heine. Buch der Lieder. g Junge Leiden. Doch, mit Ehrfurcht ausgewichen. In des Volkes Mitte wandelt Das geschmückte junge Ehpaar, Donna Clara, Don Fernando. Bis an Bräutigams Palnstthor Wälzet sich das Polksgewühle; Dort deginnt die Hochzeitfeier, Prunkhaft und nach alter Sitte. Ritterspiel und frohe Tafel Wechseln unter lautem Jubel; Rauschend schnell entflieh» die Stunden, Bis die Nacht herabgesunken. Und zum Tanze sich versammeln In dem Saal die Hochzeitsgäste; In dem Glanz der Lichter funkeln Ihre bunten Prachtgewänder. Auf erhabne Stühle ließen Braut und Bräutigam sich nieder, Donna Clara, Don Fernando, Und sie tauschen süße Reden. Und im Saale wogen heiter Die geschmückten Menschenwellen, Und die lauten Pauken wirbeln, Und es schmettern die Drommeten. „Doch warum, o schöne Herrin, Sind gerichtet deine Blicke Dorthin nach der Saalesecke?" So verwundert sprach der Ritter. „Siehst du denn nicht, Don Fernando, Dort den Mann im schwarzen Mantel?" Und der Ritter lächelt freundlich: „Ach! das ist ja nur ein Schatten." Doch es nähert sich der Schatten, Und es war ein Mann in? Mantel; lind Namiro schnell erkennend. Grüßt ihn Clara, glutbefangen. Romanzen. Und der Tanz hat schon begonnen. Munter drehen sich die Tänzer In des Walzers wilden Kreisen, Und der Boden dröhnt und bebet. „Wahrlich gerne, Don Ramiro, Will ich dir zum Tanze folgen, Doch im nächtlich schwarzen Mantel Hättest du nicht kommen sollen." Mit durchbohrend stieren Augen Schaut Namiro auf die Holde, Sie umschlingend spricht er düster: „Sprachest ja, ich sollte kommen!" Und ins wirre Tanzgetümmel Drängen sich die beiden Tänzer; Und die lauten Pauken wirbeln, Und es schmettern die Drommeten. „Sind ja schneeweiß deine Wangen!" Flüstert Clara, heimlich zitternd. „Sprachest ja, ich sollte kommen!" Schallet dumpf Ramiros Stimme. Und im Saal die Kerzen blinzeln Durch das flutende Gedränge; Und die lauten Pauken wirbeln, Und es schmettern die Drommeten. „Sind ja eiskalt deine Hände!" Flüstert Clara, schauerzuckend. „Sprachest ja, ich sollte kommen!" Und sie treiben fort im Strudel. „Laß mich, laß mich! Don Ramiro! Leichendust ist ja dein Odem!" Wiederum die dunkeln Worte: „Sprachest ja, ich sollte kommen!" Und der Boden raucht und glühet. Lustig tönet Geig' und Bratsche; Wie ein tolles Zauberweben Schwindelt alles in dein Saals. Junge Leiden. „Laß mich, laß mich! Don Ramiro!" Wimmert's immer im Gemoge. Don Ramiro stets erwidert: „Sprachest ja, ich sollte kommen!" „Nun, so geh, in Gottes Namen!" Clara rief's mit fester Stimme, Und dies Wort war kaum gesprochen, Und verschwunden war Ramiro! Clara starret, Tod im Antlitz, Kaltumflirret, nachtumwoben; Ohnmacht hat das lichte Bildnis In ihr dunkles Reich gezogen. Endlich weicht der Nebelschlummer, Endlich schlägt sie auf die Wimper; Aber Staunen will aufs neue Ihre holden Augen schließen. Denn derweil der Tanz begonnen, War sie nicht vom Sitz gewichen, Und sie sitzt noch bei dem Bräut'gam, Und der Ritter sorgsam bittet: „Sprich, was bleichet deine Wangen? Warum wird dein Aug' so dunkel? —" „Und Ramiro? " stottert Clara, Und Entsetzen lähmt die Zunge. Doch mit tiefen, ernsten Falten Furcht sich jetzt des Bräut'gams Stirne: „Herrin, forsch nicht blut'ge Kunde, — Heute mittag starb Ramiro". 10. Beisitzer. Die Mitternacht zog näher schon; In stiller Ruh' lag Babylon. Nur oben in des Königs Schloß, Da flackert's, da lärmt des Königs Troß. Romanzen. Dort oben in dem Königssaal Belsazsr hielt sein Königsmahl. Die Knechte saßen in schimmernden Reihn, Und leerten die Becher mit funkelndem Wein. Es klirrten die Becher, es jauchzten die Knecht'; So klang es dem störrigen Könige recht. Des Königs Wangen leuchten Glut; Im Wein erwuchs ihm kecker Mut. Und blindlings reißt der Mut ihn fort; Und er lästert die Gottheit mit sündigem Wort. Und er brüstet sich frech, und lästert wild; Die Knechtenschar ihm Beifall brüllt. Der König rief mit stolzem Blick; Der Diner eilt und kehrt zurück. Er trug viel gülden Gerät auf dein Haupt; Das war aus dem Tempel Jehovahs geraubt. Und der König ergriff mit frevler Hand Einen heiligen Becher, gefüllt bis am Rand. Und er leert ihn hastig bis auf den Grund, Und rufet laut mit schäumendem Mund: „Jehovah! dir künd' ich auf ewig Hohn, — Ich bin der König von Babylon!" Doch kaum das grause Wort verklang, Dem König ward's heinilich im Busen bang. DaS gellende Lachen verstummte zumal; Es wurde leichenstill im Saal. Und sieh! und sieh! an weißer Wand, Da kam's hervor, wie Msnschenhand; Und schrieb, und schrieb an weißer Wand Buchstaben von Feuer, und schrieb und schwand. Der König stieren Blicks da saß, Mit schlotternden Knis'n und totenblaß. Die Knechtenschar saß kalt durchgraut, Und saß gar still, gab keinen Laut. JiMju Lcidm, Die Magier kamen. doch keiner verstand Zu deuten die Flammenschrift an der Wand. Belsazer ward aber in selbiger Nacht Von seinen Knechten umgebracht. 11. Die Minnesänger. Zu dem Wettgesange schreiten Minnesänger jetzt herbei; Ei, das gibt ein seltsam Streiten, Ein gar seltsames Turnei! Phantasie, die schäumend wilde, Ist des Minnesängers Pferd, Und die Kunst dient ihm zum Schilde, Und das Wort, das ist sein Schwert. Hübsche Damen schauen munter Vom beteppichten Balkon, Doch die rechte ist nicht drunter Mit der rechten Lorbeerkron'. Andre Leute, wenn sie springen In die Schranken, sind gesund ; Doch wir Minnesänger bringen Dort schon mit die Todeswund'. Und wem dort am besten dringet Liederblut aus Herzensgrund, Der ist Sieger, der erringet Bestes Lob aus schönstem Mund. 12. Die Fensterschau. Der bleiche Heinrich ging vorbei, Schön Hedwig lag am Fenster. Sie sprach halblaut: Gott steh' mir bei, Der unten schaut bleich wie Gespenster! Romanzen 39 Der unten erhob sein Aug' in die Höh', Hinschmachtend nach Hedewigs Fenster. Schön Hedwig ergriff es wie Liebesweh, Auch sie ward bleich wie Gespenster. Schön Hedwig stand nun mit Liebesharm Tagtäglich lauernd am Fenster. Bald aber lag sie in Heinrichs Arm, Allnächtlich zur Zeit der Gespenster. 13. Der wunde Urtier. Ich weiß eine alte Kunde, Die hallet dumpf und trüb': Ein Ritter liegt liebeswunde, Doch treulos ist sein Lieb. Als treulos muß er verachten Die eigne Herzliebste sein. Als schimpflich muß er betrachten Die eigne Liebespein. Er mächt' in die Schranken reiten Und rufen die Ritter zum Streit: Der mag sich zum Kampfs bereiten, Der mein Lieb eines Makels zeiht! Da würden wohl alle schweigen, Nur nicht sein eigener Schmerz; Da müßt' er die Lanze neigen Widers eigne klagende Herz. 14. Wasserfall rt. Ich stand gelehnet an den Mast, Und zählte jede Welle. Ade! mein schönes Vaterland! Mein Schiff, das segelt schnelle! 4l> Jim»' Lrldm. Ich kam schön Liebchens Hans vorbei, Die Fensterscheiben blinken; Ich guck' mir fast die Angen aus, Doch will mir niemand winken. Ihr Thränen, bleibt mir aus dem Aug', Daß ich nicht dunkel sehe. Mein krankes Herze, brich mir nicht Bor allzu großem Wehe. 15. Das Medchen von der Neue. Herr Ulrich reitet im grünen Wald, Die Blätter lustig rauschen. Er sieht sine holde Mndchengestalt Durch Baumeszweige lauschen. Der Junker spricht: Wohl kenne ich Dies blilbende, glühende Bildnis, Verlocken» stets umschwebt es mich In Volksgewühl und Wildnis. Zwei Röslein sind die Lippen dort, Die lieblichen, die frischen! Doch manches häßlich bittre Wort Schleicht tückisch oft dazwischen. Drum gleicht dies Mündlein gar genau Den hübschen Rosenbüschen, Wo gift'ae Schlangen wunderschlau Im dunkeln Laube zischen. Dort jenes Grübchen wunderlieb In wunderlieben Wangen, Das ist die Grube, worein mich trieb Wahnsinniges Verlangen. Dort seh' ich ein schönes Locksnhaar Vom schönsten Köpfchen hangen, Romanzen. DaS sind die Netze wunderbar, Womit mich der Böse gefangen. Und jeneS blaue Auge dort, So klar wie stille Welle, Das hielt ich für des Himmels Pfort', Doch war's die Pforte der Hölle. — Herr Ulrich reitet weiter im Wald, Die Blatter rauschen schaurig. Da sieht er fern eine zweite Gestalt, Die ist so bleich, so traurig. Der Junker spricht: O Mutter dort, Die mich so mütterlich liebte, Der ich mit bösem Thun und Wort Das Leben bitterlich trübte! O, könnt' ich dir trocknen die Augen naß. Mit der Glut von meinen Schmerzen! O, könnt' ich dir röten die Wangen blaß, Mit dem Blut ans meinem Herzen! Und weiter reitet Herr Illerich, Im Wald beginnt es zu düstern, Viel seltsame Stimmen regen sich, Die Abendwinde flüstern. Der Junker hört die Worte sein Gar vielfach widerklingen. Das thaten die lustigen Waldvöglein, Die zwitschern laut und singen. Herr Ulrich singt ein hübsches Lied, Das Liedchen von der Rene, Und hat er zu Ende gesungen das Lied, So singt er es wieder aufs neue. Jungk Lkidm, B' . 16. An eine Slingerin/ Als sik eine alte Nonianze sang Ich denke noch der Zaubervollen, Wie sie zuerst mein Auge sah! Wie ihre Töne lieblich klangen Und heimlich süß ins Herze drangen. Entrollten Thränen meinen Wangen, — Ich wußte nicht, wie mir geschah. Ein Traum war über mich gekommen: Mir war, als sei ich noch ein Kind, Und säße still beim Lämpchenscheine In Mutters frommein Kämmerleins, Und läse Märchen, wunderfeine, Derweilen draußen Nacht und Wind. Die Märchen fangen an zu leben, Die Ritter steigen aus der Gruft; Bei Ronzisual, da gibt's ein Streiten, Da kommt Herr Roland herzureiten. Viel kühne Degen ihn begleiten, Auch leider Ganelon, der Schuft. Durch den wird Roland schlimm gebettet, Er schwimmt in Blut, und atmet kaum; Kaum mochte fern sein Jogdhornzeichen Das Ohr des großen Karls erreichen, Da muß der Ritter schon erbleichen, — Und mit ihm stirbt zugleich mein Traum. Das war ein lautverworrnes Schallen, Das mich aus meinen Träumen rief. Verklungen war jetzt die Legende, Die Leute schlugen in die Hände Und riefen „Bravo!" ohne Ende; Die Sängerin verneigt sich tief. ' Das Gedicht war gerichtet an Karoline Stern, die jugendliche Primadonna der Düsseldorfer Oper. Sie verkehrte viel im Hause von Heines Altern. (Max Heines Erinnerungen, S. 26—29.) Romanzen. 17. Das Lied von den Dukaten. Meine güldenen Dukaten, Sagt, wo seid ihr hingeraten? Seid ihr bei den güldnen Fischlein, Die im Bache froh und munter Tauchen auf und tauchen unter? Seid ihr bei den güldnen Vlümlein, Die auf lieblich grüner Aue Funkeln hell im Morgentaue? Seid ihr bei den güldnen Vöglein, Die da schweifen glanzumwoben In den blauen Lüften oben? Seid ihr bei den güldnen Sternlein, Die im leuchtenden Gewimmel Lächeln jede Nacht am Himmel? Ach! ihr güldenen Dukaten Schwimmt nicht in des Baches Well', Funkelt nicht auf grüner Au', Schwebet nicht in Lüften blau, Lächelt nicht am .Himmel hell — Meine Manichäer, traun! Halten euch in ihren Klau'n. 13. Gespräch aus der Paderborner Heide. Hörst du nicht die fernen Töne, Wie von Brummbaß und von Geigen? Dorten tanzt wohl manche Schöne Den geflügelt leichten Neigen. „Ei, mein Freund, das nenn' ich irren, Von den Geigen hör' ich keine, Nur die Ferklein hör' ich quirren, Grunzen nur hör' ich die Schweine." 44 Junge Leiden. Hörst du nicht das Waldhorn blasen? Jäger sich des Weidwerks freuen, Frowine Lämmer seh' ich grasen, Schäfer spielen auf Schalmeien. „Ei, mein Freund, was du vernommen, Ist kein Waldhorn, noch Schalmeie; Nur den Sauhirt seh' ich kommen, Heimwärts treibt er seine Säue." Hörst du nicht das ferne Singen, Wie von süßen Wettgesängen? Englein schlagen mit den Schwingen Lauten Beifall solchen Klängen. „Ei, was dort so hübsch geklungen, Ist kein Wettgesang, mein Lieber ! Singend treiben Gäusejungen Ihre Günselein vorüber." ' Hörst du nicht die Glocken lauten. Wunderlieblich, wunderhelle? Fromme Kirchengänger schreiten Andachtsvoll zur Dorfkapelle. „Ei, mein Freund, das sind die Schellen Von den Ochsen, von den Kühen, Die nach ihren dunkeln Ställen Mit gesenktem Kopfe ziehen." Siehst du nicht den Schleier w.-hen? Siehst du nicht das leise Nicken? Dort seh' ich die Liebste stehen, Feuchte Wehmut in den Blicken. „Ei! mein Freund, dort seh' ich nicken Nur das Waldweib, nur die Liese; Blaß und hager an den Krücken Hinkt sie weiter nach der Wiese." Nun, mein Freund, so magst du lachen Uber des Phantasten Frage! Wirst du auch zur Täuschung machen, Was ich fest un Busen trage? Romanzen. 45 19. Le l> e n s g r u ji. EtammbuchblaU.i Eine große Landstraß' ist unsre Erd', Wir Menschen sind Passagiere; Man rennet und jaget, zu Fuß und zu Pferd, Wie Lauser oder Kuriere. Man fährt sich vorüber, man nicket, man grüßt Mit dem Taschentuch aus der Karosse; Man hätte sich gerne geherzt und geküßt, Doch jagen von hinnen die Rosse. Kaum trafen wir uns auf derselben Station, Herzliebster Prinz Alexander, Da bläst schon zur Abfahrt der Postillon, Und bläst uns schon auseinander. 20. Wahrhaftig. Wenn der Frühling kommt mit dem Sonnenschein, Dann knospen und blühen die Blümlein auf; Wenn der Mond beginnt seinen Strahlenlauf, Dann schwimmen die Sternlein hinterdrein; Wenn der Sänger zwei süße Äuglein steht, Dann quellen ihm Lieder aus tiefem Gemüt; — Doch Lieder und Sterne und Blümelein, Und Äuglein und Mondglanz und Sonnenschein, Wie sehr das Zeug auch gefällt, So macht's doch noch lang' keine Welt. i Gerichtet an den Prinzen Alexander von Wittgenstein, den Heine in Bonn 1819—1820 flüchtig kennen lernte. Junge Leiden. Sonette. An A. W. von Schlegel. Im Reifrockputz, mit Blumen reich verzieret, Schönpflästerchen nuf de» geschminkten Wringen, Mit Schnabelschuh'n, mit Stickerei'» behängen, Mit Turinfrisur, und wespengleich geschnüret: So war die Aftermuse ausstaffieret, Als sie einst kam, dich liebend zu umfangen; Du bist ihr aber aus dem Weg gegangen, Und irrtest fort, von dunklem Trieb geführet. Da fandest du ein Schloß in alter Wildnis, Und drinnen lag, wie'n holdes Marmorbildnis, Die schönste Maid in Zauberschlaf versunken. Doch wich der Zauber bald bei deinem Gruße, Aufwachte lächelnd Deutschlands echte Muse, Und sank in deine Arme liebestrunken. Au meine Mutter B. Heine, gebome von Geldern. I. Ich bin's gewohnt, den Kopf recht hoch zn tragen. Mein Sin» ist auch ein bißchen starr und zähe; Wenn selbst der König mir ins Antlitz sähe, Ich würde nicht die Augen niederschlagen. Doch, liebe Mutter, offen will ich's sagen: Wie mächtig auch mein stolzer Mut sich blähe, In deiner selig süßen, trauten Nähe Ergreift mich oft ein demutvolles Zagen. Ist es dein Geist, der heimlich mich bezwinget. Dein hoher Geist, der alles kühn durchdringet, Und blitzend sich zum Himmelslichte schwinget? Quält mich Erinnerung, daß ich verübet So manche That, die dir das Herz betrübet? Das schöne Herz, das mich so sehr geliebet! Sonette. 47 II. Im tollen Wahn hatt' ich dich einst verlassen, Ich wollte gehn die ganze Welt zu Ende, Und wollte sehn, ob ich die Liebe fände, Um liebevoll die Liebe zu umfassen. Die Liebe suchte ich auf allen Gassen, Vor jeder Thüre streckt' ich aus die Hände, Und bettelte um g'ringe Liebesspende, — Doch lachend gab man mir nur kaltes Hassen. Und immer irrte ich nach Liebe, immer Nach Liebe, doch die Liebe fand ich nimmer, Und kehrte um nach Hause, krank und trübe. Doch da bist du entgegen mir gekommen, Und ach! was da in deinem Aug' geschwommen, Das war die süße, langgesuchte Liebe. An H. S.' Wie ich dein Büchlein hastig aufgeschlagen, Da grüßen mir entgegen viel vertraute, Viel goldne Bilder, die ich weiland schaute Im Knabentraum und in den Kindertagen. Ich sehe wieder stolz gen Himmel ragen Den frommen Dom, den deutscher Glaube baute, Ich hör' der Glocken und der Orgel Laute, Dazwischen klingt's wie süße Liebesklagen. Wohl seh' ich auch, wie sie den Dom umklettern. Die flinken Zwerglein, die sich dort erfrechen, Das hübsche Blum- und Schnitzwerk abzubrechen. Doch mag man immerhin die Eich' entblättern Und sie des grünen Schmuckes rings berauben, — Kommt neuer Lenz, wird sie sich neu belauben. i Älteste Überschrift: „An H. Str. Nachdem ich seine Zeitschrift für Erweckung altdeutscher Kunst durchlesen". Gemeint ist Heinrich Straube, der zusammen mit T>. I. P. v. Hornthal 1818 die Keilschrift „Wünschelrnlhe" herausgab, an welcher Arndt, Brentano, Kerner, Schwab, die Brüder Grimm u a. Mitarbeiter waren. Heine lernte ihn 1820 in Göttingen kennen und wurde mit ihm näher befreundet. 