Historisohe Fragmente aus dem Leben des Königs von Preußen Friedrich Wilhelm IN. Gesammelt nneh eigene» Ueobnchtungen und seilst gemachten Eesnhrungen und herausgegeben V01l Eylert, Erster Tbeil. Magdeburg, 1842. In der H e i n r i ch s h o fe n sch en Buchhandlung. Vorrede, die gelesen zu werden wünscht (Mhur Bezeichnung des richtigen Gesichtspunktes, aus welchem nachstehende, vielfach von mir begehrte Schrift angesehen und beurtheilt werden muß, bemerke ich zuvörderst, daß sie keine Biographie des hochseligen Königs von Preußen Friedrich Wilhelm lili. ist, sondern nur Beiträge zu Seiner Charakteristik enthält. Mehr, als dieß, konnte und wollte der Verfasser nicht geben, und er ist der Meinung, daß jetzt schon dafür überhaupt nicht mehr gegeben werden kann. Das großartige, thatenreiche Leben des unsterblichen Königs verlangt eine Biographie, die, wenn sie ihrem erhabenen Gegenstande angemessen und befriedigend sein soll, eine pragmatisch e sein muß: das heißt eine solche, in welcher Seine Lebensgeschichte mit den sie belebenden Kräften, Handlungen und Begebenheiten nicht isolirt, sondern in einander greifend, in ihren Ursachen und Folgen psychologisch und historisch so dargestellt wird, daß darin das individuelle Lebensbild des Beschriebenen in allen Stufen seiner Ent- wickelung als ein in sich abgeschlossenes Ganzes wahr und vollständig, sprechend ähnlich hervortritt. Eine solche Biographie aber ist eine 'Aufgabe, wofür die Materialien i» ihrem inneren Züsam menhange erst gesammelt werden müssen, und Vieles, was noch in der Regierungsgeschichte des unvergeßlichen Herrn isolirt, fragmentarisch und verhüllt dastehet, kann und wird erst die Folgezeit zusammenstellen, verknüpfen und enthüllen, eine Enthüllung, die gerade hier um so wichtiger und interessanter ist, da es zu der Eigenthümlichkeit des Vollendeten gehörte, gerade das Beste und Vorzüglichste, wenn es unmittelbar von Ihm ausging, den Blicken der Menschen zu entziehen, und immer weniger zu scheinen, als Er war. Der König hat, bewegt von den größten und mannigfaltigsten Wechseln des Unglücks und Glückes, 42 Jahre regiert: aber schon das eine Decennium Seiner Regierung vom Jahre 18(>ki bis 181k» schließt intensiv mehr Wichtiges in sich, als manches andere Jahrhundert in der Weltgeschichte. Diese Zeit war in ihren Erschütterungen, Evolutionen und Resultaten so gewaltig und einzig, daß, soll auf diesem Gebiete nach der Forderung der historischen Wissenschaft und nach dem Bedürfnisse unserer Zeit Befriedigendes geleistet werden, das Quellen-Studium vieler Jahre dazu erforderlich sein würde. Die Welt hofft und das Vaterland erwartet ein solches pragmatisches Werk von Historiographe», die demselben gewachsen sind, und ihm in Begeisterung das Herz zuwenden. Jeder, auch der kleinste Beitrag dazu ist willkommen und mit Dank anzunehmen, wenn er historisch-wahre Züge zu dem Lebensbilde des Unvergeßlichen enthält und es verdient, in dasselbe aufgenommen zu werden. Der Beitrag, der in dieser Schrift erscheint, ist geschöpft größtentheils aus dem Privatleben des Königs, wie der Verfasser, der Ihm in amtlicher Beziehung, als Sein Hofprediger, über ZU Jahre bis an Sein Ende nahe stand, vielfach Gelegenheit hatte, es ganz in der Nähe anschaulich kennen zu lernen. Darum hat es diese Schrift nicht zu thun mit den großen Begebenheiten, die unter Seiner Regierung sich zutrugen; sie erzählt nicht vom Kriege, von verlorenen und gewonnenen Schlachten, nicht von Politik und ihren Conflicten, nicht von Gesetzgebung und Staatsverfassung; aber sie läßt uns einen Blick VI thun in die Stille der gemächlichen Stunden, wo wir den König nicht so sehr als Regenten kennen lernen, sondern wo Er als Mensch und Christ in der reinsten und vollestcn Aufrichtigkeit erscheint. Was der Verfasser, beglückt durch Sein gnädiges Vertrauen, in diesem langen Zeiträume unmittelbar aus Seinem Munde vernahm: in kirchlichen Geschäften berieth und verhandelte: Alles, was er in der nächsten Nähe sah, hörte, beobachtete und bemerkenswcrth fand, trug er, seiner alten Gewohnheit treu, ein Tagebuch zu führen, in dasselbe, sowie es geschehen, neu und frisch ein: damals freilich nicht ahnend, daß es ihm für den vorliegenden Zweck je so wichtig und nützlich werden würde. Aus diesem Memorialbuche sind die Erinnerungen genommen und zusammengestellt, welche diese Schrift enthält, und alles in ihr Erzählte, was ich nicht selbst unmittelbar sah und hörte, sondern mittelbar empfing, ist ebeü so zuverlässig und authentisch: denn ich verdanke es der vertraulichen Mitthcilung des Obristen, nachherigcn General-Lieutenants, Kriegsministers und General-Adjutanten v o n Witzleben und des Geheimen Cabinetsrathes Albrecht, die Beide damals dem Könige am Nächsten standen, deren Freundschaft mich beglückte, und mit VII welchen ich eine lange Reihe von Jahren auch vfsi- ciell verbunden war. Obgleich nun diese Schrift keine vollständige Charakteristik enthält, sondern, wie auch der Titel besagt, nur einzelne Charakterzüge und historische Fragmente, nur aphoristische Memoiren und biographische Rhapsodien, nur einige Lebensbilder, größtentheils nach der mir gegebenen amtlichen Stellung aus der christlich-religiösen kirchlichen Sphäre genommen: so ist das Gegebene doch nicht hingestellt auf unverbürgte Nachrichten und unzuverlässige, gewöhnlich nur halbwahre, oft falsche Erzählungen Anderer, wie sie im Publicum cursircn, sondern das Ganze ist rein und wahr hervorgegangen ans eigenen Beobachtungen und vieljährigen selbst gemachten Erfahrungen. Ohne Verletzung der Bescheidenheit kann und darf ich darum das hier aufgestellte Lebensbild ein Original nennen: denn es orientirt sich unmittelbar von Ihm selbst, gezeichnet mit Liebe und Begeisterung, wie es tief in mein Herz gedrückt ist. Wie unvollkommen und mangelhaft es .aber auch sein mag, so darf ich doch hoffen, daß Alle, die den selig Vollendeten gekannt haben, Ihn in diesem Bilde wieder erkennen, und Alle, die Ihn nicht persönlich kannten, und doch in Seinen VIII Thaten Ihn verehrten und liebten, durch diese Mittheilungen Ihn noch lieber gewinnen und um so dankbarer Sein Andenken segnen werden. Zur Abfassung und Herausgabe dieser Schrift hatte der Verfasser einen äußeren und inneren Beruf, und Beides machte ihm dieselbe zur Pflicht. Was er in seiner amtlichen Stellung in einer Reihenfolge von mehr als 3(1 Jahren aus dem Munde des hochseligen Königs vernommen, an Seiner Persönlichkeit gesehen, in Seinem Leben beobachtet, in fester, ruhiger Consequenz immer wieder gefunden hat, ist der Art, daß es ein wahrer Verlust sein wurde, wenn man es der Oeffentlichkeit entziehen wollte und der Welt es unbekannt bleiben sollte. Es ist ein merkwürdiger Beitrag zu Seiner Charakteristik, welchen im vorliegenden Falle nur der geben konnte, dem es vergönnt war, Ihn im nahestehenden Amtsverhältnisse genauer kennen zu lernen: wobei nur allein zu bedauern ist, daß keinem Würdigern, der es besser versteht, ein solcher ehrenvoller Beruf zu Theil ward. Lange habe ich darum bei mir angestanden und gekämpft, ob ich, ein 73jähriger, abgelebter, seinem Ende naher Greis Solches wagen und das Bild eines Herrschers zeichnen und veröffentlichen dürfe, dessen An- IX denken das Königliche Haus als ein Heiligthum bewahrt, das Waterland in sich trägt, und die Weltgeschichte in die glänzende Reihenfolge der besten Regenten aufgenommen hat. Zagend und schüchtern bin ich ans Werk gegangen, und habe, um die nö'thige Sammlung zu gewinnen, im dießjährigen Sommer die ungestörte Ruhe der ländlichen Einsamkeit gesucht. Oft, wenn mich die Größe des Unternehmens schreckte, wollte ich's aufgeben: aber es wurde mir Gewissenssache, in welcher meine Bemühung nur einzig darauf hin gerichtet war und blieb, klar und ruhig das hohe Original ins Auge zu fassen, keine fremdartigen Farben und Züge hineinzutragen, sondern dasselbe einfach, kunstlos, wahr und treffeich, so darzustellen, wie es wirklich war und wir es in seiner stillen Größe gesehen und gekannt haben. Dennoch werden Viele diese Schrift nur einen Panegyricus nennen, ein Bild im Lichte, ohne Schatten, und werden mithin es unähnlich finden. Schattenseiten hatte unstreitig das Original: denn auch der beste Mensch bleibt Mensch: Jeden, den Einen mehr, den Andern minder, drückt das allgemeine Loos der Un- vollkommcnheit, und vergleichungsweise ist ja nur immer der der Beste, der die wenigsten Fehler hat. Die Reinigung von ihnen und das Wachsthum in kräftiger Vervollkommnung wird nun auch vollends noch dem Herrscher auf dem Throne, angethan mit Macht und umgeben von tausend irritirenden Versuchungen, schwerer, als dem Privatmanne in der kleinen abgeschlossenen, ruhigen Sphäre des glücklichen Stilllebens. Wohl hat der hochselige König dicß selbst bei einem ursprünglich lebhaften Temperamente tief empfunden und erfahren. Zu den äußeren Kämpfen Seines hochgestellten Lebens traten auch die inneren, und es kommen darüber merkwürdige, lehrreiche Selbstbekenntnisse in dieser Schrift vor. Aber wie unpartheiisch und strenge man auch, ungeblendet vom Glänze irdischer Größe, hier nrthei- len mag, so viel ist entschieden gewiß, daß das Gute in Ihm, schon Seinem Naturell und mehr noch Seinem ausgebildeten Charakter nach, überwiegend vorherrschend war, und daß, soll hier von Schattenseiten die Rede sein, darunter nur allgemeine menschlichen Schwächen verstanden werden können. Auch diese hatten die vielfachen, schweren Prüfungen, durch welche Sein merkwürdiges Leben ging, geläutert und hatten Seinem ganzen inneren und äußeren Wesen das Siegel selbstgemachter reicher Erfahrung in reifer Frucht auf- gedrückt. In der angreifenden Schule großer Trübsale ist Er geworden, was Er war, und Er hat in der Ihn belebenden Kraft eines wahrhaft frommen, christlichen Sinnes die Reinheit der Gesinnung errungen, welche sich einfach und wahrhaft in allen Seinen Handlungen aussprach. Dabei war Er ein strenger Beobachter Seiner selbst und verlor nie die innere und äußere Haltung. Wenngleich klar, offen und aufrichtig, blieb Er doch stets besonnen und an sich haltend, und leidenschaftliche Ausbrüche, oder auch nur Uebereilungen, in welchen Fehler und Schwächen zum Borschein kommen, vermied Er mit großer Vorsicht: Seines jedesmaligen Zustandes war und blieb Er sich klar bewußt. Viele, namentlich berühmte Männer erscheinen in der Entfernung größer, in der Nähe kleiner: beim verewigten Könige war es gerade umgekehrt: die Ihm am Nächsten standen, und Ihn am Genauesten kannten, verehrten und liebten Ihn am Meisten, und Seine Ruhe und Milde nahm mit Seinem Alter zu. So ist das Urtheil Aller, die Ihn genau gekannt haben: und nur das, was, aus dieser persönlichen Kenntniß hervorgegangen, ich selbst gehört, gesehen und beobachtet, enthält diese Charakteristik: sie ist, nach meiner innigsten Ueberzeugung, wie eine historisch, so moralisch wahre,— nirgends hat eine, auch nicht die leiseste Schmeichelei, die Ihm zuwider war, sie befleckt. Am Richtigsten und Treffendsten habe ich geglaubt den König zu charakterisircn, wenn ich das Wichtigste und Beste, was ich von Ihm vernommen und gehört, so viel wie möglich mit Seinen eigenen Worten, immer aber in der ungetrübten Authenticität Seiner ausgesprochenen eigenen Gedanken wiedergab. Er wird darum hier oft selbstredend, und nicht selten in langer Rede, dargestellt. Dies; wird Vielen, und Allen, die Ihn nur entfernt kannten, und nur bei Präsentationen Ihn gehört haben, als etwas Unwahrscheinliches, oder doch als etwas Fremdartiges und 'Ausgeschmücktes erscheinen, in welchem nicht der König selbst, sondern nur Sein Referent redet. Denn Er war bekanntlich schweigsamer Natur und die hrovsin!- iinpvintorin war Ihm im höchsten Grade eigen. Er liebte es, in Aphorismen und Axiomen zu reden, in welchen das nur eben jedesmal Nöthigc ausgesprochen wurde: ja Er war darin oft so kurz und knapp, daß Er nur andeutete und selbst die Verbindungswörtcr wegließ, und dadurch dann unverständlich wurde. Klar XIII und tief, und dabei ein Feind von allen leeren, überflüssigen, unnützen Worten, die Er „Redensarten" und „Parliren" nannte, war es oft, als ob es Ihm nicht der Mühe Werth sei, zu sprechen: Er blieb dann wortkarg, und sprach bei vermischt e r U mgeb u n g sententiös, nicht mehr, als eben erforderlich war. Auch fehlt den meisten Menschen die Unbefangenheit, Ruhe und Gegenwart des Geistes, um mit hohen regierenden Herren leicht und natürlich reden zu können: wo aber der König ein serviles, eeremoniöses, peinliches Wesen sah und keine Anknüpfungspunkte fand, da brach Er schnell ab und befriedigte dann die Erwartung nicht. So ist es gekommen, daß besonders in den früheren Jahren Seiner Regierung fast allgemein, vorzüglich in den Eindrücken, die Er auf Seinen Reisen zurückließ, sich ' die Meinung von Ihm verbreitete: Er habe ein verschlossenes Gemüth, und die Gabe der Rede, die an einem Herrscher so wünschenswerth und schön ist, mangele Ihm. Aber man hat darin sehr geirrt und Ihn auch in dieser Beziehung, wie früher in mancher anderen, ganz unrichtig beurtheilt und verkannt. Der hochseligc König war der gemüthlichste Mensch, den man sich denken kann: aber das Ge- müthliche findet seinen Anklang nur in der Sympa- XIV thie. Begegnete Seinem an klarer Einsicht, an gründlicher Erkenntniß und vielseitiger Erfahrung reichen Geiste geistige, elektrisirende Annäherung, so ergoß sich auch Er in der unbefangensten, angenehmsten und lehrreichsten Mittheilung. Unterhielt Er sich mit Männern, wie Alexander von Humboldt und dem Bischöfe l>r. Roß, so war es eine Lust und Freude, Ihm zuzuhören, ^ so tief, klar und voll war dann der Strom Seiner schmucklosen Rede. Sprach man Ihn in einer kleinen Gesellschaft, oder noch besser allein, ohne Zeugen, und fand Er sich zur Mittheilung aufgelegt, so konnte Er, wenn die Wichtigkeit des Ihn interessirenden Gegenstandes es mit sich brachte, anhaltend, ununterbrochen reden, und wenn es Ihm darum zu thun war, Seine Ansichten und Grundsätze zu entwickeln und geltend zu machen, so sprach Er mit einer Klarheit, Bündigkeit, Conseguenz und Beredtsamkeit, die an einen Seiner Ahnherren, den Markgrafen zu Brandenburg, Johann I. (i486) erinnert, dem die Geschichte das Prädicat: „Der Deutsche Cicero" gegeben hat. Wenn man in solchen günstigen Augenblicken während Seiner Rede, Bemerkungen, Einwürfe, Zweifel einstreute, was Er gern hatte, und der Faden der XV Unterhaltung festgehalten und ausgesponnen wurde, so sprach Er sich ganz aus und Sein reiches Inneres wurde dem geistigen Auge sichtbar. Beim Bortrage über kirchliche Angelegenheiten, namentlich in der Agende- und Unions-Sache, habe auch ich den König also kennen gelernt, und vielfach erfahren, wie Er das klar Gedachte und tief Empfundene meisterhaft in der edelsten Schmucklosigkeit überzeugend mit- zutheilen verstand. Dicß habe ich hier ausdrücklich bevorworten müssen, um dem Meisten und Besten, was diese Schrift enthält, „Seinen eigenen, fast wörtlich treuen Aeusterungen, in welchen Er selbst spricht," bei allen den Lesern, denen dies fremdartig und hineingetragen scheinen möchte, das schuldige Vertrauen zu gewinnen. Es ist darin Nichts enthalten, als was gleich nach dem Empfange in mein Memorialbuch eingetragen und aus demselben ohne weitere Ausschmückung, welche eine Entstellung.sein würde, rein und klar genommen ist. Kommt darin, dem Inhalte nach, Manches vor, was Viele vielleicht befremden mag, weil es mit ihrer Idee, welche sie sich vom hochseligen Könige einseitig gebildet haben, im Widerspruche stehet, so kann und darf die historisch - factische Wahrheit darunter XVI nicht leiden, die dem Geschichtsschreiber das Höchste und Wichtigste und das allein Geltende sein und bleiben muß. Vielmehr werden Mittheilungen der Art, die sonst vielleicht, bei der schweigsame» Natur ihres Gebers, nicht anderweitig vernommen sind, um so interessanter, und die Veröffentlichung erscheint dann als eine doppelt heilige Pflicht. Der hochselige König war ein erleuchteter, einsichtsvoller Herr, der mit gesundem, praktischem Blick die menschliche Natur in ihren ewigen Gesetzen und Kräften und in ihren einzig festen Grundlagen durch- schauete, der Seine Zeit, die noch die unsrige ist, in ihren unabweislichen Bedürfnissen kannte. Aber Er wußte auch, wie manches Gute, Naturgemäße und Heilsame darum nicht aufkommen und sich nicht geltend machen kann, weil es noch mit dem Unkraut alter Vorurtheile verwachsen ist, welches nicht immer gewaltsam ausgerottet werden kann, ohne das damit vielfach verbundene Gute zugleich zu zerstören, und wo darum dabei schonend die Alles allmählich ausgleichende, zurechtstellende Zeit abgewartet werden muß. Gerade solche Mittheilungen des unvergeßlichen Herrn, gegeben in einer harmlosen offenen Stimmung, zur guten Stunde, charakterisiren Ihn am Besten und «? XVl! enthüllen Seine große, edle Seele in einer Art, wie vielleicht nur Wenige sie kennen zu lernen Gelegenheit gehabt haben, die nun aber, nachdem Er vom Schauplatze abgetreten, gern Alle, die Ihn dankbar verehren, so gut wie möglich näher kennen möchten. In Seinen vorzüglichsten Eigenschaften und Tugenden erschien Er höchst einfach und kunstlos: sie traten zwar sichtbar hervor, aber Er wollte sie, fern von jeder Ostentation, so wenig geltend machen, daß Viele, selbst in Seiner Umgebung, sie in ihren Quellen, Motiven und Kräften, nicht kannten, und nicht gehörig nach dem rechten Maßstabe würdigten, nicht ahnend die Tiefe Seines Gcmüthes. So bezeichnete man oft Seinen ausgebildeten vollendeten Zartsinn mit dem leichten Namen „Delicatesse"; die heilige Scheu Seiner Gottesfurcht nannte man oft „Mangel an Selbstvertrauen"; Seinen positiv-christlich - biblischen Glauben „Anhänglichkeit ans Alte und Veraltete"; Seine hohe stille Resignation „Altersschwäche". Wer tiefer in Seine Seele geblickt und Ihn in des Lebens heiligsten Momenten kennen gelernt hat, weiß das anders und besser. b XVIII Darum habe ich in solchen Fällen Seiner Charakteristik eine tiefer gehende Erläuterung nach den Principien der rationalen wissenschaftlichen Psychologie vorausgeschickt, um in der empirischen Anwendung das rechte Maß für die gehörige Würdigung zu finden. Wenn in solchen abstracten Erörterungen, jedoch nur immer im Hinblick auf den vorliegenden concreten Fall, diese Schrift hie und da trocken erscheint, so tragen doch solche Entwickelungen der allgemeinen moralischen Grundsätze und ihrer Theorie, wie ich hoffe, das Meiste dazu bei, das gezeichnete hohe Bild in die rechte Beleuchtung zu stellen, und ihm damit die gebührende Stelle zu geben. Der denkende Leser wird damit nicht unzufrieden sein. Da hier keine Biographic im fortschreitenden historischen Zusammenhange, sondern nur einzelne „Charakterzüge und historische Fragmente" in aphoristischen Lebensbildern gegeben werden, so war manche Wiederholung unvermeidlich: weil sie aber jedesmal in einer andern Schattirung erscheint, so hoffe ich dadurch die Aehnlichkeit mit dem Originale nur vermehrt zu haben. Dieß sind die Gesichtspunkte, aus welchen ich XIX alle billigen und wohlwollenden Leser bitte, diese Schrift anzusehen und mit Nachsicht zu beurtheilen. Sie bedarf derselben: ein ungewöhnlicher, erhabener Gegenstand verlangt, wenn er würdig behandelt werden soll, ungewöhnliche Kräfte und Talente: und diese sind mir nicht verliehen. Nur was ich geben konnte, und nach meinem Pflichtgefühl, wie nach den wiederholten Aufforderungen achtungswerther Männer, geben mußte, habe ich gegeben, ehrlich und treu, so gut ich's noch vermochte; ^ jedoch nur Beitrage für das Bessere, was Tüchtigere, wie Männer, auf denen der biographische Geist eines Warn Hagen und Preuß ruhet, künftig geben werde». Mit den raschen gewaltigen Fortschritten der Wissenschaft und Kunst in unser» Tagen kann ein alter Mann nicht mehr gleichen Schritt halten, weder in der Sache, noch in der Darstellung, am Wenigsten in dieser. Die pikant-plastische und prägnant-poetische Kraft, woran der Geschmack unserer Zeitgenossen in neuen und den neuesten Memoiren gewöhnt und verwöhnt ist, wird man in dieser Schrift nicht finden. Das Alter liebt das Einfache in kunstloser Gestalt: und dieß beruhigt mich nun auch wieder, dem hohen Bilde gegenüber, in welchem wir Alles rein und einfach ohne erborgten Schmuck erblickten. b» Was bei Abfassung dieser Schrift mir übrigens am Unbequemsten geworden und geblieben, ist, da sie aus meiner amtlichen Stellung hervorgegangen, die fatale Nothwendigkeit, oft von mir selbst reden zu müssen; — so viel, wie möglich, bin ich ihr ausgewichen, und habe mich nur da gefügt, wo in dieser Beziehung charakteristische Züge des hochseligen Königs vorkommen, die ich nicht zurückhalten durfte, weil sie Ihn gerade von der wichtigsten Seite, der christlich-religiösen, am Besten darstellen, und die nur der mittheilen kann, der so glücklich war, sie ganz in der Nähe kennen zu lernen. Alle, die mich in meinen hiesigen Verhältnissen seit 35 Jahren kennen, werden mich deßhalb keiner Eitelkeit zeihen, und nicht meinen, als wollte ich mir selbst mit dieser Schrift irgend ein Gewicht beilegen; ein solches Urtheil würde ein unwahres und unbilliges sein. Es lag in dem Herzen des hochseligen Königs das Bedürfniß, bei der wichtigsten, heiligsten Angelegenheit Seines Lebens dem Ihm amtlich nahe stehenden Geistlichen, Seinem Confessionarius, Vertrauen zu schenken: und in diesem Vertrauen war Er offen und ohne Rückhalt. Daß gerade dem Verfasser eine solche ehrenvolle Stellung zu Thci! wurde, war XXI Zufall, eine günstige Fügung, ohne alles Verdienst von seiner Seite; einem Anderen, wahrscheinlich Tüchtigern, würde es eben so gut geworden sein. Und warum soll ich nicht zur richtigen Würdigung des in Rede stehenden Verhältnisses hier daran erinnern, daß jede Würde auch ihre Bürde hat? Jene, und ihre Farbe», sieht die Welt: aber diese und ihren Druck fühlt nur der allein, der sie zu tragen hat. Zu tragen, oft schwer zu tragen, hatte ich dabei allerdings. Denn, ganz abgesehen von dem Neide, der mich fortwährend benagte, und den vielfachen Anfeindungen, die ich deshalb zu erdulden hatte, was jeder Begünstigte sich nun einmal muß gefallen lassen, -— so war es nicht immer leicht, bei dem oft dissicilen hochscli- gen Herrn das Rechte und Ihm Wohlgefällige, wenn man seiner eigenen Ueberzeugung dabei treu bleiben wollte, zu treffen. Daß ich dieselbe stets offen und ehrlich, auch im Widerspruche freimüthig an den Tag legte, führte viel Schwieriges und Unangenehmes mit sich, hat aber auch vorzüglich in der Nachwirkung dazu beigetragen, mir Sein gnädiges Vertrauen bis ans Ende zu erhalten. Denn Zweideutigkeit und servile Anbequemung war Ihm in der Seele zuwider. Die Wahrheit galt Ihm über Alles und nur sie wollte Er. In der Verbindung mit Ihm bestand kein XXII Vcrhältniß, welches nicht diese feste Unterlage hatte. Aber der Ernst und die Wichtigkeit der Sache selbst, worauf es hier jedesmal ankam, drückte und ängstigte mich. In der höchsten und letzten Instanz seine Meinung bestimmt auszusprechen und guten Rath zu geben, ist eine bedenkliche Sache, die dem Gewissenhaften Roth und Sorge macht. Aus dieser bin ich viele Jahre gar nicht herausgekommen, und mancher Gang nach dem Schlosse wurde mir schwer, in der steten Unruhe, solchem hochgestellten Verhältnisse kein Genüge thun zu können, und mir war es immer, als wäre ich nicht dafür gemacht; dazu kamen die zahllosen, unaufhörlichen lästigen Zumuthungcn, an mich geschickte Jm- mcdiat-Bittschriften abzugeben und zu empfehlen, was mich oft in die peinlichste Verlegenheit setzte. — Aber was ich auch mag getragen und verborgen haben, so muß ich es doch jetzt am Ende meiner Laufbahn für die höchste Ehre und die größte Wohlthat meines Lebens erklären, in solchem Verhältnisse gestanden zu haben. Und nun, da dieß Alles vorbei, der Unvergeßliche von uns geschieden ist, und wir Ihn begraben haben, stießen Seinem Andenken die reinen Thränen frommer Ehrfurcht und inniger Dankbarkeit, und ich habe Nichts, als das aufrichtige Bekenntnis?, keinen besseren XXIII Menschen und Christen, als Ihn, je gekannt zu haben. Wenn darum diese Schrift nur Etwas dazu beiträgt, Sein Andenken unter den Menschen im Segen zu erhalten: die Anhänglichkeit an unser angestammtes Regentenhaus noch mehr zu befestigen: die Liebe und Ehrfurcht für des jetzt regierenden Königs Majestät, den hohen, reichen Sohn eines solchen Waters, noch tiefer und fester zu gründen: so will ich segnen die schönen Tage des diesjährigen Sommers, welche ich in stiller ländlicher Ruhe und glücklicher Verborgenheit der Abfassung dieser Schrift mit voller Seele widmete. Abend ruhe in Eppendorf, bei Hamburg, den 26. September 1842. Eylert. Inhalt und Plan. Erster Abschnitt. Charakteristik dcS Königs. Körperliche Gestalt. Lebensweise nnd Tafel. Werth einer edlen Gestalt bei regierenden Herren ! Auge und Blick 3 Bewegung der Hände 3 Stimme 8 Kleidung - 9 Wohnung ig Einfache Lebensweise >3 Urtheil über Gourmands 22 Merkwürdiger Charakter-Iug aus der Jugend 23 Zweiter Abschnitt. Geistige (intellectnellc) Eigenthiimlichkeit. Historisch-psychologische Parallele 23 Gesunder natürlicher Menschenverstand 28 Merkwürdiges Urtheil im Moment wichtiger Entscheidung 32 Schneller richtiger Blick 33 Gerechtes und mildes Urtheil 3t> ..Zg i.4I ..43 .. 44 ..43 ..4V ..47 ..48 ..3a ..3l Drittrr Absrhuitt. Eigcnthümlichkcit des Charakters. Wahrheit und Wahrhaftigkeit Klarheit. Tiefe. Kürze. Abneigung gegen Schmeichelei Beispiele Festigkeit Beispiele Milde Beispiele Vertrauen; Mißtrauen Beispiele Char.aktergüte Beispiele Großer Werth kleiner Züge Jartsinn Entwickelung Die geraubte Blume General von Köckcritz Die Feier seines fünfzigjährigen Dicnstjubiläums Beispiele XXVI S charfsinn Philosophie. Bcyme. Kant. Fichte. Hegel. Schilling Witz - Treffend, doch nicht verwundend Scherzworte Einbildungskraft Sinn für Kunst Gedächtniß Treue desselben Merkwürdige Beispiele XXVII Seite Zartsinn in der Ueberraschung 124 Geburtstag-Feier des Russischen Kaisers, in Gegenwart der Kaiserinn Mutter 126 Der überraschte Canzlcr Niemeyer 138 Dessen 66jähriges Dienstjubelfest 14g - Der Verfasser bittet um Versetzung 132 Consistorial-, Presbyterial- und Synodal-Verfassung 1S3 Der Religionslehrer des Königs und Kronprinzen, Bischof Dr. Sack 164 ? Charakteristik 164 Eonsirmation des Kronprinzen, den 2g. Januar 1813 176 Delbrück 149 Liturgische Commission 194 Minister von Schuckmann 198 Schleiermacher's Glückwunsch-Schreiben Igg Große Ueberraschung 294 Prämcditirtcr Edelmuth. Aufschluß 265 Großmuth 268 4 Ob sie leicht oder schwer? 26g Durch Leiden zu ihr geführt 213 Einfluß des Erzbischofs Borowsky zu Königsberg 214 D Charakteristik 216 Rückblick aufs Jahr 1866 226 K Johannes Müller 227 U Der Abt Henckc in Hclmstädt 228 s Unwandelbare, muthige Treue des Volkes 231 ß Die Grafschaft Mark 232 Merkwürdige Beispiele unwandelbarer Anhänglichkeit. Trost und Hoffnung im Unglück 236 K Contraste 245 Vertraute Briefe. Feuerbrände 246 z Obrist von Maisenbach 246 Charakteristik 246 Vorschläge desselben 248 XXVIII Antwort dcs Königs und dcs Ministers von Stein 250. 251 Verblendung 253 Großmuth dcs Königs 253 Seine Erklärung darüber- 255 Heiterkeit, Humor 257 Scherze 258 Das Fest der Handwerker 258 Eine heitere Tafclscene in Paretz 250 Der durch einen Scherz glücklich gerettete Diener 200 Die singenden Straßenjungen in Berlin 207 Achnlichc Sccne» im Leben Friedrichs II 208 Hesterc Kindlichkeit 200 Im Kreise der Kinder 274 In der Natur 277 Alexander von Humboldt 278 Anziehende Kraft 280 Abstoßende Kraft 280 Der Vogelhändlcr 281 Der getröstete Diener 283 Die Kindlichkeit im Alter. Ihre Quellen 284 Kindlichkeit bis an's Ende 200 Gottesfurcht 202 Fromme Scheu 203 Das Gewissen 204 Tod-Sünden 204 Abneigung; Zuneigung 205 Strenge in puncto 8cxli 207 Merkwürdiges Beispiel 208 Vertrauen 301 Unentbehrlich 302 Glück und Unglück 303 Die Stufengänge des Glaubens 305 Divinationsgabe 300 XXIX Seite Positiv-christlicher Glaube 3K8 Begründung 3KK Entgegengesetzte Ansicht der gegenwärtigen Zeit 321 Nicht der todte Buchstabe, sondern der lebendige Geist 323 Auszug der heiligen Schrift 324 Wie sie gelesen werden müsse 32g Protestantismus 32k Vertraute Bekanntschaft mit den Reformatoren und ihren Schriften 327 Achtung vor dem öffentlichen Gottesdienst 33K Permanenter Kirchengänger 332 Ausdruck der Thcilnahme 333 Abendmahls - Feier ^ 33S Hauskapcllc 337 Einweihung derselben 338 Geist der Andacht 341 Wahrnehmung des Gottesdienstes 342 I). Nicmcper und II. Dräsekc 343 Richtige Würdigung 344 Verlangen nach der Thcilnahme am öffentlichen Gottesdienste 34k Sein kirchliches Beispiel für Meie ohne Einfluß 33k Confitent; Eonfessionarius 332 Beichte 33k Vom Amte der Schlüssel, oder der bindenden und lösenden Kraft der Kirche. Eigenhändiger Aussatz 337 Widerspruch 338 Zurückgewiesen 33k von Altcnstcin; geistlicher Minister. Charakteristik 3KK Selbstbekenntnisse 3K7 Der Gottesfürchtige 4K3 Letzter Wille. Testament 4V3 Fromme Resignation 4l4 Entwickclung 414 Personisicirtcs höchstes Ideal 423 XXX Bildung durchs Schicksal Anomales Beispiel Papst Pius VII Aus-und Durchbildung Beispiel Die Früchte Seiner Resignation Seite 427 .428 .432 .434 . 433 . 438 vierter Abschnitt. Das Lebe» des Königs in Seinen Gärten. Der neue Garten 445 Paretz 44g Sans-souci 43t> Mittheilungen über Friedrich II 451 Pfauen-Insel ^ 482 Morgenscene 485 Abendsccne 489 Die Königinn 499 Nicolskoö 494 Bcrgkapellc 495 Charlotten bürg 497 Vcrmählungsfest des Grafen von Stolberg-Stolberg 498 Neben dem großen Schlosse die kleine Wohnung 599 Mausoleum ! 591 Das vereinigte Königspaar 592 Nachschrift: Inhalt des zweiten Bandes 593 -M -M' Druckfehler, die man vor dem Lesen zu verbessern bittet. Seite 3 7, Zeile 2, von unten, lies 41 48 70 202 224 245 322 2, von oben, lies 17 » » « 1 » » » 4 » 0 » 12 » II » si'e statt die. skop tische, statt skeptische, skop tisch, statt skeptisch. Grund-Stamina, statt Grund-Nomina ist bei den Worten „zwischen Beiden" ausgelassen: und Schleiermacher, lies: Künste, statt Künsten. » : meinem Herzen, statt meinem Herz. » : Kannte, statt Kennete. Erster Abschnitt. Charakteristik des Königs. Körperliche Gestalt. Seine Lebensweise nnd Tafel. ^)ic Charakteristik des verewigten Königs von Preußen, Friedrich Wilhelm des Dritten, möchte ich mit den Worten Schillers beginnen: „Das Schönste, was ich licnn' und wähle, 2st in der schönen Form die schöne Seele." Wohl ist es wünschenswert!) und erfreulich, wenn Regenten, auf welche, überall wo sie erscheinen, die Blicke der Menschen gerichtet sind, auch schon durch ihre äußere Gestalt einen angenehmen, gewinnenden Eindruck machen. Der Körper ist die Behausung, das Instrument der Seele und jener erzeugt stets das erste, diese das zweite Urtheil des Anschauenden. Was hier gegeben und versagt ist, entspringt ans der Gunst oder Ungunst der schaffenden Natur, und wohl Jedem, den sie angenehm gestaltet hat! In der äußern Anmuth liegt eine Empfehlung, die sich sogleich geltend macht und wohl- thuende Gefühle weckt: ja Sokrates, der die Natur in ihren Harmonieen kannte, behauptete, daß in einem schönen Körper ursprünglich auch eine schöne Seele wohne. Beides zur Einheit verschmolzen, haben von jeher die Völker ihren Fürsten und Herren gewünscht, in denen man, äußerlich bevorzugt, auch gern das Vorzügliche sieht. Der Begriff von überwie- l gender geistiger und sittlicher Größe ist zuerst von der körperlichen genommen und von dieser auf jene übertragen, so daß, wenn die körperliche fehlt, die Geltendmachung der geistigen schwerer wird. Diejenigen, welche in menschlicher Rangordnung über Anderen und höher stehen, sieht man gern auch in ihrer Gestalt hervorragend, und dicß liegt so tief im vergleichenden Maßstabe menschlicher Urthcilc, daß unstreitig daher die Prädicate entstanden, welche In allen Sprachen sürstlichen Personen und regierenden Herren beigelegt sind. Man nennt sie Erlaucht, Durchlaucht, Hoheit, Majestät, um so lieber, wenn schon ihre äußere Erscheinung hohe, klare, erhebende sinnliche Eindrücke macht, und man beim ersten Anblick es ihnen gleich ansieht, daß sie Fürsten sind. Der verewigte König Friedrich Wilhelm M. hatte eine hohe königliche Gestalt. Die Natur hatte ihn auffallend vortheilhast gebildet, und bekannt ist, wie ein Fremder, der Ihn nie gesehen, neben Ihm, im einfachen Obcrrock ohne äußere Zeichen gekleidet, im Thiergarten hergehend, von der schönen Gestalt gefesselt, ihn lange anschauend, so unwillkührlich ergriffen wurde, daß er das Haupt entblößend sich verbeugte, und dann später erst erfuhr, daß es der König gewesen. Achnlichcs ist oft, namentlich an fremden Orten, wo man Ihn nicht kannte und wo Er das Jncognito liebte, geschehen. So liegt es in der Natur der Sache und des Menschen, wenn zu den äußeren Vorzügen auch die Innern kommen. Ist der Mensch wahr, klar und ausrichtig, so drückt sich, auf welcher Stufe er auch stehen, in welchem Berufe er auch leben mag, das Vorherrschende und Permanente seines Innern allmählich in seinem Acußcrn aus, und sein Körper wird das Abbild seiner Seele. Nach dem Innern Lebensfern gestaltet sich in der ganzen Natur die äußere Farm, und dem, welcher die Hieroglyphen der Natur, die überall treu und wahr ist, zu lesen versteht, wird die Physiognomik eine Wissenschast, mehr noch wie die Schädcllchre. — Das phy- siognomische Gesühl hat seinen tiefen Grund in der sittlichen Natur des Menschen: man halte einem kleinen unschuldigen Kinde gleichzeitig neben einander im Bilde ein, Christus- und ein Judas-Angesicht vor, und von diesem wird es weinend sich wegwenden und nach jenem getröstet die Händchen ausstrecken. Ein Physiognom aber brauchte man nicht zu sein, um sogleich beim ersten Anblick in dem Hochseligen Herrn eine Königliche Natur zu sehen. Er war von ungewöhnlicher Größe; alle Theile Seines Körpers waren proportionirt und bildeten ein schönes Ganze. Seine Haltung war schnurstracks gerade, militairisch; aber nicht gezwungen, sondern leicht, natürlich und graeiös, Seiner Größe angemessen. Sein Angesicht machte in den Zügen des Ernstes und der Milde einen angenehmen Eindruck und man fühlte sich von ihm angezogen. Seine hohe, gewölbte Stirn bezeichnete denkende Klarheit, die stark gefüllte Unterlippe Festigkeit, und um den Mund schwebte ein Gemisch von Gutmüthigkeit und Satyrc. Sein Auge war dunkelblau, voll Geist und Güte, gewöhnlich ernst, seltener lächelnd. Man sah es ihm an, daß es viel gedacht, aber auch viel geweint hatte. Sein Blick war fest, klar, ruhig, nie blinzelnd und schief und schielend, immer offen, kühn und wahr. Es lag, wenn Er freundlich Seine Zufriedenheit im sanften Anlächeln zu erkennen gab, in diesem Blick etwas Herzgewinnendes, und Gnade in dem Sinne, wo sie soviel heißen soll, als Herablassung, lag nicht in die- sein Auge, sondern immer ein reines menschliches Wohlwollen. Sein Blick flackerte nie, warf sich nie oberwärts, war nie gemessen und abgemessen, sondern immer wahr und aufrichtig, nach der Beschaffenheit des Gedankens und der Ge- müthsstimmung. Man kann kein menschliches Angesicht sehen, das reiner und klarer der Spiegel des Innern ist, als man es auf diesem jedesmal deutlich las. Ein Panorama aller empfangenen Eindrücke möchte man's am Treffendsten nennen, vorzüglich der schmerzhaften. War von Unglücksfällen, die Diesen oder Jenen betroffen, die Rede, so sah man das Mitgefühl fremder Schmerzen in dem leichten Zucken der Gesichts- muskcln, wie selbstempsundcncn Schmerz in allen Gesichtszügen, wie im Zucken der Achseln, und still machte Er dann einen Knoten in's Schnupftuch, damit Er die Hülfe nicht vergesse. Lavater macht in seinem genialen Werke über Physiognomik die treffende Bemerkung, daß in dem Angesichte aller wahrhaft großen und guten Menschen sich eine liebliche zusammenfließende Mischung von Ernst und Wehmuth als eine charakteristische Signatur vorfinde, einer Wehmuth, die das bittere Weh des Lebens aus Erfahrung kennt, aber doch auch Kraft und Much hat, es zu besiegen. Solche Zeichensprache, in welcher Sonnen- und Mvndstrahlen sich harmonisch verschmelzen, macht auf den Menschenkenner einen fesselnden Eindruck, weil man in ihm die beiden Elemente jeder wahren Menschengröße „Kraft und Liebe" vereinigt findet; eine Kraft, die mit Verehrung, eine Liebe, die mit Vertrauen erfüllt. So bei Ihm. -— Melancholie war es nicht, was im Gesichte des Königs lag, noch weniger verbissener Schmerz, am Wenigsten Mißmuth und Ueberdruß, denn es war klar, frisch, heiter; aber diese Klarheit, Frische und Heiterkeit hatte den Schmelz und die Umschattung einer mil- dcn Wchmuth. Jung Stilling würde sie Heimweh nennen; man könnte diese Mischung auch bezeichnen als ein harmonisches Concert, in welchem neben dem I-'m te und bU-este» vorzüglich doch auch das rVcknAi« hörbar ist. Wer mit solcher Stimmung und Betonung spmpathisirt, und in der Musik des Lebens gern das Violoncell hört, der srcucte sich, wenn er den König sehen und hören und in Sein seelenvolles Auge schauen konnte. In der Bewegung Seines Körpers lag Anmuth und Grazie. Sein Tritt und Gang war fest, ruhig und sicher, bis zum Jahre 1826, wo Ihn das Unglück traf, einen Fuß zu zerbrechen, und woher eine mit dein Alter zunehmende Schwäche ihm zurückgeblieben war. Doch behielt Er bis ein Jahr vor Seinem Tode die Leichtigkeit in der Bewegung und die gerade, schöne, männliche Haltung. In der Bewegung Seiner Hand lag namentlich etwas ungemein Charakteristisches, wie dcn» überhaupt der Gebrauch der Hände bei allen Menschen für den Grad ihrer Bildung bezeichnend ist. Bon einem gesellig ungebildeten, ängstlichen, verlegenen Menschen pflegt man mit Recht darum zu sagen: er weiß mit seinen Händen nicht zu bleiben. Die Hände sind, nach dem Auge und Munde, das bedeutungsvollste Organ des menschlichen Körpers. Sie sind das Werkzeug, die Vollstrecker der Gedanken und des Willens, sie das Instrument des Empfangens und Gebens, der Milde und Härte, der Ruhe und der Leidenschaft, des Segens und des Fluches, sie sind die balan- circnden Halter des körperlichen Gleichgewichts, sie im Schwanken die Ursache des Umsturzes. Möchte man auch nicht mit Lavater unterschreiben, wenn cr sagt: „Wie deine Gesinnung, so die Bewegung deiner Hände, und wie deine Handschrist, so dein Charakter!" so hat Engel in seinem trefflichen Werke über Mimik gewiß doch Recht, wenn cr die Bewegung der Hände ein sprechendes Gcbcrdcnspiel nennt und nach Blick und Sprache solche als vorzüglich charakteristisch am Menschen bezeichnet. Die Art und Weise, wie sie sich bewegen und ruhen, heben und senken, macht das Innere kund. Das erkannte und wußte Napoleon: er sühlte, daß um würdig den Kaiser zu rcprä- scntiren, seine Macht und Gewalt allein dazu nicht hinreiche; er nahm, wie einstimmig seine Biographen erzählen, (ein Neuerer, aber nur Lobrcdner, hat widersprochen) kurz vor seiner Krönung Unterricht in der Mimik von dem berühmten Schauspieler Talma, und vor dem Spiegel stehend, wurde cr cinexercirt in würdiger, kaiserlicher Haltung. Napoleon hatte bekanntlich eine schöne Hand: aber mit der Bewegung seiner Arme und Hände war Talma am Wenigsten zufrieden. Was der übrigens in vieler Hinsicht große Mann von der Kunst, als ein gemachter Kaiser, lernen und sich aneignen wollte, das war Friedrich Wilhelm t!l. als geborenem Könige von der Natur gegeben. Gleich Seinen hohen Ahw- herrcn, war Seine Hand für den Scepter geboren, und die Art und Weise, wie Er beim Eintreten mit der Hand grüßte, und, gewöhnlich ohne-ein Wort dabei zu sagen, mit der Hand entließ, hatte etwas wahrhast Königliches: es lag darin eine Zeichensprache, in der man Seine Gedanken und Gefühle, am Meisten Seine jedesmalige Stimmung lesen, hören, sehen konnte. Diese würdevolle, anmuthigc Bewegung der Hand wurde in Allem, auch dem Geringfügigen, wenn Er bei Tische sitzend sie zum Munde führte, wenn Er die Feder hob und schrieb, wenn Er im lebhaften Gespräche sie rascher, aber immer graciös, bewegte, und vor Allem, wenn Er vorübergehend sie schnellhebcnd, in der Mitte sie ein wenig still haltend, dann schnell sie senkend, Jeden wohlwollend anschauend, grüßte, sichtbar. Jeder fühlte dann etwas Ungewöhnliches; man blieb stehen und sah Ihn: nach. In dem Könige erblickte man immer zugleich den humanen Menschen, an dem nichts angenommen Feierliches, nichts Affcctirtes, nichts Studirtes und Manicrirtes, nichts Abstoßendes, an dem Alles Natur, edle Einfachheit, Wahrheit, Nuhe und angeborene Amnuth war. In seiner Jugend schlank und .hager, wurde Sein Körper vom llösten Jahre an voller und kräftiger, doch nie corpulent, und bei frischer, blühender Gesundheit war Er in Seinen besten Mittlern Jahren, wie der Erste, so auch vielleicht der schönste Mann im Lande; ein wahrer Princeps. Das wurde sichtbar und klar, wenn Er vor Seiner Garde, der ausgewählten, schönsten, frischen Blüthe der Preußischen Nation, erschien. Mitten zwischen ihr stehend oder auf- und abgehend, durste auch der Fremde nicht erst fragen: Wer ist der König? Er ragte hervor, und Jeder erkannte Ihn sogleich, auch in der Entfernung. Am Herrlichsten nahm Er sich aus zu Pferde und auch das wildeste und muthigste gehorchte Ihm in den Jahren der vollen Man- neskrast. So hat Ihn sprechend ähnlich der geniale Meister in seiner Kunst, der Professor Krüger zu Berlin, gezeichnet, in dem köstlichen Gemälde, das vor mehreren Jahren auf der Kunstausstellung in Berlin zu sehen war und nach Petersburg gegangen ist. Vielfach sieht man überall das Bild des Königs, — welcher Preuße hätte es nicht in seinem Wohnzimmer? In allen ist mehr oder minder eine gewisse Aehnlichkeit, in allen sieht man das offene, edle Angesicht des unvergeßlichen Herrn. Das ähnlichste aus den sechziger Jahren, im aufgeknöpften Rocke, ist das von demselben Künstler; und das allerletzte, in welchem Er dargestellt ist, wie Er, einige Tage vor Seinem Tode, den >. Junius 1840 am Fenster stehend, nach der Einweihung der Grundsteinlegung des Friedrich II. zu errichtenden Denkmals hinschaut, erfüllt mit Schmerz, und man mag es nicht sehen. Der Ton der Stimme des Königs war weniger angenehm, als man nach seinem vollen, schönen, kräftigen Körper hätte annehmen und vermuthen können. Von Seinem hochseligen Herrn Vater Friedrich Wilhelm II. hatte Er einen Nascnton, mit sonorer und etwas rauher Beimischung, wodurch die Stimme im Anfange, wenn man sie zum ersten Mal hörte, da es ihr an Klarheit und Helle gebrach, nicht gleich ganz verständlich war. Doch da es weniger darauf ankommt, Wie, als Was man spricht, so verlor sich dieser ungünstige Eindruck bald und trug, daran gewöhnt, zur Bezeichnung der individuellen Eigenthümlichkeit Seiner Person wesentlich bei. Denn auch in dem Tone Seiner Stimme lag überall Wahrheit, Ausrichtigkeit, Herzlichkeit und Wohlwollen, und sie erhielt bei steigender Lebhaftigkeit des Gesprächs eine angenehme Volubilität. Am Treffendsten kann man den Ton Seiner Stimme mit dem Klange eines Saiteninstrumentes vergleichen, dem beim sonoren Grundtonc eine leise Dämpfung und ansprechende ernste, jedoch wohlthuende Schwermut!) beiwohnet. Diejenigen, welche täglich mit dem Könige umgingen, wurden bei der Verehrung und Liebe, die sie für ihn fühlten, unvermerkt, nicht blos mit dem Ge- müthe, sondern auch mit der Zunge, auf denselben Ton gestimmt, und Seine Diener, die zunächst um Ihn wa- 9 rcn, frcucten sich, wenn sie Seine hausväterliche Stimme hörten. Was die stille Macht eines vorlcuchtcndcn Beispiels thut, wurde auch hier klar und sichtbar. Das alte wahre Wort: all exempluiu neuste tntus oompvuituo oillais, bestätigte sich nach allen Richtungen in den Königlichen Umgebungen; auch im Aeußerlichen. In Allem fühlte man den An- und Nachklang vom Königlichen Herrn, dem Vorbilde. Die schönen Gardisten hielten sich, standen, gingen, grüßten wie der König und waren das Abbild Seiner hohen, edlen Stattlichkcit. Viele Ofsiciere sprachen und kommandirtcn, ohne es zu wollen und zu wissen, in Seinem Tone, und Alles trug mehr, oder minder Seine Signatur: Alles war das Echo von Ihm. Vielleicht hat es nie einen Hof gegeben, wo der Herr und seine Diener in einem so hohen Grade auch äußerlich UAeemxI waren, als hier; in Allen sah man sogleich dieselbe Schattirung und Färbung, in Allen neben fester Haltung eine heitere Behaglichkeit; daran erkannte man eben so sehr, wie an der Uniform, ihren Dienst bei Hofe, von den stattlichen Leibjägern an, welche die unmittelbare Bedienung hatten, bis zu den untersten Laquaien. Wie in Allem, so liebte der König auch in Seiner Kleidung das Einfache. Gewöhnlich trug Er einen schlichten Leibrock von blauer Farbe, ohne Tressen, und immer angeschlossen fest zugeknöpft. War Er auf dem Lande, auf der Pfaucninsel, oder in Seinem stillen Paretz, so war Ihm ein bequemer Oberrvck am Behaglichsten. Hielt Er Sich in Badeorten auf, so legte Er Alles, was den König bezeichnen konnte, ab, und man sah Ihn in einem Rocke von dunkler Olivenfarbc, weißer Weste, grauen Beinkleidern, schwarzer 10 Halsbinde, in einem runden Hute, mit einem Stocke, den Er sonst nie trug, und ohne Orden. Ein Mensch unter den Menschen, heiter, zwanglos und unbefangen, war Ihm am Wohlsten und gern that Er von sich Alles, was beengt. Ungern trennte Er sich von lange getragenen, bequemen Kleidungsstücken und Er benutzte sie so lange, als es anständig möglich war. War von einem täglichen neuen Leibrock oder Mantel die Rede, so war er Ihm immer noch gut genug, Er trennte Sich davon ungern, bis die hohen holden Töchter in freundlichen Liebkosungen den verehrten Vater um Anlegung eines neuen Kleides baten. Die bedeutungsvolle einfache, bequeme Landwehrsmann-Mütze trug Er immer, und vertauschte sie nur dann gegen den Fedcrhut, wenn Er an Cour-Tagen oder sonst in größerer Gesellschaft in Galla erschien. Dann, sorgfältig und nett angekleidet, so daß dein schönen Manne Alles geschlossen wie angegossen saß, und geschmückt mit Orden, am Liebsten mit dem des eisernen Kreuzes, bemerkte man doch im ganzen Anzüge nichts Geputztes und Gesuchtes, und das Sprichwort „das Kleid macht den Mann" litt auf Ihn keine Anwendung. Hier machte vielmehr der Mann das Kleid, und in jedem, auch dem einfachsten, sah man den König. Dieser trat in angeborener Würde hervor, man mochte Ihn im Schmucke am Krinnings- und Ordensfcste, oder im grauen Oberrocke mit der Feldmütze, unter den Einwohnern Seiner lieben Waterstadt Potsdam in ihren stillen Straßen ohne alle Begleitung gemüthlich auf- und abgehen sehen. Derselbe entschiedene Sinn für's Einfache und Schmucklose wurde eben so sichtbar in der Wahl Seiner Wohnung 11 und in dcr Art und Weise, wie Er sie benutzte. Als Er zur Regierung kam, bezog Er nicht das alte, ehrwürdige, große, prachtvolle Schloß Seiner Ahnherren, sondern blieb in dem kleinen, aber behaglichen Palais, welches Er schon als Kronprinz bewohnt hatte, und in welchem Er auch gestorben ist. Biele Fürsten und Ercellcnzen, ja viele wohlhabende Privatleute in Berlin, wohnen prächtiger, schöner, weiter und bequemer, als dcr König hier wohnte. Die Wohn-, Sprech-, Arbeits-, Schlafzimmer und dcr Speisesaal waren heiter und geschmackvoll, namentlich mit schönen Gemälden und anderen Kunstsachen, wie mit pcrennircndcn Blumen geschmückt, aber nirgends sah man Glanz und Prunk; und Decorationcn von großem Werthc, wie namentlich im alten Schlosse in dessen Rittersaalc aufgehäuft und zusammengestellt sind, liebte Er nicht in Seiner Häuslichkeit. Dcr König war ein Liebhaber und Kenner der schönen Kunst in allen ihren Zweigen und hat im Ankaufe kostbarer Gegenstände, in Erbauung und Anfüllung des großen Museums viele Millionen in den Iii Jahren Seiner Regierung verwandt. Er hatte darin einen feinen, scharfen Blick, ein richtiges Gefühl, einen sichern Tact, und auf den reinen Spiegel Seiner Phantasie rcflectirtc klar und warm jedes schöne Werk der Kunst. Sein Schönheitssinn floß zusammen mit Seinem festen und milden sittlichen Gefühl, in welchem das Wahre, Gute und Schöne immer harmonisch Eins ist. Bilder der Unschuld, der patriarchalischen Sitten-Einfalt, dcr frohen Heiterkeit, der harmlosen Gutmüthigkcit, des Witzes und der Satyre, und dcr humoristischen Laune sah Er gern sinnend und oft lange an, und urtheilte darüber, wenn auch nicht in wissenschaftlich technischen Ausdrücken, doch als Dilettant, treffend, scharf und erschöpfend, so daß Künstler, die Ihm ihre Werke vorstellten, darüber erstaunten. Vorzüglich wcrth waren und blieben Ihm biblische Darstellungen, Scenen aus dem Leben Jesu und seiner Apostel. In den meisten Seiner Zimmer sah man in reicher Mannigfaltigkeit Christus-Köpfe, wovon Ihm der Raphae- lischc, ec-ee Iromo, vorzüglich Werth war, und es machte Ihm Freude, mit biblischen Gemälden die Kirchen in Seinen Residenzen und im Lande zu beschenken. In seinen Arbeitszimmern, wo Er Sich den größeren Theil des Tages, vorzüglich Vormittags, aufhielt, war Alles heiter, geordnet und schmucklos. Am Liebsten war Er in dem stillen, ruhigen Potsdam. In dem am Lustgarten und der langen Havclbrücke angenehm gelegenen Schlosse wohnte Er im dritten Stocke, nach dem Schloßhofe und der Schloßstraße. Diese Zimmer sind behaglich, aber klein und niedrig, jeder wohlhabende Privatmann hat sie schöner und bequemer. Ein Pult, an dem Er stehend schrieb, und auf welchem die heilige Schrift lag; ein Bücherschrank, angefüllt mit deutschen Classikern, ein Eckschrank, ein gewöhnliches Sopha, ein kleiner Spiegel und einige Rohrstühle bildeten das ganze Ameublcment. An den Wanden hingen hie und da Abbildungen der Preußischen Armee aus alter und neuer Zeit, und ein Kupferstich: wie Christus Kinder segnet. Seine stillgelegcne Schlaskammer war wenig erhellt, ohne alle Decoration, enthielt nur die gewöhnlichen Waschapparatc und eine einfache Feldbettstcllc, wie sie jeder Offlcier hat, einen Mantelstock und einen Stiefelknecht. Sein Bette bestand aus einer harten Matratze und einer leichten Decke. Auf dem kleinen Tische vor dem Bette lagen gewöhnlich neben 13 dem Erbauungsbuchc: Aon der Nachfolge Christi, von Thomas von Kcmpis'ch in der Sailerschen Uebcrsetzung, andere Schriften vermischten ernsten Inhalts. In der zweiten Etage des Schlosses waren nur der heitere, mit schönen Gemälden geschmückte, kleine Speisesaal und die daran stoßenden Zimmer geöffnet. Die übrigen prachtvollen Räume blieben verschlossen und wurden nur bei außerordentlichen Veranlassungen gebraucht. Der König erhielt sich seine kräftige, srische Gesundheit bis in's Alter, durch eine fest geregelte, einfache Lebensweise. Alles ging bei Ihm, wie nach der Uhr, in bestimmter Ordnung den ganzen Tag durch, von der ersten Frühe bis zur letzten Abendstunde; und am Glücklichsten fühlte er sich, wenn diese gleichmäßige Ordnung nicht gestört wurde und Alles in heiterer Gleichförmigkeit sich bewegte. Diese hielt Er fest bei allen Unterbrechungen und immer zwischen eintretenden Umständen und Abhaltungen, die von einem so hoch gestellten Leben unzertrennlich sind. Alles im Laufe des Tages war planmäßig vertheilt und jedes Geschäft hatte seine bestimmte Zeit bis auf die Atinute. Alles in Seiner nächsten Umgebung war darin eingeübt und Jeder wußte, Was und Wann er es zu thun hatte. Wie ein regelmäßiges Uhrwerk lief das combinirte Tagesgeschäst im festen und ruhigen Tacte *) Das merkwürdige alte katholische Buch ist bekanntlich zunächst für Ordcns-Gcistliche geschrieben. Dieß Speciclle abgerechnet, ist es in seinem kategorische» Ernst, in seinem christlichen Stoi- cismus, wie in dem biblischen absoluten Geiste, der es durchdringt, im Allgemeinen für jeden Christen, der wahre Erbauung sucht, noch immer ein ganz vorzügliches Buch, dessen innerer Werth längst anerkannt ist. 14 ab; das Eine griff unterstützend in das Andere ein und bildete ein geräuschloses, ruhiges Ganze. Da war kein Ungewisses, unnützes, hin und her Laufen und Fragen und bei Seiner Anwesenheit in Potsdam war Alles so stille, geordnet und heiter, wie in einem glücklichen Privathanse, das Zünglein in der Wagschale Seiner Lebensweise stand fest und ruhig, und Er wurde verstimmt, wenn Schwankungen eintraten. In allen Dingen war Er mäßig, vorzüglich im Genüsse der Speisen und Getränke. Was man Gourmandise nennt, kannte. Er nicht, sie war Ihm zuwider. Bei der Anwesenheit vornehmer Fremden, wie bei Hofesfcstcn, war die Tafel Königlich reich mit Allem besetzt, was Anstand und Würde verlangt, und es fehlte nichts, weder an Mannigfaltigkeit, noch Eleganz, so daß auch der rassinirte Gourmand befriedigt wurde. Denn so fest geregelt der Königliche Haushalt war, so freigebig, noble und hochgehalten, war er doch auch in allen Fällen, wo solches herkömmlich erwartet wurde. Aber der König für Seine Person liebte und mochte den Ueberfluß nicht. Im Kreise Seiner Familie und bei der gewöhnlichen Gegenwart weniger Tischgcnosscn, war Seine Tafel die eines wohlhabenden Privatmannes. Aber auch dann genoß Er nicht von allen Speisen und wählte die einfachsten und gesundesten aus. Wein trank Er wenig, nie über 2 bis !! Glas, und was man Ucbcrfüllung nennt, kannte Er nicht. Nie hat man jemals Ihn vom Wein cxaltirt, geschweige denn berauscht gesehen, so gern Er es auch bemerkte, wenn seine Gäste es sich wohl sein ließen; denn kaum hatten sie das Glas geleert, so wurde es auch wieder von den zahl- 15 reich umhcrstehenden Laguaicn gefüllt; aber sein Beispiel warnte vor jeder Unmäßigkcit, und nie sah man bei Hofe, auch nicht bei den reichsten Festen, einen Betrunkenen. Als der Hofmarschall nach dem unglücklichen Kriege den König bei Seiner Rückkehr im Jahre I8<>!) fragte: ob er Champagner kommen lassen sollte? ward ihm die Antwort: „Noch nicht, lind nicht eher, bis alle ineine Unterthanen, auch die Acrmsten, wieder Bier trinken können." Wenige hohe regierende Herren mag es gegeben haben, die, umgeben vom Uebcrslusse, dem lockenden Reize sinnlicher Genüsse und der Tafelfrcudcn so widerstanden, widerstanden auch schon im kräftigsten Manncsalter, als dieser König. Stets war und blieb Er sich Seiner klar bewußt, immer derselbe, nach, wie vor der Tafel. Auch bei dieser herrschte stets das Gcmüth- liche in Ihm vor, und Humanität verließ Ihn nimmer. Er äußerte laut seine Freude, wenn die Fischer oder Gärtner, oder die Bürger in Potsdam, oder benachbarte Landlcute Ihm Küchen- und Tafelgcschcnke geschickt hatten. Von diesen genoß Er dann immer, Er erkannte darin Gutmüthigkeit und Liebe. Dem Küchenmeister, der den Geber Ihm nannte, sagte Er: „Mir sehr angenehm: schon wieder gut machen! Mich daran erinnern!" und der Uebersender erhielt stets ein reiches Gegengeschenk. Die gewöhnliche Tafel Mittags währte nur anderthalb, nie über zwei Stunden. Abends genoß der König wenige leichte Speisen, gewöhnlich Milch, fast nie Wein. Das sind freilich kleine Züge, die im Leben eines jeden, auch gewöhnlichen Menschen täglich vorkommen; aber nicht unwichtig für den, der aus Erfahrung weiß, wie unmittelbar das Maß 16 und' die Beschaffenheit sinnlicher Genüsse in Speisen und Getränken auf den Geist und das Temperament einwirken, und in vielen Fällen sogleich und für den nächsten Tag die geistigen Functionen bedingen. Bei dem innig festen Bande, welches den Körper und die Seele zur Einheit verknüpft, ist es namentlich im Leben eines Regenten von unaussprechlicher Wichtigkeit, wie Er jenen nährt, um diese immer wacker recht gebrauchen zu können. Wer im Essen und Trinken das rechte Maß hält, wird es auch leichter für höhere Dinge finden. Und wenn wir dieß im Leben des Königs auf eine ausgezeichnete Art wahrnehmen, so hatte es gewiß doch auch mit in jenem seinen Grund. Reich begabte geniale Naturen (von gewöhnlichen, blos sinnlichen, kann hier nicht die Rede sein) machen freilich davon oft eine Ausnahme, und Alles gestaltet sich bei ihnen anders. Rhapsodisch in ihrem Denken, Wollen und Thun, lieben und suchen sie äußere erhebende Impulse, und finden sie gern in dem rosenfarbcnen Colorit der Tafelsreudcn. Bon ihnen geweckt und belebt, nimmt dann ihre Phantasie einen neuen Schwung, und sie sind geistreicher, heiterer, witziger, als sie ohne diese Bcibülfe sinnlicher Reizmittel würden gewesen sein. Naturen, die für diese Exaltationen Empfänglichkeit haben, besitzen dann auch damit die Kraft, sie in solchen Schwingungen ernsten Gegenständen zuzuwenden, und die sinnlich angeregte Begeisterung in eine geistige zu verwandeln. Bei den vorzüglichsten Werken Schillers stand, als er sie schuf, in stillen Abendstunden die Flasche Champagner oft neben ihm, und der geniale Lichtenberg bekennt von sich offenherzig: „wenn ich Rebhühner gegessen und Jo- hannisbcrger getrunken habe, bin ich in meinen Ideen Heller 17 und in meinen Urthcilen billiger und milder, als wenn ich harte, schwere Speisen genossen." So ist es vorzüglich bei Dichtern, Künstlern, Kriegern: aber bei ihnen nicht allein, ost auch bei geistreichen Geschäftsmännern, um in der Hülfe dieses Vehikels sich über den todten Mechanismus eines einförmigen Berufslebens zu erheben und gestärkt durch fröhliche Gastmähler zu ihren trockenen Arbeiten zurückzukehren. Selbst Friedrich der Große liebte bekanntlich die Freuden einer pikanten, reichen Tafel in geistreicher Umgebung. Er saß gern und lange zu Tische, und im Genüsse ausgesuchter Speisen und Getränke ergoß sich am Vollsten die reiche Ader seines Scharfsinns, seines Witzes und seiner satyrischen, humoristischen Laune. Die geistreichsten Stellen in seinen Werken, seine gelungensten sarkastischen Epigramme, sind der Nachhall seiner Symposien. Er war Held, Dichter, Philosoph, Künstler, Staatsmann, Alles in Einem, und bewegte sich frei und leicht in jeder Richtung immer nach den Culminationspunk- tcn. Ungewöhnlich in Allem, getragen von den Fittigcn einer reichen Phantasie, war ihm Alles Genuß, in welchem bald das Eine, bald daS Andere cxcellirte; nicht anders konnte sein physischer Mensch sein, wenn er ihn nährte, nicht darum allein, ihn zu sättigen, sondern damit zugleich ihn zu cxalti- ren. 8unm einigem. Solcher Natur war Friedrich Wilhelm III. nicht. Seine individuelle Eigcnthümlichkeit bestand vielmehr darin, daß keine Kraft vor der andern eminent hervortrat, keine zum Nachthcil der andern sich geltend machte. Sein Verstand wurde bedingt durch Sein Herz, Seine Phantasie durch Sein Gewissen, das Ganze durch den Schwer- und Ruhepunkt Seines festen und milden Charakters. Seine Totalität ruhte 2 18 im Gleichgewichte, und bildete die Harmonie aller Seiner Kräfte, man kann sagen stcreotypisch, geistig und gemüthlich genommen. Darum blieb Er sich auch gleich, immer in derselben natürlichen ernsten, milden Haltung, da, wo die meisten Menschen, selbst die rigorosen, eine andere Färbung und Stimmung anzunehmen Pflegen, beim Genüsse einer gut he- sctzten Tafel. Frei, heiter, gesprächig, unbeengt, beengte Er Keinen; und Wem war nicht wohl an Seinem gastfreien Tische? Aber wenn Er aß und trank, sah man es Ihm an, daß Er aß, um zu leben, und nicht lebte, um zu essen; denn auch bei dem Einfachsten und Gewöhnlichsten war Er eben so heiter und stillfroh, wie bei dem Seltenen und Kostbaren. So genannte Leibgerichte hatte und kannte und wollte er nicht. Als Er Seine Regierung antrat, erbat sich der Hof- marschall einen neuen Küchenzettel für die Königliche Tafel; erhielt aber die Antwort: „Ist denn mein Magen größer geworden, seit ich König bin? Soll so bleiben, wie es bis jetzt gewesen ist!" und als Er zum Erstenmal als König in den Speisesaal trat, und der Laquai beide Flügelthürcn weit öffnete, fragte Er lächelnd: „Bin ich denn auf einmal so viel breiter geworden, daß ich nicht mehr durch Eine Thür kommen kann?" Von allen physischen Genüssen waren und blieben Ihm vorzüglich wcrth und unentbehrlich schöne reife Früchte und alle edlen Obstsorten. Die von Friedrich dem Großen in den Umgebungen von Lnus-scuici angelegten reichen Gewächs-, Treib- und Sonncnhäuscr ließ Er mit großer Sorgfalt erhalten, und die ihnen vorstehenden geschickten und gebildeten Hofgärtner lieferten die köstlichsten, seltensten Früchte, wie sie das südliche Europa nicht besser hat. Als der König 19 nach dem Congreß zu Wim mit dm Kaisern von Rußland und bestreich Italien besuchte und sie vereint dm Vesuv bestiegen, wurden ihnen die dort am Fuße desselben wachsenden herrlichen Trauben präsentirt, die unter dem viel-bedcu- tendcn Namen: Imm'imuv Elwisti bekannt sind. Trauben derselben Gattung, wie sie in 8un«-8c,uci mit dem glücklichsten Erfolge gezogen werden, hatte der König sich nachschicken lassen. In verschiedenen Blumcnkörbchm wurden jene und diese den hohen Gästen, ohne den verschiedenen Ursprung zu wissen, vorgesetzt, und einstimmig fand man zur innigen Freude des Königs die in dlaus-soucn gezogenen Imoi-imne lUmisti reifer, voller, schöner und schmackhafter, als die am Vesuv gewachsenen. Am Morgen eines jeden Tages in allen Jahreszeiten, das ganze Jahr durch, wurden dem Könige Früchte aller Gattung in Körbchen in s Schloß geschickt und auf einen dafür bestimmten große» Tisch in Seiner Wohnstube gestellt. Zettel, beschrieben mit den Namen Seiner Kinder, lagen daneben. Lächelnd stand Er dann wählend vor diesen schönen, anmuthigen Gaben der reichen, schöpferischen Natur. Auf jedes mit Blumen geschmückte Fruchtkörbchcn legte Er den Namen eines Seiner Kinder; alle bekamen, und die schon bereit stehenden Diener trugen das Geschenk an seine Empfänger. Das war jeden Tag der Königliche väterliche Mor- gcngruß an Seine Kinder: und wer fühlt nicht, was darin liegt? Wenn wir jene vorher ^erwähnten Symposien Dithyramben nennen können, so war dieß eine Idylle. Freilich hat diese nicht, wie jene, das Feuer der Begeisterung in sich, aber doch die sanfte Wärme einer patriarchalischen Liebe; und wenn jene nur Ruck- und Stoßweise dem die Sorgen des Lebens Vergessenden kommen und ihre Flügelschläge schnell vorübcrrauschen, so ist diese still, ruhig und anhaltend, schließt sich milde an jede Stimmung und gicbt dem Leben die Weihe der Liebe. Allerdings ist bei solchen Contrasten Dieses, weil es stille und geräuschlos ist, nicht so imponircnd, als Jenes, das laut auftritt und von sich reden macht. Ein Fürst, der es liebt, mit einem reichen, üppigen, prachtvollen Leben sich zu umgeben, und an dessen Tafeln die Freude jubelt, ist mehr ein Gegenstand der Aufmerksamkeit, der Theilnahme und Lobpreisung, wenigstens aller derer, die dabei gewinnen, als ein Regent, der, sei es nun aus natürlicher Neigung, oder aus Princip, mäßig und einfach lebt und in seinem Haushalt keine Vergeudung duldet. Mag Jenes poetisch, Dieses prosaisch erscheinen: wer die Geschichte der regierenden Häuser und ihrer Völker kennt, wer weiß, wie jedes Ucbcrmaß das Gleichgewicht verliert und Schwankungen mit sich führt, die bei üppigen Höfen allen weiter um sich greifenden Unordnungen, Jntrigucn, Cabalen und Schleichwegen Thor und Thür öffnen, und wie die strafenden Folgen der unvermeidlichen, immer nachher eintretenden Erschöpfung zuletzt auf das schuldlose Volk, oft zerschmetternd, wie in Frankreich geschehen, zurückstürzen: der wird einen König preisen und segnen, der Seinen Gästen nicht eher Champagner vorsetzen wollte, bis alle Seine Unterthanen wieder Bier trinken könnten; der, fern von Knickerei und Verschwendung, sich in der festen Mitte der Mäßigkeit festhielt, und das Bewußtsein Seines innigen Zusammenhanges mit dem Volke nie verlor; Alles, was Er an unnützen Ausgaben ersparen konnte, immer für gcmeinnützliche Zwecke verwandte; nie die Nothleidenden und Armen in ihrer kümmerlichen Existenz vergaß; täglich nach allen Richtungen Gutes that und Wohlthatcn still und geräuschlos um sich her spendete. Wenn der Preußische Staat, nach schwerem und tiefem Falle, der ihn dem Untergänge nahe brachte, wie geistig, so auch finanziell sich zum Erstaunen der Welt rcstaurirt hat, und wieder allgemeinen Credit fand, so ist diese unermeßliche Wohlthat zunächst die Wirkung und Frucht der einfachen, mäßigen Lebensweise Friedrich Wilhelm III. Seine Maximen, wie Er sie für Seine Person und Familie übte, gingen auf Administration des Ganzen in allen Zweigen über: und wie in jeder gut geregelten kleinen Privathaushaltung das nothwendig Erforderliche immer da ist, wenn das Unnöthigc, Ucbcrflüssigc, mit allen seinen wechselnden Launen und begehrlichen Zufällen vermieden und strenge zurückgewiesen wird: so verhält es sich damit eben so im Großen, beim Staatshaushalte. Aber diese Weisheit und Mäßigkeit, diese feste Ordnung und heitere Frugalität muß vom Oberhaupte vorbildlich und weckend ausgehen, wenn ihre frische, gesund machende Kraft den ganzen Staatskörper durchdringen soll. Daher kam unsere Wiedergeburt; denn wie der unvergeßliche Herr ein musterhafter Hausvater war, so war und blieb Ex auch, das Höchste und Beste, was ein Regent sein kann, — ein fester und milder Vater des ganzen Vaterlands. Seine Mäßigkeit und die damit verbundene Klarheit und Ruhe erhielt und bewahrte Ihm jene stets rege, offene Empfänglichkeit für die Bedürfnisse und Leiden, Bitten und Wünsche Seiner Unter- thanen, und jene durch rassinirten, überreizten Sinnengenuß immer herbeigeführte Gleichgültigkeit und träge Sattheit, wie man sie an vielen hohen Herren bemerkt haben will, ist ein Zug, der Seinem edlen Bilde ganz und gar fremd ist. Viel- mehr tritt in demselben Seine größere Sympathie mit den Unglücklichen nnd Gebcngten, als mit den Glücklichen nnd Lebensfrohen, überall entschieden hervor, und von jenen mar an Seiner Tafel mehr die Rede, als von diesen; und gewiß nie ohne Erfolg, was man aber erst späterhin zufällig erfuhr. Als ich einmal nach der schönen apostolischen Stelle: „Es ist ein großer Gewinn, wer gottselig ist, und läßt sich genügen an dein, was da ist", über den großen Segen einer heiteren Genügsamkeit für unser Berussleben in Seiner Gegenwart gepredigt hatte, äußerte Er mir desselben Tages, an der Tafel, Seine Freude und Zufriedenheit. Lange und vortrefflich sprach Er über die verkehrten Menschen, wie Er sie nannte, die nie zufrieden wären mit dem, was sie hätten, und immer haben wollten, was sie nicht hätten. Dann wurde Er sarcastisch, pcrsiflirtc die rassinirtc Kochkunst, die Traitcurs in Berlin, wo man sie fände, und setzte hinzu: „Ich kann mir nichts Verächtlicheres und Lächerlicheres in dieser Art denken, als in einem solchen Speisehausc einen Gour- mand, der an einem Tische vi« ü vi« ilu ««i müma dasitzt und mit einer Miene von Wichtigkeit Leckerbissen genießt. Aber Alles treibt in unfern Tagen nach den Grenzen hin, Jeder will darüber hinaus; Wenige bleiben in der Zufriedenheit gebenden Mitte." Alle, die Ihn persönlich gekannt und gehört haben, werden Ihn darin wieder erkennen, Ihn, der für Seine Person so wenig brauchte und für Andere so viel that. Wollte und begehrte Er, ein christlicher Stoiker, die Delicen nicht, so gebührt Ihm dafür der dem Kaiser Titus gezollte Lobspruch: „^mor et ckulieine A'eno vi« inunnni." 