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11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
Entstehung
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46 Novellistische Fragmente.

brot zu Gemüts führen, und ich würde an solchem Tage gar nichtzu Mittag speisen — Sie ist ein Engel! sagte einst ein Schiffskapitänganz laut, so daß sich beide Mädchen zu gleicher Zeit umsahen, undsich dann einander eifersüchtig anblickten. — Ich selber sagte nieetwas, und ich dachte meine süßesten Garnichtsgedanken, und be-trachtete die Mädchen nud den heiter sanften Himmel und den laugenPetritnrm mit der schlanken Taille und die stille blaue Alfter, ivoraufdie Schwäne so stolz nud so lieblich und so sicher umherschwammen.Die Schwäne! Stundenlang konnte ich sie betrachten, diese holdenGeschöpfe mit ihren sanften langen Hälsen, wie sie sich üppig ansden weichen Fluten wiegten, wie sie zuweilen selig untertauchten undwieder auftauchten, und übermütig plätscherten, bis der Himmeldunkelte, und die goldenen Sterne hervortraten, verlaugend, ver-heißend, wunderbar zärtlich, verklärt. Die Sterne! Sind es goldeneBlumen am kränklichen Busen des Himmels? Sind es verliebteEngelsaugcn, die sich sehnsüchtig spiegeln in den blauen Gewässernder Erde und mit den Schwanen buhlen?

Ach! Das ist nun lange her. Ich war damals jung

und thöricht. Jetzt bin ich alt und thöricht. Manche Blume istunterdessen verwelkt und manche sogar zertreten worden. Manchesseidene Kleid ist unterdessen zerrissen, und sogar der rvsagestreifteKattun des Herrn Seligmann hat unterdessen die Farbe verloren.Er selbst aber ist ebenfalls verblichen — die Firma ist jetzt „Selig-manns selige Witwe" und Heloisa, das sanfte Wesen, das geschaffenschien, nur auf weichbcblümten indischen Tcppichen zu wandeln undmit Pfauenfedern gefächelt zu werden, sie ging unter in Matrosen-lärm, Punsch, TabakSrauch und schlechter Musik. Als ich Minkawiedersah — sie nannte sich jetzt Kathiuka und wohnte zwischen Ham-burg und Altona — da sah sie aus wie der Tempel Salvmonis,als ihn Nebukadnezar zerstört hatte und roch nach assyrischem Knaster— und als sie mir Helvisas Tod erzählte, weinte sie bitterlich undriß sich verzweiflungsvoll die Haare aus, und wurde schier ohnmächtig,und mußte ein großes Glas Branntwein austrinken, um zur Be-sinnung zu kommen.

lind die Stadt selbst, wie ivar sie verändert. Und der Jnngfern-stieg! Der Schnee lag auf den Dächern, und es schien, als hättensogar die Häuser gealtert und weiße Haare bekommen. Die Lindendes Jungfernstiegs waren nur tote Bäume mit dürren Asten, diesich gespenstisch im kalten Winde bewegten. Der Himmel war schnei-dend blau und dunkelte hastig. Es war Sonntag, fünf Uhr, dieallgemeine FütterungSstunde, und die Wagen rollten, Herren undDamen stiegen aus mit einem gefrorenen Lächeln auf den hungrigenLippen — Entsetzlich! in diesem Augenblick durchschanerte mich "dieschreckliche Bemerkung, daß ein unergründlicher Blödsinn ans allen