48 Junge Leiden, Fresko-Sonette an Christian S.' I. Ich tanz' nicht mit, ich räuchre nicht den Klötzen, Die außen goldig sind, inwendig Sand; Ich schlag' nicht ein, reicht mir ein Bub' die Hand, Der heinilich mir den Namen will zerfetzen. Ich beug' mich nicht vor jenen hübschen Wetzen, Die schamlos prunken mit der eignen Schand'; Ich zieh' nicht mit, wenn sich der Pöbel spannt Vor Siegeswagen seiner eiteln Götzen, Ich weiß es wohl, die Eiche muß erliegen, Derweil das Rohr am Bach durch schwankes Biegen In Wind und Wetter stehn bleibt, nach wie vor. Doch sprich, wie weit bringt's wohl am End' solch Rohr? Welch Glück! als ein Spazierstock dient's dem Stutzer, Als Kleiderklopfer dient's dem Stiefelputzer. II Gib her die Larv', ich will mich jetzt maskieren In einen Lumpenkerl, damit Halunken, Die prächtig in Charaktermasksn prunken, Nicht wähnen, ich sei einer von den Ihren. Gib her gemeine Worte und Manieren, Ich zeige mich in Pöbelart versunken, Verleugne all die schönen Geistesfunken, Womit jetzt fade Schlingel kokettieren. So tanz' ich auf dem großen Maskenballe, Umschwärmt von deutschen Rittern, Mönchen, Kön'gen, Von Harlekin gegrüßt, erkannt von wen'gen. Mit ihrem Holzschwert prügeln sie mich alle. Das ist der Spaß. Denn wollt' ich mich entmummen. So müßte all das Galgenpack verstummen. i Christian Sethe, mit Heine viele Jahre lang eng befreunder, starb als Provinzialsteuerdirektor 1857 in Stettin. Sonette. III. Ich lache ob den abgeschmackten Lassen, Die mich anglotzen mit den Blocksgesichtern; Und lache ob den Füchsen, die so nüchtern Und hämisch mich beschnüffeln und begaffe». Ich lache ob den hochgelahrten Affen, Die sich aufblähn zu stolzen Geistesrichtern; Ich lache ob den feigen Bösewichtern, Die mich bedroh» mit giftgetränkten Waffen, Denn wenn des Glückes hübsche Siebensachen Uns von des Schicksals Händen sind zerbrochen. Und so zn unser» Füßen hingeschmissen; Und wenn das Herz im Leibs ist zerrissen. Zerrissen, und zerschnitten, und zerstochen, — Dann bleibt uns doch das schöne gelle Lachen. IV. Im Hirn spukt mir ein Märchen wunderfein. Und in dem Märchen klingt ein feines Lied, Und in dem Liede lebt und webt und blüht Ein wunderschönes zartes Mägdelein. Und in dem Mägdlein wohnt ein Herzchen klein. Doch in dem Herzchen keine Liebe glüht; In dieses lieblos frostige Gemüt Kam Hochmut nur und Übermut hinein. Hörst du, wie mir im Kopf das Märchen klinget Und wie das Liedchen summet ernst und schaurig? Und wie das Mägdlein kichert, leise, leise? Ich fürchte nur, daß mir der Kopf zerspringet, - Und ach! da wär's doch gar entsetzlich traurig, Käm' der Verstand mir aus dem alten Gleise. V. In stiller, wehmutweicher Abendstunde Umklingen mich die längst verschollnen Lieder, Und Thränen fließen von der Wange nieder, Und Blut entquillt der alten Herzenswunde. beim. Buch der Lieder. H 50 Junge Leide». Und wie in eines Zauberspiegels Grunde Seh' ich das Bildnis meiner Liebsten wieder; Sie sitzt am Arbeitstisch, im roten Mieder, Und Stille herrscht in ihrer sel'gen Runde. Da plötzlich springt sie auf vom Stuhl, und schneiden Von ihrem Haupt die schönste aller Locken, Und gibt sie mir, — vor Freud' bin ich erschrocken. Mephisto hat die Freude mir verleidet, Er spann ein festes Seil von jenen Haaren, Und schleift mich dran herum seit vielen Jahren. VI. „Als ich vor einem Jahr dich wiederblickte, Küßtest du mich nicht in der Willkommstund'." So sprach ich, und der Liebsten roter Mund Den schönsten Kuß auf meine Lippen drückte. Und lächelnd süß ein Myrtenreis sie pflückte Vom Myrtenstrauche, der am Fenster stund: „Nimm hin und pflanz dies Reis in frischen Grund, Und stell ein Glas darauf", sprach sie und nickte. — Schon lang' ist's her. Es starb das Reis im Topf. Sie selbst Hab' ich seit Jahren nicht gesehn; Doch brennt der Kuß mir immer noch im Kopf, Und aus der Ferne trieb's mich jüngst zum Ort, Wo Liebchen wohnt. Vorm Hause blieb ich stehn Die ganze Nacht, ging erst am Morgen fort. VII. Hüt dich, mein Freund, vor grimmen Teufelsfratzen, Doch schlimmer sind die sanften Engelsfrätzchen. Ein solches bot mir einst ein süßes Schmätzchen, Doch wie ich kam, da fühlt' ich scharfe Tatzen. Hüt dich, mein Freund, vor schwarzen, alten Katzen, Doch schlimmer sind die weißen, jungen Kätzchen; Ein solches macht' ich einst zu meinem Schätzchen, Doch thät mein Schätzchen mir das Herz zerkratzen. O süßes Frätzchen, wundersüßes Mädchen! Wie konnte mich dein klares Auglein täuschen? Wie könnt' dein Pfötchen mir das Herz zerfleischen? Sonette O meines Kätzchens wunderzartes Pfötchen! Könnt' ich dich an die gliihnden Lippen pressen, Und könnt' mein Herz verbluten unterdessen! VIII. Du sahst mich oft im Kampf mit jenen Schlingeln, Geschminkten Katzen und bebrillten Pudeln, Die mir den blanken Namen gern besudeln, Und mich so gerne ins Verderben züngeln. Du sähest oft, wie mich Pedanten hudeln. Wie Schellenkappenträger mich umklingeln, Wie gift'ge Schlangen um mein Herz sich ringeln; Du sahst mein Blut aus tausend Wunden sprudeln. Du aber standest fest gleich einem Turme; Ein Leuchtturm war dein Kopf mir in dem Sturme, Dein treues Herz war mir ein guter Hafen. Wohl wogt um jenen Hafen wilde Brandung, Nur wen'ge Schiff' erringen dort die Landung, Doch ist man dort, so kann man sicher schlafen. IX. Ich möchte weinen, doch ich kann es nicht; Ich mächt' mich rüstig in die Höhe heben. Doch kann ich's nicht; am Boden muß ich kleben, Umkrächzt, umzischt von eklem Wurmgezücht. Ich möchte gern mein heitres Lebenslicht, Mein schönes Lieb, allüberall umschweben, In ihrem selig süßen Hauche leben, — Doch kann ich's nicht, mein krankes Herze bricht. Aus dem gebrochnen Herzen fühl' ich fließen Mein heißes Blut, ich fühle mich ermatten, Und vor den Augen wird's mir trüb und trüber. Und heimlich schauernd sehn' ich mich hinüber Nach jenem Nebelreich, wo stille Schatten Mit weichen Armen liebend mich umschließen. Lyrisches Intermezzo. Lyrisches Intermezzo. (1822—1823.) Prolog. Es war 'mal ein Ritter trübselig und stumm, Mit hohlen, schneeweißen Wangen; Er schwankte und schlenderte schlotternd herum, In dumpfen Träumen befangen. Er war so hölzern, so täppisch, so links, Die Blümlein und Mägdlein, die kicherten rings, Wenn er stolpernd vorbeigegangen. Oft saß er im finstersten Winkel zu Haus; Er hatt' sich vor Menschen verkrochen. Da streckte er sehnend die Arme aus, Doch hat er kein Wörtlein gesprochen. Kam aber die Mitternachtstunde heran, Ein seltsaines Singen und Klingen begann — An die Thüre da hört' er es pochen. Da kommt seine Liebste geschlichen herein Im rauschenden Wellenschaumkleide, Sie blüht und glüht wie ein Röselein, Ihr Schleier ist eitel Geschmeide. Goldlocken umspielen die schlanke Gestalt, Die Äuglein grüßen mit süßer Gewalt — In die Arme sinken sich beide. Der Ritter umschlingt sie mit Liebesmacht, Der Hölzerne steht jetzt in Feuer, Der Blasse errötet, der Träumer erwacht. Der Blöde wird freier und freier. Sie aber, sie hat ihn gar schalkhaft geneckt, Sie hat ihm ganz leise den Kopf bedeckt Mit dem weißen, demantenen Schleier. Lyrisches Intermezzo. kg In einen kristallenen Wasserpalast Ist plötzlich gezaubert der Ritter. Er staunt, und die Augen erblinden ihm fast Vor alle dein Glanz und Geflitter. Doch hält ihn die Nixe umarmet gar traut, Der Ritter ist Bräut'gam, die Nixe ist Braut, Ihre Jungfraun spielen die Zither. Sie spielen und singen, und singen so schön, Und heben zum Tanze die Füße; Dem Ritter, dem wollen die Sinne vergehn, Und fester umschlingt er die Süße — Da löschen auf einmal die Lichter aus, Der Ritter sitzt wieder ganz einsam zu Haus, In dem düstern Poetenstübchen. 1. Im wunderschönen Monat Mai, Als alle Knospen sprangen. Da ist in meinein Herzen Die Liebe aufgegangen. Im wunderschönen Monat Mai, Ms alle Vögel sangen, Da Hab' ich ihr gestanden Mein Sehneu und Verlangen. 2. Aus meinen Thränen sprießen Viel blühende Blumen hervor, Und meine Seufzer werden Ein Nachtigallenchor. Und wenn du mich lieb hast, Kindchen, Schenk' ich dir die Blumen all, Und vor deinem Fenster soll klingen Das Lied der Nachtigall. Z4 Lyrisches Intermezzo. 3. Die Nose, die Lilie, die Taube, die Sonne, Die liebt' ich einst alle in Liebeswonne. Ich lieb' sie nicht mehr, ich liebe alleine Die Kleine, die Feine, die Neine, die Eine; Sie selber, aller Liebe Bronne, Ist Nose und Lilie und Taube und Sonne. 4. . Wenn ich in deine Augen seh', So schwindet all mein Leid und Weh; Doch wenn ich küsse deinen Mund, So werd' ich ganz und gar gesund. Wenn ich mich lehn' an deine Brust, Kommt's über mich wie Himmelslust; Doch wenn du sprichst: Ich liebe dich! So muß ich weinen bitterlich. S. Dein Angesicht so lieb und schön, Das Hab' ich jüngst im Traum gesehn. Es ist so mild und engelgleich, Und doch so bleich, so schmerzenbleich. Und nur die Lippen, die sind rot; Bald aber küßt sie bleich der Tod. Erlöschen wird das Himmelslicht, Das aus den frommen Augen bricht. «. Lehn deine Wang' an meine Wang', Dann fließen die Thränen zusammen! Und an mein Herz drück fest dein Herz, Dann schlagen zusammen die Flammen! Lyrisches Intermezzo, Und wenn in die große Flamme fließt Der Strom von unfern Thränen, Und wenn dich mein Arm gewaltig umschließt Sterb' ich vor Liebessehnen! 7. Ich will meine Seele tauchen In den Kelch der Lilie hinein; Die Lilie soll klingend hauchen Ein Lied von der Liebsten mein. Das Lied soll schauern und beben Wie der Kuß von ihrem Mund, Den sie mir einst gegeben In wunderbar süßer Stund', 8. Es stehen unbeweglich Die Sterne in der Höh' Niel tausend Jahr', und schauen Sich an mit LiebeSweh. Sie sprechen eine Sprache, Die ist so reich, so schön; Doch keiner der Philologen Kann diese Sprache verstehn. Ich aber Hab' sie gelernet, Und ich vergesse sie nicht; Mir diente als Grammatik Der Herzallerliebsten Gesicht. 9. Auf Flügeln des Gesanges, Herzliebcheii, trag' ich dich fort, Fort nach den Fluren des Ganges, Dort weiß ich den schönsten Ort, L>l>MeS Intermezzo. Dort liegt ein rotblühender Garten Im stillen Mondenschein; Die Lotosblumen erwarten Ihr trautes Schwesterlein. Die Veilchen kichern und kosen, Und schaun nach den Sternen empor; Heimlich erzählen die Rosen Sich duftende Märchen ins Ohr. Es hüpfen herbei und lauschen Die frommen, klugen Gazell'n; Und in die Ferne rauschen Des heiligen Stromes Well'n. Dort wollen wir niedersinken Unter dem Palmenbaum, Und Liebe und Ist he trinken Und träumen seligen Traum. 10. Die Lotosblume ängstigt Sich vor der Sonne Pracht, Und mit gesenktem Haupte Erwartet sie träumend die Nacht Der Mond, der ist ihr Buhle, Er weckt sie mit seinem Licht, Und ihm entschleiert sie freundlich Ihr frommes Blumengesicht. Sie blüht und glüht und leuchtet, Und starret stumm in die Höh'; Sie duftet und weinet und zittert Vor Liebe und LiebeSweh. 11. Im Rhein, im schönen Strome, Da spiegelt sich in den Well'n, Mit seinem großen Dome, Das große, heilige Köln. ? Lyrisches Intermezzi g? Im Dom, " da steht ein Bildnis Auf goldenem Leder gemalt; In meines Lebens Wildnis Hat's freundlich hineingestrahlt. Es schweben Blumen und Englein Um Unsre liebe Frau; Die Augen, die Lippen, die Wänglein, Die gleichen der Liebsten genau. IS. Du liebst mich nicht, du liebst mich nicht, Das kümmert mich gar wenig; Schau' ich dir nur ins Angesicht, So bin ich froh wie'n König. Du hassest, hassest mich sogar, So spricht dein rotes Mündchen; Reich mir es nur zum Küssen dar, So tröst' ich mich, mein Kindchen. 13. O schwöre nicht und küsse nur, Ich glaube keinem Weiberschwur! Dein Wort ist süß, doch süßer ist Der Kuß, den ich dir abgeküßt! Den Hab' ich, und dran glaub' ich auch, Das Wort ist eitel Dunst und Hauch. O schwöre, Liebchen, immerfort, Ich glaube dir aufs bloße Wort! Al? deinen Busen sink' ich hin, Und glaube, daß ich selig bin; Ich glaube, Liebchen, ewiglich Und'noch viel länger liebst du mich. <5 Lyrisches Intermezzo. 14. Auf meiner Herzlisbsten Äugelein Mach' ich die schönsten Kanzonen. Auf meiner Herzliebsten Mündlein klein Mach' ich die besten Terzinen. Auf meiner Herzliebsten Wängelein Mach' ich die herrlichsten Stanzen. Und wenn meine Liebste ein Herzchen hätt', Ich machte darauf ein hübsches Sonett. IS. Die Welt ist dumm, die Welt ist blind, Wird täglich abgeschmackter! Sie spricht von dir, mein schönes Kind: Du hast keinen guten Charakter. Die Welt ist dumm, die Welt ist blind, Und dich wird sie immer verkennen; Sie weiß nicht, wie süß deine Küsse sind, Und wie sie beseligend brennen. 16. Liebste, sollst mir heute sagen: Bist du nicht ein Traumgebild, Wie's in schwülen Sommertagen Aus dem Hirn des Dichters quillt? Aber nein, ein solches Mündchen, Solcher Augen Zauberlicht, Solch ein liebes, süßes Kindchen, Das erschafft der Dichter nicht. Basilisken und Vampire, Lindenwürm' und Ungeheu'r, Solche schlimme Fabeltiere, Die erschafft des Dichters Feu'r. Lyrisches Intermezzo, 8P Aber dich und deine Tücke, Nnd dein holdes Angesicht, Und die falschen frommen Blicks — Das erschafft der Dichter nicht. 17,! Wie die Wellenschaumgeborene Strahlt mein Lieb in Schönheitsglanz, Denn sie ist das auserkorene Bräutchen eines fremden Manns. Herz, mein Herz, du vielgeduldiges, Grolle nicht ob dem Verrat; Trag es, trag es, und entschuldig' es, Was die holde Thörin that. 18. Ich grolle nicht, und wenn daS Herz auch bricht, Ewig verlornes Lieb! ich grolle nicht. Wie du auch strahlst in Diamantenpracht, Es fällt kein Strahl in deines Herzens Nacht. Das weiß ich längst. Ich sah dich ja im Traum, Und sah die Nacht in deines Herzens Raum, Und sah die Schlang', die dir am Herzen frißt, Ich sah, mein Lieb, wie sehr du elend bist. 19. Ja, du bist elend, und ich grolle nicht; — Mein Lieb, wir sollen beide elend sein! Bis uns der Tod das kranke Herze bricht, Mein Lieb, wir sollen beide elend sein. > Nr. 17—IS wurden bereits I8ZI verficht. Heines Kousiue verniShlte stib l« August dieses Jahr es. M Lyrische? Intermezzo. Wohl seh' ich Spott, der deinen Mnnd umschwebt, Und seh' dein Auge blitzen trotziglich, Und seh' den Stolz, der deinen Busen hebt, — Und elend bist du doch, elend wie ich. Unsichtbar zuckt auch Schmerz um deinen Mund, Verborgne Thräne trübt des Auges Schein, Der stolze Busen hegt geheime Wund', — Mein Lieb, wir sollen beide elend sein. SO. Das ist ein Flöten und Geigen, Trompeten schmettern drein z Da tanzt den Hochzeitreigen Die Herzallerliebste mein. Das ist ein Klingen und Dröhnen Von Pauken und Schalmei'n; Dazwischen schluchzen und stöhnen Die guten Engelein. 21. So hast du ganz und gar vergessen, Daß ich so lang' dein Herz besessen, Dein Herzchen so süß und so falsch und so klein, Es kann nirgend was Süßres und Falscheres sein. So hast du die Lieb' und das Leid vergessen, Die das Herz mir thätsn zusammenpressen. Ich weiß nicht, war Liebe größer als Leid? Ich weiß nur, sie waren groß alle beid'! 22. Und wüßten's die Blumen, die kleinen. Wie tief verwundet mein Herz, Sie würden mit mir weinen, Zu heilen meinen Schmerz. Lyrisches Intermezzo, A Und wüßten's die Nachtigallen, Wie ich so traurig und krank, Sie ließen fröhlich erschallen Erquickenden Gesang. Und wüßten sie niein Wehe, Die goldnen Sternelein, Sie kämen aus ihrer Höhe, Und sprächen Trost mir ein. Die alle könnend nicht wissen, Nur Eine kennt meinen Schmerz: Sic hat ja selbst zerrissen, Zerrissen mir das Herz. 23. Warum sind denn die Rosen so blaß, O sprich, mein Lieb, warum? Warum sind denn im grünen Gras Die blauen Veilchen so stumm? Warum singt denn mit so kläglichem Laut Die Lerche in der Luft? Warum steigt denn aus dem Balsamkraut Hervor ein Leichenduft? Warum scheint denn die Sonn' auf der An' So kalt und verdrießlich herab? Warum ist denn die Erde so grau Und öde wie ein Grab? Warum bin ich selbst so krank und so trüb, Mein liebes Liebchen, sprich? O sprich, mein herzallerliebstes Lieb, Warum verließest du mich? 24. Sie haben dir viel erzählet Und haben viel geklagt; Doch was meine Seele gequälet, Das haben sie nicht gesagt. Lyrisches Intermezzo. Sie »lachten ein großes Wesen Und schüttelten kläglich das Haupt; Sie nannteil mich ven Bösen, Und du hast alles geglaubt. Jedoch das Allerschlimmste, Das haben sie nicht gewußt; Das Schlimmste und das Dümmste, Das trug ich geheim in der Brust. LS. Die Linde blühte, die Nachtigall sang, Die Sonne lachte mit freundlicher Lust; Da küßtest du mich, und dein Arm mich umschlang, Da preßtest du mich an die schwellende Brust. Die Blätter fielen, der Rabe schrie hohl, Die Sonne grüßte verdrossenen Blicks; Da sagten wir frostig einander: „Lebwohl!" Da knickstest dll höflich den höflichsten Knicks. 26. Wir haben viel für einander gefühlt, Und dennoch uns gar vortrefflich vertragen. Wir haben oft „Mann und Frau" gespielt, Und dennoch uns nicht gerauft und geschlagen. Wir haben zusammen gejauchzt und gescherzt, Und zärtlich uns geküßt und geherzt. Wir haben am Ende aus kindischer Lust „Verstecken" gespielt in Wäldern und Gründen. Und haben uns so zu verstecken gewußt, Daß wir uns nimmermehr wiederfinden. 27. Du bliebest mir treu am längsten, Und hast dich für mich verwendet, Und hast mir Trost gespendet In meinen Nöten und Ängsten. Lyrisches Intermezzo. KZ Du gäbest mir Trank und Speise, Und hast mir Geld geborget, Und hast mich mit Wäsche versorget. Und mit dem Paß für die Reise. Mein Liebchen! daß Gott dich behüte Noch lange, vor Hitz' und vor Kälte, Und daß'er dir nimmer vergelte Die mir erwiesene Güte! 28. Die Erde war so lange geizig, Da kam der Mai, und sie ward spendabel, Und alles lacht und jauchzt und freut sich, Ich aber bin nicht zu lachen kapabel. Die Blumen sprießen, die Glöcklein schallen Die Vögel sprechen wie in der Fabel; Mir aber will das Gespräch nicht gefallen, Ich finde alles miserabel. Das Menschenvolk mich ennuyieret, Sogar der Freund, der sonst passabel; — Das kömmt, weil man Madam titulieret Mein süßes Liebchen, so süß und aimabel. 29. Und als ich so lange, so lange gesäumt, In fremden Landen geschwärmt und geträumt; Da ward meiner Liebsten zu lang die Zeit. Und sie nähete sich ein Hochzeitkleid, Und hat mit zärtlichen Armen umschlungen Als Bräut'gam den dümmsten der dummen Jungen. Mein Liebchen ist so schön und mild, Noch schwebt mir vor ihr süßes Bild; Die Veilchenaugen, die Rosenwttnglein, Die glühen und blühen, jahraus jahrein. Daß ich von solchem Lieb könnt' weichen, War der dümmste von meinen dummen Streichen. Lyrisches Jutermcjj», 30. Die blauen Veilchen der Äugelein, Die roten Rosen der Wängelein, Die weißen Lilien der Händchen klein, Die blühen und blühen noch immerfort, Und nur das Herzchen ist verdorrt. 31. Die Welt ist so schön und der Himmel so blau. Und die Lüfte, die wehen so lind und so lau. Und die Blumen winken auf blühender Au', Und funkeln und glitzern im Morgentau, Und die Menschen jubeln, wohin ich schau' — Und doch möcht' ich im Grabe liegen, Und mich au ein totes Liebchen schmiegen. 32. Mein süßes Lieb, wenn du im Grab, Im dunkeln Grab wirst liegen, Dann will ich steigen zu dir hinab, Und will mich an dich schmiegen. Ich küsse, umschlinge und presse dich wild. Du Stille, du Kalte, du Bleiche! Ich jauchze, ich zittre, ich weine mild, Ich werde selber zur Leiche. Die Toten stehn auf, die Mitternacht ruft, Sie tanzen im luftigen Schwarme; Wir beide bleiben in der Gruft, Ich liege in deinem Arme. Die Toten stehn auf, der Tag des Gerichts Ruft sie zu Qual und Vergnügen; Wir beide bekümmern uns um nichts, Und bleiben umschlungen liegen. Lyrisches Intermezzo, tiö 33. Ein Fichtenbaum steht einsam Im Norden auf kahler Höh'. Ihn schläfert; mit weißer Decke Umhüllen ihn Eis und Schnee. Er träumt von einer Palme, Die fern im Morgenland Einsam und schweigend trauert Auf brennender Felsenwand. 