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11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
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148 Novellistische Fragmente.

sollten sich leicht trösten, daß sie Jerusalem und den Tempel und dieBundeslade und die goldenen Geräte und Kleinodien Salomoniseingebüßt haben . . . solcher Verlust ist doch nur geringfügig in Ver-gleichnng mit der Bibel, dem unzerstörbaren Schatze, den sie gerettet.Wenn ich nicht irre, war es Mohammed, welcher die JudendasVolk des Buches" nannte, ein Name, der ihnen bis heutigen Tagim Oriente verblieben und tiefsinnig bezeichnend ist. Ein Buch istihr Baterland, ihr Besitz, ihr Herrscher, ihr Glück und ihr Unglück.Sie leben in den umfriedeten Marken dieses Buches, hier üben sieihr unveräußerliches Bürgerrecht, hier kann man sie nicht verjagen,nicht verachten, hier sind sie stark und bewunderungswürdig. Ver-senkt in der Lektüre dieses Buches, merkten sie wenig von den Ver-änderungen, die um sie her in der wirklichen Welt vorfielen; Völkererhoben sich und schwanden, Staaten blühten empor und erloschen,Revolutionen stürmten über den Erdboden . . . sie aber, die Inden,lagen gebeugt über ihrem Buche und merkten nichts von der wildenJagd der Zeit, die über ihre Häupter dahinzog!

Wie der Prophet des Morgenlandes siedas Volk des Buches"nannte, so hat sie der Prophet des Abendlandes in seiner Philosophieder Geschichte alsdas Volk des Geistes" bezeichnet. Schon in ihre»frühesten Anfängen, wie wir im Pentatench bemerken, bekunden dieInden ihre Vorneignng für daS Abstrakte, und ihre ganze Religionist nichts als ein Akt der Dialektik, wodurch Materie und Geist ge-trennt, und das Absolute nur in der alleinigen Form des Geistesanerkannt wird. Welche schauerlich isolierte Stellung mußten sieeinnehmen unter den Völkern des Altertums, die, dem freudigstenNaturdienste ergeben, den Geist vielmehr in den Erscheinungen derMaterie, in Bild und Symbol begriffen! Welche entsetzliche Oppositionbildeten sie deshalb gegen das bnnlgefärbte, hiervglyphenwimmelndeÄgypten, gegen Phönizicn, den großen Frcudetcmpel der Astarte, odergar gegen die schöne Sünderin, das holde, süßduftige Babylon undendlich gar gegen Griechenland, die blühende Heimat der Kunst!

Es ist ein merkwürdiges Schauspiel, wie das Volk des Geistessich allmählich ganz von der Materie befreit, sich ganz spiritnalisiert.Moses gab dem Geiste gleichsam materielle Bollwerke gegen den realenAndrang der Nachbarvölker; rings um das Feld, wo er Geist gesäct,pflanzte er das schroffe Ceremoninlgesetz und eine egoistische Nationa-lität als schlitzende Dornhccke. Als aber die heilige Geistpflanze sotiefe Wurzel geschlagen und so himmelhoch emporgeschossen, daß sienicht mehr ansgereutct werden konnte, da kam Jesus Christus undriß das Ccremonialgesetz nieder, das fürder keine nützliche Bedeutungmehr hatte, und er sprach sogar das VernichtnngSnrteil über diejüdische Nationalität ... Er berief alle Völker der Erde zur Teil-nahme an dem Reiche Gottes, das früher nur einem einzigen aus-