Druckschrift 
1 (1842)
Entstehung
Seite
3
Einzelbild herunterladen
 

gestaltet sich in der ganzen Natur die äußere Farm, unddem, welcher die Hieroglyphen der Natur, die überall treuund wahr ist, zu lesen versteht, wird die Physiognomik eineWissenschast, mehr noch wie die Schädcllchre. Das phy-siognomische Gesühl hat seinen tiefen Grund in der sittlichenNatur des Menschen: man halte einem kleinen unschuldigenKinde gleichzeitig neben einander im Bilde ein, Christus- undein Judas-Angesicht vor, und von diesem wird es weinendsich wegwenden und nach jenem getröstet die Händchen aus-strecken.

Ein Physiognom aber brauchte man nicht zu sein, umsogleich beim ersten Anblick in dem Hochseligen Herrn eineKönigliche Natur zu sehen. Er war von ungewöhnlicherGröße; alle Theile Seines Körpers waren proportionirt undbildeten ein schönes Ganze. Seine Haltung war schnur-stracks gerade, militairisch; aber nicht gezwungen, sondern leicht,natürlich und graeiös, Seiner Größe angemessen. Sein An-gesicht machte in den Zügen des Ernstes und der Milde einenangenehmen Eindruck und man fühlte sich von ihm angezo-gen. Seine hohe, gewölbte Stirn bezeichnete denkende Klar-heit, die stark gefüllte Unterlippe Festigkeit, und um denMund schwebte ein Gemisch von Gutmüthigkeit und Satyrc.Sein Auge war dunkelblau, voll Geist und Güte, gewöhn-lich ernst, seltener lächelnd. Man sah es ihm an, daß esviel gedacht, aber auch viel geweint hatte. Sein Blick warfest, klar, ruhig, nie blinzelnd und schief und schielend, immeroffen, kühn und wahr. Es lag, wenn Er freundlich SeineZufriedenheit im sanften Anlächeln zu erkennen gab, in die-sem Blick etwas Herzgewinnendes, und Gnade in dem Sinne,wo sie soviel heißen soll, als Herablassung, lag nicht in die-