34. (Der Üops spricht:) Ach, wenn ich nur der Schemel war', Worauf der Liebsten Füße ruhn! Und stampfte sie mich noch so sehr. Ich wollte doch nicht klagen thun. (Das Herz spricht!) Ach, wenn ich nur das Kißchen war', Wo sie die Nadeln steckt hinein! Und stäche sie mich noch so sehr, Ich wollte mich der Stichs freun. (Das Lied spricht!) Ach, wär' ich nur das Stück Papier Das sie als Papillote braucht! Ich wollte heimlich flüstern ihr Ins Ohr, was in mir lebt und haucht. 33. Seit die Liebste war entfernt, Hatt' ich's Lachen ganz verlernt. Schlechten Witz riß mancher Wicht, Aber lachen könnt' ich nicht. Seit ich sie verloren Hab', Schafft' ich auch das Weinen ab; Fast vor Weh das Herz mir bricht, Aber weinen kann ich nicht. H-tne. Buch der Lieder. 5 Lyrisches Intermezzo. 36. Aus meinen großen Schmerzen Mach' ich die kleinen Lieder; Die heben ihr klingend Gefieder Und flattern nach ihren: Herzen. Sie fanden den Weg zur Trauten, Doch kommen sie wieder und klagen. Und klagen, und wollen nicht sagen, Was sie im Herzen schauten. 37. Philister in Sonntagsröcklein Spazieren durch Wald und Flur; Sie jauchzen, sie hüpfe» wie Böcklein, Begrüßen die schöne Natur. Betrachten mit blinzelnden Augen, Wie alles romantisch blüht; Mit langen Ohren saugen Sie ein der Spatzen Lied. Ich aber »erhänge die Fenster Des Zimmers mit'schwarzem Tuch; Es machen mir meine Gespenster Sogar einen Tagesbesuch. Die alte Liebe erscheinet, Sie stieg aus dem Totenreich; Sie setzt sich zu nur und weinet, Und macht das Herz mir weich. 38. Manch Bild vergessener Zeiten Steigt auf aus seinem Grab, Und zeigt, wie in deiner Nähe Ich einst gelebet Hab'. Lyrisches Intermezzo, Am Tage schwankte ich träumend Durch alle Straßen herum, Die Leute verwundert mich ausahu, Ich war so traurig und stumm. Des Nachts, da war es besser, Da waren die Straßen leer; Ich und mein Schatten selbander, Wir wandelten schweigend einher. Mit widerhallendem Fußtritt Wandelt' ich über die Brück'; Der Mond brach aus den Wolken Und grüßte mit ernstem Blick. Stehn blieb ich vor deinem Hause Und starrte in die Höh', Und starrte nach deinem Fenster, — Das Herz that mir so iveh. Ich weiß, du hast aus dem Fenster Gar oft herabgesehn, Und sahst mich im Mondenlichts Wie eine Säule stehn. 39. Ein Jüngling liebt ein Mädchen, Die hat einen andern erwählt; Der andre liebt eine andre. Und hat sich mit dieser vermählt. Das Mädchen heiratet aus Ärger Den ersten besten Mann, Der ihr in den Weg gelaufen; Der Jüngling ist übel dran. Es ist eine alte Geschichte, Doch bleibt sie immer neu; Und wem sie just passieret, Dem bricht das Herz entzwei. KL Lyrisches JiUermejzo, 40. Hör' ich das Liedchen klingen, Das einst die Liebste sang, So ivill mir die Brust zerspringen Vor wildem Schinerzendrang. Es treibt mich ein dunkles Sehnen Hinauf zur Waldeshöh', Dort löst sich auf in Thronen Mein übergroßes Weh. 41. Mir träumte von einem Königskind, Mit nassen, blassen Wangen; Wir saßen unter der grünen Lind', Und hielten uns liebumfangen. „Ich will nicht deines Vaters Thron, Und will nicht sein Zepter von Golds, Ich will nicht seine demantene Krön', Ich will dich selber, du Holde." Das kann nicht sein, sprach sie zu mir, Ich liege ja im Grabe, Und nur des Nachts komm' ich zu dir, Weil ich so lieb dich habe. 42. Mein Liebchen, wir saßen beisammen. Traulich im leichten Kahn. Die Nacht war still, uud wir schwammen Auf weiter Wasserbahn. Die Geisterinsel, die schöne, Lag dämmrig im Mondenglanz; Dort klangen liebe Töne, Und wogte der Nebeltanz. Dort klang es lieb und lieber. Und wogt' es hin und her; Lyrische? Intermezzo. Wir aber schwammen vorüber Trostlos auf weitem Meer. 43. Aus alten Märchen winkt es Hervor mit weißer Hand, Da sinkst es und da klingt es Von einem Zauberland: Wo große Blumen schmachten Im goldnen Abendlicht, Und zärtlich sich betrachten Mit bräutlichem Gesicht; — Wo alle Bäume sprechen, Und singen, wie ein Chor, Und laute Quellen brechen Wie Tanzmusik hervor; — Und Liebesweisen tönen, Wie du sie nie gehört, Bis wundersüßes Sehnen Dich wnndersüß bethört! Ach, könnt' ich dorthin kommen, Und dort mein Herz erfreun, Und aller Qual entnommen, Und frei und selig sein! Ach! jenes Land der Wonne, Das seh' ich oft im Traum; Doch kommt die Morgensonne, Zerfließt's wie eitel Schaum. 44. Ich Hab' dich geliebet und liebe dich noch! Und fiele die Welt zusammen, Aus ihren Trümmern stiegen doch Hervor meiner Liebe Flammen. Lyrisch?? JnürmeW. 46. Nur leuchtenden Smnmermorgen Geh' ich im Garten herum. Es flüstern und sprechen die Blumen, Ich aber, ich wandle stumm. Es flüstern und sprechen die Blumen, Und schaun mitleidig mich an: Sei unserer Schwester nicht böse, Du trauriger, blasser Mann! 46. Es leuchtet meine Liebe In ihrer dunkeln Pracht, Wie'n Märchen, traurig und trübe, Erzählt in der Sommernacht. »Im Zaubergarten wallen Zwei Buhlen, stumm und allein; Es singen die Nachtigallen, Es flimmert der Mondenschein. „Die Jungfrau steht still wie ein Bildnis, Der Ritter vor ihr kniet. Da kommt der Riese der Wildnis, Die bange Jungfrau flieht. „Der Ritter sinkt blutend zur Erde, Es stolpert der Riese nach Haus" — Wenn ich begraben werde, Dann ist das Märchen aus. 47. Sie haben mich geguälet, Geärgert blau und blaß, Die einen mit ihrer Liebe, Die andern mit ihrem Haß. Sie haben das Brot mir vergiftet, Sie gössen mir Gift ins Glas, Lyrisches Intermezzo, Die einen mit ihrer Liebe, Die andern mit ihrem Haß, Doch sie, die mich am meisten Gequält, geärgert, betrübt, Die hat mich nie gehasset, Und hat mich nie geliebt. 4», Es liegt der heiße Sommer Auf deinen Wängelein; Es liegt der Winter, der kalte, In deinem Herzchen klein. Das wird sich bei dir ändern, Du Vielgeliebte mein! Der Winter wird auf den Wangen, Der Sommer im Herzen sein. 49. Wenn zwei voneinander scheiden. So geben sie sich die Händ', Und fangen an zu weinen, Und seufzen ohne End'. Wir haben nicht geweinet, Wir seufzten nicht Weh und Ach! Die Thränen und die Seufzer, Die kamen Hintennach. 50. Sie saßen und tranken am Theetisch, Und sprachen von Liebe viel. Die Herren, die waren ästhetisch, Die Damen von zartem Gefühl. 73 Lyrische? Intermezzo. Die Liebs muß sein platonisch, Der dürre Hofrat sprach. Die Hofrätin lächelt ironisch, Und dennoch seufzet sie: Ach! Der Domherr öffnet den Mund weit: Die Liebe sei nicht zu roh, Sie schadet sonst der Gesundheit. Das Fräulein lispelt: Wieso? Die Gräfin spricht wehmütig: Die Liebe ist eine Passion! Und präsentieret giitig Die Tasse dem Herren Baron. Am Tische war noch ein Plätzchen, Mein Liebchen, da hast du gefehlt. Du hättest so hübsch, mein Schätzchen, Von deiner Liebe erzählt. 51. Vergiftet sind meine Lieder; — Wie könnt' es anders sein? Du hast mir ja Gift gegossen Ins blühende Leben hinein. Vergiftet sind meine Lieder; — Wie könnt' es anders sein? Ich trage im Herzen viel Schlangen, Und dich, Geliebte mein. 52. Mir träumte wieder der alte Traum: Es war eins Nacht im Maie, Wir saßen unter dem Lindenbaum, Und schwuren uns ewige Treue. Das war ein Schwören und Schwören aufs neu', Ein Kichern, ein Kosen, ein Küssen; Daß ich gedenk des Schwures sei, Hast du in die Hand mich gebissen. Lyrisches Intermezzo. O Liebchen mit den Äuglein klar! O Liebchen schön und bissig! Das Schwören in der Ordnung war, Das Beigen war überflüssig. S3. Ich steh' auf des Berges Spitze, Und werde sentimental. „Wenn ich ein Vöglein wäre!" Seufz' ich viel tausendmal. Wenn ich eine Schwalbe wäre. So flög' ich zu dir, mein Kind, Und baute mir mein Nestchen, Wo deine Fenster sind. Wenn ich eine Nachtigall wäre, So flög' ich zu dir, mein Kind, Und sänge dir nachts meine Lieder Herab von der grünen Lind'. Wenn ich ein Gimpel wäre, So flög' ich gleich an dein Herz; Du bist ja hold den Gimpeln, Und heilest Gimpelschmerz. 64. Mein Wagen rollet langsam Durch lustiges Waldesgrüu, Durch blumige Thäler, die zaubrisch Im Sonnenglanze blühn. Ich sitze und sinne und träume, Und denk' an die Liebste mein; Da grüßen drei Schattengestalten Kopfnickend zuni Wagen herein. Sie hüpfen und schneiden Gesichter, So spöttisch und doch so scheu, Und quirlen wie Nebel zusammen, Und kichern und huschen vorbei. Lyrisches Jutrrmcn». 63. Ich Hab' im Traum geweinet, Mir träumte, du lägest im Grab. Ich wachte auf, und die Thräne Floß noch von der Wange herab. Ich Hab' im Traum geweinet, Mir träumt', du verließest mich. Ich wachte auf, und ich weinte Noch lange bitterlich. Ich Hab' im Traum geweinet, Mir träumte, du bliebest mir gut. Ich wachte auf, und noch immer Strömt meine Thränenflut. 66. Allnächtlich im Traume seh' ich dich, Und sehe dich freundlich grüßen, Und laut aufweinend stürz' ich mich Zu deinen süßen Füßen. Du siehst mich an wehmütiglich, Und schüttelst das blonde Köpfchen; Aus deinen Augen schleichen sich Die Perleuthränentröpfchen. Du sagst mir heimlich ein leises Wort, Und gibst mir den Strauß von Cppresseu. Ich wachs auf, und der Strauß ist fort, Und das Wort Hab' ich vergessen. Das ist ein Brausen und Heulen, Herbstnacht und Regen und Wind; Wo mag wohl jetzo weilen Mein armes, banges Kind? Lyrisch^ Jrükrmezzo, Ich seh' sie am Fenster lehnen Im einsamen Kämmerlein; Das Auge gefüllt mit Thrnnen, Starrt sie in die Nacht hinein. 53. Der Herbstwind rüttelt die Bäume. Die Nacht ist feucht und kalt; Gehüllt im grauen Mantel. Reite ich einsam im Wald. Und wie ich reite, so reiten Mir die Gedanken voraus; Sie tragen mich leicht und luftig Nach meiner Liebsten Haus. Die Hunde bellen, die Diener Erscheinen mit Kerzengeflirr; Die Wendeltreppe stürm' ich Hinauf mit Sporengeklirr. Im leuchtenden Teppichgemache, Da ist es so duftig und warm, Da harret meiner die Holde — Ich fliege in ihren Arm. Es säuselt der Wind in den Blättern. Es spricht der Eichenbaum: Was willst du, thörichter Reiter, Mit deinem thörichten Traum? 59. Es fällt ein Stern herunter Aus feiner funkelnden Höh'! Das ist der Stern der Liebe, Den ich dort fallen seh'. Es fallen vom Apfelbaume Der Blüten und Blätter viel. 7K Lyrische InUnne^o. Es koimnen die neckenden Lüfte Und treiben damit ihr Spiel. Es singt der Schwan im Weiher Und rudert auf uud ab, Und immer leiser singend Taucht er ins Flutengrab. Es ist so still und dunkel! Verweht ist Blatt und Bliit', Der Stern ist knisternd zerstoben, Verklungen das Schwanenlied. 60. Der Traumgott bracht' mich in ein Riesenschloß, Wo schwüler Zauberduft und Lichterschimmer, Und bunte Menschenwoge sich ergoß Durch labprinthisch vielverschlungne Zimmer. Die Ausgangspforte sucht der bleiche Troß Mit Händeringen und mit Angstgewimmer. Jungsraun und Ritter ragen aus der Menge, Ich selbst bin fortgezogen im Gedränge. Doch plötzlich steh' ich ganz allein, und seh', Und staun', wie schnell die Menge könnt' verschwinden, Und wandrs fort allein, und eil', und geh' Durch die Gemächer, die sich seltsam winden. Mein Fuß wird Blei, im Herzen Angst und Weh, Verzweifl' ich fast, den Ausgang je zu finden. Da komm' ich endlich an das letzte Thor; Ich will hinaus — o Gott, wer steht davor! Es war die Liebste, die am Thore stand, Schmerz um die Lippen, Sorge auf der Stirne. Ich soll zurückgehn, winkt sie mit der Hand; Ich weiß nicht, ob sie warne oder zürne. Doch aus den Augen bricht ein süßer Brand, Der mir durchzuckt das Herz und das Gehirne. Wie sie mich ansah, streng und wunderlich, Und doch so liebevoll, erwachte ich. Lyrisches Intermezzo. <>1. Die Mitternacht war kalt und stumm; Ich irrte klagend im Wald herum. Ich habe die Bäum' auS dem Schlaf gerüttelt; Sie haben mitleidig die Köpfe geschüttelt. 62. Am Kreuzweg wird begraben, Wer selber sich brachte um; Dort wächst eine blaue Blume, Die Armesünderblum'. Am Kreuzweg stand ich und seufzte; Die Nacht war kalt und stramm. Im Mondschein bewegte sich langsam Die Armesünderblum'. 63. Wo ich bin, mich rings umdunkelt Finsternis, so dumpf und dicht, Seit mir nicht mehr leuchtend funkelt, Liebste, deiner Augen Licht. Mir erloschen ist der süßen Liebessterne goldne Pracht, Abgrund gähnt zu meinen Füßen — Nimm mich auf, uralte Nacht! 64. Nacht lag auf meinen Augen, Blei lag auf meinem Mund^ Mit starrem Hirn und Herzen Lag ich im Grabesgrund. Wie lang', kann ich nicht sagen, Daß ich geschlafen Hab'; Lyrisches Intermezzo. Ich wachte auf und hörte, Wie's pochte an mein Grab. „Willst du nicht aufstehn, Heinrich? Der Ew'ge Tag bricht an, Die Toten sind erstanden, Die ew'ge Lust begann." Mein Lieb, ich kann nicht aufstehn, Bin ja noch immer blind; Durch Weinen ineine Augen Gänzlich erloschen sind. „Ich will dir küssen, Heinrich, Vom Auge fort die Nacht; Die Engel sollst du schauen. Und auch deS Himmels Pracht." Mein Lieb, ich kann nicht aufstehn, Noch blutet's immerfort. Wo du ins Herz mich stachest Mit einem spitz'gen Wort. „Ganz leise leg' ich, Heinrich, Dir meine Hand aufs Herz; Dann wird es nicht mehr bluten. Geheilt ist all sein Schmerz." Mein Lieb, ich kann nicht aufstehn, Es blutet auch mein Haupt; Hab' ja Hinsingeschossen, Als du mir wurdest geraubt. „Mit meinen Locken, Heinrich, Stopf' ich des Hauptes Wund', Und dräng' zurück den Blutstrom Und mache dein Haupt gesund." Es bat so sanft, so lieblich, Ich könnt' nicht widersteh»; Ich wollte mich erheben Und zu der Liebsten gehn. Lyrisches Intermezzo. Da brachen auf die Wunden, Da stürzt' mit wilder Macht Ans Kopf und Brust der Blutstrom, Und sieh! — ich bin erwacht. 66. Die alten, bösen Lieder, Die Träume schlimm und arg, Die laßt uns jetzt begraben. Holt einen großen Sarg. Hinein leg' ich gar Manches, Doch sag' ich noch nicht, was-, Der Sarg »ruß sein noch größer Wie's Heidelberger Faß. Und holt eine Totenbahre Von Brettern fest und dick; Auch muß sie sein noch länger, Als wie zu Mainz die Brück'. Und holt mir auch zwölf Riesen Die müssen noch stärker sein Als wie der heil'ge Christoph Im Dorn zu Köln am Rhein. Die sollen den Sarg forttragen Und senken ins Meer hinab. Denn solchem großen Sarge Gebührt ein großes Grab. Wißt ihr, warum der Sarg wohl So groß und schwer mag sein? Ich legt' auch meine Liebe Und meinen Schmerz hinein. Die Heimkehr. Aie K ei in kehr. (1323—1824.) 1. In mein gar zu dunkles Leben Strahlte einst ein süßes Bild; Nun das süße Bild erblichen. Bin ich gänzlich nachtumhiillt. Wenn die Kinder sind im Dunkeln, Wird beklommen ihr Gemüt, Und um ihre Angst zu bannen, Singen sie ein lautes Lied. Ich, ein tolles Kind, ich singe Jetzo in der Dunkelheit; Klingt das Lied auch nicht ergötzlich, Hat's mich doch von Angst befreit. 2 Ich weiß nicht, was soll es bedeuten. Daß ich so traurig bin; Ein Märchen aus alten Zeiten, Das kommt mir nicht aus dem Sinn. Die Luft ist kühl und es dunkelt. Und ruhig fließt der Rhein; Der Gipfel des Berges funkelt Im Abendsonnenschein. Die schönste Jungfrau sitzet Dort oben wunderbar, Ihr goldnes Geschmeide blitzet, Sie kämmt ihr goldenes Haar. Die Heimkehr. Fl Sie kämmt es mit goldenem Kamme, Und singt ein Lied dabei; Das hat eine wundersame, Gewaltige Melodei. Den Schiffer im kleinen Schisse Ergreift es mit wildem Weh; Er schaut nicht die Felsenriffe, Er schaut nur hinauf in die Höh'. Ich glaube, die Wellen verschlingen Am Ende Schiffer und Kahn; Und das hat mit ihrem Singen Die Lore-Let) gethan. 3. Mein Herz, mein Herz ist traurig, Doch lustig leuchtet der Mai; Ich stehe, gelehnt an der Linde, Hoch auf der alten Bastei. Da drunten fließt der blaue Stadtgraben in stiller Ruh'; Ein Knabe fährt im Kahne, Und angelt und pfeift dazu. Jenseits erheben sich freundlich. In winziger, bunter Gestalt, Lusthäuser und Gärten und Menschen, Und Ochsen und Wiesen und Wald. Die Mägde bleichen Wäsche, Und springen im Gras herum; Das Mühlrad stäubt Diamanten, Ich höre sein fernes Gesumm'. Am alten grauen Turme Ein Schilderhäuschen steht; Ein rotgeröckter Bursche Dort auf und nieder geht. ^ i „Bezieht sich aus die damals uoch rot »»ijorniierte» hannoverschen Soldaten. Tie ganze Beschreibung >» diesem Gedichte paszt genau aus dir damalig« Lokalität des Liincburger Walles." Max Heine, Erinnerungen. S. 67. Heine. Buch der Lieder. L Die Heimkehr. Er spielt mit seiner Flinte, Die funkelt im Sonnenrot, Er präsentiert und schultert — Ich wollt', er schösse mich tot. ^ 4. Im Wolde wandl' ich und weine, Die Drossel sitzt in der Höh'; Sie springt und singt gor feine: Warum ist dir so weh? „Die Schwalben, deine Schwestern, Die können 'S dir sagen, mein Kind; Sie wohnen in klugen Nestern, Wo Liebchens Fenster sind." e>. Die Nacht ist feucht und stürmisch, Der Himmel sternenleer; Im Wald unter rauschenden Bäumen Wandle ich schweigend einher. Es flimmert fern ein Lichtchen Aus dem einsamen Jägerhaus; Es soll mich nicht hin verlocken, Dort sieht es verdrießlich aus. Die blinde Großmutter sitzt ja Im ledernen Lehnstuhl dort, Unheimlich und starr wie ein Steinbild, Und spricht kein einziges Wort. Fluchend geht auf und nieder Des Försters rotköpfiger Sohn, Und wirft an die Wand die Büchse, Und lacht vor Wut und Hohn. Die schöne Spinnerin weinet Und feuchtet mit Thränen den Flachs; Wimmernd zu ihren Füßen Schmiegt sich des Vaters Dachs. Die tzeimichr, t>. Als ich auf der Reise zufällig Der Liebsten Familie fand, Schwesterchen, Vater und Mutter, Sie haben mich freudig erkannt. Sie fragten nach meinem Befinden, lind sagten selber sogleich: Ich hätte mich gar nicht verändert, Nur mein Gesicht sei bleich. Ich fragte nach Muhmen und Basen, Nach manchem lnngweil'gen Gesell'n, Und nach dem kleinen Hündchen Mit seinem sanften Bell'n. Auch nach der vermählten Geliebten Fragte ich nebenbei; Und freundlich gab man zur Antwort, Daß sie in den Wochen sei. Und freundlich gratuliert' ich, Und lispelte liebevoll: Daß man sie von mir recht herzlich, Viel tausendmal grüßen soll. Schwesterchen rief dazwischen: Das Hündchen, sanft und klein, Ist groß und toll geworden, Und ward ertränkt im Rhein. Die Kleine gleicht der Geliebten, Besonders wenn sie lacht; Sie hat dieselben Augen, Die mich so elend gemacht 7. Wir saßen am Fischerhause, Und schauten nach der See; Die Abendnebel kamen, Und stiegen in die Höh'. Die Heimkehr. Im Leuchtturm wurden die Lichter Allmählich angesteckt, Und in der weiten Ferne Ward noch ein Schiff entdeckt. Wir sprachen von Sturm und Schiffbruch, Vom Seemann, und wie er lebt. Und zwischen Himmel und Wasser Und Angst und Freude schwebt. Wir sprachen von fernen Küsten, Vom Süden und vom Nord, Und von den seltsamen Völkern Und seltsamen Sitten dort. Am Ganges duftet's und leuchtet's, Und Riesenbäume blühu, Und schöne, stille Menschen Vor Lotosblumen knien. In Lappland sind schmutzige Leute, Plattköpsig, breitmäulig und klein; Sie kauern ums Feuer, und backen Sich Fische, und quäken und schrein. Die Mädchen horchten ernsthaft, Und endlich sprach niemand mehr; Das Schiff war nicht mehr sichtbar, Es dunkelte gar zu sehr. 8. Du schönes Fischermädchsn, Treibe den Kahn ans Land; Komm zu mir und setze dich nieder, Wir kosen Hand in Hand. Leg an mein Herz dein Köpfchen, Und fürchte dich nicht zu sehr; Vertraust du dich doch sorglos Täglich dein wilden Meer Die Heimkehr HZ Mein Herz gleicht ganz dem Meere, Hat Sturm und Ebb' und Flut, Und manche schöne Perle In seiner Tiefe ruht. 9. Der Mond ist aufgegangen Und überstrahlt die Well'n; Ich halte mein Liebchen umfangen, Und unsre Herzen schwell'». Im Arm des holden Kindes Ruh' ich allein am Strand; — Was horchst du beim Rauschen des Windes? Was zuckt deine weiße Hand? „Das ist kein Rauschen des Windes, Das ist der Ssejungfern Gesang, Und meine Schwestern sind es, Die einst das Meer verschlang." 