23 Wenn Mäßigkeit und Mäßigung die Hauptcrfordernissc, wie jedes Menschen, so besonders eines Regenten und die feste sittliche Grundlage sind, worauf er fußen und ruhen muß, so war der König in dieser Hinsicht von der Natur auf das Glücklichste organisirt, sie hatte Ihm dazu die vorzüglichsten Anlagen verliehen. Schon in Seiner frühesten Zugend traten in hoffnungsvollen Blüthcn diese schönen, sittlichen Anlagen hervor, und ließen ahnen, was Er werden würde. Sein Kammerdiener und nachheriger Geheimer Kämmc- rier Wolter, ein biederer, redlicher Mann, theiltc mir darüber folgenden schönen Zug mit! „Als der König ein Knabe von Jahren war und ich die Aufwartung bei Ihm hatte, brachte eines Tages, im Monat Januar, bei strenger Kälte, ein Gärtnerbursche ein Körbchen mit schönen, reifen, im Trcib- hause gezogenen Kirschen ! beim Anblick derselben freucte sich der junge Prinz und wünschte, die in dieser Jahreszeit seltene Frucht zu genießen. Als Ihm aber bcmerklich gemacht wurde, daß sie ü Thaler kosten sollten, fragte Er verwundert: Wie, für eine Hand voll Kirschen ü Thalcr? und drehte sich dann fest um, mit den entschiedenen Worten: Ich mag und will sie nicht. Bald darauf ließ sich ein Bürger und Schuhmachermcister aus Potsdam melden, und ich rcferirte dem Kronprinzen, der arme Mann sei lange am Ncrvenfie- bcr elend krank gewesen, und dadurch hcrabgekommcn in seinem Berufe, und so bedürfe er, um ihn wieder beginnen zu können, zum Ledcrankauf 20 Thaler, die er nicht hätte, und um welche er in seiner großen Noth den Kronprinzen, als um ein gnädiges Geschenk, bäte. „Wie viel habe ich noch in Kasse?" fragte, mit dem sichtbaren Ausdrucke des Mitleids, der Kronprinz. Als ich Ihm antwortete: 3l) Thaler, befahl Er, ich solle dem armen Manne die gewünschten W Thaler in Seinem Namen geben, und damit Glück wünschen. Erfreut und tief gerührt empfing der Handwerker diese Gabe, mit dem Wunsche, der Königlichen Hoheit seinen Dank selbst aussprechen zu dürfen. Diese Bitte aber refüsirte der Prinz mit den Worten: „Ist gar nicht nöthig: würde den armen Mann nur beschämen." Hier haben wir den König in nuae. 3 Thalcr sind dem jungen Prinzen für Kirschen, die Er gern gegessen hätte, zuviel, und stoisch weist Er den gewünschten Genuß zurück. Aber gern gicbt Er, bei einem kleinen Geldvorrathc, fast die Hälfte hin, um einem unverschuldet Unglücklichen damit aufzuhelfen; und verlangt dann aus Zartgefühl keinen Dank, gicbt aber Gottes Segen mit auf den Weg. Mir ist diese kleine liebliche Anecdote tausendmal wieder eingefallen, wenn ich späterhin den König als gereisten Mann und in Seinem höheren Alter in allen vorkommenden ähnlichen Fällen ebenso denken, fühlen und handeln sah, wie wir Ihn hier als Kind in Seinem zehnten Lebensjahre erblicken, sich selbst beherrschend, wohlwollend und dcmüthig. Wahrlich ein geborener König. Eine hohe, edle Natur, getaust vom heiligen Geiste mit der reinsten Humanität. -H- 23 Iwciter Abschnitt. Geistige (intcllcetucllc) Eigenthümlichkcit. Man würde übertreiben, sich einer historischen Unwahrheit schuldig machen und verfallen in eine unwürdige Schmeichelei, (welche diese Schrift nicht beflecken soll, und die dem selig Vollendeten zuwider war) wenn man den König Friedrich Wilhelm tll. neben jene großen, eminenten Herrscher stellen wollte, die durch das Ucbcrgcwicht eines Alles umfassenden, überflügelnden Geistes den Geist ihrer Zeit bestimmten und beherrschten und ihm ihre individuelle Signatur aufdrückten. So kann Er z. B. mit Seinem Ahnherrn Friedrich dem Großen gar nicht verglichen werden, denn Beide sind ganz verschiedenartige Naturen. Wenngleich in dem Bestreben, die allgemeine Landcswohlfahrt zu befördern, der Eine, wie der Andere, stets von derselben reinen Absicht beseelt und dabei in dem letzten Resultat Dieser noch reicher und glücklicher war, als Jener, so gestalten doch die darin wirkenden Hcbel- kräste, in ihren Impulsen, Motiven und Mitteln, sich in Beiden ganz anders. Beide hatten Ein Ziel; aber die Wege, auf welchen sie dahin gelangten, sind im höchsten Grade divergent. Wenn man Friedrich den Großen ein strahlendes Genie nennen kann, so hatte Friedrich Wilhelm III. nur Talente; aber Talentes die durch den Einfluß Seines Schicksals sich zu einer seltenen Harmonie und Ganzheit ausgebildet hatten. Wenn Jener in kräftiger Autopsie dastand, überall Selbstherrscher, und Alles vor ihm nur sein Diener und In- strumcnt war, so benutzte und cvnibinirte Dieser, und fragte mehr die Erfahrung, als den Scharfsinn der Theorien. Wenn Jener seine Feinde besiegte, in der Starke seiner genialen Taktik, der seine tapfcrn Krieger unbedingt vertrauten: so gelang es Diesem, nach schwerem Falle, durch die Liebe und den Enthusiasmus Seines treuen Volkes. Wenn Jener seine Nation hob und berühmt machte, doch in strengen Formen zusammenhielt, so gab Dieser ihr eine freie Bewegung, durch Förderling naturgemäßer Entwicklung. Jener bedurfte keines Nathes, denn er übersah Alle; seine Autorität allein entschied, und sein Wille war Gesetz, welches Furcht und Vertrauen unbedingt befolgten. Dieser prüfte und überlegte besonnen und langsam, wog Gründe und Gegengründc sorgfältig ab, benutzte den Rath lind die Einsicht der Ihn umgebenden erfahrenen Männer, und wenn solcher Gang auch langsamer war, so war er doch sicher und schützte Ihn vor gewaltsamem Eingreifen und gewaltsamen Maßregeln. Auch in zweifelhaften Fällen war Jener stets kategorisch, Dieser bedingt und interimistisch, bis dieZeit die Sache klarer herausgestellt hatte, und vermied dadurch jede, durch Uebercilung leicht zugefügte Ungerechtigkeit. Wenn Jener in einer Zeit lebte, die dem absoluten monarchischen Princip huldigte und dem Machtgcbote des Königs, ohne sich ein Urtheil darüber zu erlauben, unbedingt gehorsam war: so lebte Dieser in einer aufgeregten, Alles vcntilirenden und kri- tisirendcn Zeit, der im regen Gefühl und Bewußtsein der Menschenrechte stets bei Allem auf den Lippen die Frage schwebte: „Warum, und aus welchen Gründen?" Wenn Jener sprach: Ihr sollt! und des besten Erfolgs gewiß war: so motivirte Dieser mit Gründen seine Befehle, bewirkte Ucberzeugung und gewann den freien Willen. Jener zog 27 durch die Blitze seines energischen Genies Erstaunen und Bewunderung schnell auf sich, — Dieser, ein ernster, milder Bater, erntete langsam, nach mühevoller Saat, unsere Verehrung und Liebe. Jener stand über dem Bolke, das er mit gewaltiger Hand glücklich formte, wie ein Töpfer den Thon, und er bildete den Geist seiner Nation? Dieser stand in der Mitte Seines Volkes, ging mit der Zeit fort, möglichst abhaltend ihr Böses, weise benutzend ihr Gutes. Jenen umgicbt eine strahlende Größe, Diesen eine stille und sanfte. Das flammende Auge von Jenem erfüllte mit Furcht, der milde Blick von Diesem mit Vertrauen. Dem einströmenden Geiste ihrer Zeit konnten Beide (wie Keiner) sich nicht entziehen. Denn er umgiebt, wie die Lust, die wir athmcn; und wenn anzunehmen ist, daß Friedrich der Große in jeder Zeit sich groß dargestellt hatte, so ist es doch auch gewiß, daß er es in unserm Jahrhundert in anderer Art und Mischling gewesen sein würde, als er es in dem feurigen war. Die Einflüsse des Zeitgeistes fühlt Jeder, sie machen sich bei Jedem mehr oder minder, oft unbewußt, geltend; aber da er von dein Wcltgciste in stets wechselnden Erscheinungen wunderbar und gcheimnißvoll ausgehet, „so hören und fühlen wir zwar wohl sein Sausen, aber wir wissen nicht, woher er kommet und wohin er fährt", die Maßstäbe in der Beurthcilung subjcctiver Größen wechseln unter diesen permanenten Einflüssen relativ unaufhörlich; und deßhalb hinkt jede historisch-biographische Parallele. Darum thut man besser, sie zu vermeiden, und jeden eminenten Mann, namentlich jeden Regenten, gelten zu lassen, was er in seiner Zeit galt, und ohne Vergleich ihn in seiner individuellen Eigcnthümlich- keit rein und wahr aufzufassen und darzustellen. Beim Aufsuchen der Aehnlichkciten wird oft das ziunvtnm sulieus 28 oompnrntionis übersprungen und der psychologische Blick abgeleitet. Auch bedarf Friedrich Wilhelm III. zu Seinem Bilde keiner fremden und entlehnten Farben, um es zu heben; gerade in Seiner persönlichen Eigcnthümlichkcit, in welcher Er der ist, der Er ist, wird es allein ein treues und wahres Bild, und in der Wahrheit allein ein anziehendes. — Ist hier zuerst von Seiner geistigen (intellectucllcn) Eigcnthümlichkcit die Rede, so steht oben an, als Grundlage des Ganzen, „sein gesunder, natürlicher Menschenverstand" hllou «- mn^nn« «ine nitl-Un ilivino Mit, sagt Cicero. Dieß ist oft in den allerwichtigsten Dingen der Fall gewesen, namentlich im Jahre 1812, als der Kaiser Napoleon seinen gewaltigen Heereszug gegen Rußland rüstete und antrat. Der König kam dabei in die peinliche, entsetzliche Lage, dem gewaltigen, damals auf dem Culminationspunkte seiner Größe stehenden Machthaber, ihm, seinem Todfeinde, der Ihn und Sein Land und Volk unglücklich gemacht hatte, nun noch obenein, gezwungen durch die Ungunst aller geketteten Verhältnisse und Umstände, einen Theil Seiner Truppen hergeben zu müssen, zum Kriege gegen Seinen Freund Alexander. Zurückbebcnd vor der Monstrosität einer solchen unnatürlichen, gespannten Lage waren darum alle Seine vertrauten Räthe, das Schlimmste ahnend, einstimmig der Meinung, mit Napoleon, der deutlich genug und factisch seine entschiedene Abneigung gegen Preußen, namentlich gegen die Person des Königs, zuletzt noch bei Seiner Anwesenheit zu Dresden, ausgesprochen, sei nicht ferner zu unterhandeln. Darum sei es gerathen, jede tergiversirendc Maßregel für immer fahren zu lassen und den entscheidenden Schritt zu thun, für den Augenblick Alles aufzugeben und mit Rußland gegen Frankreich sich fest zu verbinden. Diese Ansicht hatte nach Lage der damaligen Verhältnisse und Umstände viel für sich, und die einsichtsvollsten Diplvmatikcr theilten sie. Der König allein nicht; Er war ihr entschieden entgegen, eine innere Stimme machte es Ihm unmöglich, in sie einzugehen. „Wer", sprach Er, „verbürgt es uns, daß, wenn ich, nicht stark genug, allein mit der Französischen Armee es aufzunehmen, mit der meinigen die Preußische Grenze überschritten, und mit der Russischen vereinigt und so Alles aufgegeben habe, — wer verbürgt es uns, daß dann 33 dcr Französische Kaiser nicht auf einmal seinen ganzen Plan ändert, den intendirten Krieg gegen Rußland fallen läßt; dann aber auch gewiß im Rechte des Siegers die andere Hälfte meines Landes nehmen würde, und wo dann Alles unwiederbringlich verloren sein würde. Nein, bei solchen großen Weltbegebenheiten, die in einer hohem Hand liegen, muß man der göttlichen Vorsehung nicht vorgreifen, sondern auf ihre Winke warten. Diese sehe ich noch nicht. Nur zwei Fälle können bei meiner Ansicht eintreten. Entweder gelingt es auch dicßmal dem Französischen Kaiser, und dann wird er uns das, was wir jetzt noch haben, da ich seinen Willen erfüllt und ihm meine Hülsstruppcn gegeben, nicht nehmen können; oder es mißlingt ihm, was ich hoffe, und dann wird dcr Erfolg lehren, was weiter zu thun sein wird." Wie dieser aber in seiner wunderbaren elementarischen Hülfe das Urtheil des Königs vollkommen über alles Denken und Erwarten hinaus gerechtfertigt, hat in dem Unter- gange dcr furchtbaren Französischen Armee, auf den nordischen Eisfeldern, die Welt mit frohem Erstaunen gesehen. Wer segnet nicht den Entschluß des unvergeßlichen Herrn, aus dem die Wiedergeburt Preußens, und man kann sagen Deutschlands, hervorgegangen: — und wenn man Ihn nun sich vergegenwärtiget, wie Er auch bei den allerwichtig- sten Dingen, wo Alles auf dem Spiele stand, klar, besonnen und ruhig blieb, und einfach, kurz, ohne allen Schmuck und Prunk in dcr Inspiration Seines geraden, gesunden Menschenverstandes Salamonischc Weisheit sprach, dann wird man erinnert an das Urtheil des genialen, kraftvollen Ministers von Stein über Ihn: „Der König ist der Einsichts- vollste und Geschcutcste von uns Allen, ohne es zu wissen, wie gerade der wahrhast gute Mensch nicht weiß, daß er gut ist." In solchen Zügen erblickt man ein Bild, das in seiner stillen Größe, Unschuld und Reinheit, die Seele eben so sehr mit Ehrfurcht, als Liebe und Vertrauen erfüllt. Dieser von aller Sophistik freie, klare Iia» sous des Königs traf in allen großen und kleinen Dingen, wie sie das tägliche Leben bringt, den jedesmal rechten Fleck, den Archimedischen Schwer-, Ruhe- und Stützpunkt. Was namentlich wissenschaftliche Denker durch tiefe Forschungen aus dem Schacht ihres Wissens als Resultat zu Tage fördern, stand ohne viele Prämissen Seinem praktischen Blick schnell und klar vor der Seele. Die Natur hatte Ihn darin so glücklich organislrt, daß klares, bestimmtes Denken, in prägnanter Kürze, gleichsam das Element war, in dem Er athmcte und ohne Anstrengung sich leicht bewegte. Darum legte Er auf das, was Er sagte, nie in stärkerer Betonung ein besonderes Gewicht, wie es der Egoismus zu thun pflegt: auch das Beste, was man von Ihm hörte, floß klar, schmucklos und einfach, ohne alle Prätension, von Seinen Lippen. Darin lag es aber auch, daß Er damit oft nicht tiefen Eindruck machte und Vieles, so unscheinbar hingeworfen, oft als unwichtig überhört wurde. Dachte man aber nachher über das Gehörte nach, so erschienen Seine Urtheile oft als Sentenzen, die in wenigen Worten einen tiefen und reichen Sinn in sich trugen. Viel wird in der Welt gedacht und mehr noch gesprochen; aber wie Wenige giebt es, die bei aller Redseligkeit ihr ganzes Leben hindurch auch nur eine Sentenz gesagt hätten. Nur Klarheit, Tiefe und Erfahrung, verbunden mit Naivctät, ver- mögen sie zu schaffen.. In dieser liebte der König darum auch Sprüchwörter, vorzüglich deutsche, an denen unsere Nation so reich ist. Diese Art, zu denken, und diese Form, sich auszudrücken, kam Ihm als Regenten, bei der unendlichen Vielheit und Mannigfaltigkeit der Geschaffte, sehr zu Statten. Die Resolution, die Er auf die täglich eingehenden Vorstellungen, Berichte und Suppliken gab, schrieb Er gewöhnlich Eigenhändig in »mrostinz; und könnte und wollte man auch nur die vorzüglichsten Antworten, die Er während Seiner langen Regierung Selbst gab, sammeln, sie würden ein authentischer, schöner Beitrag zu Seiner Charakteristik sein. In treffenden Antworten hatte Er eine bewunderungswürdige Schlagfertigkeit und Sein l-cniz, clveil war so gesund, frisch und schnell, daß Er sich nie lange zu besinnen brauchte. Mir sind davon viele Fälle bekannt; nur zwei mir eben gegenwärtige will ich anführen. Bei der Organisation der Landwehr zum großen Freiheitskampfe hatte die vorgesetzte Behörde die energische Inschrift: „Wehrlos, ehrlos!" für die Mützen der Landwehrmänner in Vorschlag gebracht. Dem Könige zur Genehmigung vorgelegt, antwortete Er auf der Stelle: „Diese Inschrift ist zu weit, sagt zu viel und ist unbillig. Wie viele tüchtige, wackere Männer giebt es im Lande, denen ihr Alter, Beruf, Krankheit, Familien-Verhältnisse u. s. f. nicht gestatten, die Waffen zu führen und unmittelbar an dem Kampfe Thcil zu nehmen, die aber zu Hause dennoch durch ihren Einfluß vielfach der guten Sache nützlich werden kön- 30 neu; solche kann man doch nicht ehrlos nennen. Nein, die Inschrift soll heißen: „Mit Gott für König und Saterland." Wie ganz anders klingt das! der große ernste Zweck und das kräftig motivirende Mittel verschmelzen sich hier zusammen in einem klaren, kurzen und erhebenden Satze. Und was hat dicß einfache Wort gewirkt in den Herzen aller tapferen, muthigen Vaterlandssöhnc! Es ist für immer das Schiboleth, das Erkcnnnngs-, das Losungswort für alle Preußen geworden und hallet durch das ganze Vaterland, von einer Grenze bis zur andern, wie schmetternder Trompc- tenruf. — Wohl wußte der selige Herr klar und gemüth- voll daS Herz der Zeit und Seines Volkes zu treffen. — Der andere Fall, den ich selbst erlebt, ist folgender. Bei der Königlichen Regierung zu D. stand als Negistrator N. N. H, der seinem Berufe geschickt und treu vorstand. Als die dortige Gegend in Folge des unglücklichen Krieges 18W in Französische Botmäßigkeit kam, blieb der Negistrator zwar im Amte und Gehalte: da aber die Französische Behörde jede vorkommende Sache, wie sie eben gegenwärtig lag, gleich von vorn herein kurz ansah und entschied, ohne die nnte uetn zu befragen, so brauchte sie auch keine Acten mehr. Die große, viele Zimmer einnehmende, Registratur blieb unbenutzt und ihr Vorsteher hatte nichts mehr zu thun, da nie ein Actenstück von ihm gefordert wurde. Er war Ich nenne ddn Namen des Mannes nicht, weil er und seine Kinder noch leben. 37 verheirathet und hatte!) Kinder, die ihm größtentheils in dieser Zeit geboren wurden. Sein kleines Gehalt, das ihm noch dazu unregelmäßig, oft nur thcilweisc, ausgezahlt wurde, reichte nicht mehr hin, seine zahlreiche Familie nothdürstig zu erhalten; und da er das Napolconische Regiment für immer gegründet glaubte, und damals an eine Rückkehr der Preußen nicht mehr zu denken war, so machte er aus der Noth eine Tugend, und verkaufte successivc die, wie er meinte, doch ugnütz gewordenen Acten als Maculatur an Krämer und Kaufleutc, und half sich damit aus der Noth, wenn sie ihn drängte, so daß die Registratur nach einigen Jahren gänzlich verschwand, was von der Französischen Behörde unbeachtet blieb. Als aber nach glücklich beendigtem Kriege die Preußische Regierung und mit ihr der vorige gründliche Geschäftsgang zurückkehrte und die alte Registratur nicht mehr da war, wurde der Registrator, der sie verkauft hatte, zur criminellen Untersuchung gezogen und in allen Instanzen zur Amtscntsetzung, zehnjährigen Festungsstrafe, zur Unfähigkeit, jemals wieder angestellt zu werden, und zum Verluste der Nationalcocarde verurthcilt. In dieser fürchterlichen Noth, mit Frau und U unversorgten Kindern, ohne alles Vermögen, flehte der unglückliche, früher unbescholtene Mann den König um Begnadigung an, und seine würdige Frau, die ich in meinen früheren Amtsverhältnifsen, wie ich noch Prediger zu Hamm war, im Christcnthumc unterrichtet und eingesegnet hatte, und mir lieb und Werth geworden war, bat mich auf s Dringendste, die Bittschrift ihres Mannes dem Könige selbst zu übergeben und die durch mein Fürwort zu unterstützen. Ich hielt das für meine Pflicht und wartete auf eine günstige Gelegenheit. Diese erschien bald, als ich nach Paretz vom Könige eingeladen war. Nach meiner Ankunft forderte er mich freundlich zu einem Spaziergange in dem nahe liegenden Park auf. Lauter schlug mir das Herz, das Bild der unglücklichen Familie stand vor meiner Seele, und bewegt sagte ich: „Majestät, mir brennt eine Bittschrift in der Tasche und auf dem Herzen." Nachdem ich die Sache kurz im Zusammenhange vorgetragen, sprach der König: „Was die verlorenen Acten betrifft, darüber könnte man sich vielleicht zufrieden geben, denn es wird bei den Behörden mehr geschrieben, als nöthig ist. Die Welt und das Beste derselben möchte wesentlich nichts verlieren, wenn sie solche Opern, weniger hätte. Ich weiß, wie ich mit unnützen Schreibereien gequält werde, und wie man Foliobo- gcn mit Dingen füllt, die sich auf einer Octavseite genügend sagen ließen. Aber die Herren Bureaukratistcn sind nun einmal so. Im vorliegenden Falle wird es darauf ankommen, ob unter den verkauften Acten sich auch Documentc, Besitztitel u. s. w. befinden, wodurch, wenn sie verloren sind, das Besitzthum und Recht Anderer gefährdet und lä- dirt ist. Wäre dieß der Fall, so würde dem armen Mann schwer zu helfen sein. Das muß ich erst wissen, und will darüber Bericht fordern. Sind's aber bloß Acten über ge schehcne und abgemachte Sachen, — nun dann so würde man können Nachsicht eintreten lassen. Das Alte ist vorbei, und es beginnt eine neue Ordnung der Dinge. In jenem ist Vieles, was man vergeben und vergessen muß, dieses wird hoffentlich besser werden." So sprach der Königliche Herr. 39 Wie besonnen und umsichtig) wie gerecht und milde, wie edel und großmüthigü Der geforderte Bericht der Königlichen Regierung siel glücklicher Weise zu Gunsten des Registrators aus, da er die vorher bezeichneten Documcntc nicht mitverkaust, sie vielmehr gesondert und vorsichtig aufgehoben hatte. Er wurde begnadigt und in gleicher Qualität, mit demselben Gehalt, bei dem Königlichen Rcgierungscollegium in M. angestellt. Als ich das Danksagungsschreibcn der glücklich geretteten Familie nachher dem Könige übergab, sagte Er: „Ist mir lieb, daß es sich so hat machen lassen." Solche Werke der Gerechtigkeit und Humanität hat Er in Seiner langen väterlichen Regierung in vielen Tausenden vollbracht und kein Tag Seines Lebens war sine linen. Mit diesem gesunden klaren Verstände verband Er einen natürlichen Scharfsinn. Den Unterschied und die Verschiedenheit der Ideen faßte Er bald auf; ordnete das Homogene, sonderte das Heterogene und stellte die Reihenfolge der Gedanken in Ordnung. Darum hatte Er einen schnellen, richtigen Ueberblick, weil Er jede vorkommende Sache stets im Mittelpunkt der praktischen Tendenz ausfaßte. Er besaß die Logik des gesunden Menschenverstandes, rubricirtc, theiltc ab, unterordnete, und ich habe Ihn über kirchliche Gegenstände oft 20 -— 30 Minuten lang ununterbrochen in einer Eonsequenz, Geschlossenheit und Abrundung reden hören, daß das, was Er wollte und meinte, im klarsten Zusammenhange bestimmt hervortrat. Consusion und Diffusion war Ihm in der Seele zuwider, und wo sie Ihn turbirte, wies Er sie 40 im»!«' mit den stark betonten, Ihm geläufigen Worten zurück: „Gehört nicht hiehcr. Zur Suche; zur Suche!" Für sophistische ubstructe Combinationen Hütte Cr keinen Sinn, die Labyrinthe transsccndentaler verschlungener, künstlich zusammengesetzter Ideen mochte Er nicht betreten, und wenn sie wohl mul vorkumen, wich Cr mit der Acußcrung auS: „Dus ist mir zu hoch." Tiefe ohne Klurheit liebte Er nicht: über Seine Klurheit Hütte immer Tiefe, denn dus Triviule wur Ihm eben so zuwider: vcrhustt über jede Gemeinheit. Philosophie, uls Wissenschust, liebte und cultivirte Er nicht, die Neigung dafür wur Ihm versagt; und hätte Er sie gehabt, es würde Ihm, von einer concreten Welt umschlossen, un Zeit gefehlt Huben, sie auszubilden und zu befriedigen. In der Geschichte der Philosophie, die im allgemeinen Umrisse, wenigstens historisch, Ihm nicht unbekannt wur, fand Er auch keine Ermunterung, sich mit ihr naher zu befreunden. Der durin hervortretende Kreislauf wechselnder Systeme, wo dus Gebuucte zerstört, dus vorher Hochgepriesene herabgesetzt und getadelt wird, und dann dus Niedergerissene in neuen Formen und Farben wieder auslebt, hatte Ihm vielmehr Mißtrauen gegen menschliche Weisheit eingeflößt, und wenn Ihm Schriften dieser Art von ihren Verfassern zugeschickt wurden, sagte Er zwar: „Danke für diese Attention; kann aber an solcher Sisyphusarbeit keinen Thcil nehmen;" satyrisch lächelnd setzte Er auch wohl noch hinzu: „Mag wohl die alte Geschichte mit dem Gellert'- schcn Hute sein; ist immer so gewesen, wird auch wohl so bleiben." In Seinen jüngcrn Jahren hatte Er viel über den 41 Königsbergcr Philosophen Kant gehört, auch Manches von ihm, namentlich die skeptische Schrist, „über den Streit der Faculteiten," gelesen, wobei Ihn die vcntilirte Frage, ob die Philosophie eine Magd der Theologie, oder umgekehrt es sei? und wo, wenn jene es wäre, sie doch dieser die Leuchte vortragen müsse, sehr amüsirte. Seit der Zeit, wo Er Kant in Königsberg persönlich kennen gelernt, nannte Er ihn einen starken Geist in einem kleinen, schwachen Körper, und Er gewann den stiefen Denker besonders lieb aus der Biographic, die der Ihm persönlich bekannte, vor allen andern Geistlichen sehr wcrthc Borowsky »), der nachherige Erz- bischof, über ihn herausgegeben hat. Darum interessirte es Ihn, mit dem ferneren Gange der Kantsschen Philosophie bekannt zu bleiben. Den Professor Fichte, wiewohl des Atheismus angeklagt und von Jena verdrängt, zu der Zeit noch ein Schüler und Nachfolger Kant's, berief Er nach Berlin. Der damalige Geheime Cabinetsrath Beymc, ein Heller, klarer Kopf, ein lebendiger, alles Wissenschaftliche mit großer Wärme umfassender Mann, gab dieser Neigung des Königs immer frische Nahrung. Merkwürdig und vielleicht einzig in ihrer Art sind viele über damalige philosophische Zeit- idcen bei Gelegenheit eingesandter neuer Schriften erlassenen Cabinctsantworten, in welchen mit Beseitigung des herkömmlichen Curialstyls in den vorliegenden Gegenstand, so- *) Nachher wird noch besonders umständlich von ihm die Rede sein. Die von Fichte anonym herausgegebene Schrift: „Kritik aller Offenbarungen" schrieb man Anfangs allgemein Kant, als ihrem Verfasser, zu, bis dieser sich öffentlich dagegen erklärte. 42 bald er eine praktische Tendenz hatte, eingegangen, und worttreu Alles wiedergegeben ist, was der König beim Vortrage darüber gesprochen. Als aber nach dem Tode Kant s Fichte ein neues System erbauete und die Vergötterung, in der man jenem gchuldiget, nun diesem zugewandt wurde; aber denn nun auch bald dieser sich von Schölling wieder verdunkelt sah, und das nun unter den verschiedenartigsten Modifikationen im schnellen Wechsel so fortging, bis Hegel nach Berlin berufen wurde, da wurde es dem Könige doch zu bunt. Er verlor nun vollends alle Lust, die labyrinthischen Jdeengänge ferner zu verfolgen, und gab Seine unmittelbare Thcilnahme daran gänzlich auf. Doch behielt Er stets ein lebhaftes Interesse an dem Flor Seiner Universitäten und anderer Lehranstalten im Lande. Er hörte bis an Sein Ende nicht auf, ausgezeichnete, berühmte Lehrer für alle Facultätcn, auch Ausländer, zu berufen. Mit einer Königlichen Munisicenz, wie keiner Seiner Vorfahren, stellte Er sie an und beförderte durch ihre Cele- brität die Frequenz der Studircnden, um ihre gründliche wissenschaftliche Bildung desto wirksamer herbeizuführen. Er schätzte in dieser Beziehung Hegel persönlich, lud ihn ein, gab ihm Orden, ohne jedoch von seinem System Notiz zu nehmen. Als Er hörte, dasselbe schlösse sich an das biblische Christcnthum an, sreucte Er sich: als aber später nun auch wieder Gegner auftraten, die beweisen wollten, daß Hegel mit den von ihm oft und gern gebrauchten biblischen Ausdrücken einen andern Begriff verbände, als die heilige Schrift selbst, und dann die Hegcl'sche Schule vollends auch unter sich uneins geworden war, da schüttelte Er den Kopf und verlor" das Vertrauen zur Philosophie in gött- 43 lichm Dingen. Seine frühere Beschäftigung mit ihr, wobei Sein natürlicher Scharfsinn Nahrung, aber Sein Herz keine Befriedigung fand, hat theoretisch, wie Sein erfahrungsreiches Leben praktisch, Seine Richtung und Neigung zum christlich Positiven erzeugt, in welchem Er unbeweglich fest war und mit der Zunahme der Jahre immer entschieden fester wurde. H Wenn Sein natürlicher Scharssinn richtig und klar die Verschiedenheiten der Begriffe und Sachen auffaßte, so war Er noch glücklicher und schlagfertiger im Auffassen der Ähnlichkeiten und wußte dieselben mit vielem Witze angenehm und überraschend hinzustellen. Diese hübsche Gabe machte, so oft sie in heiterer Stimmung hervortrat, einen um so angenehmeren Eindruck, da sie mit Seinem oft trocknen Ernst auf das Lieblichste contrastirte und eben darum um so mehr ergötzte. Lächerlichkeiten, komische Abgemesscn- heiten, Scurrilitäten, Steifheiten, namentlich Aufgedunscnhci- ten und Pedanterien, bemerkte Er gleich auf der Stelle. Es umschwebte dam? Seinen Mund ein satyrisches Lächeln und sibrirte in Seinen Gcsichtsmuskeln. Was Er dachte, sah man deutlich, auch wenn Er es nicht aussprach, und Er sprach es nie aus, wenn Sein Witz hätte wehe thun und verwunden können. Sein sittlicher Tact darin war eben so sicher, als zart. In kleineren Kreisen aber und vertrauten Umgebungen, namentlich bei Tafel, that Er sich keine Gewalt an, und wenn Ihm satyrische, witzige Vcrgleichungs- punktc einfielen, hielt Er sie auch nicht zurück. Hiervon wird späterhin umständlich die Rede sein. 44 Als einmal die Rede war von dem im Kriege gegen die Türken berühmt gewordenen Russischen Generalfeldmar- schall v. Diebitsch-Sabalkansky, machte ein Obrist von P., Adjutant des Königes, ein geistreicher, liebenswürdiger, aber wegen seiner Gutmüthigkeit und zahlreichen Familie stets in großen Geldverlegenheiten sich befindender Mann, für den der König oft Schulden bezahlt hatte, die Bemerkung: ihn freue vorzüglich, daß der berühmte Dicbitfch ein geborener Preuße und im Königlichen Cadettenhause zu Berlin erzogen und gebildet sei. „Da sehen Sic, lieber Obrist," crwicdcrte der König, „was nicht Alles aus einem Preußen werden kann. Wenn der Kaiser von Nußland mal einen Finanzministcr braucht, werde ich Sic in Vorschlag bringen." Diese allerdings pikante Aeußerung war aber so freundlich und gutmüthig betont, daß darin schon die Verheißung auf künftige Finanz-Verhältnisse lag. Denn als der König demselben wackeren Mann, mit dem Er gern scherzte, bald nachher wieder eine namhafte Summe schenkte und solche in Preußischen Kassenanweisungen in ein gleichgültiges Buch, auf dem Titel bezeichnet erster Theil, gelegt hatte, fragte Er heiter: „Wie hat Ihnen-dieß Buch gefallen?" „Vortrefflich," antwortete der Obrist: „der Inhalt des ersten Theils war köstlich: mich verlangt nach dem zweiten Theilc." Und der König wiederholte das Geschenk, in derselben Art und Form, schrieb aber nun auf den Titel: zweiter und letzter Theil. Wie überhaupt sein Wesen lakonisch war, (das heißt hier: kurz, nachdrücklich, kernig, gedrängt, wortkarg) so war es auch Sein Witz und Scherz. 45 Für Seine Reift nach Italien hatte Er einen neuen Reiftwagcn machen lassen. Als der Verfertigcr in Berlin den Wagen nach Charlottenburg brachte und der König ihn besah, sagte Er: „Die Hauptfrage ist dabei die, ob er neben der Bequemlichkeit auch, wie ich bestellt habe, fest und dauerhaft ist." „In diesem Wagen," antwortete der Erbauer, „können Ew. Majestät ruhig nach Rom fahren und kein Nagel wird sich rücken." Der König fuhr von Charlottcnburg nach Berlin zur Probe in diesem neuen Wagen und schon unter den Linden, gerade dem Gasthofe zur Stadt Rom gegenüber, brach die Vorderachse. Der König stieg ruhig aus und sagte: „Der Mann hat Wort gehalten; bis zur Stadt Rom bin ich damit gekommen." Es sei mir vergönnt, noch ein anderes, mich selbst betreffendes, Königliches Scherzwort hier anführen zu dürfen. Ich hatte in Gegenwart des Königes gcprcdigct über die Stelle im Evangelium Lucas 14, V. 8 — II. „Wenn du von Jemand geladen wirst zur Hochzeit, so setze, dich nicht obenan an, daß nicht etwa ein Ehrlicher (höher stehender), denn du, auch von ihm geladen sei; und sodann kommt, der dich und ihn geladen hat, spreche zu dir: Weiche diesem! und du müßtest dam: mit Scham unten an sitzen. Sondern wenn dn geladen wirst, so gehe hin und setze dich unten an, auf daß, wenn da kommt, der dich geladen hat, spreche zu dir: Freund rücke hinauf! Dann wirst du Ehre haben vor denen, die mit dir zu Tische sitzen. Denn wer sich selbst erhöhet, der soll erniedrigt werden, und wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöhet werden." Nach Anleitung dieser biblischen Worte hatte ich gcre- dct über die Tugend der Bescheidenheit und Dcmuth, als das sicherste Bewahrungsmittel unserer Zufriedenheit. An demselben Tage zur Mittagstafel eingeladen, nahm ich, bei der Anwesenheit vieler hochgestellten Männer, beim letzten Eintreten in den Speisesaal meinen Platz unten an der Tafel. Als der König den Kreis Seiner Gäste überschauet«? und mich da erblickte, rief Er mir zu« „Eylcrt, Sie denken wohl ans heutige Evangelium; da heißt's aber: Freund, rücke hinauf! Kommen Sic und setzen sich mir gegenüber." Von der dabei erwiesenen Ehre kann natürlich die Rede nicht sein, denn sie war in diesem Eclat eine unverdiente, in Verlegenheit setzende; aber auch diese kleine Anecdote zeigt wieder, wie klar, schnell und freundlich der König in Seiner Umgebung Alles ermunternd auffaßte und Sein freundliches, wohlwollendes, verbindliches, witziges Scherzen umfloß ein eigenthümlichcr Zauber, der alle Herzen gewann. Solche joviale Stimmung war aber eine Ausnahme von der Regel, Seine gewöhnliche war würdevoller Ernst, der den Scherz auch bei Anderen nicht gut aufkommen ließ. Da praktische Verständigkeit im steten Bunde mit sittlichem Tacte Seine vorherrschende Stärke war, so war Seine Einbildungskraft ein untergeordnetes Vermögen, das Ihn nicht beherrschte, sondern nur Sein Leben nebenher decorirte. Der Phantasie sich hingeben, ihre Bilder ausmalen, ihnen nachhängen und dadurch Affectc erzeugen, war Seine Sache nicht. Die gesunde praktische Tendenz Seines Wollens und Steedens ließ eine poetische Stimmung und Richtung nicht aufkommen, und doch hatte Er, im glücklichen Gleichgewichte der Scelcnkräfte, einen entschiedenen Sinn für das Schöne. Er liebte die schönen Künste, namentlich Musik, mehr noch 47 die gelungenen Schöpfungen der Malcrkunst, der Bildhauerei, und war ein großer Freund des Schauspiels.*) Mehr, als einer Seiner Regierungsvorgängcr, hat Er für die Cultur der schönen Wissenschaften und Künste gethan und bewilliget. Seine erste Residenz, Berlin, ist zur Bildung und zum Vergnügen der Einwohner durch die herrlichsten Kunstwerke so sinnreich geschmückt, daß unter Seiner langen und väterlichen Regierung die Stadt fast eine neue geworden: und welche glücklichen Fortschritte die schönen Künste unter Seiner Protection gemacht, springt klar hervor, wenn man die aufgestellten Kunstwerke aus älterer Zeit mit denen auS der neuen vergleicht: man möchte denn die Quadriga auf dem Brandenburger Thore uud die mächtige Reiterstatue des grüßen Churfürstcn auf der langen Brücke ausnehmen. Dagegen halten die philiströsen Gestalten der Heroen aus dem siebenjährigen Kriege keinen Vergleich aus gegen die aus der Zeit des letzten Freiheitskampfes. Wenn man in jenen ängstlich steife Copicn sieht, so erblickt man in diesen hohe, freie, geniale, charaktervolle, dem Gehirn des Jupiters entsprungene Schöpfungen. Der König hatte Seine Freude daran; wenn Er aber dafür, wie für Erbauung des Museums und dessen reiche Ausfüllung, bei aller Sparsamkeit doch Millionen hergab, so geschah dieß mehr in Rücksicht auf den Geist der Zeit, seiuen Geschmack, seine Forderungen und Wünsche, als aus eigener Neigung. Neben dein Nützlichen liebte und pflegte Er allerdings auch das Schöne; aber das Nützliche, den Unterthanen Wohlds Diese Seine Geschmacksrichtung wird späterhin gewürdigt werden. 48 fahrt Bringende, stand bei Ihm stets im Vordergrunde, und dann erst, wenn dieses befriedigt war, dachte Er an das Schöne und Belustigende. Das, was man Schwelgen im Anschauen schöner Kunstwerke nennt, kannte Er nicht. Enthusiasmus, Begeisterung, war Ihm fremd; Seine Phantasie war die Phantasie der klaren Verminst und eines warmen sittlichen Gefühls; beide tempcrirten stets Sein ganzes praktisches Sein und Wesen. Er haßte alle Extreme, wie alle Excentricitätcn, und stand überall fest in der Mitte,' Alles gehörig und ruhig repartirend. Alle Lust- und Trugbilder und Hirngespinnste erfüllten Ihn mit Unwillen, den Er unverholen und lebhaft aussprach. Darum haben vielversprechende Projcctenmachcr nie bei Ihm Eingang gefunden; wie Viele sich auch, besonders in den unglücklichen Jahren von I8W bis 1812, einfanden, Keiner hat Glück gemacht. „Ich liebe," hörte man Ihn oft sagen, „keine Phantome und Phantasmagoricn. Phantasten kann ich nicht gebrauchen;" und setzte dann skeptisch hinzu, „Phantasus war ein Bruder des Morpheus." Nur die stillen, sanften, schuldlosen Freuden einer culti- virten, der Vernunft und dein Gewissen subordinirten Phantasie kannte und liebte Er. Die Verirrungen, Täuschungen, Spiele und Leiden derselben haben Seine reine Seele nie befleckt und beunruhigt. Fester Gleichmuts» hat Ihn im Glück und Unglück nie verlassen. Dieser kann aber nur da eintreten, wo die Phantasie mit ihren zweideutigen Gaben in ihren Schranken gehalten wird. Reicher wie sie und eminent hervortretend war Sein Gedächtniß und Erinnerungsvermögen. Eine Gabe, die Jedem willkommen, vorzüglich aber einem Regenten wichtig 49 ist. Weil Er Alles, Sachen und Menschen, Namen und Zahlen, ruhig und sinnig ansah und anhörte, so faßte Er jeden Eindruck auch tiefer auf und jeder einmal empfangene Eindruck haftete um so länger. Dabei ist nicht zu übersehen, daß, wie überhaupt keine Scelenkraft für sich allein isolirt dastehet, vielmehr die eine mit der andern zusammenhängt, alle sich wechselseitig unterstützen und in ihrer Ge- sanunthcit die individuelle Einheit im Menschen bilden, so auch das Verbal- und Nealgedächtniß durch die Beschaffenheit des Charakters und Herzens bedingt ist. Der unlautere, unwahre Charakter, der mit sich selbst im Widerspruche steht, verwirrt Begriffe und Eindrücke, so daß sich ein unklares, unbestimmtes Bild auf den Spiegel der Seele wirst, das Gedächtnis? es also auch nicht ganz und richtig aufnehmen kann und mit anderen gehabten Vorstellungen confundirt. Ein schwankendes, unbeständiges Herz nimmt Alles oberflächlich auf, und hingegeben den? raschen Wechsel heterogener Bilder, bewahrt es das Empfangene nicht. Daher erklärt sich die so betrübte, fast allgemeine Erscheinung des Undankes. Das Gedächtnis? vergißt empfangene Wohlthaten, weil sie nicht wahr und treu mit dem Herzen aufgenommen sind. Beide stehen mit einander in steter Wechselwirkung und wenn jenes den todten Buchstaben, die Form, aufnimmt, so giebt dieses den belebenden Geist. So war es bei dem Könige. Alles, was Er las, sah, und hörte, faßte der ganze Mensch in Ihn? auf, sobald es Interesse für Ihn hatte. Was Ihn nicht interessirte, das Gleichgültige, Unbequeme, weder nützlich Seiner Person, noch Seiner Sache, fertigte Er kurz ab und ließ es fallen; was Er aber behalten wollte, behielt Er auch für Sein ganzes 50 Leben und hielt es mit einer Tenacität fcst, die in Hinsicht auf viele Dinge, die man längst vergessen glaubte, oft in Erstaunen setzte, und dann, nach der Beschaffenheit des Ob- jects und Subjccts, welches dadurch berührt wurde, eben so angenehme, als unangenehme Reminisccnzen herbeiführte. Einmal empfangene, wohlthuendc oder widerwärtige Eindrücke und die daraus entstandenen Urtheile, vermischten sich nicht wieder in Ihm und Sein Gedächtniß war ein Helles Panorama, dessen Bilder Er hervorrufen konnte, wie Er wollte, und die dann immer in bestimmten Umrissen vor Seinen Augen standen. Selbst Zahlen und Namen wußte Er auf das Gewisseste sogleich anzugeben, sobald Er daran eine interessante sachliche oder persönliche Erinnerung geknüpft hatte. Entschwinden uns in des Lebens kleinen und einfachen Verhältnissen, namentlich mit der Zunahme der Jahre, so viele Dinge, so daß wir sie nicht mehr zu nennen wissen, so erregt es Bewunderung, wie ein regierender Herr, dem tagtäglich, im buntesten und schnellsten Wechsel, die mannigfaltigsten und verschiedenartigsten Gegenstände in steter Fluktuation vorübergehen, wovon man glauben sollte, daß das Eine das Andere verdrängen müsse, dennoch alles Wichtigere davon in die Vorrathskammer Seines Gedächtnisses so aufzunehmen und darin zu bewahren vermochte, daß nach vielen Jahren, bei jeder vorkommenden anklingenden Analogie, Er es hervorholen und benutzen und dieß schöne Vermögen bis in Sein höheres Alter conscrviren konnte. Menschen, die Er einmal gesehen und gesprochen, kannte Er nach vielen Jahren gleich beim ersten Anblick mit Namen wieder und Er knüpfte das längst Vergangene sofort an das Gegenwärtige. Es scheint unglaublich, und doch ist es wahr, daß Er 31 die größere Zahl Seiner Gardisten, nicht bloß die Ofsicicre, fondern auch Soldaten, beim Namen kannte, vorzüglich diejenigen, welche, wiewohl in großer Abwechselung, am und im Schlosse und in dessen Gängen die Wache hatten. Vorbeigehend und sie ansehend, grüßte Er sie dann bei ihrem Namen, ein Klang aus dem Munde ihres Königs, der den wackern Männern wohl that. Als Er im Jahre !7W eine Reise nach Westphalen machte, war Er den 7. JuniuS auch in Hamm, der Hauptstadt Seiner Ihm besonders werthen Grafschaft Mark. Vor dem Königlichen ssregicrungsgebäude (Kammcrhaus), wo Er abgetreten war, hatte sich eine große Masse jubelnder Einwohner versammelt: unter diesen ragte in ungewöhnlicher Größe ein Potsdamer Gardist in seiner schönen Garde-Uniform hervor, der Sohn eines Küsters Koch, in dem benachbarten Dorfe Mark, der auf Urlaub gegangen war, seinen alten Vater zu besuchen. Der König stand heiter am offenen Fenster und hatte Freude an Seinen biedern Markanern. Als Er den Gardisten erblickte, rief Er ihn bei seinem Namen heran mit den Worten: „Koch, was machst du hier?" und beschenkte ihn, um mit seinem Vater zu thcilen, reichlich. Im Jahre I8IU stand der König zu Potsdam, nach aufgehobener Tafel, wie Er zu thun Pflegte, am Fenster und neben Ihm der damalige Obrist des ersten Garde-Regiments von Kessel. Nach der Straße hinsehend, bemerkte Er in der Nähe des Schlosses einen ärmlich gekleideten Mann, der mit entblößtem Haupte nach dem Könige hinblickte und einen Brief in die Höhe hielt. „Den Menschen," sagte der König, 32^ „kenne ich; hat eine cigcnthümliche Physiognomie. Er cheißt Arnold Schulz, ist Soldat gewesen bei der Magdeburger Garnison, hat 1792 den Krieg gegen Frankreich unter meinem Kommando als Kronprinz mitgemacht, und ist vor Mainz verwundet worden." Der Obrist von Kessel lächelte, bemerkend: wie könnten Ihre Majestät das noch wissen: so was vergißt sich, von 1792 bis 1819 sind 18 Jahre her, das behält man nicht. „Wird sich zeigen," sagte der König und befahl einem Adjutanten, den Mann herauszuholen. Beim Hereintretcn fragte ihn der König: „Wie heißt du, mein Sohn?" Arnold Schulz. „Soldat gewesen?" Ja, bei der Garnison in Magdeburg; habe den Krieg 1792 mitgemacht und wurde vor Mainz verwundet. Hier nahmen Ew. Majestät, damals Kronprinz, sich meiner besonders gnädig an, schickten mich in's nächste Lazareth, empfahlen meine Pflege und beschenkten mich. „Was bringt dich denn jetzt nach Potsdam?" Ach, mir geht's schlecht! Die Franzosen in Magdeburg haben mir, weil ich nicht aufhören kann, Preußisch gesinnt zu sein, meinen Thorwächterdicnst genommen; nun habe ich für Frau und Kinder kein Brod mehr, deßhalb komme ich, meinen alten, rechtmäßigen, gnädigen Herrn um Trost und Hülfe zu bitten. „Die soll euch werden, lieber Alter,", sprach der König, und Er ließ ihn sogleich speisen im Schlosse, dann vom Fuße bis zu Kopf neu kleiden, und gab ihm hinlänglich Wartegeld bis zu seiner Wicderanstellung. Einige Jahre vor Seinem Tode fuhr der König, wie gewöhnlich nur von einem Adjutanten begleitet, im zwei- 53 spännigen Wagen im Thiergarten spazieren. Unter den Grüßenden am Wege erkannte Er beim langsamen Vorüberfah- rcn in einem alten Manne einen Kausmann aus Königsberg, der dem Könige nnd Seiner verewigten Gemahlinn bei Ihrem betrübten Aufenthalte daselbst, in den unglücklichen Iahren >8Uli — I8<>!>, viel Thcilnahmc und Anhänglichkeit bewiesen hatte. Der König ließ sogleich den Wagen stille halten und rief den mit Frau und Kindern nicht ferne stehenden Königsbcrgcr bei seinem Namen zu sich heran. „Mein Gottss sprach Er, „Sie sind in Berlin, und besuchen mich nicht! Haben mich wohl schon vergessen? Ich aber vergesse die Treue und Anhänglichkeit nicht, welche Sic mir und der seligen Königinn bei unserem Aufenthalte in Königsberg vielfach erwiesen haben. Wo wohnen Sie?" Und der König ließ ihn und seine Familie gleich des anderen Tages, und wiederholentlich, zu Tische einladen. — Bei seiner Abreise erfreute Er ihn und die Scinigen mit angemessenen, angenehmen Geschenken. Das Gedächtniß des Königs war darum so treu, weil Sein Herz treu war: was Er mit jenem klar aufgefaßt hatte, ruhete wohlverwahrt warm in diesem. Also isss mit Ihm gewesen Sein ganzes Leben durch, und so ist's mit Ihm geblieben bis an Sein Ende. Fassen wir das über Seine geistige (intcllectuelle) Eigenthümlichkeit Gesagte zusammen, so steht Er als ein regierender Herr vor uns, welchem die Natur einen gesunden, klaren Verstand, ein richtiges Urteilsvermögen, einen treffenden Scharssinn, anmuthi- gcn Witz, tempcrirte Einbildungskrast und ein vielumfassendes, treues Gedächtniß im reichen Maße verliehen hatte. Anziehender wird noch Sein Bild, wenn wir im 54 Dritten Abschnitt die Eigenthümlichkcit Seines Charakters psychologisch und historisch in's Auge fassen. Seine Charakterbildung, wie dieselbe prägnant im individuellen Gepräge hervortritt, wurde bedingt und zugleich erleichtert durch die Beschaffenheit, Mischung und Richtung Seiner intellectuellen Kräfte. Weil Er Alles klar und bestimmt dachte und diesem Denken Seine Phantasie stets untergeordnet blieb, so lebte und bewegte Er sich auch mehr in Ideen, als in Gefühlen, woraus sich dann von selbst Seine Grundsätze, die den Charakter bestimmen, entwickelten. In Allem, was Er dachte, fühlte, wollte, beschloß und that, einen festen Grund der Selbstbestimmung zu haben, war Seinem Naturell ein unabweisbares Bcdürsniß, so daß Er in Allem, was Ihm vorkam, immer und zuerst nach dem Grunde der Sache fragte. Lag darin etwas Zweideutiges, wohl gar Unreines, so fühlte Er das schnell heraus lind wies es dann gleich von der Hand, so daß man Ihm nicht zum Zweitenmal damit kommen durfte. War Ihm aber die Sache wichtig, ohne sie gleich in Gründen und Folgen zu erkennen und zu durchschauen, so erklärte Er sich zwar nicht dafür, verwarf sie aber auch nicht, sondern häsitirte, und dann war Ihm das Wort nahe: „Die Zeit zeitigt; man muß sie abwarten." In solchen Fällen temporisirte Er, nicht in innerer Schwankung, sondern ebenfalls wieder aus Grundsatz, um Nichts zu prä- cipitiren. Eben weil Ihm die Erfahrung über Alles galt, mehr, als ein System von Theorien, haßte Er alles Evperi- 5.3 mentiren. Darum ist Seine Regierung so reich an interimistischen Maßregeln, die unsere rasche, bewegte Zeit oft getadelt, in welchen aber der Unterrichtete richtiger Mäßigung und Borsicht erkannt hat. Genial, heroisch, durchgreifend, im Geiste eines Kaisers Napoleon, ist das freilich nicht; aber ein ganz Anderer war auch Friedrich Wilhelm III-, und, wie Sein großer Ahnherr, Friedrich !!., den verwickelten Knoten gewaltsam zu zerhauen, war Seine Sache nicht, weil Er einsah und fühlte, daß dieß nicht möglich sei, ohne damit zugleich auch die Rechte Anderer zu kränken und unschuldig Leidende zu verwunden. Es ist nicht zu läugnen, Seine große Bescheidenheit und Anspruchlosigkcit machte Ihn, namentlich bis nach dem Jahre 1815, oft mißtrauisch gegen sich Selbst, und Seine stets rege Gewissenhaftigkeit in schwierigen Collisionssä'llcn nicht selten sogar peinlich und ängstlich. Denn in der. Gewissenhaftigkeit, stets der Pflicht und des höchsten Allwissenden Richters sich bewußt, hatte der Charakter des Königs seine tiefen Wurzeln und Kräfte. „Ist aber Charakter," (sagt ein geistreicher Schriftsteller), 5) die Summe derjenigen Eigcnthümlichkcitcn, die mit dem ganzen Innern eines Individuums aufs Engste verwachsen, alt sein Thun und Lassen begleitend und bedingend bewirken, so daß er darin eben der ist, welcher er ist, und wodurch er sich von allen anderen Menschen untcr- *) W. A. Passow, in der Reccnsion der Schrift: Riemer, über Göthc, in de» Blättern für litterarischc Unterhaltung 1841, Nummer 27l>, Seite 1118. 56 scheidet," so stehet der Hochselige König unterschieden und entschieden in Seinem Charakter da, als Regent und Mensch, und wenn jemals ein regierender Herr einen destimmten Charakter, namentlich in sittlicher Hinsicht, durch Wort und That bekundet und offen vor der Welt dargelegt hat, so war Er es. Die Eigenschaften desselben waren dabei so individuell persönlich, treten überall so bestimmt und klar hervor, daß Jeder, der das Glück gehabt hat, langer in Seiner Nähe zu leben, nur treu, einfach und wahr die einzelnen Züge zusammenzustellen und zu verschmelzen braucht, um das originelle Bild nach dem Leben zu treffen. Sein Charakter war wahr, und in der Wahrhaftigkeit liegen implicite alle anderen schönen Eigenschaften desselben. Die Natur schien Ihn ganz besonders für diese Tugend aller Tugenden organisirt zu haben. Er war eines jener hohen, edlen Gemüthcr, denen die finstere Lüge von Hause aus zuwider ist. Die Lüge, diese Sünde aller Sünden, nannte Er eine Todsünde, und mit der heiligen Schrift „den Teufel einen Vater der Lügen." Wie Er dachte und fühlte, wollte und meinte, so sprach Er es stets klar und bestimmt aus; das hörte man an dem Tone Seiner sonoren Stimme, das las man in den edlen Zügen Seines offenen Angesichts. Machte Klugheit ihm Zurückhaltung zur Pflicht, so schwieg Er gänzlich stille und wies jede indiscrcte Frage ernst und oft morös zurück. Schlangcnklugheit und Taubencinfalt waren in Ihm mit einander verbunden; jene hatte Er als Regent gelernt und eingeübt, diese war Ihm von Natur eigen. Bei jener that Er sich sichtbar, im Bewegen der Achseln und im Halten des Kopfes, Gewalt an, — in dieser ließ Er sich, als in Seinem Elemente, gern harmlos gehen. 57 Anders meinen und scheinen, und anders reden und sein, war Ihm unmöglich. In den tausendfachen Berührungen und Conflicten, worin Er mit Menschen der verschiedensten Art in Seinem langen Leben gekommen, hat Er absichtlich und hinterlistig gewiß nie Einen getauscht. Immer wußte man in klaren Dingen, wie man mit Ihm daran war und wie man mit Ihm stand. Sein Ja, war ein Ja, Sein Nein, ein Nein. Sein ganzes Wesen war stets lakonisch und kategorisch. Nie hielt Er Etwas versteckt in petto. Er bewahrte treu Geheimnisse ; aber nie that Er vornehm gehcimnißvoll, nie sprach Er einen Satz halb, immer rund und ganz aus. Seine Befehle waren Axiome, durch sich selbst erwiesen. Wenn darum noch Erläuterungen gefordert wurden, ward Er leicht unwillig und wies sie mit den Worten zurück: „Liegt ja schon drin." In Seiner Wahrhaftigkeit lag Seine entschiedene Liebe zur Kürze, weil jeder unnöthige Schmuck der Rede und alle leere Wortmacherei Ihm ganz und gar zuwider war. Das ging bei Ihm so weit, daß Er, weniger gut gestimmt, sehr oft aphoristisch sprach und Vcrbindungswörter ausließ. Oratorische Leute, Complimentcnmacher konnte Er nicht leiden und befanden "sich nie in Seiner nächsten Umgebung. Je klarer, bestimmter und kürzer Jemand sprach, desto lieber war es Ihm. Wenn dieß auf der einen Seite den großen Gewinn mit sich führte, daß Jeder, der in Seine Nähe kam, alles Ungehörige von sich thun und selbst wahrhaftig sein und in klaren kurzen Sätzen sprechen mußte, so führte dieß doch auf der andern Seite eine gewisse Beengung mit sich, in welcher gerade nicht mehr und nicht weniger geantwortet wurde, als gefragt und eben nöthig war, wodurch denn oft die Convcrsation gehemmt, kalt und einsilbig wurde. Nur supcriore Geister, wie Alexander von Humboldt, Sein fast täglicher Tischgenosse, sprengten diese Fesseln, und wenn dieser aus dem Reichthum seines Wissens, das überall leicht Uebcrgangs- und Anknüpfungspunkte fand, reich mit- thcilte und ebenso gehaltvoll, als angenehm erzählte, so erheiterte dicß den König und Er nahm, namentlich wenn von ihrer gemeinschaftlichen Anwesenheit in Italien die Rede war, lebhaften Antheil. Nur das allem noch Unreifen anklebende Verschönern des Trivialen in vielen geschmückten Worten war Ihm zuwider, weil Er in allem Geschwätz gleich das Unwahre herausfühlte. In der Würdigung der Sachen und Menschen galt Ihm Wahrhaftigkeit über Alles und wer Ihm einmal absichtlich eine Unwahrheit, oder die Wahrheit nur halb gesagt hatte, hatte Sein Vertrauen verloren. Wahrheit war in Allem Sein Ziel und Zweck und redliche Wahrhaftigkeit das einzige Mittel, Ihm zu gefallen. Man kemnte nicht vor Ihm stehen und in Sein ernstes ruhiges Auge schauen, ohne dicß zu fühlen. Deßhalb bekannten auch, namentlich Fremde, die bei Ihnv eine Audienz gehabt: „Wir haben, als Er uns anredete und fest ansah, Alles vergessen, worauf wir uns vorbereitet hatten, und nur mit wenigen einfachen Worten aussprechen können, was wir wollten." Wahrheit in Allem ist das höchste Kleinod, und Wahrhaftigkeit jedes Menschen bester Vorzug; trägt er diesen in sich, dann fallen alle bunten Bettellappen der Verstellung und Heuchelei von ihm ab und er giebt sich hin, wie er ist. Einen Nathanacl, in dein kein Falsch, drückt man gern an's Herz; ist aber ein König ein Solcher, der es mit sich strenge, ernst, und mit allen seinen Unterthanen redlich, ausrichtig und wahr meint: dann bekommt das Volk Vertrauen, dann 39 gewinnt Alles im Lande einen festen Grnnd und Boden, auf welchem die gemeinsame Wohlfahrt gedeihen kann. Mit dem scharfen Wahrheitssinne des Königs, hängt Seine Abneigung gegen Alles zusammen, was man im weiten und engern Sinne offene oder versteckte Schmeichelei nennen mag. Zwar hatte Er es gern, wenn man Ihn, Gerechtigkeit widerfahren ließ und die Reinheit Seiner Absichten nicht verkannte: ja es konnte Seinen Unwillen reizen, wenn Er, nach den bittern Ersahrungen im Jahre UMZ zum Mißtrauen geneigt, hie und da wohl mal Mangel an Achtung und Aufmerksamkeit zu bemerken glaubte. Anhänglichkeit an Seine Person sah Er gerne, und gewandte, verbindliche Männer, die aus eine würdige, feine Art Angenehmes zu sagen wußten, waren Ihm nicht unlieb. Aber die Grenzlinie war hier sehr zart in Ihm gezogen und man verstimmte Ihn und sah ein finster werdendes Gesicht, sobald die Verbindlichkeit auch nur leise an Schmeichelei anstreifte. Ja Er war geneigt, in ihr, sobald sie die Wahrheit verletzte, sogar Ironie zu sehen, und wandte sich verächtlich weg. Wenn, nach dem Zeugnisse der Geschichte, die Otternbrut der feilen, servilen Schmeichler so manchen Regenten getäuscht und verdorben hat, so daß er in den Dämpfen der Weihrauchswvlken das Licht der Wahrheit nicht mehr erkennen konnte und in thörichter Selbstverblcndung nicht ahncte, wie er dadurch sich selbst und seinem Volke oft unheilbar schadete, so war am Hofe Friedrich Wilhelm III. jede Schmeichelei gradczu das Mittel, es bei Ihm für immer zu verderben und Seine Gunst zu verlieren. Auch die versteckteste, feinste Schmeichelei, sobald ihr eine Unwahrheit 6N anklebte, verfehlte ihren Zweck. Sein feiner, schneller, sittlicher Tact empfand sogleich jegliche Uebcrtreibung, und Was zu viel sagte, sagte Ihm nichts. Wenn Ihm in einer verbindlichen, indirccten, versteckten Art Lobeserhebungen gebracht wurden, und dieß, was so oft der Fall war, geschah von hohen, Ihn besuchenden regierenden Herren, und wobei Er Seine innere Abneigung gegen alle Schmeicheleien nicht äußern konnte: so embarrassirtc Ihn das sichtbar und Schamröthe überflog Sein edles Angesicht. So hat man Ihn oft gesehen, und wer Ihn so gesehen, der lernte an die Würde der menschlichen Natur glauben und sich überzeugen, daß es doch möglich ist, sich ein reines Herz und seine Unschuld zu bewahren. Als im Jahre I8W Ihn die Söhne des Königs von Frankreich, die Herzöge von Orleans und Nemours, besuchten und nach mehrtägigem, vielfach cclebrirtcn Aufenthalte, und nach einer, im Neuen-Palais gegebenen, prachtvollen Abschiedsfütc die Prinzen sich dem Könige empfahlen, versuchte es der Herzog von Orleans wiedcrholentlich, die Hand des Königs zu küssen, der sie verlegen zurückzog und auf den Rücken legte. Aber der gewandte Prinz ergriff sie nochmal mit den Worten: „Mein Vater hat mir befohlen, nicht zurückzukehren, ohne die wohlthätige Hand geküßt zu haben, die zwanzig Jahre lang der Welt den Frieden bewahrt hat." Nun reichte sie ihm der König, umarmte ihn aber auch zugleich. — Ein regierender Großherzog stand beim Krönungs- und Ordcnsfeste mit den, Könige im alten Schlosse am Fenster, und nach dem Museum hinblickend, bemerkte derselbe - „So schön als jetzt war Berlin doch unter keinem Könige von Preußen, so ist es erst geworden unter Ew. Königlichen Majestät." lN Diese Aeußerung enthielt keine Schmeichelei, sondern lmiter historische Wahrheit. Aber auch solche, wenn sie ein Lob aussprach, tempcrirtc der König innner, und ablehnend antwortete Er in Seiner schlichten, einfachen, anspruchloscn Manier dem Großhcrzoge: „Die Umstände habcn's so begünstigt: unter ähnlichen würdcn's meine Vorfahren noch besser gemacht haben," und gab dann schnell dem Gespräche eine andere Richtung. Tiefer und fester auf Wahrheit und De- inuth basirt ist wohl selten der Charakter eines regierenden mächtigen Herrn gewesen, als der Seinigc. Sie war die reine Lust, in der Er athmcte; so war Er und anders konnte Er nicht sein. Darum blieb er auch, weil nichts Aufgeklebtes, nichts Geschminktes, nichts Erborgtes um und an Ihm war, darin immer sich gleich. In den glorreichsten und glänzendsten Momenten Seines Lebens, beim triumphirenden Einmarsch in Paris, an der Spitze Seiner tapferen, siegreichen Armee, an der Seite zweier Kaiser, bei Seinem vom Volke unijubelten Einzüge in Berlin, hat auch nie ein Hauch von Selbstgefälligkeit, Eitelkeit und Egoismus Ihn angeweht; Alle, welche bei solchen Gelegenheiten Ihn gesehen und beobachtet, haben nie Sclbst- crhebung an Ihm wahrgenommen: immer dasselbe grade, offene, treue, aber nie ein hochfahrendes, übcrmüthiges Auge. Tief und ganz erkannte, empfand und genoß Er das Ihn und Sein Volk hebende, glänzende Glück; aber wenn man Ihm und Seiner Leitung es zuschreiben wollte, dann sprach Er in reiner Pietät: „Nicht uns ; nicht uns ; Gott allein die Ehre!" Grade diese Worte hörte ich aus Seinem frohen Munde, als ich Ihm nach dem Siege bei Leipzig meinen Glückwunsch abstattete. Nollends zuwider war Seiner Wahrhaftigkeit jede Schmeichelei, wenn sie Ihm bei feierlichen, religiösen Veranlassungen, oder wohl gar in Kirchen von Geistlichen gebracht wurden. Auf einer Reise durch Schlesien wurden Ihm die Geistlichen des Orts an einem Sonnabend vorgestellt. Der Senior derselben sprach den Wunsch aus, daß der König des andern Tages dein öffentlichen Gottesdienste beiwohnen möchte. „Sehr gern," antwortete Er, „nur unter der Bedingung, daß Sie mir von der Kanzel, welche die heilige Stätte ewiger Wahrheit sein soll, keine Komplimente machen. Es ist mir wohlthucnd, zu wissen, daß in allen Kirchen meines Landes sonntäglich die - Gemeinen Gott um seinen Beistand und Segen für mich und meine Regierung betend anrufen, denn an seinem Segen ist Alles gelegen; aber damit sind Schmeicheleien, meiner Person bezeigt, unvereinbar: solche Abgeschmacktheiten muß ich mir Ein- für Allemal verbitten." Als beim Eintritt in eine namhafte Stadt der Superintendent des Orts Ihm eine große Lobrede hielt, so ließ Er ihn nicht ausreden, wandte sich unwillig um, und sagte zum Adjutanten, Obristen von Witzlebcn: „Das ist nicht zum Aushalten, der Mann sagt ja Unwahrheiten." Dann ließ Er sich den Zettel geben, auf welchem die Namen der für den Mittag einzuladenden Gäste geschrieben standen, und strich Eigenhändig den Namen des Superintendenten aus. Zum Garde-Divisionsprcdigcr war ein junger, talentvoller Geistlicher, der die Gabe der Rede besaß, mit den besten Zeugnissen versehen, von der Behörde in Vorschlag gebracht und der König ließ in Seiner Gegenwart ihn in 63 der Hof- und Garnison-Kirche zu Potsdam eine Probepredigt