88 Novellistische Fragmente,
Deutschland gehöre» sie dem schönen Italien, der Heimat der Musik,Ja, Italien wird immer die Heimat der Musik sein, wenn auch seinegroßen Maestri frühe ins Grab steigen oder verstummen, wenn auchVellini stirbt und Rossini schweigt,"
„Wahrlich," bemerkte Maria, „Rossini behauptet ein sehr strengesStillschweigen, Wenn ich nicht irre, schweigt er schon seit zehn Jahren,"
„Das ist vielleicht ein Witz von ihm," antwortete Maximilian,„Er hat zeigen wollen, daß der Name .Schwan von Pcsaroß den manihm erteilt, ganz unpassend sei. Die Schwäne singen am Ende ihresLebens, Rossini aber hat in der Mitte des Lebens zu singen auf-gehört, Und ich glaube, er hat wohl daran gcthan und eben dadurchgezeigt, daß er ein Genie ist. Ein Künstler, welcher nur Talent hat,behält bis an sein Lebensende den Trieb, dieses Talent auszuüben,der Ehrgeiz stachelt ihn, er fühlt, daß er sich beständig vervollkommnet,und es drängt ihn, das Höchste zu erstreben. Der Genius aber hatdas Höchste bereits geleistet, er ist zufrieden, er verachtet die Weltund den kleinen Ehrgeiz, und geht nach Hause, nach Stratford amAvon wie William Shakespeare, oder promeniert sich lachend undwitzelnd auf dem Boulevard eis» Italiens zu Paris wie JoachimRossini, Hat der Genius keine ganz schlechte Leibeskonstitution, solebt er in solcher Weise noch eine gute Weile fort, nachdem er seineMeisterwerke geliefert oder, wie man sich auszudrücken Pflegt, nach-dem er seine Mission erfüllt hat. Es ist ein Vorurteil, wenn manmeint, das Genie müsse früh sterben; ich glaube, man hat das drei-ßigste bis zum vierunddrcißigsten Jahr als die gefährliche Zeit fürdie Genies bezeichnet. Wie oft habe ich den armen Bellini damitgeneckt, und ihm aus Scherz prophezeit, daß er, in seiner Eigenschaftals Genie, bald sterben müsse, indem er das gefährliche Alter erreiche.Sonderbar! trotz des scherzenden Tones ängstigte er sich doch ob dieserProphezeiung, er nannte mich seinen Jettatvre und machte immerdaS Jettatorezeichen , , , Er wollte so gern leben bleiben, er hatteeine fast leidenschaftliche Abneigung gegen den Tod, er wollte nichtsvom Sterben hören, er fürchtete sich davor wie ein Kind, das sichfürchtet im Dunkeln zu schlafen ... Er war ein gutes, liebes Kind,manchmal etwas unartig, aber dann brauchte man ihm nur mit seinembaldigen Tode zu drohen, und er ward dann gleich kleinlaut undbittend und machte mit den zwei erhobenen Fingern das Jettatore-zeichen . . . Armer Bellini!"
„Sie haben ihn also persönlich gekannt? War er hübsch?"
„Er war nicht häßlich, Sie sehen, auch wir Männer könnennicht bejahend antworten, wenn man uns über jemand von unseremGeschlechte eine solche Frage vorlegt. Es war eine hoch aufgeschossene,schlanke Gestalt, die sich zierlich, ich möchte sagen kokett, bewegte;immer s. grmtrs spinales; ein regelmäßiges Gesicht, länglich, blaß-