10. Der Wind zieht seine Hosen an, Die weißen Wasserhosen! Er peitscht die Wellen, so stark er kann, Die heulen und brausen und tosen. Aus dunkler Höh', mit wilder Macht, Die Regengüsse träufen; Es ist, als wollt' die alte Nacht Das alte Meer ersäufen. An den Mastbaum klammert die Möwe sich Mit heiserem Schrillen und Schreien; Sie flattert und will gar ängstiglich Ein Unglück prophezeien. 86 Die Heimkehr. 11. Der Sturm spielt auf zum Tanze, Er pfeift und saust und brüllt; Heisa! wie springt das Schifflein! Die Nacht ist lustig und wild. Ein lebendes Wassergebirge Bildet die tosende See; Hier gähnt ein schwarzer Abgrund, Dort türmt es sich weiß in die Höh'. Ein Fluchen, Erbrechen und Beten Schallt aus der Kajüte heraus; Ich halte mich fest am Mastbaum, Und wünsche: War' ich zu Haus! IS. Der Abend kommt gezogen, Der Nebel bedeckt die See; Geheimnisvoll rauschen die Wogen, Da steigt es weiß in die Höh'. Die Meerfrau steigt auS den Wellen, Und setzt sich zu mir an den Strand; Die weißen Brüste quellen Hervor aus dem Schleiergewand. Sie drückt mich und sie preßt mich, Und thut mir fast ein Weh; — Du drückst ja viel zu fest mich, Du schöne Wasserfee! „Ich press' dich in meinen Armen, Und drücke dich mit Gewalt; Ich will bei dir erwarmen, Der Abend ist gar zu kalt." Der Mond schaut immer blasser Aus dämmriger Wolkenhöh'; Dein Auge wird trüber und nasser, Du schöne Wasserfee! Die Heimkehr. „Es wird nicht trüber nnd nasser, Mein Aug' ist naß und trüb, Weil, als ich stieg aus dem Wasser, Ein Tropfen im Auge blieb." Die Möwen schrillen kläglich, Es grollt und brandet die See; — Dein Herz pocht wild beweglich, Du schöne Wasserfee! „Mein Herz pocht wild beweglich, Es pocht beweglich wild, Weil ich dich liebe unsäglich, Du liebes Menschenbild!" 13. Wenn ich an deinem Hause Des Morgens vorübergeh', So freut's mich, du liebe Kleine, Wenn ich dich am Fenster seh'. Mit deinen schwarzbraunen Augen Siehst du mich forschend an: Wer bist du, und was fehlt dir, Du fremder, kranker Mann? „Ich bin ein deutscher Dichter, Bekannt im deutschen Land; Nennt man die besten Name», So wird auch der meine genannt. „Und was mir fehlt, du Kleine, Fehlt manchem im deutschen Land; Nennt man die schlimmsten Schmerzen, So wird auch der meine genannt." 14. Das Meer erglänzte weit hinaus Im letzten Abendscheine; Wir saßen am einsamen Fischerhaus, Wir saßen stumm und alleine. Die Heimkehr. Der Nebel stieg, das Wasser schwoll, Die Möwe flog hin und wieder; Aus deinen Augen liebevoll Fielen die Thränen nieder. Ich sah sie fallen auf deine Hand, Und bin aufs Knie gesunken; Ich Hab' von deiner weißen Hand Die Thränen fortgetrunken. Seit jener Stunde verzehrt sich mein Leib, Die Seele stirbt vor Sehnen; — Mich hat das unglücksel'ge Weib Vergiftet mit ihren Thronen. 13. Da droben auf jenem Berge, Da steht ein feines Schloß, Da wohnen drei schöne Fräulein, Von denen ich Liebe genoß. Sonnabend küßte mich Jette, Und Sonntag die Julia, Und Montag die Kunigunde, Die hat mich erdrückt beinah'. Doch Dienstag war eine Fete Bei meinen drei Fräulein im Schloß; Die Nachbarschafts-Herren und Damen Die kamen zu Wagen und Roß. Ich aber war nicht geladen, Und das habt ihr dumm gemacht! Die zischelnden Muhmen und Basen, Die merkten's und haben gelacht. 16. Am fernen Horizonte Erscheint, wie ein Nebelbild, Die Heimkehr. Die Stadt mit ihren Türmen In Abenddämmrung gehüllt. Ein feuchter Windzug kräuselt Die graue Wasserbahn-, Mit traurigem Takte rudert Der Schiffer in meinem Kahn. Die Sonne hebt sich noch einmal Leuchtend vom Boden empor, Und zeigt mir jene Stelle, Wo ich das Liebste verlor. 17. Sei mir gegrüßt, du große, Geheimnisvolle Stadt, Die einst in ihrem Schöße Mein Liebchen umschlossen hat. Sagt an, ihr Türme und Thore, Wo ist die Liebste mein? Euch Hab' ich sie anvertrauet, Ihr solltet mir Bürge sein. Unschuldig sind die Türme, Sie konnten nicht vbn der Stell'. Als Liebchen mit Koffern und Schachteln Die Stadt verlassen so schnell. Die Thore jedoch, die ließen Mein Liebchen entwischen gar still-, Ein Thor ist immer willig, Wenn eine Thörin will. 13. So waudl' ich wieder den alten Weg, Die wohlbekannten Gassen; Ich komme von meiner Liebsten Haus, Das steht so leer und verlassen. gl) Dle Heimklir, Die Straßen sind doch gar zu eng! Das Pflaster ist unerträglich! Die Häuser fallen mir auf den Kopf! Ich eile so viel als möglich! 19. Ich trat in jene Hallen, Wo sie mir Treue versprochen; Wo einst ihre Thränen gefallen, Sind Schlangen hervorgekrochen. 20. Still ist die Nacht, es ruh'n die Gassen, In diesem Hanse wohnte mein Schatz; Sie hat schon langst die Stadt verlassen, Doch steht noch das Haus auf demselben Platz. Da steht auch ein Mensch und starrt in die Höhe, Und ringt die Hände vor Schmerzensgewalt; Mir graust es, wenn ich sein Antlitz sehe — Der Mond zeigt mir meine eigne Gestalt. Du Doppeltgänger! du bleicher Geselle! Was äffst du nach mein Liebesleid, Das mich gequält auf dieser Stelle, So manche Nacht in alter Zeit? 21. Wie kannst du ruhig schlafen, Und weißt, ich lebe noch? Der alte Zorn kommt wieder, Und dann zerbrech' ich mein Joch. Kennst du das alte Liedchen: Wie einst ein toter Knab' Um Mitternacht die Geliebte Zu sich geholt ins Grab? Die Heimkehr. Glaub mir, du wunderschönes, Du wunderholdes Kind, Ich lebe und bin noch stärker, Als alle Toten sind! SS. „Die Jungfrau schläft in der Kammer, Der Mond schaut zitternd hinein; Da draußen singt es und klingt es, Wie Walzsrmslodein. „Ich will mal schaun aus dem Fenster, Wer drunten stört meine Ruh'. Da steht ein Totengerippe, Und fiedelt und singt dazu: „Hast einst mir den Tanz versprochen, Und hast gebrochen dein Wort, Und heut' ist Ball auf dem Kirchhof, Komm mit, wir tanzen dort. „Die Jungfrau ergreift es gewaltig, Es lockt sie hervor aus dem Haus; Sie folgt dem Gerippe, das singend Und fiedelnd schreitet voraus. „ES fiedelt und tänzelt und hüpfet, Und klappert mit seinem Gebein, Und nickt und nickt mit dem Schädel Unheimlich im Mondenschein." S3. Ich stand in dunkeln Träumen, Und starrte ihr Bildnis an, Und das geliebte Antlitz Heimlich zu leben begann. Um ihre Lippen zog sich Ein Lächeln wunderbar, Und wie von Wehmutsthränen Erglänzte ihr Augenpaar. Die Heimkehr. Auch meine Thränen flössen Mir von den Wangen herab — Und ach, ich kann es nicht glauben. Daß ich dich verloren Hab'! 24, Ich unglücksel'ger Atlas! eine Welt, Die ganze Welt der Schmerzen, muß ich tragen, Ich trage Unerträgliches, und brechen Will mir das Herz im Leibe. Du stolzes Herz, du hast eS ja gewollt! Du wolltest glücklich sein, unendlich glücklich, Oder unendlich elend, stolzes Herz, Und jetzo bist du elend. 2S. Die Jahre kommen und gehen, Geschlechter steigen ins Grab, Doch nimmer vergeht die Liebe, Die ich im Herzen Hab'. Nur einmal noch möcht' ich dich sehen, Und sinken vor dir aufs Knie, Und sterbend zu dir sprechen: Madam, ich liebe Sie! 26. Mich träumte: traurig schaute der Mond, Und traurig schienen die Sterne; Es trug mich zur Stadt, wo Liebchen wohnt, Viel hundert Meilen ferne. Es hat mich zu ihrem Hause geführt. Ich küßte die Steine der Treppe, Die oft ihr kleiner Fuß berührt Und ihres Kleides Schleppe. Die Heimkehr, Die Nacht war lang, die Nacht war kalt. Es waren so kalt die Steine; Es lugt' aus dein Fensler die blasse Gestalt, Beleuchtet vom Mondenscheiuc. 27. WaS will die einsame Thräne? Sie trübt mir ja den Blick. Sie blieb aus alten Zeiten Iii meinem Auge zurück. Sie hatte viel leuchteude Schwestern, Die alle zerflossen sind Mit meinen Qualen und Freuden, Zerflossen in Nacht und Wind. Wie Nebel sind auch zerflossen Die blauen Sternelein, Die mir jene Freuden und Qualen Gelächelt ins Herz hinein. Ach, meine Liebe selber Zerfloß wie eitel Hauch! Du alte, einsame Thräne, Zerfließe jetzunder auch! 28. Der bleiche, herbstliche Halbmond Lugt aus den Wolken heraus; Ganz einsam liegt auf dem Kirchhos Das stille Pfarrerhaus. Die Mutter liest in der Bibel, Der Sohn, der starret ins Licht, Schlaftrunken dehnt sich die ältre, Die jüngere Tochter spricht: Ach Gott, wie einem die Tage Langweilig hier vergehn! Die Heimkehr. Nur wenn sie einen begraben, Bekommen wir etwas zu sehn. Die Mutter spricht zwischen dein Lesen: Du irrst, es starben nur vier, Seit man deinen Vater begraben Dort an der Kirchhofsthüw Die ültre Tochter gähnet: Ich will nicht verhungern bei euch, Ich gehe morgen zum Grafen, Und der ist verliebt und reich. Der Sohn bricht aus in Lachen: Drei Jäger zechen im Stern, Die machen Gold und lehren Mir das Geheimnis gern. Die Mutter wirft ihm die Bibel Ins magre Gesicht hinein: So willst du, Gottverfluchter, Ein Straßenräuber sein! Sie hören pochen ans Fenster, Und sehn eine winkende Hand; Der tote Jäter steht draußen Im schwarzen Pred'gergewand. 29. Das ist ein schlechtes Wetter, Es regnet und stürmt und schneit; Ich sitze am Fenster und schaue Hinaus in die Dunkelheit. Da schimmert ein einsames Lichtchen, Das wandelt langsam fort; Ein Mütterchen mit dem Laternchen Wankt über die Straße dort. Ich glaube, Mehl und Eier Und Butter kaufte sie ein; Sie will einen Kuchen backen Fürs große Töchterlein. Die Heimkehr, 95 Die liegt zu Haus im Lehnstuhl, lind blinzelt schläfrig ins Licht; Die goldnen Locken wallen Über das süße Gesicht. 30. Man glaubt, daß ich mich gräme In bitterm Liebesleid, Ünd endlich glaub' ich es selber, So gut wie andre Leut'. Du Kleine mit großen Augen, Ich Hab' eS dir immer gesagt, Daß ich dich unsäglich liebe, Daß Liebe mein Herz zernagt. Doch nur in einsamer Kammer Sprach ich auf solche Art, lind ach! ich Hab' immer geschwiegen Ju deiner Gegenwart. Da gab es böse Engel, Die hielten mir zu den Mund; Und ach! durch böse Engel Bin ich so elend jetzund. 31. Deine weißen Lilienfiuger, Könnt' ich sie noch einmal küssen. Und sie drücken an mein Herz, Und vergeh» in stillem Weinen! Deine klaren Veilchenaugen Schweben vor mir Tag und Nacht, Und mich quält es: Was bedeuten Diese süßen, blauen Rätsel? Die Heimkehr. 32. „Hat sie sich denn nie geäußert Über dein verliebtes Wesen? Konntest du in ihren Augen Niemals Gegenliebe lesen? „Konntest du in ihren Augen Niemals bis zur Seele dringen? Und du bist ja sonst kein Esel, Teurer Freund, in solchen Dingen." 33. Sie liebten sich beide, doch keiner Wollt' es dem andern gestehn; Sie sahen sich an so feinolich. Und wollten vor Liebe vergehn. Sie trennten sich endlich und sahn sich Nur noch zuweilen im Traum; Sie waren längst gestorben, Und wußten es selber kaum. 34. Und als ich euch meine Schmerzen geklagt, Da habt ihr gegähnt und nichts gesagt; Doch als ich sie zierlich in Verse gebracht, Da habt ihr mir große Elogen gemacht. 33. Ich rief den Teufel und er kam. Und ich sah ihn mit Verwundrung an; Er ist nicht häßlich und ist nicht lahm, Er ist ein lieber, scharmanter Mann, Ein Mann in seineil besten Jahren, Verbindlich und höflich und welterfahren. Er ist ein gescheuter Diplomat, Und spricht recht schön über Kirch' und Staat. Die Heimkehr Blaß ist er etwas, doch ist es kein Wunder, Sanskrit und Hegel studiert er jetzunder. Sein Lieblingspoet ist noch immer Fouque, Doch will er nicht mehr mit Kritik sich befassen Die hat er jetzt gänzlich überlassen Der teuren Großmutter Hekate L Er lobte mein juristisches Streben, .Hat früher sich auch damit abgegeben. Er sagte, meine Freundschaft sei Ihm nicht zu teuer, und nickte dabei, Und frug: ob wir uns früher nicht Schon einmal gesehn beim span'schen Gesandte Und als ich recht besah sein Gesicht, Fand ich in ihm einen alten Bekannten. 36. Mensch, verspotte nicht den Teufel, Kurz ist ja die Lebensbahn, Und die ewige Berdammnis Ist kein bloßer Pöbelwahn. Mensch , bezahle deine Schulden, Lang ist ja die Lebensbahn, Und du mußt noch manchmal borgen, Wie du es so oft gethan. 37. Die heil'gen drei Könige aus Morgenland, Sie frugen in jedem Städtchen: Wo geht der Weg nach Bethlehem, Ihr lieben Buben und Mädchen? Die Jungen und Alten, sie wußten es nicht, Die Könige zogen weiter; Sie folgten einem goldenen Stern, Der leuchtete lieblich und heiter. > Bezieht sich wahrscheinlich aus die Zeitschrist „Hekate". Heine. Buch der Lieder. 7 Der Stern blieb stehn über Josephs Haus, Da sind sie hineingegangen; Das Öchslein brüllte, das Kindlein schrie, Die heil'gen drei Könige sangen. 38.' Mein Kind, wir waren Kinder, Zwei Kinder, klein und froh; Wir krochen ins Hiihnerhttuschen, Versteckten uns unter das Stroh. Wir krähten wie die Hähne, Und kamen Leute vorbei — „Kikeriki!" sie glaubten. Es wäre Hahnengeschrei. Die Kisten auf unserem Hofe Die tapezierten wir aus, Und wohnten drin beisammen, Und machten ein vornehmes Haus. Des Nachbars alte Katze Kam öfters zum Besuch; Wir machten ihr Bückling' und Knickse Und Komplimente genug. Wir haben nach ihrem Befinden Besorglich und freundlich gefragt; Wir haben seitdem dasselbe Mancher alten Katze gesagt. Wir saßen auch oft und sprachen Vernünftig, wie alte Leut', Und klagten, wie alles besser Gewesen zu unserer Zeit; Wie Lieb' und Treu' und Glauben Verschwunden aus der Welt, Und wie so teuer der Kaffee, Und wie so rar das Geld! ' Gerichtet an Heines Schwester Charlotte Die Heimkehr Vorbei sind die Kinderspiele, Und alles rollt vorbei, — Das Geld und die Welt und die Zeiten, Und Glauben und Lieb' und Treu'. Das Herz ist mir bedrückt, und sehnlich Gedenke ich der alten Zeit! Die Welt war damals noch so wohnlich, Und ruhig lebten hin die Leut'. Doch jetzt ist alles wie verschoben, Das ist ein Drängen! eine Not! Gestorben ist der Herrgott oben, Und unten ist der Teufel tot. Und alles schaut so grämlich trübe, So krausverwirrt und morsch und kalt, Und wäre nicht das bißchen Liebe, So gäb' es nirgends einen Halt. 40. Wie der Mond sich leuchtend dränget Durch den dunkeln Wolkenflor, Also taucht aus dunkeln Zeiten Mir ein lichtes Bild hervor. Saßen all' auf dem Verdecke, Fuhren stolz hinab den Rhein, Und die soinmergrünen User Glühn im Abendsonnenschein. Sinnend saß ich zu den Füßen Einer Dame, schön und hold; In ihr liebes, bleiches Antlitz Spielt' das rote Sonnengold. Lauten klangen, Buben sangen, Wunderbare Fröhlichkeit! Und der Himmel wurde blauer, Und die Seele wurde weit. Dil Heimkehr, Märchenhaft vorüberzogen Berg' und Burgen, Wald und Au'; — Und das alles sah ich glänzen In dem Aug' der schonen Frau, 41. Im Traum sah ich die Geliebte, Ein banges, bekümmertes Weib, Verwelkt und abgefallen Der sonst so blühende Leib. Ein Kind trug sie auf dein Arme, Ein andres führt sie an der Hand, Und sichtbar ist Armut und Trübsal Am Gang und Blick und Gewand. Sie schwankte über den Marktplatz Und da begegnet sie mir, Und sieht mich an und ruhig Und schmerzlich sag' ich zu ihm Komm mit nach meinem Hause, Denn du bist bläh und krank; Ich will durch Fleiß und Arbeit Dir schaffen Speis' und Trank. Ich will auch pflegen und warten Die Kinder, die bei dir sind, Vor allem aber dich selber. Du armes, unglückliches Kind. Ich will dir nie erzählen, Daß ich dich geliebet Hab', Und wenn du stirbst, so will ich Weinen auf deinem Grab. 42. „Teurer Freund! Was soll es nützen. Stets das alte Lied zu leiern? Willst du ewig brütend sitzen Auf den alten Liebes-Eiern? Die Heimkehr. 101 „Ach! Das ist ein ewig Gattern, Aus den Schalen kriechen Küchlein, Und sie piepsen und sie flattern, Und du sperrst sie in ein Büchlein/' 43. Werdet nur nicht ungeduldig, Wenn von alten Leidensklängen Manche noch vernehmlich tönen In den neuesten Gesängen. Wartet nur, es wird verhallen Dieses Echo meiner Schmerzen, Und ein neuer Liederfrühling Sprießt ans dem geheilten Herzen. 