halten. Der Mann redete über christlichen Heldenmuth vortrefflich; als er nun aber das Gesagte auf die Person des Königs und die Preußische Armee in ungcmessencn Lobeserhebungen anwandte, wurde der König, der sonst stets andächtig da saß und mit ungctheilter Aufmerksamkeit zuhörte, unruhig, stand auf und sah in die Kirche umher. Als Er demnächst Seinen Unwillen darüber gegen mich aussprach, setzte Er hinzu: „Der Geistliche hat gewiß die heilige Schrift nicht studirt, wenigstens ihren Geist sich nicht angeeignet; sonst müßte er doch wissen, daß das göttliche Wort dem Menschen nie schmeichelt, ihn vielmehr stets demüthiget. Einen Geistlichen, der meine Soldaten selbstgcnügsam macht und damit einschläfert, statt sie zu wecken, kann ich nicht brauchen." Als der König im Jahre 1866 mit Seiner Familie von Königsberg nach Berlin zurückkehrte, feierte Er, Seiner früheren Gewohnheit treu, am Charfreitag 1816 in der Hof- und Garnison-Kirche zu Potsdam mit der Gemeine, nach dreijähriger, unglücklicher, schmerzvoller Abwesenheit zum Er- stenmalc wieder, das heilige Abendmahl. Das Rührende und Erhebende einer solchen frommen Wiedervereinigung mit dem Landcsherrn an heiliger Stätte lag allen Herzen so nahe, daß ich glaubte, es herausheben zu müssen, wo es denn freilich unvermeidlich war, dabei des Königs, wenn es gleich möglichst zart geschah, zu gedenken. Aber auch dicß schon hatte Ihm mißfallen. „Ich danke Ihnen," sprach Er nachher, „für Ihre Predigt, die mich erbauet hat. Aber unangenehm iffs mir, wenn beim Vortrage des göttlichen Wortes meiner, namentlich lobend, gedacht wird." Als ich erwiedcrte 64 mir sei das bekannt und ich ehre eine solche Gesinnung; aber im gegenwärtigen Falle würde ich die Gemeine in ihrer gerechten Erwartung getäuscht haben, wenn ich, was alle Herzen erfülle, mit gänzlichem Stillschweigen unberührt hätte übergehen wollen. Wenn ich aber damit mißfallen, so möge meine gute Absicht, die ich dabei gehabt, es entschuldigen,— sprach Er die unvergeßlichen Worte: „Ihre gute Absicht verkenne Ich kcineswegcs; meine aber nur: in der Kirche giebt es keinen König; vor Gott stehend, keinen Unterschied, kein Verdienst. Je ernster und frcimü- thigcr Sic, ohne Ansehen der Person, Gottes Wort predigen, desto lieber wird's mir sein. Der öffentliche Gottesdienst und die Thcilnahmc daran soll ja den Menschen bessern und deßhalb muß man ihm immer die reine Wahrheit, auch die unangenehme, sagen, dem Herrn, wie dem Diener. Als der berühmte französische Kanzelredner Mas- sillon vor dem Könige von Frankreich gepredigt, sagte dieser zu ihm: Mit meinen bisherigen Hospredigern war ich zufrieden, Sic aber machen mich mit mir selbst unzufrieden. Sehen Sie, setzte der König, mich ernst und wohlwollend ansehend, dann noch hinzu, das ist das Rechte und der eigentliche Punkt, worauf es ankommt." Auch bei den kleineren Casual-Redcn, die an Hof- und Königlichen Familienfesten, als bei Trauungen und Taufen, wie am Krönungs- und Ordensfeste, gehalten wurden, untersagte Er alle persönlichen Bezugnahmen und beengte dadurch den Redner, da gerade solche Gclegcnheitsreden im richtigen Auffassen und in der zarten Vcrwcbung persönlicher Verhältnisse und Beziehungen ihren cigenthümlichen homiletischen 65 Charakter haben, und erst das ansprechende Interesse finden. Darum mußte ich widersprechen und bemerken, daß namentlich das jährliche Krönungs- und Ordensfcst im engsten Sinne und nächsten Zweck allein ein Königs fest sei. Der regierende Landesherr für Seine Person und in Seinen Ahnherren wäre dieses Festes Mittelpunkt und Seele. Dürfte dessen in Anwendung ans vorliegende Umstände, Verhältnisse und Zeitbcdürfnisse gar nicht gedacht werden, als worin doch die nächste Aufgabe und Gedankenspitzc und ganze Pointe einer solchen Rede liegt, und solle man sie blos und allein in allgemeinen Gemeinplätzen halten, so würde sie in dieser Flachheit weder Interesse haben, noch Anklang finden. „Das müssen Sie," antwortete der König, „als Redner, der solche schwierige Reden zu halten hat, besser wissen. Wenn Sie aber von Pointe sprechen, so muß ich Sic bitten, beim Spc- ciellen und Persönlichen nur nicht zu pointilliren, und dann," lächelte Er mit unbeschreiblicher Anmuth, „machen Sie's beim etwaigen Lobe gnädig." Solche Erzählungen über die schmucklose Einfachheit und Wahrhaftigkeit Seines ganzen Seins und Wesens ließen sich ins Unendliche vermehren, denn sie hatte sich mit Ihm identificirt und pcrsonisicirt: sie war so Seine Natur, wie Er stand und ging, wo Er auch sein, was Er auch thun und lassen mochte. Und eben darum, weil Sein Charakter wahr war, war er auch fest. Dieses folgt aus Jenem unmittelbar und ist durch sittliche Nothwendigkeit bestimmt. Wer einmal den inneren Frieden gekostet hat, den Wahrhaftigkeit mit sich führt, der kann nicht mehr von ihr lassen. Aller Wider- 3 66 spruch mit sich selbst und Anderen entspringt einzig aus der Lüge. Fortgesetzt, erhält sie eine zwingende Gewalt und die zweite, dritte, vierte Lüge muß erfunden werden, um die erste zu decken. So spinnt sich der Unwahre in ein Gewebe von Verstellung und Glcißncrei ein, und, ein Maskcuträger, ist er gcnöthigt, ganz anders zu scheinen, als er in sich wirklich ist; wie auf künstlich gelegten Springfedern gehend und stehend, lebt er in ewiger Selbsttäuschung, bis er am Abend, wenn die Tages-Komödie vorbei ist, die Thür seiner einsamen Schlaskammer hinter sich zuschließt und er sein Augesicht im Spiegel nicht ansehen mag. Der Unwahre ist auch immer schwankend; mit sich selbst nicht Eins, kann er auch keine Einheit in sein Tagewerk bringen; stets mit den Umständen capitulircnd, verwirft er am Abend, was er am Morgen wollte, und hebt heute wieder auf, was er gestern bestimmte. Unklar und principlos in sich, verwirrt, lähmt er alle Geschäfte und ihre Führer, und weil Keiner weiß, wie er daran ist, folgt bald Jeder seiner Willkühr. Wehe jedem Hause, dessen Mann und Vater, wehe jeder Behörde, deren Chef, aber dreimal wehe dem Lande, dessen Regent charakterlos, ein schwankendes, von jedem Hauche wechselnder Meinungen und Einfälle hin und her bewegtes Rohr ist! Was daraus für. Jammer und Roth über Land und Leute kommt, namentlich in einer monarchischen Verfassung, deren Mittelpunkt der Regent ist, wenn dieser kein Centruin in sich trägt, das hat die alte, mittlere und neue Geschichte auf die leuchtenden Tafeln der Zeit, zum Schrecken der Völker, mit Flammenschrift geschrieben. Auch wir Preußen haben durch sieben lange, schmachvolle Jahre diese Flammcnschrift mit blutenden Herzen und 67 Thränen lesen müssen; denn welcher unterrichtete und wahrhafte Biograph würde es läugnen wollen und können, daß Friedrich Wilhelm III., wenngleich immer, vom Antritte Seiner Regierung an, schon Seinem Naturell nach, stets von den reinsten und besten Gesinnungen beseelt, doch erst in und nach dem großen Freiheitskampfe für Deutschlands Erlösung, geläutert durch schwere Prüfungen, jene Charakterstärke und Festigkeit errang, woraus, bis an den Rand des Unterganges und Verderbens gebracht, die Regeneration des Staates wie ein Phönix aus der Asche hervorging. Was immer, dem gesunden Keime nach, noch gebunden in Seiner reinen Seele lag, entwickelte sich jetzt, beschienen und erwärmt von der Sonne des Friedens, belebt von der Liebe Seines Volkes, gehoben durch das wohlthuende Gefühl vermehrter Kraft, zur schönsten Blüthe, die in dem langen und gesegneten Zeiträume von 2ü glücklichen Jahren zur köstlichen Frucht reiste. In diesem Entwickelungsgangc der Dinge, wo es durch Kreuz zum Heil, durch Nacht zum Licht, durch Sturm zur Ruhe ging, sah man eine erziehende, höhere, leitende Hand; der König fühlte, wie früher ihre Heimsuchungen, so jetzt ihren sanften Zug; Er verstand Seine Zeit, ihre Mahnungen und Bedürfnisse; und nur der Eine Wunsch füllte Ihm Herz und Leben aus: Sein treues Volk glücklich zu machen. Ist jemals ei» schwer, vielseitig und lange geprüfter Regent aus der Feuerprobe heißer, ungewöhnlicher Drang-" sale, in sich erstarkt, wie neugeboren hervorgegangen, so ist es Friedrich Wilhelm III., und der zu Seinem Leichcntcxt gewählte biblische Spruch (Jacobus, Cap. I, 12.) „Selig ist S* 68 der Mann, der die Anfechtung erduldet; denn nachdem er bewähret ist, wird er die Krone des Lebens empfangen, welche Gott verheißen hat denen, die ihn lieb haben," enthält die Entwickclungsgeschichte Seiner Palingenesic. Darum war Seine Festigkeit eigcnthümlicher Art; Er hatte sich in sie nicht so sehr theoretisch-grundsätzlich hineingedacht, als vielmehr praktisch hin eingelebt; Er war ein Mann der Erfahrung geworden. Wie des gesunden Baumes gesunde Wurzeln, von Stürmen geschlittert und bewegt, tiefer und tiefer dringen und immer mehr Terrain gewinnen, so hat ein siebenjähriges Unglück Ihn gestählt und Ihm die ruhige Charakterfestigkeit verliehen, in welcher Er im Neubau Seines Staates Unglaubliches geleistet hat und in der Weltgeschichte unsterblich geworden ist. Diese Festigkeit äußerte sich auch nicht in einzelnen, stark hervortretenden, strotzenden, prägnanten Zügen, womit Er imponirend hervorgetreten wäre, sie hatte vielmehr Sein ganzes Wesen, nach allen Richtungen hin, still, wie ein gesundes wohlthätiges Ferment, durchdrungen, und Ihm, ohne daß Er es Selbst wußte, jene hohe persönliche Würde gegeben, die, aus Ihm Selbst herausgewachsen, zur anderen Natur Ihm geworden war. Darum blieb Er sich auch immer gleich, wo Er auch sein und wie man Ihn auch sehen mochte. An Ihm und Seinem ganzen Wesen war nichts Studirtes, nichts künstlich Angenommenes; Er durste sich nicht erst zusammennehmen und was man nennt in die Brust werfen; fest auf sich Selbst und in Seiner Gesinnung ruhend, konnte und durste Er sich so hingeben, wie es Ihm eben gerade 69 um's Herz war, lind überall gleich liebenswürdig, Er mochte nun in Seiner Staatsuniform mit dem Kaiser Alexander sich unterhalten, oder im grauen Ueberrock, mit der Feldmütze auf dem Haupte, in den stillen Straßen von Potsdam ohne Begleitung umhergehen, und in den abgezogenen Hut des am Wege stehenden Armen schnell und unbemerkt ein Goldstück gleiten lassen, — wie man Ihn Einmal gesehen und gefunden, so sah und fand man Ihn immer wieder, immer D c n- sclben, wenn auch nicht in der Stimmung, — wer könnte das verlangen! — doch in Princip und Gesinnung. Sein Lebensprincip war nie abhängig von den wechselnden Launen einer wandelbaren Politik; nie abhängig von den bald günstigen, bald ungünstigen Einflüssen Seiner Umgebung und eintretender Zufälle; freilich mußte auch Er, da sich Vieles selbst im Leben eines Königs nicht immer zwingen läßt, oft laviren und sich accommodiren und den Umständen nachgeben, aber in dem, was Er einmal als das Wahre, Rechte und Ewige erkannt, und was das Unglück Ihm gleichsam eingcätzt hatte, war Er, man kann sagen bis zum Eigensinn, unbeweglich und ließ es nie und in keinem Falle fahren. Er war der traitabclste Mann in allen currentcn, gewöhnlichen Dingen; aber Geheimeräthe, Minister, die in ernsten, wichtigen Angelegenheiten von Principicn ausgingen, die den Seinigen entgegengesetzt waren, wurden nicht mit Ihm fertig, wie davon viele thatsächlichc Beweise anzuführen wären. „Gott fürchten; Recht thun; Keinen Menschen scheuen; Recht muß doch Recht bleiben, und bleibt zuletzt immer Oben/' war das kühne Wort, welches ich Ihn in schwierigen Collisionen oft habe sagen und stark betonen hören. Darin wankte Er nie und wußte stets auf der Stelle, was Er zu thun und zu lassen hatte, denn Seine Grundsätze wohnten nicht blos in Seinein Verstände, sie lebten zugleich in Seinem Gewissen. Eine Handlung gegen eigene Ueber- zeugung nannte Er „eine Sünde wider den heiligen Geist, die nicht vergeben werden könne." Der inneren Einsprache bis zur unbedingtesten Hingabe treu, hat darum nie eine ungerechte Handlung, nie eine absichtliche Täuschung, nie ein Schleich- und Nebenweg Sein Herz und Seine Regierung befleckt, und stellte es sich späterhin sactisch heraus, daß diesem oder jenem Unterthan nach dem todten Buchstaben des Gesetzes zuviel und Unrecht geschehen sei, so hatte Er nicht eher Ruhe, als bis Er es wieder ausgeglichen und vcrgüti- gct hatte. — Kein Regent hat je in einem größeren und reicheren Maße die Liebe und Anhänglichkeit Seines Volkes besessen, als Er, und nie hat ein Herrscher es weniger darauf angelegt, sich durch künstliche Mittel beliebt zu machen, als Er. Solcher Mittel gicbt es viele, in jedem Stande und Berufe, selbst dem subordinirten, und sie wachsen und vermehren sich in den höheren Ständen. Jeder Vorgesetzte, jeder Oberpräsidcnt, jeder Minister, dem es um die Gunst seiner Untergebenen zu thun ist, darf nur, um sie zu erlangen, ein gewandter, zuvorkommender, populärer Mann sein, und der berechnenden Klugheit wird nichts leichter, als zu täuschen, und den Ruf der Bonhomie und Humanität auch da zu erkünsteln, wo sie nicht ist, wo vielmehr oft das Gegcntheil ist. Wer hat dicß mehr in seiner Macht, als ein Regent, vollends in einem monarchischen Staate, wo die angestammte Volkslicbc in dem Monarchen die höchste Gewalt verehrt! 7l Er darf nur, namentlich gegen den gemeinen Mann, zuvorkommend, heiter, haranguircnd sein und die Kunst verstehen, über Kleinigkeiten viele angenehme Worte zu machen, ja er darf nur das bei allen anderen Menschen im täglichen Verkehr Gewöhnliche und Unerläßliche thun, um gelobt und gepriesen zu werden, und wir wissen aus der Geschichte alter und neuer Zeit, wie gewandt und glücklich viele Herrscher in dem Gebrauche dieser Kunstmittcl waren und sind, und wie sie damit die Mängel und Gebrechen ihrer Person und Regierung zu bedecken wußten. Von alle dem findet sich bei unscrm Könige auch nicht die geringste Spur, nicht ein Hauch von Kunst. Die Liebe und das Vertrauen Seines Volkes war Sein höchster Wunsch, Sein bestes Gut; aber die Mittel, wodurch Er sie erlangte und bis an s Ende bewahrte, waren ganz andere. Populär im edelsten und vollesten Sinne, wenn man damit die Gesinnung meint, die in jedem Menschen, auch dem untersten, den Menschen ehrt, schien Er in Seinem ost moröscn Ernst, in Seiner Kürze, Knappheit, Schweigsamkeit und Abferti- gungs-Manicr vielmehr ost unpopulär, und wer Ihn so nur sah und dann nicht wieder, konnte leicht sich ein nachteiliges Bild von Ihm machen, wie das denn auch nicht selten geschehen ist. Durch viele Erfahrungen belehrt, daß die meisten Menschen, wenn es ihren eigenen Vorthcil betrifft, unwahr und zudringlich werden, war Er für persönliche mündliche Vorstellungen in den meisten Fällen unzugänglich und bewilligte Supplicantcn selten eine Privat-Audicnz. Ungern sah Er es, wenn Ihm auf der Straße eine Bittschrift überreicht wurde, und unwillig verweigerte Er die Annahme, mit den Worten: „Sie wissen doch, wo ich wohne!" So weit davon 72 entfernt, sich die Gunst des Volkes erwerben und sie durch freundliche Mittel gewinnen zu wollen, wies Er sie, wenn dieselbe auf eine Seinem Zartgefühle nicht zusagende Art geäußert wurde, vielmehr unwillig von sich. Dieß war namentlich auf Seinen Reisen häusig der Fall, besonders dann, wenn die Empfangsfeierlichkeiten das rechte, wohlgefällige Maß verloren, in ein wildes, wüstes, jubilircndes Schreien übergingen, und am Meisten, wenn ein unwürdiger, serviler Sinn dabei zum Vorschein kam. Ihm, der Gott von Herzen fürchtete, war jede menschliche Vergötterung ein Gräuel. Nur zwei sprechende Beispiele mögen darüber hier angeführt werden. Als der König von Seiner Reise nach Petersburg (1818) zurückkehrte, hatten sich auf der Landstraße in der Nähe der Stadt Elbing große Volkshaufen versammelt, in der Absicht auch, die Pferde vor dem Wagen des geliebten Königs ab- und sich selbst anzuspannen, und so Ihn jubelnd in die Stadt zu ziehen. Der Adjutant, General von Witzleben, welcher früher angekommen, und wohl wußte, wie sehr dem Könige eine solche knechtische Huldigung mißfiel, gab sich alle Mühe, diese gutmüthigen Menschen von solchem Vorsatze abzubringen; jedoch vergeblich, indem sie meinten, es sei so recht und ihrem Gefühl angemessen. Als der König bald darauf ankam und mit frohem Jauchzen empfangen wurde, dankte Er freundlich : als man nun aber wirklich ansing, die Pferde auszuspannen, und das Volk im Begriff war, den Wagen fortzuziehen, untersagte solches der König mit der Acußcrung: „es sei unter der Würde des Menschen, Dienste, welche Thiere leisten müßten, zu vcr- 73 richten, und Er habe Seine Unterthanen zu lieb, als daß Er eine solche Erniedrigung von ihnen annehmen könne nnd dürfe." Diese milden guten Worte befeuerten aber noch mehr und bestärkten den Volkshauscn in seinem Vorhaben. Jetzt sah der König darin Ungehorsam, wurde heftig und befahl, daß die Widerstrebenden verhaftet und zur Untersuchung gezogen werden sollten. Dieselbe wurde auch wirklich vom Westpreußischcn Criminal-Scnat begonnen; aber selbstredend gleich vom Könige niedergeschlagen, der bei dieser Gelegenheit erklärte, daß Er nie Beweise der Liebe, in welcher die Achtung für Menschenwürde verletzt werde, annehmen könne und werde. — Noch stärker und unwilliger äußerte Er sich bei Seiner Anwesenheit in einer andern Stadt. Er war, von Paris gekommen, incognito ohne Gefolge, in einem gewöhnlichen Reisewagcn, und begab sich gleich nach Seiner Ankunft, zu Fuß, in einem grauen Ueberrock, nach der berühmten alten Domkirchc daselbst. Inzwischen hatte sich doch die Nachricht über Seine Anwesenheit schnell im Publicum verbreitet und die Stadt in Bewegung gesetzt. Der Spur folgend, eilten bald große Volkshaufcn zur Kirche und brachten, als sie dieselbe gefüllt hatten, dem das alte herrliche Gebäude sinnend betrachtenden Könige ein lautes, lärinendes, dreimal wiederholtes Vivat. Diese, gerade hier an einem heiligen Orte bezeigte Huldigung machte auf Ihn einen unangenehmen, widrigen Eindruck, und Er sprach Seinen Unwillen laut aus, wie unschicklich und entweihend es sei, in einer Kirche, in der nur das Lob Gottes und des Erlösers ertönen sollte, einen stcrb- 74 lichcn Menschen zu verehren, — und entrüstet entfernte Er sich schnell. Da, wo der Grundton Seines frommen, wahren und festen Charakters verletzt wurde, kannte Er keine Rücksichten der Klugheit; sonst hätte Er wohl bedenken können, daß Er sich zum Erstenmal in der Hauptstadt eines Ihm neu zugefallenen Landes befand, dessen Vertrauen Ihm wichtig sein mußte. Hätte Er eine Anlage zur Eitelkeit gehabt, so würde es-Ihm geschmeichelt haben, daß strenggesinnte Katholiken Ihm, einem protestantischen Fürsten, gerade in ihrem heiligen, fast abgöttisch verehrten Dome, solche Frcudebezcigungcn brachten: aber so Etwas lebte nicht in Seiner Seele. Verstellung und Heuchelei hat sie nie befleckt. Nie schien Er, was Er nicht war; sich Selbst und Seinen Grundsätzen blieb Er unter allen Umständen unvcrrückt treu. Wie und was dieß auf Andere wirkte, kümmerte Ihn nicht. Er blieb stets in sich ruhig abgeschlossen, und darin sich gleich, in den finsteren Tiefen des Unglücks und auf den Sonnenhöhen des Glücks. Lander und Völker jauchzten auf Seinen Triumph- zügcn Ihm jubelnd entgegen ; aber ernst, einfach und schmucklos ging Er in stiller Würde durch, grüßte dankbar freundlich, aber nie schweiften Seine Augen, um Gunst und Beifall buhlend, umher; wo man nach Seiner Meinung zuviel that, blickte Er demüthig nieder und erhob nur Sein treues Auge, nicht zum Beifall der Menschen, sondern zur Gnade Gottes. So war Er: so haben wir Ihn gesehen, so haben wir Ihn gekannt, so hat Sein Volk Ihn erkannt. Diese Seine feste, unwandelbare Gesinnung war Seine Popularität, die 75 in gefälligen Formen nicht bestach und schnell Gunst eroberte, sondern nur langsam, aber eben dcßhalb um so sicherer und dauernder, in wahrhast deutscher, schmuckloser Art und Weise Ihm alle Herzen gewann. Es giebt für Regenten, auch die edelsten und besten, kaum eine gefährlichere Versuchung, als der huldigende, laut jubelnde Beifall ihrer Völker; selbst der Festeste kann dadurch schwankend gemacht und zur Ueberschätzung, wie der Sache, so seiner Person, leicht hingerissen werden; und was setzt es voraus und was gehört dazu, wenn Eitelkeit und Egoismus keinen Eingang zum Herzen mehr finden sollen und können'. Auch der Starke kann durch allgemeine Lobeserhebungen bethört und schwindlich gemacht werden ; Friedrich Wilhelm III. blieb im Gleichgewichte, und in diesem ruhte unbeweglich Seine Festigkeit. — Und so fest Sein Charakter war, so milde war er dabei : Festigkeit und Milde schließen sich, so lange die Durchbildung der ganzen Natur des Menschen noch nicht eingetreten ist, gewöhnlich gegenseitig aus, und stehen dann im Charakter isolirt, so daß, wenn die eine da ist, die andere fehlt. Bei der ungleich größeren Anzahl ist dieß der Fall und es drückt sich darin immer Einseitigkeit und Disharmonie der Kräfte aus. Festigkeit ohne Milde wird Härte, und Eigensinn und Milde ohne Festigkeit, Schwäche und Weichheit Jene kann man ehren und fürchten, aber nicht lieben, Diese kann man lieben, aber in ihrer Diffusion nicht verehren. Jede für sich ist das Product des Temperaments und Naturells, aber beide miteinander, durch Selbstbeherrschung zur harmonischen Einheit verschmolzen, sind die Haupt-Elemente 76 und Grund-Nomina eines edlen, ausgebildeten Charakters der Achtung für die inwohncndc Kraft und Vertrauen zur beseelenden Gesinnung einflößt. So lange der Mensch das Eine ohne das Andere hat, ist er noch unreif und hadcrhast, woran sich in dem einen Falle die Verhältnisse des LebcnS schroff zerschlagen, und im anderen sie schlaff auseinander gehen. Diese Einseitigkeit und Unreife ist im häuslichen, geselligen und öffentlichen Leben die Grundquellc aller Disharmonien, aller geheimen und offenbaren Befchdungcn, aller Spannungen, Widersprüche und selbstverschuldeten Leiden, die das kurze Dasein erschweren und verbittern. Nur da, wo Licht und Wärme sich zu Einer Kraft verschmelzen, entwickelt sich die Fruchtbarkeit; nur da, wo Kopf und Herz, Festigkeit und Milde im Einklänge stehen, entfalten sich des Lebens beglückende Harmonieen. Diese in der Natur der Dinge und des Menschen tief begründete Wahrheit, in welcher des Lebens ganze Aufgabe liegt, tritt in ihrer Wichtigkeit und allumfassenden Stärke nirgends Heller und imponirender hervor, als bei Regenten. Sind sie blos fest, ohne milde zu sein, so laufen sie Gefahr, im Mißbrauche ihrer Gewalt Despoten zu werden, die man in der Kraft ihrer Consequenz zwar ehrt, aber auch fürchtet und nie liebt. Sind sie milde, ohne fest zu sein, so kann man, bei ihrer inneren und äußeren Schwankung, keine Ehrfurcht vor ihnen hegen und alle Zuversicht wird von der Willkühr verdrängt. So gewiß es nach dem Zeugnisse der Geschichte ist, daß Jeder von Beiden in der Einseitigkeit der Lc- bcnsrichtung, entweder der Festigkeit allein, oder der Milde allein, den ernsten und großen Zweck der Regierung, die all- gemeine Volkswohlfahrt zu begründen, nicht erreicht hat und nicht erreichen konnte, so schwer dürste es sein, zu bestimmen, wer im letzten Resultat mehr geschadet hat, ob ein harter, despotischer, oder ein schwacher Regent? Wenn wir den Ausspruch eines Nero: „Oclerint. elum metunnt" verabscheuen, so bemitleiden wir das bequeme Wort des schwachen und milden Ludwigs: knios, uller; le moncle vu «le lui moine;" aber Verstand und Herz jauchzen Beifall zu dem Wahlspruche des Kaisers Titus: fiter in re et «unviter in innclo." Fest in der Sache, milde in der Form — das ist die wahre und beste Inschrift unter dem Bilde Friedrich Wilhelm III. In Wahrheit, man weiß nicht, ob man mehr ehren soll Seine Festigkeit, oder mehr lieben Seine Milde. Beide waren harmonisch coordinirt; die eine hielt und unterstützte die andere. Nie war Er fest, ohne zugleich milde, nie milde, ohne dabei fest zu sein. Beide gaben Ihm Einheit und bildeten eine würdevolle Harmonie, die Ehrfurcht und Vertrauen zugleich einflößte. Der König war auf den Menschen gepfropft, und der Mensch doch auch auf den König. Beides hatte sich in Ihm idcntisicirt. Man sah nie, auch in Seinem häuslichen Privatleben, das Eine ohne das Andere; und weil Er in Allein und überall wahr und ganz war, und Nichts für einzelne abgesonderte Momente, Geschäfte und Personen angenommen hatte, was Er nachher wieder abgelegt hätte, so blieb Er sich auch stets gleich und war derselbe, das Staats-Ministerium mochte vor Ihm stehen, oder Sein Kammerdiener Ihn bedienen. Festigkeit und Milde war Sein Athem und Pulsschlag, Seine Natur, die mit den Jahren und Erfahrungen immer reifer wurde, und 78 Ihm eine cigenthümliche, ruhige Gravität gab, ohne dabei jemals gravitätisch zu sein. Diese schwer zu bewirkende, den, Vergleichungsweise, Wenigsten gelingende Vereinigung oppvnirendcr Kräfte war bei Ihm die langsam gereifte Frucht Seines eigenthümlichen Schicksals, durch welches Ihn eine höhere erziehende Hand führte. Er wußte aus eigener, vielfacher Erfahrung, wie dem Verkannten, dem Hintergangenen, dein Gehaßten, dem Verfolgten, dem Unterdrückten zu Muthe ist, und darum verstand Er alle Unglücklichen und sympathisirte mehr mit ihnen, als mit den Glücklichen. Sein Mitgefühl für fremden Schmerz war so tief und lebendig, daß es sich jedesmal sichtbar in Seinem edlen Angesicht ausdrückte. Er ging nicht, um unangenehmen Empfindungen auszuweichen, schnell darüber weg, sondern erkundigte sich immer sorgfältig nach allen näheren Ulliständen lind Verhältnissen, nach der Art und Weise, wie am Besten zu helfen sein möchte, und half immer. Selbst schwer geprüft, waren Ihm die unverschuldeten Leiden Anderer ehrwürdig, die Er stets zart behandelte, und charakteristisch ist es in dieser Beziehung, daß Er, sonst ein Freund des Schauspiels, eine entschiedene Abneigung gegen Tragödien hatte, die unter Seiner Regierung, in Berlin und Potsdam wenigstens bei Seiner Anwesenheit, fast ganz vom Re- pertoir verschwanden. „Das Leben", habe ich Ihn oft sagen hören, „hat Tragödien genug, man braucht sie nicht erst theatralisch zu übertreiben, was abstumpft und gleichgültig macht. Durch Aufheiterung muß man sich für täglich neu vorkommende Leiden stärken." Nichts drückte Ihn in Seiner Königlichen Krone schwe- 79 rer, als das, wie Er es nannte, „beklagenswerthe Recht über Leben und Tod." Ein Todcsurtheil unterschrieb Er höchst ungern, mit widerstrebender, wie mir der Geheime Cabinets- rath Albrccht sagte, mit zitternder Hand, und Er war dann, wenn es geschehen und geschehen mußte, eine lange Zeit still und in sich gekehrt. Gewöhnlich verwandelte Er aber die Todesstrafe in Gefängnißstrafe, und wo dieß, bei der Schwere des begangenen Verbrechens, unzulässig war, forderte Er nochmaligen Bericht vom Justiz-Minister, mit dem ausgesprochenen Wunsche, daß sich mildernde Umstände und Motive möchten auffinden lassen. War dieß unmöglich, so schob Er dennoch die Sache zurück, bis Er wiederholentlich daran erinnert werden mußte. Für alle Sein Gemüth angreifenden Dinge brauchte Er immer das Wort: „Erschrecklich!" und Er betonte es mit einem Schmerzenslaute. Aus diesem psychologischen Gesichtspunkte ist zu beur- theilen das Benehmen des Königs bei dem berühmten, zu seiner Zeit vielfach besprochenen und beschriebenen Fonkschen Criminal-Prozessc, wo der Assisenhof fast einstimmig das Todcsurtheil ausgesprochen hatte, der König aber die Bestätigung und Vollziehung verweigerte, weil Er, subjectiv, sich von der Gerechtigkeit des gefällten Urtheils nicht überzeugen konnte. Er ließ mich damals zu sich rufen. Er ging gereizt und in Gcmüthsbewegung im Zimmer auf und ab, und konnte sich nicht zufrieden geben, daß, nach eingegangenen Nachrichten, die Ankläger und Feinde des unglücklichen Fonk, voll Freude über seine Verurtheilung zum Tode, durch die Assisen, ein Ballfest angeordnet hatten. „Erschrecklich", rief Er aus, „sich zu freuen, wenn ein Mensch zum Tode verdammt ist. — Wo solche Gefühle und Aeußcrun- 80 gen hervorbrechen, da herrscht leidenschaftlicher Partheigeist, da fehlt alle prüfende Ruhe. Ist der Berurtheilte wirklich schuldig, so muß man ihn ja am Meisten beklagen. Schadenfreude ist satanisch. Gott soll mich behüten! Mein Gewissen leidet das nicht", u. s. f. — Diese Milde trug Er auf alle Lebensverhältnisse, Sachen und Menschen über, womit Er in Berührung kam, und in dm 42 Jahren Seiner Regierung ist nicht leicht ein Tag vergangen, wo Er sie nicht in den verschiedenartigsten Richtungen geübt hätte. Die Welt weiß das; aber das Wenigste hat sie erfahren, das Beste ist ihr verborgen geblieben. Nur große, bei außerordentlichen Landes-Calamitäten gegebenen Wohlthaten sind dem Publicum bekannt geworden: die fortgehenden kleineren übte Er im Stillen, entweder unmittelbar, oder mittelbar, durch vertraute Diener, denen Er Berschwiegenheit gebot, so daß es nicht bekannt werden sollte und konnte. Auch mich hat Er oft durch eine lange Reihe von Jahren, bis an Sein Ende, als Werkzeug Seiner Milde gebraucht: Er hatte mir die Erlaubnis; gegeben, schamhafte Hausarme in der Stadt und meiner Gemeine Ihm namhaft machen zu dürfen, — wo ich denn auch sogleich entweder von Ihm Selbst oder durch Seinen Geheimen Kämmerier, früher Wolter, später Thimm, und immer mehr als gewünscht wurde, erhielt. O wie oft bin ich der stille Träger Seiner Gaben gewesen und habe in Seinem Namen Erguickung, Trost und Hülfe in die Wohnungen der Armuth und verborgener Leiden gebracht ! Uebel aber war ich daran, weum Kranke und Sterbende mich beauftragten, den; Könige für empfangene Wohlthaten zu danken, und ich versprechen mußte, dieß zu thun, weil es schwer war, solchen Dank auf eine Ihm wohlgc- 81 fällige Art, kurz und einfach anzubringen. Die Meisten, auch edle und gute Menschen, hören doch gern Aeußerungcn des Dankes und ihr Gesicht erheitert sich, wenn er ausgesprochen wird. Bei Ihm war es anders; Er erwartete, wollte und mochte ihn nicht, und ernster wurde Sein Blick, wenn Er Ihm aufgedrungen wurde. Die verarmte Wittwe eines Majors, den Er geschätzt, war viele Jahre hindurch der Gegenstand Seiner wohlwollenden Fürsorge. Als sie starb, crtheilte sie mir mehrere Aufträge an den König und ich mußte ihr die Hand darauf geben, für die vielen Königlichen Wohlthaten, welche sie fortgesetzt empfangen, und auf welche sie nie hätte warten dürfen, ihren tiefempfundenen Dank dem hohen Geber abzustatten. Nachdem ich es mit wenigen einfachen Worten gethan, sprach Er, halb abgewendet: „Ist mir unangenehm, wenn nachher über so Etwas noch gesprochen wird. Das wenige Gute, was allenfalls noch darin liegen möchte, geht nun vollends verloren durch das viele Reden davon. Kennen ja den schönen Spruch: Laß deine Linke nicht wissen, was deine Rechte thut." Schnell brach Er dann ab und ging, die Hand über das Gesicht streichend, weg. Setzte man aber hinzu: es wären unversorgte Kinder, arme Geschwister zurückgeblieben, so erkundigte Er sich angelegentlich bis in's kleinste Detail, schickte schnell Hülfe; wählte aber dann einen Andern, durch den es geschah. Vom Danke der Menschen sah Er ganz weg und der Undank befremdete Ihn nicht. Nie that Er Gutes aus Ostentation, stets nur aus reinem Pflichtgefühl, und weil Seine natürliche Neigung dasselbe nährte, so ermüdete Er darin v 82 nicht, und konnte immer geben, weil Er für Seine Person wenig brauchte. Wenn bei der Vielseitigkeit der Bitten und Ansprüche es Ihm oft zuviel wurde und Verdrießlichkeit Ihn anwandelte, so wies Er diese schnell zurück mit dem Macht- gcbot der Ihm über Alles heiligen Religion. Man kann nicht sagen, daß Seine Wohlthätigkeit aus dem heitern Glauben an die Menschheit entsprungen sei. Die schmerzvollen, niederschlagenden Erfahrungen, die Er namentlich in dem verhängnißvollen Jahre IlMi über die Untreue, Falschheit, Schwäche und Pflichtvergessenhcit gerade solcher Menschen gemacht, denen Er Sein Vertrauen geschenkt, auf welche Er rechnete, die Er mit Ehren, Würden und Reichthum überschüttet hatte, und die dennoch in den Stunden der Gefahr und Noth Ihn treulos verließen, hatten Sein Vertrauen zu den Menschen überhaupt geschwächt, und wenngleich spätere, glückliche Erfahrungen vom Gcgentheil Ihn wieder aufrichteten und erheiterten, so blieb doch von jenen ein schmerzvoller Nachklang in Seiner Seele zurück, und es kann nicht gcläugnet werden, Seine Vorsicht grenzte an Mißtrauen. Dieß Mißtrauen stand bei Ihm so im Vordergründe, daß es Ihn sogar, so lange Personen und Sachen Ihm neu und fremd waren, verschlossen, zurückhaltend, häsitirend, oft selbst scheu machte. Charakteristisch war darum der messende Blick, mit welchem Er Menschen, die Ihm zum Erstenmal vorgestellt wurden, von der Fußsohle bis zum Scheitel ansah, wie als wenn Er sie hätte durchschauen wollen. Ehe Er mit ihnen eine Unterredung über den Zweck ihrer Gegenwart begann und sich in das einließ, was sie wollten und 83 bezweckten, legte Er, wenn ich mich so ausdrucken darf, zuvor Fühlhörner aus, und wenn eine lange Reihe von Fragen, die Er vorausschickte, nicht klar und bestimmt zu Seiner Zufriedenheit beantwortet wurden, brach Er ab und bestimmte eine andere Stunde zur Audienz. Schwer war es, Sein Vertrauen zu erhalten, nur langsam konnte man dazu gelangen. Er gab Aufträge, in der Absicht, auf die Probe zu stellen, so fein, daß es kaum bemerkt wurde; vor Allem richtete Er den forschenden Blick auf Gesinnung und Motive, und erst dann, wenn Er diese thatsächlich als rein und lauter erkannt, wandte Er dein Liebgewonnenen das Herz zu. Hatte man aber einmal Seine Zuneigung, so besaß man dieselbe bei einem offenen, redlichen Verhalten auch für immer. Nichts machte Ihn dann darin wankend; jeder feindseligen, noch so versteckten Insinuation, jeder Verläumdung war Sein Ohr verschlossen. Der gerade .redliche Mann bedurste in dem Verhältnisse gegen Ihn nun weiter keiner Connerion; er brauchte keinen Neid zu fürchten und konnte sich unbefangen und frei bewegen. Alle aber, deren Wesen ein kriechendes und schleichendes war, die nie widersprachen, jeder Seiner Ideen sich anschmiegten und Eigennutz blicken ließen, hielt Sein Mißtrauen fern und wurden bald ganz entfernt. Am Meisten war Sein Mißtrauen rege bei der Wahl neuer Subjccte für wichtige Acmter im Staate und in der Kirche und Er stellte dabei die Forderungen so hoch, daß es schwer, oft unmöglich wurde, Ihm darin ein Genüge zu thun. Aufgefordert, für eine vacant gewordene wichtige und bedeutende kirchliche Stelle einen tüchtigen, qualisicirten Geistlichen vor- 84 zuschlagen, der die Eigenschaften eines gelehrten Theologen, eines vorzüglichen Kanzclredners und gewandten Geschäftsmanns in sich vereinigen mußte, hatte ich, nach gepflogenem Rathe mit dem vi-. Knapp und mit Nicmeyer zu Halle, unter Beifügung ihrer Urthcilc den nach unserer Ueberzeugung Besten und Vorzüglichsten in Vorschlag gebracht. So sehr ich es mir auch hatte angelegen sein lassen, mein Votum mit allen dahin gehörigen Gründen zu unterstützen, so that dasselbe dem Könige doch noch kein Genüge. Bei der mündlichen Unterredung sagte Er: „Was die Gelehrsamkeit und wissenschaftliche Bildung des empfohlenen Mannes betrifft, so muß ich die Bcurtheilung den gelehrten Männern überlassen, die das verstehen, und die ihn vorgeschlagen haben. Ist dieß in Ordnung, so liegt mir nun Alles daran, zu wissen, ob der Charakter des Mannes rein und christlich und sein Wandel exemplarisch ist; ohne das helfen alle Talente, hilft alle Gelehrsamkeit nichts. Im Gegentheil, wenn das böse Beispiel zerstört, was das gute Wort ausbauen soll, entsteht noch obenein in der Kirche, namentlich auf solcher Stelle, Skandal und Aergerniß, und dann trifft zuletzt mich der Vorwurf, warum ich ihn dcnominirt hätte." Auf solche imponirendc Aeußernng konnte ich nicht anders antworten, als: das Innere des Menschen kennet allein ganz und wahr der Allwissende und kein Sterblicher kann in sittlicher Hinsicht sich für einen Andern verbürgen. Aber auch in dieser Hinsicht chat der Vorgeschlagene die besten und rühmlichsten Zeugnisse glaubhafter Personen und seiner ganzen Geineine für sich. Als ich nun aber auch noch hinzusetzte: ich müßte, wollte ich solchen Zeugnissen nicht glauben, allen Glanben an die Menschheit aufgeben, siel der König 85 cin: „Nu», was den Gl »übe» an die Menschheit betrifft, so läßt sich nicht viel darauf pochen; der meinige ist entsetzlich wackelig geworden." Das Resultat war, daß der Vorgeschlagene, als der König ihn predigen gehört und sowohl seine Persönlichkeit, als sein Vortrag, dem Inhalte und der Form nach, Ihm mißfallen hatte, nicht gewählt wurde. Diese absichtlich eingeschobene Episode über die oft ängstliche Vorsicht und das dem Könige beiwohnende Mißtrauen beweiset klar, daß Seine Milde keine flache, natürliche Gut- muthigkeit war, die in ihrem tieferen Grunde nur sinnlicher Natur ist und schnell gicbt, um nur den unangenehmen Eindruck los zu werden, welchen der Schmerz und der Anblick der Noth auf die Sensibilität macht. Bei hochgestellten Menschen, die dem Glücke im Schöße sitzen, im Ucbcrflufsc sich befinden und cin reiches bequemes Leben lieben, ist diese Irritabilität sehr oft die Quelle und der erste Impuls ihrer Wohlthätigkcit, und damit fehlt ihr der höhere sittliche Werth. Eine solche Tempcramcntswallung hängt von physischen Einflüssen ab, ist darum steten Fluctuationcn unterworfen und bewegt sich sogar in Extremen, so daß ein und derselbe Mensch, je nachdem er gelaunt ist, und gut oder schlecht verdauet hat, das Einemal weich bis zu Thränen gerührt und das Andcrcmal hart bis zur Unbarmherzigkcit sein kann. Solche principlose, durch äußere zufällige Umstände bedingte Beweglichkeit, sowohl in der Licht-, als in der Schattenseite, kann, wenn anhaltend schmerzhafte Erfahrungen und rasch folgende zerstörende Schicksalsschlägc eintreten, leicht sich ganz umwerfen, zur Abstumpfung führen, und eine bittere Apathie bewirken, die jedem menschlichen Mitgefühl fern bleibt. 80 Alles, was das Unglück Schreckliches in sich trägt, hat der König im reichen Maße, wie Wenige, erfahren, Er hat den dargereichten bittcrn Lcidcnskclch in seinen Hefen trinken müssen, — aber bitter hat's Ihn nicht gemacht. Ernste Weh-, muth war Seine Stimmung, und in ihr umschloß und bewahrte Er die Milde. Diese aber erhob Seine stoische, kräftige Natur zur Charakterstärke, die nun als permanentes Lebensprincip Ihn durchdrang; daher erscheint Seine Wohl- thätigkcit nicht, wie bei so vielen anderen Menschen, rhapsodisch, ruckweise, wo man einen Ansatz nehmen muß, um es zu Stande zu bringen, und womit, wenn das Opfer gebracht ist, nun auch die Sache fertig und abgethan ist, — nein, Sein Herz athmcte in dieser Milde, und man kann in Wahrheit von Ihm sagen: Er ging umher und that Gutes. Oft, wenn Er mir solche Aufträge gab, habe ich Ihn sagen hören: ,,Gott hat mir geholfen; darum muß ich nach verliehenen Kräften mit dem mir Anvertrauten wieder helfen." Mit diesem Sinne umfaßte Er Alles, wo Er auch sein, stehen, sitzen, gehen mochte, und diese Milde spiegelte sich, zum Beweise, daß sie Ihm zur andern Natur geworden war, in den kleinsten, geringfügigsten Dingen ab. Auf dem Trottoir der Hohenwegstraße zu Potsdam mit einem Adjutanten gehend, springt dieser vor, um einen Schwärm fröhlicher Knaben, die auf den glatten, breiten Steinen Kreisel spielten, auseinander zu treiben und dem Könige Platz zu machen. Aber schnell auf den Fahrweg tretend, faßt Er den Adjutanten zurückhaltend beim Arm, mit den Worten: „Haben wohl nie Kreisel gespielt! Kinder darf man nicht stören und betrüben. Jugend kurz." 87 Ein hübscher Conditor-Knabe in Potsdam hatte einen Kuchen, den er wegtragen sollte, bei einem Fehltritte mit der Schüssel aufs Pflaster fallen lassen, und stand bitterlich weinend da, als eben der König vorüber kam. Ohne sich mit ihm in ein Gespräch einzulassen, sagte Er zum Knaben, ihm sanst über's Gesicht streichelnd: „Komm mit mir!" Das Kind folgte zitternd, obenein noch Strafe fürchtend. Angekommen im nahegelegenen Schlosse, ließ der König ihm eine schönere große? Schüssel mit einem noch besseren Kuchen aus der Hofconditorci reichen und entließ dann den Ucberraschten und nun Beglückten mit der freundlichen Warnung, „künstig vorsichtiger zu sein." Demnächst zog der König nähere Erkundigung über den jungen Gesellen ein, und als dieselbe zu -seiner Empfehlung ausfiel, wurde er in der Hofconditorci angestellt. Im Thiergarten, gekleidet in eine einfache Ofsicier- Unisorm ohne Decoration, mit einer Seiner Töchter spazieren gehend, läuft ein armer Knabe neben dem von ihm unerkannten Könige her und bittet, ihm eine kleine Börse abzukaufen, die er in großer Anzahl in dem vorgehaltenen Körbchen trug. Der fremde Herr weiset ihn zurück; das Kind hört aber nicht auf, zu bitten: „Ach! Herr Lieutenant, kaufen Sie mir doch eine Börse ab! kostet nur k Groschen; und wenn Sie auch keine brauchen, dann schenken Sie der schönen Mamsell eine, die Sie am Arme haben." Noch mal zurückgewiesen, seufzt der Knabe aus tiefer Brust: „Ach, nun haben wir diesen Mittag nichts zu essen! —" Jetzt steht der König stille und nimmt aus dem Körbchen sechs Börsen, dem Kinde einen doppelten Friedrichsd'or reichend. Wie der Knabe das Goldstück stehet, spricht er: Ach, gnä- 88 digcr Herr Lieutenant, geben Sie mir lieber Graschen, ich habe weiter kein Geld, und kann darauf nicht zurückgeben. Gerührt von der Ehrlichkeit des Kindes, das mit unschuldigem, offenen Angesicht Ihn anstehet, erkundigt Er sich nach seinen Familien-Verhältnissen und erfahrt, daß seine Mutter, die Wittwe eines gewesenen Feldwebels, mit jäh- rigen Dienstjubiläum, den schwarzen Adlerordcn, dessen De- 8» N6 coration hierbei kommt, mit dem Wunsche, daß Sie ihn heute anlegen und daß Sie ihn noch lange zieren mögen. Bleiben Sie bis an's Ende der Freund Ihres aufrichtigen Freundes/' Um Ii) Uhr erschien der Adjutant des Königs und die Generalität, den Jubilarius abzuholen. Sie führte ihn in ihrer Mitte in den Lustgarten, und wie erstaunte Köckeritz, als er in demselben alle Garde-Regimenter, Infanterie und Cavallcrie, in ihrer Paradeuniform aufgestellt fand. Der König erschien mit allen Jnsignien Königlicher Würde angcthan. Er stellte den Köckeritz zu Seiner rechten, den Generalfeldmarschall zu Seiner linken Seite, trat heran und commandirte selbst, was Er selten that, die Truppen. Alle marschirtcn nun bei dem erstaunt und bewegt dastehenden Jubelgreis vorbei und schwenkten, unter den Wirbeln der Trommeln, Posaunen und Trompeten und dem Donner der Kanonen, vor ihm die Regimentsfahnen. Der König verlängerte, in welcher Absicht wird gleich sichtbar werden, diese glänzende, militairische Feier. Nach Beendigung derselben umarmte Er, mit wenigen bewegten Worten, im Angesicht aller Truppen und der hinzu geströmten Volksmassen, Seinen alten, treuen, hochgeehrten Freund. Nachdem nun auch die Generalität und andere eingeladene hohe Staatsbeamten ihre Glückwünsche abgestattet, sprach der König mit Freude und Liebe strahlendem Angesichte: „Nun, mein lieber Köckeritz, wollen wir Sie nach Ihrem Hause begleiten und bei Ihnen das Jubelfrühstück einnehmen." Köckeritz war nicht verheirathet, und obgleich er anständig N7 wohnte, mehrere geräumige Zimmer und einen Saal hatte, so war er doch nicht so häuslich eingerichtet, um Gäste bei sich zu sch'cn und sie standesgemäß bewirthen zu können, auch konnte dieß nicht stattfinden, da er seit vielen Jahren tagtäglich, Mittags und Abends, beim Könige speiste. Die Aeußcrung des Königs, bei ihm zu frühstücken, hielt er daher anfangs für einen wohlwollenden Scherz; geriet!) aber, als er sah, daß es damit Ernst sei, in die peinlichste Verlegenheit und dcprecirte die ihm zugedachte Ehre, die noch Keinem zu Thcil geworden, mit den verbindlichsten Ausdrücken. Humoristisch wies aber der König dieß mit den Worten zurück: „Nein, nein, es bleibt dabei, wir bringen den Köckcritz nach Hause und dejeuniren bei ihm " „Es geht wahrhaftig nicht," antwortete der Gcängstigtc, „meine confuse Junggcsellcnwirthschaft ist nicht darnach eingerichtet." „Warum," replicirte der König, „sind Sie nicht verheirathct! Ich habe das oft an Ihnen getadelt; nun ist's zu spät, — aber Sie sollen heute dafür bestraft werden." „Wenn es denn sein soll," antwortete kleinlaut Köckeritz, „so bitte ich um eine Frist von wenigstens 4 Stunden, um die nöthigen Anstalten zu treffen; es ist Nichts im Hause und Alles liegt und hängt in meinen Zimmern in- und durcheinander- ich kann wahrhaftig Ew. Majestät nicht bei mir sehen." „Ei was," siel der König ein, „ein General- Lieutenant wird doch wohl ein Butterbrod und ein Glas Wein geben können. Es bleibt dabei!" und zu Seinem Gefolge sich wendend: „Kommen Sic, meine Herren!" Nun setzte sich der glänzende Zug durch die breite Straße nach dem Neustädter-Thore in Bewegung, und Köckeritz dachte mit Angst und Schrecken daran, wie das werden und sich machen würde. Als er Einigcmale tief aufseufzte, sagte der König scherzend zu ihm: „Ihnen geschieht ganz recht. Wie viel angenehmer würde es nun sein, wenn uns an Ihrem Hause eine hübsche Frau und Kinder empfingen. Nun, wir wollen sehen, wie wir mit dem armen Hagestolz fertig werden und es gnädig machen." In der Nähe des Hauses begrüßten Pauken und Trompeten den angekommenen Königlichen Zug und eine große Menge Hoflaquaicn, in ihrer Galauniform, wurde sichtbar. Die Treppen am und im Hause waren mit Blumen deco- rirt, der Saal und alle Nebenzimmer köstlich geschmückt, die Tische elegant gedeckt mit kostbarem Porccllan, wcrthvollem Silbergeschirr, Flaschen und dampfenden Schüsseln besetzt. Als der König in den Saal trat, wandte Er sich zu Seinem Gefolge um und sprach mit der Ihm cigcnthüm- lichen heiteren, unaussprechlichen Gutmüthigkeit: „Nun seht einmal den Köckeritz an; hat gesagt, wäre nicht eingerichtet, und Alles bei ihm ist charmant!" Dann nahm Er den alten redlichen Freund bei der Hand, setzte ihn neben sich, Alle, soviel ihrer waren, nahmen Platz, und Rührung, Dank und Freude erfüllte alle Herzen. Der König war fröhlich, brachte einen Trinkspruch nach dem andern, und Jubel erfüllte das ganze Haus. Nach aufgehobener Tafel *) sagte der König: „Nun, ') Daß Alles, was die Festtafel an feinen neuen Zeugen, Tüchern, Porccllan, Silbergeschirr u, s. w. enthielt, nun ein Geschenk und Eigcnthum des Jubilars war, versteht sich von selbst. 119 lieber Köckeritz, haben wir bei Ihnen dejcunirt; bei mir müssen Sie, mit Ihren Gästen, diniren. Da wir es aber uns bei Ihnen haben wohl sein lassen, wollen wir später zu Tische gehen und vorher ins Freie fahren." Er setzte sich dann mit ihm allein in Seinen Wagen, war, wie immer, wieder ernst heiter und ließ sich von ihm seine Lebensgeschichte erzählen, in welcher er auch seiner vielen Heimgegangenen Freunde und der wenigen übriggebliebenen, noch lebenden gedachte. Nach einigen Stunden im neuen Garten mit dem Gefolge angekommen, führte der König den General von Köckeritz in den prachtvollen Orangcriesaal, und wer beschreibt die Uebcrraschung und Rührung des alten redliche!? Mannes und sein Erstaunen über das zarte Mitgefühl des Königs, als er beim Hercintreten in den Saal die vorhin gedachten, an entfernten, verschiedenen Orten wohnenden, ihm allein noch übriggebliebenen drei Jugendfreunde erblickte, die mit ausgestreckten Armen da standen und nun tief und freudig bewegt sich wechselseitig ans Herz sanken! Es bildete sich eine hochherzige Scene, der Ehrfurcht auf der einen, der Dankbarkeit und Liebe auf der anderen Seite; die überströmenden Gefühle flössen so innig und rein zusammen, und stellten ein so edles, rein menschliches Lebensbild dar, daß kein Auge trocken blieb. Des Königs milder Blick ruhetc segnend darauf und sanfte Freude, daß Alles Ihm in Seiner Absicht so wohl gelungen, erquickte Ihn. Dann aber ließ Er vom Hautboistenchor den alten Kriegern noch aus der Zeit des siebenjährigen Krieges so lieben, muntern Dessaucr Marsch blasen, und die Tafel, an welcher Köckeritz und seine Freunde neben Ihm saßen, weckte die heitere, gcmüthlichc 120 Stimmung cines Festes, welches der Freund dem Freunde giebt. Daß der König, bekannt mit allen Lebensverhältnissen des General von Köckeritz, dessen alte Freunde und Kriegskameraden, unter dem Siegel der Verschwiegenheit, für dicß Jubelfest hatte einladen lassen, und nach mehrtägigem Aufenthalte, bei ihrer Abreise nach ihren verschiedenen, entfernten Wohnorten, reichlich beschenkte, darf nicht erst erwähnt werden. Das rein Menschliche, Wohlwollende, Alles Berücksichtigende, Heitere und Zartsinnigc, in der Anordnung des ganzen Festes tritt so großartig und glänzend, und doch auch so einfach und kunstlos hervor, daß Jeder sich davon angesprochen, überrascht und befriedigt findet. Freunde, die auf einer Lcbenslinie stehen und in ihren Verhältnissen sich gleich sind, können sich wechselseitig nicht aufmerksamer, freundlicher und herzlicher behandeln, als wir es hier in der hohen Stellung eines Königs und in der subordinirten seines Dieners wahrnehmen. Das ist aber eben das eigenthümlich Liebenswürdige in dem Charakter und Leben des Hochscligen Herrn, daß das rein Menschliche darin überall vorwaltet, jedoch dabei stets in hoher Königlicher Haltung und Würde bleibt. Das Eine war bei Ihm nie vom Anderen verlassen; in dem Könige sah man immer den Menschen, und im Menschen doch auch immer den König. Alle, die Seine Achtung und Sein Vertrauen genossen, hingen mit grenzenloser Hingebung an Ihm; aber Keiner, auch in Seiner nächsten Umgebung, hat nach vieljährigem Um- gange sich je eine Vertraulichkeit erlaubt, die mit der Königlichen Würde nicht vereinbar gewesen wäre. Allen Redlichen und Aufrichtigen war in Seiner Nähe wohl: aber Alle hielt Er doch auch in ihren Schranken, nicht durch ein imponi- rendcs Wesen, sondern in der stillen Gewalt, welche das harmonische Uebergewicht Seiner ernst-milden sittlichen Natur erzeugte. Der General von Köckcritz, der zu meiner Gemeinde gehörte und dessen Umgang mich erfreute, hat mir ojt gesagt, daß er in dem vieljährigcn vertrauten Umgange mit dem Könige nie Etwas an Ihm gesehen und bemerkt, nie irgend ein Wort von ihm gehört, welches auch nur einen Augenblick die tiefe, respektvolle Achtung vor Ihm hätte mindern können. Zartsinn, der Alles, was ehrbar und lieblich ist und wohllautet, umsaßt, sei der Lebcnstact gewesen, aus dem Er nie gefallen. Er hatte Seinen treuen, bewährten Freund an seinem Jubelfeste gehoben, wie er nur gehoben und geehrt werden konnte; Er hatte ihm Sein ganzes, volles Herz ausgeschüttet, es blieb weiter nichts mehr zu thun übrig, — und doch sieht man in diesem Reichthum nirgends eine Diffusion; bei der heitersten Tafelsrcude hört man kein petulcntes Wort, keinen zweideutigen Scherz, und der letzte zurückbleibende Eindruck ist immer vermehrte Achtung und Liebe. Darin lag es auch, daß Sein Alles umfassender Zartsinn etwas ungemein Vornehmes hatte, worin man nur das Königliche erblickte, welches Allem feste Umrisse und Grenzen gab. Ein hoher Staatsbeamter, der Ihm und dem Lande wesentliche Dienste geleistet hatte und Ihm deßhalb wcrth geworden, war gestorben. Er hatte, theils wegen seiner amtlichen Stellung, mehr noch vielleicht aus Neigung, ein großes Haus gemacht und die Tafelfreudcn geliebt. Nachdem er schon einige Wochen beerdigt, kamen Kisten an ihn adres- sirt an, die IlXX) Flaschen ächten Champagner enthielten, die er selbst noch bestellt hatte, jede Flasche zu 2 Thaler berechnet. Der Spediteur schickte die Kisten mit dem verlangten ausgestellten Wechsel über 2lwl) Thaler an den Sohn und Erben, der zwar nicht in Berlin ansässig, jedoch gerade daselbst anwesend war. Als dieser Umstände machte, den Wein anzunehmen und dafür die bedeutende Summe zu zahlen, zeigte, nach manchem unangenehmen Hin- und Herschreiben, der Kaufmann den ganzen Hergang der.Sache dem Könige an, mit der Bitte, den vorzüglichen Wein für den Königlichen Keller anzunehmen. Der König runzelte, als Ihm die Sache vorgelegt wurde, die Stirn und sagte zum Geheimen Kämmcrier Timm: „Ich kann nicht zugeben, daß auf den Namen des verdienstvollen, verewigten Mannes irgend ein Flecken komme und eine üble Nachrede entstehe. Sein Wille muß geehrt werden und seiner Bestellung ein Genüge geschehen. Das Geld will ich dem Kaufmann geben; aber der Wein ist ein Theil der Nachlaßschast und gehört dem Erben. Sorgen sie, daß Alles gleich in seine gute Ordnung kommt." Es geschah, der Kaufmann erhielt in derselben Stunde seine Bezahlung und der Sohn den Wein, welchen der Bater bestellt hatte. Auch in diesem kleinen Zuge zeigt sich der zartsinnige Edelmuth des unvergeßlichen Herrn. Die Sache, um die es sich handelte, war, als sie vor Ihn kam, res nullius, und 123 der Wein, als Er ihn bezahlte, Sein rechtmäßiges Eigenthum. Keiner würde es mißbilligen, wenn Er als solches es betrachtet und an sich genommen hätte, Jeder es vielmehr so ganz recht und in gehöriger Ordnung finden, und die Meisten möchten es wohl auch also damit gemacht haben. Der hohe Herr dachte, suhlte, handelte anders. Er schützt das Andenken eines verdienstvollen Mannes vor Verletzung, ehrt es in seinem Sohne und erleichtert die Annahme einer freundlichen Gabe, die der Vater hinterlassen hat. Daß dieser Zartsinn in einer eigenthümlichen Sphäre athmet und nicht der gewöhnliche ist, fühlt Jeder, und wer möchte nicht wünschen, in einer ähnlichen Lage ebenso handeln zu können? Daß aber der König in allen vorkommenden Fällen immer so handelte und stets von diesem feinen, noblen Tacte geleitet wurde, ist aus zahllosen Thatsachcn bekannt. Dieß Sein Zartgefühl war so Seine habituelle Natur geworden, daß es sich auch dann aussprach, wenn Er Un- zartheiten zurückweisen mußte, was oft sehr kategorisch geschah. Denn als einst an großer, glänzender Hostafel ein Ihm gegenüber sitzender Gesandter einer großen Macht einen verdienstvollen, vor Kurzem gestorbenen, Preußischen hohen Beamten tadelte und seine Verdienste als problematisch in den Schatten stellte, sah der König den Sprecher xrnst an und fragte: „Würden Sie ebenso nachthcilig über den Verewigten urtheilen, wenn er noch lebte und hier gegenwärtig wäre? Abwesende, die sich nicht verantworten können, muß man nicht angreifen; am Wenigsten, wenn sie vor ihren höchsten Richter getreten sind: ich liebe das nicht. Den Mann, welchen Sie da tadeln, habe ich besser gekannt, er hat sich große Verdienste erworben und ich ehre sein Andenken." Der zarte, sittliche Wahrhcitssinn des Königs war so rege, sein und eindringend, daß Er auch die versteckteste Insinuation, wenn sie eine unwahre, oder wohl gar boshafte Beimischung hat, gleich herausfühlte und dann sofort kurz abwies. Schmeichler, Heuchler, Lügner, Verleumder, Anschwärzer, Tuschler und ihre Jntrigucn konnten bei Ihm nicht aufkommen und Terrain gewinnen. Vielleicht hat es nie einen Hof gegeben, wo der redliche, rechtschaffene, frcimüthige Mann so wenig irgend einer Connexion und Hofgunst bedurfte, um sich in dem Vertrauen des Königs, wenn er es einmal besaß, für immer zu erhalten, als den Seinigcn. Ruhig ging man bei Ihm aus und ein; der Unbefangene, Harmlose, war der Freieste und Glücklichste, denn Er selbst blieb sich- immer gleich, und behqxrschte Seine Umgebungen durch Seine ganze Persönlichkeit, ohne es selbst zu wissen. Die größte Freude machte es dem Zartsinne des Königs, wenn Er die, welche Er liebte, überraschen und in ungeahnter Weise erquicken konnte. Dieser Uebcrraschung gab Er gern überall, wo es anging, einen religiösen Charakter, und damit eine höhere Weihe. Eine Seme dieser Art bildete Er im Jahre 1818 in der Hofkirche zu Potsdam, die so voll von Geist und Gcmüth war, daß sie Allen, welche ihr beiwohnten, unvergeßlich geworden ist und es wohl verdient, der Vergessenheit entrissen zu werden. In dem genannten Jahre 1818, wo noch alle Herzen voll waren von den erhebenden Eindrücken der damaligen 125 großen, sieggekrönten Zeit, hatte die verwittwcte Kaiserinn von Rußland, Maria Fcodorowna *), noch einmal in ihrem bereits vorgerückten Alter eine Reise in ihre Heimath gemacht ") Maria Fcodorowna, geborene Prinzcssinn von Wiirtemberg, Kai- scrinn von Rußland. Diese erlauchte Frau ist in mehr als einer Hinsicht in die Geschichte der letzten Zeit verflochten. Sic war die Gemahlin» des Kaisers Paul und die Mutter von Alexander, Konstantin, Nicolaus, des jetzt regierenden Kaisers, und Michael; ferner von Maria, der jetzigen Großhcrzoginn von Sachsen-Weimar; von Helena, der verstorbenen Großherzoginn von Oldenburg; von Katharina, der verstorbenen Königinn von Wiirtemberg; von Anna, der Königinn der Niederlande. Maria Fcodorowna war eine Frau von hoher geistiger Bildung; zwischen Studien, Lcctürc, häuslicher Arbeit und philantropischcn Bestrebungen war ihre Zeit gcthcilt. Nach dem Tode ihres Gemahls l8t>> behielt sie einen großen Einfluß auf ihren Sohn, den Kaiser Alexander, welcher ohne ihren Rath nie etwas Wichtiges unternahm. Aus Bigucra's Mittheilungen erfährt man, wie fein sie sich benahm, als Buonapartc um die Hand ihrer Tochter Anna warb, eine Verbindung, die Kaiser Alexander begünstigt zu haben scheint. Maria Fcodorowna hat ein ruhm- würdigcs Andenken hinterlassen durch ihre vielen Stiftungen und Einrichtungen für die Cultur Rußlands und für das Wohl ihrer Unterthancn. So hat sie z. B. eine Anstalt zur Aufnahme armer adeliger Fräuleins, armer Ofsicier- und Beamten-Töchter; ferner eine der Lliaritü maturiiolle in Paris analoge Stiftung; eine Schule für Taubstumme; ein Hospital für arme Kranke; eine Schule für Soldatcnkinder; eine Handelsschule zu Moskau; eine Erziehungs-Anstalt zu Odessa; eine Unterstützungs- Anstalt für Fremde in Taganrog, und viele andere, ähnliche Institute als bleibende Denkmäler ihrer edlen, humanen Gesinnung gegründet. Maria Fcodorowna war geboren I7KV und starb 1828. clr, die Schrift Margariten; Frauen-Charaktere aus älterer und neuerer Zeit, von Ernst von Münch, 2 Thle. Kannstadt. Vcreinsbuchhandlung 1840. 2tcr Th. 4 — und Blätter für litterarische Unterhaltung, 1841. Nro. 33. 