Floreiitinische Nächte. 93
graueS Röckcheu mit Stahlknöpfen, unausstehlich freundlich nach allenSeiten hingrüßend, mitunter aber voll besorglicher Scheu nach derdufteren Gestalt hinausfchielend, die ihm ernst und nachdenklich zurSeite wandelte. Man glaubte das Bild von Retzsch zu sehen, woFaust mit Wagner vor den Thoren von Leipzig spazieren geht. Dertaube Maler kommentierte mir aber die beiden Gestalten in seinertollen Weise, und machte mich besonders aufmerksam auf den gemessenenbreiten Gang des Paganini. .Ist es nicht/ sagte er, ,als trüge ernoch immer die eiserne Querstange zwischen den Beinen? Er hat sichnun einmal diesen Gang ans immer angewöhnt. Sehen Sie auch,wie verächtlich ironisch er aus seinen Begleiter manchmal hinabschant,wenn dieser ihm mit seinen prosaischen Fragen lästig wird; er kannihn aber nicht entbehren, ein blutiger Kontrakt bindet ihn an diesenDiener, der eben kein anderer ist als Satan. Das unwissende Volkmeint freilich, dieser Begleiter sei der Komödien- und AnckdotenschrcibcrHarrys aus Hannover, den Paganini auf Reisen mitgenommen habe,um die Geldgeschäfte bei seinen Konzerten zu verwalten. Das Volkweiß nicht, daß der Teufel dem Herrn Georg Harrys bloß seine Ge-stalt abgeborgt hat, und daß die arme Seele dieses armen Menschenunterdessen neben anderem Lnmpcnkram in einem Kasten zu Hannoverso lange eingesperrt sitzt, bis der Teufel ihr wieder ihre Fleisch-Enve-loppe znrückgiebt, und er vielleicht seinen Meister Paganini in einerwürdigeren Gestalt, nämlich als schwarzer Pudel, durch die Welt be-gleiten wird?
„War mir aber Paganini, als ich ihn am hellen Mittage unterden grünen Bäumen des Hamburger Jungfcrnsticgs cinherwandelnsah, schon hinlänglich fabelhaft und abenteuerlich erschienen: wie mußtemich erst des Abends im Konzert seine schauerlich bizarre Erscheinungüberraschen. Das Hamburger Komödicnhans war der Schauplatzdieses Konzertes, und das knnstliebende Publikum hatte sich schon frühund in solcher Anzahl eingefunden, daß ich kaum noch ein Plätzchenfür mich am Orchester erkämpfte. Obgleich es Posttag war, erblickteich doch in den ersten Ranglogen die ganze gebildete Handelswelt,einen ganzen Olymp von Bankiers und sonstigen Millionärs, dieGötter des Kaffees und des Zuckers, nebst deren dicken Ehegöttinnen,Junonen vom Wandrahm und Aphroditen vom Dreckwall. Auchherrschte eine religiöse Stille im ganzen Saal. Jedes Auge war nachder Bühne gerichtet. Jedes Ohr rüstete sich zum Hören. Mein Nach-bar, ein Pelzmakler, nahm seine schmutzige Baumwolle ans den Ohren,um bald die kostbaren Töne, die zwei Thaler Entreegeld kosteten,besser einsangen zu können. Endlich aber, auf der Bühne, kam einedunkle Gestalt zum Vorschein, die der Unterwelt entstiegen zu seinschien. Das war Paganini in seiner schwarzen Gala: der schwarzeFrack und die schwarze Weste von einem entsetzlichen Zuschnitt, wie