44. Nun ist es Zeit, daß ich mit Verstand Mich aller Thorheit entled'ge; Ich Hab' so lang als ein Komödiant Mit dir gespielt die Komödie. Die prächt'gen Kulissen, sie waren bemalt Im hochromantischen Stile, Mein Rittermantel hat goldig gestrahlt, Ich fühlte die feinsten Gefühle. Und nun ich mich gar säuberlich Des tollen Tands entled'ge, Noch immer elend fühl' ich mich, Als spielt' ich noch immer Komödie. Ach Gott! im Scherz und unbewußt Sprach ich, was ich gefühlet; Ich Hab' mit dem Tod in der eignen Brust Den sterbenden Fechter gespielet. Die Heimlchr, 45. Den König Wiswamitra, Den treibt's ohne Rast und Ruh', Er will durch Kampf und Büßung Erwerben Wasischtas Kuh. O, König Wiswamitra, O, welch ein Ochs bist du, Daß du so viel kämpfest und büßest. Und alles für eine Kuh! 46. Herz, mein Herz, sei nicht beklommen. Und ertrage dein Geschick. Neuer Frühling gibt zurück, Was der Winter dir genommen. Und wie viel ist dir geblieben, Und wie schön ist noch die Welt! Und mein Herz, was dir gefällt, Alles, alles darfst du lieben! 47. Du bist wie eine Blume So hold und schön und rein; Ich schau' dich an, und Wehmut Schleicht mir ins Herz hinein. Mir ist, als ob ich die Hände Aufs Haupt dir legen sollt', Betend, daß Gott dich erhalte So rein und schön und hold. 48. Kind! es wäre dein Verderben, Und ich geb' mir selber Mühe, Daß dein liebes Herz in Liebe Nimmermehr für mich erglühe. Die Heimlehr. Nur daß mir 's so leicht gelinget, Will mich dennoch fast betrüben, Und ich denke manchmal dennoch: Möchtest du mich dennoch lieben! 49. Wenn ich auf dem Lager liege. In Nacht und Kissen gehüllt, So schwebt mir vor ein süßes, Anmutig liebes Bild. Wenn mir der stille Schlummer Geschlossen die Augen kaum. So schleicht das Bild sich leise Hinein in meinen Traum. Doch mit dem Traum des Morgens Zerrinnt es nimmermehr; Dann trag' ich es im Herzen Den ganzen Tag umher. 39. Mädchen mit dem roten Mündchen, Mit den Äuglein süß und klar, Du mein liebes, kleines Mädchen, Deiner denk' ich immerdar. Lang ist heut' der Winterabend, Und ich möchte bei dir sein, Bei dir sitzen, mit dir schwatzen Im vertrauten Kämmerlein. An die Lippen wollt' ich pressen Deine kleine weiße Hand, Und mit Thränen sie benetzen, Deine kleine weiße Hand. 51. Mag da draußen Schnee sich türmen, Mag es hageln, mag es stürmen. Klirrend mir ans Fenster schlagen, Nimmer will ich mich beklagen, Denn ich trage in der Brust Liebchens Bild und Frühlingslust. SS. Andre beten zur Madonne, Andre auch zu Paul und Peter; Ich jedoch, ich will nur beten, Nur zu dir, du schöne Sonne. Gib mir Küsse, gib mir Wonne, Sei mir gütig, sei mir gnädig, Schönste Sonne unter den Mädchen, Schönstes Mädchen unter der Sonne! 53. Verriet mein blasses Angesicht Dir nicht mein Liebeswehs? Und willst du, daß der stolze Mund Das Bettelwort gestehe? O, dieser Mund ist viel zu stolz Und kann nur küssen und scherzen; Er spräche vielleicht ein höhnisches Wort, Während ich sterbe vor Schmerzen. 54. Teurer Freund, du bist verliebt, Und dich quälen neue Schmerzen; Dunkler wird es dir im Kopf, beller wird es dir im Herzen. Die Heimkehr Teurer Freund, du bist verliebt, Und du nullst eS nicht bekennen, Und ich seh' des Herzens Glut Schon durch deine Wests brennen. 53. Ich wollte bei dir weilen Und an deiner Seite ruhn; Du mußtest von mir eilen, Du hattest viel zu thun. Ich sagte, daß meine Seele Dir gänzlich ergeben sei; Du lachtest aus voller Kehle, Und machtest 'neu Knicks dabei. Du hast noch mehr gesteigert Mir meinen Liebesverdruß, Und hast mir sogar verweigert Am Ende den Äbschiedskuß. Glaub nicht, daß ich mich erschieße, Wie schlimm auch die Sachen stehn! Das alles, meine Süße, Ist mir schon einmal geschshn. 56. Saphire sind die Augen dein, Die lieblichen, die süßen. O, dreimal glücklich ist der Mann, Den sie mit Liebe grüßen. Dein Herz, es ist ein Diamant, Der edle Lichter sprühet. O, dreimal glücklich ist der Mann, Für den eS liebend glühet. Rubinen sind die Lippen dein, Man kann nicht schönre sehen. Die Heimkehr. O, dreimal glücklich ist der Mann, Dem sie die Liebe gestehen. O, kennt' ich nur den glücklichen Mann, O, daß ich ihn nur fände, So recht allein im grünen Wald, Sein Glück hätt' bald ein Ende. 37. Habe mich mit Liebesreden Festgelogen an dein Herz, Und, verstrickt in eignen Fäden, Wird zum Ernste mir mein Scherz. Wenn du dich mit vollem Rechte Scherzend nun von mir entfernst, Nahn sich mir die Höllenmächte, Und ich schieß' mich tot im Ernst. 68. Zu fragmentarisch ist Welt und Leben — - Ich will mich zum deutschen Professor begeben. Der weiß das Leben zusammenzusetzen. Und er macht ein verständlich System daraus; Mit seinen Nachtmützen und Schlafrockfetze» Stopft er die Lücken des Weltenban'S. 69. Ich Hab' mir lang' den Kopf zerbrochen Mit Denken und Sinnen, Tag und Nacht, Doch deine liebenswürdigen Augen, Sie haben mich zum Entschluß gebracht. Jetzt bleib' ich, wo deine Augen leuchten; In ihrer süßen, klugen Pracht — Daß ich noch einmal würde lieben, Ich hätt' es nimmermehr gedacht. Die Heimkehr. 00. Sie haben heut' abend Gesellschaft, Und das Haus ist lichterfüllt. Dort oben am hellen Fenster Bewegt sich ein Schattenbild. Du schaust mich nicht, im Dunkeln Steh' ich hier unten allein; Noch wen'ger kannst du schauen In mein dnnkles Herz hinein. Mein dunkles Herze liebt dich, Es liebt dich und es bricht, Und bricht und zuckt und verblutet, Aber du siehst es nicht. S1. Ich wollt', meine Schmerzen ergössen Sich all' in ein einziges Wort, Das gab' ich den lustigen Winden, Die trügen es lustig fort. Sie tragen zu dir, Geliebte, Das schmerzerfüllte Wort; Du hörst es zu jeder Stunde, Du hörst es an jedem Ort. Und hast du zum nächtlichen Schlummer Geschlossen die Augen kaum, So wird dich mein Wort verfolgen Bis in den tiefsten Traum. 62. Du hast Diamanten und Perlen, Hast alles, was Menschenbegehr, Und hast die schönsten Augen — Mein Liebchen, was willst du mehr? 108 Die Heimlehr. Auf deine schönen Augen Hab' ich ein ganzes Heer Von ewigen Liedern gedichtet — Mein Liebchen, was willst du mehr? Mit deinen schönen Augen Hast du mich geguält so sehr, Und hast mich zu Grunde gerichtet — Mein Liebchen, was willst du mehr? 63 Wer zun: ersten Male liebt, Sei's auch glücklos, ist ein Gott; Aber wer zum zweiten Male Glücklos liebt, der ist ein Narr. Ich, ein solcher Narr, ich liebe Wieder ohne Gegenliebe! Sonne, Mond und Sterns lachen, Und ich lache mit — und sterbe. 64. Gaben mir Nat und gute Lehren, Uberschiitteten mich mit Ehren, Sagten, daß ich nur warten sollt', Haben mich protegieren gewollt. Aber bei all ihrem Protegieren, Hätte ich können vor Hunger krepieren, War' nicht gekommen ein braver Mann, Wacker nahm er sich meiner an. Braver Mann! er schafft mir zu essen! Will es ihm nie und nimmer vergessen! Schade, daß ich ihn nicht küssen kann! Denn ich bin selbst dieser brave Mann. ? Die Heimkehr. 109 65'' Diesen liebenswürdigen Jüngling Kann man nicht genug verehren; Oft traktiert er mich mit Austern Und mit Rheinwein und Likören. Zierlich sitzt ihm Rock und Höschen, Doch noch zierlicher die Binde, Und so kommt er jeden Morgen, Fragt, ob ich mich wohl befinde; Spricht von meinem weiten Ruhme, Meiner Anmut, meinen Witzen; Eifrig und geschäftig ist er, Mir zu dienen, mir zu nützen. Und des Abends in Gesellschaft, Mit begeistertein Gesichte, Deklamiert er vor den Damen Meine göttliche» Gedichte. O, wie ist es hoch erfreulich, Solchen Jüngling noch zu finden. Jetzt in unserer Zeit, wo täglich Mehr und mehr die Bessern schwinden. 66. Mir träumt': ich bin der liebe Gott, Und sitz' im Himmel droben, Und Englein sitzen um mich her, Die meine Verse loben. Und Kuchen ess' ich und Konfekt Für manchen lieben Gulden, Und Kardinal trink' ich dabei, Und habe keine Schulden. Doch Langeweile plagt mich sehr, Ich wollt', ich wär' auf Erden, ^ Dieses Gedicht, wahrscheinlich im Herbst 1823 verfaßt, bezieht sich auf den Dr. zur. Rudolf Christians, der damals Stadtsekretär beim küneburger Magistrat war und Heines Bekanntschaft suchte. 110 Die Heimkehr. Und war' ich nicht der liebe Gott, Ich könnt' des Teufels werden. Du langer Engel Gabriel, Geh, mach dich auf die Sohlen, Und meinen teuern Freund Eugen ^ Sollst du herauf mir holen. Such ihn nicht im Kollegium, Such ihn beim Glas Tokayer; Such ihn nicht in der Hedwigskirch', Such ihn bei Mamsell Meyer. Da breitet ans sein Flügelpaar Und fliegt herab der Engel, Und packt ihn auf, und bringt herauf Den Freund, den lieben Vengel. Ja, Jung', ich bin der liebe Gott, Und ich regier' die Erde! Ich hab's 'ja immer dir gesagt, Daß ich was Rechts noch werde. Und Wunder thu' ich alle Tag', Die sollen dich entzücken, Und dir zum Spaße will ich heut' Die Stadt Berlin beglücken. Die Pflastersteine auf der Straß', Die sollen jetzt sich spalten, Und eine Auster, frisch und klar, Soll jeder Stein enthalten. Ein Regen von Zitronensaft Soll tauig sie begießen, Und in den Straßengössen soll Der beste Rheinwein fließen. Wie freuen die Berliner sich, Sie gehen schon ans Fressen; i Gemeint ist Heines volnischer Freund Graf Eugen von Vreza „ Daraus erk lärt sich auch, warum unter den Kirchen Verliiis gerade die einzige katholische, die Hedwigskirchc, als diejenige genannt wird, in welcher man den u-wiß dem katholischen Bekenntnis angehörigen polnijchm Edelmann nicht fachen soll." (Hiiffer.) Die Heimkehr. III Die Herren von dein Landgericht, Die saufen aus den Gössen. Wie freuen die Poeten sich Bei solchem Götterfraßs! Die Leutnants und die Fähnderichs, Die lecken ab die Straße. Die Leutnants und die Fähnderichs, Das sind die klügsten Leute, Sie denken: alle Tag' geschieht Kein Wunder so wie heute. 67. Ich Hab' euch im besten Juli verlassen, Und find' euch wieder im Januar; Ihr saßet damals so recht in der Hitze, Jetzt seid ihr gekühlt und kalt sogar. Bald scheid' ich nochmals, und komm' ich einst wieder, Dann seid ihr weder warm noch kalt, Und über eure Gräber schreit' ich, Und das eigne Herz ist arm und alt. 68. Von schönen Lippen fortgedrängt, getrieben Aus schönen Armen, die uns fest umschlossen! Ich wäre gern noch einen Tag geblieben, Da kam der Schwager schon mit seinen Rossen. Das ist das Leben, Kind! ein ewig Jammern, Ein ewig Abschiednehmen, ew'gss Trennen! Könnt' denn dein Herz das mein'ge nicht umklammern? Hat selbst dein Auge mich nicht halten können? 69. Wir fuhren allein im dunkeln Postwagen die ganze Nacht; Wir ruhten einander am Herzen, Wir haben gescherzt und gelacht. Die Heimkehr. Doch als es morgens tagte, Mein Kind, wie staunton wir! Denn zwischen uns saß Amor, Der blinde Passagier. 70. Das weiß Gott, wo sich die tolle Dirne einquartieret hat; Fluchend in dein Regenwetter Lauf' ich durch die ganze Stadt. Bin ich doch von einem Gasthof Nach dem andern hingerannt, Und an jeden groben Kellner Hab' ich mich umsonst gewandt. Da erblick' ich sie am Fenster, Und sie winkt und kichert hell. Könnt' ich wissen, du bewohntest, Mädchen, solches Prachthotel! 71. Wie dunkle Träume stehen Die Häuser in langer Reih'; Tief eingehüllt im Mantel Schreite ich schweigend vorbei. Der Turin der Kathedrale Verkündet die zwölfte Stund'; Mit ihren Reizen und Küssen Erwartet mich Liebchen jetzund. Der Mond ist mein Begleiter, Er leuchtet mir freundlich vor; Da bin ich an ihrem Hause, Und freudig ruf' ich empor: Ich danke dir, alter Vertrauter, Daß du meinen Weg erhellt; Jetzt will ich dich entlassen, Jetzt leuchte der übrigen Welt! Die Heimkehr. Und findest du einen Verliebten, Der einsam klagt sein Leid, So tröst ihn, wie du mich selber Getröstet in alter Zeit. 72. Und bist du erst mein ehlich Weib, Dann bist du zu beneiden, Dann lebst du in lauter Zeitvertreib, In lauter Pläsir und Freuden. Und wenn dki schiltst und wenn du tobst, Ich werd' es geduldig leiden; Doch wenn du meine Verse nicht lobst, Lass' ich mich von dir scheiden. 73. An deine schneeweiße Schulter Hab' ich mein Haupt gelehnt. Und heimlich kann ich behorchen, Wonach dein Herz sich sehnt. Es blasen die blauen Husaren, Und reiten zum Thor Heroin, Und morgen will mich verlassen Die Herzallerliebste mein. Und willst du mich morgen verlassen, So bist du doch heute noch mein, Und in deinen schönen Armen Will ich doppelt selig sein. 74. Es blasen die blauen Husaren, Und reiten zum Thor hinaus! Da komm' ich, Geliebte, und bringe Dir einen Rosenstrauß. Buch der Lieder. 3 114 Tie Heimkehr. Das war eine wilde Wirtschaft! Kriegsvolk und Landesplag'! Sogar in deinem Herzchen Viel Einquartierung lag. 7S. Habe auch in jungen Jahren Manches bittre Leid erfahren Von der Liebs Glut. Doch das Holz ist gar zu teuer. Und erlöschen will das Feuer, toi! und das ist gut. Das bedenke, junge Schöne, Schicke fort die dumme Thräne Und den dummen Liebesharm. Ist das Leben dir geblieben, So vergiß das alte Lieben, Na toi! in meinein Arm. 76. Bist du wirklich mir so feindlich, Bist du wirklich ganz verwandelt? Aller Welt will ich es klagen. Daß du mich so schlecht behandelt. O ihr undankbaren Lippen, Sagt, wie könnt ihr Schlimmes sagen Von dem Manne, der so liebend Euch geküßt in schönen Tagen? 77. Ach, die Augen sind es wieder, Die mich einst so lieblich grüßten, Und es sind die Lippen wieder, Die das Leben mir versüßten! Dil Heimlehr IIA Auch die Stimme ist es wieder, Die ich einst so gern gehöret! Nur ich selber bm's nicht wieder, Bin verändert heimgekehret. Von den weißen, schönen Armen Fest und liebevoll umschlossen, Lieg' ich jetzt an ihrem Herzen Dumpfen Sinnes und verdrossen. 78. Selten habt ihr mich verstanden, Selten auch verstand ich euch, Nur wenn wir im Kot uns fanden, So verstanden wir uns gleich. 79. Doch die Kastraten klagten, Als ich meine Stimm' erhob', Sie klagten und sie sagten: Ich sänge viel zu grob. Und lieblich erhoben sie alle Die kleinen Stimmelein, Die Trillerchen wie Kristalle, Sie klangen so fein und rein. Sie sangen von Liebessehnen, Bon Liebe und Liebeserguß; Die Damen schwammen in Thränen Bei solchem Kunstgenuß. 80. Auf den Wällen Salamancas^ Sind die Lüfte lind und labend; > Nach M. Heine j Die Heimkehr. Der Blaurock ist ein Engel', doch der Note Mit blankem Schwert ist Ihnen spinnefeind". Und noch viel buntre, wunderliche Reden Schwatzt' sie in einein fort, und setzte sich Ermüdet mit mir nieder auf die Moosbank, Die unterm alten Eichenbaume steht. Da saßen wir beisammen, still und traurig, Und sahn uns an, und wurden immer traur'ger. Die Eiche säuselte wie Sterbeseufzer, Tiefschmerzlich sang die Nachtigall herab. Doch rote Lichter drangen durch die Blätter, Umflimmerten Marias weißes Antlitz, Und lockten Glut aus ihren starren Augen, Und mit der alten, süßen Stimme sprach sie: „Wie wußtest du, daß ich so elend bin? Ich las es jüngst in deinen wilden Liedern." Eiskalt durchzog's mir da die Brust, mir grauste Ob meinem eignen Wahnsinn, der die Zukunft Geschaut, es zuckte dunkel durch mein Hirn, Und vor Entsetzen bin ich aufgewacht. Donna Clara. In dem abendlichen Garten Wandelt des Alkaden Tochter; Pauken- und Trommetenjubel Klingt herunter von dem Schlosse. „Lästig werden mir die Tänze Und die süßen Schmeichelworte, Und die Ritter, die so zierlich Mich vergleichen mit der Sonne. „Übsrlästig wird mir alles, Seit ich sah beim Strahl des Mondes Jenen Ritter, dessen Laute Nächtens mich ans Fenster lockte. „Wie er stand so schlank und mutig. Und die Augen leuchtend schössen Tonna Clara. Aus dem edelblassen Antlitz, Glich er wahrlich Sankt Georgen/' Also dachte Donna Clara, Und sie schaute auf den Boden; Wie sie aufblickt, steht der schöne, Unbekannte Ritter vor ihr. Händedrückend, liebeflüsternd Wandeln sie umher im Mondschein. Und der Zephyr schmeichelt freundlich, Mürchenartig grüßen Rosen. Märchenartig grüßen Rosen, Und sie glühn wie Liebesboten. — Aber sage mir, Geliebte, Warum du so plötzlich rot wirst? „Mücken stachen mich, Geliebter, Und die Mücken sind im Sommer Mir so tief verhaßt, als würen's Langenas'ge Judenrotten." Laß die Mücken und die Juden, Spricht der Ritter, freundlich kosend. Von den Mandelbäumen fallen Tausend weiße Blütenflocken. Tausend weiße Blütenflocken Haben ihren Duft ergossen. — Aber sage mir, Geliebte, Ist dein Herz mir ganz gewogen? „Ja, ich liebe dich, Geliebter, Bei dem Heiland sei's geschworen, Den die gottverfluchten Juden Boshaft tückisch einst ermordet." Laß den Heiland und die Juden, Spricht der Ritter, freundlich kosend. In der Ferne schwanken traumhast Weiße Lilien, lichtumflossen. Weiße Lilien, lichtumflossen, Blicken nach den Sternen droben. ^ Die Heimkehr. Aber sage mir, Geliebte, Hast du auch nicht falsch geschworen? „Falsch ist nicht in mir, Geliebter, Wie in meiner Brust kein Tropfen Blut ist von dem Blut der Mohren Und des schmutz'gen Judenvolkes." Laß die Mohren und die Juden, Spricht der Ritter, freundlich kosend: Und nach einer Myrtenlaube Führt er die Alkadentochter. Mit den weichen Liebesnetzen Hat er heimlich sie umflochten! Kurze Worte, lange Küsse, Und die Herzen Überflossen. Wie ein schmelzend süßes Brautlied Singt die Nachtigall, die holde; Wie zun: Fackeltanze hüpfen Feuerwürmchen auf dem Boden. In der Laube wird es stiller, Und man hört nur, wie verstohlen. Das Geflüster kluger Myrten Und der Blumen Atemholen. Aber Pauken und Trommeten Schallen plötzlich aus dem Schlosse, Und erwachend hat sich Clara Aus des Ritters Arm gezogen. „Horch! da ruft es mich, Geliebter Doch, bevor wir scheiden, sollst du Nennen deinen lieben Namen, Den du mir so lang' verborgen." Und der Ritter, heiter lächelnd, Küßt die Finger seiner Donna, Küßt die Lippen und die Stirne, lind er spricht zuletzt die Worte: Almansor. Ich, Sennora, Eu'r Geliebter, Bin der Sohn des vielbelobten, Großen, schriftgelehrten Rabbi Israel von Saragossa.' Aliimnlor. i. In dem Dome zu Corduva Stehen Säulen, dreizehnhundert, Dreizehnhundert Riesensäulen Tragen die gewalt'ge Kuppel. Und auf Säulen, Kuppel, Wänden Ziehn von oben sich bis unten Des Korans arab'sche Sprüche, Klug und blumenhaft verschlungen. Mohrenkön'ge bauten weiland Dieses Haus zu Allahs Ruhme, Doch hat vieles sich verwandelt In der Zeiten dunkelm Strudel. Auf dem Turme, wo der Türmer Zum Gebete aufgerufen, Tönet jetzt der Christenglocken Melancholisches Gesumms. Auf den Stufen, wo die Gläub'gen Das Prophetenwort gesungen. Zeigen jetzt die Glatzenpfäfflein Ihrer Messe fades Wunder. Und das ist ein Drehn und Winden Vor den buntbemalten Puppen, Und das blockt und dampft und klingelt, Und die dummen Kerzen funkeln. In dem Dome zu Corduva Steht Almansor ben Abdullah, ! Hein? schreibt an Moser.