126 und von Stuttgart aus dem Könige einen Besuch angekündigt. Sic war in ihrer körperlichen und geistigsittlichen Bildung eine wahrhaft hohe Frau, deren Acußeres voll Anstand und Würde, deren Denkart, Gesinnung und Handlungsweise, voll Milde und Güte, allgemeine Verehrung einflößte. Reich an Verstand, Einsicht und Erfahrung, blieb sie doch stets in ihrer sanften, weiblichen Sphäre und war die leitende Protcctorinn aller weiblichen Erziehungs-, Bildungsund Wohlthätigkcits-Anstalten in Petersburg. Sie besuchte dieselben wöchentlich, beseelte sie mit dem Geiste des Fleißes, der Ordnung, Zucht und Tugend, und erhielt sie größtenteils mit ihrer reichen, nie müde werdenden, Kaiserlichen Freigebigkeit. In ganz Rußland, und namentlich in St. Petersburg, war sie fast abgöttisch verehrt und geliebt und die Volksstimme nannte mit Pietät sie nie anders, als unsere Mutter Maria. Und sie war die glückliche Mutter des edeln, weltberühmten und allgemein gepriesenen Kaisers Alexander, in dessen Landen Gott Gericht gehalten hatte über den Kaiser Napoleon. Unserm Könige war sie besonders auch persönlich noch lieb und Werth in ihrer Liebe, Fürsorge und mütterlichen Zärtlichkeit für Seine Tochter, die damalige Großsürstinn, die jetzige Kaiserinn. Einer solchen, in allen Beziehungen hohen und seltenen Frau, bei ihrer Anwesenheit zu Potsdam und Berlin, Seine frohe, dankvolle Verehrung zu bezeigen, war Seinem Herzen Bedürfniß. Die gewöhnlichen Ehrenbezeigungen, die in Vorstellungen, Paraden, Gastmählern, Schauspielen, Bällen und Illuminationen bestehen, genügten Ihm nicht. Er wollte 127 das Herz der hohen Frau erquicken und namentlich ihrer Mutterliebe wohl thun. Glücklicher Weise traf es sich damit so, daß die Kaiserinn Mutter, nach ihrem angekündigten Besuche, den 23. Deccmber in Potsdam eintreffen und den 24. daselbst bleiben würde. Dieser 24. Dccembcr war aber der heilige Abend vor dem Christfeste und gerade zugleich der Geburtstag des Kaisers Alexander. Dieß glückliche Zusammentreffen zufällig eintretender Umstände bestimmte den König, den Geburtstag des Kaisers, Seines Freundes, Verwandten und Bundesgenossen, kirchlich religiös zu feiern und damit die Kaiserinn Mutter auf eine ihrem sanften, frommen Herzen wohlthucnde Weise zu überraschen. Der König machte mich mit Seiner Absicht bekannt und befahl mir, an dem bezeichneten Tage, Morgens 9 Uhr, in der Hofkirche einen Gottesdienst anzuordnen, eine kurze Altarrede zur Geburtsfeier des Kaisers zu halten, sämmtliche Geistliche der Stadt zu dieser Feier einzuladen und mit diesen die Kaiserinn an der Kirchthüre zu empfangen. Der König ließ aber noch in den vorher gehenden Tagen, zur Erhöhung der Feier, die Kirche mit schönen, biblischen Gemälden und die Brüstungen sämmtlicher Chöre mit scharlach- rothen, drappirten Behängen schmücken und war bei der Anordnung selbst gegenwärtig. Der Tag erschien. Als am Morgen desselben der König mit Seinen Kindern der am Abend vorher glücklich angekommenen Kaiserinn zum Geburtstage des Kaisers Seine frohen Glückwünsche brachte, meinte Er, es würde ihrem mütterlichen Herzen gewiß wohlthun, wenn sie jetzt gleich gemeinschaftlich, an heiliger Stätte, Gott die Opfer des Danks brächten und seinen Segen in vereinten Gebeten erflehten. Nichts konnte der hohen frommen, bewegten Frau willkommener sein, als eine solche, ihrer Stimmung ganz angemessene Aufforderung: aber sie hatte keine Ahnung von dem, was geschehen würde. Sichtbar war sie erstaunt und überrascht, als sie im Vortritt sämmtlicher Geistlichen vom Könige in die Königliche Loge zu ihrem reich geschmückten Sessel, demselben, welchen einst die unvergeßliche Königinn Luise eingenommen, und bis dahin noch nicht wieder benutzten Sitze, geführt, die große Kirche mit Menschen angefüllt sah und ein sanftes Orgclspiel, mit Blase-Instrumenten, sie empfing. Sämmt- liche Geistlichen hätten sich inzwischen vor den Altar gestellt und die Gemeinde sang das Lied: Dir dank' ich für mein Leben Gott! der du mir's gegeben, Ich danke dir dafür. Du hast von Huld bewogen Mich aus dem Nichts gezogen, Durch deine Güte bin ich hier u. s. f. Prediger. Friede sei mit Euch Allen! Chor. Und mit seinem Geiste. Prediger. Gnade, Friede und Freude sei mit Allen, die Jesum Christum und seine Erscheinung auf Erden lieb haben. Amen. 120 Andächtige, christliche Zuhörer! Was in diesem köstlichen, heiligen Augenblick unser Herz ansprechen und bewegen soll, dürscn wir nicht erst suchen: bei einer ehrenvollen Veranlassung, wie sie nur selten erscheint; unter Umständen, wie sie Wenige erleben und welche erlebt zu haben man sich Glück wünscht; an dem heitersten, gcmüthvollstcn Tage des Kirchenjahrs, am heiligen Abend des Christfestes, zur stillen Andacht hier an heiliger Stätte außerordentlich versammelt, kommt uns von selbst die holde Stimme entgegen, mit welcher der Himmel die große, selige Stunde begrüßte, in der Jesus Christus, der Heiland der Welt, geboren wurde, die Stimme, welche alles Heil und allen Segen in sich schließt: Friede auf Erden! Denn nicht dieses oder jenes einzelne Land, nicht dieses oder jenes Volk umfaßte ausschließungsweise der Errettungsplan des göttlichen Erlösers; sein tiefer, ernster, milder Blick war auf den Erdkreis gerichtet, mit der Barmherzigkeit seines himmlischen Vaters trug er das ganze menschliche Geschlecht im Herzen, „in ihm sollen alle Völker der Erde, vom Ausgange bis zum Niedergange der Sonne, gesegnet werden." An keine Verschiedenheit des Himmelstrichs, der Sprachen, Sitten und Gebräuche, der äußeren Negierungsform und Verfassung ist die Wohlthat geknüpft, die er uns zugedacht hat, und die er aus seiner Gnadenfülle uns geben kann und will. Nein, sie schließt sich unmittelbar an die inneren, höheren Bedürfnisse des Geistes, Herzens und Gewissens, die überall, bei aller äußeren, noch so großen Verschiedenheit, doch bei allen denkenden und fühlenden Menschen in allen Ständen und Verhältnissen dieselben sind. v Und Horm, verstehen und ehren die Völker der Erde und ihre Herrscher seine Stimme; wird sein heiliges Gesetz die Richtschnur ihrer Denkart, Gesinnung und Handlungsweise; macht sein unendliches Verdienst an dem Herzen der Nationen und ihrer Machthaber sich geltend, so daß er in ihnen eine feste, lebendige Gestalt gewinnt: dann vereinen und versöhnen sich alle mißhclligcn, einander widerstrebenden Kräfte; dann verschwindet jede Zwietracht, dann suhlen sich alle Völker, von diesem allgemeinen heiligen Bande umschlungen, einander verwandt: dann verknüpft, wie in der Natur, die größte und reichste Mannigfaltigkeit das erhabene Gesetz der Einheit; dann einiget der selige Geist des Friedens alle Stämme und Völker der Erde, vom Aufgange bis zum Niedergänge der Sonne, wie Glieder Einer großen glücklichen Familie; dann wird, gewiesen an einen einzigen, gemeinschaftlichen Vater und Heiland, das herrliche Wort der heiligen Schrift die Losung der Welt: „Ein Geist; Eine Hoffnung; Ein Beruf; Ein Herr; Eine Heerde, unter Einem Hirten; Ein Glaube; Eine Taufe; Ein Gott und Vater Aller, der da ist ü b c r euch Allen und in euch Allen." „Friede auf Erden!" — Das ist das große, fruchtbare, selige Wort, welches in der Geburt Jesu vom Himmel auf die Erde kam, das nun schon achtzehn Jahrhunderte, wie eine Stimme aus der besseren Welt, über den Erdkreis erschallet, in seiner tiefen Kraft immer weiter und weiter dringt und Segnungen aller Art in sich trägt. Aber in diesem langen Zeiträume voll unendlicher Wcch- 13l sel und Veränderungen, Kämpfe und Kriege, hat es noch keinen Abschnitt in der Weltgeschichte gegeben, der in dieser ersten und größten Beziehung erfreulicher, herrlicher und hoffnungsreicher gewesen wäre, als eben der gegenwärtige ist, in dessen erquickendem Lichte wir jetzt leben. Seit Jahrtausenden war dieser allgemeine Weltfrieden der Wunsch, die Hoffnung und Sehnsucht aller Weisen und Guten; aber er blieb nur ein schöner Traum, ein heiteres Bild der Phantasie, und nichts mehr als dicß konnte er sein, und nothwcndig mußte es damit mißlingen, weil es dabei an Einem gemeinschaftlichen höchsten Grundsatze, an Einer Alles versöhnenden, Alles vereinigenden, belebenden, göttlichen Kraft fehlte. In der wunderbaren, großen Zeit, die an uns vorübergeht, scheint diese größte und wichtigste Angelegenheit der ganzen Menschheit einer besseren glücklichen Ausführung sich zu nähern; denn nach der Stiftung und Gründung des Christenthums ist zur Geltendmachung desselben nichts Größeres und für die Menschheit Wohlthätigcres, Umfassenderes gedacht, gestiftet und errichtet, als der heilige Bund, an dessen Spitze der gefeierte Name „Kaiser Alexander," Kaiser Franz und König Friedrich Wilhelm glänzt. Denn bei der unendlichen Verschiedenheit menschlicher Ansichten und Urtheile stellt sich der verheißene Weltsricde durch diesen heiligen Bund in den großen, Alles überstrahlenden Gesichtspunkt Dessen, der da ist das Licht der Welt. Bei dem ewigen Wechsel menschlicher Systeme und Lehrgebäude wird der Weltsricde durch den heiligen Bund 132 gebauet auf den vom Herrn gelegten Felsen, den die Pforten der Hölle nicht zu überwältigen vermögen. Bei dem versteckten Spiele menschlicher Absichten und Leidenschaften soll hier die heiligende Kraft Dessen wirken, der die Herzen ent sündigt und reiniget. Bei der Ohnmacht menschlicher Entwürfe, der Kürze und Ungewißheit auch des Lebens der Machthaber und Regenten, schließt sich hier Alles an Den an, dem alle Gewalt gegeben ist im Himmel und auf Erden, der bei den Seinen bleibt alle Tage, bis an der Welt Ende. Fassen wir nun die gegenwärtige heilige Stunde und ihre fromme Feier von dieser großen, erhabenen Seite auf, — wie erhebend, wie rührend, wie unvergeßlich wird sie uns da, umflossen von diesem himmlischen Lichte! Die ausgezeichnete, von Gott so hoch begnadigte Mutter des erhabenen Kaisers, dem die Vorsehung einen halben Welt- theil anvertraute; der, von ächt christlichen Grundsätzen durchdrungen und beseelt, in brüderlicher Verbindung mit unserm Könige und Herrn und den übrigen Mächten Deutschlands, Europa, nach schweren Leiden und heißen Kämpfen, den Frieden gab, und diesen Frieden auf den nie wankenden Grund des' Christenthums bauete; — die glückliche, erhabene Mutter dieses preiswürdigen Herrschers ist jetzt auf ihrer segensvollen Reise mit uns hier an heiliger Stätte versammelt, um Gott für diesen thcucrn, hochgelicbtcn Sohn zu danken, und bei der heutigen Feier seines Geburtstages Segen für ihn und sein Reich in tiefer, gläubiger Ehrfurcht zu erflehen! Es giebt Augenblicke im menschlichen Leben, die für das 133 Herz zu groß sind, und uns überwältigen. Köstliche, große, selige Augenblicke, wo der Mund vor tiefer, innerer Bewegung verstummt, wo vonselbst die Hände sich falten, die Blicke den Himmel suchen, und das Gebet dem überfließenden Herzen Bedürfnis; ist. Ein solcher großer, seliger Augenblick ist der gegenwärtige; kommet, stehet auf und laßt uns beten: Ja, allmächtiger Beherrscher der Welt, in tiefer Ehrfurcht und frommer Rührung danken wir dir vereint für diese köstliche, unvergeßliche Stunde. Nichts Schöneres und Erhebenderes gicbt es auf deiner Erde, als den frohen Anblick solcher Menschen, denen du Macht und Herrschaft, denen du das Wohl von Millionen anvertrauet, und die deine gnädige Hand dabei zugleich mit dem Lichte der Weisheit, mit der Wärme ungeschminkter Frömmigkeit, und der Anmuth sanfter Menschenliebe geschmückt und gekrönt hat. Einen solchen erhebenden Anblick gewährst du uns in dieser seligen Stunde, und darum beten wir, vereint mit Millionen, für das Glück und die dauerhafte Wohlfahrt der Kaiserinn Mutter, die deine Hand erhöhet hat, und deren theuren Namen die Welt mit Liebe und Dankbarkeit nennet und die Nachwelt nennen wird. Erhalte sie bis zur höchsten und glücklichsten Stufe des menschlichen Lebens, zun; Ruhme ihres Reiches, zur Freude ihres großen Sohnes, den sie der Welt schenkte, dessen Geburtstag die Welt segnet, für den sie zu dir mit uns in heiliger Andacht betet. Erhalte, segne sie zum Glücke aller ihrer Kinder, zun; Tröste der vielen Taufende, denen sie eine milde Helferinn und Wohlthätcrinn ist. Segne sie, o Vater! mit deinem besten Segen, auch um der freundlichen treuen Mutterliebe willen, die sie der theuren, geliebten Tochter unseres Königs und 134 Herrn widmet. Knüpft das beglückende Band, das ihr und sein Haus verbindet, immer fester, zum Heil der Völker, zum Segen der Welt. Und wenn sie, nun bald schon, unter unseren heißen Segenswünschen wieder von uns scheidet, dann ruft jedes Herz und jeder Mund ihr nach: „Friede Gottes, im Leben und im Tode, der hochbeglückten Mutter, die einen Sohn gebar, der im Bunde mit edlen Regenten der Welt den Frieden gab!" Ehre sei Gott in der Höhe! Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen. Amen. Ehor. Amen. Hallclujah! (Gesang der Gemeinde.) Was mir in diesem Leben Noch nützt, wirst du mir geben; Du gicbst, ich hoff auf dich. Dir Vater, dir befehle Ich meinen Leib und Seele; Herr, segne und behüte mich! Prediger. Der Herr segne und behüte dich! Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir, und sei dir gnädig. Der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. Amen. Chor. Amen! Amen! Amen! Als der König nach beendigtem Gottesdienste, die Kaiserinn am Arme, mit dem großen, glänzenden Gefolge, in welchem sich auch der Großherzoglich Weimarsche Hof befand, 135 aus der unteren Königlichen Loge aus den freien Platz vor den Altar trat, um zu der unter der Kanzel befindlichen Marmorgrust Friedrich des Großen zu gehen, blieb die ganze Gemeinde, dahin blickend, in feierlicher Stille versammelt, während das Hautboistenchor unter sanfter Orgelbcgleitung Choräle spielte. Der nahe herangetretenen Kaiserinn stellte mit huldvollen Ausdrücken der König die Geistlichen vor. Die Kaiscrinn, in ihrer hohen, edlen, würdevollen Gestalt eine schöne Matrone, hatte den vorzüglichen Frauen besonders eigenthüm- lichen milden Zug der Andacht in ihrem offenen Angesichte, ein sanfter Lichtschimmer war über dasselbe verbreitet, und eine Thräne der Rührung glänzte in ihren Augen. Zu mir gewandt, sagte sie: ,,Wohlthuender und zarter bin ich nie in meinem Leben überrascht worden, als eben jetzt durch die freundliche, sinnige Aufmerksamkeit meines hohen Gönners und Freundes. Noch nie habe ich den Geburtstag des Kaisers, meines vielgeliebten Sohnes, so innig erbauet und befriedigt gefeiert, als heute. Meine ganze Seele ist erhoben und erquickt; ich bleibe Ihnen (indem sie mir die Hand reichte) für diese heilige, unvergeßliche Stunde dankbar. Vorzüglich hat mich auch das schöne Lied, welches wir sangen, erbauet. Zum fortdauernden Andenken daran möchte ich gern das Gesangbuch mitnehmen; schenken Sie mir's!" Ich bot das meinige an und es wurde mit freundlicher Erwiederung angenommen. Dann sich umschauend, sagte die Kaiserinn: „Sie haben doch eine schöne Kirche!" „So schön, wie heute," antwor- 136 tete ich, „ist sie doch erst seit gestern." Der König, dicht daneben stehend, die Kaiserinn am Arme, sah mich mißbilligend an, winkte und schüttelte mit dem Kopfe. Ich hatte Sein Zartgefühl, dem alles zur Schall tragen zuwider war, verletzt. Als nun aber die Kaiserin» fragte: „Wie so? Seit gestern?" mußte ich antworten: „Des Königs Majestät haben, um das Andenken an Ihrer Kaiserlichen Majestät erfreuliche und beglückende Gegenwart uns um so unvergeßlicher und dauernder zu machen, die Kirche so schön schmücken lassen." Mit dem lieblichen Ausdruck der Ucberraschung und des frohen Erstaunens sah die hohe Frau den König an, und in bewegter Stimme flössen aus ihrem Herzen die Worte: „Nein, lieber, thcurer Freund, das ist zu viel. Sic thun doch immer mehr, als man denken kann und erwarten darf. Wie gut sind Sie! Wie kann und soll ich so viel Liebe und Güte vergelten? Ewig bleibt Ihnen mein Herz dankbar für diese selige Stunde." Der König, sichtbar gerührt, verbeugte sich, und wollte in der, besonders im Umgange mit Frauen, Ihm im höchsten Grade cigcnthümlichen Anmuth der Kaiserinn die Hand küssen. Sie gestattete aber solches nicht, sondern breitete, ihrem bewegten Herzen folgend, beide Arme aus und umarmte den König. Die ganze Gemeinde war dessen Zeuge und eine allgemeine srohe Rührung ergriff alle Anwesende. Nach einer langen, stillen Pause, deren Bedeutung Jeder fühlte, traten die hohen Herrschaften in das Sarg-Gewölbe Friedrich des Großen. Hier gedachten sie der Zeit, wo in mitternächtlicher Stunde im Jahre 1805, den 4. No- 137 vembcr, der Kaiser Alexander und König Friedrich Wilhelm sich über diesem Sarge die Hände reichten und miteinander verbanden, und wie nach allen dazwischen liegenden, vieljährigen, schweren Drangsalen Gott nun Alles so herrlich hinausgeführt habe. Der Kaiserin» war diese Geburtstagsfeier ihres Sohnes so lieb und unvergeßlich geworden, daß sie auch in ihren Briefen noch immer wieder dem Könige dankte. Dieser ließ darum von einem geschickten Künstler das Innere der Hoskirche zu Potsdam mit der ganzen Feier-Scene als Gemälde darstellen, und das der Kaiserinn geschenkte, wohlgclungcne Bild war ihr so werth, daß sie es in ihrem Wohnzimmer aufstellte und es jedesmal, wenn sie ihren Sommer- und Winter- Aufenthalt wechselte, mitnahm. Noch heute trägt unsere Kirche den damals empfangenen Schmuck, und wird ihn noch lange tragen, wenngleich die inzwischen neu entstandene Generation den Ursprung und die Bedeutung nicht kennt. Die Hauptpersonen in der Feier, die Kaiserinn, der Kaiser, und der König, sind inzwischen eingegangen in ihre ewige Ruhe. So schwindet mit dem Strome der Zeit alle, auch die größte, irdische Macht und Herrlichkeit, als ein nichtiger Schatten, dahin. Was aber darin in sich reinmenschlich, edel und göttlich war, das bleibt und bewahrt ein Andenken, das auch noch die späteste Nachwelt segnet. Mutterliebe und Freundschaft feierten auf Thronen ein Fest mit zartem frommen Sinne, wie es auch in den glücklichsten Privatfamilicn nicht gemüthlicher begangen werden kann. l38 Der Zartsinn des Königs hatte, wenn Er überraschen und dadurch um so mehr erfreuen wollte, etwas Prämeditir- tes und Verschlossenes, so daß Keiner ahmte, was Er vorhatte. Ja, Er wußte die Sache so zu stellen, daß es schien, als sei Er abgeneigt, dieß oder jenes, was wohl gewünscht, erwartet und erbeten wurde, zu gewahren. Er dcclinirtc dann gewöhnlich mit lakonischem Scherz, und setzte hinzu: „Wird nicht gut angehen!" Alles kam Ihm dabei auf den rechten, passenden, besten Augenblick an, den Er abwartete, bis er da war; Er wußte, daß dann die Gewährung um so schöner und die Freude des Empfängers um so inniger und größer sei. Von vielen Beispielen dieser Art will ich nur Eins der interessantesten, die Universität Halle und ihren damaligen Kanzler A. H. Niemcyer betreffend, anführen. Nicmcyer war dem Könige längst persönlich bekannt und werth, schon von der Zeit her, wo Er in Halle, bei einer Durchreise mit der Königinn, bei ihm eingekehrt war und das Waisenhaus und das Pädagogium besucht hatte. Zum Beweise Seines großen Vertrauens hatte Er ihn zum Wirklichen Ober-Consistorial- und Schulrath, mit Sitz und Stimme im Ministerium der geistlichen und Unterrichts-Angelegenheiten, ernannt. Bei Berathung wichtiger Angelegenheiten wurde er jedesmal besonders eingeladen und der König legte auf sein Gutachten großen Werth. Als in dem unglücklichen Jahre I8W auch Halle eine Beute des mächtigen Siegers wurde, erhielt Niemeyer einen ehrenvollen Ruf als Ober-Consistorialrath nach Berlin, und 139 später, bci Gründung der Universität, als Professor der Theologie. Er lehnte Beides ab, weil er sich berufen fühlte, Franke's unsterblichen milden Stiftungen, denen er als Di- rector vorstand, und an welche ihn heilige Bande, auch die der Verwandtschaft, knüpften, nahe zu bleiben. Als Stände- Mitglied des neu errichteten Wcstphälischcn Königreichs, und oft als Dcputirter in Kassel anwesend, dem Könige Hieronymus, seinen Minister», und vor Allen dem Johannes Müller nahe, hatte er vielfach Gelegenheit, seiner Vaterstadt Halle und ihren wissenschaftlichen Instituten nützlich zu werden; und daß er ihnen nützlich geworden, mit redlichem, lebendigem, uneigennützigem Eifer sich für sie verwandt, und Vieles, was dem Verderben und Untergange nahe war, gerettet hat, das hat der Erfolg an den Tag gelegt und ist factisch aus den Acten erwiesen. Aber Niemeyer hatte das Loos aller ausgezeichneten Männer; ihr Name geht durch gute und böse Gerüchte, sie werden geliebt und gehaßt, verehrt und verhöhnt, gelobt und getadelt, erhoben und in den Staub getreten. Man beschuldigte Nicmeycr einer zweideutigen Tergiversation in einer unwürdigen Annäherung an die neue Napoleonische Dynastie; man klagte ihn laut und öffentlich an, daß er zum Untergange des Pädagogiums zu Kloster Berge und zur Vernichtung der Universität Helmstädt seine Hand geboten und daß er vorzüglich dieß barbarische Werk verschulde. Als er nun vollends vom Könige von Westphalen Hieronymus den Orden der West- phälischen Krone empfing und, angethan mit diesem Schmuck, stattlich einherschritt, wurden seine Gegner noch bitterer, und selbst seine vom Kaiser Napoleon decrctirte Deportation nach Frankreich vermochte nicht, sie zu versöhnen, vielmehr sahen 140 sie in dieser Gcfangennchmung und Wegführung die verdiente Strafe der Eitelkeit und Zweizüngigkeit. Niemcyer hat damals viel leiden müssen; aber die heitere, immer frische Lebensansicht, der frohe Muth, der glückliche Humor, die poetische Stimmung, die klare Auffassung aller vorkommenden Dinge, das stille, fromme Gottvcrtraucn, die rege Empfänglichkeit für alle milden, wohlthuenden Eindrücke, die vereint in der Beschreibung seiner Depvrtations- Reise athmen, leben, und so erheiternd ansprechen, beweisen am Besten den inneren Frieden seiner Seele und eines ruhigen Selbstbewußtseins. — Die Zeit der Selbsttäuschung und Verblendung war längst bei ihm vorüber und er, durch viele Erfahrungen gegangen, damals ein Mann bereits in den Fünfzigern. Der König, unzugänglich für Verleumdungen und An- schwärzungen, theiltc die nachtheiligcn Urthcilc der Gegner über Niemcyer nicht, vielmehr hielt Er die vortheilhaste Meinung von ihm fest. Als nach glorreich beendigtem Kampfe Alles wieder in seine vorigen, geordneten, glücklichen Verhältnisse zurücktrat und neues Leben gewann, schenkte der König Niemcyer Sein voriges, volles Vertrauen wieder, und bestätigte dessen zur Zeit der Zwinghcrrschaft empfangene Würde als Kanzler der Universität Halle. Ganz vorzüglich aber bcthätigte Er ihm Sein Wohlwollen für alles das, was er in der unglücklichen Zeit durch sieben schmerzvolle Jahre für die Erhaltung der Frankesschcn Stiftungen gethan und gelitten hatte. Des Königs Frömmigkeit sympathisirte mit dem bi- 141 blisch-christlichen Geiste, welchen der gläubige August Hermann Franke seinen Anstalten belebend eingehaucht und mitgetheilt hatte. In der unmittelbar vorhergegangenen eisernen, vanda- lischen Zeit, die sür wissenschaftliche, fromme Zwecke nichts suhlte und nichts that, waren das Pädagogium und Waisenhaus ihrem Untergänge und ihrer Auflösung nahe gekommen. Der König ehrte und liebte sie und wünschte ihre Erhaltung. Alle anderen Anträge zu neuen pädagogischen Stiftungen wies Er darum in jener an Vorschlägen und Planen reichen Zeit zurück und erklärte, daß es besser sei, das Alte, was sich bereits bewährt habe, zu erhalten, als etwas Neues, das noch problematisch sei, zu gründen. Ja, Er erkannte es als eine unabweisbare Pflicht schuldiger Dankbarkeit sür vieljährige, segensreiche Leistungen, diese Anstalten so zu begründen, daß sie fortan aus eigenen Mitteln ihr dauerndes Bestehen haben könnten. Auf den motivirten Antrag Nie- meyer's gab der König, in successiven Zahlungen, die dazu erforderlichen großen Summen, so daß Friedrich Wilhelm III. der neue Gründer der Franke'schen Stiftungen wurde*). Niemeyer war in dieser Zeit, wo er diese, seinem Herzen nahe liegende, wichtige Angelegenheit mit lebendiger Liebe persönlich betrieb, oft . in Berlin und Potsdam, wo er dann auch jedesmal den König in langen Privat-Audienzen sprach und zur Tafel gezogen wurde. Niemeyer war ein Mann, der in allen, auch den höchsten Kreisen sich leicht, sicher und glücklich bewegte. Er oricntirte ") conf. die Gedächtnißprcdigt auf den Hochseligen König von Agathon Niemeyer, wo diese Angelegenheit in officiellen Aktenstücken mitgetheilt wird. sich schnell und richtig auf jedem Terrain und traf und maß im verschiedenartigsten Umgänge immer das Rechte und Schickliche. Vielleicht hat es mit ihm gleichzeitig keinen akademischen Professor und Doctvr gegeben, der eine so vielseitige, praktische und gewandte Lcbcnsbildung hatte, beim abstracten Gelehrten, Schriftsteller und Dichter zugleich ein so tüchtiger Geschäftsmann, und beim schlichten, einfachen Bürger zugleich ein so feiner tactfestcr Hofmann, als er es war. Seine große körperliche-Gestalt und ihre gerade Haltung imponirte; seine sonore, langsam und deutlich articulirende, pathetische Stimme erregte und fesselte die Aufmerksamkeit; sein Gang war abgemessen, und sein ganzes Wesen hatte etwas Feierliches, doch fern von jeder Pedanterie. Licht und Wärme waren in seinem Geiste und Herzen glücklich gemischt, und Allen, die mit ihm sympathisirtcn, war wohl in seiner Nähe. Heiter, gutmüthig und gesprächig wußte er jeder Unterredung in rhetorisch-poetischer Ausfassung Schwung zu geben, und erzählte sehr anziehend. Edel in seiner Gesinnung, rein in seinen Sitten, glücklich in seiner Ehe, zufrieden in seinem Hause, uneigennützig in seinen Absichten, unermüdct thätig für Andere, voll Eiser für das gemeinschaftliche Beste, wohlhabend und gastfrei, — war er offen und unbefangen, ließ sich jedoch nie gehen, und blieb immer in einer würdevollen Haltung. Was man Schmucklosigkeit und kindliche Einfalt nennt, hatte er, wenigstens im Umgange, nicht; doch ging man immer befriedigt von ihm und kam gern wieder. Hatte man mit ihm Geschäfte, so konnte man auf ihn bauen: er war pünktlich, zuverlässig und redlich. Anfeindungen, die er vielfach erfuhr, ertrug er stillschweigend, und ein lebhaftes Ehrgefühl fand es unter seiner Würde, sie zu beantworten; sah er sich aber genöthigt, unwürdige Angriffe zurückzuweisen, 143 dann blieb er immer in den Schranken einer edlen Mäßigung. Alle, die ihm am Nächsten standen und ihn am Genauesten kannten, ehrten und liebten ihn am Meisten*). Auch Referent erfreucte sich seines freundschaftlichen Vertrauens. Schon von meiner Jugend her war er mir theucr, als ich in den Jahren 1789-—1792 auf der Universität zu Halle studirte, und ich ehrte, wie in den unsterblichen Männern Semlcr, Nössclt, Knapp, Mursinna, Stange, Eberhard und Maaß, auch in Nicmeper meinen wohlwollenden Lehrer, der den Jüngling freundlich aufnahm und ihm Zutritt in sein heiteres Haus gestattete. Angezogen von der treuen Ergebenheit der Ober-Präsidenten v. Vincke und v. Basscwitz, wie des damaligen Ne- gierungs-Directors, nachherigcn Ministers v. Brenn zu Potsdam, die auf dem Pädagogium zu Halle ihre erste wissenschaftliche Bildung empfangen hatten und mit fortdauernder Verehrung ihm zugcthan waren, fühlte er sich in ihrem und dem Umgange mit ihren edlen Familien heimisch, war oft und gern in Potsdam, und auch ich verlebte mit ihm in diesem Kreise schöne, unvergeßliche Stunden. Im Jahre 1827, den 29. März, trat Nicmeper Morgens in mein Zimmer, kräftig und stattlich, mit den Worten: „Gott grüße Sic, lieber Freund! ich habe eine wichtige Sache *) cont. die Schrift: Ai. H. Nicmcycr. Zur Erinnerung an dessen Leben und Wirken. Herausgegeben von A. Jacobs und nach dessen Tode vollendet von I. Gruber. Halle. Waisenhaus-Buchhandlung, l83l. auf dem Herzen, um dercnwillcn ich herkomme, und bedarf Ihres Rathes und Ihrer Hülfe. Schon seit Jahren beschäftigt mich der Gedanke und Wunsch, daß der König die Gnade haben, und wie den anderen Universitäten, namentlich zu Berlin und Bonn, so auch der unsrigen zu Halle ein eigenes Universitäts - Gebäude schenken und die dazu nöthige Summe bewilligen möchte. Sie kennen unsere alte, den Einsturz drohende, sogenannte Wage am Rathhause; Sie wissen, wie unbequem, lästig, zeitraubend und störend es ist, daß die zum Theil düstern, oft zu kleinen Hörsäle der dockenden Professoren in der ganzen Stadt zerstreut umherliegen. Hätten wir doch auch in Halle ein gemeinschaftliches, neben unserer Bibliothek liegendes, schönes, angemessenes Univcrsitäts- Gebäude! Mein ganzes Sinnen und Trachten ist seit Jahren schon auf diesen Wunsch gerichtet, dessen Erfüllung eine wahre Wohlthat für unsere nlnrn mutcw und die ganze Stadt sein würde." „Schon Einmal habe ich bei unserem gnädigen Herrn angetippt; Er hat aber nicht darauf geachtet. Jetzt ist aber eine schickliche, nahe' liegende gute Veranlassung da, diese mir so wichtige Sache auss Neue in Anregung zu bringen. Am nächsten 18. April erlebe ich, so Gott will, mein nlljähriges akademisches Dienstjubiläum. Ich für meine Person begehre und wünsche keine Auszeichnung; ich habe genug, mehr als ich verdient, und stehe am Ende meiner Laufbahn. Aber unaussprechlich glücklich würde es mich machen, wenn der König die große Gnade haben und mein Amts-Jubelfest dadurch verherrlichen wollte, daß er der Universität ein solches Gebäude in seinpitei'nlun ineinorinin schenkte. Wie sangen wir das an? Sie haben ja auch Halle lieb und reden im- 143 mer mit dankvoller Begeisterung von der schönen Zeit Ihrer dortigen Studien: darum müssen Sie mir helfen. Ich höre, der König ist eben jetzt zu Potsdam. Wie kommt man zu Ihm?" Nachdem wir die Sache, in die ich von Herzen einging, besprochen, schrieb ich an den Geheimen Cabinets-Rath Albrecht, und bat im Namen Niemeyers für ihn um Gestattung einer Privat-Audienz. Diese bewilligte der König zwar nicht; ließ aber Nicmeyer und mich zur Mittagstafel einladen. Dieß machte Niemeycr besorgt, und zweifelnd fragte er: ,,Wie wird's nun werden?" „Vor der Tafel," antwortete ich, „wo der König nur im Allgemeinen mit Seinen Gästen zu reden pflegt, und Alle in einem Kreise umherstehcn, können Sie Ihr Gesuch nicht anbringen; noch weniger bei Tische, wo von Geschäftssachen und Anträgen nicht gesprochen wird; aber nach der Tafel, wo der König mit Einzelnen zu reden pflegt, wollen wir uns isolircn und in dem großen Gescll- schastssaale uns in die Vertiefung eines entfernten Fensters stellen und den günstigen Moment abwarten. Auf dieser Stelle habe ich manche Fürbitte mit glücklichem Erfolge vorgetragen und ich hoffe das Beste." Des andern Tages gingen wir zur bestimmten Stunde gemeinschaftlich nach dem Schlosse, wo wir in dem Versammlungszimmer eine glänzende Gesellschaft fanden. Als der König hereintrat und Niemcyer sah, begrüßte Er ihn ungemein freundlich, hieß ihn willkommen, und reichte ihm, was Er sehr selten zu thun pflegte, die Hand. Bei der Tafel wurde ihm der Platz dem Könige gegenüber vom Hosmarschall angewiesen, und der König richtete 10 sofort die Rede an ihn nach Diesem und Jenem, Halle betreffend, fragend. Jetzt entwickelte Nicmeyer sein eminentes Talent der geselligen Rede in seiner ganzen Anmuth: er wußte geschickt, leicht und gewandt an die Bemerkungen des Königs die jedesmal passenden Uebergänge zu knüpfen, den Faden der Unterredung festzuhalten und auszuspinnen: erzählte heitere Anecdoten aus seiner Deportations-Rcise ; sprach geistreich über die eigenthümliche Verfassung der Universität Oxford, und war dabei so unbefangen und in der Wahl und Stellung seiner Ausdrucke, wie auch zugleich in feiner Sitte, so elegant, daß die ganze Tischgesellschaft ihn liebgewann und der König ihn mit Vergnügen anhörte. Nach aufgehobener Tafel nahmen er und ich im anderen Zimmer die bezeichnete, entfernte Stelle am Fenster ein. Es währte auch nicht lange, so näherte sich der König ge- müthlich und vergnügt, mit höher aufgehobenem Tritt lind Schritt, wie Er zu thun pflegte, wenn Ihm wohl war, lind sagte zu Niemeyer: „Haben mich sehr angenehm unterhalten; danke Ihnen! Was bringen Sie?" „Ach!" antwortete er, „ich bringe nichts: ich möchte gern mir eine Königliche Gnade holen." — „Nun, was denn?" — Und jetzt trug er, in ehrerbietiger, doch männlich würdiger Haltung und gedämpfter Stimme, seine Bitte um die Königliche Donation eines Universitäts-Gcbäudcs für Halle mit so ansprechenden Motiven vor, daß sein Vortrag sichtbar den bezweckten, angenehmen Eindruck machte. Um so unerwarteter war die sonore Aeußerung des Königs : „Ist schon mal, wie ich mich erinnere, die Rede davon 147 gewesen; ist jetzt vielleicht eine neue, nähere Veranlassung dazu eingetreten?" „Die nächste Veranlassung," antwortete Niemeycr, „giebt mir allerdings der nahe bevorstehende I8te April d. I., als an welchem es 50 Jahre werden, wo ich mein akademisches Lehramt antrat. Ich für meine Person habe keine Bitte, keinen Wunsch. Gottes Gnade und Ew. Königlichen Majestät Huld haben mich mit unverdienten Wohlthatcn überschüttet. Aber der Universität, die mein Dienstjubiläum feiern will, wünschte ich die gnädige Gewährung der erbetenen großen Wohlthat; Ew. Majestät Gnade würde dem Feste damit die rechte Weihe geben und Alles mit Dank und Freude erfüllen." Das Angesicht des Königs erheiterte sich noch mehr, und sinnend die Hand an's Kinn haltend, sagte Er langsam: „Also der nächste 18 te April! Gratulire von ganzem Herzen und wünsche noch viele glückliche Jahre. Nun," fuhr Er scherzend fort, „der langen Rede kurzer Sinn wäre also peeunin. Kann auch ein Bischen Latein. Einer meiner Ahnherren (Friedrich Wilhelm !.) pflegte oft zu sagen: non Imbeo peminium. Ein Universitäts-Gebäude kostet, wenn es angemessen sein soll, viel Geld; — wird nicht gut angehen." „Bringt aber auch," siel ich ein, „viel Segen," und ich fügte Alles hinzu, was ich für das mir so thcure Halle in meinem dankbaren Herzen trage. Der König ging jedoch nun nicht weiter in die Sache ein, brach vielmehr das Gespräch schnell ab und entließ bald darauf die Gesellschaft. Niemeyer sah mich bedenklich an und seufzte aus tiefer tv* 148 Brust- „Oleum et vperam xeiclicli!" Er schien nun jede Hoffnung aufgegeben zu haben, und damit war auf das Sai tcnspiel seines Jubelfestes ein Dämpfer gesetzt, der ihn verstimmte. „Was werden," wiederholte er mehrmals, „meine Collegen in Halle sagen, die den Zweck meiner Reise kennen und für unsere Universität mit mir das Beste hofften!" Vom Minister von Altenstein ward ich beaustragt, in seineni und im Namen des Ministeriums der geistlichen und Unterrichts-Angelegenheiten nach Halle zu gehen, und Niemeyer, bei der Feier seines Dienstjubiläums, die theilnchmcn- den Glückwünsche dieser hohen Behörde zu bringen. Acht Tage vorher fragte mich der König: „wann ich in Halle anzukommen gedächte?" und als ich antwortete: „wenn nicht früher, denn doch wenigstens zwei Tage vor dem Feste, weil ich von den Eindrücken, welche die Vorbereitungen zu demselben am Orte selbst auf mich machen würden, die rechte, festliche Stinunung für die noch erst zu schreibende Rede erwartete, die ich bei der akademischen Feier auf der großen Wage, nach der Anordnung des Ministers, zu halten gedächte. Ich müsse gestehen, die Sache sei mir sehr wichtig. Unter allen ehrenvollen Aufträgen und unverdienten Auszeichnungen, die mir je zu Theil geworden, wäre mein ganzes Herz noch nie so innig und tief und froh bewegt gewesen, als eben hierbei, da ich gewürdigt würde, im Namen des Landesherr» und Seiner geistlichen Behörde, nun bei einer so feierlichen Veranlassung von eben dem Lehrstuhle herab reden zu dürfen, zu dem ich vor 38 Jahren als Jüngling und Schüler nach meinen unvergeßlichen Lehrern hinaufgeblickt hätte." „Recht schön!" erwiederte der König. „Ich glaubte, Sie 149 würden später reisen;" und da er rasch hinzusetzte: „Reisen Sie glücklich und begrüßen Nicmeycr!" so konnte und mochte ich nicht weiter fragen. Bei meiner Ankunft in Halle fand ich Alles in froher Bewegung, beschäftigt mit Anstalten und Vorbereitungen für den nahen festlichen 18. April, aber auch vorzüglich die Professoren der Universität in einer nicht zurückgehaltenen Verstimmung darüber, daß dem Feste die erbetene und gewünschte Königliche Auszeichnung fehlen werde, durch deren Gewährung es erst seinen vollen Glanz würde empfangen haben. Wer beschreibt aber nun auch das frohe Erstaunen, und die nicht mehr geahnte Ueberraschung, als nach bereits aufgegebener Hoffnung am späten Vorabend der Jubelfeier ein Königlicher Courier von Berlin ankam, der ein Cabinets- schreibcn an Niemcyer überbrachte, in welchem der König ihm in den huldvollsten, herzlichsten Ausdrücken Seine glückwün- schendc Theilnahme bezeigte, mit dem Zusätze: daß zum Aufbau eines Universitäts-Gebäudes eine Summe von 4l)Mt> Thalcrn bewilligt sei. *) Tief bewegt und bis zu Thräncn gerührt, las Niemcyer dieß Königliche Wort; mit derselben Empfindung des frohen Dankes vernahmen es seine um ihn versammelten Freunde, und mit voller Seele wurde das köstliche alte Lied gesungen: Domino, ine snlvmn ro^om! Nun erhielt das ganze, reiche Fest seine volle, festliche Frische. Nun war in Niemcyer und durch ihn die ganze ") Diese Summe ist späterhin, beim wirklichen Ausbau, noch vermehrt worden. 150 Universität, die ganze Stadt Halle geehrt, beschenkt, erfreut. Aus der glücklichsten Stimmung aller Feiernden ging das Jubiläum hervor, und wurde ein Jubelfest, wie wohl selten eins dieser Art cclebrirt sein mag *). Zur rechten Stunde, im passendsten Augenblick, gewährte der König, was Er früher abgelehnt hatte in scheinbarer Abneigung, um die gleichwohl zugedachte Gunst durch lieber- raschung um so angenehmer zu machen. Die erbetene schöne Blume sollte nicht wochenlang vor dem Feste, sondern frisch mit der Perle des Morgenthaues am Feste selbst überreicht werden. Als Er sinnend Niemeycr fragte: „Also am nächsten 18. April?" und dann scherzend hinzusetzte: „uou Man sehe die Schrift: Die Jubelfeier des fünfzigjährigen akademischen Lehramtes Sr, Hochwürden des Herrn Kanzlers und Professors I)r. A. H. Niemeycr am 18. April 1827, von einem aufmerksamen Beobachter. In der Buchhandlung des Waisenhauses, — und die vorher allegirte von Jacobs und Gruber, S. 4V8 und ff. Die Universität stellte Riemeycr's Marmor- briste, von Tieck's Meisterhand, auf. Ehemalige Zöglinge des Pädagogiums, nun zum Thcil hochgestellte Staatsbeamte, waren gegenwärtig, überreichten einen prächtigen Becher mit sinnreicher Inschrift, Basen u. s. f. Schüler und Lehrer an den Frankc'schen Anstalten pflanzten um Frankels Denkmal Eichen und brachten goldene Denkmünzen. Die Universitäten zu Breslau, Güttingen, Greifswalde, Königsberg, und Behörden, sandten Ehrenbezeigungen und Glückwünsche, Jena und Leipzig Deputirte, unter welchen der unvergeßliche Professor und Domherr 11. Tittmann als Festredner glänzte. Die Bürgerschaft überreichte eine silberne Bürgerkrone. Besonders muß hier aber Noch bemerkt werden, daß der König, außer dem schon früher verliehenen Rothen Adler-Orden 2tcr Klasse, Niemeycr an seinem Jubelfeste eine große, kostbare Porcellan-Vase, geschmückt mit dem Bilde des Königs, schenkte, was Er selten und nur denen zu thun pflegte, die Er persönlich liebte. 131 Imbe« peeuui.am," war Er schon mit sich cins , wie und wann und was Er thun wolle. Er betrübte für den Am gcnblick, um desto mehr und höher und länger erfreuen zu können. Sein Zartsinn fand überall den besten Zeitpunkt; den Er aber, an sich haltend, verbarg, bis er da war. Er kannte die rechte Freudenstunde; das hatte Er von Dem gelernt, der Ihm, am Rande des Abgrundes stehend, die rettende Hand reichte, und in Seine dunkeln Lcbens-Nächte dann schnell Licht sandte. Zartsinnigkcit war Seines Lebens Tact und so Ihm zur andern Natur geworden, daß Er darin arhmcte. Sein Leben ist, besonders seit den letzten 25 Jahren, an Zügen und Handlungen dieser Art so reich, daß man es an Ihm nicht anders mehr gewohnt war. Seine ganze Persönlichkeit erhielt dadurch eine Milde und Pietät, die in ihrer ernsten Haltung ganz eigene Gefühle der Ehrfurcht und Liebe erzeugte, so daß man sich Ihm wie einem Wesen höherer Art näherte, und doch auch mit heiterem Vertrauen vor Ihm stand. Charakterzügc und historische Fragmente aus dieser reinen Sphäre sind mir in Menge durch Mittheilungen aus Seiner nächsten Umgebung bekannt geworden; doch mag es mit den angeführten genug sein. Nur eine Probe Seiner prämcditirten, rücksichtvollcn Zartsinnigkeit darf ich, zur vollständigen Eharaktcrisirung derselben, nicht verschweigend zurückhalten, weil sie alles Hierhill Gehörige gleichsam in sich schließt, indem sie beweiset, daß Sein Zartstnn nicht, wie bei den meisten Menschen, ein schneller, vorübergehender Anflug einer guten Empfindung und einer schönen Phantasie, sondern ein fester, tiefer Charakter- 152 zug war, der in Seinem Vorhaben still und ruhig beharrte und mehrere Jahre abwartete, ehe Er es ausfuhren und hervortreten lassen konnte. Lange habe ich bei mir angestanden, ob ich auch diese Mittheilung nur erlauben dürfe, da sie mich selbst betrifft, und es wohl so scheinen könnte, als wollte ich mir damit ein Relief geben. Doch da vor Seinem Hautrclief alles Andere ein Basrelief wird, inzwischen 24 Jahre darüber verflossen und ich 73 Jahre alt geworden, wo die Regenbogen- Farben des eitlen Lebens allen Glanz in der Nähe des Grabes verlieren, so will ich doch nicht aus der Welt gehen, ohne den Manen des Unsterblichen die Opfer der Ehrfurcht und Dankbarkeit gebracht zu haben für die zartsinnige Huld und Gnade, die Er auch mir weit über mein geringes Verdienst erwiesen und 35 Jahre hindurch, bis an Sein Ende, erhalten hat. Im Jahre 1815 fühlte ich mich in meinen Dienstverhältnissen gedrückt und gelähmt. Nicht so sehr die Vielheit, als vielmehr die Mannigfaltigkeit und Hetcrogcnität der mir anvertrauten Amts - Geschäfte zersplitterte meine Zeit und Kräfte und brachte einen Mißmuth in meine Stimmung, den ich bis dahin nicht gekannt hatte. Als Hof- und Gar- nisonpredigcr einer großen, zahlreichen Gemeinde hatte ich, bei tagtäglichcm Uebcrlaufe, sonntäglich nltoinaiuln mit meinem Eollegcn, dem Fcldpropste, Vor- und Nachmittags zu predigen, eine große Anzahl Kinder im Christcnthum täglich zu unterrichten, das Kirchcnvcrmögcn zu verwalten, die darauf angewiesenen Ofsiciantcn und Armen zu versorgen. Mir lag die Jnspection über das Königliche Prediger- und Schullch- 153 rer-Wittwen-Haus ob, lind diese setzte mich in einen pcrma ncntcn Briefwechsel mit allen crspectivirtcn Prediger- und Schullchrer - Wittwcn in der Churmark. Ich nahm Theil an den pädagogischen Geschäften des großen Militair-Waisenhauses, war Superintendent, und Consistorialrath bei der hiesigen Königlichen Regierung. Namentlich diese letztere Function war es, die, mit lebendigem Eifer übernommen, doch mich immer mehr drückte, weil sie schon allein, wenn man nicht zurückbleiben wollte, hinlänglich beschäftigte. Ein neues, frisches Leben war in die Leitung lind Bearbeitung der Kirchen- und Schulsachcn bei diesem prciswürdi- gen Collegium unter dem Vorsitze der trefflichen Präsidenten von Vincke, von Basscwitz und Maaßen gekommen, und der Ober-Consistorialrath Natorp arbeitete mit einer Kraft und Ausdauer, mit einer ungctheiltcn Hingabe, die seine College» zu ähnlichen Leistungen anspornte. Mir wollte bei aller Anstrengung dieß nicht gelingen; denn wenn ich gleich ein le- bcndiges Interesse für die Sache selbst in mir trug, so w«v ren doch ihre Formen und die sich daranschlicßenden, großcn- theils sterilen, massenhaften Acten, ihre Tabellen, Controlen, Revisionen und Supcrrevisioncn, lange Sitzungen und Debatten meiner zum Contemplativcn sich hinneigende» Natur zuwider, und ich, eingespannt in diese Formen, arbeitete in- vitn iVlinervn. Mit dem weltlichen Regiment in der Kirche, oder der hier zu Lande herrschenden, sogenannten Regierungs-Consisto- rial-Verfassung, konnte ich mich nicht befreunden. Ich kannte in vicljähriger früherer Erfahrung und Praxis die bessere, die Presbyterial-Synodal-Verfafsung, wie sie von der Refor- mation an in der evangelischen Kirche in meinem Vatcrlandc, in der Grafschaft Mark, Cleve, Jülich und Berg, im Segen bestanden hat und bestehet. In dieser liegt das Kirchen- Regiment in der Kirche selbst, in den Gemeinden und ihrer unmittelbaren thätigcn Theilnahme an allen ihren Angelegenheiten. In jener befinden sich die Gemeinden im Zustande der Passivität, da Alles, was geschehen soll, von der Behörde vorgeschrieben und befohlen wird. Wenn jene ein lebendiges Interesse weckt und nährt, so erzeugt diese nothwcndig Jn- diffcrentismus: denn wo nichts Gemeinschaftliches in der Fürsorge und Pflege ist, da kann auch keine Gemeinschaft in der Sache sein. Was sich uns nicht nütthcilt und unsere Theilnahme nicht in Anspruch nimmt, daran nehmen wir kein Interesse, haben kein s, und können kcin's haben. Wenn jene, in freier selbstgehaltcner Wahl der Prediger und Schullehrer, die Gemeinden ihre Aeltesten, Diakonen (Armcnvorstchcr) und alle Familienväter clektrisirt und in Thätigkeit setzt, so daß sie in dem Gewählten den für sie passenden, ansprechenden Mann ihrer Wahlverwandtschast ehren, lieben, hegen und pflegen, und der Tag, an welchem er sein Amt antritt, ein Volksfest ist- so giebt und schickt diese den Gemeinden einen unbekannten Fremden, an den eben in der Besörderungsliste nun gerade die Reihe zur Anstellung war, er mag der individuell rechte Mann sein, oder nicht. Wenn jene, durch das Hineinziehen in das gemeinschaftliche Interesse der Gemeinde, in jedem Mitgliede das Gefühl und Bewußtsein der Gemeinschaft und des innigen, fest verknüpften Zusammenhanges erhält und immer auftischt, und eben dadurch von Jnneü heraus der kirchliche Geist wächst, blüht, und Früchte trägt, 135 so isolirt diese, hält Alles auseinander und dcgradirt die Kirche zu einer polizeilichen Anstalt der Regierung. Gehoben, gestärkt, begeistert durch jene, durchkältete mich diese. Die oft knechtische Verehrung, die der sein Departement bereisende, visitircnde Consistorialrath findet, konnte mich nicht blenden und entschädigen, und da ich sonst zu Hamm, als Presbyter im Presbytcrium, als Mitglied der Kreis- und Pro- vinzial-Synodc, an den freisinnigen, offenen, frommen und redlich-ernsten kirchlichen Berathungcn frohen Antheil genommen, so konnte, ich gestehe es frcimüthig, mir nicht gefallen der grüne Regierungstisch, an welchem geistliche und weltliche Räthe, diese in der Mehrzahl, die Angelegenheiten der Kirche diktatorisch, oft in gegenseitiger collegialischer Conni- vcnz, oft in persönlicher Opposition, leiteten und entschieden. An dem Urbilde der christlichen Kirche und ihrer ersten apostolischen Verfassung mit Liebe und Sehnsucht hangend, wollte und konnte ich nicht in Sympathie kommen mit diesem bü- rcankratischen Mechanismus, und ich bin gewiß, daß wenn der Herr der Kirche kommen, sie visitiren und seine Tenne fegen sollte, er, wie einst im Tempel zu Jerusalem, so auch hier, die Tische umstürzen und die Krämer auseinander treiben würde. Mit Schrecken bemerkte ich, daß die stille, ruhige, durch ungestörtes asketisches Studium genährte, und auf einsamen Spaziergängen immer wieder angcfrischte Begeisterung, in welcher ich früher zu Hamm und Anfangs auch in Potsdam mein Prcdigtamt mit innerer Freudigkeit geführt hatte, in mir nachließ, und was sonst lebendige Neigung war, nun mir leider oft nur als Berufspflicht erschien. Ich kämpfte dagegen an; aber wenn es mir gelungen, in ernster Samm- I5K lung dm guten Genius mit seiner Inspiration bei Ausarbeitung meiner Predigten zurückzurufen, verdrängten ihn wieder Unterbrechungen und Störungen, die ein also com- plicirtcs Amt, in steten Wechseln mit seinen Cito's, als un vcrmcidlich herbeiführte. Mir wollte es scheinen, als ob das geistliche Amt, wenn es gedeihen sollte, eine ungethcilte Kraft und Hingabc verlange, und damit ein anderes, concretes, unruhiges Dienstverhältnis; unvereinbar sei. Ein Rccensent meiner in dieser Zeit herausgegebenen Predigten machte in der Jenaer Litteratur-Zeitung die Bemerkung: „der Verfasser dieser Kanzel-Vorträge habe zu Hamm besser gepredigt, als zu Potsdam. In jenen lebe der Erguß eines vollen Herzens, in diesen sehe man nur ein homiletisches Studium." Diese Kritik betrübte und demüthigtc mich um so mehr, je gegründeter sie war. Doch diese Hindernisse hätten, nach dem musterhaften Vorbilde so vieler anderen würdigen Geistlichen, die in ähnlichen, vielleicht noch schwereren Amtslagen leben und glücklich wirken, noch wohl durch mehr männliche Selbstbeherrschung und bessere Einthcilung der Zeit sich besiegen lassen: aber es trat ein feindseliges, attakirendes, vom Neide genährtes Ncr hältniß hinzu, das ich weder vermeiden, noch gewinnen konnte, und obgleich meine wohlwollenden Chefs, und namentlich mein lieber Univcrsitäts-Freund Natorp, wie meine übrigen Collegen, freundlich mir die Bürde erleichterten, so konnten sie mir doch dieselbe nicht abnehmen, und eine quälende hadcr- hastc Unverträglichkeit verbitterte mir damals mein Leben. Es kam eine trübe hypochondrische Stimmung hinzu, die ein in den hiesigen Lazarethen mir zugezogenes gefährliches, bösartiges Nervenficber in meinem Körper zurückgelassen hatte, 157 und durch welchen Trübsinn mein Wunsch nach einer ruhigeren, einfacheren Amtslage bis zur Sehnsucht gesteigert wurde. Bei einer tiefliegenden, entschiedenen Neigung für eine unabhängige ruhige Wirksamkeit, hätte ich am Liebsten eine heitere Landpfarre, von jeher das Ideal meiner Wünjche, gehabt; da aber gerade in dieser Zeit durch einen Todesfall die Stelle eines Hos- und Dompredigers an der Domkirche zu Berlin, die bei mäßiger, in sich homogen abgeschlossener Arbeit eine glückliche Muße gewährt, vacant wurde: so entschloß ich mich, um diese den König zu bitten. Nicht ohne langen und schweren Kampf mit mir selbst geschah es; denn das Amt eines Hofpredigers an der Hof- und Garnisonkirchc zu Potsdam gewährt große, ihr eigen- thümlichc Vorzüge. Sie ist eine Königliche Jmmcdiatkirche, der König ihr unmittelbarer Patron, und der jedesmalige geistliche Minister nur allein ihre mittelbare Behörde; der Amtsweg der bei ihr angestellten Geistlichen daher ein einfacher, gerader, kurzer, frei von dem langen Instanzen-Zuge der übrigen kirchlichen Behörden. Dabei ist die Hof- und Garnisonkirche zu Potsdam, von ihrer Erbauung und Stiftung durch Friedrich Wilhelm I. an, immer die Pfarrkirche des Landesherrn gewesen, in welcher derselbe mit seiner Familie das heilige Abendmahl empfängt, so daß der Hospredigcr bei ihr der Beichtvater des Königs (im evangelischen Sinne) ist. Und Friedrich Wilhelm III. liebte diese Kirche, besuchte sie sonn- und festtäglich regelmäßig, selbst im Winter, wo Er von Berlin herüber kam. Einen besseren Kirchenpatron, als Er war, gab es im ganzen Lande nicht, und auch meinen geringen Leistungen schenkte Er Seine Zufriedenheit. Wenn ich also nach Berlin versetzt wurde, verlor ich große Vorzüge. Doch was sind alle äußeren Vorzüge, wenn es an innerer Amtsfreudigkeit fehlt und eine hypochondrische Gcmüthsstimmung solche nicht aufkommen lassen will! Ich sah damals Alles um mich her durch ein so trübes Glas, daß ich auch den großen Vorzug, eine bequeme, geräumige Dienstwohnung mit einem an der Havel angenehm situirten Garten hier zu haben, was ich nicht wieder gefunden hätte, nicht beachtete; ich bedurfte und wollte zum inneren Frieden den äußeren, als worin nur allein das wahre Glück zu finden ist. Mit gespannter Erwartung sah ich der Königlichen Entscheidung auf meine Bittschrift, in der ich jede persönliche Andeutung und Beziehung vermieden und nur allein die Sache selbst mit ihren Motiven vorgetragen hatte, entgegen. Antwort aus dem Cabinettc erfolgte, bei seiner musterhaften, lebendigen, festen Ordnung, in der Regel höchstens in 8 oder 12 Tagen. Ich erhielt die ersehnte in 4 Wochen nicht, obgleich inzwischen mir andere Königliche Aufträge in Kirchensachen zu Theil wurden, der König sonntäglich zur Kirche kam, aber nun, wie früher geschehen, mich nicht zur Tafel einladen ließ. Vom Geheimen Cabinetsrathc Albrccht erfuhr ich, daß meine Vorstellung nicht an ihn zum Vortrage gelangt sei und aus allem diesen mußte ich schließen, daß sie mißfallen habe. Ich wollte und mußte aber wissen, woran ich war, und bat uni eine Privat-Audienz. Dieselbe wurde mir auch gewährt; aber statt daß ich sonst durch den dienstthucnden Adjutanten gleich in das Wohnzimmer des Königs geführt 159 wurde, mußte ich jetzt in den Audienzsaal treten und, gegen alle sonstige Gewohnheit, lange warten. Endlich trat der König herein und maß mich mit einein ernsten, sixirenden Blick von der Fußsohle bis zum Scheitel, und sprach dann solgende Worte: „Absichtlich habe ich mit meiner Antwort auf Ihre Eingabe gewartet, in Hoffnung, Sie würden sich eines Bessern besinnen und ihre Bitte zurücknehmen. Ist es noch Ihr Wille und Wunsch, an die Domkirche versetzt zu werden? Die Herren Geistlichen an derselben rücken, bei eingetretener Vacanz, wie billig, herauf, die erste Stelle können Sie nicht erhalten, sondern nur die letzte, die vierte. Hier sind Sie der Erste; bedenken Sie, was Sic thun!" Ich antwortete: „meine, Ew. Majestät ehrerbietigst vorgetragene Bitte ist durchaus rein von allen Nebenabsichten des Ehrgeizes und Eigennutzes : bestimmten mich diese, dann würde ich hier bleiben, da ich durch meine Versetzung im Acußeren verliere. Aber die Ueber- zeugung, daß ich dadurch im Innern an Ruhe und Freudigkeit gewinnen und in einem einfachen Amte die Kraft der Einheit wieder erlangen werde, die mir mein hiesiges compli cirtes, heterogenes Dienstverhältniß genommen hat, erzeugte in mir allein den wohl überlegten Wunsch." „Dieser Wunsch," siel der König in einem barschen Tone ein, „entspringt, wenn ich Ihnen die Wahrheit sagen soll, aus Bequemlichkeit. Wenn Sie auch Vielerlei zu thun haben, so ist darin doch nichts Heterogenes. Alles, was Ihnen obliegt, könnten und müßten Sie in den einen Gesichtspunkt der kirchlichen Pietät bringen, und in ihr würden Sie dann auch die gewünschte homogene Einheit finden. Die größte Mannig- 160 faltigkcit und Verschiedenheit läßt sich, wenn man gehörig theilt, und ein Jedes in sein Fach bringt, und Alles mit Ruhe thut, doch in seinem letzten Hauptzweck combiniren und zur harmonischen Einheit verschmelzen: aber dazu gehört freilich Anstrengung und Ausdauer! Diese muß man beweisen, so lange man kann. Sie sind ja in den besten Jahren, noch in den Vierzigern. Aber Sie sind hypochondrisch und täuschen sich über sich selbst und Ihre Verhältnisse, wie sie hier sind und in Berlin sein werden. Ich meine es gut mit Ihnen. Es ist eine Marotte von Ihnen, daß Sie an die Domkirche wollen; Sie werden es bereuen. Doch des Menschen Wille ist, wenigstens momentan, sein Himmelreich; so mögen Sie denn gehen!" Damit entfernte sich der König und schlug, was Er selten zu thun pflegte, unsanft die Thür hinter sich zu. — Beschämt und gcdemüthigt stand.ich nun allein da indem großen Saale; ich hätte weinen mögen! So hatte ich den König noch nie gesehen und gehört. Wenn es schon in jedem andern Privatverhältnissc schmerzlich ist und wehe thut, einen edlen Menschen, den man ehrt und liebt, gegen sich aufzubringen und mit Unwillen zu erfüllen, so ist es erschreckend und niederschlagend, wenn dieß geschieht in der zarten Beziehung, worin man gegen seinen Landesherrn steht. Und nun vollends gegen einen König, wie dieser. So mißbilligend, scharf und unwillig Er war, so lag doch darin sichtbar nur allein Wohlwollen, Er wollte Nichts, wie mein Bestes. Auch würde ich, dadurch tief gerührt, wohl bewogen sein, mein Gesuch zurückzunehmen, wenn Er mir, nachdem Er ausgesprochen, noch einen Augenblick Zeit gelassen und nicht so schnell sich entfernt hätte. 16l Aber nun war es damit zu spät, der Würfel war geworfen, die Sache entschieden, und nach 4 Tagen schon erhielt ich durch den Staatsminister von Schuckmann meine Bestallung als vierter Hof- und Domprcdiger zu Berlin. Nachdem ich mir daselbst eine meiner Familie angemessene Wohnung gcmiethct und die neuen Verhältnisse, vorzüglich mit meinem Gönner, dem ehrwürdigen Bischöfe O. Sack, und meinem theuern Freunde, dem Hofpredigcr I). Ehrenberg, angeknüpft hatte, trat ich, nach erhaltenem Urlaube, meine längst gewünschte und vom Arzte empfohlene Reise nach meinem Vaterlande, der Grafschaft Mark, an, und verweilte dort in vertraulichen, lieben alten Umgebungen glücklich mehrere Wochen. lUcr sagt uns, welche Macht uns an dem Grt entssickt, Ulo wir das Ficht der lUclt ;um Erstenmal erblickt? Die Frist muss süsser sein, die Sonne heit rer scheinen; Es lacht ein Heller Grün aus den bekannten Hazmcn. *) Angehaucht vom Athem der Liebe, Freundschaft und Treue, in der theuern Heimath, im Schöße meiner vorigen Gemeinde, umgeben von glücklichen Familien, die ich in ihrer Jugend unterrichtet und dem Herrn geweiht hatte, nun frei von Allem, was mich drückte und beengte, genas mein Körper und meine Seele. Die dunkeln Schatten verschwanden, neu gestärkt blickte ich in die Zukunft, und oft beschäftigte mich die Frage: ob ich wohl nicht unrecht gehandelt, eigenmächtig in den Gang meines Lebens und Schicksals einge- ') Von Crom'gk, im Codrus, I. Tt>. S. 183. 11 162 griffen zu Huben; und ich hörte die innere Mahnung: „Du willst Gott aus der Schule laufen: das taugt nicht!" In dieser Stimmung war es, wo ich an einem heiteren Sommcrmorgcn in der gastlichen Wohnung meines Freundes in Hamm, beim zufälligen Aufschlagen der heiligen Schrift, im Propheten Jesaia, Cap. 28, v. lk. die Stelle las: Wer glaubet, der fliehet nicht; v. 19. Anfechtung lehrt aufs Wort merken; und v. 29. Sein Rath ist wunderbar und er führt es herrlich hinaus: — und als ich eben sinnend nochmals wiederholte: „Wer glaubt, der fliehet nicht!" wurde ein nachgeschicktes, mit der Post angekommenes Cabinets- schreiben mir überreicht, folgenden Inhalts: „In der im Originale anliegenden Bittschrift trägt nicht nur die Hof- und Garnisongemeindc, sondern auch die Bürgerschaft in Potsdam darauf an, Sic zu bestimmen, daselbst in Ihren bisherigen Amtsverhältniffcn zu verharren und sie nicht gegen die eines Hof- und Dompredigers in Berlin zu vertauschen. Gern ersehe ich daraus, daß Sie bis jetzt nicht ohne Segen ge wirkt haben, und finde ich's bedenklich, alte erprobte Verhältnisse, die Achtung und Vertrauen mit sich führen, gegen neue, in welchen der Erfolg noch unsicher ist, zu vertauschen. Sie werden daher wohlthun, wenn Sie in Potsdam bleiben, und wird solches mir auch persönlich angenehm sein." Ergriffen von Gefühlen des Erstaunens und Dankes, siel das theure Blatt mir aus deu Händen und tief gerührt stand ich da, ernst in mich gekehrt. Das war mehr, als ich denken, hoffen und erwarten durfte. Nein, solche Güte hatte ich nicht verdient! Denn wenngleich ich mir bewußt sein durfte, seit (damals) kl) Jahren nach meinen geringen Kräften IK3 das mir anvertraute Amt verwaltet zu haben, so ist doch, hier zu Lande, und namentlich auch zu Potsdam, das Ver- hältniß eines Predigers zu seiner Gemeinde und zur Stadt, im Ganzen genommen, ohne alle spccielle Seelsorge, ein zu isolirtes, entferntes und kaltes, als daß ich bei dem mir bevorstehenden und gewünschten Lebens- und Umtswechsel an eine solche personliche Thcilnahme hätte denken können und dürfen. Das, was ich in den unglücklichen Jahren 1807, 1808 und 1800 für die Stadt gethan, war nicht mein Verdienst, sondern Gottes helfende Gnade und das Werk auswärtiger guter Menschen *), und glaubte ich's längst vergessen. Die hier eingetretene freundliche Erfahrung vom Gegcntheil überraschte mich aufs Angenehmste, erheiterte das trübe Bild der armen Stadt Potsdam, und machte mir sie und ihre Bür- *) Der Verfasser hatte mehrere asketische Kleinigkeiten, einzelne Predigten, herausgegeben, zum Besten der Nothlcidcndcn in Potsdam, wo damals unter der erdrückenden Last Französischer Einquartierung, der vierte Mensch ein Armer war. Ganz unerwartet gingen aus allen Gegenden Deutschlands, namentlich aus Dresden, Hamburg, Altona, Bremen, Zürich, vorzüglich aus Frankfurt a/M., bedeutende Unterstützungen ein, successive bis zur Höhe von 5>5M Thalcrn, wovon unter der Leitung des hiesige» Armcndircctoriums eine Numfordsche Suppcnanstalt errichtet und eine große Anzahl der Aermstcn nothdürftig in dieser drangvollen Zeit erhalte» wurde. Ermuthigt durch diesen glücklichen Erfolg, versuchte der Verfasser Achnlichcs oft späterhin für milde Zwecke. Allein ob er es gleich an Fleiß und Vorsicht dabei nicht fehlen ließ, so gelang es doch so nie wieder; oft mißlang es gänzlich, daß kaum die Druckkosten gedeckt waren. So liegt Alles an der Zeit und am Glück! Aber über beide waltet eine höhere Hand, und es bleibt dabei, daß „an Gottes Segen Alles gelegen ist." 164 gcrschaft und meine Gemeinde werther. Dankbarkeit zog mich nun zu ihr hin ; in dem gnädigen Willen des Königs erkannte und ehrte ich einen Befehl, der meine Handlungsweise bestimmen müsse, und gebietend stand das göttliche Wort vor mir „Wer glaubt, der fliehet nicht!" Mein Entschluß, zu bleiben, mit frischer Kraft ferner zu arbeiten, und mit Resignation das Bittere und Drückende stille zu ertragen, war gefaßt. Neu gestärkt eilte ich nach Potsdam zurück, dankte dem Könige für Seine Huld tief gerührt, und feierte am nächstfolgenden Sonntage mit meiner Gemeinde, in Anwendung des biblischen Spruches: „Ich freue mich, daß ich mich zu euch Alles versehen darf!" ein frommes und neues Vcrbindungsfest, womit denn Alles in seinen vorigen Fugen und Geleisen blieb. Am Schlüsse des Jahres 1817 starb, hochbetagt, der ehrwürdige Bischof v. Fr. Dav. Gottfr. Sack. Bon allen Geistlichen der Monarchie stand derselbe, als Nachfolger seines berühmten Vaters, durch eine lange Reihe von Jahren dem Könige am Nächsten, wie keiner seiner Vorgänger, und wie es auch wohl weiterhin nicht leicht wieder ein Hofprediger erleben wird. Er hatte den König getauft, unterrichtet, eingesegnet und ehelich getrauet, alle in Berlin geborenen Königlichen Kinder getaust, und dann zuletzt auch noch den Kronprinzen, des jetzt regierenden Königs Majestät, im Christenthume unterrichtet und consirmirt. Als Ober- Consistorialrath stand er im damaligen reformirtcn Kirchen- Dircctorium und Ober-Consistorium an der Spitze der kirchlichen vaterländischen Angelegenheiten, und in allen sie betreffenden wichtigen Fällen, die in der allerhöchsten, letzten Instanz zur Beschlußnahme und Entscheidung vorlagen, war er der vertraute Rathgeber seines Königlichen Herrn. 165 Durch so viele heilige, in langjähriger Erfahrung erprobte Bande an den König, das Königliche Haus, und alle Glieder desselben festgeknüpft, genoß er das volle Vertrauen des Königs, der ihn, den ehrwürdigen Greis, seinen ehemaligen Lehrer, mit einer gewissen Pietät verehrte, und diese mit einer würdevollen Zartsinnigkeit an den Tag legte, so oft man Beide zusammen sah. Leichter, fester und sicherer hat vielleicht auch nie auf diesem glatten und hohen Boden ein Ober-Hofpredigcr gestanden und sich bewegt, als der selige Sack. Er besaß alle dazu erforderlichen Eigenschaften in einem seltenen Grade. Er war ein gelehrter Theolog, fest und positiv gläubig in seinen Grundsätzen, liberal und milde in ihrer Anwendung, jedoch freimüthig und kühn im Bekenntniß, da, wo es daraus ankam, die Rechte der freien evangelischen Kirche zu vcrtheidigen und zu schützen. Der Examinations- Commission unter dem geistlichen Minister Wöllner widersetzte er sich entschlossen, und erklärte als redlicher Mann offen und gerade, daß er mit dem damaligen Religions-Edicte nicht sympathisircn könne, weil er dessen formelle Beengung mit dem Evangelium Jesu Christi unvereinbar fände. Und als seine Remonstrationen nichts fruchteten, bat er, damals in den besten Jahren einer vollen männlichen Kraft, um seinen Abschied.") Man fand es in Hinsicht auf die öffentliche ") Diese Furchtlosigkeit und Freimüthigkeit war ein schönes Erbe von seinem seligen Bater und Amtsvorgänger, dem Obcr- hofprcdiger und Ober-Consistorialrath August Friedrich Sack. Als derselbe einst im Hause und am Hofe des Prinzen Ferdinand eine Taufe zu verrichten hatte, sagte Friedrich der Große, der als Pathe gegenwärtig war, zu Sack: „Nun fange Er 166 Meinung bedenklich, ihm, dem, wie in Berlin, so im ganzen Vaterlande allgemein hochgeachteten Manne, den Abschied zu erthcilen, beschwichtigte und dispenslrte ihn von der Thcil- nahme an kirchlichen Geschäften, wo die Fassung und Betreibung derselben seiner Ucbcrzeugung nicht gemäß war. an: aber mache Er es kurz! Friedrich aber wurde die nach damaligem Maßstabe kurze Taufrede doch schon zu lang, so daß er nicht mehr darauf achtete und hörbar mit dem neben ihm stehenden Prinzen sprach. Was that Sack? Er sixirte mit ernstem, ruhigen Blick den König und hörte auf zu sprechen, und als er, wie der König fortfuhr, mit seinem Nachbar zu reden, anhaltend schweigt, sehen Alle ihn erstaunt an, fürchtend, ihm sei körperlich unwohl geworden. Friedrich fragte: „Fehlt Ihm was?" ,,Nein, Ew. Majestät, mir ist ganz wohl." „Warum hört Er denn auf zu sprechen?" und Sack antwortete fest und ruhig, doch in einem gereizten Tone: „Wenn Ew. Königliche Majestät reden, dann ist es des Dieners und Untcrthancn Pflicht, z» schweigen." Friedrich fühlte das Verweisende in diesen Worten, und erwicdertc: „N u n, brumme Er n urnichtund bringe Er die Sache zu Ende." und Sack fing seine Tausredc von vorne an, und hielt sie ganz mit Ruhe und Würde, nun nicht ferner vom Könige unterbrochen. Als beim Taufactc selbst Friedrich das Kind gereicht wurde, trat er, dasselbe auf seinen Armen tragend, hastig heran, und kam den brennenden Wachskerzen zu nahe, die in großer Anzahl die umhcrstehcnden Königlichen Pagen trugen, so daß die Frangcn der lange», kostbaren Tücher, womit der fürstliche Täufling geschmückt war, zu brennen an singen, die dann schnell von den zuspringenden Hofdamen gelöscht wurden. Friedrich wollte sich rächen, und nicht unbekannt mit biblischen Sprüchen, sagte Er nach vollendeter Taufe zu Sack: „Sicht Er, Er hat mit Wasser getauft; ich aber habe getauft mit Feuer." (Matthäus 3, v. ll.) und Sack antwortete, fest dem großen Könige in's Adlerauge schauend: „Ja, Majestät: aber nicht mit dem Feuer des heiligen Geistes." 