- „Es gibt einen Abraham von Saragossa, aber Israel fand ich bezeichnender". Die Heimkehr. All' die Säulen still betrachtend. Und die stillen Worte murmelnd: „O, ihr Säulen, stark und riesig, Einst geschmückt zu Allahs Ruhme, Jetzo müßt ihr dienend huld'gen Dein verhaßten Christentums! „Ihr bequemt euch in die Zeiten, Und ihr tragt die Last geduldig; Ei, da muß ja wohl der Schwächre Noch viel leichter sich beruh'gen," Und sein Haupt, mit heiterm Antlitz, Beugt Almansor ben Abdullah Über den gezierten Tausstein In dem Dome zu Corduva. 2, Hastig schritt er aus dem Domo, Jagte fort auf wildem Rappen, Daß im Wind die feuchten Locken Um des Hutes Federn wallen. Auf dem Weg von Alcolea, Dem Guadalquivir entlange, Wo die weißen Mandeln blühen, Und die duft'gen Goldorangen; Törten jagt der lust'ge Ritter, Pfeift und singt, und lacht behaglich, Und es stimmen ein die Vögel Und des Stromes laute Wasser. In dem Schloß zu Alcolea Wohnet Clara de Alvarss, In Navarra kämpft ihr Vater, Und sie freut sich mindern Zwanges. Und Almansor hört schon ferne Pauken und Drommeten schallen, Ünd er sieht des Schlosses Lichter Blitzen durch der Bäume Schatten. Almansor. ZI9 In dem Schloß zu Alcolea Tanzen zwölf geschmückte Damen, Tanzen zwölf geschmückte Ritter, Doch am schönsten tanzt Almansor. Wie beschwingt von muntrer Laune Flattert er herum im Saale, Und er weiß den Damen allen Süße Schmeichelei'n zu sagen. Jsabellens schöne Hände Küßt er rasch, und springt von dannen. Und er setzt sich vor Elviren, Und er schaut ihr froh ins Antlitz. Lachend fragt er Leonoren: Ob er heute ihr gefalle? Und er zeigt die goldnen Kreuze, Eingestickt in seinen Mantel. Er versichert jeder Dame, Daß er sie im Herzen trage; Und ,,so wahr ich Christ bin!" schwört er Dreißigmal an jenem Abend. 3. In dem Schloß zu Alcolea Ist verschollen Lust und Klingen, .Herrn und Damen sind verschwunden. Und erloschen sind die Lichter. Donna Clara und Almansor Sind allein im Saal geblieben; Einsam streut die letzte Lampe Über beide ihren Schimmer. Auf dem Sessel sitzt die Dame, Auf dem Schemel sitzt der Ritter, Und sein Haupt, das schlummermüde, Ruht auf den geliebten Knieen. ideine. Blick der Lieder. 9 IM Die Heimkehr. Rosenöl aus goldnem Fläschchen Gießt die Dame, sorgsam sinnend. Auf Almansors braune Locken — Und er seufzt aus Herzenstiefe. Süßen Kuß, mit sanftein Munds, Drückt die Dame, sorgsam sinnend. Auf Almansors braune Locken — Und es wölkt sich seine Stirne. Thränenflut aus lichten Augen Weint die Dame, sorgsam sinnend, Auf Almansors braune Locken — Und es zuckt um seine Lippen. Und er träumt: er stehe wieder, Tief das Haupt gebeugt und triefend, In dem Dome zu Corduva, Und er hört viel dunkle Stimmen. All die hohen Riesensäulen Hört er murmeln unmutgrimmig, Länger wollen sie's nicht tragen, Und sie wanken und sie zittern; — Und sie brechen wild zusammen, Es erbleichen Volk und Priester, Krachend stürzt herab die Kuppel, Und die Christengötter wimmern. Die Wallfahrt nach Kevlaar. i. Am Fenster stand die Mutter, Im Bette lag der Sohn. „Willst du nicht aufstehn, Wilhelm, Zu schaun die Prozession?" „Ich bin so krank, o Mutter, Daß ich nicht hör' und seh'; Ich denk' an das tote Gretchen, Da thut das Herz mir weh." — Tie Wallfahrt nach Kevlaar. „Steh auf, wir wollen nach Kevlaar. Nimm Buch und Rosenkranz; Die Mutter Gottes heilt dir Dein krankes Herze ganz." Es flattern die Kirchenfahnen, Es singt im Kirchenton; Das ist zu Köllen am Rheine, Da geht die Prozession. Die Mutter folgt der Menge, Den Sohn, den führet sie, Sie singen beide im Chore: Gelobt seist du, Marie! 2. Die Mutter Gottes zu Kevlaar Trägt heut' ihr bestes Kleid; Heut' hat sie viel zu schassen, Es kommen viel kranke Leut'. Die kranken Leute bringen Ihr dar als Opferspend' Aus Wachs gebildete Glieder, Viel wächserne Füß' und Händ'. Und wer eine Wachshand opfert, Dem heilt an der Hand die Wund'; Und wer einen Wachsfuh opfert, Dein wird der Fuß gesund. Nach Kevlaar ging mancher auf Krücken, Der jetzo tanzt auf dem Seil, Gar mancher spielt jetzt die Bratsche, Dem dort kein Finger war heil. Die Mutter nahm ein Wachslicht, Und bildet draus ein Herz. „Bring das der Mutter Gottes, Dann heilt sie deinen Schmerz." Der Sohn nahm seufzend das Wachsherz, Ging seufzend zum Heiligenbild; 9* Die Heinikehr. Die Thräne quillt aus dem Augs, Das Wort aus dem Herzen quillt: „Du Hochgebenedeite, Du reine Gottesmagd, Du Königin des Himmels, Dir sei mein Leid geklagt! „Ich wohnte mit meiner Mutter, Zu Köllen in der Stadt, Der Stadt, die viele Hundert Kapellen und Kirchen hat. „Und neben uns wohnte Gretchen, Doch die ist tot jetzund — Marie, dir bring' ich ein Wachsherz, Heil du meine Herzenswund'. „Heil du mein krankes Herze — Ich will auch spät und früh Jnbrünstiglich beten und singen: Gelobt seist du, Marie!" 3. Der kranke Sohn und die Mutter, Die schliefen im Kämmerlein; Da kam die Mutter Gottes Ganz leise geschritten herein. Sie beugte sich über den Kranken, Und legte ihre Hand Ganz leise auf sein Herze, Und lächelte mild und schwand. Die Mutter schaut alles im Traume, Und hat noch mehr geschaut; Sie erwachte aus dem Schlummer, Die Hunde bellten so laut. Da lag dahingestrecket Ihr Sohn, und der war tot; Prolog. Es spielt auf den bleichen Wangen Das lichte Morgenrot. Die Mutter faltet die Hände, Ihr war, sie wußte nicht wie; Andächtig sang sie leise: Gelobt seist du, Marie! Aus der Karzreise. 1824. Prolog. Schwarze Röcke, seidne Strümpfe, Weiße, höfliche Manschetten, Sanfte Reden, Embrassieren — Ach, wenn sie nur Herzen hätten! Herzen in der Brust, und Liebe, Warme Liebe in dem Herzen — Ach, mich tötet ihr Gesinge Bon erlognen Liebesschmerzen. Alls die Berge will ich steigen, Wo die frommen Hütten stehen, Wo die Brust sich frei erschließet Und die freien Lüfte wehen. Auf die Berge will ich steigen, Wo die dunkeln Tannen ragen, Bäche rauschen, Vögel singen, Und die stolzen Wolken jagen. Lebet wohl, ihr glatten Säle, Glatte Herren, glatte Frauen! Auf die Berge will ich steigen, Lachend auf euch niederschauen. Aus der Harzrcise. Berg-Idylle. 1. Auf dem Berge steht die Hütte, Wo der alte Borgmann wohnt; Dorten ranscht die grüne Tanne, Und erglänzt der goldne Mond. In der Hütte steht ein Lehnstuhl, Ausaeschnitzelt wunderlich, Der darauf sitzt, der ist glücklich, Und der Glückliche bin ich! Auf dem Schemel sitzt die Kleine, Stützt den Arm auf meinen Schoß! Auglein wie zwei blaue Sterne, Mündlein wie die Purpurros'. Und die lieben blauen Sterne Schaun mich an so himmelgroß; Und sie legt den Lilienfinger Schalkhaft auf die Purpurros'. Nein, es sieht uns nicht die Mutter, Denn sie spinnt mit großem Fleiß, Und der Vater spielt die Zither, Und er singt die alte Weis'. Und die Kleine flüstert leise, Leise, mit gedämpftem Laut ; Manches wichtige Geheimnis Hat sie mir schon anvertraut. „Aber seit die Muhme tot ist, Können wir ja nicht mehr gehn Nach dem Schützenhof zu Goslar, Dorten ist es gar zu schön. „Hier dagegen ist es einsam, Auf der kalten Bergeshöh', Und des Winters sind wir gänzlich Wie begraben in dem Schnee. Berz-Jdylle, 13? „Und ich bin ein banges Mädchen, Und ich furcht' mich wie ein Kind Vor den bösen Bergesgeistern, Die des Nachts geschäftig sind/' Plötzlich schweigt die liebe Kleine, Wie vom eignen Wort erschreckt, Und sie hat mit beiden Händchen Ihre Äugelein bedeckt. Lautsr rauscht die Tanne draußen. Und das Spinnrad schnurrt und brummt, Und die Zither klingt dazwischen, Und die alte Weise summt: „Furcht dich nicht, du liebes Kindchen, Vor der bösen Geister Macht! Tag und Nacht, du liebes Kindchen, Halten Englein bei dir Wacht!" S. Tannenbaum mit grünen Fingern Pocht ans niedre Fensterlein, Und der Mond, der stille Lauscher, Wirft sein goldnes Licht herein. Vater, Mutter schnarchen leise In dem nahen Schlafgemach; Doch wir beide, selig schwatzend, Halten uns einander wach. „Daß du gar zu oft gebetet, Das zu glauben wird mir schwer, Jenes Zucken deiner Lippen Kommt wohl nicht vom Beten her. „Jenes böse, kalte Zucken, Das erschreckt mich jedesmal, Doch die dunkle Angst beschwichtigt Deiner Augen frommer Strahl. „Auch bezweifl' ich, daß du glaubest, Was so rechter Glauben heißt, — Aus der Harzrekse. Glaubst wohl nicht an Gott den Vater, An den Sohn und Heil'gen Geist?" Ach, mein Kindchen, schon als Knabe, Als ich saß auf Mutter Schoß, Glaubte ich an Gott den Vater, Der da waltet gut und groß! Der die schöne Erd' erschaffen. Und die schönen Menschen drauf, Der den Sonnen, Monden, Sternen Vorgezeichnet ihren Lauf. Als ich größer wurde, Kindchen, Noch viel mehr begriff ich schon, Ich begriff und ward vernünftig, Und ich glaub' auch an den Sohn; An den lieben Sohn, der liebend Uns die Liebe offenbart. Und zum Lohne, wie gebräuchlich, Von dem Volk gekreuzigt ward. Jetzo, da ich ausgewachsen, Viel gelesen, viel gereist, Schwillt mein Herz, und ganz von Herzen Glaub' ich an den Heil'gen Geist. Dieser that die größten Wunder, Und viel größre thut er noch; Er zerbrach die Zwingherrnburgen, Und zerbrach des Knechtes Joch. Alte Todeswunden heilt er, Und erneut das alte Recht; Alle Menschen, gleichgeboren, Sind ein adliges Geschlecht. Er verscheucht die bösen Nebel Und das dunkle Hirngespinst, Das uns Lieb' und Lust verleidet, Tag und Nacht uns angegrinst. Tausend Ritter, wohlgewappnet, Hat der Heil'ge Geist erwählt. Berg-Idylle. Seinen Willen zu erfüllen; Und er hat sie mutbeseelt. Ihre teuern Schwerter blitzen, Ihre guten Banner wehn! Ei, du möchtest wohl, mein Kindchen, Solche stolze Ritter sehn? Nun, so schau mich an, mein Kindchen, Küsse mich, und schaue dreist; Denn ich selber bin ein solcher Ritter von dem Heil'gen Geist. 3. Still versteckt der Mond sich draußen Hinterm grünen Tannenbaum, Und im Zimmer unsre Lampe, Flackert matt und leuchtet kaum. Aber meine blauen Sterne Strahlen auf in hellerm Licht, Und es glühn die Purpurröslein, Und das liebe Mädchen spricht: „Kleines Völkchen, Wichtelmännchen, Stehlen unser Brot und Speck, Abends liegt es noch im Kasten, Und des Morgens ist es weg. „Kleines Völkchen, unsre Sahne Nascht es von der Milch, und läßt Unbedeckt die Schüssel stehen, Und die Katze säuft den Rest. „Und die Katz' ist eine Hexe/ Denn sie schleicht bei Nacht und Sturm Drüben nach dem Geisterberge, Nach dem altverfallnen Turm. „Dort hat einst ein Schloß gestanden, Voller Lust und Waffenglanz; Sluz der Harzreise. Blanke Ritter, Fraun und Knappen Schwangen sich im Fackeltanz. „Da verwünschte Schloß und Leute Eine böse Zauberin, Nur die Trümmer blieben stehen, Und die Eulen nisten drin. „Doch die sel'ge Muhme sagte: Wenn man spricht das rechte Wort, Nächtlich zu der rechten Stunde, Drüben an dem rechten Ort, „So verwandeln sich die Trümmer Wieder in ein Helles Schloß, Und es tanzen wieder lustig Ritter, Fraun und Knappentroß; „Und wer jenes Wort gesprochen, Dem gehören Schloß und Leut', Pauken und Trompeten huld'gen Seiner jungen Herrlichkeit." Also blühen Märchenbilder Aus des Mundes Röselein, Und die Augen gießen drüber Ihren blauen Sternenschein. Ihre goldnen Haare wickelt Mir die Kleine um die Händ', Gibt den Fingern hübsche Namen, Lacht und küßt und schweigt am End'. Und im stillen Zinnner alles Blickt mich an so wohlvertraut; Tisch und Schrank, mir ist, als hätt'ich Sie schon früher mal geschaut. Freundlich ernsthaft schwatzt die Wanduhr, Und die Zither, hörbar kaum, Fängt von selber an zu klingen, Und ich sitze wie im Traum. Jetzo ist die rechte Stunde, Und es ist der rechts Ort; Birg »MM Ja, ich glaube, von den Lippen Gleitet mir das rechts Wort. Siehst du, Kindchen, wie schon dämmert Und erbebt die Mitternacht! Bach und Tannen brausen lauter, Und der alte Berg erwacht. Zitherklang und Zwergenlieder Tönen aus des Berges Spalt, Und es sprießt, wie'n toller Frühling, Draus hervor ein Blumenwald; — Blumen, kühne Wunderblumen, Blätter, breit und fabelhaft, Duftig bunt und hastig regsam, Wie gedrängt von Leidenschaft. Rosen, wild wie rote Flammen, Sprühn aus dem Gewühl hervor; Lilien, wie kristallne Pfeiler, Schießen himmelhoch empor. Und die Sterne, groß wie Sonnen, Schaun herab mit Sehnsuchtglut; In der Lilien Niesenkelche Strömet ihre Strahlenflut. Doch wir selber, süßes Kindchen, Sind verwandelt noch viel mehr; Fackelglauz und Gold und Seide Schimmern lustig um uns her. Du, du wurdest zur Prinzessin, Diese Hütte ward zum Schloß, Und da jubeln und da tanzen Ritter, Fraun und Knappentroß, Aber ich, ich Hab' erworben Dich und alles, Schloß und Leut'; Pauken und Trompeten huld'gen Meiner jungen Herrlichkeit! 140 Aus der Harzreise. Der Hirtenknabe. König ist der Hirtenknabe. Grüner Hügel ist sein Thron; Über seinem Hanpt die Sonne Ist die große, goldne Krön'. Ihm zu Füßen liegen Schafe, Weiche Schmeichler, rotbekreuzt; Kavaliere sind die Kalber, Und sie wandeln stolzgcspreizt. Hosschauspisler sind die Böcklein; Und die Bogel und die Küh', Mit den Flöten, mit den Glöcklein, Sind die Kammermusizi. Und das klingt und singt so lieblich. Und so lieblich rauschen drein Wasserfall und Tannenbäume, Und der König schlummert ein. Unterdessen muß regieren Der Minister, jener Hund, Dessen knurriges Gebelle Widerhallet in der Rund'. Schläfrig lallt der fange König: „Das Regieren ist so schwer; Ach, ich wollt', daß ich zu Hause Schon bei meiner Kön'gin war'! „In den Armen meiner Kön'gin Ruht mein Königshaupt so weich, Und in ihren schönen Augen Liegt mein unermeßlich Äeich!" Äuf dem Brocken. Heller wird es schon im Osten Durch der Sonne kleines Glimmen, Weit und breit die Bergesgipfel In dem Nebelmeere schwimmen. Der Hiricnknal-c, Auf dem Brocken. Die Ilse. Hütt' ich Siebenmeilenstiefel, Lief' ich mit der Hast des Windes Über jene Bergesgipfel Nach dein Haus des lieben Kindes. Von dem Bettchen, wo sie schlummert. Zog' ich leise die Gardinen, Leise küßt' ich ihre Stirne, Leise ihres Munds Rubinen. Und noch leiser wollt' ich flüstern In die kleinen Lilienohren: Denk im Traum, daß wir uns lieben, Und daß wir uns nie verloren. Die Ilse. Ich bin die Prinzessin Ilse, Und wohne im Jlsenstein; Komm mit nach meinem Schlosse, Wir wollen selig sein. Dein Haupt will ich benetzen Mit meiner klaren Well', Du sollst deine Schmerzen vergessen, Du sorgenkranker Gesell! In ineinen weißen Armen, Air meiner weißen Brust, Da sollst du liegen und träumen Von alter Märchenlust. Ich will dich küssen und herzen, Wie ich geherzt und geküßt Den lieben Kaiser Heinrich, Der nun gestorben ist. Es bleiben tot die Toten, Und nur der Lebendige lebt; Und ich bin schön und blühend, Mein lachendes Herze bebt. Die Nordsee. Komm in mein Schloß herunter. In mein kristallenes Schloß. Dort tanzen die Fräulein und Ritter, Es jubelt der Knappentroß. Es rauschen die seidenen Schleppen, Es klirren die Eisenspor'n, Die Zwerge trompeten und pauken, Und siedeln und blasen das Horn. Doch dich soll mein Arm umschlingen. Wie er Kaiser Heinrich umschlang; — Ich hielt ihm zu die Ohren, Wenn die Trompet' erklang. Ate W o r d s e e. 1825 — 1826. Erster Cyklus. i. Krönung. Ihr Lieder! Ihr meine guten Lieder! Auf, auf! und wappnet euch! Laßt die Trompeten klingen, Und hebt mir auf den Schild Dies junge Mädchen, Das jetzt mein ganzes Herz Beherrschen soll, als Königin. Heil dir! du junge Königin! Von der Sonne droben Reiß' ich das strahlend rote Gold, Krönung. Abenddämmerung. Und webe draus ein Diadem Für dein geweihtes Haupt, Von der flatternd blauseidnen Himmelsdecke, Worin die Nachtdiamanten blitzen, Schneid' ich ein kostbar Stück, Und häng' es dir als Krönnngsmantel Um deine königliche Schulter, Ich gebe dir einen Hosstaat Von steifgeputzten Sonetten, Stolzen Terzinen und höflichen Stanzen; Als Läufer diene dir mein Witz, Als Hofnarr meine Phantasie, Als Herold, die lachende Thräne im Wappen, Diene dir mein Humor, Aber ich selber, Königin, Ich kniee vor dir nieder, Und huld'gend, auf rotem Sammetkissen, Überreiche ich dir Das bißchen Verstand, Das mir aus Mitleid noch gelassen hat Deine Vorgängerin im Reich. 2, Alieilddinmnerung. Am blassen Meeresstrande Saß ich gedankenbekümmert und einsam. Die Sonne neigte sich tiefer und warf Glührote Streifen auf das Wasser, Und die weißen, weiten Wellen, Von der Flut gedrängt, Schäumten und rauschten näher und näher — Ein seltsam Geräusch, ein Flüstern und Pfeifen, Ein Lachen und Murmeln, Seufzen und Sausen, Dazwischen ein wiegenliedheimliches Singen — Mir war, als hört' ich verschollne Sagen, Uralte, liebliche Märchen, Die ich einst als Knabe 144 Die Nordsee. Von Nachbarskindern vernalnn. Wenn wir am Sommerabeno Auf den Treppensteinen der Hausthiir Zum stillen Erzählen niederkauerten Mit kleinen, horchenden Herzen Und neugierklugen Augen; Während die großen Mädchen Neben duftenden Blumentöpfen Gegenüber am Fenster saßen, Nosengesichter, Lächelnd und mondbeglänzt. 