167 Dieser Zug eines freimüthigcn, gewissenhaften, entschlossenen Ernstes im Charakter und Leben des seligen Bischofs Sack ist wenig bekannt geworden, vielmehr hatte man ziemlich allgemein die Meinung von ihm, er sei in seiner Borsicht, Besonnenheit und Klugheit zu sehr Hofmann gewesen, der wohl die Segel nach dem jedesmaligen Winde zu stellen und leise auf Socken zu gehen verstanden habe, aber jedem Kampfe, ja jeder Collision, richtig calculirend, aus dem Wege gegangen sei, und dem es an Muth und Kraft gefehlt, da, wo etwas dabei gewagt werden mußte, auf- und mächtigen Gegnern entschlossen entgegen zu treten. Um so mehr fühlt Referent sich pflichtmäßig verbunden, solcher unrichtigen und einseitigen Bcurthcilung zu widersprechen und in der angegebenen Thatsache gerade das Gcgcntheil zu beweisen. Er ist dicß dem Andenken des unvergeßlichen Mannes und seinen großen Verdiensten, wie der Dankbarkeit, schuldig, für die Freundschaft und das Vertrauen, womit er mich eine lange Reihe von Jahren bis an sein Ende beehrt und beglückt hat. Manche köstliche, unvergeßliche Stunde habe ich in Berlin und Potsdam mit ihm auf einsamen Spaziergängen verlebt und unter ihm und später mit ihm viel, namentlich in liturgischen Sachen, gearbeitet, und immer von ihm gelernt. Er war ein vollendeter Geschäftsmann. Seine Klarheit, Ruhe und Besonnenheit, faßte jeden vorkommenden Fall im festen Mittelpunkt immer richtig auf und gab seinen Dekreten eine musterhafte, lichtvolle, energische Kürze. Alle seine schriftlich abgegebenen Vota waren so wohl überlegt, so treffend und angemessen, daß sie auch bei den lebhaftesten Debatten dennoch in der Regel zuletzt entschieden und die Be- 168 schlösse des Kollegiums bildeten. Er war einer der seltenen Geschäftsmänner, von dem man sagen kann, er habe nie nöthig gehabt, ein einmal abgegebenes Urtheil wieder zurückzunehmen. Als das reformirtc Kirchcndirectorium im Jahre 181 t> aufgelöst und mit dem Hohen Cultus-Ministerium, als Einleitung zu der damals schon beabsichtigten kirchlichen Union, verbunden wurde, trat in die Stelle des Provinzialconsistoriums in der Ehurmark die geistliche und Schuldeputation der Königlichen Regierung zu Potsdam. Damals Consistorialrath bei derselben, war mir die Bearbeitung der rcsormirten Kirchen- und Schulsachcn zugeschrieben. In der Masse der dahin gehörenden Acten glänzte der Name Sack als ein leuchtender Stern. Er verstand es, in die verwickeltsten Dinge Licht zu bringen und sein Scharfsinn war eben so groß, als seine Mäßigung. Er war mir Muster und Vorbild und mein Bestreben war nur dahin gerichtet, auf dem graden Wege zu bleiben, den seine lichten Fußtapfen bezeichneten. Was ihm im Geschästslcben, neben seiner gründlichen wissenschaftlichen Potenz, das geltende Uebcrgewicht gab, war seine heitere Ruhe und schmucklose sittliche Würde. Nie verlor er die Zügel aus den Händen, nie kam er in eine leidenschaftliche Wallung; er wußte bis zur höchsten Selbst- verläugnung an sich zu halten, und ich habe Sitzungen beigewohnt, in welchen, bei lebhaften Discussioncn, er die persönlichen, groben Ausfälle eines heftigen College« nur mit einem leichten satyrischen Achselzucken crwiedcrtc. Nie brach er den Frieden, nie verletzte er die collegialische Eintracht. Mit allen seinen Kollegen, auch denen, die anders dachten, 169 fühlten und wollten, wußte er sich auf einem Wege zu einem Ziele zu erhalten, und wenn der scurrile, naive Witz Tellers, die sprudelnde Fülle Zöllner's, der Pathos Hanstein's, der dialektische Scharfsinn Schleiermacher's, ihm Farben waren, die das Gemälde des collegialischcn Lebens erhoheten, so stand er im Einklänge mit der Milde des frommen Hccker und der Gravität des ehrwürdigen Ribbeck. Wie er glaubte, dachte, fühlte, wollte und strebte, stehet heute noch der Welt klar vor Augen in seinen Schriften. In allen ist sichtbar ein wissenschaftlicher Ernst, ein stilles Erforschen der Wahrheit, eine edle Freimüthigkeit, ein heiteres Licht, das den Verstand überzeugt, und eine tcmperirte Wärme, die das Herz gewinnt. Seine Predigten, auch die gedruckten, haben freilich keinen oratorischen, hinreißenden Schwung; aber der gewählte Gegenstand ist jedesmal biblisch beleuchtet, gründlich abgehandelt, christlich motivirt und an's praktische Leben festgeknüpft, der Ausdruck ansprechend, edel, würdig, einfach, wenig, doch immer angenehm, geschmückt. Seine Amtsreden bei verschiedenen wichtigen Veranlassungen *), enthalten gewissermaßen die psychologische Geschichte seines Prcdigtamtes, in der engsten Beziehung als Hofprediger. Denn sie sind gehalten unter der Regierung Friedrich des Zweiten, Friedrich Wilhelm des Zweiten und Friedrich Wilhelm des Dritten, und sind Huldigungs-, Gcdä'chtniß- und Communion-Predigten, Consirmations- und Traureden, bei wichtigen Veränderungen und feierlichen Veranlassungen in der Königlichen Familie. Diese Gelegenheits-Predigten sind Berlin 1804. In der Rcalschulbuchhandlung. Muster ächter christlicher Beredtsamkeit und werden nie ihren Werth verlieren. Wenn irgendwo ein Hospredigcr lernen will *), wie die großen und ernsten beglückenden Wahrheiten des Christenthums vor dem regierenden Landesherrn und seiner Familie an heiliger Statte verkündiget werden müssen, so kann er es an diesem Vorbilde. Man weiß nicht, was man mehr an ihnen bewundern soll, ob ihren Ernst, oder ihre Milde, ob ihre positive Gläubigkeit, oder ihren Fortschritt mit der Zeit, ob ihre Frcimüthigkeit, oder ihre gewandte Lebensweisheit, ob ihr Helles Licht, oder ihre sanfte Wärme, ob das logische Festhalten des Thema's und Textes, oder das gefällige An- Ein geistreicher Recensent der trefflichen Reden des Herzoglich Coburgschcn Oberhofpredigers :c. D. W. Genßler macht in v, Röhr's kritischer Predigerbibliothek, 23. Band, erstes Heft, 1842. S. lI2. die treffende Bemerkung über das Amt und die Stellung der Hofprediger: „Den Hohen und Mächtigen dieser Erde gegenüber die ernsten und großen Wahrheiten des Christcnthums in rechter Weise geltend zu machen, Gott die Ehre zu geben, ohne die billigen Rücksichten gegen die, welche er in Ehren und Würden hier auf Erden hochgestellt hat, zu verletzen, ist nicht immer eine leichte Sache. Zwischen der Rauhheit, Kühnheit, des Täufers im härenen Gewände, der da wie dem Zöllner, so seinem Könige sagte: Es ist nicht recht! und der Dcmuth des Schmeichlers, der einen andern Himmel für die Hohen dieser Erde, und einen anderen Himmel für die Armen und Niedrigen zu haben scheint, liegt ein weiter Raum. Mit Sicherheit sich auf ihm zu bewegen und immer die rechte, zarte Linie zu halten, wird aber selten einem Redner gelingen, der nicht das klare Bewußtsein der Situation hat, in welche ihn der jedesmal vorliegende Casus versetzen wird. Jede Sphäre hat ihr eigenthümlichcs Element." 171 schließen an den vorliegenden individuellen Casualfall, ob den ernsten zusammenhängenden, in einander greifenden Fortschritt fruchtbarer Gedanken, oder ihr anmuthiges, schönes und doch schmuckloses Gewand, ob ihre Tiefe, oder ihre edle Popularität, so daß sie dem Denker ein Genüge thun und doch auch allgemein verständlich sind, ob ihre umfassende Gründlichkeit, oder ihre Kürze. Darum fanden seine Predigten, wiewohl sein äußerer Vortrag nicht der angenehmste war, ungetheilten Beifall, und so oft er austrat, war die Domkirche mit Zuhörern aus allen Ständen überfüllt. Die meisten Prediger trifft, wenn sie alt werden, das bittere Unglück, sich selbst zu überleben, von Jüngeren sich verdunkelt und dann sich verlassen zu sehen? vorzüglich ist dieß in großen Städten der Fall, namentlich auch zu Berlin, wo die Macht des Reizes der Neuheit an der Tagesordnung ist. Referent weiß, daß einer der ersten und in aller Hinsicht vorzüglichsten Geistlichen Berlins, der früher mit so allgemeinem und ungethciltcm Bcifalle geprcdiget, daß man, um in seiner großen Kirche einen Platz zu gewinnen, eine Stunde vor dem Anfange des Gottesdienstes dasein mußte, in den letzten Jahren seiner Amtsführung alle Theilnahmc verlor und vor leeren Bänken predigte; ja der Undank ging so weit, daß seine letzte vortreffliche Predigt,, die er kurz vor seinem, durch einen Schlaganfall herbeigeführten Tode gehalten, als sie, zu seinem verdienstvollen Andenken, gedruckt wurde, so wenige Abnehmer fand, daß die Druckkosten nicht mal gedeckt wurden. So steht's mit dem, was man Beifall der Welt nennt! von jedem Hauche bewegt, wendet er sich zu und ab, gleich einer Wetterfahne; wer mag's ändern? Den seligen Sack traf diese schwere Amtsprüsung nicht *), Es war in dem großen Jahre 1813, als nach dem vom Herrn der Elemente über den Kaiser Napoleon auf den Eisfeldern Rußlands gehaltenen schweren Gerichte das Preußische Volk, von seinem Könige gerufen, zum Kampfe für das unterdrückte und gemißhandcltc Vaterland erwachte, und in jeder Brust das reine Feuer der Begeisterung für diese ernste und schwere Arbeit glühte. Ganz Berlin, von dem der elektrische Stoß ausging, war in innerer und äußerer Bewegung, und die Studirenden und Gymnasiasten, im Begriff, als Freiwillige uniformirt nach Breslau abzugehen, hatten in corpore Schleiermacher ersucht, ihnen in heiliger Rede und der Feier des Abendmals für ihr ernstes Beginnen den Segen und die Weihe, unmittelbar vor ihrem Abmärsche, zu geben. Vor der Dreifaltigkeitskirche und an den Mauern derselben standen ihre Büchsen, und die Kirche selbst war so überfüllt, daß ich kaum noch einen engen Platz gewinnen konnte. Das alte, köstliche, mit voller Seele gesungene Lied: „In allen meinen Thaten laß ich den Höchsten rathen" u. s. s. hatte der Gemeinde schon die rechte Stimmung gegeben. Nachdem Schleicrmacher ein kurzes, salbungsvolles Gebet gesprochen, las er seinen Text, und zwar das Sonntags-Evangelium, vor, Matthäus Ii, v. 2. —> „Da aber Johannes im Gefängnisse die Werke Christi hörte, sandte er seiner Jünger zween. Und ließ ihm sagen: Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir eines Andern warten? Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Gehet hin und saget Johann! wieder, was ihr sehet und höret, *) Auch den unvergeßlichen Schleiermacher nicht. Der angenehmen Anlockung, ein frappantes Beispiel von der Gewalt seiner Rede hier mitzutheilcn, kann ich um so weniger widerstehen, da es vielleicht der glänzendste Beitrag zu seiner vielfach gegebenen Charakteristik, als Homileten, ist dessen aber, so viel ich weiß, biß jetzt noch nirgends gedacht, und diese hier gemeinte, merkwürdige Predigt auch noch nicht gedruckt ist. 173 wie bei seinem seligen Schwiegervater, dem ehrwürdigen Spalding, war, wie bei der ersten, so bei seiner letzten Predigt, die Kirche mit Zuhörern angefüllt. die Blinden sehen und die Lahmen gehen, die Aussätzigen werden rein und die Tauben hören, die Tobten stehen aus, und den Armen wird das Evangelium gepredigt u, s. w. Als. diese biblischen Worte gelesen wurden, dachte ich: warum hat wohl Schlcicrmachcr nicht lieber und besser einen freien passenden Text gewählt, an welchen für alle denkbaren und möglichen Fälle die heilige Schrift so unerschöpflich reich ist, da er, als damals noch rcformirter Prediger, an den Perikopenzwang nicht gebunden war! Aber wie bald kam ich von meiner voreiligen Meinung zurück! Denn man höre, wie meisterhaft er das Sonntags- Evangclium für den vorliegenden Fall behandelte. „Mit der Erscheinung Jesu Christi kündigte sich in der Geschichte der Welt eine neue, bessere Zeit an; die alte und neue schieden von einander. Johannes, sein Vorläufer, der ihm den Weg bereiten sollte, war, seiner Freimiithigkeit wegen, von dem damaligen Despoten, König Hcrodes, (treffende Charakteristik Napoleons), in's Gefängnis geworfen. Irre geworden an der neu begonnenen, großen Sache und ihrem Anfänger und Stifter, schickt er zwei seiner Jünger zu Jesus mit der Frage: Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir eines Andern warten? (trefflich angewandt auf Friedrich Wilhelm III., seine Räthe und sein Volk). Jesus selbst ertheilt auf diese Frage eine bestimmte Antwort und giebt die Kennzeichen an, an welchen man die herannahende bessere Zeit richtig erkennen könne. So damals und jetzt! Unsere Nation stehet nach schweren Drangsalen auf dem letzten Schcidepunkte der Entscheidung. Das Loos ist geworfen, entweder Untergang, oder Freiheit und Erlösung. Wir erflehen und hoffen diese. Aber werdet klar und gewiß, täuscht euch nicht. Woran könnt ihr erkennen und wissen, daß es wirklich besser werden wird? Welche sind die einzig sichern Zeichen einer herannahenden bessern Zeit? Eine der merkwürdigsten und letzten kirchlichen Amtshandlungen des seligen Bischofs Sack war die Consirmation Ich will sie der Reihe »ach namhaft machen, zur richtigen Beurtheilung, und dann anwenden, zur weisen Benutzung. Die einzig sichern Kennzeichen einer herannahenden besser» Zeit, wie der Herr selbst sie angiebt, sind: 1. Wenn lange genährte Vorurthcile endlich zu schwinde» anfangen: die Blinden sehen. 2. Wenn gelähmte Kräfte sich neu beleben: die Lahmen gehen. 3. Wenn das sittliche Verderben erkannt und tief empfunden wird: die Aussätzigen werden rein. 4. Wenn tausendmal verkündigte, aber immer überhörte ernste Wahrheiten endlich Eingang finden: die Tauben hören. 3. Wenn das Veraltete und Abgestorbene einem neue» frischen Leben Platz macht: die Tobten stehen auf. f>. Wenn die ewigen Rechte des Menschen in jedem Menschen, auch dem Acrmsten, erkannt und geehrt werden und so Eine Kraft, von unten nach oben, das ganze Volk begeisternd durchdringt: den Armen wird das Evangelium gepredigt. Dieß ist unser Maßstab zur nöthigen Beurtheilung; und nun die Anwendung, zur weisen Benutzung. 1. Die Größe und Schwere des beginnenden, ernsten Werkes wollen wir uns nicht verhehlen: es gehört viel dazu, wenn Blinde wieder sehen, Lahme wieder gehen, Aussätzigcrciii werden sollen, u. s. f. 2. Fest in uns entschlossen, nicht viel über die Sache reden, aber das Leben daran setzen, in männlicher Selbstbeherrschung, so daß, wie bei dem Herrn, vollbrachte Thatcn sprechen und zeugen: und endlich 3. Kühn Gott vertrauen, es werde mit seiner Hülfe gelingen. Da stand der körperlich kleine, unscheinbare Mains, mit seinem edel», geistvollen Angesicht, an heiliger Stätte, in heiliger Stunde, und seine sonore, reine, durchdringende Stimme 175 und Einsegnung des Kronprinzen, des jetzt regierenden Königs, Friedrich Wilhelm IV., Majestät; merkwürdig auch drang durch die feierliche Stille der überfüllten Kirche. In frommer Begeisterung vom Herzen redend, drang er in jedes Herz, und der volle, klare Strom seiner gewaltigen Rede riß Alles mit sich fort. Seine freimüthigcn, kühnen Acußerungen über die Ursachen unseres tiefen Falles, sein scharfer Tadel fortgehender Gebrechen, wie sie im engherzigen Kastengeiste hochmütigen Aristokratismus und in den todtcn Formen des Bü- reaukratismus sich sichtbar herausgestellt, waren Blitze und Donner, die einschlugen, und die Erhebung der Herzen zu Gott und seiner Hülfe auf den Schwingen der Andacht waren Harfenklänge aus einer höheren Welt. Das Ganze seiner Rede war Ein Guß und ein jedes Wort aus der Zeit, für die Zeit. Und als er zuletzt noch mit dem Feuer der Begeisterung die zum Kampfe gerüsteten, edlen Jünglinge anredete, dann an deren großenthcils anwesende Mütter sich wandte und mit den Worten schloß: „Selig ist euer Leib, der einen solchen Sohn getragen, selig eure Brust, die ein solches Kind getränkct hat," da durchzuckte es die ganze Versammlung und in das laute Weinen und Schluchzen derselben rief Schlcicrmacher sein versiegelndes Amen. Referent hat es sich zum lehrreichen Geschäft gemacht, überall, wo er konnte und hinkam, die vorzüglichsten und berühmtesten Kanzclrcdncr zu hören, um von ihnen zu lernen; aber Keinen hat er gefunden, der mehr ihn erleuchtend und erwärmend erbaut hätte, als Schlcicrmacher. Und so dachten und urtheiltcn Alle, die ihn sonntäglich hörten und ihm anhänglich treu blieben bis an sei» Ende. Früher hatte der König keine günstige Meinung von ihm, und er hatte Mißfallen erregt durch seine scharfe Kritik der neu eingeführten Liturgie. Als er später, 1817, sich mit lebhaftem Eifer und glücklichem Erfolge für die kirchliche Union verwandte, berichtigte der König Sein Urtheil über ihn und schenkte ihm Sein Vertrauen. Dicß Vertrauen wuchs mit jedem wegen des Zeitpunktes, in welchem sie geschah, den 2(>sten Januar 1813, im Schlosse zu Potsdam. Der Entschluß des Königs, mit seinem treuen Volke gegen die Despotie Frankreichs sich mit Gott zu erheben, war, wenn auch noch nicht ausgesprochen, doch gefaßt, und stand eben jetzt auf dein Punkte der Ausführung. Denn am 22. Januar, also zwei Tage nach der Consirmation des Kronprinzen, ging der König, von allen Seiten mit Franzö- Jahre, und 1831 erhielt ich den 18. Januar durch Seine Königliche Hoheit den Kronprinzen, des jetzt regierenden Königs Majestät, den Auftrag, Schleiermacher das Amt eines General- Superintendenten und Bischofs für Schlesien anzutragen. Angenehm zwar von diesem sprechenden Beweise des Königlichen Wohlwollens überrascht, lehnte er jedoch diesen Antrag ab, indem er in sich gewiß, daß er für das allein praktische Geschäftsleben nicht gemacht sei, dagegen den akademischen und kirchlichen Lehrstuhl lieb gewonnen habe, von dem er sich nicht trennen könne und möge. So viel ich weiß, ist dicß nicht öffentlich bekannt geworden; aber doch als interessanter Borfall im Leben des unvergeßlichen Mannes und als ein bestimmter Zug seines Charakters wohl der Mittheilung wcrth. In den mündlichen und schriftlichen Verhandlungen mit Schlciermacher lernte ich ihn zugleich näher kennen und die Wahrhaftigkeit und fromme Milde seines Charakters liebgewinnen. Die ihm früher eigene dialektische Schärfe, in welcher er es liebte, alles ihm Widerwärtige zu attakiren, und, attakirt, seinen Gegnern ein voll gedrückt, gerüttelt und übcrflüßig Maß zu geben, verlor sich in seinen späteren Jahren, besonders nach dem schmerzvollen Tode seines einzigen Sohnes Nathanael, ganz, und verklärte sich in eine fromme Sehnsucht nach dem Ewigen und Unendlichen, in der seine Kraft und Liebe ihn nun doppelt anziehend machte. 777 fische» Soldaten umgeben, bei dem damaligen Stande der Dinge nicht ohne Gefahr für Seine Person, mit den Prinzen des Hauses nach Breslau, wo Er den Focus der zu sammelnden Kräfte bildete und wohin bald auch die Garden folgten. Die Eonsirmation des Thronerben siel also gerade in den Moment, wo es sich entscheiden mußte, ob Preußens monarchischer Thron noch tiefer sollte gestürzt, vielleicht vernichtet, oder aber restaurirt und zu seiner vorigen ruhmvollen Stärke zurückgeführt werden; und eben jetzt sollte der Kronprinz die heilige Weihe für seine große Bestimmung empfangen. Alle zu dieser frommen Feier Eingeladenen, die Minister, Generale, Gcheimräthe, Geistlichen u. s. f. erkannten und fühlten den hohen Ernst und die tiefe Bedeutung einer solchen, schon an sich heiligen Handlung : und nun vollends unter solchen Zeitumständen! Der Kronprinz stand mit dem Bischof Sack am Altare, zunächst dem Kreise der Königlichen Familie, vor Seinem hohen Königlichen Vater, und Aller Augen waren auf ihn, den Königlichen, schönen Jüngling, damals 17 Jahr alt, gerichtet und alle Herzen ihm zugewandt. Gebet, Rede, Prüfung, Alles trug den Eharaktcr der ernsten Würde, Ruhe und Andacht. Der Prinz beantwortete die ihm vorgelegten Fragen sreimüthig, klar und bestimmt, und, wie man deutlich merkte, nicht so sehr aus dem Gedächtnisse mit dem auswendig Gelernten, als vielmehr mit Geistesgegenwart im freien Selbstdenken. Sack war nach der systematischen Reihenfolge der Hauptwahrheiten des Christcnthums, die er kurz durchgehen wollte, noch in der ersten Hälfte der Prüfung, als er, bei >2 dem Capitel vom Glauben an die göttliche Vorsehung, dem Kronprinzen die Frage vorlegte: ,,Und was soll dieser Glaube an die Alles umfassende, allweise und allgütige Weltregierung Gottes bei schweren Unglücksfällen in einer dunkeln, räthselhasten Zeit, wie die gegenwärtige, aus Sie wirken?" Und den edlen, hochsinnigen Herrn ergriff das schwere Gewicht einer solchen Frage und des darauf zu gebenden Bekenntnisses, fühlend das Feuer einer heiligen Begeisterung; es erhob sich seine Brust, erfüllt mit frommen Gelübden und großen Hoffnungen, und kühn und heldenmüthig antwortete er mit verstärkter Stimme: „Dieser Glaube soll und wird mich erheben, kräftigen. Fest und ruhig glaube ich an Den, der zum Ueber- muthe spricht: „Bis hiehcr und nicht weiter! hier sollen sich legen deine stolzen Wellen." Ich glaube an den Allgerechten, der den Frommen das Licht läßt aufgehen in der Finsterniß und Freude den redlichen Herzen. Das Morgenroth eines bessern Tages bricht an. Ich hoffe mit freudiger Zuversicht, der allmächtige, gnädige Gott wird mit meinem Königlichen Vater, Seinem Hause und treuein Volke sein. Amen." Dieß Amen durchzuckte wie ein elektrischer Schlag alle Anwesenden; eine allgemeine Bewegung trat ein und die tiefe Rührung ergoß sich in Thränen. Der Culminationspunkt der heiligen Feier war damit eingetreten; Sack fühlte in seinem richtigen, reinen Tacte, daß Alles, was nun noch nachfolgen könnte, dagegen matt sein würde. Mit voller Geistesgegenwart und Ruhe schloß er an das Amen des Kronprinzen ein kurzes, salbungsvolles 179 Gebet, segnete mit kräftigen Bibelsprüchen ihn ein, und der geweihte Thronerbe sank in kindlicher Pietät Seinem Königlichen Vater an das bewegte, treue Herz. *) ») Wen» ich die obigen, vom Kronprinzen damals bei Seiner Consirmation gesprochenen, herrlichen Worte hier hinsetze, so muß ich wiederholen, was ich über die Authcnticität dieser meiner biographischen Mitthcilungen bereits in der Vorrede gesagt habe. Gedachte Worte, vollkommen authentisch, wenn auch nicht dem Buchstaben, doch dem Geiste und Inhalte nach, sind treu aufgenommen aus dem Diarium, welches ich über alles in meinem Hofprcdigeramtc vorkommende Bcmcrkcns- wcrthe und Wichtige vom Anfange an führte und noch führe; damals, vor 2!1 Jahren, freilich nicht ahnend, daß ich je davon diesen Gebrauch machen könnte und würde. Wenn aber der Kronprinz, des jetzt regierenden Königs Majestät, schon als Njähriger Jüngling dicß lebendige, tiefe Gottvertrauen im reinen Herzen trug, was Ihm jetzt als Monarch ein festes Fundament ist, worauf Er zum Segen Seines Volkes ruhet und Alles gründet, so muß bemerkt werden, daß vorzüglich Sein erster Erzieher, der Geheimrath und nachherigc Superintendent, v. Delbrück, es war, der die ersten Regungen dieses wahrhaft frommen Sinnes in der zarten Brust des Königlichen Kindes weckte, nährte und zum Bewußtsein brachte. Unterstützt von dem still fortgehenden, wohlthuendcn Einflüsse des christlichen Königlichen Vaters und der frommen, milden, herzgewinnenden Mutter, wie dem musterhaften Beispiele der ganzen Königlichen Familie und ihres Hofes, erwarb sich der verewigte Delbrück dadurch ein großes, in seinen segensreichen Wirkungen fortdauerndes Verdienst, daß er, der vertraute Kenner und tiefe Verehrer der heiligen Schrift, diese in wahrhaft frommer Auffassung als die einzig sichere, reine und ewig neue Quelle acht christlicher Bildung und Erhebung ansah und benutzte und damit seinem erhabenen Zögling unter allen Wechseln, Zweifeln und Widersprüchen des Lebens einen festen, positiven Anhalt und entscheidenden Maßstab gab. 12» Und doch ist der edle, fleckenlose, frühvollendcte Mann jetzt nicht nur vergessen, sondern auch in seinen letzten Lebensjahren vielfach verkannt, öffentlich getadelt, und seine Schrift: „Ansichten der Gemüthswelt, Magdeburg, W, Heinrichshofen. 1811" schonungslos kritisirt worden. Ein hochgestellter Staatsmann nannte ihn sogar in einem gedruckten Briefe „ein Fragment," Freilich war er nicht der an Geist und vielseitiger wissenschaftlicher Bildung eminente Mann, wie sein Nachfolger beim Kronprinzen, der nachhcrigc Geheime Staatsministcr Antillen. Aber muß man denn, wenn man den Einen erhebend lobt, den Andern erniedrigend tadeln? und, wie es jetzt in unserer Litteratur und ihren Opposftionsblättern die inurbane Sitte geworden, nur zwischen verwundenden Extremen sich bewegen? Wo bleibt da Gerechtigkeit und Billigkeit und die immer im Munde geführte Humanität? Hat Jean Paul Unrecht, wenn er sagt, unser Zeitalter hätte in seinen lautesten Sprechern eine Hundcphysiognomie? 8uuin uuitjiie ist das Symbolum und dir feste Mitte Preußens. Ich bin gewiß, die recht richtende Nachwelt wird dem cdeln Delbrück Gerechtigkeit widerfahren lassen, und wäre es erst in der dcreinstigen Lcbcnsgcschichte des Königs Friedrich Wilhelm IV. ueber dem Arbeitstische des Kronprinzen hing neben Ancillon das Bild Delbrücks. Wohl nie Hut es eine Consirmation gegeben, die ihrem inneren Gehalte nach reicher, in der Theilnahme der Feiernden glän- Glücklich bauctc nun konfessionell und kirchlich der Bischof l). Sack auf diesem Grunde fort; aber Delbrück hat ihn zu erst, in reiner, durchdringender Pietät, mit voller Hingabc gelegt. Sein Talent, im Christcnthume zu unterrichten, nicht bloß zu unterrichten, sondern zugleich einen christlich-frommen Sinn in Gemüthsstimmung und Lcbcnsrichtung in den Her zcn der Kinder zu wecken, war ungewöhnlich, so daß die christlichen Religionsstunden, die er späterhin aus inncrm Antriebe in der Königlichen Luisenstiftung zu Berlin gab, de» Zöglingen derselben die liebsten und wichtigsten wurden. Es war damals nur eine Stimme darüber. 181 zenber, in den vorliegenden Zeitumständen großartiger und erhebender, und in ihren Wirkungen segensreicher gewesen wäre, als diese. Wer ihr beigewohnt hat, vergißt sie nicht. Der Eindruck, den sie machte, war so tief und still, daß die Schwingungen der in der Brust angeregten reinen Saiten , fort und fort nachklangen. Des. anderen Tages, den 13. Januar 1813, hatte der König einen öffentlichen Gottesdienst in der Hof- und Garnisonkirche zur ersten Abendmahlsfeier des Kronprinzen angeordnet. Alle, welche der Consirmation beigewohnt hatten, waren gegenwärtig und die Einwohner der Stadt aus allen Gemeinden überfüllten die große Kirche. Referenten war der Auftrag geworden, die Predigt zu halten *)> und nach der- *) Es sei mir vergönnt, aus dieser kurzen Rede, im Rückblick auf jene ewig denkwürdige Zeit und in interessanter Parallele, wie es damals 1813 war, und jetzt 1842 ist, einige Stellen anführen zu dürfen. Der Verfasser hatte zum Text gewählt aus dem IM. Psalm den Ivb. Vers: „Ich schwöre, o Gott, und will es halten, daß ich die Rechte deiner Gerechtigkeit halten will," und zeigte, wie wichtig es sei, bei ernsten, feierlichen Veranlassungen kräftige, feste Entschlüsse zu fassen. Wichtig 1. für die Befestigung heiliger Grundsätze, 2. für die Belebung edler Gesinnungen, und 3. für die Anordnung und den Plan eines musterhaften Lebens. „In dem muthig und fcstaufgcnommcnen Kampfe mit dem Sündhaften, Schlechten und Gemeinen erwachen, arbeiten und werden stark die Kräfte, nur so bilden sich und reifen edle und große Charaktere. Das bedachten, erwogen und fühlten alle edlen, hochsinnigen Jünglinge, die große Männer wurden und deren gefeierte Namen in den Jahrbüchern der Menschheit als helle Sterne glänzen. In der Geschichte aller Zeiten und Völker lassen sich die Beispiele namhaft machen, wo in heiligen selben empfing der Kronprinz in tiefer) frommer Rührung das heilige Abendmahl aus Sacks und meinen Händen. Augenblicken, bei feierlichen Veranlassungen, die ersten Lichtfun ken einer kräftigen Begeisterung für ein großes und thaten- reichcs Leben in die aufstrebende Seele junger Heroen fielen: es lassen sich in der innern Geschichte vorzüglicher Menschen die großen, bedeutungsvollen Stunden nachweisen, wo die ersten Keime sich regten, aus denen kräftig und still ihr nachhcriges, herrliches Wirken im heiligen Dienste Gottes und der Menschheit hervorging. Solchen kräftigen, vor dem Allwissenden gefaßten Entschlüssen blieben sie treu, wenn die Begierde erwachte, wenn die Leidenschaft sie lockte, wenn die Schmeichelei ihr Ohr erreichte, wenn die Versuchung mit ihren blendenden Täuschungen sie umspann, wenn böse glänzende Beispiele ihr hohes Ziel verrücken und seine innere Herrlichkeit verdunkeln wollten. Mit muthiger Kraft thatcn sie von sich Alles, was sie einschläfern, herunter bringen, verstimmen und muthlos machen konnte. Oft sammelten sie sich ernst und ruhig, und in der Sammlung hielten sie fest, was sie errungen, sie beteten, und sie empfingen, sie strauchelten, blickten dann in sich und über sich und standen nun fester, sie strebten und kamen weiter, sie nahmen sich zusammen und strengten sich an, und immer stärker und froher wurde ihre Kraft, sie kämpften und siegten, sie schwuren und erfüllten das Gelübde, zu halten die Rechte der Gerechtigkeit. Darin, verehrter Prinz! sehen wir Ihr Bild, Ihre Ge- müthsstimmung, Ihre Lebensrichtung; Sie wissen, daß Ihre großen äußern Vorzüge Ihnen eben so große Verpflichtungen auferlegen, und daß des Landes erster Sohn auch der Beste desselben und des Vaterlandes Kleinod, sein schöner Stolz, seine süßeste Hoffnung sein muß. Sie, ein edler Zweig eines großen, erhabenen, alten fürstlichen Stammes, sollen einst über Millionen herrschen und ihr Schicksal leiten. Gott gebe, daß Sie spät erst diese bedenkliche und erhabene Stufe betreten und wir dieß nicht erleben; aber unsere Kinder, unsere Kinder und Enkel, blicken auf Sie hin, und mit ihnen werfen wir uns vor Gott und beten, daß Sie ein großer und guter Regent werden 183 Keinen seligem Stand giebt es auf Erden, als den eines christlichen Geistlichen, wenn zugleich sein Herz dein heiligen Amte und der ewigen Wahrheit, die es verkündigt, in inniger Zuneigung und frommer Liebe angehört. Nach treu vollbrachtem, der christlichen Gemeinde gewidmeten Werke, erfüllet die Seele des guten Hirten eine stille Heiterkeit, ein innerer Friede, der sich nur empfinden und erfahren, aber nicht durch Worte ausdrücken läßt. In dieser milden, frommen Stimmung, welche die heilige Schrift bedeutungsvoll ein Pfand des heiligen Geistes nennt, befand sich der ehrwürdige Bischof Sack, wie wir ernst und schweigend nach mögen! Und so kommen Sie denn, "ein Königs-Sohn und ein Christ, in heiliger Abendmahls-Feier sich dem Erlöser der Welt zu weihen, der mit göttlichem Sinne für das Ganze lebte und mit der reinsten Liebe für das Ganze starb; empfangen Sie die Zeichen, Siegel und Pfänder, der inneren, heiligen Verbindung mit ihm, und unbeweglich fest stehe in Ihrer Brust der ernste Entschluß, in Wort, Gesinnung und That, Ihrem Erlöser treu zu sein bis in den Tod. Sic feiern, gnädiger Herr! den Tag Ihrer Weihe unter Zeitumständen und Ereignissen, die Alles in sich vereinigen, was die Seele begeistern, zu großen Anstrengungen aufrufen, zu heldenmüthigcn Entschlüssen anfeuern kann. Ein schweres, ungeheures Werk liegt vor, von dessen Ausgange auch Ihre Zukunft abhängt. An heiliger Stätte, an der Todtengruft Ihrer großen unsterblichen Ahnherren, umschwebt von dem himmlischen Bilde Ihrer verklärten Mutter, ergreife das Gefühl Ihrer großen Bestimmung mächtig Ihre Seele. Die heilige Stunde Ihrer Weihe werde die Gcburtsstunde für ein großes, thatenrcichcs, Königliches Leben , zur Wonne des erhabenen Vaters, der heute Sie, den Erstgebornen, inniger an Sein Herz drückt; zur Freude edler Geschwister und Anverwandten, die liebend Sic umschließen; zur Ehre des erhabenen Hauses, dem Sie angehören; zur Freude des ganzen Vaterlandes, das hoffend auf Sie hinblickt, Sie segnet und für Sie betet." 184 meiner Wohnung gingen, und den Tag in heiterer Stille verlebten. Er hatte die schöne, reiche Saat bestellt, und sein frommer Blick schaute nach Oben, um Segen flehend. Und welche Saat, in dem Herzen des Thronerben, in welchem sie segensreiche Früchte für Millionen bringen würde! Welche Aussicht, welche Hoffnung! und zugleich welche Spannung, welche Erwartung, welche Besorgnis;! denn schon des anderen Tages ging der König mit Seinem gewcihetcn Sohne entschlossen zum letzten Kampfe gegen den gewaltigen Weltbestürmer nach Breslau. Aber in der klaren und reinen Seele Sacks war kein Sturm : ihn umhauchte das sanfte Säuseln einer Gott ergebenen Ruhe, und ihrem Zuge folgend, sprach er mit verklärtem Angesichte prophetische Worte. Mir ists, als sähe und hörte ich ihn noch heute und nie ist mir sein innerer Reichthum so ficht- und fühlbar geworden, als in diesen köstlichen Tagen. Als wir in einem kleinen vertraulichen Kreise zu Tische saßen, trat der Geheime Cabinetsrath Albrecht herein, und Jeder, der diesen ausgezeichneten Bieder- und Ehrenmann persönlich gekannt hat, weiß, welche Aufheiterung er in seiner geistreichen, humoristischen Stimmung immer mitbrachte. Er kam im Namen und Auftrage des Königs und überreichte dem überraschten Sack ein Cabinctsschrcibcn und den rothcn Adler-Orden zweiter Klasse. In diesem Handschreiben drückte sich die volle Seele des unvergeßlichen Hochseligen Herrn aus. Er gedachte des christlichen Unterrichtes, welchen Er selbst von ihm empfangen, und Seiner eigenen Einsegnung; 185 knüpfte daran die eben begangene Consirmations-Feier des Kronprinzen; pries ihn glücklich in seiner langen, segensreichen Laufbahn, und dankte mit der Wärme eines Freundes und mit der Würde eines Königs. Wohl waren dem seligen Sack dieß theure, werthe Worte, ihm, der den König so lange und so genau kannte; aber wie bei allen edlen, tiefen Seelen ehrenvolle Erhebung dcmüthigt, so machten sie auf ihn den Eindruck der Beschämung und einer liebenswürdigen sichtbaren Verlegenheit. Und als nun, zur Freude aller Anwesenden, der Geheime Cabincts- rath Albrecht mit treffenden Worten im Namen des Königs den Ehrwürdigen mit dem Orden höheren Ranges decorirte, da ließ er mit sich gewähren, — sagte jedoch: „Dahin gehöre ich nicht!" und lächelte sanft wehmüthig, wie ein Greis, der in frommer Sehnsucht zu den ewigen Sternen aufblickt, und dem die irdischen Farben verblaßt sind. '— Die ernste Stimmung erheiterte sich nun durch die Theilnahme und den Einfluß des immer frohen, trefflichen Albrecht; mit Begeisterung las er eine Ode vor, die so eben damals der unvergeßliche Stägcmann geschrieben, oder vielmehr wie zündendes Feuer aus seinem treuen Herzen gegossen hatte. Sie trug die Inschrift: „Sonnenaufgang" und weissagte, wie es nun werden würde. Er sah im Geiste den ritterlichen König, den Kronprinzen zur Seite, mit Seiner im Namen des herabgewürdigten Vaterlandes Gcnugthuung fordernden Armee an den Ufern des Rheins, und glückwünschend tranken wir, schon lange geduldig in Trübsal, nun fröhlich in Hoffnung, den edlen vaterländischen Wein. -) A. B. Einer in der Gesellschaft, erbauet von seinem edlen milden Angesichte, fragte ihn: ob er sich habe malen lassen? es wurde allgemein gewünscht, sein wohlgetroffenes Bild zu besitzen. Sack antwortete: „Die Lust, mich contrefcicn zu lassen, habe ich für immer verloren, seit mir darin etwas vielleicht sonst nie in der Art Erlebtes begegnet ist." „Vor einigen Jahren besuchte ich einen lieben, alten Freund auf dem Lande und fuhr mit ihm bei heiterer Witterung in einem offenen Wagen nach Freyenwalde. Als wir auf das hohe Feld kamen, bemerkten wir einen vor uns hergehenden, im kurzen Wamse arm gekleideten Mann. Sehen Sie, sprach Herr v. N. N. zu mir, wie seltsam hat der Mensch seine Beinkleider von hinten geflickt; was mag das sein? Das sieht ja narrisch aus. Als wir näher herankamen, ließ er halten und fragte den Bettler, was das für ein Gesicht sei, das er seinen Hosen ein- genähct habe. Wer aber beschreibt das Erstaunen und den Unwillen des Herrn v. N. N., als er bei genauer Betrachtung in diesem Bilde ähnliche Züge mit seiner Familie erblickte, und Sack, der bis dahin durch seinen hohen Ernst, und ohne es zu wollen, imponirt hatte, gab sich nun auch der lauter werdenden Freude hin und erhöhete sie durch höchst interessante Mittheilungcn aus der Zeit des siebenjährigen Krieges. Trefflich sprach er über den angeborenen National-Charakter des Preußischen Volkes, seine Tapferkeit, Treue und Anhänglichkeit, und entwarf ein seelenvolles Bild vom Könige, in Auffassung und Zusammenstellung zarter und reiner Züge. Sack, (gewöhnlich besonnen, an sich haltend) in einer homogenen Umgebung, war zugleich der angenehmste Gesellschafter und Alles, was er sprach, war mit attischem Salze gewürzt. In heiterer Stimmung verschmähte er es nicht, lustige Anekdoten auf die angenehmste Art zu erzählen *); 187 er fesselte in stiller Gewalt alle Herzen. Die feinste Sitte eines gewandten Hofmannes verband er mit treuherzigem Wohlwollen, und erquickt, belehrt und gehoben, ging man immer von ihm. Unter den Geistlichen war und blieb er die erste Notabilität zu Berlin. So glücklich, wie in seinen amtlichen Verhältnissen, war er es auch in seinem Hause, im Kreise seiner liebenswürdigen, zahlreichen Familie. Seine Gcmahlinn, eine hohe, schöne, geist- und gemüthvolle Frau, war die Tochter des unvergeßlich gewordenen, ehrwürdigen Spalding, der in seiner Gründlichkeit und Milde, in seiner gesegneten, langen Wirksamkeit, in seiner sittlichen Würde, als ein Muster seiner Zeit lebte und endete. Die Mittheilungen über das, was er war und nun in diesem auf dem Gesäß eines Vagabonden angebrachten Bilde daß Angesicht seines eigenen Großvaters erkannte." „Mensch," rief er empört aus, „wie kommst Du zu diesem Bilde und wie ist es an diese Stelle gerathen?" „Ach, gnädiger Herr, mir Habs ein Mann in Neustadt E/W. geschenkt." „Wie hat der's erhalten?" „Vor mehreren Jahren hat der Verwalter zu B. B., als der selige Herr von N. N. starb, viele alte Schilderen» und Chartcken aus der Rumpelkammer verkaufen lassen. Darunter befand sich auch dicß Portrait; und da gerade die Leinewand, worauf der Kopf abgemalt, noch am festesten war, so flickte meine Frau, weil wir keine andern Lappen hatten, damit meine zerrissenen Beinkleider, und da ist es nun eben gerade aufs Gesäß gekommen." „Da kann es aber nicht sitzen bleiben!" siel Herr v. R. N. ein. „Mensch! es ist das Bild meines Großvaters. Ich gebe dir zwei Thaler; schneide es aus!" was denn auch so fort geschah. — So, (schloß Sack) kann es Einem gehen, wenn man sich malen läßt." leistete, haben sich von Geschlecht zu Geschlecht erhalten und noch heute lebt sein Andenken im Segen sort. Die Achtung und das Vertrauen, worin er beim Publicum feststand, war allgemein, und als eine seltene historische Amts-Merkwürdigkeit wird von ihm erzählt, daß der Beifall, womit er eine lange Reihe von Jahren predigte, nie nachließ, und wie seine erste, so seine letzte Predigt stets eine überfüllte Kirche fand. Denkt man sich in seine Schriften hinein, namentlich über „die Bestimmung des Menschen," über „die Nutzbarkeit des Predigtamtes," über „den Werth der Gefühle im Chri- stenthumc," und „die Religion, eine Angelegenheit des Menschen," so thut der Geist ernster Weisheit, Ruhe und Mäßigung, der darin weht und waltet, auch heute noch um so wohler, da er mit der gegenwärtigen zelotischcn Bitterkeit haderhafter, streitender theologischer Partheien auffallend con- trastirt, und kann man in dieser Stimmung und Richtung der jetzigen kirchlichen Zeit keinen Fortschritt zum Besseren erkennen. Der mächtige Reiz der wechselnden Neuheit verdrängt leider häusig das oft bessere Alte, so daß es vergessen wird und von Vielen gar nicht mal gekannt ist. Die heitere Ordnung und erquickende Ruhe, welche den ehrwürdigen Spalding umgab, wohnte auch in dem Hause und in der Familie des Bischofs Sack. Da war gut sein und da hätte man gern Hütten bauen mögen. Liebliche Töchter und ausstrebende Söhne umschlossen wie ein Blüthen- kranz die glücklichen Aeltern *), und die in diesem Kreise, im ") Als Beispiel, wie an kleine, gutbenutzte Umstände in der Jugend sich oft wichtige Ereignisse und Folgen im männlichen 189 Gartensaale verlebten Sominerabende zähle ich zu den genußreichsten meiner Tage. Alter knüpfen, gedenke ich für Jünglinge, die dicß lesen möchten, einer Scene aus meinem Univcrsitäts-Leben, und frische gern und dankbar die wohlthucnde Erinnerung aus. Im Jahre 1791 brachte der Bischof v. Sack seinen ältesten Sohn, den jetzigen, hochverdienten und allgemein verehrten Geheimen Ober-Tribunal-Chef-Präsidenten , wirklichen Geheimrath v. Sack, Ercellenz, nach Halle, um daselbst Jura zu studircn. Einige Wochen vor der angekündigten Ankunft ließen l>. Nössclt und I). Nicmcycr mich rufen, und sprachen den Wunsch aus, daß bei der Anwesenheit des Ober-Hofprcdigers und Ober- Consistorialrathes v. Sack von Seiten der Studircnden etwas zur Ehre des berühmten, hochgestellten Mannes, in der Form einer akademischen Feierlichkeit, geschehen und gcthan werden möge. Der Vorschlag fand bei allen Studenten, damals über 290V an der Zahl, natürlich allgemeinen Anklang. Als der bestimmte Tag und die festgesetzte Abendstunde gekommen war, versammelten wir Glücklichen uns auf dem Markte, und zogen dann mit einem prächtigen Fackelzuge unter dem fröhlichen Gesänge: ,,guuüvni»»8 igilui'" nach dem großen Berlin, und stellten uns vor dem Niemeycrschen Hause, wo Sack wohnte, auf, und brachten ein dreimaliges jubelndes Vivat. Der Studiosus de Marees aus Dessau, nachherigcr Seminar-Direktor daselbst, ein trefflicher Mann, längst zu den Vätern gegangen, und ich, wurden deputirt, um im Namen Aller dem ersten Geistlichen der Preußischen Monarchie unsere Verehrung zu bezeigen.. Als wir in d.n erleuchteten Saal traten, fanden wir sämmt- liche Professoren der theologischen Facultät versammelt, und Sack, sichtbar überrascht, nahm die an ihn gehaltene, wohl stu- dirte Anrede und das auf Seide gedruckte und schön eingebundene Gedicht mit freundlicher Würde auf. An uns, damals blühende Jünglinge, unbefangen, froh vor ihm stehend, hatte Wer den belebenden Geist dieser edlen Familie kennen lernen will, der lese in der vorher angeführten Schrift: cr sein Wohlgefallen, faßte uns an den wie Mähnen herabhängenden, vollen Locken, und ermunterte uns, zum Thcil in lateinischen Sentenzen, zum Flciße. Zu meinem lieben de Mareks sagte er: ,,p>ü«ta te virum," und zu mir die unvergeßlichen, noch heute in mir klingenden Worte: „perier et obclura. ckolar Iiic pi'ollerit nlim," Dann nahm cr seine Schreibtafcl und schrieb unsere Namen, den Namen und Stand unseres Baters und unfern Geburtsort ein, hinzusetzend: ,,ich darf das nicht vergessen, das Andenken an Sie und Ihre wohlwollende Aufmerksamkeit werde ich im Herzen bewahren. Sollte ich Ihnen, wenn Sie in Ihr Baterland zurückgekehrt sind und eine amtliche Anstellung suchen, späterhin nützlich werden können, so werde ich's gerne thun und dann mich dieser Stunde erinnern." Und wie hätte ich damals ahnen können, daß dicß, dem IVjährigcn Jünglinge gegebene, gütige, freundliche Wort dem 35jährigen Manne jemals so entscheidend wichtig werden und so reiche Früchte bringen könnte? denn nachdem ich 14 Jahre zu Hamm Prediger gewesen, wurde ich, ohne Zuthun von meiner Seite, 18i>5, vorzüglich durch das Wohlwollen von Sack, zum Hofprcdiger nach Potsdam berufen. 1813, nach der Einsegnung des Kronprinzen, befestigte er mich in dem gnädigen Vertrauen des Königs und erhielt mir seine beglückende Freundschaft bis an's Ende. Der unvergeßliche, theurc Mann ist einer meiner größten Wohlthätcr geworden, und ich habe geerntet, wo ich nicht gesäet habe. Späterhin sagte cr mir oft in vertraulichen Stunden, daß er schon von Halle her für mich eine gewisse Vorliebe gefaßt hätte. Ach! wie viel hängt im Gange menschlicher Schicksale und Führungen oft von Kleinigkeiten und zufälligen Eindrücken ab! und wenn man das, was eine höhere, leitende, göttliche Hand für uns thut, in Verleihung der erforderlichen Kräfte, und in der Verknüpfung glücklicher Umstände, redlich durchdenkt und in die Wagschale legt: so kann von eigenem Verdienste nicht mehr die Rede sein. Da hier eben der Universitätsjahre gedacht ist, so kann ich 191 „Amtsreden," die „Nachschrift an meine Kinder" S. 493 — 598. Sie ist ein köstliches Geschenk des Vaters an seine nicht zurückhalten, meinen Unwillen und Zorn über die Schmähungen und Injurien, welche in gegenwärtiger Zeit so viele Schriftsteller in kümmerlicher Einseitigkeit über unsere Universitäten in Deutschland giftig ausgegossen, und sie als verderbt in der Wurzel, einer totalen Reform bedürftig, dargestellt haben. Allerdings hat unsere jetzige studirende Jugend eine andere Färbung und Richtung, als sie vor einigen 3i) Jahren hatte. Aber die Eigcnthümlichkeit der Jugend, in ancrschaffener Grundkraft, ist dieselbe geblieben und wird es bleiben, so lange es noch einen Lebens-Frühling zieht. Diese belebende Grundkraft ist- frischer Muth, heiteres Emporstreben, harmlose Unbefangenheit und klare Aufrichtigkeit. Auf diese köstlichen Eigenschaften läßt sich, wenn sie aus Gymnasien eine tüchtige wissenschaftliche Grundlage empfangen haben, alles Vorzügliche und das Beste für's ganze Leben bauen. Daß aber unsere jetzigen studircndcn Jünglinge, im Ganzen genommen, besser, vielseitiger und gründlicher vorbereitet zur Universität übergehen, als vor Ii) — l>v Jahren, wird Keiner, der die damalige pädagogische und die jetzige Zeit kennet, in Abrede stellen wollen. Für die freie, ungehemmte und glücklichste Entwickelung jugendlicher, intellektueller und sittlicher Kräfte gicbt es aber kein besseres, wirksameres und schöneres Mittel, als eben die goldene akademische Freiheit. Glückseliger, nie im Leben wiederkehrender Zustand, wo man, frei von jedem lähmenden Zwange, nur allein sich selbst, der Wissenschaft, der Freundschaft und Natur, mit immer frohem Sinne angehört! Das Andenken daran segnet man noch im spätesten Alter, und eine Jugend, die diesem noch wohlthucndc, erquickende Rückblicke und erhebende Erinnerungen giebt, muß eine glückliche und gute gewesen sein. Freilich hat das freie akademische Leben große Gefahren und Viele gehen darin unter. Aber auch hier kommt Alles allein und entscheidend auf die Beschaffenheit des jedesmaligen Hat denn England, welches eine solche klösterliche Semi- nardisciplin auf seine» Universitäten, namentlich in Oxford, handhabt, tiefere Gelehrte, tüchtigere Geschäftsmänner, geschicktere Aerztc, bessere Schulmänner und Geistliche, als Deutschland, dessen Universitäten seit Jahrhunderten das geistige Salz der ganzen Nation gewesen und noch sind? Sagt nicht: was die akademische Freiheit für saubere Früchte trägt, haben die demagogischen Conspiralioncn und Umtriebe der Studircndc» sattsam in unserer Zeit bewiesen! Die Politik ist in ihrer ganzen Dornig- kcit und Widerwärtigkeit der Jugend, ihrer Natur nach, durchaus zuwider und sie kann es dabei nicht lange aushalten. Als man sie aber im Beginnen des großen Freiheitskampfes 1813— 181S mit hinein zog, und viele tausend hochherzigen Jünglinge auf unseren Gymnasien und Universitäten ihr junges, frisches Leben muthig einsetzten und gern und freudig es der ernsten, heiligen Sache des Vaterlandes Hingaben, da wurden sie von dem gewaltigen Strome mit fortgerissen und ihr ganzes Sein und Wesen empfing die Stimmung und Richtung der Exaltation. Die Extreme mußten naturgemäß sich berühren und auf die entgegengesetzte Seite sich werfen, als die Resultate des Wiener Kongresses den allgemein gehegten, großen Hoffnungen und Erwartungen nicht entsprachen und nun zahllose Libcl- listcn in Schriften und Flugblättern Unzufriedenheit und Verstimmung aufregten und, was nicht gcläugnct werden kann, die Lehrer oft ihre bewegten Schüler zum Jörn reizten. Wer sieht aber nicht ein, daß dicß von außen angeflogene ephemere Dinge sind, welche , die gesunde jugendliche Natur als Söhne und Töchter, am Stiften Geburtstage ihres Großvaters Spaltung. Aus ihn, den Patriarchen der Familie, wen- Jndividuums an; die äußere Versuchung bringt nur heraus, was im Innern steckt, und wenn U1 — M verderben, so bleiben Hunderte an Leib und Seele gesund. Das tief liegende 8lamen vitae, welches das ganze Leben trägt, ändert keine Disciplin, und dem, der unreine Gelüste und sündhafte Triebe in sich nährt, kann keine äußere Zucht die geheimen Schlupfwinkel des Lasters verschließen; und je versteckter, desto schlechter. dct er die sein äußeres und inneres Wesen darstellenden, poetischen schönen Worte an: etwas Krankhaftes, bald wieder von sich wirft und daß der sturmbewegtc, ausgetretene Strom dann von selbst in seine festen Ufer zurücktritt. Auch akademische Orden und Landsmannschaften sind etwas in sich'ganz Unschuldiges und liegen in der Natur der Jugend, die sich gern anschließt und verbrüdert, die Freuden einer, oft für's ganze Leben geschlossenen, beglückenden, treuen Freundschaft gewähren und sehr oft größere Gefahren abhalten. Selbst Duelle, in sich durchaus verwerflich, haben doch das Gute, daß sie dem Zusammenleben der Studircnden eine gewisse Haltung, Aufmerksamkeit, Vorsicht und Zartheit geben; wollte man die ritterlichen Degen abschaffen, so würden bald an deren Stelle die niederträchtigen Knüppel treten, und von hundert Duellen hat kaum eins nachthciligc, bleibende Folgen. Ein jedes Ding in der Welt hat nun einmal neben seiner Lichtseite auch seine Schattenseite, und wer ruhig und klar die in Rede stehende Sache durchschauet, wird gestehen müssen, daß das Ucbcrgewicht des Guten hier auf der Seite der akademischen Freiheit liegt. Sie ist so alt, wie unsere Universitäten selbst, in ihrem Grund und Boden ist sie historisch fest gewurzelt, und damit so verwachsen und innig verwebt, daß man das allerdings daneben aufwachsende Unkraut nicht ausjäten kann, ohne damit zugleich de» gute» Saamcn zu zerstören. Sie, diese akademische Freiheit, kann auch nicht vcraltcrn und als etwas Abgelebtes antiguirt werden, denn sie lebt ewig frisch und jung in der unantastbaren, göttlichen Freiheit der Wissenschaft und des Lehrvortrags, sie lebt und glüht i» der weiten Brust eines jeden hochsinnigcn Jünglings und durch diese Feuerprobe muß er gehen, wenn er ein tüchtiger, selbstständiger Mann werden will und soll. Mag auch die akademische Freiheit unserer Zeit schroffer in ihrer Schattenseite hervorgetreten sein, so daß mancher besorgte Vater und Staatsmann die Lichtseite nicht mehr sehen kann und eine radikale Reformation unserer Hochschulen für noth- wendig hält, so liegt der Grund des Ucbcls wahrlich nicht 13 Aber kindliche Dankbarkeit und Verehrung treibt mich, hier einer der rührendsten, nachhaltigsten Sccncn in meiner Jugend zu gedenken, vielleicht zur Nachfolge für andere Weiter. Als ich am l7. September 1788 das ältcrliche Haus verließ, um nach Halle zu gehen, versammelte in der Abschiedsstunde mein ehrwürdiger, frommer Vater, die liebe, treue Mutter und uns 8 Kinder auf seiner stillen Studirstubc. Nachdem er das Zimmer verschlossen, sah er mich lange ernst und milde an und mit ihm knicetcn wir Alle nieder. In einem ernsten, apostolisch einfachen, innigen, Mark und Bein durchdringenden Gebete empfahl der Vater den scheidenden Sohn der Obhut Gottes und der Führung des heiligen Geistes. Was tief die Brust bewegte, legte er als Entschluß und Gelübde mir in den Mund und nach einer herzlichen Umarmung wurde ich mit den Worten: „Bring' mir dein Angesicht und Gewissen, wie es jetzt ist, wieder zurück, geh' mit Gott!" entlassen. Mit dcmüthigem Dank und gern bekenne ich jetzt nach 34 Jahren, daß der Eindruck dieses frommen väterlichen Segens in den 3 Jahren meines akademischen Lebens mich nie verließ, und daß bei jeder Versuchung zum Abspringen von der geraden Bahn das rührende Bild der kniecndcn, für mich betenden Aeltern und Geschwister mich auf dem rechten Wege erhielt. Der Effect davon that's freilich allein nicht, er war nur das Entlassungssicgel auf die vorhergegangene, gesammtc, fromme, „Sein offner Blick ist aller Menschen Freund, Und scheint gewohnt, wiewohl der Jahre Bürde in den Universitäten selbst und deren Verfassung, sondern Haupt, sächlich in der älterlichen Erziehung und in der Stimmung des Gemüths und Richtung des Lebens, die der Sohn aus dem väterlichen Hause mitbringt. Das ganze menschliche Leben ist auf allen Stufen eine in einander greifende, sich wechselseitig tragende Continuität, und alles in's Herz Ausgcsäctc bringt seine Früchte, vorzüglich dann, wenn aller äußere Zwang aufhört und eine freie Entwickelung eintritt. Es ist hier der Ort nicht, tiefer in diesen wichtigen Gegenstand und sein piiiialui» «ulwim einzugehen. 193 Dm Nacken sonst gekrümmt, stets himmelwärts zu schauen: Der inn re Friede ruht auf seinen Augenbrauen, Und wie ein Fels, zu dem sich Wolken nie erheben, Scheint über Erdcntand die reine Stirn zu schweben. Den Nost der Welt, der Leidenschaften Spur, Hat längst die Zeit von ihr hinwcggcwaschcn, Fiek eine Krön' ihm zu, und es bedürfte nur, Sie mit der Hand im Fallen aufzuhaschen, Er streckte nicht die Hand. Verschlossen der Begier, Ist nur dem Wahren noch die heit're Seele offen, Nur offen der Natur, und rein gestimmt zu ihr." Diesem schönen Bilde ähnlich zu werden, ermuntert er seine Kinder: Alles athmet darin den Geist der reinsten Liebe und innigsten Gegenliebe. In den schweren Prüfungsjahren 18W—1809 war das häusliche Glück dieses würdigen Hauses sehr getrübt und auf den Ton der Wehmuth gestimmt. Sack, der warme, treue Freund des Königs und Vaterlandes, trauerte tief über das Unglück, welches jenen getroffen, und das Verderben, in welches dieses herab gestürzt war; aber er trauerte als ein gottcsfürchtigc Erziehung des väterlichen Hauses, besonders einer unaussprechlich guten, milde», hier auf Erden schon verklärten Mutter. Aber es stand darin keineswcgcs besser mit mir, als bei meinen näheren akademischen Freunden, an welche ich mich vertraulich anschloß, und mit ihnen kann ich jetzt, 73 Jahre alt, Halle nicht anders nennen, als die ulniu muter. Stände ich frei und unabhängig da, nach meiner Vaterstadt würde ich an keinem Orte in der Welt lieber Feierabend machen, als in Halle. Das Morgen - und Abendroth meines Lebens würde da zusammenfließe». 13* Sack, der Bewährte, trat nun, nach treu bestandener Prüfung, wo möglich in ei» noch innigeres Verhältniß zu dem Könige. Das gräßliche Unglück der Zeit, welches mit seinen Wogen über dem Haupte zusammen geschlagen war, öffnete die früher oft verblendeten Äugen über die wahren, tief liegenden Grundursachen der allgemeinen Calamität und lenkte in scharfer Zucht die Herzen wieder hin zu dem vergessenen großen Einen, was Noth thut, und wohin man immer nach allen Vcrirrungen doch als zu dem einzig festen Ankergrunde, wenn es besser werden und gehen soll, zurückkehren muß. Was Friedrich Wilhelm III. in Seinem Herzen trug, fand Er in der Volksstimmung wieder, und Er fühlte sich verpflichtet, diese Weckung und Belebung eines christlich-rcli- gläubigcr Christ, in männlicher Fassung, mit stiller Ergebung und fester Hoffnung, und von allen damals erschienenen zahlreichen Schriften möchte die seinige: „An meine Mitbürger!" die gediegenste und gehaltvollste sein. Nach dem unglücklichen Tilsiter Frieden kehrte der König I8t>9 zurück nach Berlin und wurde mit Seiner Gcmah- linn und den Königlichen Kindern in einem Schmerz der Liebe und freudigen Wchmuth empfangen, die ein Volksbild darstellte, wie es in Tiefe, Innigkeit und Wahrheit, bei öffentlichen Festen vielleicht nie weiter so sichtbar geworden ist. Der geniale Professor vi-. Buttmann bezeichnete die allgemeine Stimmung geistreich mit dem pikanten Witzwortc: Als Napoleon kam, da gab's ein Inn« voo : jetzt, da Friedrich Wilhelm III. zurückkehrt, giebt's ein P«z vcnun luullumus. 197 giöscn kirchlichen Sinnes zu benutzen und zu sixiren. Nach gepflogenen Berathungen mit Sack, ernannte Er eine liturgische Commission, mit der Aufgabe, Borschläge zu thun, wie der eingerissenen, verwirrenden Willkühr in Abhaltung des öffentlichen Gottesdienstes zu steuern und in denselben, nach den Principien der evangelischen Kirche, die verlorene zusammenhängende Einheit, apostolische Würde und fromme Erhebung zurückzubringen sei. Den ossiciellen Anfangspunkt alles dessen, was der König später für die kirchliche Union (I8I7) und in Einführung einer gemeinschaftlichen Agende für die unirte Kirche that (1822), bildet diese liturgische Commission im Jahre 1811. Den Obcr-Hofprediger und Ober-Consistorialrath V .Sack ernannte Er zum Präsidenten derselben, und zu Mitgliedern die Pröpste v. Ribbeck und v. Hanstein, den Ober-Consisto rialrath v. Hecker, den Feldpropst Ossclsmeyer, und Referenten. Diese Zusammensetzung bildete ein interessantes, verschiedenartiges, oft divergirendes, zu einem ernsten Zweck vereinigtes Ensemble; aber gerade in der Verschiedenheit lag der immer neue Reiz einer freisinnigen Debatte. Sack, reich an Kcnntniß der Sache, ruhig und würdevoll leitend; Nibbcck, ernst, gründlich und fest; Haustein, genial und lebendig; Hcckcr, milde, gelassen, erfahrungsreich; Offelsmeycr, energisch, kurz, oft heftig, doch immer treffend und wahr; Eylert, entschieden für die Presbytcrial- und Sy- nodal-Vcrsafsung. Am Montage einer jeden Woche versammelten wir uns im Hause Sack s, und blieben bis spät Abends zusammen. An Stoff zu Bcrathungcn fehlte es nicht, er wuchs vielmehr oft bis zur Lästigkeit, nachdem alle Geist- 198 lichcn des Landes, namentlich die Superintendenten, von der Commission aufgefordert waren, ihre Vorschläge abzugeben. Die gediegensten und nützlichsten waren die vom Professor, Obcr-Eonsistorialrathe I). Marhcinekc: die Einladung, den Sitzungen beizuwohnen, lehnte er jedoch ab. Die Protokolle führte mit großer Gewandtheit Haustein; Ribbcck revidirte sie, und in jeder Sitzung wurde in innnäo vorgelegt, was in der vorigen berathen und beschlossen war. Ernst, ruhig und gründlich arbeitete die liturgische Eommission, alles dahin Gehörige, auch die Verfassung der Kirche, zusammenfassend, über ein ganzes Jahr. Ihr Werk gehört gewiß mit zu den besseren über diesen wichtigen Gegenstand und würde auch heute noch lehrreich sein, was ich um so unbefangener sagen darf, da ich, damals der Jüngste, nur den geringsten Anthcil daran habe. Aber leider entsprach der Erfolg den Erwartungen und dem Wcrthe der Arbeit nicht! Alle Kirchen- und Schulsachcn standen zu der Zeit noch unter dem Ministerium des Innern und die Kirche war, daß sich Gott erbarme! eine Subdivi- sion der Polizei. Der damalige Minister von Schuckmann, ein geistreicher, scharfsinniger, energischer Staatsmann, erhielt alle laufenden Sachen in einem festen, prompten Gange, aber „geistliche Dinge geistlich zu richten und zu leiten" verstand er nicht, und schien ihm das Organ für die freisinnige evangelische Kirche gänzlich zu mangeln; er sprach davon, wie ein Blinder von den Farben. ') Als einige Jahre später die Kirchen- und Schulsachcn ein eigenes selbstständiges Ministerium in der Person des Ministers 199 In dem, was die Commission über die freiere, würdigere Stellung der Kirche und ihrer Diener gegen den Staat offen, ohne Rückhalt, gesagt hatte, witterte der Minister von Schnckmann hierarchische Attentate, und als nun vollends die drei Superintendenten: Küster zu Berlin, Ticbel zu Nauen, und Neumann zu Lossow, eine Schrift über die Reform der evangelischen Kirche Herausgaben, die kirchlichen Zügel schärfer anzogen und eine Kirchcnzucht begehrten, da brach der Unwillen des mächtigen Mannes los und er warf ihn auf die liturgische Commission. Uebcr ihre Eingabe an ihn berichtete er abhold und nachtheilig an den König, dem man nicht zumuthcn konnte, das ganze voluminöse Werk sc'bst durchzulesen, — und es geschah und erfolgte nichts. Schlimmer noch kam diese Sache zu stehen, als der gewaltige Schleiermachcr eine Broschüre unter dem satyrischen Titel: „Glückwunschschreiben an die liturgische Commission," herausgab, in welcher er auf der einen Seite die gestellte Aufgabe scharssinnig beleuchtete, doch ihr Resultat als ein pkwtniinnt mcintes darstellt und dann muthwillig dialektischen Hohn, der damals ihn kitzelte, ausschüttet. Die Schrift, von Altenstcin erhielten, dasselbe dem von Schnckmann genommen und statt dessen ihm das „Hütten- und Hammer-Werk" beigegeben wurde, fand er in der letzten Sitzung, die er als geistlicher Minister hielt, vor seinem Stuhle auf dem grünen Tische einen großen weißen Bogen, worauf, man sagt von Schleiermachcr (damals wie Wolf Mitglied), in sarkastischer Anwendung die Worte geschrieben standen: ?Ioct«ru »i neguoo .Xolierunln movelio. Wer die Persönlichkeit Schuckmanns gekannt hat, wird darin einen schneidenden, treffenden Witz finden, der auch den Ernstesten zum Lachen reizt. 200 eben so scharf, wie die späterhin über demagogische Umtriebe gegen den Geheimen Obcr-Justizrath Schmalz gerichtete, fand viele Leser, und hatte die Lacher auf ihrer Seite. Die liturgische Commission blieb die öffentliche Antwort nicht schuldig; aber in der bald gegebenen bcharrtc sie fest und ruhig bei dem Ernst der Sache, zeigte, wie und in welchem Umfange sie sich ihres Austrages entledigt habe, und stellte, der reinsten Absicht sich bewußt, den Erfolg ihrer Arbeit der Zukunft anHeim. Angegriffen, tadelte sie mit verdienter Rüge den hier übel angebrachten Spott, und fertigte den Gegner in einer Art und Weise ab, die an die scharfe Ironie eines Erasmus erinnerte. Sack war der alleinige Verfasser und zeigte sich auch hier von einer höchst respektablen Seite. Ruhig, milde und gelassen, ergriff ihn, gereizt, doch ein edler männlicher Zorn; er sprach ihn ganz und sreimüthig aus, wußte ihn jedoch in den Schranken des Auslandes und der seinen Sitte zu erhalten. Da es aber seiner Apologie an der frischen, skeptischen Laune fehlte, welche das Publicum in Streitschriften, abgesehen vom Recht lind Unrecht, liebt, so machte sie keinen sonderlichen Eindruck und die öffentliche Meinung gab Schleicrmacher den Sieg. Ganz unerwartet trat dieser, wie eben die Sache recht im Brennen war, und ich mich zufällig allein bei Sack auf seinem Studirzimmcr befand, herein, ging unbefangen auf ihn zu, reichte ihm treuherzig die Hand, mit den treffenden Worten: „Sie wissen, daß die garstige Polemik bei mir im dialektischen Kopfe allein und nicht im Herzen steckt; ich danke ihnen ausrichtig für ihre tüchtige Antwort." Sack war sichtbar überrascht und eine sanfte Röthe färbte seine blassen Wangenz doch fand das gute, freundliche Wort, in welchem man den Angreifer wieder liebgewann, eine gute Stelle, und man ging leicht über das alHeetuin litis hinweg. Angeregt von Schleiermacher, durch sein geistreiches Wort über den wahren Sitz der theologischen Streitsucht, wandte sich nun das Gespräch zu den neuesten Erscheinungen der Polemik, und um das Einseitige, Leidenschaftliche, oft Lächerliche derselben zu bezeichnen, wurde folgende lustige Anekdote erzählt. Als der weiland Hauptpastor zu Hamburg Melchior Götze in seinem zelotischen Eifer alle Welt, selbst einen Lessing, gegen sich in die Schranken rief, stand ein Prediger Albcrti, der das Christcnthum der Liebe und Duldung verkündigte, gleichzeitig bei einer anderen Kirche und kleineren Gemeinde zu Hamburg und fand seines angenehmen Vortrages und sanften Charakters wegen, großen Beifall. Melchior Götze sah ihn als seinen Gegner an, und warnte die ihm anhangenden Zuhörer vor ihm, als einem Neuling, Jrrlehrer und Socinianer. Als eines Tages an einem Sonntage ein Götzianer, ein ehrlicher Bäcker, einem Albertianer, einem harmlosen Schuster, Beide aus der Kirche kommend, auf der Straße begegnete, äußerte jener diesem sein Erstaunen darüber, wie er doch den Albcrti hören und bei ihm in die Kirche gehen könne, >— wißt ihr denn nicht, daß er ein Socinianer ist? Das habe ich auch gehört, Herr Gevatter, antwortete der Schuster, und deßhalb mich genau nach der Sache erkundiget; es ist aber nicht wahr, ich weiß nun gewiß, daß der Pastor Alberti kein Socinianer, sondern ein Hannoveraner ist. Damit beruhigt, crwiedcrte der Götzianer: Nun dann thut man dem Manne auch zuviel; geht in Gottes Namen! Sack lächelte; Schlciermacher lachte laut auf und rief in der Lebendigkeit seines Wesens einmal über das andere aus: so steht's um die Herren —Jstcn und —Auer und Hanno- ) vcraner! Die zwischen Beiden eingetretene Divergenz glich sich bald an ihrer persönlichen Trefflichkeit aus; sie waren und blieben gute Freunde bis an's Ende. Sack näherte sich inzwischen dem höheren Alter, und wie er die reichen Segnungen desselben benutzte und seine Bürde trug, wird am Besten ficht- und fühlbar aus seiner meisterhaften Uebersetzung De «eueetute, die sein Schwager Spal- ding, der Philologe und Professor am grauen Kloster, mit einer Vorrede begleitete. Wie viel fester und höher der Christ in seinem biblischen Glauben als Greis am Lebensabend im Hinblick auf die nahe Ewigkeit dasteht, als der geistreichste Heide, spiegelt sich mit dieser Parallele in ihrem Reflex klar ab und erfüllet mit dem christlichen Bewußtsein ewiger, unvergänglicher Vorzüge. Sack thcilte der treuen Uebersetzung seinen Geist mit und es giebt in ihr köstliche, gemüthvolle Stellen, die eine Stimmung geben, der ähnlich, die still bei uns einkehrt, wenn wir auf einem hohen Berge rein und klar die Abendsonne in's Meer sinken sehen. Der Hauch einer anderen Welt wehet uns an, und wir werden inne, daß wir sind, um ewig zu sein. So machte Sack Feierabend, dem in seiner inneren Erleuchtung auch noch äußere Freuden und Ehrenbezeigungen zu Theil wurden. Der König, nach errungenem Frieden vorzüglich darauf bedacht, die Kräfte der evangelischen Kirche zu beleben und zu heben, stellte die frühere bischöfliche Würde wieder her und verlieh sie am Friedens- und Krönungsfestc, 203 den 18. Januar 1819, dem General-Superintendenten Bo- rowsky zu Königsberg und dem ersten Hofprediger und Ober- Consistorialrathc 1). Sack, und demselben am Krönungs- und Ordcnsfeste 1817 den rothen ?ldler-Orden erster Klasse, — eine Auszeichnung, die bis dahin noch keinem Geistlichen, und man kann hinzusetzen, keinem würdiger zu Theil geworden war. Aber in dem Herzen des edlen, frommen Mannes war der M.orgenstern des ewigen Lebens längst aufgegan gen. Er ging bald nachher heim, und was er in der Zuschrift an seine Kinder (S. 598.) dem ehrwürdigen Spal- ding gewünscht hatte, ging auch bei ihm in Erfüllung: der immer klare Strom seines Lebens floß bis auf den letzten Tropfen eingetrübt ab; als ein müder Wanderer schlummerte er ein, und sanft und freundlich war sein Ende, wie es sein ganzes Leben gewesen. Nach dieser langen Episode, die hier ihre passende, rechte, dein Andenken des ersten, im Leben des Königs wichtigen Geistlichen gewidmete Stelle fand, komme ich nun auf das, was nach dem Tode Sacks mir vom Könige längst, ohne daß ich eine Ahnung davon haben konnte, mit verschwiegenem Zartsinnc zugedacht war, zurück. Ob die dem seligen Sack verliehene, eine kurze Zeit nur von ihm bekleidete, bischöfliche Würde nur eine persönliche gewesen und mit seinem Tode aufhören, oder eine auf Andere übergehende, der evangelischen Landeskirche nun für immer ungehörige, bleibende sein würde, war zweifelhaft. Jenes schien wahrscheinlich, da der König schwieg, und an den Wer beschreibt daher mein Erstaunen, ich darf sagen, meine Angst, als ich, dem ein solcher Gedanke nie in die Seele gekommen, und nicht kommen konnte, am 18. Januar 1818 mit einem überaus gnädigen Cabinctsschreiben die förmliche Bestallung zum Bischöfe der evangelischen Landeskirche empfing. Wer je in seinem Leben von Gottes Gnade und Menschen-Güte sich über alles Denken hinaus überrascht fand, geistlichen Minister von Altcnstcin darüber nichts erließ. Dieses veranlaßte wechselnde Vcrmnthungen, in welchen man bald den einen, bald den andern geeigneten Geistlichen als Nachfolger nannte. Am Längsten, und das mit Recht, blieb die öffentliche Meinung bei dem würdigen Propste und Obcr- Eonsistorialrathe I). Ribbcck stehen, der sowohl wegen seines vorgerückten Alters, als wegen seiner vorzüglichen Verdienste und gcsammtcn persönlichen Würdigkeit, die nächsten und gegründetsten Ansprüche zu haben schien, und man glaubte um so mehr, daß der König dicß anerkennen und ehren würde, um seinen bereits ausgesprochenen und bethätigtcn Grundsatz, bei der eben damals angefangenen kirchlichen Union ohne Rücksicht auf die frühere Confession bei vacantcn kirchlichen Aem- tern die jedesmal Würdigsten zu wählen, ganz besonders auch in dem vorliegenden, eminenten Falle festhalten und einem ehemaligen Lutheraner die bischöfliche Würde verleihen würde, die unmittelbar vorher ein ehemaliger Rcformirtcr inne gehabt hatte. Hierbei blieb auch der Cultus-Minister und die öffentliche Meinung stehen; aber sie wandte dann sich.bald dem Einen, bald dem Andern zu, und Keiner wußte, wie es damit worden würde. 205 und empfing, was er nie geahmt, der weiß auch, wie gerade auf einem solchen Wendepunkte des Lebens das ganze Bewußtsein sich im tiefsten Gefühl der Beschämung und De- müthigung concentrirt. Es entwickelt sich dann in der Brust ein Kampf, der in der Ebbe und Fluth der Furcht und Hoffnung, der Wehmuth und Freude, der Zaghaftigkeit und des Muthes, betend die Seelenruhe erringen muß, um zur würdigen inncrn und äußern Haltung zu kommen. In dieser Stimmung ging ich in meiner neuen Amts- klcidung zum Könige, sobald derselbe nach Potsdam gekommen war. Wie ich zu Ihm in Sein kleines Arbeitszimmer eingetreten war, sah Er mich lange ernst und milde an, und sprach dann die folgenden, den ganzen Zartsinn Seines edlen Gemüthes enthüllenden, mir ewig unvergeßlichen Worte: „So habe Jch's gewünscht und längst gewollt. Sie selbst hätten's Mir fast verdorben, als Sie vor einigen Jahren Ihr Amt hier niederlegen und an die Domkirche zu Berlin versetzt sein wollten. Wäre dieß, wie es schon auf Ihr Andringen festgesetzt war, geschehen, so hätte es sich so nicht machen lassen. Als vierten Dompredigcr hätte Ich Sie zum Bischöfe nicht ernennen können; Ich würde dann die andern würdigen Männer gekränkt und unverdienter Weise zurückgesetzt haben. Nur von hier aus, auf Ihrer wichtigeren Stelle in Potsdam bleibend, konnte es füglich, ohne zu lädi rcn, geschehen : um so mehr, da Sie auch länger im Dienste stehen und älter sind, als die jetzigen Domgeistlichen. Ihnen vorher sagen, was Ich mit Ihnen vorhatte, ging noch weniger; Versprechungen im Voraus zu geben, ist gegen Meine Grundsätze, da Alles im Leben an Bedingungen geknüpft ist, welche nur allein die Zeit entwickeln kann. Auch mußte Ich 206 Sie noch erst erproben. Darüber sind mehrere Jahre verflossen und mit Ihren inzwischen von Mir in Anspruch genommenen Leistungen, namentlich bei dem wichtigen und schwierigen Werke der kirchlichen Union, bin Ich zufrieden. Auch hat der verewigte Bischof Sack auf seinem Sterbebette einige Tage vor seinem Tode durch den Geheimen Cabinctsrath Albrecht den Wunsch, Sie zu seinem Nachfolger zu ernennen, gegen Mich ausgesprochen; und erst gestern habe Ich ein Schreiben von vielen Geistlichen aus Ihrem Vatcrlande erhalten, worin die Hamm'schc Krcisspnode, in der Sie früher fungirt, Mir ihre Freude und ihren Dank über die in Ihrer Person getroffene Wahl bezeigt. Alles das ist Mir angenehm und beruhiget Mich. Aber Ihnen legt es verstärkte Verbindlichkeiten auf, und nun ist es Ihre Sache, Meine Wahl zu rechtfertigen. In Ihrer gesammten amtlichen Stellung wird vorläufig nichts geändert; bereits eingeführt in den Staatsrath, werde Ich Sie später zum Mitglied? des geistlichen Ministeriums für die Kirchen- und Schulabtheilung und zum Mitglied«? der Obcr-lZensurbehörde, in so weit solche Theilnahme mit Ihrem Prcdigtamt zu Potsdam vereinbar ist, ernennen. Als Bischof Meiner Person nun näher getreten, werde Ich Sie, wie bisher, nun mehr noch in allen kirchlichen Dingen, die unmittelbar im Cabinet Mir vorliegen, gebrauchen, und können Sie darüber mit Albrecht Rücksprache nehmen. Hinterher werden Sie nun einsehen, daß Ich es gut mit Ihnen gemeint habe, und wie Jch's jetzt mit Ihnen meine. Ich sehe, Sie sind sehr bewegt; fassen Sie guten Muth lind vertrauen Gott. Können Mir nur Alles freimüthig und ehrlich sagen, was Sic auf dem Herzen haben; wollcn's dann gemeinschaftlich besprechen, und es wird gut gehen." 207 Hiermit verließ der König das Zimmer, und es mar mir lieb, daß Er ging und mich allein ließ; denn ich war wie aufgelöst, und ich erfuhr, was es ist und sagen will, wenn es in dem alten Liede: „Lobet den Herrn," heißt: „der aus dem Himmel mit Strömen der Liebe geregnet." Es war zuviel auf einmal; mehr, als ich fassen konnte. Wohl sah ich nun dankdurchdrungen hinterher klar ein, wie gut der gnädige Herr mit mir schon längst es gemeint, auch da, wo ich Ihm widerstrebt und Seine wohlwollenden Absichten zu zerstören, ohne es zu ahnen, im Begriff war. Kann ein edler, hochsinniger Bater seinen widerstrebenden Sohn gutiger und langmüthiger, schonender und weckender, in Festigkeit und Ruhe, in weiser, prüfender Zurückhaltung, in Klugheit, Borsicht und Ausdauer, in steter Berücksichtigung obwaltender Verhältnisse, behandeln, und wenn alles langsam Vorbereitete und Abgewartete nun endlich reif geworden, angenehmer und freundlicher überraschen, als es hier der Herr gegen seinen Diener, der König gegen den Unterthan that? Die Tiefe und der Reichthum Seines edlen, wohlwollenden Charakters lag jetzt enthüllt und klar vor meinen Augen. Bon nun an gehörte Ihm in Ehrfurcht und Dankbarkeit mein ganzes Herz; mein volles, unbedingtes Vertrauen war und blieb Ihm gewidmet, auch da, wo ich Ihn nicht verstand; ich suspcndirte dann mein Urtheil und wartete ruhig den Erfolg und Ausgang ab; und nie hat in einer sünfunddreißigjährigen Erfahrung mein Glaube an Ihn sich getäuscht gesehen. In Seiner Divinationsgabe blickte Er tiefer und weiter, als der bloß politische Verstand zu gehen vermag; da, wo derselbe mit seinen Combinationen und Berechnungen am Ende ist, wohnte Ihm ein sensu« numinis, eine höhere Ahnung dessen, was kommen würde, 208 bei, und mit ihr die still verschlossene Ergebung und Gelassenheit, sest und ruhig den jedesmal rechten Zeitpunkt abwarten zu können. Der Pulsschlag Seines Herzens war zartsinnige Liebe; und aus dieser entsprang Seine Großmuth. Bon allen löblichen Eigenschaften und Tugenden, welche hohe regierende Herren besitzen können, scheint Großmuth diejenige zu sein, welche ihnen am Wenigsten kostet und am Leichtesten wird. Durch Geburt, Stand und Rang, Macht und Herrschaft über Andere erhaben, auf den Eulminationspunkten des Lebens und seiner Berhältnisse, frei von allen Regungen des Neides, frei von seinen versteckten Einflüsterungen und nagenden Reibungen, kommen sie nicht in Collision mit den hadcrhasten Leidenschaften der Menschen und erfahren ihre Angriffe nicht, da Alles sich entweder vor ihnen beugt, oder ihnen scheu ausweicht. Was im täglichen Verkehr der Menschen in allen Klassen und Ständen, in unvermeidlichen permanenten Berührungen, in tausend kleinen Neckereien, Hemmungen und Injurien, aufreizet, stört und trübt, kennen und erfahren sie nicht: von ihrer Höhe blicken sie herab auf die unter ihnen stehenden Massen, und was auch Abgeneigtes und Bitteres in diesen gegen sie oft cursiren mag, umschlossen von dem Phalanx der ihre hohe Person umgebenden ergebenen Diener, kommt es nicht zu ihren Ohren, und sie hören gewöhnlich nur das ihnen Angenehme, ja sie erfahren oft selbst das Lauteste nicht, und das Oeffentliche bleibt ihnen ein Gehcimniß, wenn sie unter den fein versteckten Einflüssen geistvoller Schmeichler stehen. Kommen unter solchen streng limitirten Ver- zäunungcn einzelne Fälle vor, die ihren Zorn reizen, so betreffen diese gewöhnlich mehr die Sache, als ihre Person, und in dieser unberührt, großmüthig sein, ist eben keine große Kunst. So wahr dieß nun auf der einen Seite ist, so springt es doch auf der anderen nun auch so viel schärfer hervor, daß gerade der höhere und hier der höchste Stand das E h r- gefühl steigert und in dieser Steigerung um so reizbarer, kitzlicher und verletzbarer macht. Das Höchste, Vorzüglichste und Reinste, will auch rein erhalten und bewahrt sein, weil eben jeder Fleck gerade hier gleich sichtbar wird und unangenehm auffällt. Die Ehre und Klarheit eines regierenden Herrn ist ein reiner Spiegel, den auch nicht mal ein unreiner Hauch berühren darf, und das „Durchlauchtige" darf nie sein ein- und durchströmendes Licht verlieren. Dcßhalb. ist, besonders in einer positiv-monarchischen Verfassung, von jeher die Person des Landesherr» als eine „geheiligte" angesehen und gesetzlich für unverletzbar erklärt. Das Verbrechen der beleidigten Majestät ist in monarchischen Staaten das schwerste und gröbste, was begangen werden kann, und wird mit dem Tode bestraft. Das Gebiet der Großmuth, welches sich in der Person des Monarchen öffnet und abschließt, ist daher rein individuell und darf nicht nach dem allgemeinen, sondern muß nach einem besonder», cigenthümlichen Maßstabe gemessen werden. Alles kommt dabei auf die jedesmalige persönliche Beschaffenheit des betreffenden Landesherrn an, und hat diese in tausendfachen Modisicationen von jeher bald so, bald anders die Wage gehalten und das Schwcrdt geführt. Unsere gegenwärtige Zeit ist darin eine andere geworden, als sie bis zum achtzehnten Jahrhundert war. Fast 14 nirgends stärker und divergircnder Huben sich die Extreme berührt, in der Berührung abgestoßen und nach den entgegengesetzten Polen geschleudert, als gerade aus diesen Höhepunkten. Die, geheimnißvoll und dunkel, und doch nach übergeflossenem Maße sichtbare, durch Völker und Staaten in furchtbarer Gewalt mit ihrer Sense fortschreitende, das Individuum, wie das Genus, züchtigende Nemesis hat laut und hörbar über den Erdkreis, vorzüglich den regierenden Herren, die ernste Wahrheit mit Mark und Bein durchdringender Stimme zugerufen: „Spannt die Saiten nicht zu hoch! Jede Uebertreibung zerstört sich durch sich selbst." Aber ebenso, und vielleicht in einem noch größeren, leidenschaftlicheren Grade haben ganze Völker in wechselnden Partheien, bald im aristokratischen Hochmuthe, bald im de mokratischen Trotze, zu Extremen sich hinreißen lassen und, göttliche und menschliche Gesetze verachtend, vergessen, was sie zur Erhaltung und zum Heil des Ganzen ihrem rechtmäßigen, angestammten Landesherrn schuldig sind. Wenn Königliche Diener und Unterthanen früher ver sichteten auf alle angeborenen, unveräußerlichen Menschenrechte, in unwürdiger, knechtischer Gesinnung in ihren Fürsten Götter der Erde sahen und verehrten, und willenlos sklavisch und unbedingt gehorchten, ihr gnädiges Lächeln als das größte Glück achtend, so hat die Flachheit, Leerheit und Charakterlosigkeit, Falschheit und Lügenhaftigkeit einer solchen entehrenden, unwürdigen Gesinnung gerade in dem schnellen Uebergange zu entgegengesetzten Extremen vor aller Welt sich recht sichtbar an den Tag gelegt. Dem jauchzenden, vom Wcihrauche umdufteten Zurufe voriger Jahrhunderte: „Hosianna in der Höhe! Gelobet'sei, der da kommt im Namen des Herrn!" folgte in dem unsrigen das Zetergeschrei des vornehmen und geringen Pöbels: „Kreuzige, kreuzige ihn!" Nach der Revolution in Frankreich, von der Lichtenberg vorher sagte, daß sie die Runde in Europa machen würde, und nach dem verübten scheußlichen Königsmorde, ist, nachdem die so lange gestandenen Schranken herkömmlicher Ehrfurcht einmal durchbrochen und niedergetreten waren, nie so giftig, so in entschiedener Antipathie, so schonungslos, so wegwerfend, nicht etwa von einzelnen Parthcicn, sondern von der Mehrzahl im Volke, über gekrönte Häupter abge- urthcilt und gerichtet, und zwar so anhaltend und lange, bis das große historische, Napoleon'schc Weltdrama seinen letzten Act auf der Insel Helena erreicht hatte. Nach den ewigen, sich gleichbleibenden Gesetzen und Kräften in der physischen und moralischen Welt wurde die Krankheit der erschlafften, in langer Ruhe cingcschlafcncn Staatskörper, (geschüttelt von der gewaltigen Hand des wunderbaren Mannes) nach eingetretener Krisis, nun auch das Mittel der Genesung und Verjüngung. (8imilin ourautur similidii«.) Derselbe Mann, der vom Lieutenant zum Con- sul und vom Consul zum Kaiser sich cmporgcrungcn; der verblendeten Fürsten in salzigen Thräncn die Augen geöffnet und ihren Uebermuth gedemüthigct; der Völker und Länder unterjocht und seinen zermalmenden Fuß auf ihren Nacken gesetzt: der alte, Jahrhunderte bestandene Verfassungen und Throne umgestürzt und andere Dynastien an deren t4* Stelle gesetzt hatte ^)z der eine neue Welt-Ordnung schuf, und sein geschaffenes Reich für Jahrhunderte gegründet zu haben schien,— derselbe Mann zerstörte selbst wieder sein eigenes, riesenhaftes Werk durch seine Sünde des Egoismus, des Hochmuths, des Ehrgeizes, der Eitelkeit, der Herrschsucht und Maßlosigkeit, die er an andern Regenten so entsetzlich bestraft hatte: und eben er, der die heilige Verbindung zwischen rechtmäßigen Herrschern und ihren angestammten Völkern bei vielen zerrissen, bei allen geschwächt hatte, wurde, nachdem sie in dem Läuterungsfeuer schwerer Prüfungen von ihren früheren Gebrechen gereinigt und geheilt waren, das Werkzeug ihrer Wiederherstellung und segensreichen Befestigung. Das wunderbar Große und Erhabene in der Wcltregierung Gottes, wo sie durch Mittel, die ihr fremd sind, doch ihre Endzwecke befördert und erreicht, ist, wie in allen großen, restaurirenden Weltbegebenheiten, so besonders auch in dieser sattsam klar geworden, und bezeichnet den allein genügenden, ausreichenden Gesichtspunkt, aus welchem das Studium der Geschichte pragmatisch aufgefaßt werden muß, wenn es kein zusammen gewürfeltes Aggregat von Fragmenten bleiben, sondern als Geschichte zur Erziehung des menschlichen Geschlechts in aufsteigender Linie ein in sich verknüpftes, fortschreitendes, großes Ganze werden soll. **) *) An der frohen Tafel eines geistreichen deutschen Kronprinzen war die Rede von Napoleon Bonaparte, und jeder Gast wurde aufgefordert, ein treffende? Wort über ihn zu sagen. Als die Reihe an den Prinzen kam, sprach er: „Er bürstete die Fürsten-Kinder, Und fürstcte die Bürsten-Binder!" Bei der fatalistischen, trostlosen Richtung, welche das Studium der Geschichte in unserer Zeit genommen, verdient die alte, in- Aus diesem erhebenden, stärkenden Standpunkte faßte der König Friedrich Wilhelm III. die Läuterungsperiode nicht nur Seines Volkes, sondern auch, (man kann es ohne Verletzung der Achtung sagen) individuell Seiner eigenen Person, in den leidenschwcren Jahren 1806 — 1812 fest und großartig auf. Aus dieser Seiner Ansicht, Stimmung und Richtung erklärt sich auch allein die geistige Kraft und sittliche Stärke, die stille ruhige Seelengröße, womit Er ohne Bitterkeit und Verbissenheit alle bis zum Uebermaß gehäuften, in raschen, zerschmetternden Schlägen aus einander folgenden Unglücksfälle, verbunden mit zahllosen, persönlichen Kränkungen, großmüthig ertrug. Vielleicht hat es nie einen Regenten gegeben, dem durch sieben drangsalvolle Jahre ein so voller, bitterer Leidenskelch gereicht wurde, als Ihm. Wohl durchzuckte das Bittere desselben Sein ganzes Wesen; aber Er kannte und ehrte die höhere Hand, die Ihm denselben darreichte, mit Fassung trank Er ihn bis auf den letzten Tropfen, und den gläubigen Blick nach Oben hin gerichtet, wurde es Ihm gegeben, auch Seine persönlichen Gegner und Beleidiger mit einer Resignation und Großmuth zu behandeln, die, aus dieser Quelle entsprungen, nur allein rein, wahr und ausrichtig, als wirkliche Gemüthsstimmung geübt und erwiesen werden kann. Die Thräncnsaat, aus welcher diese köstlichen, himmlischen Früchte erwuchsen, wurde an der Seite Seines Lebens- Engels, der herrlichen Königinn, bestellt in den Jahren 1806, 7, 8 und 1809 zu Königsberg, bis wohin Sein mäch- haltreiche Schrift von Lessing: „Uebcr die Erziehung des menschlichen Geschlechts" dringend empfohlen zu werden. tiger Gegner Ihn zurückgedrängt hatte. Hier, am Rande eines schauerhastcn Abgrundes, stand auf dem Feuer heißer Trübsale der Tiegel, in welchem der große und gnädige Schmelzer Ihn läuterte, und wo, abgelöst von Schlacken, der klare, reine Silberblick, der nachher Sein Leben leitete und verklärte, in Ihm aufging. In dieser merkwürdigen Periode, dem eigentlichen Schci- depunkte, wie Seines äußeren, so Seines inneren Lebens, fand der König in dem Oberhosprediger und Superintendenten, dem nachherigen Erzbischofe Do. Borvwsky zu Königsberg einen wahren Apostel des Herrn. Keinem Geistlichen verdankt der König so viel, als diesem originellen, merkwürdigen Manne; keinen hat Er persönlich mehr geschätzt und inniger geliebt, als ihn: keiner paßte auch in der gcsamm- ten Individualität so neliujnat zu der Seinigcn, als er. In den Wehen Seiner Wiedergeburt hat er Ihm nahe- und beigestanden und die frischen und kräftigen Lebenskeimc, aus welchen einige Jahre später die Wiedergeburt des Preußischen Staates erwuchs, hat, wie der unsterbliche, große Minister von Stein politisch, so der Erzbischof Do. Borowsky christlich-religiös gehegt und gepflegt. Es war eine wahre *) In der Chemie bekanntlich der technische Ausdruck für dm Augenblick, wo bei der Auflösung der Metalle in der Mischung ihrer Stoffe die reinen und unreinen, vom Feuer durchglüht, vorher mit einander verbunden, nun sich scheiden, und dann strahlend und glänzend das reine gediegene Gold oder Silber sichtbar wird. — In Carlsbad pflegen unter den Kurgästen die Patienten das wohlthucnde Gefühl eingetretener Genesung mir der Frage zu bezeichnen: „Spüren Sie schon den Silberblick?" In ihm wird der Blick klar, der Sinn frei, das Herz leicht, die Hoffnung fröhlich. 215 Lust, den sonst wortkargen und im Lobe genauen und sparsamen König über diesen Seinen Liedling mit einer gewissen, man darf sagen beredten Zärtlichkeit reden zu hören, und Er stand mit ihm in einem vertraulichen Briefwechsel bis an sein Ende. Einige Jahre vor Borowsky's Tode fragte mich der König: ob ich die (damals) neueste Kunstausstellung in Berlin gesehen? — als ich es bejahet, wollte Er nicht wissen, ob ich die und die, große Sensation machenden, viel besprochenen, köstlichen Gemälde gepriesener neuer Meister, sondern ob ich auch den Kupferstich von Dr. Borowsky (ein kleines Bildchen, das 12 Groschen kostet) bemerkt? Wie ich es bejahet, dann aber hinzusetzte, es sei mir nicht neu, schon längst habe er es mir geschickt und geschenkt, crwicdcrte der König: „Ei, ei — und mir nicht? Der böse, liebe Mann: er weiß nicht, wie gut ich ihm bin und wie lieb mir sein Bildniß ist. Jetzt hängt's aus meinem Schlafzimmer; ich hab's mir gleich kommen lassen. Könncn's ihm nur schreiben. — Cor- respondircn mit ihm?" „Ja, schon längst." „Ist mir sehr lieb. Nicht abbrechen. Das ist ein Mann, von dem man lernen kann. Haben ihm Ihre Krönungs- und Ordensredcn geschickt?" Mich verlangte zu wissen, was es denn eigentlich sei, das Ihm an diesem Geistlichen so besonders Wohlgefallen und Ihn so innig und warm an ihn gefesselt habe. Da aber obige Aeußcrung an der Tafel in Gegenwart vieler Gäste geschah, hielt ich diese Frage zurück und wartete damit, bis ich, bald darauf, den König allein, ohne Zeugen, auf einem einsamen Spaziergange in Paretz sprach, und vernahm 2!6 nun von Ihm folgende, mir unvergeßliche, lehrreiche Mittheilung: „Den Borowsky müssen Sie sich denken als einen Propheten des alten, als einen Apostel des neuen Testaments, und wenn dicß zu viel gesagt sein möchte, so flehet man in ihm doch das Abbild dieses Urbildes. Alles an ihm trägt den Charakter seines Standes, prägnant und fest, milde und heiter, kunstlos und einfach, wahr und ausrichtig. Man stehet und hört in ihm nur den christlichen Geistlichen, ohne alle widerliche Affcctation und Pedanterie. Und so soll und muß es sein, und so ist es auch, wenn der liebgewonnene Beruf den Inhaber durchdrungen hat und zur angeeigneten Natur geworden ist. Gerade dieß vermisse ich schmerzlich bei den meisten Geistlichen unserer Zeit. Jeder Stand giebt dem, der darin lebt und webt, eine eigcnthümlichc, gleich kenntliche Signatur. Der Jurist wurzelt und ruhet in seinem positiven Rechte. Der Philosoph in dem Scharssinne der Alles vor ihr Forum ziehenden speculativcn Bcrnunst. Der Physiker in der Erforschung der Gesetze und Kräfte der Natur. Dem Soldaten ist das gegebene Commando-Wort Form und Norm. Jeder dieser Stände hat eine abgeschlossene, anzubauende Sphäre, und ihre Begrenzung ist es, die ihr Consistenz, Festigkeit und Ruhe, und in dem festen Mittelpunkte die Peripherie giebt. Dagegen finde ich in der evangelischen Geistlichkeit unserer Zeit eine ficht- und fühlbare Zcrflosscnheit und Divergenz, ein Schwanken, Rathen, Wähnen, Meinen, bei dem Einen so, bei dem Andern anders, in der Färbung und Mischung wechselnder Zeit-Ideen." „Ich weiß, Stagnation im Reiche religiöser Wahrheit 2l7 ist Fäntniß und Tod; aber Mutabilität erzeugt Unsicherheit und verliert in der Schwebe zuletzt allen festen Grund und Boden. Persectibilität ist der nie ruhende, herrliche Grundtrieb der menschlichen Natur; aber ohne ein tiefes, festes Fundament giebt es kein sicheres Fortschreiten zum Besseren, und was im Reize der Neuheit eine Zeitlang so ausstehet, ist ein vages Hcrumirrcn und Abspringen, in welchem die Erfahrung sich verliert und ein gewagtes Erperimcntircn wird. Von einem christlichen Geistlichen verlange ich wenigstens das in Wort und That ausgeprägte Bewußtsein eines Dieners der Kirche. Diesen stehet man aber bei Vielen nur in der Amtskleidung, vermißt ihn aber, wenn er im sawigen, modernen Rocke in vermischter Gesellschaft sich der Welt gleichstellt. Ich bin zwar nicht der Meinung, daß der Lehr begriff unserer Kirche nach ihren symbolischen Büchern für immer abgeschlossen sein und bleiben müsse, bin vielmehr überzeugt, daß er, befruchtet von der unerschöpflichen Fülle der heiligen Schrift, und limitirt von ihrer entscheidenden Autorität, mit der fortschreitenden Zeit, ihre Resultate benutzend, sich stets verjüngen und so in der evangelischen Kirche ein immer frisches, thatkrästiges Leben entwickeln und erhalten müsse. Aber ein festes System, worin sie das ist, was sie ist und sein will und sein soll, und wodurch sie sich von anderen unterscheidet, muß sie doch haben und als ihr Heiligthum bewahren, weil eben in dem Gemeinschaftlichen die Gemeinschaft, und in dieser allein die bindende, zusammenhaltende Kraft liegt. Verliert oder zersplittert sich das Object der Kirche in zahllos verschiedene sub- jective Ansichten, in welcher Jeder sich seine eigene Religion selbst macht, statt die in der göttlichen Offenbarung gegebene gläubig anzunehmen, und versteht man unter der Freiheit, dieß thiin zu können und zu dürfen, Protestuntismus, so wird man so lange protcstiren, bis von dem positiven Gehalte und Inhalte des biblischen Christenthums nichts mehr übrig sein wird." „Eine solche Richtung und Stimmung des Zeitgeistes fuhrt offenbar einen anarchischen Zustand in der evangelischen Kirche herbei. Wenn die höheren, gebildeten Stände sich mit Philosophie, Aesthetik und Tages-Lectüre zu helfen suchen, und es fast nicht mehr fühlen, wie sie das Bewußtsein ihres Zusammenhanges mit der Kirche verloren haben, so wird der gemeine Mann, die mittlere und untere Volksklasse, dem sie wenigstens an Sonn- und Festtagen Bedürfnis; ist, irre und weiß nicht mehr, wie sie daran ist und woran sie sich halten soll. Der Glaube der Väter in den Grund-Dogmen unserer heiligen Religion ist, bei dem Wechsel der Systeme und der Gemeinde-Pfarrer, die sie verkündigen, nicht mehr der Glaube der Kinder. Der Sinn für häusliche Privatandachten, die sonst in christlichen Familien an der Tages-Ordnung waren, ist dadurch verdrängt; wo diese nicht mehr geehrt und geübt -wird, erlischt auch die Neigung für die öffentliche, gemeinsame kirchliche Andacht; der geistliche Stand verliert sein früheres Ansehen und Vertrauen, wenn er aufhört, in der bindenden Autorität der Kirche zu sungiren, und dagegen seine eigene, persönliche nicht ausrecht halten kann." „Willkühr und Schwanken in wichtigen Dingen ist mir in der Seele zuwider; aber unerträglich bei den Dienern der Kirche, die den heiligen Beruf der Befestigung, der Aufcr- bauung haben, und doch selbst noch nicht fest geworden sind. 219 Wie mögen sie in übersinnlichen Dingen fest und ihres Glaubens gewiß werden, wenn sie das vorübergehende Farben- und Schattenspiel menschlicher Autorität gegen die unwandelbare und ewige des göttlichen Wortes vertauschen, und dann dieses, — da es sich nicht umwerfen läßt, — ohne alle Analogie mit dem Lehrbegriff unserer Kirche auslegen, modeln, und mit der Wasserfarbe der modernen Zeit anstreichen." „Ich habe in dieser Beziehung die unangenehmsten Er- fahrungen gemacht. Gern besuche ich auch aus Reisen die Kirchen und freue mich, wenn ich es so einrichten kann, dem öffentlichen Gottesdienste beizuwohnen. Aber selten bin ich befriedigt und erbauet. Die meisten geistlichen Herren, die ich hörte, brauchten den biblischen Text, statt ihn praktisch zu erklären und ihn in seiner Lebenskraft in's Herz zu drücken, nur als vorgesetztes Motto und echaussirten sich dann in leeren Redensarten, die in ihrem oratorisch gesuchten Putze mich oft bis zum Unerträglichen ennuyirten. Noch schlimmer ging es mir mit ihnen bei mündlichen Unterredungen. Die Wenigsten standen fest und ruhig vor mir, die Meisten bequemten sich nach meinen Acußernngcn und wollten mir nur Angenehmes sagen: fast Keiner widersprach. Flexibel schmiegten sie sich an jede Meinung an, auch da, wo ich, um sie zu probircn, meine wahre cachirte, und wie mir Schmeichelei von Jedem zuwider ist, so besonders von dem Geistlichen, der, auch vor seinem Landcsherrn stehend, nicht vergessen darf, daß er in seiner hohen Würde, als ein Diener Jesu Christi, überall ein sreimüthiger Zeuge der Wahrheit sein soll." 220 »Ein solcher war und ist mir mein lieber Borowsky, und eben darum habe ich ihn so liebgewonnen. Er stand mir und ich ihm nahe, in einer schweren, drangsalvollen Zeit, wo ich, des Trostes bedurstig, auch für denselben empfänglich war. Aber nie brauchte er calmircnde Palliative, immer radicale Mittel, auch wenn sie herbe waren und wehe tha- ten. Das Unglück der Zeit, welches mich, mein Haus und Land getroffen, übertünchte er nicht mit einschläfernden Entschuldigungen; er deckte es vielmehr in seinen wahren Grundursachen freimüthig auf, legte diese mir klar vor Augen und schonte mich nicht. Alles, was er mir sagte, war kein sogenanntes unmaßgebliches Gutachten, kein wohlgemeinter Rath, wo die Befolgung oder Nichtbefolgung von meiner Willkühr abgehangen hätte, — Alles, in biblischen Sentenzen abgefaßt, war Wille und Befehl Gottes, und galt mir als solcher. Er machte mich namentlich bekannt mit der prophetischen Theologie, von der ich vorher nie ein Wort gehört hatte. Er bewies mir aus der Geschichte der Welt und ihren historischen Thatsachen, gestellt in die Beleuchtung biblischer Weissagungen, sonnenklar, daß die göttliche Wclt- regierung gebesserte Wölker noch immer wieder erhöhet, und noch immer die hochmüthigen, verderbten, gedemüthigct hätte. Mit heiterer, ruhiger Zuversicht kündigte er mir eine bessere, glücklichere Zeit an, fest überzeugt, daß die über uns gekommene, schwere Prüfung, gut benutzt und treu ausgehalten, ganz gewiß das Mittel und der Weg zu einer größeren Wohlfahrt werden würde." „Wenn ich, umnachtet von der dunkeln, verhängnißvollen Zeit, zweifelte und nach dem Wie, Wo und Wann? fragte, ward er auf die liebenswürdigste Weise unwillig, faßte mich 221 bei den Rockknöpfcn, klopfte mir auf die Schulter, schüttelte mir die Hand, und sprach mit dem Ernst und der Würde eines Nathan, vor mir stehend: „Sie müssen glauben lernen. Dem Menschen geschieht, wie er glaubt." Alles das war mir sachlich und persönlich neu; so hatte noch nie Jemand zu mir gesprochen. Die ernste, oft schneidende Freimüthigkeit entfernte mich nicht: zog mich vielmehr, da sie sichtbar der Ausfluß der reinsten Theilnahme, ich muß sagen einer gewissen frommen, zärtlichen Bcsorgniß war, um so inniger zu dem originellen, herrlichen Manne hin und sein Umgang wurde mir unentbehrlich. Auch die Königinn, die in Ihrem edlen und reinen Gemüthe eine so rege Em- pfänglichkeit für alles Wahre und Erhebende hatte, fand Wohlgefallen an ihm und bat mit mir, daß er uns täglich Abends zum Thee, auch uncingeladcn, besuchen möchte. Er kam aber nie anders, als wenn er jedesmal besonders dazu aufgefordert war; häufiger noch deprecirte er, mit der Anzeige: er habe keine Zeit." „Als nach längerer Abwesenheit ihm die Königinn darüber freundliche Vorwürfe machte, antwortete er: ich befolge darin den Rath der heiligen Schrift, welche spricht: „Dränge dich nicht in der Könige Häuser!" aber er sagte das in einem so treuherzigen Tone und in einer so heitern Gut- müthigkeit, daß in seinem Munde auch die unangenehme Wahrheit nie verletzte, sondern immer wohlthat. In Allem, was und wie er war und sprach, lag ein Stachel, der nicht verwundete, aber weckte und zum Nachsinnen anzog. Er ist dabei ein angenehmer, unterhaltender, oft witziger Gesellschafter, mit einem unbefangenen, kindlichen Gemüthe, und, bei der frugalsten Lebensweise nie von seinem Körper gc- drückt, stets froh. *) Nie hat er mich um Etwas gebeten, nie für seine Person irgend einen Wunsch geäußert: das um eigennützigste, reinste Wohlwollen fesselte ihn an mich." „So ist mir der seltene Mann in jeder Lage, und auch in der trübsten Stimmung, wo ich am Liebsten sonst allein bin, stets neu geblieben. In christlich-religiöser Kräftigung und Stärkung-verdanke ich Keinem so viel, als ihm. Er hat mich zu einer gewissen, bestimmten und positiven Festigkeit gebracht, ohne mir den Sinn der Achtung und Schonung für allgemeine, liberale und freie Ansichten zu nehmen. Wissend, woran ich für meine Person bin, und was ich zu glauben, zu bewahren und zu vervollkommnen habe, bin ich ruhiger und toleranter geworden bei der unendlich sich wechselseitig anfeindenden Verschiedenheit menschlicher Urtheile. Besonders hat Borowsky, durch stete Hinwcisung auf das Höchste, mir auch vorzüglich geholfen, die Bitterkeit, die in dein zerschmetternden Jahre 18W in meinem Gemüthe sich festsetzen wollte, zu mildern, und dadurch mich geneigt und fähig gemacht, auch meinen persönlichen Gegnern und Feinden verzeihen und Gutes thun zu können." So sprach der unvergeßliche Herr, bald gehend, bald stille stehend, bald sich setzend, bald an einen Baum sich an lehnend, ernst und würdig, mit rückhaltloser Offenherzigkeit llber diese Seine schwerste Passionszeit: und wenn ich das aus Seinem Munde Vernommene hier treu und wahr dem Sinne und Inhalte nach rcfcrire, so vermag ich's doch nicht, Borowsky ist bekanntlich einige M Jahre alt geworden, und hat bis an's Ende sein Amt rüstig und heiter verwaltet. 223 dieser Mitteilung den wunderbaren Reiz der edlen Einfalt und Schmucklosigkeit, in welcher Er dachte, fühlte und sich ausdrückte, wieder zu geben. Er schloß, indem Er emporblickte und die Hände faltete, mit den Worten: „So hat Gott in Allem, auch der schwersten Roth, wunderbar geholfen und gesegnet. Ihm allein die Ehre und der Dank!" Die wie ein rother Faden in dem Gewebe der Geschichte des menschlichen Geschlechts sich sortwindende, große Wahrheit, daß die Einleitungen zu neuen verbesserten Zuständen, im Kleinen, wie im Großen, im Einzelnen, wie im Ganzen, von der göttlichen Vorsehung immer im Stillen, unbemerkt, ohne alles Geräusch getroffen und vorbereitet werden, der Welt aber verborgen bleiben, bis die Zeit der Entwicklung und Reife gekommen, tritt auch hier aus ihrem heiligen Schleier hervor. Wer hätte es ahnen können, daß die Zeit der tiefsten Erniedrigung in dem Leben des Königs solche reiche Befruchtung für die Zukunft stille und unbemerkt in sich schloß, und daß gerade in der wichtigsten Beziehung dazu vorzüglich ein Mann mitwirken mußte, der zu der Individualität des Königs am Besten paßte, und alle Kräfte und Eigenschaften besaß, die, in dem Charakter des schwergeprüften Dulders liegenden, herrlichen Keime für eine große Palingencsic zu nähren und zu befestigen! Wenn der damals mächtige, aber von der, jedem Usurpator beiwohnenden geheimen Furcht stets gequälte und gejagte Kaiser Napoleon die Entfernung des Ministers von Stein, von dem er wohl einsah, daß derselbe ihm gefährlich werden könnte, als Bedingung in die Artikel des Tilsiter Friedens aufnahm, so ahmte er gewiß nicht, welche verborgenen Schätze der einfache, schlichte Priester in das Schloß zu Königsberg So hat die Welt auch erst späterhin, nachher erfahren, was den König Friedrich Wilhelm III. befähigte und stärkte, die schwere Zeit heißer, ungewöhnlicher Prüfungen so aufzufassen und zu benutzen, daß sie nach den ewigen Gesetzen der sittlichen Wcltorduung für Ihn die Einleitung zu einer besseren, glorreichen Zeit wurde, und von Ihm, dem Haupte, ein neues verjüngtes Leben in den ganzen Staatskörper floß. Der Weg, der zu dieser Höhe führte, war steil uud dornenvoll und lang, wie ihn selten ein König gegangen ist. Das Maß Seiner bittern Leiden war so groß und voll, daß uns der Maßstab fehlt, um nach Seiner ganzen Individualität es richtig würdigen zu können. Mit dein Einen Schlage am 14. October I8vt> war die ganze Monarchie zerschmettert und siel ohne alle innere Haltung in Fragmente auseinander. Alles wankte und stürzte, wie von einem fürchterlichen Erdbeben untergraben, erschüttert, ohnmächtig zusammen. Muth- losigkeit und Furcht hatte sich aller Gcmüther bemächtigt, und der losgelassene, wüthende Orkan beugte, stürzte um und zerriß auch diejenigen, die man stark und muthig geglaubt und auf die man sein Vertrauen gesetzt hatte. Von der trug, und mochte, wenn er je von ihm gehört haben sollte, dessen seinen Hohn und Spott gehabt haben. Das tiefe Wort des Apostels: »Was thöricht, klein und verächtlich ist vor der Welt, erwählt Gott, auf daß er zu Nichte mache, was sich weise dünkt," steht in der Genesis großen Weltbcgebenhciten, Erfindungen, Wissenschaften und Künsten, mit leuchtenden Buchstaben als Schibolcth geschrieben; aber, wie Luther naiv sagt, in hebräischer Handschrift, die man von hinten, u puste- i'iori, lesen muß. 225 Taktik Friedrich des Großen, auf deren Lorbeeren man eitel und hochmüthig eingeschlafen, war nur noch der todte Buchstabe übrig und der belebende Geist längst entflohen. Die Verblendung und der daraus entspringende dünkelhafte Ueber- muth hatte den höchsten Grad besonders bei den Vorgesetzten und Truppen-Anführern erreicht. Beim Ausmarsch hörte ich einen Obristen sagen: es thue ihm leid, daß man der Helden-Armee Friedrichs im Kampfe mit den Franzosen Degen, Gewehr und Kanonen gäbe, Knüppel würden hinreichen, die Hunde zurückzuschlagen? und auf meine bescheidene Entgegnung: man müsse seinen Gegner nicht gering schätzen! konnte ich kaum seinen brüsquen Injurien entgehen. Kein Wunder, daß, bei solcher Aufgcdunsenheit und Leerheit, Napoleon schon vor der Schlacht des Sieges gewiß war, und Tages vorher, als er beim Recognosciren von der Höhe herab die Preußische Armee und ihre Stellung perspicirte, höhnisch ausrief: Illn ees peiucjnes In, Iis se ti ompei aut lüiien- sement. Das Unerhörte, das Entsetzlichste geschah: tausend bewaffnete Preußen flohen feige vor Hundelt Franzosen? alle Pässe, Zugänge und Thore wurden ihnen geöffnet, und alle Städte, auch die befestigten, eine leichte Beute. Die Festungs- Commandanten, bis dahin gefeierte Namen, die das Vaterland mit Achtung und Vertrauen genannt, Männer, die der König mit Ehren und Würden geschmückt, mit Wohlthaten und Gütern überhäuft hatte, — fast Alle, nicht achtend den Unwillen redlicher Bürger und verachtend die schnaubende Wuth braver Soldaten, übersiel ein Zittern und Zagen, sie übergaben bei den vollständigsten Mitteln der Vcrtheidi- gnng, ohne Schwcrdtschlag, demüthig den satyrischlächcln- dcn Siegern die Schlüssel der Festungen und brandmarkten dadurch in der vaterländischen Geschichte ihre Namen 15 mit unauslöschlicher Schande. Nein, tiefer ist wohl nie ein edler, gerechter, milder, ritterlicher König gekränkt, keiner in seinen pflichtmäßigen Erwartungen bitterer getäuscht, keiner schnöder mit dem schwärzesten Undank gemißhandclt, wie Friedrich Wilhelm III., und bei der Beschaffenheit Seines redlichen, ticffühlendcn Herzens und reinen Charakters, hat wohl nie Einer mehr und länger gelitten, als Er. Zu den Leiden, welche die allgemeine Ealamität Seinem landesväterlichen Herzen bereitete, kamen nun auch nach besondere, die zahllosen mittelbaren und unmittelbaren persönlichen Kränkungen und Injurien, die Ihm schäm- und re- spcctlos nicht von den übcrmüthigen, flegreichen Feinden allein, sondern auch im Lande selbst, sogar von Menschen, die Ihm als Seine Diener früher nahe gestanden, zugefügt wurden in Pasquillen und anonymen Schriften, die wie vergiftete Pfeile die Satanität auf Ihn abdrückte. Dem bitteren Geschick, im Unglück verkannt, verhöhnt, beschmutzt und verspottet zu werden, das von jeher alle ausgezeichneten Männer traf, entging Er nicht. Es schüttete vielmehr sein scharfes Geschoß im reichsten Maße über Ihn aus und schonungslos wurde Er gemißhandelt. Die alte Fabel, in welcher nach dem kran kcn Löwen selbst ein Esel schlägt, (ejunsi nsiuu« ine vul- «Iti-nssst) erneuerte sich in mancherlei Formen und Farben, selbst in pcrsiflircnden Kupferstichen, und bekundete damit die gemeine flache Denkart und Gesinnung, die den Werth der Menschen und Sachen nur nach dem jedesmaligen sichtbaren Erfolg würdiget, aber keine Ahnung von den tieferliegcnden Quellen und Lebensprincipien hat. Ein und derselbe Mann wird nach diesem vulgären Maßstab bald groß, bald klein, je nachdem ihm seine Unternehmungen gelingen, oder mißlin- 227 gen, und im Gange großer erschütternder, Alles rnnkehrendcr Wcltbegcbenheiten giebt es Zeiten der Berauschung und Um- nebelung, in welchen das öffentliche Urthcil, wenn auch nicht des Walkes, dach seiner Tonangcber und Sprecher, im Lobe aus der einen und im Tadel auf der andern Seite maßlos wird. Eine solche Zeit der Berauschung und des optischen Betruges war die damalige, vorzüglich in der Schriftsteller- Welt; und selbst die Gelehrtesten und Besten standen, ohne es einsehen zu können und zu wollen, unter dein Einflüsse dieser Circe. Das Ideal aller Herrschergrvße für Vergan- gcnheit, Gegenwart und Zukunft, war ihnen der Alles besiegende Kaiser Napoleon, und sie gefielen sich darin, in dem- selbigen Grade, als sie ihn crhöheten, den gedemüthigten Kaiser von Oestreich und den König von Preußen herabzusetzen. Wie von der Tarantel gestochen, bewegten sich selbst kennt- nißreiche und gründliche Geschichtskenner in solchem Gaukel- tanzc; Taufende sangen und sprangen nach derselben Melodie, und warum sollten sie nicht, da ja selbst der Koryphä'us Johannes Müller, der berühmte Verfasser der Geschichte der Schweiz, oft der deutsche Tacitus genannt, seine gewünschte und erstrebte ehrenvolle Stellung, als Preußischer Historio- graph zu Berlin, nach dem Tilsiter Frieden gegen eine Anstellung bei dem neu creirten Französischen Könige von West- phalen, Hieronymus, zu Cassel vertauschte, und dann der bisherigen Preußischen Monarchie als einer für immer begrabenen Leiche ein Todtcnlied sang. Ucberreichte doch eine namhafte deutsche Universität, in allen ihren Facultäten, nach der Schlacht von Auerstädt und Eylau dem Kaiser Napoleon bei seiner Anwesenheit eine prachtvolle Himmelskarte, auf welcher sein Name als ein ewiger Stern der ersten Größe glänzte! Nie werde ich in dieser Beziehung einen Besuch vergcs- sen, den ich aus meiner Reise von Hamm nach Potsdam, (um daselbst mein Amt als Hofprediger, wozu ich im Frühjahr I8W berufen war, anzutreten) im Anfange des Jahres 1807, auf meiner Durchreise in Helmstädt bei dem Abte D. Henke machte. Er war bekanntlich ein geistreicher, lebendiger, kräftiger, hochaufgcrichteter, stattlicher, angenehmer, wohlwollender Mann; als gelehrter Theolog hochgeachtet und als kirchcnhistorischer Schriftsteller der erste und berühmteste seiner Zeit. Er hatte damals kurz vorher in der Univcrsi- tätskirche zu Helmstädt an dem gefeierten Geburtstage des Kaisers Napoleon auf den mächtigen Mann eine Lobrede gehalten, die, wenn auch nicht in religiöser, doch in politischer Hinsicht ein Meisterstück parlamentarischer Beredtsamkeit war. Er stellte den großen, wunderbaren Heros als den Mann dar, den die göttliche Vorsehung geweckt und gesandt habe, in das erschlaffte und abgestorbene Europa neues Leben zu bringen. Er sei der Mann des Jahrhunderts, der alle Kräfte in sich trage, eine Univcrsal-Monarchie zu gründen, solche mit seinem Geiste zu durchdringen und alle membim 7, hatte ich vielen Umgang mit ihm und er besuchte mich fast täglich. Wenn wir gleich im Po Mischen Antipoden waren, oft heftig aneinander kamen, und er schimpfte und tobte, was ich nachdrücklich in ernster Rüge zurückwies, so kam er doch immer wieder, und ich läugne nicht, daß ich an dem originellen, unterrichteten, beredten Manne doch auch oft meine Freude hatte. Kein Mensch konnte das Unglück der Zeit, den tiefen Fall Preußens, inniger empfinden, als Massenbach. Er rang, mit seinem riesenhaften Schmerz und weinte oft laut. Des Trostes bedürftig, konnte er, wie ich auch auf ihn einredete, doch selbst in der Religion keine Beruhigung finden, weil er in Allein, was geschehen, keine höhere göttliche Fügung, sondern nur das trostlose Werk menschlicher Kurzsichtigkcit sah, und wobei er den König am Bittersten tadelte. Er hielt den Preußischen Staat für rettungslos verloren, und meinte, seine bisherige Größe sei einzig das Werk Friedrichs des !I. Diese Größe sei kcineswegcs die Frucht entwickelter National-Kraft, vielmehr das künstlich zusammengesetzte Gebilde eines schöpferischen Genie's. Es müsse nothwendig zusammenstürzen, da der Mann, der es geschaffen und gehalten, nicht mehr da, und ein Anderer, eben so groß, als Gegner aufgetreten sei nnd mit Einem Stoße es zertrümmert habe. Preußen in seiner ganzen geographischen und politischen Lage auf allen Seiten von mächtigen Nachbarin umschlossen und eingeklemmt, könne naturgemäß in den Europäischen Staaten, beim Mangel innerer Kraft, einer größeren gegenüber, sich in seiner bisherigen Rolle auf dem "l'lieutro mnneli nun und nimmermehr halten: es sei aus mit ihm, und es werde, wenn der mächtige Sieger, 249 mit dem eine neue Weltordnung begonnen, großmüthig handle, höchstens ein Markgrafthum übrig bleiben. Diese unglückselige Idee mar bei Massenbach eine fixe geworden und er trug sie vor wie ein Besessener, mit einer flammenden Begeisterung, die erschreckte. Von falschen Prämissen, die ihm Axiome waren, ausgehend, kam er auf die ungeheuersten Folgerungen, die das Unerhörteste verlangten. So las er mir eine an den König gerichtete Jmmcdiat Vorstellung vor, in welcher er in einer fließenden, beredten Sprache seine Ansicht über den Stand der Sache unverhohlen aussprach. „Allein für sich (das war der Inhalt) könne Preußen nach dem getroffenen Unglück nicht bestehen, es bedürfe einer Anlehnung und Stütze. Nußland und Ocstreich gewähre sie nicht mit Sicherheit, denn Beide meinten es nicht redlich und aufrichtig. Das einzige radicale Rcttungsmittel sei unbedingte Hingabc an Frankreich und seinen großen Beherrscher. Alles käme nur darauf an, ihn zu gewinnen, wenn nicht Alles verloren sein sollte. Um aber auch den entschwundenen Geist der Einsicht und des Muthes wieder zurück zu führen, müsse bei jedem Landescollcgium als Chef- Präsident, und bei jedem Preußischen Regiment als General, ein vom Kaiser Napoleon gewählter, geborener Franzose angestellt, und, als Unterpfand der Redlichkeit der Gesinnung, vor Allem zuletzt noch der Kronprinz von Preußen nach Paris geschickt und unter dem belebenden Einflüsse des Kaisers erzogen werden," u. s. f. „Wie, Herr Obrist?" rief ich entrüstet aus, „das wollen und können Sie als Preußischer Ofsicier und als Mitglied des Gcneralstabcs Ihrem Könige sagen? fühlen Sie denn nicht, daß das der entsetzlichste Hohn und Spott ist!" „Nein," erwiedcrte Massenbach heftig, „das ist mein voller, ausrichtiger, durchdachter Ernst. Ein'anderes Rettungsmittel, als das von mir hier vorgeschlagene, gicbt es nicht. Wer es mit dem unglücklichen Könige redlich meint, wie ich, der muß Ihm die Augen öffnen. Geben Sie mir Licht und Siegellack, mein Siegel habe ich bei mir; ich will dann den Brief gleich zur Post bringen." „Da soll mich," war meine Antwort, „Gott vor behüten, daß eine solche Schandschrift in meinem Pfarrhause gesiegelt werde." „Herr," schrie er, „Sie tappen auch in ägyptischer Finsterniß!" verließ mich jähzornig, schlug heftig die Thüre hinter sich zu, und ich glaubte, er würde meine Schwelle nie wieder betreten. Aber nach drei Wochen kam er wieder; ernst, ruhig, und gebeugt sprach er: „meine redliche Absicht ist gänzlich verkannt. Da lesen Sie des Königs Antwort," welche kurz so lautete: „Euren Rath habe ich nicht verlangt und habt Ihr Euch nur wegen Eures feigen Benehmens bei Prenzlow zu verantworten." Es trat eine unangenehme, peinliche Stille ein, die Masscnbach damit unterbrach, daß er sagte: „Der König thut nicht wohl, meinen Rath zu verwerfen; aber Sein Vorwurf ist gerecht. Unerklärliche Geistesabwesenheit, unbegreifliche Niedergeschlagenheit und Muthlosigkeit, der ich mich schuldig gemacht! Ich habe nicht Thränen genug, mein Unglück zu beweinen. Könnte ich doch helfen! Ein Weg und Mittel ist mir noch übrig; ich will an den Minister von Stein Ichreiben, und ihm meine zurückgewiesene Vorstellung an den König zur Beherzigung vorlegen." 25 l „An dm Minister von Stein?" siel ich ein, „den Fran- zoscnhasser, der in seiner deutschen Energie es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, der gräulichen Usurpation entgegen zu treten?" „So war er, (meinte Masscnbach) aber so ist er jetzt nicht mehr. Der Staar ist ihm gestochen; er begreift nun die neue Zeit und ihre verjüngende Tendenz." „Nehmen Sie sich in Acht, Herr Obrist, (bemerkte ich) daß der scharfe Mann Sie nicht sticht!" aber er ließ sich nicht warnen und der Brief ging ab. Als er wieder zu mir kam, trat er hastig ein und warf mit den Worten: „Infam!" einen Brief auf den Tisch. „Lesen Sie die Antwort vom Minister von Stein!" Sie lautete also: „Da ich nicht auf dem erhabenen, intcllcctucllen Standpunkte stehe, mich zu Ihren großen und kühnen Ideen erheben, nnd nicht auf dem politischen, sie in's Leben wecken zu können: so schicke ich sie in der Anlage, als für mich gänzlich unbrauchbar, zurück, und bin mit der Ihnen gebührenden Achtung," u. s. s. „Ist das nicht zum Verzweifeln?" rief, heftig auf- und abgehend, Massenbach. „Der König ist doch noch in seiner Antwort ernst und ehrlich; dieser Mensch aber sarkastisch und spöttisch. So weit isss mit mir gekommen, daß ich mir das muß gefallen lassen. Es wird immer ärger und unerträglicher." u. f. f. In dieser Aufregung, Verblendung und Bitterkeit verließ Massenbach, als der König im Jahre l8l>!) nach Berlin zurückkehrte, den Preußischen Staat, und ging in sein 252 Vaterland Würtcmberg, nach Stuttgart. Es ist mit dem Abtreten aus einem geschästvollen, thätigen, angeregten Berufsleben, und dem Hineintreten in den Stand der Ruhe und Gcschäftlosigkcit eine eigene, bedenkliche Sache. Hat man nach vicljähriger, gemeinnühlicher, redlicher Thätigkeit dcn i nn crn Seelenfrieden als des Lebens bestes Resultat errungen, dann kann die äußere Ruhe wohl die innere fördern und bereichern, und eine gluckliche Verborgenheit in unabhängiger Selbstständigkeit dem noch übrigen Neste der Jahre eine selige Erguickung gewähren, die nur allein eine solche innere und äußere Ruhe dem sehnenden Herzen geben kann. Rone vivit, beno Thaler leben?" „O ja, recht gut." „Wie machen Sic das?" „Ich halte den alten Grundsatz praktisch scst, daß in keinem Falle meine Ausgabe größer werden darf, als meine Einnahme; dann bleibt immer noch etwas über." „Bortrefflich! Graf Bülow, hören Sic, da können wir von dem Herrn Pastor noch lernen. Die Ausgabe darf bei gutem Haushalte die Einnahme nie übersteigen. Wir kehren es oft um, und sagen: Soviel brauchen wir, also müssen wir auch soviel haben. Viel gelitten im Kriege, Herr Pastor?" „Nicht mehr, wie andere Gemeinden; auch unser Losungswort war und blieb an jedem oft schweren Tage: Mit Gott! für König und Vaterland! und so hat der allmächtige Gott gnädig durchgeholfen und Alles herrlich hinausgeführt." „Sehr gut; gefallen mir; haben auch diesen Morgen vortrefflich gepredigt." „Majestät müssen so vorlicb nehmen; es war eine Predigt für Bauern; ich ahmte nicht ein so glänzendes Auditorium." „Sehr gut, daß Sie das nicht gewußt haben; hätten sonst vielleicht an Ihrer Rede gekünstelt und mancherlei Floskeln angebracht, wie manche Herren das lieben. Das Wort Gottes floskelt und künstelt nicht, ist immer klar und tief; kein anderes in der Dorf-, als in der Hofkirche; und in die Kirche geht man nicht, um sich zu amüsiren, sondern um sich zu bessern; und das haben Alle ohne Unterschied nöthig. Haben sehr gut über den Undank der Menschen gesprochen; auch wohl darin unangenehme Erfahrungen gemacht?" „Ach, Majestät, ohne das kommt Keiner durch. Nach meinen kleinen und geringen Verhältnissen bin ich auch nicht verschont geblieben; ich bin oft belogen und betrogen, am Meisten von denen, welchen ich gedienct und Gutes gethan habe, von vermeinten Freunden. Der König sagte darauf leise, doch hörbar: „Pont oonimo olio?: non.^!" und dann lauter: „Man muß nur das Ganze im Auge behalten, wenn man mit Individuen nicht mehr zufrieden sein kann," und indem Er sich über's Gesicht strich: „I:ri«so2 pn«««zv." Inzwischen wurde Champagner präsentirt. Als dein Pastor Karsten auch ein Glas vorgesetzt wurde, sah ihn der König freundlich an und sagte fröhlich scherzend: „Nicht wahr, Herr Pastor, wenn Sie Sonntags ermüdet aus der Kirche kommen, trinken Sie mit Ihrer Familie auch wohl ein Gläschen Champagner?" „Ach gnädigster Herr, diesen Wein habe ich bis jetzt nut dem Namen mrch gekannt; wie freue ich mich, daß ich ihn zum Erstenmal an der Tascl meines gnädigen Landesherrn trinken darf! Erlauben mir Ew. Majestät, dieses Glas (aufstehend und sich verbeugend) auf Ihr hohes Wohlergehen zu leeren!" und der König nahm das Seinige, dankte und stieß herzlich mit dem wacker», glücklichen Pfarrer an. Aber er sollte noch glücklicher werden: denn nach aufgehobener Tafel winkte mir der König und sagte: „Der Pastor Kärstcn ist nicht bloß ein guter Prediger, er ist auch ein ' heiterer, klarer, gutmüthigcr, tactfcstcr Mann; er soll die Pfarre in Ketzin und Paretz haben, — sagen Sie ihm das." Erstaunt rief der überraschte Mann aus: „Nein, das ist zuviel für einen Tag! mehr, als ich fassen und tragen kann." Eine lange Reihe von Jahren verwaltete er das ihm in guter Stunde gewordene angenehme Pfarramt, zur Zufriedenheit des Königs, der ihn, so oft Er Sonntags in Pa- retz war, jedesmal gern hörte und immer zur Tafel zog. Nach dessen Tode gab Er zweien seiner Söhne bis zu ihrer Versorgung und Anstellung ein angemessenes Jahrgehalt. Einmal empfangene angenehme, gute Eindrücke bewahrte der unvergeßliche Herr im treuen Herzen, nnd das Wohlwollen, welches Er Bätern geschenkt, ging mit Seinen Wohlthaten auf die Kinder über. Der König hielt, wie im Staate, so auch in Seinem Hanse streng auf Gesetz und Ordnung; wenn aber in jenem der consequcntc Ernst der Verwaltung im geschlossenen Jn- stanzenzugc der Behörden Alles umschloß und jede Anomalie Zurechtweisung fand, so athmete und waltete in diesem der hausvätcrliche Geist der heiteren Liebe und milden Schonung, so daß in Seinem Hause sich Alles, namentlich auch Seine Dienerschaft, glücklich fühlte. Zwar ehrte Er das Herkömmliche und bewahrte es mit einer gewisse!? Pietät, hielt alle. Formen, als Träger der Sache, fest, und dieserwc- gen hatte Alles in Seiner Umgebung seine festen Grenzen, so daß auch das (Zeremoniell nicht verletzt werden durste; aber Er schätzte den todten Buchstaben des lebendigen Geistes wegen, der darin, als in einem Körper, wohnte. Darum nahm Er es nicht strenge und genau, wenn in täglich vorkommenden kleinen Dingen hie und da gefehlt wurde, und besaß die, jedem Familienvater zu wünschende, schöne Kunst, Verstöße, aus (Übereilung begangen, leicht zu nehmen und humoristisch-scherzend abzumachen. Kleine Fehler erhalten durch scharfe, bittere Rügen oft erst die Gestalt und die Farbe grober Vergehungen, von denen doch der Bestrafte sich rein und frei weiß; dieß erbittert und wendet das Herz ab, erzeugt Mißtrauen und Verstocktheit. Der Herr muß, wie in seinen äußeren Verhältnissen, so auch in seiner Ge- sinnung, über dein Diener stehen. Ein Band, das ihn scssclt und im Gehorsam erhält, muß dasein, und das Bewußtsein der Unterordnung darf sich nicht verlieren; aber gewiß wird es mehr durch Nachsicht und Heiterkeit, als durch Härte und Morosität geweckt und wirksam. So ist es schon in jedem Haushalt, am Meisten aber in dem landesherrlichen, der auch in dieser Nüancirung eine noble, vornehme Signatur haben muß. Diese trug Alles im Hause des Königs lind sie war um so angenehmer, da sie, entfernt von aller ängstlichen cerc- moniösen Steifheit, im gefälligen Gewände der Behaglichkeit erschien. Jeder fühlte gleich: hier ist gut sein, hier ist Jeder glücklich! Diese wohlthucnde Stimmung, die das Ganze still durchdrang, bewirkte der König durch Seinen konsequenten ruhigen Ernst, den er heiter färbte mit einem scherzenden Humor, wohl wissend, daß nur in ihm sich viele, täglich vorkommenden, indifferenten Dinge am Besten abmachen lassen. Die Dienerschaft war damit beschäftigt, in Potsdam auf dem Schlosse die Mittagstafel zu decken, als der Hosmarschall, ein ernster, accurater Mann, beim Hcrcintreten in den Speisesaal, sehen mußte, daß einer von den Laquaien eine von den auf einem Nebentische stehenden Boutcillcn an den Mund gesetzt hatte und in starken Zügen daraus trank. Erschreckt durch die unerwartete Anwesenheit des unmittelbaren Vorgesetzten, setzte der Trinker schnell ab, und begoß seine weiße Weste mit rothem Wein. Wie eben der Hofmarschall, entrüstet über ein so unanständiges, streng verbotenes Betragen, dem Schuldigen Dienst-Entlassung ankündigte, kam 267 glücklicherweift der König und war Augenzeuge der komisch- tragischen Scenc. Das Niederknien des armen geängstcten Mannes wies der König unwillig mit den Worten zurück: „Kein Mensch darf vor einem Menschen das Knie beugen! geziemt sich allein bei ernste.n Dingen vor Gott; aufgestanden! Mal wieder durstig sind, wvisteu Wein trinken, damit die Weste mit dein rothen nicht so befleckt werde. Dicßmal vergeben sein; und," setzte Er lächelnd hinzu, „den Hofmarschall nicht wieder aufbringen! Zeder muß seine Pflicht thun." Und der gerettete, beglückte Diener erfüllte sie von dieser Zeit an mit der pünktlichsten Aufmerksamkeit. Der Königliche Ernst hatte ihn gedemüthigt, der freundliche Scherz ihn mit Vertrauen erfüllt. So fesselte der König in der glücklichsten Mischung Seines Wesens Alles an sich und Seine Person, und in Seiner nächsten Umgebung war auch nicht Ein Herz, das' nicht treu und fest an Ihm gehangen hätte. In Seiner heitern, humoristischen Stimmung liebte Er vorzüglich die Kinder, scherzte gern mit ihnen, und hatte selbst an ihrem Muthwillcn Seine Freude. Wie in jeder Stadt, so spielen besonders auch in dem lebensfrohen Berlin die Straßenjungen eine öffentliche Rolle, und bereiten manche lustige Scenc. In gesammelten Zügen ziehen sie oft einher und singen National-, Spott- und Gas- scnlieder. Wehe dem, der irgend einen bekannt gewordenen Skandal hat auslaufen lassen, der von ihnen (instigirt von einem hinter den Coulissen stehenden Satpriker) besungen wird! rettungslos ist er dann, wenigstens auf mehrere Tage, das Mährchcn der Stadt und die Zielscheibe ihres Witzes und Spottes. Der verewigte derbe und humoristische Singcmei- ster, Professor Zelter, hatte vorzüglich seine Freude daran, und es war ihm ein wahres Gaudium, wenn er den Zügen solcher singenden Straßenjungen nachgehen und selbst mitsingen konnte. Eine solche harmlose, fröhliche Scenc ereignete sich im Frühjahr 1827 vor dem Palais des Königs, als Er, von Seinem Beinbrüche glücklich hergestellt, wieder an den Fenstern Seiner Wohnzimmer nach der Straße hin erschien. Hierauf hatten, wie das ganze Ihn liebende Publicum, auch die Straßenjungen gewartet. Den rechten, günstigen Augenblick treffend, versammelten sie sich in großen Hansen, und wie der König eben an das offene Fenster trat, warfen sie jubelnd ihre Mützen in die Höhe, und sangen melodisch: „Heil Dir im Sieger-Kranz, unserm König sind die Beine wieder ganz." Statt milzsüchtig darin einen respectwidrigen Straßen- Unfug zu sehen, hatte vielmehr der heitere, kindliche Herr daran Seine Freude, lachte von Herzen, ließ den ganzen Schwärm in den Schloßhof kommen und die Kinder mit Kuchen und Obst beschenken. H ") Friedrich der Große war, wenn er in den stillen Straßen seiner ihm vorzüglich werthcn Residenzstadt Potsdam sich aus seinem alten Mollwitzcr Schimmel sehen ließ, gewöhnlich von einem Schwarme Straßenjungen umgeben, an denen er seine Freude hatte. Sic nannten ihn „Papa Fritz," bezupftcn sein Pferd, faßten die Steigbügel an, küßten ihm die Füße und sangen 269 Diese humoristische Heiterkeit des Königs war mit einer gewissen Kindlichkeit des Gemüthes verbunden, in welcher Gleim'sche Kriegs- und Volkslieder, von denen der alte Herr vorzüglich das „Victoria! mit uns ist Gott, der stolze Feind liegt da," gern hörte. Als sie an einem Sonnabend Nachmittag es mal zu arg machten, hob Friedrich seinen Krückstock in die Höhe, mit den Worten: „Schäkers, geht in die Schule", und die fröhlichen Knaben riefen laut: „Papa Fritz weiß nicht mal, daß Sonnabend Rachmittags keine Schule ist." Als er nach beendigtem siebenjährigen Kriege nach Sans-Souci ritt, sah er am Brandenburger Thore auf ihrer gewohnten alten Stelle eine alte Obst- und Kuchenhändlcrinn, die er freundlich grüßte und fragte: „Na Mütterchen, wie ist's Ihr gegangen?" „I recht gut; aber wo is he denn so lange gewesen?" „Weiß Sic denn nicht, daß ich sieben Jahre Krieg geführt habe?" „Wie sollt ick dct wissen, und wat geht mich dct an! — Pack schlägt sich; Pack verträgt sich."