3. Soimeinliitergaiig. Die glühend rote Sonne steigt Hinab ins weit aufschauernde, Silbergraue Weltmeer; Luftgebilde, rosig angehaucht, Wallen ihr nach; und gegenüber, Aus herbstlich dämmernden Wolkenschleicri:, Ein traurig todblasses Antlitz, Bricht hervor der Mond, Und hinter ihm, Lichtfünkchen, Nebelweit, schimmern die Sterne Einst am Himmel glänzten, Ehlich vereint, Luna, die Göttin, und Sol, der Gott, Und es wimmelten um sie her die Sterne, Die kleinen, unschuldigen Kinder, Doch böse Zungen zischelten Zwiespalt, Und es trennte sich feindlich Das hohe, leuchtende Eh'paar. Jetzt am Tage, in einsamer Pracht, Ergeht sich dort oben der Sonnengott, Ob seiner Herrlichkeit Angebetet und vielbesungen Sonnenuntergang. Von stolzen, glückgehärteten Menschen. Aber des Nachts Am Himmel wandelt Luna, Die arme Mutter, Mit ihren verwaisten Sternenkindern, Und sie glänzt in stiller Wehmut, Und liebende Mädchen und sanfte Dichter Weihen ihr Thränen und Lieder. Die weiche Luna! Weiblich gesinnt, Liebt sie noch immer den schönen Gemahl. Gegen Abens, zitternd und bleich, Lauscht sie hervor aus leichtem Gewölk, Und schaut nach dein Scheidenden schmerzlich. Und möchte ihm ängstlich rufen: „Komm! Komm! die Kinder verlangen nach dir —" Aber der trotzige Sonnengott, Bei dem Anblick der Gattin erglüht' er In doppeltem Purpur, Vor Zorn und Schmerz, Und unerbittlich eilt er hinab In sein flutenkaltes Witwerbstt. Böse, zischelnde Zungen Brachten also Schmerz und Verderben Selbst über ewige Götter. Und die armen Götter, oben am Himmel Wandeln sie, qualvoll, Trostlos unendliche Bahnen, lind können nicht sterben, Und schleppen mit sich Ihr strahlendes Elend Ich aber, der Mensch, Der niedrig gepflanzte, der Tod-beglückte, Ich klage nicht länger. Buch der Lieder 10 Die Nordsee. 4. Die Nacht am Strande. Sternlos und kalt ist die Nacht, Es gärt das Meer; Und über dem Meer, platt auf dem Bauch, Liegt der ungestaltete Nordwind, Und heimlich, mit ächzend gedämpfter Stimme, Wie'n störriger Griesgram, der gut gelaunt wird, Schwatzt er inS Wasser hinein, Und erzählt viel tolle Geschichten, Niesenmärchen, totschlaglaunig, Uralte Sagen aus Norweg, Und dazwischen, wcitschallend, lacht er und heult er Beschwörunzslieder der Edda, Auch Nunensprüche, So dunkeltrotzig und zaubergewaltig, Daß die weißen Mesrkinder Hoch aufspringen und jauchzen, Übermut-berauscht, „ Derweilen, am flachen Gestade, Über den flutbefeuchteten Sand Schreitet ein Fremdling, mit einem Herzen, Das wilder noch als Wind und Wellen, Wo er hintritt, Sprühen Funken, und knistern die Muscheln; Und er hüllt sich fest in den grauen Mantel, Und schreitet rasch durch die wehende Nacht; — Sicher geleitet vom kleinen Lichte, Das lockend und lieblich schimmert Aus einsamer Fischerhütte. Vater und Bruder sind auf der See, Und mutterseelallsin blieb dort In der Hütte die Fischertochter, Die wunderschöne Fischertochter. Am Herde sitzt sie, Und horcht auf des Wasserkessels Ahnungssüßes, heimliches Summen, Die Nacht am Strande. Und schüttet knisterndes Reisig ins Feuer, Und bläst hinein. Daß die flackernd roten Lichter Zauberlieblich widerstrahlen Auf das blühende Antlitz, Auf die zarte, weiße Schulter, Die rührend hervorlauscht Aus dem groben, grauen Heinde, Und auf die kleine, sorgsame Hand, Die das Unterröckchen fester bindet Um die feine Hüfte, Aber plötzlich, die Thür springt auf, Und es tritt herein der nächtige Fremdling; Liebesicher ruht sein Auge Auf dem weißen, schlanken Mädchen, Das schauernd vor ihm steht. Gleich einer erschrockenen Lilie; Und er wirft den Mantel zur Erde, Und lacht und spricht: Siehst du, mein Kind, ich halte Wort, Und ich komme, und mit mir kommt Die alte Zeit, wo die Götter des Himmels Niederstiegen zu Töchtern der Menschen, Und die Töchter der Menschen umarmten, Und mit ihnen zeugten Zeptertragende Königsgeschlechter Und Helden, Wunder der Welt, Doch staune, mein Kind, nicht länger Ob meiner Göttlichkeit, Und, ich bitte dich, koche mir Thse mit Rum, Denn draußen war's kalt, Und bei solcher Nachtluft Frieren auch wir, wir ewigen Götter, Und kriegen wir leicht den göttlichsten Schnupfen Und einen unsterblichen Husten. 148 Die Nordsee. 5. Poseidon. Die Sonnenlichter spielten Über das weithinrollende Meer; Fern auf der Reede glänzte das Schiff, Das mich zur Heimat tragen sollte; Aber es fehlte an gutem Fahrwind, Und ich saß noch ruhig auf weißer Düne Am einsamen Strand. Und ich las das Lied vom Odvsseus, Das alte, das ewig junge Lied, Aus dessen meerdurchrauschten Blättern Mir freudig entgegenstieg Der Atem der Götter, Und der leuchtende Menschenfrühling, Und der blühende Himmel von Hellas. Mein edles Herz begleitete treulich Den Sohn des Laertes, in Irrfahrt und Drangsal, Setzt' sich mit ihm, seelenbekümmert, An gastliche Herde, Wo Königinnen Purpur spinnen, Und half ihm lügen und glücklich entrinnen Aus Riesenhöhlen und Nymphenarmen, Folgte ihm nach in kimmerische Nacht, Und in Sturm und Schiffbruch, Und duldet' mit ihm unsägliches Elend. Seufzend sprach ich: Du böser Poseidon, Dein Zorn ist furchtbar, Und mir selber bangt Ob der eignen Heimkehr. Kaum sprach ich die Worte, Da schäumte das Meer, Und aus den weißen Wellen stieg Das schilfbekränzte Haupt des Meergotts, Und höhnisch rief er: Fürchte dich nicht, Poetlein! Ich will nicht im g'ringsten gefährden Voseidon. Erklärung. 149 Dein armes Schi.-chen, Und nicht dein liebes Leben beängstigen Mit allzu bedenklichem Schaukeln. Denn du, Poetlein, hast nie mich erzürnt. Du hast kein einziges Türmchsn verletzt An Priamos' heiliger Feste, Kein einziges Härchen hast du versengt Am Aug' meines Sohns Polyphemos, Und dich hat niemals ratend beschützt Die Göttin der Klugheit, Pallas Athene. Also rief Poseidon Und tauchte zurück ins Meer; Und über den groben Seemannswitz Lachten unter dem Wasser Amphitrite, das plumpe Fischweib, Und die dummen Töchter des Nereus. 6. Erklärung. Herangedammert kam der Abend, Wilder toste die Flut, Und ich sah am Strand, und schaute zu Dem weißen Tanz der Wellen, Und meine Brust schwoll auf wie das Meer, Und sehnend ergriff mich ein tiefes Heimweh Nach dir, du holdes Bild, Das überall mich umschwebt, Und überall mich ruft, Überall, überall, Im Sausen des Windes, im Brausen des Meers, Und im Seufzen der eigenen Brust. Mit leichtem Rohr schrieb ich in den Sand- „Agnes, ich liebe dich!" Doch böse Wellen ergossen sich Über das süße Bekenntnis, Und löschten es aus. Die Nordsee. Zerbrechliches Rohr, zerstiebend r Sand, Zerfließende Wellen, ench trau' ich nicht mehr! Der Himmel wird dunkler, mein Herz wird wilder. Und mit starker Hand, ans Norwegs Wäldern, Reiß' ich die höchste Tanne, Und tauche sie ein In des Ätnas glühenden Schlund, und mit solcher Fsuergetränkteir Niesenfeder Schreib' ich an die dunkle Himmelsdecke: „Agnes, ich liebe dich!" Jedwede Nacht lodert alsdann Dort oben die ewige Flammenschrift, Und alle nachwachsende Enkelgeschlechter Lesen jauchzend die Himmelsworte: „Agnes, ich liebe dich!" 7. riuchsg in der Kajüte. Das Meer hat seine Perlen, Der Himmel hat seine Sterne, Aber mein Herz, mein Herz, Mein Herz hat seine Liebe. Groß ist das Meer und der Himmel, Doch größer ist mein Herz, Und schöner als Perlen und Sterne Leuchtet und strahlt meine Liebe. Du kleines, junges Madchen, Komm an mein großes Herz; Mein Herz und das Meer und der Himmel Bergehn vor lauter Liebe. An die blaue Himmelsdecke, Wo die schönen Sterne blinken, Möcht' ich pressen meine Lippen, Pressen wild und stürmisch weinen. NachtS i» der Kajuie. Jene Sterne sind die Augen Meiner Liebsten, tausendfältig Schimmern sie und grüßen freundlich Aus der blauen Himmelsdecke. Nach der blauen Himmelsdecke, Nach den Augen der Geliebten, Heb' ich andachtsvoll die Arme, Und ich bitte und ich flehe: Holde Augen, Gnadenlichter, O, beseligt meine Seele, Laßt mich sterben und erwerben Euch und euren ganzen Himmel! 45 Aus den Himmelsaugen droben Fallen zitternd goldne Funken Durch die Nacht, und meine Seele Dehnt sich liebeweit und weiter. O, ihr Himmelsaugen droben! Weint euch aus in meine Seele, Daß von lichten Sternenthriinen Überfließet meine Seele. Eingewiegt von Meereswellen Und von träumenden Gedanken, Lieg' ich still in der Kajüte, In dem dunkeln Winkelbette. Durch die offne Luke schau' ich Droben hoch die hellen Sterne, Die geliebten, süßen Augen Meiner süßen Vielgeliebten. Die geliebten, süßen Augen Wachen über meinem Haupte, Und sie blinken und sie winken Aus der blauen Himmelsdecke. Nach der blauen Himmelsdecks Schau' ich selig lange Stunden. 182 Die Nordsee. Bis ein weißer Nebelschleier Mir verhüllt die lieben Augen.. » ^ » An die bretterne Schisfswand, Wo mein träumendes Haupt liegt, Branden die Wetten, die wilden Wellen; Sie rauschen und murmeln Mir heimlich ins Ohr: „Bethörter Geselle! Dein Arm ist kurz, und der Himmel ist weit, Und die Sterne droben sind festgenagelt Mit goldnen Nägeln, — Vergebliches Sehnen, vergebliches Seufzen, Das beste wäre, du schliefest ein." -i- -5 -i- Es träumte mir von einer weiten Heide, Weit überdeckt von stillem, weißem Schnee, Und unterm weißen Schnee lag ich begraben Und schlief den einsam kalten Todesschlaf. Doch droben aus dem dunkeln Himmel schauten Herunter auf mein Grab die Sternenaugen, Die süßen Augen! und sie glänzten sieghaft Und ruhig heiter, aber voller Liebe. 8. Stürm. Es wütet der Sturm, Und er peitscht die Wellen, Und die Well'n, wutschäumend und bäumend, Türmen sich auf, und es wogen lebendig Die weißen Wasserberge, Und das Schifflein erklimmt sie, Hastig mühsam, Und plötzlich stürzt es hinab, In schwarze, weitgähnende Flutabgründe — Sturm. Meeresstille. O Meer! Mutter der Schönheit, der Schaumentstiegenon! Großmutter der Liebe! schone meiner! Schon flattert, leichenwitternd, Die weiße, gespenstische Möwe, Und wetzt an dein Mastbaum den Schnabel, Und lechzt voll Fraßbegier nach dem Herzen, Das vom Ruhm deiner Tochter ertönt, Und das dein Enkel, der kleine Schalk, Zum Spielzeug erwählt. Vergebens mein Bitten und Fleh»! Mein Rufen verhallt im tosenden Sturm, Im Schlachtlärm der Winde. Es braust und pfeift und prasselt und heult. Wie ein Tollhaus von Tönen! Und zwischendurch hör' ich vernehmbar Lockende Harfenlaute, Sehnsuchtwilden Gesang, Seelonschmelzend und seelsnzerreißend, Und ich erkenne die Stimme. Fern an schottischer Felsenküste, Wo das graue Schlößlein hinausragt Über die brandende See, Dort, am hochgewölbten Fenster, Steht eine schöne, kranke Frau, Zartdurchsichtig und marmorblaß, Und sie spielt die Harfe und singt, Und der Wind durchwühlt ihre langen Locken Und trägt ihr dunkles Lied Über das weite, stürmende Meer. 9. Meeresstille. Meeresstille! Ihre Strahlen Wirst die Sonne auf das Wasser, Und im wogenden Geschmeide Zieht das Schiff die grünen Furchen. Die Nordsee. Bei dem Steuer liegt der Bootsmann Auf dem Bauch, und schnarchst leise. Bei dem Mastbaum, segelflickend, Kauert der beteerte Schiffsjung'. Hinterm Schmutze seiner Wangen Sprüht es rot, wehmütig zuckt es Um das breite Maul, und schmerzlich Schaun die großen, schönen Augen, Denn der Kapitän steht vor ihm, Tobt und flucht und schilt ihn: „Spitzbub'! Spitzbub'! einen Hering hast du Aus der Tonne mir gestohlen!" Meeresstille! Aus den Wellen Taucht hervor ein kluges Fischlein, Wärmt das Köpfchen in der Sonne, Plätschert lustig mit dein Schwänzchen. Doch die Möwe, aus den Lüften, Schießt herunter ans das Fischlcin, Und den raschen Raub im Schnabel Schwingt sie sich hinauf ins Blaue. 10. Scegcl'penst. Ich aber lag am Rande des Schisfes, Und schaute, träumenden Auges, Hinab in das spiegelklare Wasser, Und schaute tiefer und tiefer — Bis tief im Meeresgrunde, Anfangs wie dämmernde Nebel, Jedoch allmählich farbenbestimmter, Kirchenkuppel und Türme sich zeigten, Und endlich, sonnenklar, eins ganze Stadt Altertümlich niederländisch, Und menschenbelebt. Bedächtige Männer, schwarzbemäntelt, Mit weißen Halskrausen und Ghrenketten, Und langen Degen und langen Gesichtern Schreiten über den wimmelnden Marktplatz Nach dem treppenhohen Rathaus, Wo steinerne Kaiserbilder Wacht halten mit Zepter und Schwert, Unferne, vor langen Häuserreihn, Wo spiegelblanke Fenster Und pyramidisch beschnittene Linden, Wandeln seidenrauschende Jungfern, Schlanke Leibchen, die Vlumengesichter Sittsam umschlossen von schwarzen Mützchen Und hervorquellendem Goldhaar, Bunte Gesellen, in spanischer Tracht, Stolzieren vorüber und nicken. Bejahrte Frauen, In braunen, vorschollnen Gewändern, Gesaugbuch und Rosenkranz in der Hand, Eilen trippelnden Schritts, Nach dem großen Dome, Getrieben von Glockengeläute Und rauschendem Orgelton. Mich selbst ergreift des fernen Klangs Geheimnisvoller Schauer! Unendliches Sehnen, tiefe Wehmut Beschleicht mein Herz, Mein kaum geheiltes Herz; — Mir ist, als würden seine Wunden Von lieben Lippen aufgekllht Und thäten wieder bluten, — Heiße, rote Tropfen, Die lang und laugsam niederfallen Auf ein altes Haus, dort unten In der tiefen Meerstadt, Auf ein altes, hochgegiebeltes Haus, Das melancholisch menschenleer ist, Nur daß am untern Fenster Ein Mädchen sitzt, Den Kopf auf den Arm gestützt, Wie ein armes, vergessenes Kind — Und ich kenne dich, armes, vergessenes Kind! Die Nordsee. So tief, meertief also Verstecktest du dich vor mir Aus kindischer Laune, Und konntest nicht mehr herauf, Und saßest fremd unter fremden Leuten, Jahrhundertelana, Derweilen ich, die Seele voll Gram, Auf der ganzen Erde dich suchte, Und immer dich suchte, Dil Jinmergeliebte, Du Längstverlorene, Du Endlichgefundene — Ich Hab' dich gefunden und schaue wieder Dein süßes Gesicht, Die klugen, treuen Augen, Das liebe Lächeln — Und nimmer will ich dich wieder verlassen. Und ich komme hinab zu dir, Und mit ausgebreiteten Armen Stürz' ich hinab an dein Herz — Aber zur rechten Zeit noch Ergriff mich beim Fuß der Kapitän, Und zog mich vom Schiffsrand, Und rief, ärgerlich lachend: Doktor, sind Sie des Teufels? 11. Reinigung. Bleib du in deiner Meerestiefe, Wahnsinniger Traum, Der du einst so manche Nacht Mein Herz mit falschem Glück gequält hast, Und jetzt als Seegespenst Sogar am hellen Tag mich bedrohest — Bleib du dort unten in Ewigkeit, Und ich werfe noch zu dir hinab All meine Schmerzen und Sünden, Reinigung. Frieden. Und die Schellenkappe der Thorheit, Die so lange mein Haupt uniklingelt, Und die kalte, gleißende Schlangenhaut Der Heuchelei, Die mir so lang' die Seele umwunden, Die kranke Seele, Die gottverleugnende, engelverleugnende, Unselige Seele — Hoiho! Hoiho! Da kommt der Wind! Die Segel auf! Sie flattern und schwell'u! Über die stillverderbliche Fläche Eilet das Schiff, Und es jauchzt die befreite Seele. IS. Frieden. Hoch am Himmel stand die Sonne Von weißen Wolken umwogt, Das Meer war still, Und sinnend lag ich am Steuer des Schisfes, Träumerisch sinnend — und, halb im Wachen Und halb im Schlummer, schaute ich Christus, Den Heiland der Welt. Im wallend weißen Gewände Wandelt' er riesengroß Über Land und Meer; Es ragte sein Haupt in den Himmel, Die Hände streckte er segnend Über Land und Meer; Und als ein Herz in der Brust Trug er die Sonne, Die rote, flammende Sonne; Und das rote, flammende Sonnenherz Goß seine Gnadenstrahlen Und sein holdes, liebseliges Licht, Erleuchtend und wärmend Über Land und Meer. tgg Die Nordsee. Glockenklänge zogen feierlich Hin und her, zogen wie Schwäne, An Nosenbändern, das gleitende Schiff, Und zogen es spielend ans grüne Ufer, Wo Menschen wohnen, in hochgetürniter, Nagender Stadt. O Frisdenswnnder! Wie still die Stadt! Es ruhte das dumpfe Geräusch Der schwatzenden, schwülen Gewerbe, Und dnrch die reinen, hallenden Straßen Wandelten Menschen, weißgekleidete, Palmzweig-tragende, Und wo sich zwei begegneten, Sah'n sie sich an, verständnisinnig, Und schauernd in Liebe und süßer Entsagung Küßten sie sich auf die Stirns, Und schauten hinauf Nach des Heilands Sonnenherzen, Das freudig versöhnend sein rotes Blut Hinunterstrahlte, Und dreimalselig sprachen sie: Gelobt sei Jesus Christ! Zweiter Cyklus. i. Mrergruß. Thalatta! Thalatta! Sei mir gegrüßt, du ewiges Meer! Sei mir gegrüßt zehntausendmal Aus jauchzendem Herzen, Wie einst dich begrüßten Zehntausend Griechenherzen, Unglückbekämpfende, heimatverlangende, Weltberühmte Griechenherzen. Mcergrutz. läg Es wogten die Fluten, Sie wogten und brausten. Die Sonne goß eilig herunter Die spielenden Rosenlichter, Die aufgescheuchten Möwenzüge Flatterten fort, lautschreiend. Es stampften die Rosse, es klirrten die Schilds, Und weithin erscholl es wie Siegesruf: Thalatta! Thalatta! Sei mir gegrüßt, du ewiges Meer, Wie Sprache der Heimat rauscht mir dein Wasser, Wie Träume der Kindheit seh' ich es flimmern Auf deinem wogenden Wellengebiet, Und alte Erinnrung erzählt mir aufs neue Von all dem lieben, herrlichen Spielzeug, Von all den blinkenden WeihnachtSgabs», Von all den roten Korallenbüumen, Goldfischchen, Perlen und bunten Muscheln, Die du geheimnisvoll bewahrst, Dort unten im klaren Krystallhaus. O, wie Hab' ich geschmachtet in öder Fremde! Gleich einer welken Blume In des Botanikers blecherner Kapsel, Lag mir das Herz in der Brust, Mir ist, als saß ich winterlange, Ein Kranker, in dunkler Krankenstube, Und nun verlast' ich sie plötzlich, Und blendend strahlt mir entgegen Der schmaragdene Frühling, der sonnengeweckte, Und es rauschen die weißen Blütenbäume, Und die jungen Blumen schauen mich an Mit bunten, duftenden Augen, Und es duftet und summt und atmet und lacht, Und im blauen Himmel singen die Vöglcin — Thalatta! Thalatta! Du tapferes Rückzugherz! Wie oft, wie bitteroft Bedrängten dich des Nordens Barbarinnen! Tie Nordsee. Aus großen, siegenden Augen Schossen sie brennende Pfeile; Mit krummgeschliffenen Worten Drohten sie nur die Brust zu spalten; Mit Keilschriftbillets zerschlugen sie nur Das arme, betäubte Gehirn — Vergebens hielt ich den Schild entgegen. Die Pfeile zischten, die Hiebe krachten, Und von des Nordens Barbarinnen Ward ich gedrängt bis ans Meer — Und frei aufatmend begrüß' ich das Meer, Das liebe, rettende Meer, Thalatta! Thalatta! Gewitter. Dumpf liegt auf dem Meer das Gewitter, Und durch die schwarze Wolkenwand Zuckt der zackige Wetterstrahl, Rasch aufleuchtend und rasch verschwindend. Wie ein Witz aus dem Haupte Kronions. Über das wüste, wogende Wasser Weithin rollen die Donner, Und springen die weißen Wellenrosse, Die Boreas selber gezeugt Mit des Erichthons reizenden Stuten, Und es flattert ängstlich das Seegevögel, Wie Schattenlsichen am Styx, Die Charon abwies vom nächtlichen Kahn. Armes, lustiges Schifflein, Das dort dahintanzt den schlimmsten Tanz! Aolus schickt ihm die flinksten Gesellen, Die wild aufspielen zum fröhlichen Reigen; Der eine pfeift, der andre bläst, Der dritte streicht den dumpfen Brummbaß — Und der schwankende Seemann steht am Steuer Und schaut beständig nach der Bussole, Gewitter. Der Schiffbrüchige. UZ1 Der zitternden Seele des Schiffes, Und hebt die Hände flehend zum Himmel: O rette mich, Kastor, reisiger Held, Und du, Kämpfer der Faust, Polydeukes! 