—Friedrich lachte laut auf und sagte zu dem »eben ihm reitenden General: „Da haben wir's. Iieten, hat Er's gehört?" Große originelle Männer fassen in ihrer heiteren Klarheit auch das (sogenannte) Gemeine originell auf, und ihr Scharfsinn und Witz stehet darin etwas Höheres. Was beschränkte Köpfe und Gcmüther ärgert, belustiget sie; der schärfste Stachel verwundet sie nicht, sondern schärft ihr Urthcil und bereichert ihr Wissen. Luther hat seine unübertroffene Popularität, Raphael seine köstlichsten Lebensbilder, Shakespeare seine gelungensten Schilderungen, Rabener, Pscffcl, Lichtenberg und Thüm- mel haben die pikantesten Satyrcn, Schiller und Göthe ihre reiche empirische Psychologie, in ihren Grundstrichen, auf dem Marktplatze des gemeinen Lebens, im Umgange mit Menschen aus allen Ständen, auch den niedrigsten, gelernt und kräftig aufgefaßt. Dieser heitere, humoristische, das Ganze umfassende Blick erzeugt und gicbt jene allgemeine Philantropie, in der sich das Leben, reich in jeder Sphäre, verjüngt, und Alles, auch das Gewöhnliche, eine sinnreiche Hieroglyphe wird. Wohl dem, der ein Auge dafür hat! sich ihre Reinheit und Tiefe abspiegelte und wodurch sie so interessant wurde. Kindlichkeit ist überall nur da, wo man offenen Sinn für das Gewöhnliche und Alltägliche, und daran seine Freude hat. Wer jenen hat, findet diese überall, in jeder Lage? denn mit ihren Stoffen ist die ganze Natur und das reich componirte Leben angefüllt. In tausendfacher Mischung und Färbung giebt's überall eine Kleinigkeit, die man lieb haben kann, und das erzeugt, was man Liebhaberei nennt. Sic ist ein bescheidener, unschuldiger Schmuck des Lebens, und der Dürstige findet sie eher und leichter in seiner Hütte und in seinem Kärtchen, als der Reiche in seinem Pallaste und Parke. Gerade er ist am Meisten der Gefahr ausgesetzt, diesen kindlichen Sinn, der eben im Kleinen und Gewöhnlichen sein Element findet, zu verlieren. Im Besitze des Außerordentlichen und Ungewöhnlichen und in der günstigen Lage, jeden aufsteigenden Wunsch befriedigen, Alles, auch das Kostbarste, haben zu können, stumpft sich bald, ermüdet vom steten Wechsel, und seines Kreislaufes satt, der kindliche Sinn für das Einfache und Allgemeine ab: mit verächtlichem Blick wird es zurückgewiesen, und das Allgemeine, was Alle haben können, erscheint gemein. Und doch muß jedes Besondere, selbst in der möglichsten Vollkommenheit, seine Wurzeln, Kräfte und Säfte, in dem Allgemeinen und seinem Urbilde haben und darinnen rcflectircn, wenn es wahre und innige Freude gewähren und ächten Lebensgenuß geben soll. Fehlt dafür die klare, stille, kindliche Auffassung, so kann die erhabene Herrlichkeit der Natur, so kann die Pracht der Kunst mit allen ihren reichsten und köstlichsten Schätzen wohl imponircn und Entzückungsschauer anregen, aber das höchste Ideal 271 kann keine belebenden Ideen hervorbringen, als worin der eigentlich wahre Genuß liegt, wenn der Spiegeldes Gemüths nicht rein ist; und rein ist er nur und allein in der Kindlichkeit und ihrer harmlosen Hingabc. Auch das Beste, Trefflichste und Seltenste, was das reichste Leben schmückt, hat und muß haben seinen Grundtypus in den Gesetzen und Kräften des Allgemeinen, und das Gelungenste ist immer das edle Einfache, welches aber wieder nur der kindliche Sinn rein in sich aufzunehmen vermag. Ihn aus der Kindheit hinüber zu retten in das erwachsene Alter, ihn zu bewahren als Schutzgeist, ist das Höchste und Beste, was in den Versuchungen und Kämpfen des Lebens errungen werden kann, und es gicbt nichts Schöneres, *) Als der Dichter, Graf Leopold von Stolberg, den Rheinfall zu Schaffhausen sinnend betrachtete und, im Anschauen dieser gewaltigen Natur-Sccne verloren, in seiner Schreibtafcl schrieb, erwarteten seine Begleiter ein Lied im erhabenen Odenfluge. Und er schrieb, tiefbewegt, das bekannte, einfache, idyllische, kindliche Liebchen: Süße, heilige Natur, Laß mich geh'» auf deiner Spur, Leite mich an deiner Hand, Wie ein Kind am Gängelband. Wenn ich dann ermüdet bin, Sin? ich dir am Busen hin, Athme süße Himmclslust, Hangend an der Mutter Brust. So wie hier Stolberg sich vom Erhabenen zum Kindlichen erhob, so erhob sich Klopstock, der bekanntlich am Liebsten, und in seinen letzten Jahren fast nur allein, mit Kindern umging, vom Kindlichen zum Erhabenen. In beiden Fällen aber ist Kindlichkeit die Stammwurzel. 272 als einen reinen Menschen zu sehen, der ein fester Mann ist im Charakter und ein mildes Kind im Gemüthe. Diese Kindlichkeit ist bedeutungsvoller und anziehender in der männlichen, als in der weiblichen Natur. Bei dieser ist sie eine angeborene glückliche Anlage der Weichheit und Zartheit, geschützt durch Anstand, Häuslichkeit und Sitte, und da, wo sie verschwindet, tritt die Verunstaltung der Härte und Schroffheit ein, welche der Tod der Weiblichkeit ist; bei jener muß sie, im Conflict mit Oppositionen, tausendfachen, nachteiligen Einwirkungen ausgesetzt, als Kleinod geschützt werden, und gestaltet sich ajs ringende, strebende Kraft, geleitet von der Liebe. Leichter bewahrt und ausgebildet wird diese Kindlichkeit in den einfachen, naturgemäßen Zuständen des Lebens; schwerer in den complicirtcn, am Schwersten in denen eines regierenden Landesherrn. Die ihm obliegende Entscheidung in allen ihm täglich vorkommenden Dingen gicbt seinem Charakter Entschiedenheit, die bei den sein gezogenen, oft in einander fließenden Grenzlinien des Rechts und Unrechts, in den endlosen Ich-o's und (üontrn's ohne Beimischung der Härte, bald auf der einen, bald auf der andern Seite, kaum möglich ist. Die stete, anhaltende Beschäftigung mit Contro- versen und streitenden Partheien; die unaufhörlich sich erneuernden Klagen und Bitten; die immer wiederkehrenden bitteren Erfahrungen über Undank und absichtliche Täuschung, bringen allmählich auch den besten Regenten zu der Apathie eines kalten, verschlossenen Jndiffercntismus und der kindliche Sinn für das Einfache, Gewöhnliche und Gemüthliche wird, umschlossen von den gesteigerten Reizen des Außerordentlichen und Höchsten, bald und leicht abgestumpft, so daß '273 in einer solchen Sphäre und Umgebung, in welcher Mißmut!) und Ueberdruß zu Hause ist, Kindlichkeit sogar als Schwäche erscheint. Wahrlich, es darf nicht befremden, nicht zu harten, sondern muß zu milden Urtheilen stimmen, wenn man von jeher unter den regierenden Herren oft Mißtrauische, Verschlossene, Kalte, Hochfahrende und Lcbenssatte gesehen hat; und bei den sittlichen Gefahren, die sie umlagern, mehr wie sonst irgendwo, sind die Hochsinnigcn, die Gerechtigkeit und Milde, Ernst und Freundlichkeit, Pracht und Einfachheit, Kunst und Natur, Kraft und Kindlichkeit miteinander zu verbinden und in Einheit darzustellen wußten, als der größte Segen, der einem Volke werden kann, doppelt hoch zu preisen. Milde, sanft und wohlthuend ist das Licht, welches auch in dieser Beziehung das Bild des unvergeßlichen Königs umfließt, und eine Schattirung darstellt, in welcher man die glücklichste Mischung und Verschmelzung wahrnimmt. Zwar mag es allen denen, die Ihn nur auf Augenblicke und Stunden, und dann nicht weiter gesehen, gehört und beobachtet, nicht so scheinen, vielmehr werden sie meinen, in Seinem knappen Ernst das Gcgentheil bemerkt zu haben. Aber weil Er nun einmal nichts scheinen wollte und konnte, und immer mehr war, als Er schien, so konnte man die reine, volle Kindlichkeit Seines Charakters auch nur in der Nähe sehen und kennen lernen. Diese Seine milde, sanfte Stimmung und Richtung des Gemüthes enthüllte sich in ihrer ganzen Lieblichkeit zunächst im 18 Schöße Seines Familienlebens, an der Seite Seiner anmuths vollen Gemahlinn, die ihren Kindern eine holdselige Mutter war. Hier, in dieser Abgeschiedenheit und glücklichen Verborgenheit, konnte Er Alles von sich thun, was ein so hochgestelltes Leben beengt und mit tausend Rücksichten belastet; — hier war Er ganz Mensch und genoß die volle, stille Glückseligkeit eines heitern Familienvaters. In der einträchtigsten Ehe mit Kindern beschenkt, die, körperlich und geistig reich begabt, gesund an Leib und Seele, frisch und fröhlich auswuchsen und hoffnungsvoll sich entwickelten, konnte und durfte Er mit Seinen Kindern ein Kind sein, und Er war es im vollsten, reinsten Sinne. Man erzählt vom Könige Heinrich IV., daß er seine liebste und beste Erholung in den unschuldvollen Spielen mit seinen Kindern gesucht und gesunden habe. Eins derselben auf dem Rücken tragend und mit demselben am Boden seines Audienz-Zimmers auf Händen und Füßen umherhopscnd, sagte der große Mann zu dem eintretenden Cabinetsminister: „Noch einen Hops umher! gleich bin ich fertig." Setzte dann das geliebte, glückliche Kind ab, drückte selig dasselbe an sein Vaterherz, — und ging nun zu den ernstesten, wichtigsten Geschäften über. Also Friedrich Wilhelm III. Von einer würdigen, gebildeten, noch lebenden Frau, die Amme bei einem der Königlichen Kinder war, also einen, Augenzeugen, weiß ich, daß der König jeden Morgen, nach abgehaltenem Vortrage, in die Kinderstube kam. Dann (so erzählt sie) verschwanden die Wolken eines oft trüben Ernstes, die auf Seiner Stirn lagen, und Sein Angesicht erheiterte sich. Eins nach dem 275 andern empfing Er aus den darreichenden Händen der holdseligen Mutter, hob es empor mit väterlichen Liebkosungen; lange konnte Er mir ihnen tändeln und spielen und jede Kleinigkeit, Kindern wichtig, als eine Wichtigkeit mit theil- nehmcndcm Interesse behandeln. Vernahm Er lobende Zeugnisse, so holte Er aus den Taschen kleine erfreuende Geschenke, und man mußte sich verwundern, wie ein Herr, dem so viele Dinge durch den Kopf gingen und oft schwer auf dem Herzen lagen, so kindlich froh sein konnte. Er ward dadurch so gehalten und gefesselt, .daß Er nicht selten die Zeit darüber vergaß und die Königinn daran erinnern mußte, daß Er vom Adjutanten bereits abgerufen sei. Jeden Abend vor Schlafengehen sah Er jedesmal noch mit der Königinn die schlafenden Kinder, weidete Augen und Herz an diesem lieblichen Anblick und küßte leise die Stirn eines jeden. Von den zu wählenden Weihnachtsgeschenken sprach Er wochenlang vorher, zündete selbst die Lichter am Christbaume an, und war unerschöpflich in der Wahl passender, überraschender Gaben zur frommen Feier des heiligen Christfestes. *) ') Als ich in den Jahre» des akademischen Lebens zufällig am heiligen Abend des Christfestes zum Professor vr. Eberhard, der mir. den Zutritt verstattet hatte, ging, um ihm seine Schrift „Apologie des Sokratcs" wieder zu bringen, und mir über einige dunkel gebliebene Stellen seine Belehrung zu erbitten, fand ich den ernsten tiefen Denker emsig beschäftigt, den Christbaum für seine angenommenen Pflegekinder fcigenc hatte er nicht) selbst einzurichten und zu schmücken. „Kommen Sic," sagte er zu mir, „nach dem Feste wieder. In diesem Augenblick kann ich nicht, Sie sehen, ich habe Wichtigeres zu thun." Wie ich in jugendlicher Aufgeblasenheit ein leises Wort der Bcfrcmdung über diese seine, wie es mir damals schien, kindische Beschäftigung fallen ließ, antwortete der herrliche, unvergeßliche Lehrer, 18* Wenn dann in der ersehnten Stunde die Königlichen Kinder erstaunt in den hellcrleuchteten Festsaal traten und jubelnd ihren Christbaum umhüpftcn und die Königliche Mutter in der Fülle ihrer Lieblichkeit jeder, auch der kleinsten Weihnachtsgabc einen höheren Werth gab, stand der König still und sinnig da, und genoß mit jedem Athemzuge Sein reines christliches Familienglück in der Unschuld und in dem Frohsinn Seiner Kinder. Im Kreise derselben und der Enkel Ihn zu sehen, namentlich an der Hand das schönste Kind, was man damals sehen konnte, den.Russischen Großfürsten Thronfolger, war ein Anblick, der das Auge entzückte und das Hcrz^ erquickte. Alles an Ihm, Sein Gang, Sein Gruß, Seine Heiterkeit, Seine dann eintretende Beredtheit verkündete eine Stimmung des Gcmüthes, in der Er sich wohl und zu Hause fühlte. Da war Er in Seinem eigentlichen wahren, reinen Elemente, für welches die Natur Sein Herz gebildet hatte, ein Herz voll zarter Liebe und reiner Kindlichkeit. Im vollen sympathetischen Einklänge stand damit die Königinn: das Zarte verband sich hier mit dem Starken, weibliche Anmuth mit männlichem Ernst, und vielleicht hat die Welt nie ein schöneres und glücklicheres Ehepaar aus Thronen gesehen, als dieses. indem er die Hand auf seine hohe, gewölbte, sokratische Stirn legte: „Junger Mann, glauben Sie mir: die schönste Blüthe und reifste Frucht aller wahren Philosophie liegt in dem großen Worte Christi: Wahrlich ich sage euch, wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht in's Himmelreich kommen." Der Nachfolger Eberhards, der noch größere Kant, nannte, als er gefragt wurde: wen er im Himmel zuerst wieder zu sehe» wünsche? seinen alten, treuen Diener Wagner. So ist auch bei der tiefsten Intelligenz doch Kindlichkeit die höchste Höhe. Nach der schmerzvollen Trennung durch den Tod wurde zwar die Stimmung des Königs ernster und trüber und erhielt die frühere glänzende. Frische nie wieder; aber veredelt durch Schmerz, blieb Ihm dieser kindliche Grundton Seiner Seele. Dieser klang, wo Er nicht im strengen Sinne des Wortes König sein mußte, und reiner Mensch sein konnte, überall durch und bezeichnete namentlich Seine Genüsse und Erholungen. Im Besitze der vorzüglichsten und herrlichsten Kunstschätze und mit lebendigem Kunstsinne begabt, hing Er doch mit voller, tiefer Hinneigung an dem heiligen Urbildc der Natur und verlor sich gern in ihrem langen, sinnigen Anschauen. Nicht bloß die Prachtexemplare der köstlichsten und kostbarsten Blumen, die Seine Hofgärtncr Ihm zogen, womit sie das großartige Palmenhaus und Seine Zimmer das ganze Jahr hindurch immer frisch schmückten, auch eine einfache Gras- und Feldblume, eine schöne Eiche und Buche betrachtete Er mit innigem Wohlgefallen, und sprach über die wunderbare Symmetrie, die stille Harmonie, die herrliche Farbenpracht, die unendliche Mannigfaltigkeit und erhabene Einheit in den Werken der Schöpfung, so, daß man hörte, wie tief Er dicß Alles empfand. Eine reife, schöne Frucht, die Ihm an der Tafel gereicht wurde, betrachtete Er lange von allen Seiten mit sichtbarer Freude, und legte sie oft, ohne sie zu genießen, wie als wenn es schade wäre, ihre Schönheiten zu zerstören, vorsichtig zurück, oder gab sie einer Seiner neben Ihm sitzenden Töchter, mit der Bemerkung: „Sehr schön! Aufheben!" Es lag dann in Seinem Blicke eine Innigkeit, Milde und Ruhe, in der sich Seine reine Kindlichkeit klar abspiegelte. Mit demselben Interesse betrachtete Er, namentlich auf der Pfaueninsel, die dort befindlichen verschiedenartigen Thicre, und hatte Seine stille reflcctircndc Freude an ihrer Lebensweise. Besonders zog es Ihn an, einen muthigcn, herrlichen, brüllenden, die Mähnen schüttelnden, den Schweif schlagenden Löwen anzusehen, der sanst und stille wurde, wie ein Lamm, sobald sich eine sanfte Musik in seiner Nähe hören ließ, und Er knüpfte an diese Erscheinung gedankenreiche psychologische Bemerkungen über die stille Gewalt, die in der Harmonie liege. Am Längsten und Liebsten verweilte Er aber beim Taubenhausc und hatte Sein Vergnügen an den verschiedenartigen Gattungen, wie an ihrer Sanftheit und Lieblichkeit; wenngleich Er nicht viel dabei sprach, so vernahm man doch ans einzelnen hingeworfenen Worten, daß es die Symbolik und Hieroglyphik der Natur war, die in ihren Analogieen Ihn anzog und beschäftigte. Seine Zdcen-Ucbcr- gänge in Vergleichungen waren dabei überraschend und sinnreich. Darum hatte Er an kleinen Dingen eine große, kindliche Freude, weil sie Ihm die Stufenleiter zu etwas Höherem waren, und Er in allen, auch den gewöhnlichsten Erscheinungen eine tiefere Hindeutung wahrnahm. Aus diesem Grunde war Er gern allein, liebte einsame Spaziergänge, und mochte in Seinen Contcmplationen nicht gestört sein. Am Nächsten stand Ihm auch in dieser Beziehung und am Besten verstand und belebte Ihn A lexander vonHumboId t, dieser reiche Kenner der Natur in ihren Höhen und Tiefen, in ihren Gesetzen und Kräften, in ihren Sprachen und Farben; Humboldt, ein Heros im Wissen, ein argloses Kind im Gcmüth, der tägliche Tischgcnosse, der stete Begleiter aus Reisen, der vertraute Freund des unvergeßlichen Königlichen Herrn. Wenn Dieser nicht mehr Gelehrte in Seine nächste Um- gebung zog und mr Seine Person fesselte, so hatte dieß einzig seinen Grund in ihrer durchgängigen Unfähigkeit der rechten Annäherung; im Mangel des richtigen Tactes für solchen Umgang; in einer das rechte Maß verfehlenden, zu ängstlichen Ehrerbietung, und vor Allem in einem zu großen hingestellten Apparate des gelehrten Wissens, welchem die Gemüthsscite fehlte. Denn, daß Friedrich Wilhelm HZ. Künste und Wissenschaften ehrte, ihre Pfleger und Beförderer hochschätzte, sie suchte und berief, wo Er sie fand, ja daß Er die Kraft der fortschreitenden Intelligenz als das Hauptgewicht in der Wageschale Preußens ansah, das hat Alles, was Er für Universitäten, Akademiecn, Gymnasien, Stadt- und Landschulen gethan und freudig hergegeben hat, mehr als irgend einer Seiner Vorgänger, Seine lange väterliche Regierung factisch bewiesen. Aber für Sein Herz, für Seinen näheren Umgang ver langte und bedurste Er noch etwas mehr, als wissenschaftliche Bildung und Gelehrsamkeit; die persönliche Attraktionskraft lag bei Ihm im Gemüthe, und Wahrhaftigkeit und Schmucklosigkeit, Einfachheit und Kindlichkeit waren der An gelpunkt, in welchem Sein Magnet ruhcte. So schnell und richtig, wie die verwandte anziehende, so schnell und richtig fühlte er auch die abstoßende Kraft, und sobald Er dessen innc wurde, gab Er den Versuch der Assimilation gleich auf. Ich bin Augenzeuge davon gewesen, wie die Präsentation eines berühmten, Ihm empfohlenen, aber pedantischen, wortreichen und complimcntirenden Gelehrten Ihn in sichtbare Verlegenheit setzte und in die Fragmente der kurzen, ceremo- niellen Unterredung kein rechter Zug kommen konnte; dage- Er mit Alexander von Humboldt in einem Strom sich bewegte, und ein elektrisirender Gedanke, im lieblichsten Austausche, den andern erzeugte. Besäße man treu und wahr wiedergegeben diese Dialogen, sie würden das Interessanteste über Beide sein. Ueberall aber, wo der König diese geistige Verwandtschaft, Klarheit, Tiefe, Kürze, verbunden mit-kindlicher Ge- müthlichkcit fand, war sie Ihm willkommen, und Er erkannte sie bald in jeder Hülle; aber freilich war es schwerer, sie bei und in Ihm, einer irdischen Majestät, zu erkennen, und abgeschreckt durch 'die Ihn umgebende Königliche Macht, kannten und fanden nur Wenige diesen Schlüssel zu Seinem Herzen. Namentlich war es schwer, das rechte, Ihm wohlgefällige Maß bei Volksfesten und huldigenden Ehrenbezeigungen Ihm dargebracht zu finden. Sie waren Ihm zuwider und unerträglich, wenn sie übertrieben, servil, geräuschvoll und stürmisch waren, und jede menschliche Vergötterung umdü- sterte Sein Gemüth und Gesicht. Und doch war es Ihm auch nicht recht, wenn Seine Befehle, die alle Ehrenbezeigungen verboten, im buchstäblichen Sinne genommen wurden, und dann gar nichts geschah. Zu dem im Wagen neben Ihm sitzenden General von Witzlebcn sprach Er, als Er, von Paris kommend, ermüdet von allen jubelnden Ehrenbezeigungen, wie sie in allen Städten und Dörfern, namentlich in den wiedercroberten alten Preußischen Provinzen bis zur Erschöpfung dargebracht waren, beim Herausfahren aus den Thoren von Magdeburg: „Gottlob! nun haben wir's endlich überstanden." Wie 281 nun aber dennoch bald darauf in der nahe liegenden Stadt Burg, Bürgerschaft, Magistrat, Geistlichkeit, Lehrer und Schuljugend Ihn mit lärmender Freude empfingen, in einer Stadt, die nicht abgetreten und Ihm geblieben war, wo es also nach Seiner Meinung solcher Freudenbezeigungen nicht noch erst bedurfte, wurde Er unwillig und rief aus: „Barmherziger Gott! nun fängt der gräßliche Spectakcl doch wieder an" — und ließ rasch durchfahren. Wenn aber, die Einwohner einer Stadt, eines Dorfes ruhig und still in ihren Sonntagskleidern an ihren Hausthüren standen, und mit einem Gesänge, am Liebsten einem Kirchcnliede, vor allen dem: „In allen meinen Thatcn" Ihn, den Landesvatcr, still begrüßten, dann klangen an die melodischen Saiten Seines Ge- müthes und Seine Freude war dann so innig, wie Sein Dank. — In Allem wollte und liebte Er Wahrheit und schmucklose Einfalt, und Er, dem man nichts schenken konnte, nahm Geschenke, die diesen Geist reiner kindlicher Liebe athmeten, selbst die kleinsten, mit dankbarer Herzlichkeit an und vergalt sie zartsinnig aufs Reichlichste. Einige Jahre vor Seinem Tode ließ ein Vogelhändler aus der Preußischen Harzgegend *) sich bei Ihm melden, der nach bald bewilligtem Zutritt Ihn treuherzig bat, als ein geringes Zeichen der Dankbarkeit für Wohlthaten, seinen Söhnen in ihrer militairischcn Laufbahn erwiesen, einen mitgebrachten Vogel anzunehmen, einen sogenannten Dompfaffen, der, von ihm Jahre lang unterrichtet, das Preußische Volkslied: „Heil dir im Siegerkranz," rein und klar und vollstän- ") Man erzählt eine ähnliche Anekdote aus der Gegend von Minden an der Weser. big pfeifen könne. Zum Erstenmale sei es ihm, freilich nach unsäglicher Mühe, gelungen, Solches zu Stande zu bringen bei diesem talentvollen Vogel. Der König lächelte gutmüthig, und als das in seinem Körbchen auf den Tisch gesetzte interessante Thierchen nach einigen Liebkosungen und Kopsbcwcgungen seines vertrauten Lehrmeisters das wohleingeübte Lied mit dem ruhigen Ernste eines Dompfaffen rein und klar vollständig durchpsiff, war der König um so mehr darüber erfreut, als das von Ihm ausgesprochene La oapo vollkommen wieder gelang. Auf die Frage: was der Vogel kosten solle? antwortete der heitere, gemüthlichc Papageno: „Geld will und mag ich nicht dafür haben. Wenn aber mein König das liebe Thierchen annehmen und lieb haben will, dann macht der Gedanke, daß es in Seinem Zimmer pfeift und singet, mich zum glücklichsten Menschen in unserm Harzgebirgc, und zum ersten Vogelfänger der ganzen Welt." — Der König fand Wohlgefallen an dem heiteren, biederen Manne, der in seinem leinenen Kittel klar und offen vor Ihm stand, und der gewiß froher und glücklicher war, als der erste Musikdirector in der Königlichen Kapelle. Dem inzwischen herbeigerufenen Kämmc- rier Timm wurde der Befehl gegeben, dem Vogelmanne im Nebcnflügel des Schlosses Stube und Kammer einzuräumen, ihn anständig bewirthen, und Alles, was er gern in Berlin sehen möchte, durch einen mitgegebenen Königlichen Bedienten ihm zeigen zu lassen. Im Geheimen aber wurde Timm instruirt, auszuforschen, was sich Papageno wohl wünschen und womit ihm am Meisten gedient sein möchte. Er blieb mehrere Tage als Gast im Schlosse. Der König ließ ihn wiederholentlich zu sich kommen, erkundigte sich nach allen dortigen Verhältnissen und ergötzte sich an den verständigen, freimüthigen, gemächlichen, gesunden Urtheilen des wackern, überglücklichen Mannes. Mit der von Timm bestellten Post reiste er zurück und als er wieder zu Hause war, wurden 590 Thaler, die auf sein Haus noch hypothekarisch eingetragen standen, auf Königlichen Befehl abgelöst und bezahlt und so sein einziger höchster und letzter Wunsch, den er noch aus Erden hatte, überraschend erfüllt. Wer den König als Menschen in dieser kindlichen Gemächlichkeit so sich denkt, der hat von Ihm das wahre und rechte Bild aufgefaßt. So sahen, fanden und kannten Ihn am Besten seine Kammerdiener, die am Meisten um Ihn waren und ganz in der Nähe im Lebens-Neglige Ihn beobachteten, und die alle in der frohesten Anhänglichkeit das Leben für Ihn gelassen hätten. Als Er Einem derselben, der viele Jahre bei Ihm die unmittelbare Aufwartung in Berlin gehabt hatte, den besseren, einträglicheren und bequemeren Posten eines sogenannten Silberdieners bei der Silbcrkammcr zu Potsdam verliehen, fragte Er ihn: „Zufrieden?" „Ich bin auf dieser guten, ruhigen Stelle mit meiner Familie so glücklich, als ich nach meinen Verhältnissen nur werden kann," antwortete der treue Diener; setzte dann aber auch hinzu: „Eins thut mir jedoch bei diesem Wechsel sehr wehe." „Nun, was ist das?" „Daß ich aus der unmittelbaren Nähe Ew. Majestät komme, und Sie nun nicht so oft mehr sehe." Und dabei gingen ihm die Augen über. Als der König dieß bemerkte, erwie- derte Er: „Guter Mensch, danke! Haben immer gut zusammen gepaßt. Liebe auch neue Gesichter nicht. Ließ sich aber doch nicht gut anders machen. Ruhig sein! sehen uns oft in Potsdam wieder." Diese heitere, kindliche Gemächlichkeit nahm mit den Jahren bei dem Könige zu und wurde kmmer tiefer und reiner. Bei der ungleich größeren Anzahl Menschen nimmt sie im vorgerückten Alter ab, und gewöhnlich tritt Verschlossenheit, Kälte und Morosität ein. Jedes höhere Alter über die Sechziger hinaus, in die Siebziger hinein, wird im Gefühl der abnehmenden körperlichen und geistigen Kräfte eine Last und oft schon in sich Krankheit. (Ipsn seneotus mou- bu8.) Der letzte Rest, die Hefen des Lebens, sind großcntheils trübe, und erzeugen, wenn bittere Erfahrungen und schmerzvolle Trennungen sich häufen, Mißmuch und Lebensüberdruß, der in der Jsolirung immer ärger wird. In der Gräm- lichkcit, Wunderlichkeit und üblen Laune geht dann die frühere Heiterkeit unter, und in die Stelle der vorigen harmlosen Hingabe tritt eine schroffe, schneidende Reizbarkeit, in der man sich und Andern zur Last und Qual wird. Ein über Alles sich ergießender bitterer, milzsüchtiger Tadel entfernt die Herzen, und so ist der Lebensabend oft verlassen und freudenleer. Dagegen gicbt es nichts Ehrwürdigeres und Anziehenderes, als nach einem langen, würdigen, thätigen Leben ein heiteres, mildes, von der Liebe verklärtes Greisenalter. Wenn die häusige Erscheinung des Gcgentheils oft in physischen Einflüssen ihren Grund hat und darum ein schonendes Ur- thcil verlangt, so ist und bleibt es doch auch wahr, daß der Schlllß des Lebens das Facit, die Totalsummc des Lebens bildet, und daß das Ende das Werk krönet. Wie in der physischen, so ist auch in der intellektuellen und moralischen Welt überall nur die Frucht eine schmackhafte und süße, welche eine reife ist, und alles Unreife ist auch immer herbe und sauek. Ein in sich herber mittelmäßiger Wein verbessert 285 sich mit den Jahren eben nicht sonderlich: aber ein vom Stamme an edler wird mit dem Alter immer milder. In der Notenschrift steht der Schlüssel zu dem Tone, aus und in welchem das Stück gespielt wird, am Ende desselben, (in line vickobitnr mssns sit toni), und es sagt wahr ein altes Deutsches Sprichwort: Das Ende trägt die Last. Wird die Last des Alters leicht, heiter und würdig getragen, sich selbst und Andern zur Freude, so hat dieß doch auch gewiß mit seinen Grund im moralischen innern Bewußtsein, als in welchem die Stimmung ihre Farben und das Leben sein Colorit empfängt. Dieß fortgehende, den Menschen überall begleitende Bewußtsein ist der Träger des Lebens, worin die Beschaffenheit der Existenz liegt: dieß stille fortgehende Bewußtsein bildet den entweder klaren oder unklaren Spiegel, worauf Alles, was man sieht, hört und erfährt, sein wahres Abbild wirft, und von der klaren und heitern oder trüben und sinstern Reflectirung hängt allein des Herzens geheimer stiller Frieden oder Unfrieden ab. Wie die Saat, so die Ernte! Wer Wind säet, erntet Sturm. Wer Liebe säet, erntet Segen. Ruhet dieser Segen in heiterer Ruhe und würdevoller Milde auf dem höheren Alter, so ist dasselbe noch ein schöner Theil des Lebens und, im höheren geistigen Sinne, gewiß der beste. Was im Lebensmorgen die Kräfte unruhig spannte, mit wechselnden Phantasieen umgaukelte, mit Täuschungen umwebte; was im Lebensmittage sie anstrengte, ermüdete und tausend Unruhen und Sorgen weckte: das glättet sich am Lebensabend allmählich zur sanften Ruhe ab und führt zu stillen, erquickenden Selbstgenüssen. Hat das frühere unru- higc Feuer lodernder Leidenschaften sich zur sanften Wärine temperirt; haben Ehrgeiz und Neid ihren Stachel verloren: hat Erfahrung das Urtheil richtiger und ruhiger gemacht; ist man, durch viele Wechsel des Lebens und der Schicksale gegangen, in allen Dingen gelassener geworden: wahrlich, dann gewinnt das höhere Alter intensiv, was es extensiv weniger hat, und schön wie das Morgenrock), ist das Abendroth. Jenes weckt und ruft zum Kampf, dieses ladet zur süßen Ruhe ein: jenes wirst seine Strahlen auf des Lebens hoffnungsvolle Saaten, dieses verklärt seine Erntcfelder. So fließen wunderbar des Lebens Extreme, Anfang und Schluß, zusammen, und wie das Alter auf seinen letzten Stufen zu den ersten einfachen physischen Genüssen des Kindes zurückführt, so empfängt es seine höchste Würde von der Kindlichkeit. In des Lebens mannhafter Mitte scheint sie verschwunden: die in diesen Stadien arbeitende, ringende Kraft drängt in fortschreitender Entwickelung sie zurück: aber hat diese im vollendeten Tagewerke ihre Reife erreicht, dann tritt der wahre eigentliche Lebenskern, die Kindlichkeit, als errungener Siegespreis am Ziele, wieder hervor. Ist die Kraft reif geworden, dann ist sie Liebe; ist die Liebe reif geworden, dann ist sie Kraft, und in der Verschmelzung Beider zur Einheit liegt des Lebens höchste Höhe. Auf dieser erblicken wir den König in Seinen letzten Lebensjahren und in ihnen verklärt sich Sein Bild zur heiteren,, abgeschlossenen Ruhe. Diese Ruhe war kcinesweges Mattigkeit und Gleichgültigkeit oder Erschöpfung; denn wenngleich Sein Körper sichtbar abmagerte, so blieb Er doch gesund, Seine ganze Constitution und Organisation war, nach 287 der Versicherung Seiner Acrzte, die vollkommenste, ohne alle organische Fehler, und naturgemäß brannte das Licht Seines Lebens still und ruhig in sich selbst ab. Daß dasselbe sich dem Erlöschen nähere, wußte und suhlte Er, und Er hat oft mit mir darüber gesprochen. Namentlich ist dicß geschehen bei Gelegenheit des Krö- nungs- und Ordensfestes 1840, an welchem ich über die merkwürdige historische vaterländische Analogie der Jahre 1040 und 1740, in welchem der große Churfürst und Friedrich der Große ihre Regierung angetreten, gesprochen hatte. Gönner und Freunde, denen ich vorher mein gewähltes Thema mitgctheilt, und mit denen ich über Inhalt und Ausführung gesprochen, drangen 'in mich, ein anderes zu wählen, meinend, dem Könige werde eine solche nahe liegende, mahnende To- des-Erinnerung mißfallen. Aber ich glaubte, den christlichen König und den Königlichen Christen besser zu kennen, und hatte auch in meiner Meinung nicht geirrt; denn nicht nur in Gegenwart des ganzen versammelten Hofes belobte Er, was Er selten und immer nur sparsam zu thun pflegte, dicß- mal motivirt die gehaltene Rede, sondern sagte mir nachher auch allein ohne Zeugen: „Sie werden sehen, ebenso wird's dicßmal wieder kommen mit den Jahren 40," und diesen großen Wechsel ahnend und erwartend, eilte Er, daS bedeutungsvolle Fest anzuordnen, an welchem der Grundstein für das Friedrich dem Großen zu errichtende Denkmal gelegt wurde, und womit Er zugleich Seinem großen Regierungswerke den Schlußstein wenige Tage vor Seinem Tode gab. Wie Er über die Annäherung desselben in heiterer Resignation dachte, stehet man am Besten aus „Seinem letzten Willen", den Er als das köstlichste Testament, was je ein regierender Landesherr hinterließ, bereits den I. Dccember 1827, also 12 Jahre vor Seinem Tode, damals im vollen Genüsse der besten Gesundheit, schrieb. Durch zahllose Wechsel, frohe und bittere, gegangen, wußte, wenn irgend Jemand, Er, daß wenn es nicht möglich ist, ihnen und ihren Einflüssen das äußere Leben zu entziehen, doch das innere ihren Fluctuationen nicht preisgegeben werden darf. Dasselbe in Sicherheit zu bringen, unter dem Schutze der gebietenden, immer entscheidenden Pflicht; es fest zu knüpfen an feste, wechsellose Grundsätze, war Seiner intellectuellen und sittlichen Natursso eigenthümlich geworden, daß Nichts Ihn mehr aus dieser Fassung bringen konnte. Je mehr im Ablaufe Seiner Jahre sich Sein Leben zu Einem Ganzen abschloß, desto mehr war auch Sein Blick auf das Ganze gerichtet, und damit wurde Er um so ruhiger und in der Ruhe um so leutseliger. Bon der Natur mit einem lebhaften Temperamente begabt, hatte reiche Erfahrung dasselbe so temperirt und wahre Frömmigkeit es so umgcschaffen, daß Er hoch über allen kleinlichen Rücksichten des Lebens stand, und Alles, was sonst wohl auch Fürsten ärgert und verstimmt, an Ihm spurlos vorüber ging. Reizbar war Er allerdings auch im Alter; aber nicht dann, wenn man Ihm mit Gründen widersprach, die Er ruhig anhörte, sondern wenn man Seine Absicht verkannte und dieser eine ganz fremdartige unterlegte. Sein edles Gemüth, eines Besseren sich bewußt, wurde dann mit Indignation erfüllt, die Ihn sichtbar angriff und in Seinen Gesichtszügen sich aussprach. So hat die unglückselige erzbischöfliche Kölnische Angelegenheit Ihm vielen Kummer ge- 280 macht und Seine letzten Lebensjahre getrübt: aber nicht in Hinsicht auf den Unterschied der kirchlichen Confession, als in welcher Er zwar wohl als protestantischer Christ die Verschiedenheit klar erkannte, solche jedoch nicht als Landcs- vatcr statuirte und katholische und evangelische Untcrtha- nen mit gleicher Gerechtigkeit und Milde behandelte, — sondern darum, weil unberufene Sprecher gegen alle, der Welt offen vor Augen liegenden Thatsachen dennoch kühn das Ge- genthcil behaupteten, empfangene Wohlthaten undankbar vergaßen, und Ihn, den redlichen, ausrichtigen, arglosen Herrn, sogar hinterlistiger Absichten beschuldigten. Sein theuerstes Gut war Ihm die Liebe Seiner Unterthanen, und die christliche Religion, welche versöhnen, vermitteln und einigen will, kann und soll, in der Form einer andern Confession zu mißbrauchen, um Hader und Zwietracht anzurichten und Herzen von Herzen zu trennen, das war Ihm, dein friedliebenden Christen und Regenten, eine Unthat, die Seine reine, fromme Seele mit Entsetzen und Bctrübniß erfüllte. Trost, Erhebung und Kraft fand Er, wie in dem Bewußtsein, für die heilige Sache Christi gewirkt zu haben, so nun auch in der noch größeren Ehre, für sie leiden und dulden zu müssen und zu können, und Er überließ ruhig die Entwirrung dieser verwickelten, von feindseligen Kräften instigirten Angelegenheit dem Thronerben, Seinem erhabenen Nachfolger. Diese letzte Prüfung legte an Seine Vollendung gleich- sam die letzte Hand, und das kräftige, schmerzstillende Wort: „Denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum Besten dienen," ging bei Ihm in Erfüllung. Die stille, Alles vermögende Kraft einer heitern, ruhigen Resignation, die mehr und minder jeder Mensch, vorzüglich aber ein König, bedarf, lg 290 gab Ihm bis an's Ende jenen gehaltenen Gleichmut!), in- welchem Er über Nichts mehr erstaunte (iXil mlmn-nri), Alles von der besten Seite auffaßte, ruhig durch alle Collisionen fortschritt, und die leitende Hand an Sein Tagewerk hielt, bis Er damit fertig war. Ihn umfloß, wie Sein Tag sich neigte, eine stille Erhabenheit, in der Er, auf der Grenze zweier Welten, mit klarem Bewußtsein stand, und mehr auswärts, als abwärts blickte. Fortwährend thätig, blieb Ihm die Klarheit des Geistes und jene cigenthümlichc Kürze, in der kein überflüssiges Wort war. In den letzten Jahren Seines Lebens nahm Seine seltene Gabe, in Ariomen zu sprechen und zu handeln, zu, und die Minister, Geheimräthe und Diener, welche diese Seine axiomatischc Natur verstanden, waren Ihm die liebsten, die wortreichen und weitläufigen entfernte Er zuletzt gänzlich. So vermochte Er's, in kurzer Zeit viel zu schaffen, und reich war Sein Wirken, bis Er das hüinetmm llimle machte. Als Er es gemacht hatte, und erschöpft niedersank, und nun Alles für Ihn aushörte, hörte doch die Liebe, die höchste aller Gaben und die allein bleibende, für Ihn nicht auf; wie sic^Scin Leben geleitet und geschmückt hatte, so verklärte sie Sein Sterbebette und Ende. Alle, die um Ihn waren, sind dcß Zeugen. Wie als wenn Er nur zu bitten, und nicht zu befehlen hätte, war und blieb Er für jede Handreichung, jeden kleinen Dienst, jede dargereichte Erquickung, dankbar und jeder Seiner Abschiedsblicke war segnende Liebe. Die hohe reine Kindlichkeit derselben sprach sich unter Anderem rührend aus, als Tages vor Seinem noch nicht so nahe geahmten Tode Sein Kämmerer Kicnast, ein gebildeter, feinsinniger, mit voller Hingabe an seinem Herrn Hangender Mann, Ihm eine Tasse Suppe brachte. Der Sterbende lehnte sie ab, mit der Acußc- rung: „Ich kann und mag nicht!" Der treue besorgte Diener hörte aber nicht auf, zu bitten, mit dem Zusätze: ,,die Acrzte hätten diesen Genuß verordnet und die sinkenden Kräfte bedursten einer Stärkung." Als der Todtkranke erwiedcrte: „Kinder, ich kann nicht, quält mich nicht!" fuhr dennoch der treue Diener fort, um die Annahme zu bitten, und setzte im Ucbermaß seiner Trauer, wie man den, welchen man lieb hat, zu bitten pflegt, hinzu: „Nun, so thun Ew. Majestät es mir zu Gefallen," weinte dabei bitterlich, und entfernte sich, wie er der am Bette sitzenden, treuen, zärtlichen Pflegerinn, der fürstlichen Gemahlinn, die Tasse gereicht hatte. „Der gute Mensch!" sprach der sterbende König, „hast Du, liebe Auguste, gesehen, wie er weinte? Sei so gut und trinke Du statt meiner diese Tasse, damit, wenn er gleich wieder herein kommt, er sich nicht aufs Neue abermal betrübe." Betrübt hat der unvergeßliche Herr nie, gewiß nie mit Absicht. Auch sterbend behandelte Er Seinen aufwartenden Diener mit jenem menschenfreundlichen, kindlichen, milden Wohlwollen, in welchem Er athmete und lebte, und Allem, was Er that, auch dem Alltäglichen und Gewöhnlichen, eine edle, höhere Natur gab. Solchen Sinn in sich auszubilden, und ausgebildet zu bewahren, gelingt vcrgleichungsweise nur den wenigsten Menschen. Auch da, wo es leichter ist, in des Lebens einfachen, ruhigen Verhältnissen, setzt doch bei den Meisten das Leben und sein unruhiges Treiben dunkle Rostflecke an, die durchschimmern und namentlich gegen Untergebene in einem barschen, herrischen Wesen hervortreten. Die Macht wird oft Egoismus, die Kraft Härte, und die Liebe Schwäche. Ein ernster, fester, männlicher und doch dabei lg» reiner, zartsinnigcr, kindlicher Charakter, wie König Friedrich Wilhelm III. in der Lcbensschule ihn errungen, ist eine antikgroßartige Erscheinung, wie sie in dieser Vollendung uns dem weiten Schauplätze der Geschichte selten sichtbar geworden ist. Kennst du, lieber Leser, den, der Ihn also aus- und durchgebildet, und mit solchem Geiste getauft hat? Denn daß der Charakter des Königs bei allen diesen vorzüglichen Eigenschaften ein christlich-gottesfürchtiger Charakter war, und in wahrer Pietät seine Wurzeln und Lebenskräste hatte, wird uns nun von selbst klar werden und den rechten Schlüssel und Schlußstein zu diese? Charakteristik geben. Gottesfurcht, im alten, vollen Sinne, ist das rechte, treffende Wort, welches die Religiosität des Königs, wie sie Ihm cigenthümlich war, richtig bezeichnet, weil man darin zugleich das Motiv flehet, welches Ihn in dieser Sphäre bewegte und bestimmte, das Motiv einer frommen Scheu. Diese war, wie bei allen ausgezeichneten, zartsinnigen Menschen, ein ganz eigenthümlicher charakteristischer Zug Seiner gestimmten Individualität, tief verwebt in Seine Denkart, Gesinnung und Handlungsweise. Ost und immer ist sie bemerkt; aber von denen nur, die Ihn genau kannten, in der verborgenen Quelle recht verstanden und gcwürdigct. Denn wie imponirend, wahrhast Königlich auch Seine körperliche Gestalt und Haltung, wie fest und ruhig auch Sein Blick, wie kategorisch auch Seine Sprache und energisch Sein Wirken war, so umfloß doch Sein ganzes Sein und Wesen, ich weiß nicht, wie ich es bezeichnen soll, ein gewisses Etwas, ein Anhauch, eine leise Färbung, in der ungeschminkte, nicht selten fast an schamhafte Schüchternheit grenzende Denrath durchschimmerte, eine Discretivn und Anspruchslosigkeit, in der alles Selbstvertrauen sich verloren zu haben schien. Verlegenheit, Unbcholsenhcit, Mcnschensurcht war es nicht; diese kannte Er nicht: auch den größten, den mächtigsten Feinden gegenüber, und von ihnen besiegt, hat Er nie das Bewußtsein Seiner Bestimmung verloren, nie Seiner Königlichen Würde das Geringste vergeben. Vielmehr trat, wenn Er opponircnden Kräften gegenüberstand, ein edler Stolz und ein männlicher Trotz in Ihm hervor, und Ihn im Zorn zu sehen, war fürchterlich. Nein, diese fromme Scheu, die Verecuiickin der Alten, war ein reiner, tiefer An- und Nachklang Seiner wahrhaftigen Furcht vor Gott, die Sein ganzes Wesen durch und durch erfüllte und daher auch im Aeußcrn, in ganz eigcnthümlichcn Zügen, sichtbar wurde, wie die Schamröthe bei der Unschuld; am Sichtbarsten, zum Beweise ihrer Ungeschminktheit und Aufrichtigkeit, im Glück. Auf den glänzendsten Höhen desselben, beim Siegeseinzuge in Leipzig und Paris, als die Kaiser Alexander und Franz ihre Garderegimcnter Ihm vorführten und ehrerbietig den Degen salutirend vor Ihm senkten, war Er so, als wenn Ihn das nicht unmittelbar anginge, sondern einen Anderen. Jeder Anhauch des Ueber- muthes blieb von Ihm ferne und Vcrmessenheit kannte Er nicht. Seine Furcht vor Gott, das lebendige Gefühl Seiner Abhängigkeit von Ihm, ließ Ihn in allen Dingen Maß halten und bewahrte Ihn vor dem Egoismus der persönlichen Ueberschätzung so sehr, daß Viele, welche die heilige Quelle nicht kannten, darin einen Mangel an Selbstvertrauen sehen wollten. Eben -aus diesem Grunde war Ihm jede Lobeserhebung und Schmeichelei so entschieden zuwider, und wo mem Ihm die Ehre geben und Verdienst Ihm zuschreiben wollte, wies Er es ernst von sich ab und führte Alles auf Gott und seine Hülfe zurück. Das Gewissen nannte Er den Sprecher, den Stellvcr- treter Gottes in des Menschen Brust und Er hielt darum im nern Unfrieden und Zerfallenheit mit sich selbst für das größte Unglück. Mit einer fast ängstlichen Gewissenhaftigkeit wachte Er über sich selbst und wer Ihn oft sah und genau kannte, bemerkte die verschlossenen, stillen, sittlichen Kämpfe, mit denen in den wechselnden Zuständen Seines Lebens Er zu ringen hatte. Seine Frömmigkeit war keineswegs die von selbst gereifte Frucht eines glücklichen Temperaments, vielmehr machte dieses in seinen sanguinischen Impulsen Ihm viel zu schaffen und Er hat durch viele, wie äußere, so auch innere Läuterungen gehen müssen, ehe Er so feuerfest und bewährt war, als Er es wirklich geworden. Seine Furcht vor Gott flößte Ihm Furcht vor der Sünde ein. So schonend und milde Er gewöhnliche menschliche Verirrungen und Schwachheiten bcurtheilte und darin eine weitgehende Connivenz bewies, einen so entschiedenen Abscheu und Horror hatte Er vor den Sünden, die Er grobe nannte. Dahin rechnete Er vorzüglich drei: die Sünde der vorsätzlichen Lüge mit ihrer, wie Er hinzusetzte, ganzen Sippschaft! ungerechtes Gut, durch Ränke; und die Sünde des Ehebruchs. Diese Sünden nannte Er Tod- Sünden; und betonte das Wort so, daß Alle, die es Ihn aussprechen hörten, eine Angst überkam. Seine Gottesfurcht 293 in dieser Beziehung war nach der alten, frommen Bätermeise ängstlich; abergläubisch würde die moderne Gottesvergessenheit sie nennen. Wo Er diese wahrnahm, wandte sich Sein Herz ab, und Er war der Ueberzcugung, daß, wer keine Furcht vor Gott mehr habe, auch die vor Gesetz und Obrigkeit längst aufgegeben hätte. Er kannte die Sophismen des menschlichen Verstandes und Herzens, und wußte, wie sie, bei aller scheinbaren äußern Legalität, in tausend versteckten Schleich- und Nebenwegen, die Gesetze zu umgehen und zu illudiren wissen; und überall, wo Er keinen reinen, tiefen Grund sah, trauetc Er nicht. Darum hatte Legalität bei Ihm nur einen bedingten Werth; von der wahren, praktischen Gottesfurcht erwartete Er nllcin Heil, im Einzelnen, wie im Ganzen. „Gott," habe ich Ihn oft sagen hören, „ist der alleinige, schöpferische, höchste Punkt, von dem alles wahrhast Gute ausgehet, in welchem sich daher auch Alles befestigen und erstärken muß, wenn es besser und gut werden soll in menschlichen Dingen. Das belebende Princip der Furcht sei," meinte Er, „dabei durchaus nothwendig, sie nehme den Menschen zuerst in die nöthige Zucht, flöße ihm Ehrfurcht vor göttlichen Dingen und vor der Sünde Scheu ein, die, fortgesetzt, Abscheu würde, aus welcher dann die Tugend hervorgehe." Deßhalb waren Ihm die Ausdrücke: Religion und Frömmigkeit, nicht so lieb und adäquat, als das stärkere und zugleich verständlichere Wort: Gottesfurcht, welche überall, wo sie sei, von selbst Gottseligkeit erzeuge, die ohne jene gar nicht da sein könne. „Dieß hätten," setzte Er scharfsinnig hinzu, „die Herren Theologen, bei dem alten und langen Streite über Glaubens- und Sittenlehren, über dogmatische und moralische Predigten, bedenken sollen. Ohne Wurzeln giebt es kein Wachsthum, keine Blüthcn, keine Frucht." Deßhalb konnte Er allen, unaufhörlich Ihm vorgelegten Planen und neuen Borschlägen zur Verbesserung und Veredlung des menschlichen Geschlechtes, denen diese gesunde Wurzel fehlte, nie Geschmack und Vertrauen abgewinnen, und waren sie ohne dicß, dabei nun vollends noch in einem vielversprechenden, pomphaften Tone, was Ihm gänzlich zu wider war, angekündiget, so schrieb Er in inm-zine oft daneben: „übertünchte Gräber." Es wurde Ihm ein prächtiger Plan zur Errichtung einer neuen Lehr- und Erziehungsanstalt vorgelegt. In denselben war nach systematischer Reihenfolge eine Masse von Lehrobjecten, wie das Bedürfnis der jetzigen Zeit es verlangt, aufgenommen, und zuletzt auch noch der Religion und des Unterrichtes in ihr, nebenher, gedacht. Daneben hatte der König eigenhändig geschrieben: „Ei, ei! doch der Religion auch noch beiläufig, respectshalber, ein Complimcnt gemacht. Damit läßt sie sich aber nicht abfinden. Muß die belebende Seele des Ganzen sein, wenn was Tüchtiges daraus werden soll. Erst noch bei August Herrmann Franke in die Schule gehen!" Dagegen half, gab und förderte Er überall gern und mit immer vollen Händen da, wo der Charakter und das Bedürsniß wahrer Gottesfurcht Ihm entgegen kam, und Alle, welche Etwas zu suchen und zu erbitten hatten, weß Stan- 297 dcs sie auch sein mochten, thaten wohl, wenn sie empfehlende Zeugnisse von würdigen Geistlichen beifügten. Dagegen war Er unerbittlich, kalt und strenge abweisend, überall da, wo Er Gottesvcrgessenheit, Gottlosigkeit, und die Spuren der vorher genannten drei Tod-Sünden wahrnahm. Vorzüglich ernst und strenge war Er in pnnoto sexti. Unter den vorigen Regierungen war man darin sehr lax gewesen und das heillose Maitressen-Wesen war mit einer Unverschämtheit und Oeffentlichkeit aufgetreten, die alle Scham verloren, wie als ob es damit so in christlicher Ordnung sei. Mit der Regierung Friedrich Wilhelm III. verschwanden, geschreckt durch Seinen stark ausgesprochenen Unwillen und erbauet durch Sein musterhaftes eheliches Vorbild, wenigstens öffentlich diese Sünden der Unzucht, und derjenige, von dem es bekannt geworden, daß er in einer unerlaubten, strafbaren fleischlichen Verbindung lebe, hatte gewiß Seine Gunst für immer verloren. Unaussprechlich groß ist der Segen, den der hochselige Herr, wie überhaupt, so auch in dieser Beziehung, für das Familien-Leben, die Grundlage des öffentlichen, in Seiner langen Regierung gestiftet hat. Wenn sich das positiv Gute, das Er in Thatsachcn bewirkt, nicht alle nahmhast machen läßt, so entzieht sich vollends jeder menschlichen Berechnung die Segnung, die Er durch Verhütung des Bösen über Sein Land und Volk gebracht hat. Auch dieß ist in der Wagschale des allwissenden Richters ein Gewicht, das ewigen und himmlischen Frieden in die Seele des Vollendeten gesenkt. Im Punkte der Gottesfurcht, wo sie sich als Achtung vor Sitten-Reinheit ausspricht, war und blieb der König conseguent strenge und wich nie von Seinen Grundsätzen ab. Da, wo Er in einzelnen Fällen sie milderte, geschah es doch immer so, daß stets Sein sittlicher Ernst, auf welchem der ganze Charakter ruhete, durchblickte. Merkwürdige Erfahrungen habe ich in dieser Beziehung gemacht; nur eine will ich hier erzählen. Ein bereits verewigter Staats-Beamter, hochgestellt und ausgezeichnet in seinen amtlichen Leistungen, in seiner Jugend leichtsinnig, im männlichen Alter ernst und gewissenhaft, wünschte, daß seine vier, mit einer Maitresse erzeugten Kinder, zwei Söhne und zwei Töchter, (als deren Mutter gestorben war, und der Vater mit einer kinderlosen, würdigen Wittwe einen rechtmäßigen, christlichen Ehebund geschlossen hatte,) vom Könige lcgitimirt werden möchten. Seine Jmmediat-Bittschrist motivirtc er mit Aeußerungen aufrichtiger Reue über seine früheren jugendlichen Vcrirrun- gen, und wünschte sie dadurch wo möglich zu verbessern, daß er seinen unschuldigen, talentvollen, und gut gearteten Kindern gerecht würde; dieß könne er aber nur dann, wenn sie seinen Namen tragen dürsten, und alle Rechte ehelicher Kinder erhielten. Von der Gewährung dieser angelegentlichen Bitte hänge die Wieder-Erlangung seiner verlorenen Gewissensruhe und das Glück seines noch übrigen Lebens ab. Seit vielen Jahren mit diesem, in mancher andern Hinsicht achtungswerthen, Manne befreundet, konnte und mochte ich seinen an mich gerichteten Wunsch, die Bittschrift dem Könige zur guten Stunde einzuhändigen und das Gesuch zu 299 empfehlen, nicht abschlagen. Aber wie ich es gethan, sah der König mich ernst und durchdringend an, mit der Aeuße- rung: „Ich muß mich darüber wundern, wie Sie, als ein christlicher Geistlicher, mir eine in ihrem Ursprünge gottlose Sache empfehlen können." „Die Sache selbst und ihre Sünde empfehle ich nicht; ich empfehle nur die aufrichtige Reue des gebesserten Mannes und seinen lobenswerthen Wunsch, von seinen unschuldigen Kindern die Schmach unehelicher Geburt genommen zu sehen, und ihnen in der Legitimität eine bessere Erziehung geben und ein günstigeres Lebcnsloos bereiten zu können." „Ei was," siel der König sast zornig ein, „das sind die heillosen, aber gerechten, strafenden Folgen der verdammten Maitrcssen-Wirthschaft. Sie verhindert und vergiftet früher oder später das eheliche Leben, und führt von einer Sünde in die andere. Wer sie begangen, mag ihre Folgen tragen; wollte ich sie aufheben, oder auch nur mildern, so würde ich damit einen strafbaren Jndiffcrentismus an den Tag legen, und das führt zu fatalen Exemplisica- tionen, wovon denn das Ende nicht abzusehen ist." Erschreckt, fühlte ich die in diesen Königlichen Aeußcrun gen liegende Wahrheit: setzte aber doch noch mal hinzu: „Der Reuevolle und Gebesserte bittet für unschuldige Kinder." Der König aber wandte Sich unwillig weg, nahm die'Bittschrift nicht an, und ließ mich beschämt stehen; mir blieb nichts übrig, als der Entschluß, künstig mit meinen Empfehlungen vorsichtiger zu sein. Aber die dem Könige neben Seiner strengen Gerechtigkeit eigcnthümliche Milde verkannte doch nicht das auch Billige und Ansprechende in dieser Angelegenheit, und Seine richtige, Alles wohlerwägcnde, vermittelnde Weisheit stellte sie in die rechte Mitte. Nach einigen Wochen ließ Er mich rufen und sagte: „Habe mich unter der Hand nach dem Manne genauer erkundigen lassen, und erfahren, daß er früher sonst nicht ausgeschweift, sondern allein mit der Einen Person, besserer Art, als gewöhnlich die Creaturen solchen Gelichters sind, es gehalten hat, und daß er auch sonst in seinem Amte und Leben untadelhaft ist. Die über seine Kinder eingezogenen Zeugnisse sprechen für ihre guten Anlagen und ihr sittliches Naturell. Jetzt kommt es nur noch darauf an, ob seine jetzige rechtmäßige Ehefrau von dem Dasein der vier unehelichen Kinder ihres Mannes unterrichtet ist. Ist sie es nicht und darf und soll sie es nicht wissen, so läßt ein solches fatales Geheimniß kein eheliches Glück aufkommen, und dann schadet man auf der einen Seite so viel, als man auf der andern Seite helfen will. Ist sie aber mit allen Verhältnissen bekannt, kann sie sich darüber wegsetzen, und will sie, bereits über die mittleren Jahre hinaus, wo sie wohl selbst nicht mehr Mutter werden wird, die Kinder ihres Mannes in Eintracht mit ihm liebreich behandeln und gut erziehen, so daß sich Alles klar, offen und ehrlich gestaltet: so will ich die Bitte erfüllen und die Kinder lcgitimiren. Können deßhalb Beide, Mann und Frau, noch einmal einkommen; müssen aber eine Beglaubigung von einem würdigen Geistlichen beifügen." Dieß geschah auf meine Benachrichtigung und die dissi- cile Sache kam zur vollen Zufriedenheit der bis an ihr Ende glücklichen Eheleute, zum Segen der wohlgerathenen noch lebenden Kinder, in eine feste, gute, christliche Ordnung. 30l Man stehet hieraus, welche Früchte die Gottesfurcht des Königs trug; sie lehrte Ihn die Sünde verabscheuen, machte Ihn strenge, gerecht, — doch auch milde, wenn es mit der Gerechtigkeit vereinbar war. Ehe Er aber diese Milde eintreten ließ, erkundigte Er sich, um schädliche Eindrücke zu vermeiden, genau nach den specicllen Umständen und knüpfte so die Erweisung Seiner Wohlthaten an freiwillig übernommene Bedingungen, welche Nur allein die Tugend und Wohlfahrt der Empfänger zum Zwecke hatten. Daß bei dieser gestimmten sittlichen Lebens-Tendenz Seine Gottesfurcht ein lebendiges, festes, muthiges Vertrauen auf Gott bewirkte, liegt in der Natur und Kraft der wahren Frömmigkeit. Denn Vertrauen, Hingabc an Gott, ist nicht so sehr Pflicht, als vielmehr Vorzug, nicht so sehr Tugend, als vielmehr ihre Belohnung. In einem unklaren, sturmbewegten Wasser kann das Bild der Sonne und des Mondes sich nicht rein, klar und ruhig abspiegeln, und in einer unreinen, von der Sünde befleckten und von ihren Leidenschaften beunruhigten Seele kann der hohe Frieden des Gott-Vertrauens mit seinen stillen Erquickungcn nicht Wohnung machen. Deßhalb hat nur Der Freudigkeit zu Gott, den sein eigenes Herz nicht verdammt! und was. ist der Mensch bei allen äußttcn Vorzügen ohne diese innere Freudigkeit? Fehlt sie ihm, so ist auf dem wogenden Meere der unruhigen Welt sein Lcbensschiff ohne Ruder und ohne Com- paß. Keiner bedarf den Leitstern des Vertrauens zu Gott mehr, als der, den er hoch gestellt, dem er das Wohl Anderer anvertrauet und das Regiment über sie in die Hand gegeben hat. Keine größere Pein und Nvth mag es für den Gewissenhaften geben, als über das Schicksal van Millionen, über Krieg und Frieden, über Leben und Tod, in der höchsten und letzten Instanz den entscheidenden Ausspruch thun zu müssen. Der Verstand auch des Einsichtsvollsten kann irren und fehlgreifen. Die scharssinnigsten Combinationcn beruhen in den meisten Fällen auf Voraussetzungen: die dunkeln Mächte und verborgenen Kräfte des Zufalls lassen sich nicht berechnen und bei allen Dingen von Wichtigkeit muß immer, des Erfolges ungewiß/Etwas gewagt werden. Denn daß es über alle menschliche Einsicht hinaus noch etwas Anderes gicbt, ein Unbekanntes, was sorgfältig angelegte Plane begünstigt, oder zerstört, — wer, der den Gang seines eigenen kleinen Schicksals und das Schicksal ganzer Völker und Nationen beobachtet und kennet, möchte das läug- nen wollen? Dieser Glaube an eine höhere unsichtbare Macht, von der Glück und Unglück kommt, ist so alt, wie die Welt; Jedem drängt er sich auf, Jeder bedarf ihn, Keiner kann ihn entbehren, und einer dunkeln, räthsclhasten Zukunft entgegen schreitend, die heute noch verbirgt, was morgen geschieht, liegt er, bewußt und unbewußt, in jedes Menschen Brust, er mag nun, nach Maßgabe seiner Ansicht und Bildung, diese verborgene, über allen menschlichen Dingen schwebende und sie umschließende allgewaltige Macht, Fatum oder Zufall, Ohngefähr oder Schickung, Schicksal oder Nemesis nennen. Genug, sie ist factisch da, und Jeder erfährt sie. Darum hat man auch vom Anfange an bis zu dieser Stunde nie aufgehört und wird nie aufhören, sie erforschen, ihre Hieroglyphen enträthseln, ihren geheimnißvollen Schleier lüften, und ihre Gunst gewinnen zu wollen. Bald sah man 303 ihre Zeichen und hörte ihre Laute in dein Fluge und den Stimmen der Vögel, die als Segler der Lüste den Blick l nach Oben ziehen, als woher Segen und Unsegen kommt. Bald suchte man sie in der Constellation der Sterne, stellte nach ihren unabänderlichen Aussprüchen die Nativität und ihr Hoxoscop und spricht vom Glücksstern und Unstern noch immer. Bald glaubte man sie zu erblicken in den Andeutungen der Chiromantie, und leihet noch immer das Ohr ihren prophetischen Mystagogcn. Bald will man sie finden in den wunderbaren lind wunderlichen Erscheinungen des Magnetismus, Somnambulismus und der Olnirvovnnoe, schwebend auf der mystischen Grenze der sichtbaren und unsichtbaren Welt. Ohne Glauben kann nun einmal der Mensch nicht sein, seine ganze Existenz ruhet, auch selbst unbewußt, in ihm, und wer ihn als Schwäche von sich stoßen will, und ungläubig wird, läuft am Meisten Gefahr, abergläubig zu werden. Gerade hier berühren sich am Häusigsten die Extreme; was immer denn nach psychologischen Gesetzen geschieht, wenn man die rechte feste Mitte verläßt und verliert. In Äloclic) vcwitss. Voltaire schlug im Jahre I7ll.v Friedrich >1. vor, eine kleine Colonie von Französischen Philosophen in Cleve zu Wie Wallenstein, so glaubte Napoleon, nach den Mittheilungcn seiner Biographen, an diese fatalistische Sternenschrift und suchte sie zu erforschen. Als vor dem Ausbruche des Krieges mitMust- land sein Oheim, der Cardinal Fesch, bei stiller, nächtlicher Unterredung ihn warnte und bat, davon abzustehen, trat er mit . ihm an's geöffnete Fenster und sprach: ,,Schau auf und lies! Da am gestirnten Himmel steht mein Schicksal geschrieben, und was" da geschrieben stehet, wird unabänderlich in Erfüllung gehen." clr. Segur's Feldzug im Norden. gründen, die dort, ohne Furcht vor den Ministern, den Priestern und den Gerichtshöfen, frei die Wahrheit sagen könnten. Darauf crwiedcrte ihm der große König: „Ich bin gewiß, daß wenn eine solche Gemeinde bedeutend wäre, sie bald irgend einen neuen Aberglauben in die Welt setzen würde. Der alte Fürst von N. N., den sie gekannt haben, glaubte nicht an Gott; wenn er aber auf die Jagd ging und drei alten Weibern begegnete, kehrte er um; — das war ihm eine schlechte Vorbedeutung. Am Montage unternahm er Nichts, weil dieser Tag ihm unheilbringend schien. Wenn man ihn aber nach dem Grunde fragte, konnte er denselben nicht angeben. Sie wissen, was man von Hobbes erzählt, der bei Tage ungläubig war und Nachts aus Furcht vor Gespenstern nie allein schlief'." Zwischen diesen beiden gleich gefährlichen Extremen des Aberglaubens auf der einen, und des Unglaubens auf der andern Seite, stand in der festen Mitte des wahren, lebendigen Glaubens fest und ruhig Friedrich Wilhelm III., ange- than mit dem Schilde ächtcr praktischer Gottesfurcht. Das Seclcnbild, welches wir hier in und an Ihm erblicken, führt uns das vom Könige Gustav Adolph und dem großen Chur fürsten vor die Augen. — Dasselsse großartige, muthige, unerschütterliche, kühne, und doch dabei kindliche Vertrauen auf den Beistand und die Hülfe des allgegenwärtigen und allmächtigen Gottes, das jene Heroen trug und hob und verherrlichte, war auch Sein köstliches Eigenthum. Der Len- *) Haudc und Spener'sche Zeitung. Nr. 17b. 1842. Aus den Uettres Nu Kol <1e Urusss et lte Voltaire. Vettre OXI.II. Sans-souci, den 24. October I7t>ö und OXOIV. Potsdam, den 2b. Iunius 1771. 