3. Der Schifflirüchige. Hoffnung und Liebe! alles zertrümmert! Und ich selber, gleich einer Leiche, Die grollend ausgeworfen das Meer, Lieg' ich am Strande, Am öden, kahlen Strande. Vor mir wogst die Wafferwüste, Hinter mir liegt nur Kummer und Elend, Und über mich hin ziehen die Wolken, Die formlos grauen Töchter der Luft, Die aus dem Meer, in Nebeleimern, Das Wasser schöpfen. Und es mühsam schleppen und schleppen, Und es wieder verschütten ins Meer, Ein trübes, langweil'ges Geschäft, Und nutzlos, wie mein eignes Leben. Die Wogen murmeln, die Möwen schrillen. Alte Erinnrungen wehen mich an. Vergessene Träume, erloschene Bilder, Qualvoll süße, tauchen hervor. Es lebt ein Weib im Norden, Ein schönes Weib, königlich schön. Die schlanke Cypressengestalt Umschließt ein lüstern weißes Gewand; Die dunkle Lockenfülle, Wie eins selige Nacht Von dem flechtengekrönten Haupt sich ergießend, Ringelt sich träumerisch süß Um das süße, blaffe Antlitz; Und aus dem süßen, blassen Antlitz, Heine. Buch der Lieder. tt Tie Nordsee. Groß und gewaltig, strahlt ein Augs. Wie eine schwarze Sonne. O, du schwarze Sonne, wie oft, Entzückend oft, trank ich aus dir Die wilden Begeistrungsflammen, Uud stand, und taumelte, feuerberauscht — Dann schwebte ein taubenmildes Lächeln Nm die hochgeschürzten, stolzen Lippen, Und die hochgeschürzten, stolzen Lippen Hauchten Worte, süß wie Mondlicht Und zart wie der Duft der Rose Und meine Seele erhob sich Und flog, wie ein Aar, hinauf in den Himmell Schweigt, ihr Wogen und Möwen! Vorüber ist alles, Glück und Hoffnung, Hoffnung und Liebe! Ich liege am Boden, Ein öder, schiffbrüchiger Mann, Und drücke mein glühendes Antlitz In den feuchten Sand. 4. Untergang der Sonne. Die schöne Sonne Ist ruhig hinabgestiegen ins Meer; Die wogenden Wasser sind schon gefärbt Von der dunkeln Nacht, Nur noch die Abendröte überstreut sie mit goldnen Lichtern; Und die rauschende Flutgewalt Drängt ans Ufer die weißen Wellen, Die lustig und hastig hüpfen, Wie wollige Lämmerherden, Die abends der singende Hirtenjunge Nach Hause treibt. Wie schön ist die Sonne! So sprach nach langem Schweigen der Freund, Der mit mir am Strande wandelte, Untergang der Sonne Z Und scherzend halb und halb wehmütig Versichert' er mir: die Sonne sei Eine schöne Frau, die den alten Meergott Aus Konvenienz geheiratet; Des Tages über wandle sie freudig Am hohe» Himmel, purpurgeputzt Und diamantenblitzend, Und allgeliebt und allbewundert Von allen Weltkreaturen, Und alle Weltkreaturen erfreuend Mit ihres Blickes Licht und Wärme; Aber des Abends, trostlos gezwungen, Kehre sie wieder zurück In das nasse Haus, in die öden Arme Des greisen Gemahls. „Glaub mir's", — setzte hinzu der Freund, Und lachte und seufzte und lachte wieder — „Die führen dort unten die zärtlichste Ehe! Entweder sie schlafen, oder sie zanken sich, Daß hoch aufbraust hier oben das Meer, Und der Schiffer im Wellengeräusch es hört, Wie der Alts sein Weib ausschilt: „„Runde Metze des Weltalls! Strahlenbuhlende! Den ganzen Tag glühst du für andre, Und nachts, für mich, bist du frostig und müde!"" Nach solcher Gardinenpredigt, Versteht sich! bricht dann aus in Thränen Die stolze Sonne und klagt ihr Elend, Und klagt so jammerlang, daß der Meergott Plötzlich verzweiflungsvoll aus dem Bett springt, Und schnell nach der Meeresfläche heraufschwimmt. Um Luft und Besinnung zu schöpfen. „So sah ich ihn selbst verflossene Nacht Bis an die Brust dem Meer enttauchen. Er trug eine Jacke von gelbem Flanell, Und eine lilienweiße Schlafmütz', Und ein abgewelktes Gesicht." 11' Die Nordsee. 5. Der Gesang der Okeaniden. Abendlich blasser wird es am Meer, Und einsam, mit seiner einsamen Seele, Sitzt dort ein Mann auf dem kahlen Strand, Und schaut totkalten Blickes hinauf Nach der weiten, totkalten Himmelswölbung, Und schaut auf das weite, wogende Meer — Und über das weite, wogende Meer Lüfteseglor ziehn seine Seufzer, Und kehren zurück, trübselig, Und hatten verschlossen gefunden das Herz, Worin sie ankern wollten — Und er stöhnt so laut, daß die weißen Möwen, Aufgescheucht aus den sandigen Nestern, Ihn herdenweis umflattern. Und er spricht zu ihnen die lachenden Worte: „Schwarzbeinigts Vögel, Mit weißen Flügeln, Meer-überflatternde, Mit krummen Schnäbeln Seewasser-saufende, Und thranigtes Robbenfleisch -fressende, Eu'r Leben ist bitter wie eure Nahrung! Ich aber, der Glückliche, koste nur Süßes! Ich koste den süßen Duft der Rose, Der Mondschein-gefütterten Nachtigallbraut! Ich koste noch süßeres Zucksrbackwerk, Gefüllt mit geschlagener Sahne; Und das Allersüßeste kost' ich, Süße Liebe und süßes Geliebtsein. „Sie liebt mich! sie liebt mich , die holde Jungfrau! Jetzt steht sie daheim am Erker des Hauses, Und schaut in die Dämmrung hinaus auf die Landstraß', Und horcht und sehnt sich nach mir — wahrhaftig! Vergebens späht sie umher und sie seufzet, Und seufzend steigt sie hinab in den Garten, - Und wandelt in Duft und Mondschein, Und spricht mit den Blumen, erzählet ihnen, Der Gesang der Okeamden. Wie ich, der Geliebte, so lieblich bin Und so liebenswürdig — wahrhaftig! Nachher im Bette, im Schlafe, im Traum, Umgaukelt sie selig mein teures Bild, Sogar des Morgens, beim Frühstück, Aus dem glanzenden Butterbrots, Sieht sie mein lächelndes Antlitz, Und sie frißt es auf vor Liebe — wahrhaftig!" Also prahlt er und prahlt er, Und zwischendrein schrillen die Möwen, Wie kaltes, ironisches Kichern. Die Dämmrungsnebel steigen herauf; Aus violettem Gewölk, unheimlich, Schaut hervor der grasgelbe Mond! Hoch aufrauschen die Meereswogen, Und tief aus hoch aufrauschendem Meer, Wehmütig wie flüsternder Windzug, Tönt der Gesang der Okeamden, Der schönen, mitleidigen Wasserfraun, Vor allen vernehmbar die liebliche Stimme Der silberfüßigen Peleus-Gattin, Und sie seufzen und singen: O Thor, du Thor, du prahlender Thor! Du kummergequälter! Dahingemordet sind all deine Hoffnungen, Die tändelnden Kinder des Herzens, Und, ach! dein Herz, Nioben gleich, Versteinert vor Gram! In deinem Haupte wird's Nacht, Und es zucken hindurch die Blitze des Wahnsinns, Und du prahlst vor Schmerzen! O Thor, du Thor, du prahlender Thor! Halsstarrig bist du wie dein Ahnherr, Der hohe Titane, der himmlisches Feuer Den Göttern stahl und den Menschen gab. Und Geier-gequälet, Felsen-gefesselt, Olymp-auf trotzte und trotzte und stöhnte, Daß wir es hörten im tiefen Meer, Und zu ihm kamen mit Trostqesang. Tie Nordsee. O Thor, du Thor, du prahlender Thor! Du aber bist ohnmächtiger noch, Und es wäre vernünftig, du ehrtest die Götter, Und trügest geduldig die Last des Elends, Und trügest geduldig so lange, so lange, Bis Atlas selbst die'Geduld verliert, Und die schwere Welt von den Schultern abwirft In die ewige Nacht. So scholl der Gesang der Okeaniden, Der schönen, mitleidigen Wasserfraun, Bis lautere Wogen ihn überrauschten — Hinter die Wolken zog sich der Mond, Es gähnte die Nacht, Und ich saß noch lange im Dunkeln und weinie. 6. Die Götter Griechenlands. Vollblühender Mond! In deinem Licht, Wie fließendes Gold, erglänzt das Meer; Wie Tagesklarheit, doch dämmrig verzaubert, Liegt's über der weiten Straudesfläche; Und am hellblau'n, sternlosen Himmel Schweben die weißen Wolken, Wie kolossale Götterbilder Von leuchtendem Marmor. Nein, nimmermehr, das sind keine Wolken! Das sind sie selber, die Götter von Hellas, Die einst so freudig die Welt beherrschten, Doch jetzt, verdrängt und verstorben. Als ungeheure Gespenster dahinziehn » Am mitternächtlichen Himmel. Staunend und seltsam geblendet, betracht' ich Das luftige Pantheon, Die feierlich stummen, grau'nhaft bewegten Riesengestalten. Tie Götter Griechenlands. Zl»/ Der dort ist Kronion, der Himmelskönig, Schneeweiß sind die Locken des Haupts, Die berühmten, Olympos-erschütternden Locken. Er hält in der Hand den erloschenen Blitz, In seinen, Antlitz liegt Unglück und Gram, Und doch noch immer der alte Stolz. Das waren bessere Zeiten, o Zeus, Als du dich himmlisch ergötztest An Knaben und Nymphen und Hekatomben; Doch auch die Götter regieren nicht ewig, Die jungen verdrängen die alten, Wie du einst selber den greisen Vater Und deine Titanen-Öhme verdrängt hast, Jupiter Parricida! Auch dich erkenn' ich, stolze Juno! Trotz all deiner eifersüchtigen Angst Hat doch eine andre das Zepter gewonnen. Und du bist nicht mehr die Himmelskön'gin, Und dein großes Aug' ist erstarrt, Und deine Lilienarme sind kylstlos, Und nimmermehr trifft deine Rache Die gottbefruchtete Jungfrau Und den wunderthütigen Gottessohn. Auch dich erkenn' ich, Pallas Athene! Mit Schild und Weisheit konntest du nicht Abwehren das Götterverderben? Auch dich erkenn' ich, auch dich, Aphrodite, Einst die goldene! jetzt die silberne! Zwar schmückt dich noch immer des Gürtels Liebreiz, Doch graut mir heimlich vor deiner Schönheit, Und wollt' mich beglücken dein gütiger Leib, Wie andre Helden, ich stürbe vor Angst — Als Leichengöttin erscheinst du mir, Venus Libitina! Nicht mehr mit Liebe blickt nach dir, Dort, der schreckliche Ares. Es schaut so traurig Phöbos Apollo, Der Jüngling. Es schweigt seine Lei'r, Die so freudig erklungen beim Göttermahl. Noch trauriger schaut Hephaistos, Igg Die Nordsee. Und wahrlich! der Hinkende, nimmermehr Fällt er Heben ins Amt, Und schenkt geschäftig in der Versammlung Den lieblichen Nektar. — Und längst ist erloschen Das unauslöschliche Göttergelächter. Ich Hab' euch niemals geliebt, ihr Götter! Denn widerwärtig sind mir die Griechen , Und gar die Römer sind mir verhaßt. Doch heil'ges Erbarmen und schauriges Mitleid Durchströmt mein Herz, Wenn ich euch jetzt da droben schaue, Verlassene Götter, Tote, nachtwandelnde Schatten, Nebelschwache, die der Wind verscheucht — Und wenn ich bedenke, wie feig und windig Die Götter sind, die euch besiegten, Die neuen, herrschenden, tristen Götter, Die schadenfrohen im Schafspelz der Demut — O, da faßt mich eilt düsterer Groll, Und brechen möcht' ich die neuen Tempel, Und kämpfen für euch, ihr alten Götter, Für euch und eu'r gutes ambrosisches Recht, Und vor euren hohen Altären, Den wiedergebauten, den opferdampfenden, Möcht' ich selber knieen und beten, Und flehend die Arme erheben — Denn immerhin, ihr alten Götter, Habt ihr's auch eh'mals in Kämpfen der Menschen Stets mit der Partei der Sieger gehalten, So ist doch der Mensch großmüt'ger als ihr, Und in Götterkämpfen halt' ich es jetzt Mit der Partei der besiegten Götter. Also sprach ich, und sichtbar erröteten Droben die blassen Wolkengsstalten, Und schauten mich an wie Sterbende, Schmerzenverklärt, und schwanden plötzlich. Fragen. Der Phönix. Igg Der Mond verbarg sich eben Hinter Gewölk, das dunkler heranzog; Hoch aufrauschte das Meer, lind siegreich traten hervor am Himmel Die ewigen Sterne. 7. Fragen. Am Meer, am wüsten, nächtlichen Meer Steht ein Jüngling-Mann, Die Brust voll Wehmut, das Haupt voll Zweifel, Und mit düstern Lippen fragt er die Wogen: „O löst mir das Rätsel des LebenS, Das qualvoll uralte Rätsel, Worüber schon manche Häupter gegrübelt, Häupter in Hieroglyphenmiitzen, Häupter in Turban und schwarzem Barett, Herückenhäupter und tausend andre Arme, schwitzende Meuschenhäupter — Sagt mir, was bedeutet der Mensch? Woher ist er kommen? Wo geht er hin? Wer wohnt dort oben auf goldenen Sternen?" Es murmeln die Wogen ihr ew'ges Gemurmel, Es wehet der Wind, es fliehen die Wolken, Es blinken die Sterne gleichgültig und kalt, Und ein Narr wartet auf Antwort. 8. Der Phönix. Es kommt ein Vogel geflogen aus Westen, Er fliegt gen Osten, Nach der östlichen Gartenheimat, Wo Spezereien duften und wachsen, Tie Nordsee. Und Palmen rauschen und Brunnen kühlen — Und fliegend singt der Wandervogel: „Sie liebt ihn! sie liebt ihn! Sie trägt sein Bildnis im kleinen Herzen, Und trägt es süß und heimlich verborgen, Und weiß es selbst nicht! Aber im Traume steht er vor ihr, Sie bittet und weint und küßt seine Hände, Und ruft seinen Namen, Und rufend erwacht sie und liegt erschrocken, Und reibt sich verwundert die schönen Augen — Sie liebt ihn, sie liebt ihn!" -4- An den Mastbaum gelehnt, auf dem hohen Verdeck, Stand ich und hört' ich des Vogels Gesang. Wie schwarzgrüne Rosse mit silbernen Mähnen, Sprangen die weißgekräuselten Wellen; Wie Schwänenzüge schifften vorüber Mit schimmernden Segeln die Helgolander, Die kecken Nomaden der Nordsee! Über mir, in dem ewigen Blau, Flatterte weißes Gewölk Und prangte die ewige Sonne, Die Rose des Himmels, die feuerblühende, Die freudvoll im Meer sich bespiegelte; — Und Himmel und Meer und mein eigenes Herz Ertönten im Nachhall: Sie liebt ihn! sie liebt ihn! 9. Im Hafen. Glücklich der Mann, der den Hafen erreicht hat, Und hinter sich ließ das Meer und die Stürme, Und jetzo warm und ruhig sitzt Im guten Ratskeller zu Bremen. Im Hafen. Wie doch die Welt so traulich und lieblich Im Römerglas sich widerspiegelt, Und wie der wogeude Mikrokosmus Sonnig hinabfließt ins durstige Herz! Alles erblick' ich im Glas, Alte und neue Völkergeschichte, Türken und Griechen, Hegel und Gans, Zitronenwälder und Wachtparaden, Berlin und Schilda und Tunis und Hamburg, Vor allem aber das Bild der Geliebten, Das Engelköpfchen auf Rheinweingoldgrund. O, wie schön! wie schön bist du, Geliebte! Du bist wie eine Rose! Nicht wie die Rose von Schiras, Die Hafis-besungene Nachtigallbraut; Nicht wie die Rose von Snron, Die Heiligrots, prophetengefeierte; — Du bist wie die Nos' im Ratskeller zu Bremen! Das ist die Rose der Rosen, Je älter sie wird, je lieblicher blüht sie, Und ihr himmlischer Duft, er hat mich beseligt, Er hat mich begeistert, er hat mich berauscht, Und hielt mich nicht fest, am Schöpfe fest. Der Natskellermeister von Bremen, Ich wäre gepurzelt! Der brave Mann! wir saßen beisammen Und tranken wie Brüder, Wir sprachen von hohen heimlichen Dingen, Wir seufzten und sanken uns in die Arme, Und er hat mich bekehrt zum Glauben der Liebe, Ich trank auf das Wohl meiner bittersten Feinde, Und allen schlechten Poeten vergab ich, Wie einst mir selber vergeben soll werden, — Ich weinte vor Andacht, und endlich Erschlossen sich mir die Pforten des Heils, Wo die zwölf Apostel, die heil'gen Stückfässer, Schweigend pred'gen, und doch so verständlich Für alle Völker. Die Nordsee. Das sind Männer! Unscheinbar von außen, in hölzernen Nöcklein, Sind sie von innen schöner und leuchtender Denn all die stolzen Leviten des Tempels Und des Herodes Trabanten und Höflinge, Die goldgeschmückten, die purpurgekleideten — Hab' ich doch immer gesagt, Nicht unter ganz geineinen Leuten, Nein, in der allerbesten Gesellschaft Lebte beständig der König des Himmels! Hallelujah! Wie lieblich umwehn mich Die Palmen von Beth-El! Wie duften die Myrrhen vom Hebron! Wie rauscht der Jordan und taumelt vor Freude! Auch meine unsterbliche Seele taumelt, Und ich taumle mit ihr, und taumelnd Bringt mich die Treppe hinauf, ans Tagslichl, Der brave Ratskellermeister von Bremen. Du braver Ratskellermeister von Bremen! Siehst du, auf den Dächern der Häuser sitzen Die Engel nnd sind betrunken und singen; Die glühende Sonne dort oben Ist nur eine rote, betrunkene Nase, Die Nase dos Weltgsists; Und um die rote Weltgeistnase Dreht sich die ganze betrunkene Welt. 10. Epilog. Wie auf dem Felde die Weizenhalmen, So wachsen und wogen im Menschengeist Die Gedanken. Aber die zarten Gedanken der Liebe Sind wie lustig dazwischenblühende Rot' und blaue Blumen. Epilog, 173 Not' und blaue Blumen! Der mürrische Schnitter verwirft euch als nutzlos. Hölzerne Flegel zerdreschen euch höhnend, Sogar der hablose Wanderer, Den eu'r Anblick ergötzt und erquickt, Schüttelt das Haupt, Und nennt euch schönes Unkraut, Aber die ländliche Jungfrau, Die Kränzewindsrin, Verehrt euch und pflückt euch. Und schmückt mit euch die schönen Locken, Und also geziert eilt sie zum Tanzplatz, Wo Pfeifen und Geigen lieblich ertönen, Oder zur stillen Buchs, Wo die Stimme des Liebsten noch lieblicher tönt, Als Pfeifen und Geigen. Inhalt. Seite Vorrede zur dritten Auflage 3 Junge Leiden. Traumbilder 5 Lieder 21 Romanzen. Der Traurige 26 Bergstimme 26 Zwei Brüder 27 Der arme Peter 28 Lied des Gefangenen ... ^9 Die Grenadiere 30 Die Botschaft. . ... 31 Die Heimführung . . . . 31 Don Ramiro....... 32 Belsazer 36 Die Minnesänger 33 Die Fensterschau .... 38 Der wunde Ritter . . . . 39 Wass erfahrt 39 Das Liedchen von der Neue . 40 An eine Sängerin 42 Das Lied von den Dukaten . 43 Gespräch auf der Paderborner Heide 43 Lebensgruß 45 Wahrhaftig 45 Sonnette. An A. W. von Schlegel , . 46 An meine Mutter B. Heine . 46 An H. S 47 Fresko-Sonette an Christian S. 43 Lyrisches Intermezzo ... 52 Die Heimkehr . . . . 80 Götterdämmerung . . . . 119 Seite Natcliff 121 Donna Clara 124 Almanfor 127 Die Wallfahrt nach Kevlaar . 130 Aus der Harzreise. Prolog . . . 133 Berg- Idylle 134 Der Hirtenknabe 140 Auf dem Brocken 140 Die Ilse 141 Die Nordsee. Erster Cyklus. Krönung 142 Abenddämmerung ... . 143 Sonnenuntergang . . .144 Die Nacht am Strande . . 140 Poseidon 143 Erklärung . .... 149 Nachts in der Kajüte . . 150 Sturm 152 Meercsstille 153 Seegespenst 154 Reinigung 156 Frieden 157 Zweiter Cyklus. Meergruß 158 Gewitter ...... 160 Der Schiffbrüchige .... 161 Untergang der Sonne ... 162 Der Gesang der Okeaniden . 164 Die Götter Griechenlands . . 166 Fragen . . 169 Der Phönix ...... 169 Im Hafen 170 Epilog 172 Druck vom Bibliographischen Institut in Leipzig.