305 ker Seiner Schicksale halte selbst durch merkwürdige Lebenserfahrungen Ihn ans diesen Licht- und Höhepunkt geführt, so daß Sein Glaube das langsam gereiste Resultat Seines gesummten Lebens, und eben damit und dadurch ein klares, lebendiges Bewußtsein geworden war. Durch treu geübte Selbstvcrläugnung war Er zur Selbstbeherrschung, durch männliches Ausharren zur inneren Stärke, durch Nacht zum Licht, durch Drangsal und Noth zur Glorie gekommen. Das Unmöglichscheinende, im Unglück, wie im Glück, hatte Er erlebt und in Seiner und des Landes Errettung hatte Er die Hand Gottes so sichtbar erblickt, daß es Ihm nun war, als ob Er fühlbar von ihr geleitet würde. Sein Glaube hatte alle in demselben liegende aussteigende Stufengänge durchgemacht. Von der ersten Annahme auf Autorität hin, war Er zum Denken und Fühlenz vom Denken und Fühlen zum Bewußtsein: vom Bewußtsein zum Gehorsam; vom Gehorsam zur Erfahrung; von der Erfahrung zur Hingabc an Gott allmählig übergegangen, und in dieser festen, ruhigen, klaren, von jeder schwärmerischen Beimischung durchaus freien Hingabc lag das Eigenthümliche Seines frommen, gottesfürchtigcn Charakters. Wenn "Ihm dicß eine gewisse Hoheit, Unabhängigkeit, Selbstständigkeit und Würde gab, so gab es Ihm zugleich damit jene fromme Scheu der Anspruchslosigkeit, der Schonung und Milde, in seltener Bereinigung, so daß es an Ihm recht klar -geworden ist, wie wahre, ächte Frömmigkeit nur allein es vermag, entgegengesetzte löbliche, aber gewöhnlich in Einem Charakter sich ausschließende Eigenschaften, z. B- persönliche imponirende Würde und Demuth, Strenge und Milde, lebendige Wärme und Ruhe, Freigebigkeit und Sparsamkeit, Klugheit und 20 Arglosigkeit, Männlichkeit und Kindlichkeit, vermittelnd zur harmonischen Einheit zu verschmelzen, und jene Abrundung, Reife und Vollendung zu erzeugen, die wir uns gerne idealisiren, aber so selten im wirklichen Leben finden. Der König war eine durchaus praktische Natur und Alles, was Er dachte, wollte, sammelte, ging in That lind Leben über. Darum war Sein Gottvcrtranen kein müßiges, ein vielmehr alle Seine Handlungen durchdringendes, regelndes und nur da hegte Er gute Hoffnungen, wo Er es fassen konnte. Wie es Ihn als Mensch und Ehrist beruhigte und beglückte, so leitete es Ihn bei den wichtigsten Maßregeln als König, und zu keiner Sache, wie sie auch sonst empfohlen sein mochte, faßte Er Vertrauen, von der eine innere Stimme Ihn abmahnte. In der Divinität Seines Denkens, Fühlens und Thuns, hatte sich, fern von aller Sagacität, jene, reinen Herzen beiwohnende, höhere Divinationsgabe ausgebildet, die Ihm ein göttliches Orakel war, das Er zwar nicht abergläubig befragte, dessen warnende und ermunternde Stimme Er aber ehrte. War diese innere Stimme, die Ihm sagte, was gehen und nicht gehen könne, was gelingen Und nicht gelingen würde,.im Widerspruche mit der Ansicht und dem Nathe selbst Seiner einsichtsvollsten Minister, so blieb Er doch unbeweglich fest, Seinem guten Genius treu: suspendirte dann aber entscheidende Beschlüsse, und es ist notorische Thatsache, daß überall da, wo gegen gegebenen Rath Er allein selbstständig handelte und verfuhr, der glücklichste Erfolg, über alle Wahrscheinlichkeit hinaus, Seine getroffenen Maßregeln als die besten gewöhnlich rechtfertigte. '307 Er war ein aufmerksamer Beobachter der Zeichen der Zeit und achtete wartend auf inzwischen eintretende Umstände und Verkettungen. Diese waren ihm höhere Winke, und was die Unwissenheit und der bequeme Unglaube Zufall und Ohngefähr nennt, war Seinem sonsu.s numinis göttliche Fügung. In der Gunst derselben fand Er Freudigkeit und Muth, und wo ihre Ungunst am Tage lag, da war und blieb Sein Verhalten negativ. Wenn wichtige Werke betrieben wurden, deren Beendigung man wünschte, beendigte Er unter solchen Umständen sie nicht und sprach: „Der rechte, fördernde Augenblick ist noch nicht gekommen."" Er, überall sonst aufrichtig und redlich, hielt in solchen einleitenden Dingen hartnäckig und verschlossen an Sich, und Niemand erfuhr, was Er meinte und wollte; war aber der erwartete Moment eingetreten, dann war Er der «kons ex mnolnim, der einer verwickelten Sache eine glückliche Wendung gab. Wohl wissend, daß Glück und Heil in seltsamer Welt- verknüpsung sehr oft aus kleinen, unbedeutend scheinenden Dingen entspringen, und umgekehrt in veränderten Conjunc- turcn Verderben und Unglück oft aus sorgfältig getroffenen, scheinbar besten Maßregeln hervorgehen, legte Er auf politische Spcculationen und Combinationen einen geringen, sub- ordinirten Werth und die diplomatischen Berechnungen hatten für Ihn wenig Reiz, ihre Tcrgiversationen waren Ihm vollends zuwider. Als ich einmal bei der Bcrathung über eine abzuschließende wichtige Sache die Bemerkung mir erlaubte: sie erscheine auch in politischer Hinsicht wünschenswert!) und gewähre neue, bedeutende Vcrknüpfungspunkte, crwiederte Er: „Darauf gebe ich gar Nichts; solcher menschlicher Calcul bringt gewöhnlich statt plus ein minus. So lange die Po- 20" litik nichts Anderes ist, als eine Klughcitslehre nach den veränderlichen, bald günstigen, bald ungünstigen Umständen, täuschen, bei dem steten Wechsel der Menschen, Sachen und Verhältnisse, alle politischen Berechnungen, und man wird betrogen, um auf' sNcue immer wieder betrogen zu werden. Das Wahrscheinlichste geschieht nicht und das Unwahrscheinlichste stellt sich als gellend hin. Recht thun, Gott fürchten, und ihm vertrauen, ist die beste Politik, das allein bringt Segen, und auf jeden Fall bewahrt man dabei ein gutes Gewissen; und ist Gott für uns, wer mag wi der uns sein?" Auf diesem Felsengrunde eines kühnen, kindlichen Vertrauens stand Er ruhig und fest da mit aufgerichtetem Haupte; und nie verließ Ihn männliche Fassung in den sinstcrn Tiefen des größten Unglücks, nie die Dcmuth auf den lichten Höhen des glänzendsten Glückes. Sein Bundesgenosse war Gott, und alle Hülfe kam Ihm von Dein, der Himmel und Erde gemacht hat und regiert. Den Adler auf Seiner Brust umstrahlte das göttliche Wort: „Die auf den Herrn harren, bekommen Kraft, wie die Adler, daß sie auffliegen und nicht matt, daß sie laufen und nicht müde werden." Diese Sein ganzes Sein und Wesen durchdringende Frömmigkeit hatte innerlich und äußerlich einen positiv- christlichen Eharakter, und Alles in Ihm war in religiöser Beziehung geknüpft, gehalten, getragen und befruchtet von dem lebendigen Glauben an die göttliche Offenbarung der heiligen Schrift. Wie könnte es auch bei einem vorurtheilssrcicn, klar 309 denkenden Geiste, bei einem billigen, dankbaren, aufrichtig frommen Herzen anders seinL Das Christcnthum, wie es aus der heiligen Schrift hervorgegangen und in die Welt gekommen und die Religion ganzer Völker und Staaten geworden, ist das heilige wunderbare Element und Ferment, das sie, ihre Gründung, ihre Verfassung, ihre Institutionen, still wie ein Athcm des Lebens und der Kraft durchdringt, hält, nährt und trägt. Was die Philosophie und Aesthetik, die Künste und Wissenschaften, die Staatskunst und Gewalt der Griechen und Römer nicht vermochten, die ticfgcwurzclte Gewalt des Politheismus und damit den Aberglauben mit allen seinen sündhaften Schrecknissen zu zerstören, das hat das einfache, schmucklose Wort vom Kreuze in seiner wcltüberwindendcn, herzgewinnenden Kraft bewirkt und vollbracht. Sokrates lebte und lehrte in Athen, und ganz Athen war und blieb abgöttisch. Der Sieg, der immer rastlos und still fortschreitende Sieg des Christcnthums über das Heidcnthum durch arme Boten, die keine andere Waffe haben, als sein Wort, bezeichnet einen Ursprung, dessen schöpferische Kraft, über alles menschliche Vermögen weit hinaus, in einer höheren, unsichtbaren, göttlichen Welt liegt. Das Christenthum hat in seiner nie zu erschöpfenden Tiefe, verbunden mit seiner edlen, ansprechenden Popularität, in seinem hohen Ernste und in seiner crmuthigcndcn freundlichen Milde, in seiner göttlichen Erhabenheit und in seiner reinen Menschlichkeit das menschliche Geschlecht zuerst zum Bewußtsein seiner angeborenen Menschenrechte gebracht: und es arbeitet fort und fort daran, dieß Bewußtsein in allen Ständen und in jedem Einzelnen mit seiner Kraft lebendig zu machen. In dem Universalis- mus seiner Humanität kennet es keinen Kastengeist, vernichtet jede Despotie mit ihrer Willkühr, schafft Recht und Gerechtigkeit, und will, daß Allen, von Oben herab und von Unten heraus, geholfen werde und daß Alle zur Erkenntnis und zum Genuß der Wahrheit kommen. — Von Innen heraus will es heilen und bessern, damit das Ganze genese und im Austausche der Liebe glücklich sei. Darum verbannet es alle Barbarei, fördert die Kultur, bringt Sitte und Würde, steht im Bunde mit der Wissenschast, und sein immer frisches Lcbensprincip ist in der Pcr- sectibilität aller Menschen ihre Pcrfcctionirung, damit ihr Sein und Leben möglichst ein Pcrfectum werde. Das Chri- ftenthum ist es allein, das zuerst die Monogamie festgestellt, die Ehe geheiligt, das weibliche Geschlecht cmancipirt, die Rechte und Würde der Frauen und Mütter sicher gestellt, die Kinder in Schutz genommen, und damit eheliches und häusliches Glück als die einzig feste Grundlage der gemeinsamen öffentlichen Wohlfahrt gelegt hat. Was die christlichen Staaten geworden, das sind sie geworden durch das Christenthum: es ist die Genesis aller Blüthen und Früchte der wissenschaftlichen und geselligen Bildung, die sie vorzugsweise besitzen. Aus den Schulen, die es gründete, aus den Lehranstalten, die es stiftete, aus dem forschenden Wahrheitssinne, den es anfachte, aus den Gemeinden, die es sammelte und begeisterte, ist alles Große und Herrliche entsprossen, was das christliche Europa vor allen andern Welttheilcn notorisch besitzt. Es ruhet, wächst und lebt und bestehet auf der Grundlage des positiven Christenthums und sein Geist ist es, der darin waltet. Durch alle Adern, Organe und Lebcnspulsc der christlichen Staatskörper 3ll ist es so verwachsen, daß die Vernichtung desselben ihre eigene Zerstörung sein würde. Allen seinen Gliedern in allen Ständen gicbt es beim Eintreten ins Leben die Weihe sür Pflicht und Recht und knüpst an das Zeugniß der Taufe die Legitimität mit allen ihren bürgerlichen Folgen. Es schließt alle Ehen, sanctionirt alle geleisteten Eide und sichert durch sie alle öffentlichen Functionen. Es giebt allen geschlossenen Verträgen die schützende Garantie, limitirt die Stufengänge der Ordnung, hält sein Schild über Besitz und Eigcnthum und verschafft dem Genüsse Sicherheit. Das Christenthum ist die Luft, in der auch das Staatsleben athmet, und es kann sich derselben eben so wenig entziehen, wie das physische Leben. Aber weil sie die nothwendige Bedingung des Lebens ist, so wird sie fortwährend genossen, ohne darüber zum klaren Bewußtsein zu kommen, und fällt damit in die unermeßliche Kategorie der unerkannten, wenngleich der ersten Wohlthaten. Wenn daher, wie schon oft, so auch in unseren Tagen, wieder Stimmen laut werden, die da meinen, das Christenthum habe sich überlebt, es sei damit aus, und es müsse den größeren Fortschritten unserer Zeit das Feld räumen, so möchte man diese Philalethen, wie sie sich nennen, bitten, alle Grundbegriffe des Wahren, Guten und Schönen, das die Welt seit I!) Jahrhunderten allein dem Christcnthum, als der Urquelle, verdankt, nun auch dem Christenthume wieder zurück zu geben: dann werden sie ja sehen, was ihnen als selbst- errungcnes Eigenthum, das sie sich allein selbst nur zuschreiben können, übrigbleibt. Ach, sie machen es, wie erwachsene, majorenn gewordene, sich stark und kräftig fühlende Kinder, die nun undankbar der treuen Mutter vergessen, an deren Brust sie fürs Leben zuerst erstarkten, rind von deren Erbe sie noch immer leben. Sie trifft das tiefe Wort des Herrn: „Er kam in sein Eigcnthum und die Seinen nahmen ihn nicht auf;" der Nachsatz aber: „Denen, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Gottes Kinder zu heißen und zu sein," wird nie seine schöpferische Kraft verlieren und immer wird wahr bleiben: „Aus seiner Fülle haben wir geschöpft Gnade um Gnade." Was die Welt vor Christus war und was sie durch ihn und seinen lebendigen Geist geworden, liegt als ein historisches Factum klar und sattsam am Tage; wenn man aber meint, sie könne jetzt, mündig geworden, seiner entbehren, so müßte doch, um eine solche Behauptung zu begründen, nun auch die Wahrheit genannt werden, die erhabener, besserund beglückender für Einzelne und für das Ganze heilsamer wäre, als die er gelehrt und gegeben hat, und die sich noch nicht in seinem Worte findet. Und welche wäre die? Welche Philosophie hätte sie gesunden? Hat nicht jede, nach dem raschen Wechsel ihrer Systeme, sich immer wieder auf dem Gebiete des Christenthums orientircn müssen? Ist nicht Alles, was in ihr wechselnde Zeit-Idee war, auch von den Wogen der Zeit wieder weggespült? Welche hätte das Ewige und Unvergängliche, das erleuchtet, bessert und beruhiget, so hingestellt, um wünschen zu können, es möge an die Stelle des Ehristenthums treten und Eigcnthum des Volkes werden ? Klebt nicht jedem philosophischen Systeme nothwendig die menschliche Unvollkommenhcit und Beschränktheit seines Stifters an, und darf es weiter noch befremden, wenn man nach dem Zeugnisse der Erfahrung, bei der Sensation, die das jedesmal neueste System macht, schon vor der Thüre die Fußtritte derer hört, die es, gleich den vorigen, 313 als Leiche heraustragen werden, um einem neuen wieder Platz zu machen! Nicht, als wenn man damit die Philosophie tadeln oder die Entbehrlichkeit derselben beweisen wollte, — nein, sie liegt als Bcdürfniß in der Natur denkender Köpfe und verlangt Befriedigung, sie ist so alt, wie die Welt, und erhält in ihren krastaufregendenAeußerungen, Reibungen und Bestrebungen die Welt jung und frisch. Von ihr an die, Grenze alles menschlichen Erkenncns und Wissens geführt, erzeugt sie erst tief und gründlich die rechte Glaubensrichtung, und darum hat sie immer und am Meisten dem Christenthum mittelbar genützt, und das Ewige und Absolute desselben am Klarsten erwiesen. Wohl jedem Staate und jeder Universität, wo ihre Facultät, als die Grundlage aller anderen Facultäten, die erste ist, und die eminentesten Köpfe in sich schließt! Nur begehre und erwarte man nicht von ihr, was sie nicht leisten und geben kann, und lasse den Dünkel fahren, als ob sie es vermöchte, das Christenthum mit seinen Institutionen zu antiquiren. Dieses ist in seiner göttlichen Offenbarung das Licht der Welt, und wird mit jedem Sonnenaufgänge in jedem ihm zugewandten Gcmüthe mit jedem Tage auch immer wieder neu und frisch. Es befriedigt den tiefsten Denker und den Tagelöhner in der Hütte. Sein Wort liegt mit gleichem Rechte im Cabinette des Herrschers, wie auf dem Tische des Handwerkers. Licht und Wärme ist sein belebendes Element und es hat das Zeugniß der Erfahrung aus allen Jahrhunderten, im Einzelnen und im Ganzen, für sich. Tausende haben es bereuet, in den Jrrgängen der Skepsis sich verloren zu haben; aber von allen Millionen gläubiger Christen hat noch nie Einer es bereuet, das Wort Gottes an- genommen zu haben; Jeder, der es als ein Kleinod festhielt, und als leitende Lebensregel befolgte, hat in ihm in reicher Fülle gefunden, was er sonst überall vergeblich suchte: Ruhe für seine Seele: Ruhe im Leben, mit seinen Wechseln, Ruhe im Tode, mit seinen geheimnißvollen Schrecken. „So war es vom Anfange an: in ihm war das Leben, und es wird in ihm bleiben, bis an's Ende der Tage. Keine Höhe menschlicher Weisheit wird jemals Golgatha überstrahlen, das kräftige, milde Wort der Versöhnung, das vom Kreuze des Erlösers über den Erdkreis hallet, wird stets seine seligmachcnde Kraft behalten. Der Friede, der von Ta- bor's Palmen erquickend in die Kämpfe und Leiden des Lebens über Sterbebetten und Gräber wehet, wird nie seinen Gotteshauch verlieren. Was christliche Völker und Staaten sind, das sind sie durch das Christenthum geworden; ihre größten Vorzüge, ihre thcuersten,, Güter verdanken sie ihm. Je näher ein Regent, sein Haus und Volk, diesem ewigen Hciligthumc, desto fester, desto würdiger und größer, - - je weiter von ihm entfernt, desto schwächer, schwankender und elender. Im Strome der Jahrhunderte, die verschwanden, vorübergehen und kommen, steht das Christcnthum da, hoch und hehr, fest und unbeweglich, wie ein Fels im Weltmeere, — ein Pharus, zu leuchten allen Völkern und Staaten! Wer auf diesen Felsen bauet, deß Werk wird bestehen. Wer feindselig gegen ihn anrennt, der wird zerschellen; auf welchen er aber fällt, den wird er zermalmen. " *) Eine Stelle aus der iim Jahre I84V den Ig. Januar am Krö- nungs- und Ordensfcstc gehaltenen Rede; dem letzten, welchem der hochsclige König beiwohnte. 315 Von diesem dogmatischen, welthistorischen Standpunkte aus sah der hochsclige Konig das Christenthum an. Es war Ihm eine geschichtliche Thatsachc, ein Gegebenes, das der denkende Mensch annehmen müsse. „Er könne," sagte Er, „sich seine Religion nicht selbst machen und zurechtlegen: denke er sich willkührlich nach seinem Wohlgefallen einen Gott, so schnitzele er sich abgöttisch einen Götzen, in welchem er egoistisch am Ende nur sich selbst anbete. Gott im Geiste und in der Wahrheit anbeten, könne vorzugsweise nur der Christ." Darum verehrte der König im Christenthume mit voller Ucberzeu- gung eine unmittelbare göttliche Offenbarung. In ihr nahm Er an die höchste, entscheidendste Instanz, der, wie Er sich gern ausdrückte, allein das gn« cko non nppellnncko zustehe. Alles, was mit ihrem Geiste und Inhalte übereinstimmt, war Ihm Wahrheit; Alles, was diesem Geiste widerspricht, Irrthum; und dabei ließ Er sich in keine Debatten und Capi- tulationcn ein. Des Herrn Wort ist wahrhaftig, und was er zusagt, das hält er gewiß: diese Uebcr- zeugung war Ihm ein Axiom und der geläufige, permanente, überall geltende Maßstab, nach dem Er urtheilte, prüfte, wählte nnd entschied. Darum war Er Seiner Sache so gewiß und hatte dabei einen so festen, reinen Tact, daß kein aufgeworfener Zweifel bei Ihm dagegen auskommen konnte. Er lebte Seines Glaubens; die heilige Schrift lag beständig neben Ihm auf Seinem Schreibpulte und beide, das Alte und Neue Testament, waren Ihm ein innigstverbundencs, unzcrtrenn, liches Ganze, — jenes Ankündigung, dieses Erfüllung. Die Sprüchwörter (provei'bin) waren Ihm in ihrer kategorischen, sinnreichen Kürze vorzüglich lieb und in den Psalmen fand Er, besonders in Seinen Lcidcnstagen, reichen Trost. In dm unglücklichen, schweren Jahren 181 ll und 1811 habe ich 316 Ihn, vorzüglich nach dem Tode der unvergeßlichen Koniginn, oft sagen hören: „Wäre dein Wort nicht mein Trost gewesen, ich wäre in meinem Elend vergangen;" und das betonte Er aus eine Weise, die in die Seele drang. Die heilige Schrist war Ihm so lieb und theucr, so wichtig und unentbehrlich, daß Er denen, die Er vorzüglich lieb hatte, nichts Besseres und Wichtigeres zu schenken wußte, als ein Prachtexemplar derselben; und als Er ein solches in Großfolio beim Resormationsscste 1817 für den Altar in der Hof- und Garnisonkirche zu Potsdam mir übergab, empfahl Er aufs Dringendste die sorgfältigste Aufbewahrung. Im Neuen Testamente sympathisirte Er am Meisten mit dem Evangelium und den Briefen des Johannes. Das hohe, göttliche Bild, welches dieser Lieblingsjünger des Herrn von ihm gegeben hat, ruhcte still, tief und ernst in Seiner ihm zugewandten Seele und gewann in ihr eine innere feste Gestalt. Der historische Christus war die Seele Seines ganzen Christenthums und im wachsenden Glauben an ihn fand Er volle Genüge. Er verehrte in ihm den ewigen Sohn des lebendigen Gottes, sah in ihm Gott selbst und richtete an ihn Seine Gebete. Das Glaubensverhältniß der Christen gegen ihren Heiland und Erlöser war Ihm nicht bloß ein sachliches, in Hinsicht auf seine Lehren, sondern auch ein innig persönliches; und in der Göttlichkeit seiner Person fand Er die über jeden Zweifel erhabene göttliche Gewißheit seiner Lehren, und wechselseitig in dieser wieder zugleich jene. Das Dunkle und Geheimnißvolle, was diesen Glauben umschwebt, schwächte denselben so wenig, daß es vielmehr ihn stärkte und befestigte. 317 Wicderholentlich hat Er mir vor und nach dem Genüsse des heiligen Abendmahls gesagt: „Was ich anbeten und verehren, wovor ich meine Hände falten und meine Kniee beugen soll, kann und darf ich nicht zu mir herabziehen und mich mit ihm auf eine Linie stellen, es muß höher und erhabener sein, wenn ich mich erheben soll. Könnte ich's begreifen, so müßte meine Verehrung aufhören. Was mich bessern, erheben und gewiß machen soll, muß mir Etwas sein und geben, was ich selbst mir nicht sein und geben kann, und auch kein anderer ebenso sündiger Mensch zu geben vermag."' „Eine Offenbarung, die über die Grenzen des menschlichen Erkennens und Wissens hinaus Nichts zu offenbaren hätte, würde ja aufhören, eine göttliche Offenbarung zu sein. Gerade ihre Geheimnisse sind mir der Beweis ihrer Göttlichkeit, und ich würde den Glauben an diese aufgeben müssen, wenn jene nicht da wären. Sie haben, wie in dem großen . Buche der Natur, eine helle und zugleich immer eine dunkle Seite. Wir sehen die wunderbaren Werke der Macht, Weisheit und Güte in der Schöpfung; in zahllosen herrlichen Erscheinungen gehen sie an uns vorüber, aber wir sehen nur die Erscheinungen; die Urkräftc und Gesetze, aus denen sie hervorgehen, umgiebt ein gehcimnißvoller, undurchdringlicher Schleier, und in s Innere der Natur dringt kein erschaffener Geist. Jeder Baum, jede Pflanze, jede Blume, jede Frucht ist in der stillen Urkraft, aus der sie in tausendfacher Schönheit, Eigcnthümlichkeit, Mannichfaltigkeit, und doch erhabener Einheit, wunderbar hervorgehen, ein undurchdringliches Ge- heimniß; selbst das Licht der Sonne, welches der ganzen Welt Leben und Gedeihen giebt und dessen Wohlthätig- keit wir Alle genießen, ist eine Kraft, die noch kein Natur- forscher begriffen und erklärt hat: sollen wir darum aufhören, dankvoll und anbetend zu Dem aufzuschauen, der es geschaffen hat?" „Gerade die köstliche und herrliche, überall sichtbar werdende innige Analogie der Wunder und Geheimnisse in der Natur mit den Wundern und Geheimnissen in der Offenbarung, ist mir der einleuchtende, erhebende Beweis, daß es derselbe Gott ist, der jene geschaffen und diese uns gegeben hat. Beide, gleich groß und herrlich, sind ein Geschenk der Einen segnenden Hand. Es liegt in dieser Wahrheit soviel Erhebendes, Lehrreiches und Entzückendes, daß es mir, ich kann wohl sagen, erschrecklich ist, wie so viele Theologen, die unübersteiglichen, bald erreichten Grenzen der Vernunft verkennend, sich ein Geschäft daraus machen, die Wunder und Geheimnisse im Christenthum wegschaffen zu wollen. Wem nützen sie damit? Der Philosophie? Die ist immer mit sich selbst im Widerspruche gewesen. Dem menschlichen Geschlecht? das sich doch offenbar hier auf Erden von der Wiege bis zum Grabe im Zustande des Helldunkels befindet, des Glaubens bedarf, und ohne denselben dem Unglauben oder dem Aberglauben verfällt. Der christlichen Kirche? Die auf der Autorität der heiligen Schrift, als dem einzig festen Grunde, gebauct ist, und welche ohne diese bindende, zusammenhaltende Autorität nothwcndig in sich zerfallen und sich auflösen würde. Doch, wie am Himmel und auf der Erde, so stehet es mit Sternenschrist in der heiligen Schrift geschrieben, und was da geschrieben steht, kann und wird menschliche Ohnmacht nicht auslöschen." So sprach der Seines Glaubens gewisse König, mit hinreißender Beredtsamkeit; dann fuhr Er nach einer Pause fort: ZI9 ,,Was ich auch Herrliches im Leben gesehen und wie viel Köstliches ich auch in den Büchern der berühmtesten Schriftsteller gelesen habe, mir wird doch immer ganz anders auf einmal zu Muthe, wenn ich andächtig-die heilige Schrift lese. Da ist auch Alles ganz anders. Da wehet und waltet ein ganz eigcnthümlicher Geist der Gewißheit und Entschiedenheit, der Ruhe und des Friedens. Da wird man allen kleinen und großen Lebcnssorgcn entrückt, stehet Alles ganz anders an, und kommt unvermerkt in eine gute, erquickende Stimmung, wird ernster gegen sich selbst und milder gegen Andere. Jedes Wort ist Wahrheit und jeder kurze Satz schließt eine Welt von Ideen in sich. Die Bergpredigt Christi, o mein Gott, welch ein Schatz, mehr Weisheit auf wenigen Blättern in sich enthaltend, als die Folianten aller Theologen zusammen genommen! Und Der so gesprochen hat, und also sprechen konnte, und die Welt erlöset hat, der sollte uns nicht die Wahrheit gesagt haben, wenn er von seiner göttlichen Natur und von Dingen redet, die über unserm gewöhnlichen, beschränkten Horizont liegen, und weil wir sie noch nicht sehen, dürsten wir sagen: sie sind nicht da? Ach, des armen Menschenkindes, das seineu kleinen Maßstab an das Ewige und Unvergängliche legen und das wclt- crlcuchtendc Licht der Sonne iu das wiukelrecht geschliffene Prisma seiner Intelligenz aufnehmen will, und daneben an schillernden Seifenblasen seine Freude hat: heute kühn pro- vocirt und morgen, vom Tode ergriffen, ohnmächtig um Erbarmen fleht!" ,,Ganz gewiß fasset unsere Zeit in ihren Progressen den Menschen einseitig auf, und wenn Vcrstandesbildung und klare Einsicht allerdings das erste Erforderest ist, so ist sie es doch nicht allein, die gut und glücklich macht. Daß das Herz nicht anders gebessert und der Charakter nicht anders veredelt werden könne, als durch Intelligenz, scheint mir noch sehr problematisch. Die sittliche Natur hat ihre eigenthüm- lichen Rechte und geht, namentlich im Volke, wo man bei mangelhafter Verstandesbildung oft die vortrefflichsten Menschen findet, ihren eigenen und mchrentheils einen ganz anderen Gang. Wie dem aber auch sein möge, gewiß ist es, daß jede Vcrstandesschärfung, die den Menschen scharf und egoistisch macht, sein Herz verengt, ihm die Kindlichkeit raubt, mit Schlauheit und Hinterlist erfüllt, Treue und Glauben vernichtet, also durch Sophistik verdirbt, und nicht zugleich bessert, noch schlechter ist in ihren Wirkungen, als Rohheit und Unwissenheit. Jenes und dieses taugt nicht; Beides zerstört. " „In der rechten Mitte steht, als das einzige durchgreifende Hülssmittel, das Christcnthum, Ich meine das biblisch-positive. Gläubig angenommen, faßt, veredelt und bildet es aus den ganzen Menschen, und bringt Verstand und Herz, Denken, Wollen und Thun in ein harmonisches Gleichgewicht; macht weise, gut und glücklich. Alles kommt hier auf die rechte combinirte Auffassung an. Fasset man das Christenthum einseitig nur allein rationalistisch als Vernunstbcgriff auf, so bildet man raisonnircnde Vernünstlcr. Fasset man es einseitig nur allein supranaturalistisch auf, so bildet man Phantasten, Schwärmer, Separatisten, Mystiker, Frömmler; und wie Jene Alles dürre machen und austrocknen, so versengen und verbrennen diese Alles. Beides taugt nicht; Beides zerstört." „Licht und Wärme, zur Einheit verschmolzen, das ist die große Sache, worauf es hier ankommt. Licht für den Verstand, daß er klar, Wärme fürs Herz, daß es rein und gut werde. Beides gicbt und gewährt nach dem Zeugniß der Erfahrung im möglich reichsten Maße der feste, sich hinge dende Glaube an den historischen Ehristus. In seiner Lehre schärst, weckt, übt und befriedigt er den Verstand und flößt ihm den Wahrheitssinn ein, ohne welchen die Wahrheit nicht erkannt und liebgewonnen werden kann: in der Göttlichkeit und wunderbare» Größe seiner Person gewinnt er das Herz und wird ihm ein Mittler, Erlöser und Versöhner, so daß Dank und Liebe die schöpferische Kraft wird, die ihm ähnlich macht. Indem er den, der sich an ihn anschließt, für das Leben und alle seine Aufgaben in der rechten Gesinnung befähiget, mit Muth, Kraft und Trost erfüllt, erzieht er zugleich für die Ewigkeit und führt so den Menschen mit fester, sanfter Hand seiner Bestimmung entgegen. So ist es dem Worte gemäß und so bestätiget es die Erfahrung." „Aber," fuhr der König bei einer anderen Veranlassung fort, „unser Zeitalter liebt die Extreme und bewegt sich in entgegengesetzten Richtungen. Es trennet und zerreißt das in sich zusammen Gehörige, das nur in seiner Verbindung große Effecte erzeugen kann, und da das im Heiligen und Höchsten geschieht, so hat natürlich diese innere Zerrissenheit fast in das ganze Leben eingegriffen, so daß Alles angetastet, gerüttelt und wackelig wird. Partheisucht und Fac- tionsgeist kommt hinzu; Rechthaberei führt das große Wort; Schonung und Billigkeit verschwinden, und von allen Seiten sieht und hört man hadcrhaftc Oppositionen. Bei der Abneigung gegen Alles, was Autorität heißt, und wo Jeder die seinigc hinstellt, giebt's natürlich keinen höher stehenden Einigungspunkt mehr: das Object der Wahrheit verschwindet und Alles löst sich in tausendfach verschiedene, subjcctive Einfälle und Meinungen auf. Da das bis dahin Gegoltene nicht mehr gelten soll, so stellt sich das Neue hin, um vom Neuesten verdrängt zu werden. Davon ist bei der großen Anzahl denkender Köpfe das Ende auch nicht abzusehen. Größer, wie je, ist diese Anzahl jetzt; aber ein Gewaltiger, ein Heros, der sie Alle überflügelte, fehlt. Er wird aber kommen." „Kcnnete und hätte man das alte Bessere und Bewährte nicht, so könnte man irre werden und an seinem Glauben Schiffbruch erleiden. Wer aber Männer, wie Luther und Mc- lanchthon, Gustav Adolph und den großen Chursürstcn, Newton und Grotius, Speucr, Leibnitz, Haller, zu Borgängern hat, darf in ihrer Nachfolge den Borwurf der Stupidität nicht fürchten. Ich habe oft und viel darüber nachgedacht, wie anan, da sich hier Nichts erzwingen läßt, durch zweckmäßige Gegenmittel das Uebel ableiten und das Bessere bewirken könne; zu dem Ende auch immer die vorzüglichsten, besten Theologen, (wo ich mich freilich aus die Empfehlung der Befragten am Meisten verlassen mußte), berufen, angestellt und gut besoldet : aber ich sehe nicht, daß sich's bessert, die Controversen nehmen vielmehr zu und werden immer verwegener. Was mich betrifft, so bin ich gewiß, daß, wie man auch mit frevelhaftem Uebermuthe Christum degradiren und seine heilige Geschichte in das Reich der Mythen und Fabeln mag verbannen wollen, sein Wort doch nie das in ihm liegende ewige Leben verlieren, und bleiben wird eine Kraft Gottes, selig zu machen Alle, die daran glauben. Seit 18 323 Jahrhunderten haben die Völker der Erde bei ihm gefunden, was sie für ihr Gewissen suchen und bedürfen, und sein auf f dein Felsen des Glaubens, der Liebe und Hoffnung gegründetes Reich können theologische Bücher nicht zerstören; ihre Verfasser werden längst vergessen sein, wenn Millionen Zungen und Herzen noch bekennen und immer bekennen werden: „Jesus Christus, gestern, h e u t e, u n d d e r sc l b e i n E w ig k e i t." Diesen biblischen Ausspruch, den Er nebst vielen anderen Beweisstellen inne hatte, pflegte Er gern anzuführen, wenn von wechselnden Ideen und neuen Ansichten die Rede war. Als ich Ihm Meine Freude darüber bezeigte, sagte Er: „Ich habe über diesen trostvollcn Spruch bei meiner Anwesenheit zu Frankfurt, kurz vor dem Uebergange über den Rhein, von dem dortigen Pfarrer Spieß eine vortreffliche Ncujahrsprc- digt gehört, die mich sehr erbaucte. Ich hätte den gläubigen, über seiner Zeit stehenden Mann gern in Berlin an der Domkirche gehabt: er wollte aber das angenehme Frankfurt nicht verlassen!" So groß und entschieden aber nun auch die Ehrfurcht des Königs vor der heiligen Schrift war, so fern war und blieb Er doch von aller Jdololatrie des todtcn Buchstabens, und nur um die Auffassung des lebendigen Geistes, der sie durchdringt, war es Ihm zu thun. Mit diesem vertraut und von ihm genährt, war Ihm alle mikrologische Buch- stäbclei zuwider, und frei, großartig, liberal und tolerant ^ war auch hier Seine Ansicht und Sein Urthcil. Nicht ohne Ironie erzählte Er, wie Er einen Holländischen Domine gehört, der jedes Wörtchcn, jedes Und, jede Partikel im Text bedeutend gefunden und umständlich erklärt, und dann eine 21 * ^ j weitläufige Untersuchung darüber angestellt hätte: was das für Steine gewesen wären, auf welchen Christus vor seinem Richter Pontius Pilatus in dessen Pallaste gestanden? und dann bewiesen, sie seien Mosaik gewesen. Was den Geist der heiligen Schrift, den Er sich anzueignen strebte, betrifft, so liebte Er auch hier, wie überall, die concentrirte, kernhaste Kürze. Der wackere Pfarrer Engel schickte mir seinen bekannten Auszug aus der heiligen Schrift, mit dem Ersuchen, ein beigefügtes Exemplar dem Könige zu überreichen. Er fragte mich: ,,Was halten Sie von solchen Auszügen?" Meiner Ueberzcugung treu, ant wortete ich: „Nicht viel. Sie scheinen mir bedenklich, indem es dabei immer auf die subjectivc Ansicht des Epitomators ankommt, und dem Einen wichtig und wesentlich sein kann, was dem Andern als unbedeutende Nebensache erscheint. Bei den kontroversen unserer Zeit über Haupt- und Ncbenartikel möchte man bei solchen Auszügen nicht gut berathcn sein. An einem alten ehrwürdigen Tempel bricht man auch den kleinsten Stein nicht gerne aus: das combinirte Ganze ist uns ein Hciligthum, das man lieber wie es ist conservirt. Gerade der Umstand, daß die vorzüglichsten, herrlichsten Sprüche oft zwischen vielen andern, scheinbar trivialen Mit- theilungcn wie glänzende Sterne stehen, giebt ihnen die rechte Beleuchtung, und aus dem Zusammenhange gerissen, bleiben sie oft dunkel. Hufeland verwirft in seiner Makrobiotik bei der physischen Nahrung die Quintessenzen, — sollten sie bei der geistigen zuträglich sein?" Einige Wochen nachher sagte der König: „Sie mögen im Ganzen Recht haben : aber der Bibelauszug vom Pfarrer Engel, der ein frommer, biblischer Mann zu sein scheint, gefällt mir doch. Ich liebe, wenn die Sache selbst nicht darunter leidet, das Eompcndiösc." Er ließ zum Vcrthcilcn mehrere Eremplarc kommen und schenkte, mit einem freundlichen Handschreiben, dem Herausgeber eine kostbare goldene Dose, die dieser in ihrem Ertrage den Armen seiner Gemeinde vermachte. So lebte in der Seele des Königs, bei aller Entschiedenheit für das Feste und Positive, doch auch fern von jeder Engherzigkeit eine heitere Unbefangenheit, die mit großer Liberalität alles Gute schätzte, wo Er es fand. Eben, weil Sein Blick fest war, war Er ruhig und umfassend. Er fragte mich mal: „Woher kommt die mir oft anstößige, große Verschiedenheit in der Erklärung der heiligen Schrift, nicht bloß in Nebendingen, sondern auch in Hauptsachen?" — Ich antwortete: „Die heilige Schrift muß man, wenn sie recht verstanden werden soll, in demselben Geiste lesen, in welchem sie geschrieben ist. Am Besten erklärt sie sich durch sich selbst. Man muß das Alte und Neue Testament lesen als Ein Testament, das heißt, als ein Vcrmächt- niß des Vaters, nicht wie ein Jurist, der das Testament kri- tisirt, sondern als ein Kind, das erbt." „Ei," siel Er ein, „das ist eine charmante Idee!" und fragte dann mit freundlichem Lächeln naiv: „Haben Sie die aus sich selbst?" „Nein," crwiedcrtc ich, „ich verdanke sie meinem mir unvergeßlichen Lehrer, dem thcuren Professor k)>. Knapp zu Halle." Mit unbeschreiblichem Wohlwollen sah Er mich an, legte Seine Hand auf meine Schulter und sagte in innigem Tone: „Sehen Sic, so trägt heute noch Frucht, was Sic in der Jugend gelernt haben! Charmant, das will ich mir merken." 326 Daß der König, bei Seiner tiefen, unendlichen Verehrung der heiligen Schrift, mit voller Seele ein evangelisch-protestantischer Christ war, bedarf keiner Versicherung. Die Uebersetzung der Bibel durch Du. Mart. Luther war Ihm in ihrer Klarheit, Kürze und Salbung ein vollendetes Meisterwerk, auch schon in Hinsicht der deutschen Sprache, die hier in ihrer vollen Herrlichkeit waltet. In dieser Uebersetzung, zusagend dem Gebildeten, verständlich dem Volke, treuherzig und kindlich, erhaben und ergreifend, sah Er den Finger Gottes. „Am Größten ist," sagte Er, „Luther in dieser Uebersetzung, bei deren Anfertigung er gewiß unter dem Einflüsse des heiligen Geistes gestanden hat. Es giebt kein größeres Werk auf Erden, als dicß. Er, Luther, wie er leibte und lebte, der wahrhastige Repräsentant und das treueste Bild des deutschen National-Charakters, hat in seine Uebersetzung das volle treue deutsche Herz gelegt, und in der biederen Sprache liegt die Aufrichtigkeit der Sache. Man spricht immer gern von den Fortschritten unserer Zeit, — verkenne sie auch nicht; aber alle spätem Ucbersetzungeu, bis auf die neuesten, sind gegen die Lutherische wässerig und matt. Die kernigste, sentcntiösc Form zum sintentiösen Inhalte ist unübertrefflich, und diese Uebersetzung ist und muß bleiben das Palladium der evangelischen Kirche in Deutschland." Nach der Einführung des Christenthums selbst, war Ihm die Reformation eine der größten und wichtigsten Wclt- begebcnheiten und Er sah mit wahrer Pietät zu ihr hinauf. Mit lebendigem Interesse hatte Er die Geschichte der Kir- chenvcrbesscrung in den Quellen nicht nur gelesen, sondern anhaltend studirt: die Seines Hauses und Landes kannte Er spcciell mit allen Namen und Jahreszahlen; Sein Gedä'chtniß war darin so umfassend lind treu, daß Er darin nie irrte. Mit frommem Ehrgeize bewahrte Er, kann man sagen, das protestantische Heiligthum Seiner Krone, und was Er von einem Seiner liebsten Ahnherren, dem großen Churfürsten, von dessen Glauben, Wirken, Thun und gottseligem Ende bis in s kleinste Detail wußte, trug Er wie ein gcweihctcs Erbe in Seiner Brust. In keiner Sache war Ihm Widerspruch unangenehmer, als in dieser, und fertigte Er hier, was Er sonst nicht zu thun pflegte, jede Einrede mit der unwilligen Acußc- rung ab: „Ei was! das muß ich besser wissen.'' In keiner Sache fühlte Er sich so gehoben, clcktrisirt und belebt, als in dem großen und erhabenen Berufe, Seiner ganzen politischen Stellung nach der Protector der evangelischen Kirche im evangelischen Deutschland zu sein. Es beunruhigte Ihn, als bei der bevorstehenden dritten Säcularfeicr der Reformation 1817 in den dcßhalb zu treffenden kirchlichen Anordnungen andere evangelischen Länder Ihm, nach öffentlichen Nachrichten, darin zuvor zu kommen schienen, und eine wichtige Ausarbeitung, die Er mir am Morgen ausgetragen, verlangte Er schon am Abend desselben Tages, und war verdrießlich, als ich sie erst am dritten Tage einreichen konnte. Nach Gustav Adolph hat es gewiß keinen König gegeben, aus dem der Geist der fürstlichen Heroen zur Zeit der Reformation, die sie in Sachsen, Hessen, Brandenburg und Anhalt weckten, förderten und in's Leben riefen, in einem so reichen Maße des Glaubens, der Liebe und des Eifers verwandtschaftlich ruhetc, als aus Friedrich Wilhelm III. Seine ganze Seele lebte und webte darin und diese heilige Antiquität war Ihm wichtiger, als das Neue Seiner Zeit. Bei dm vielen und verschiedenartigen Geschäften, die Ihm tagtäglich oblagen; bei den vielen neuen Schriften, die Ihm aus ganz Deutschland fortwährend zugeschickt wurden: bei den in einem so hochgestellten Leben unvermeidlichen, un aushörlichen Unterbrechungen, erscheint es fast als unmöglich, und doch ist es buchstäblich wahr, daß Gr die Schriften der Reformatoren, namentlich von Luther und Mclanchthon, sorgfältig studirtc. Die Exccrpte, die Er, in Hinsicht auf kirchliche Verfassung, daraus zog, und zur leichteren Uebcrsicht in synchronistische Tabellen brachte, füllen ganze Foliohcste. Einst zu Ihm gerufen, fand ich Ihn damit beschäftigt, und in demselben Zimmer bleibend, wurde mir gesagt, ich möge ein wenig warten. Die Schriften Luthers lagen in Menge um Ihn herum. Emsig schlug Er nach nnd suchte, was Er nicht finden konnte. Meine Gegenwart ignorirend, las Er abwechselnd oft laut und fragte dann vor sich: „Wird s nicht bald kommen?" Wie Ers endlich nach Verlauf von mehr als einer Stunde gesunden hatte, rief Er froh und entzückt aus: „Ha, da habe ichs endlich, — köstlich, herrlich!" Mit dem, was Luther gewollt, gethan und eingerichtet hat, bis ins kleinste Detail bekannt, war es Ihm ärgerlich, in theologischen Schriften und Gutachten, mit Berufung auf ihn, oft das Gegenthcil von dem lesen zu müssen, was Er gesunden und kannte, und heftig rief Er aus: „Ignoranten! Die sollen mich nicht erst den Luther kennen lehren! Vertraut, nach dm Aussprüchen der heiligen Schrift, namentlich der Apostelgeschichte, mit dem Urchristenthumc nnd seinen kirchlichen Institutionen, belehrt aus den kirchenhistorischen Schriften des Professors v. Neander, hatte Er den 329 Gcist und die Tendenz der Reformation klar in sich aufgenommen, und sie war Ihm das große Werk der Wiederherstellung dessen, was Christus und seine Apostel gelehrt und angeordnet haben. Dafür zu wirken und theitig zu sein, erkannte und ehrte Er als Pflicht und Beruf. Bor dem heiligen Namen Jesus Christus und seiner Apostel im beherrschenden Vordergründe traten die Namen Luther und Mclanchthon, Zwingt! und Calvin, ehrerbietig in den Hintergrund; und diese waren Ihm nur allein darum groß und ehrwürdig, weil sie nichts Anderes gewollt, bezweckt und erstrebt, als was Jener, der Stifter, das Haupt und der Regent der christlichen Kirche, gelehrt und angeordnet hat. Weil aber der belebende Geist des Christenthums ein Geist der Liebe, der Eintracht, der Einheit und des Friedens ist, und in diesem nur allein seine Segnungen den Menschen in jeder Confession zu Thcil werden können, so ehrte Er zwar in historischer Hinsicht das Prädicat Protestantismus; in dogmatischer aber mißsiel es Ihm. Er fand in dieser Bezeichnung ein hadcrhastcs Element, dessen Waffe, von Jedem gebraucht und gemißbraucht, leicht der guten Sache selbst schädlich werden, und, statt aufzubauen, niederreißen und zerstören könnte. In der ganzen Welt sei Zwietracht ") Von Seinem kirchlichen Sinne, und von dem, was Er in demselben für die Landeskirche als Landesherr gcthan und angeordnet hat, wird umständlich im zweiten Theil dieser Schrift die Rede sein. Hiehcr, zur Eharakteristik Seines persönlichen Charakters als Menschen und Christen, gehörte nur die Bezeichnung des Individuellen, im bestimmten Umrisse, noch abgesehen von Seiner Königlichen Stellung und Wirksamkeit; obgleich diese treu und wahr aus jener hervorging. Der Mensch, der Christ und Regent, waren in Ihm Eins. und feindselige Unruhe; die Kirche allein sei der feste, sichere Hafen, wo alles, das Leben und seinen Frieden störende Protestiren aufhören, Alles, nach dem Urbildc der ersten Christen, Ein Herz und Eitle Seele sein müsse. In der Gemeinschaft des Glaubens liege der Genuß und die Befestigung des Glaubens, in der Uebcrcinstimmung seine verknüpfende Kraft, und in dieser der Flor der Kirche. Was die gelehrtesten Theologen wissenschaftlich und polemisch discutirtcn, müsse, in lateinischer Sprache geschrieben, auch im Gebiete der Theologie bleiben, und gehe Religion und Kirche nichts an. Diese nehme in geistiger Erleuchtung das Herz in Anspruch, und wolle seiner Reue und Sehnsucht Seelenruhe geben. Darum war der König, vertraut mit den stillen Segnungen der Privatandacht, ein warmer Verehrer der öffentlichen Andacht im sonntäglichen Gottesdienste der Christen. Regelmäßig wohnte Er demselben mit Seiner Familie bei, und wußte Alles, was davon hätte abhalten können, zu entfernen. „Der Sonntag," sagte Er, „macht die Woche, und wollte ich nicht zur Kirche gehen, so würde mir auch die festliche, sonntägliche Stimmung, mithin das Beste des ganzen Tages, fehlen." Er, der Vielbeschäftigte und von allen Seiten in Anspruch Genommene, wußte doch die dazu nöthigc Zeit dafür zu finden und war darin pünktlich bis auf die Minute. Die Kirchenscheu, namentlich in der Klasse der Beamten, tadelte Er nachdrücklich, und das Vorgeben dcS Mangels an dazu erforderlicher Zeit nannte Er „eine miserable Excüse, hinter welche der Jndisfercntismus, als die wahre Ursache, sich nur verstecke. Die Zeit, die man in der Kirche zu seiner Erbauung zubringe, sei nicht verloren: dadurch erquickt und gestärkt, lasse sich vielmehr nachher um so leichter und 331 besser arbeiten. Er sah es gern, wenn Seine Umgebung Seinem Beispiele folgte, und von Seinen Kindern durste nie eins fehlen. Im öffentlichen Verkehr ließ Er Alles entfernen, was den Sonntag hätte entheiligen können, und verschärfte bei der zunehmenden Vergnügungssucht an Sonn- und Festtagen die Maßregeln der kirchlichen Polizei; dabei ließ Er es aber auch bewenden, und erlaubte sich nie, weder direct, noch indirect, irgend einen Zwang, wohl wissend, daß dieser nur Heuchler mache, und Heuchelei war Ihm die ärgste Gottlosigkeit. Darum legte Er auf die Nachahmung Seines kirchlichen Beispiels, wo sie nur als solche erschien, nicht nur keinen Werth, Er sprach sich vielmehr unwillig darüber aus. „Solche irren sich sehr," habe ich Ihn oft sagen hören, „wenn sie meinen, mir durch ihr Kirchengchen wohlgefällig zu werden; wenn sie es nicht ihrer selbst und der Sache wegen thun, wird's ihnen auch nicht Helsen, und unterließen es bcsscr, wenn's Herz nicht dabei ist." Die Treue und Beständigkeit, mit welcher namentlich die respcctable mittlere Volksklasse ihrer Pfarrkirche anhänglich ist und treu bleibt und sich ausschließungsweise an ihren Pfarrer und'Beicht vater hält, gefiel Ihm sehr, und zu dem Geistlichen, dem ein solches Glück zn Thcil wurde, sagte Er: „Es freuet mich, zu sehen, daß. Sie viele beständige, immer wiederkommende Stammgäste haben." Dagegen mißsiel Ihm das Wechseln und die Wählerei der höheren Stände, und Er tadelte scharf das Herumlaufen aus einer Kirche in die andere, je nachdem der Wind des öffentlichen Beifalls, bald diesem, bald jenem Redner gezollt, sich wendete und drehte. „Nichts," setzte Er dann hinzu, „als der Kitzel der Neugierde, wie als wcnn's ein Spektakel wäre. Miserabel." Als ich Ihn mal fragte: ob Er einen zu Berlin ncuangestellten Geistlichen, der große Sensation machte, schon gehört habe, antwortete Er: „Noch nicht; will das erste wilde Wasser mal erst ablaufen lassen, bis sich die Sache gesetzt hat. Kenne das!" Ein permanenter Kirchengänger, erschien Er unausgesetzt, auch bei der ungunstigsten Witterung, und als Er an einem stürmischen Dccembertage Morgens die Kirche leer, am Abend aber bei noch stärkcrem Schneegestöber das Schauspielhaus überfüllt gesunden hatte, konnte Er sich darüber nicht zufrieden geben; äußerte sich wiedcrholcntlich dcßhalb unwillig, und wollte nun die Entschuldigung der Vernachlässigung des öffentlichen Gottesdienstes wegen unangenehmer Witterung Ein- für Allemal gar nicht mehr gelten lassen. Der Königliche Hof und die anderen verwandten Höfe hatten, bis zum Antritt Seiner Regierung, die herkömmliche Gewohnheit, in ihren Schlössern oft Privat-Gottesdienst halten zu lassen, weßhalb dann auch für die Mitwahrnchmung solcher Functionen bei der Königlichen Hof- und Domkirchc zu Berlin fünf, sechs Geistliche angestellt waren. Dieß schaffte Friedrich Wilhelm Itl. ab, und nannte es eine Unsitte. „Die christliche Kirche ist," sagte Er, „mit ihren Sonn- und Festtagen ein Eigenthum und Hciligthum der ganzen gesamm- ten Christenheit, in allen ihren Gliedern, von den ersten bis zu den letzten. Die öffentliche Erbauung mit der versammelten Gemeinde aus allen Ständen und Bolksklassen ist erhebender, besser, lehrreicher und weckender, als der Separat- Gottesdienst. Der öffentliche, gemeinsame, stellt es anschaulich und fühlbar dar, wie nahe der Mensch dem Menschen 333 stcht und daß es ein Höheres und Höchstes giebt, in welchem Alle ohne Unterschied mit gleichen Rechten zu Einem heiligen Bunde verknüpft sind. Hochmüthiger Separatismus ist, wie immer, so gerade hier am Meisten, unpassend. Die auf Erden für eine kurze Zeit Vornehme» werden keinen andern Himmel haben, als die Geringen: Jeder kann und wird ihn nur in seinem Herzen finden." Und wie erschien Er beim öffentlichen Gottesdienste! Nicht mit Pomp und Geräusch, nicht mit einem glänzenden Gefolge, nicht mit Orden und Sternen geschmückt, sondern zu Fuß, umgeben von Seinen Kindern, still, einfach und schmucklos als ein Christ, in sichtbarer Demuth. Er kannte und liebte den Spruch: „Behüte deinen Fuß, wenn du zum Hause Gottes gehest, daß du kommest, daselbst zu beten." Wenn Er, auf Seine Stelle hingctreten, still Sein Gebet verrichtete, war wie in Seinem offenen edlen Angesichte, so in Seiner ganzen Haltung und Stellung, sichtbar der milde Ausdruck der tiefsten Ehrfurcht vor Gott. Er stand, saß und hörte, nicht wie ein König, sondern wie ein Mensch, wie ein Christ, der es fühlt, er bedürfe der Gnade Gottes. Er erschien, wie abgepaßt, mit dem Glockenschlagc pünktlich stets beim Anfange des Gottesdienstes und ließ nicht auf sich warten. Als das doch einmal der Fall war und ich 5— 10 Minuten später, erst bei Seinem Eintreten in die Kirche, durch den Klingelzug in der Sacristei dem Organisten das Zeichen zum Anfange gab, schickte Er nach beendigtem Gottesdienste Seinen Adjutanten, den Obristen von Witzlebcn, zu mir und ließ mir sagen: „Er sei diesen Morgen auf seinem Kirchgange durch eine eben empfangene Courier-Depesche aufgehalten. Er ließe danken für die Aufmerksamkeit, in der Ganz vorzüglich war dieß der Fall bei der öffentlichen ich so lange gewartet, bis Er gekommen. Ich möchte aber, wenn je ähnliche Fälle wieder eintreten sollten, dieß nie wieder thun: Viele könnten und dürften nicht auf Einen warten und in derKirche wolle Er wie jedes andere Gemeindeglied angesehen sein." Vor einem solchen Herrn ließ sich gut und leicht predigen. Je klarer, je einfacher, je herzlicher, biblischer, kürzer und frcimüthiger, desto besser. In frommer Geistessammlung hörte Er mit anhaltender Aufmerksamkeit zu, und wie Sein Urtheil über den Werth des gehaltenen Vortrags ge wiß immer das gründlichste und richtigste war, so war es auch immer das mildeste. Nur allein um Erbauung war es Ihm zu thun. Diese fand Er einzig in der Auslegung und praktischen Anwendung des biblischen Textes; synthetische Schönrednerei war Ihm zuwider. So weit also entfernt, daß die Theilnahme des Königs, Seines Hauses und Gefolges an dem öffentlichen Gottesdienste irgend cilren geräuschvollen, pomphaften, spcktakulösen Prunk mit sich geführt hätte, war es vielmehr Sein hoher, andächtiger Ernst, Seine stille Hingabc an die Heiligkeit der Sache, welche die Ruhe und Andacht der immer zahlreich versammelten Gemeinde erhöhete und über das Ganze eine kirchliche Feierlichkeit verbreitete. Der Gedanke, das Bewußtsein, mit dein tief verehrten und innig geliebten Landesvatcr an einer heiligen Stätte zur gemeinschaftlichen Erbauung vereinigt zu sein, sprach jedes Herz an und Jeder, der Vornehme, wie der Geringe, fühlte sich gehoben und erquickt. Abendmahlsfeier des Königs, so oft Er, und zwar früher immer am heiligen Charfreitage, später am Gründonnerstage, mit Seinem Hause und der Gemeinde daran Theil nahm. Das heilige Abendmahl nannte Er „ein conccntrirtcs Christenthum" in der innigsten Aneignung, und dicß war es Ihm auch. Wenn es dem Menschen mit einer Sache Ernst ist, so stehet man ihm das an: und der Ernst des Königs hatte in dieser heiligen Feier einen ganz eigenthümlichen Ausdruck der Ruhe, der Milde und Sehnsucht, — über Seinem Angesicht und Wesen schwebte der Schimmer der Andacht. In meiner 48jährigen Amtsführung ist es nur bei der Austhcilung des heiligen Abendmahls immer lehrreich und höchst anziehend gewesen, in den Gesichtszügen der frommen Commu- nicantcn aus allen Ständen, männlichen und weiblichen Geschlechts, die tiefen Eindrücke und wunderbaren Schauer dieser hochheiligen Handlung lesen und wahrnehmen zu können; und Klopstock nennet die Thräne der Dankbarkeit und der Neue, der Liebe und Sehnsucht im Auge des Christen, geweint dem Erlöser in dem heiligen Augenblick der Vereinigung mit ihm im Abendmahl, das Schönste und Herrlichste, was es auf Erden am Menschen gebe: — und so werde ich zwar nicht vergessen, kann aber nicht beschreiben, wie und in welchem unaussprechlich wohlthuendcn Ausdruck der reinsten Pietät der König am Altare des Herrn stand, wenn Er den gesegneten Kelch und das gcweihete Brod empfing. Seil? blaues, in Rührung schwimmendes Auge blickte dann in Demuth und Vertrauen betend aufwärts ; man sah es Ihm an, was Er wollte und erstrebte, suchte und fand. Und eine heilige Stille war in der überfüllten Kirche, wo jeder Blick, Segen flehend, auf Ihn gerichtet war, und jedes Herz für Ihn schlug. Wenn Er mit der Gemeinde niederkniete vor dem Könige aller Könige und dem Herrn aller Herren, dann konnte der Geringste Seiner Unterthanen nicht aufrichtiger und dc- müthigcr sich beugen, als Er es that, und Er, dem es Bedürfnis; und zur andern Natur geworden war, in allen, auch den kleinsten Dingen stets wahr und wahrhaftig zu sein, empfing von der ewigen Wahrheit des Ehristcnthums ihre Kraft: die Kräfte der zukünftigen Welt. Als charakteristischen Zug in dieser heiligen Sache muß ich noch anführen, daß, wie ich Ihm das Formular zur Abendmahlsfeicr vorlegte, Er am Schlüsse desselben, unnüttetz bar vor der Commuuion, eigenhändig noch die köstlichen einladenden Worte Ehristi schrieb: ,,Kommet her zu mir Alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Nehmet auf euch mein Joch, und lernet von mir, denn ich bin sanftmüthig und von Herzen demüthig, so werdet ihr Ruhe für eure Seele finden, denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht." Dieser Zug läßt uns einen tiefen Blick in Sein Inneres thun: man flehet klar daraus, was Er auf diesem heiligen Gebiete kannte, besaß, liebte und erstrebte. In der Auswahl gerade dieses köstlichen Spruches erkennt man Seine Stimmung, Richtung und Erfahrung, und die hier ansprechende Sympathie bezeichnet einen christlichen Tact, der eben gerade auf dieser Stelle nicht treffender, inniger und reiner sein kann. Dahin aber gelangt man freilich nicht durch die Theorien des Wissens, und wäre es das reichste, sondern nur allein durch die gut benutzten Erfahrungen des Lebens, vorzüglich in läuternden Prüfungen. Nur der, welcher diesen 337 Weg gehen mußte, ging, und in der Probe bestand, hat hier eine Stimme, versteht und wird verstanden. Diese dem Könige zum Bedürsniß gewordene Theil- nahme an dem öffentlichen Gottesdienste und seinen Hcilig- thümern wurde schmerzlich gestört und auf lange Zeit unterbrochen durch das Unglück, welches Ihn durch einen Beinbruch traf am 14. December I8Ai. Schon früher empfindlich für den oft schnellen Wechsel der Witterung und ihrer Temperatur, nahm von der Zeit an die Disposition für rheumatische Nebel bei Ihm zu und leicht und oft litt Er an Erkältungen : auch blieb in dem, wenngleich wieder hergestellten Fuße doch eine Schwäche zurück, die mit den zunehmenden Jahren sich vermehrte. Der König, bis dahin noch immer ein schöner, rüstiger, stattlicher Mann, in sich gleich bleibender Frische, sing, nun in den Sechzigern, an, zu altern, und vorzüglich wirkte die Kälte des Winters nachtheilig auf Seine Gesundheit. Die Aerzte untersagten Ihm daher, wenigstens für die strenge Jahreszeit, den Kirchenbesuch. Aber ohne Kirche und ihre Segnungen konnte Er nicht sein, und „müsse Er auf die öffentlichen Erbauungen verzichten," so verlangte Er doch die häusliche, im Kreise der nächsten Umgebung, und ließ eine Kapelle in der Nähe Seiner Wohnzimmer einrichten. Diesen Familienbctsaal, von mittlerer Größe, ein Oblongem!, konnte man nicht betreten, ohne von seiner eben so einfachen, als geschmackvollen Einrichtung und Anordnung sich still und innig angesprochen zu finden. Der Geist der Ruhe und Andacht wchete Jeden an, sobald er auf dieser teiin snnow sich befand. Die gothischen, von der.Straße cnt- fernten, nach dem Hofe des Palais gelegenen, hohen Fenster, geschmückt mit Darstellungen aus der heiligen Geschichte in Glasmalerei, in reinen gedämpften Farben, gaben ein vertrauliches, gemüthliches Helldunkel und verbreiteten über das Ganze eine sanfte Beleuchtung. Der Boden war mit einem feinen Teppich bedeckt, und an beiden Seiten standen, getrennt in zwei Reihen, etwa 40 Stühle, zur einen Hälfte für Männer, zur andern für Frauen. Am äußersten Ende befand sich der Altar, auf demselben eine kostbare, doch einfache Decke, die heilige Schrift, die Agende, ein Erucisix zwischen zwei hohen Leuchtern, über dem Altäre ein schöner Christuskopf, der eeee Iimno von Raphael, und vor dem Altare stand ein von einem geschmackvollen BeHange umschlossenes Pult. Einer Orgel bedurfte der Bctsaal nicht; denn vor der geöffneten Flügelthüre befand sich im Nebenzimmer, in einiger Entfernung, ein aus 0 Männern und 0 Knaben bestehendes Sängcrchor, das unter der Direktion eines ausgezeichneten Meisters in reinen, klaren, sanften, melodischen Stimmen die liturgischen Gesänge intonirte und die der kleinen Hausgemeinde tactfest leitete. Als der König wieder hergestellt und die Kapelle eingerichtet war, wurde mir der Befehl, sie in Seiner und Seiner Familie Gegenwart durch den ersten Gottesdienst feierlich einzuweihen. Eine rührende, unvergeßliche, heilige Feier; wichtig im Leben des Königs, charakteristisch für Seine Gesinnung und Lebcnsrichtung, ernst in ihren Zwecken, ansprechend und erhebend in ihren Mitteln. Ich hatte den biblischen Spruch, in welchem Josua spricht: „Ich und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen" zum Text gewählt, und er gab mir eine treffende Gelegenheit, 339 Alles, was wir für den König auf dem Herzen hatten, in- direct auszusprechen, was ich bei Seinem zarten Gefühl, dem jede Erwähnung Seiner Person in religiösen Dingen zuwider war, direct nicht wollte und durste, und nur konnte durch die passende Schilderung Josua's und die Entwickelung der im Zusammenhange des Textes liegenden historischen Momente, wobei denn die Anwendung sich von selbst machte. Da saß der Königliche Haus- und Familienvater, umgeben vom vertraulichen Kreise Seiner Hausgenossen, in ernster, tiefer Andacht, um, glücklich gerettet aus großer Lebensgefahr, Seinem gnädigen, schützenden Gvtte die demüthigen Opfer des Dankes zu bringen und sich und Sein Haus auf's Neue feierlich dem Herrn zu weihen. Der Pallast des Königs wurde ein stiller Tempel Gottes, der Landesvater ein ehrwürdiger Patriarch, Er und Seine Familie das Musterbild für jede andere, und die sanften Klänge frommer Psalmen tönten auf Aeolsharfen durch's ganze Vaterland. Die gesammte häusliche Feier hatte dem Herzen des Königs, wie Er sich ausdrückte, wohlgethan. „Nun ist mir," sprach Er, „in meinem Hause noch wohlcr, da ich jetzt dicß Kirchlcin darin habe. Geben Sie mir eine Abschrist Ihrer gehaltenen Einweihungsrede; ich will sie meinen Familicn- nachrichten beifügen." Mir schenkte Er bei dieser Gelegenheit ein Prachtexemplar der heiligen Schrift und sprach dann vortrefflich über den wunderbaren, reichen Inhalt der Bibel, die für jeden denkbaren im Leben vorkommenden Fall irgend ein treffendes analoges Factum und eine passende Stelle habe. „Es ist das heilige Buch aus dem Leben, für das Leben; aber freilich kommt hierbei Alles auf den rechten Blick an. Es wird mir," schloß Er dann, „angenehm sein, wenn 340 Sie diese Bibel brauchen, als Ihre Handbibcl für Haus und Kirche;" und Er gab sie mir mit einem Blick und einer Bewegung der Hände, wie man zu thun pflegt, wenn man Jemandem, den man lieb hat, das Liebste giebt. Mir hat es nie gefallen wollen, wenn ernste, gesetzte, im Amte hochgestellte und schon bejahrte Männer dem Kö- nige die Hand küßten, und am Wenigsten scheint mir das für Geistliche ein passender Ausdruck schuldiger Devotion zu sein. Dießmal aber, wo ich die beste Gabe Gottes, sein heiliges Wort, aus der gnädigen Hand meines Königs und Landes- hcrrn empfing, hätte ich diese liebe, theure Hand gern küssen mögen. Ich weiß nicht, ob Er mir dicß ansah; aber schnell faßte Er meine Hand, zog sie herab und legte Seine andere, herzlich drückend, darauf. Dieß war in den ll-v Jahren, wo ich die Ehre und das Glück hatte, den, hohen, unvergeßlichen Herrn nahe zu stehen, das Zweite mal, daß Er mir Seine Hand gab. Denn so milde und gütig immer in allen zulässigen Fällen Er auch war, so an sich haltend und sparsam war Er doch auch mit dieser Seiner Gunstbezeigung. Nicht, als wenn Er darin etwas Uebcrlegtcs, Berechnetes und Abgemessenes gesucht und gelegt hätte,-— ein solches Punktiren war Ihm und Seinem Naturell gänzlich fremd, -— sondern allein darum, weil Er immer und überall wahr und wahrhaftig war. Das Darreichen Seiner Hand war bei Ihm keine gleichgültige Handlung conventioneller Höflichkeit, sondern bedeutete innerlich, was sie äußerlich symbolisch bezeichnete, sie war Zeichen, Siegel und Pfand Seines Vertrauens, und man kam damit nun demselben näher. An und bei einem solchen Könige ist Alles von Bedeutung, und wie unbefangen, einfach und natürlich Er auch war, so verließ 341 Ihn doch nie das Bewußtsein Seiner Königlichen Würde; wodurch denn eben jede Gunstbezeigung, auch die kleinste, eine tiefere Bedeutung und einen höheren Werth empfing. Nach geschehener Einweihung der Königlichen Hauskapelle wurde in derselben an jedem Sonn- und Festtage während der Wintcrmonate Gottesdienst gehalten und es nahmen daran Theil neben dem Könige von Zeit zu Zeit Seine Kinder, jedoch nie alle auf Einmal, indem Er wollte, daß sie, jung und gesund, dem öffentlichen Gottesdienste beiwohnen sollten; Verwandte und andere fürstlichen Personen, die zum Besuche bei Ihm waren; Seine Gcmahlinn, die Fürstinn von Liegnitz, mit ihrem kleinen Hofstaate; Sein alter treuer Freund und erster Kammerhcrr, der Fürst von Wittgenstein; der im Glück und Unglück sich immer gleichgebliebene Oberhofmcistcr von Schilden; die Adjutanten, Leibärzte, Geheime Kämmericr, Jäger, Laquaien und Dienstboten: eine Hausgemeinde, von der kein Hausgenosse ausgeschlossen, zu welcher dem neugierigen Fremden aber der Zutritt versagt war. Diesen Hausgottcsdienst, der eine Stunde, von ll) bis k I Uhr, währte, versahen in wechselnder Reihesolge die Hof- und Dompredigcr, die beiden Pröpste und Bischöfe, der Fcld- propst, und ein Jeder von uns freute sich, wenn an ihn die Reihe kam. Ist es hcrzerhebend und feierlich, in einer großen angefüllten Kirche viele Taufende zur Andacht versammelt zu sehen, so bemächtigte sich in diesem kleinen Kreise der Herzen der Andächtigen gleich eine heitere Morgcnruhc, eine sanfte Sonntagsstille, eine gemüthliche Vertraulichkeit, die der frommen Gcistcssammlung schon weckend entgegenkam. Jeder fühlte es, daß in dem Hause des Königs, in welchem Alles geordnet, still, friedlich, einträchtig und heiter zuging und sich bewegte, eine solche sonntägliche, gemcinsiune Hausandacht nichts Fremdartiges, äußerlich nur so Angenommenes, Angeklebtes, sondern aus dem Geiste dieses Hauses einfach und wahr Hervorgegangenes sei und von allen Seiten verwandten Airklang finde. Die ganze Einrichtung hatte keine Ostentation, keinen Prunk, kein Ccrcmoniell, Jeder fühlte, daß es Jedem mit der Sache selbst ein wahrhaftiger Ernst war, als könnte es nicht anders sein, als sei es immer so gewesen, und müsse auch so- bleiben. Im Bewußtsein höherer Bedürfnisse saß Jeder in dem stillen Betsaale; Jeder suchte und fand Befriedigung. Der leise, sauste, wie vom Himmel hcrabschwcbende Gesang der kleinen Hausgemeinde, die vierstimmige Harmonie des liturgischen Sängcrchors, die uralte und ewig neue feste, biblische Lehre der christlichen Kirche in der- liebgewonnenen Liturgie, der wechselnde, geistreiche, durchdachte, für ein solches Auditorium bestimmte, christliche Bortrag, gesprochen ohne Anstrengung mit gedämpfter Stimme im ruhigen Tone, nach der verschiedenen Eigcnthümlichkcit des jedesmaligen Redners, — alles das gab dieser sonntäglichen Gottcsverehrung einen wunderbaren Reiz, des Glanzes auf der einen, und der frommen Vertraulichkeit aus der anderen Seite; der Ehrfurcht und der Liebe, der Pracht und der Einfalt, der Hoheit und der Demuth, der irdischen Herrlichkeit und der tiefen Sehnsucht nach dem Ewigen und Unvergänglichen. Und nun, an der Spitze des Ganzen, ein ehrwürdiger König, durch den Gott Großes gethan und das Vaterland gesegnet; ein edler, fester, durch und durch rechtschaffener, milder, betagter Herr, oft gedrückt von der Schwere Seiner Krone, nun am Sonn- tage, beim Anfange einer neuen Lebenswoche, durch fromme Einkehr in sich selbst, im Kreise der Hausgenossen, sich stärkend für Sein großes dein Ende zueilendes Tagewerk. So stand's damit, und das fühlte Jeder. Was dem jedesmal fungircndcn Geistlichen diese Feier noch nebenbei wichtig und anziehend machte, war die nachher gewöhnlich folgende, bald kürzere, bald längere Unterredung des Königs mit ihm über den gehaltenen Vortrag, worin man stets den aufmerksamen, denkenden Zuhörer erkannte, und in Seiner freundlichen Anerkennung und Ermunterung- neue Amtsfrcudigkcit fand. Einigemal hat es sich auch ereignet, daß auswärtige berühmte Geistliche, die gerade in Berlin anwesend waren und die der König gesprochen, am nächsten Sonntage in der Kapelle auf Seinen Wunsch gepredigt haben: so z.B. der Canzler Or. Niemeycr, und der BischofDv. Dräscke: dieser öfter. Jeder von ihnen hatte Ihn erbaut: von Beiden sprach er mit Achtung und gerne: Beide hatte Er lieb, ehrte Er und zeichnete sie aus. Und doch wie verschieden sind Beide, wie in ihrem ganzen Sein und Wesen, so auch in christlich-religiöser Beziehung! Nicmeyer, wenn auch nicht so sehr früher, doch in den letzten Decennien seines Lebens und Wirkens, ein christlich-rationalistischer Denker, dem Verstandes-Klarheit über Alles galt, und dem auch in Glaubcnssachen die Vernunft das höchste, entscheidende Princip war, und dabei abgemessen, feierlich, ruhig, fest, consegucnt und elegant. Dräseke, ein positiv Offcnbarungsgläubiger, supranaturalistisch in seinen Ideen und Gefühlen, genial in seiner Auffassung, phantasiereich in seiner Darstellung, mit sich fort- reißend in seinen Flügen, sich gehen lassend, arglos, offen, voll, wie seine reiche Natur ihn nun eben drängt und treibt, — bald wie ein Waldstrom donnernd, der vom Felsen herabstürzt und dann erschüttert, und bald, wie im sanften Hauche der Frühlingslüfte, linde wehend, und dann bis zu Thränen rührt. Welche Verschiedenheit, sowohl in der Sache, als in der Form! Aber bei dem Könige war sie keine trennende, noch weniger eine in Partheien sich scheidende Verschiedenheit, die dürstig nur nach dem Maßstäbe der ihrigen allein richtet. Die Verschiedenheit in ihren Quellen, Dogmen, Gründen, Motiven und Abgrenzungen, erkannte Er klar, aber eben so klar auch die cigenthümlichc Trefflichkeit eines Jeden für sich; Jeder ein Anderer und in Allem anders, aber Jeder in seiner Art ausgezeichnet, begabt mit individuellen Vorzügen. Diese sah Sein klares Auge, wo sie waren, hob sie hervor, hatte Seine Freude daran und ließ sie gelten, was sie wollten und konnten. Auf dem Felde theologischer Systeme wohl oricntirt, wußte Er klar und bestimmt, woran Er für Seine Person sich allein zu halten habe, und wankte in Seinem christlich-positiven Glauben nicht mehr; von ihm durchdrungen, strebte Er auch, ihn im Staate und in der Kirche zu fördern und zu befestigen, wohl wissend, was Ihm als Landcshcrrn in solcher Beziehung oblag; aber freisinnig stand Er dabei über allen Parthcien, kannte keinen Sccten- geist, noch weniger Scctcnhaß. Sein vorurthcilsfrcicr Geist bewegte sich fest, und eben darum frei und heiter, nach allen Richtungen, und in der unendlichen Mannigfaltigkeit verliehener Gaben, Talente und Kräfte, sah Er Gottes schaffende Hand, Willen und Ordnung. „Derjenige," habe ich Ihn bei dieser Ver- 345 anlassung sagen hören, „dessen vorherrschende Kraft die angeborene intellectuelle ist, wird die Religion auch zuerst mit dem speculirendcn Verstände auffassen; ein Anderer, bei dem Phantasie und Herz fast instinktartig prädominirt, wird ihr zuerst das Gefühl zuwenden. Jeder thut daran recht, Jeder kann auch nicht anders, denn Gott hat ihn so geschaffen; Jeder sei nur redlich und wahrhastig; die Wege sind verschieden, aber das Ziel, wohin Alle wollen, ist für Alle ein und dasselbe. Alle unendlichen Verschiedenheiten und Mannigfaltigkeiten des Erkcnncns und Wissens haben in ihren belebenden Kräften Einen Ursprung; ihre Reibungen und Kämpfe bedingen ihr Leben und Wirken; sie ziehen sich an, sie stoßen sich ab; sie verjüngen dadurch die Individuen und übergeben das errungene Erbe der verschwundenen Generation, immer der neuen, nächstfolgenden wieder. Glücklich, wenn sich Alles in der fortschreitenden Approximation zum Höchsten und Besten, zu Dem befindet, der da ist und bleiben wird das Licht der Welt und unser alleiniger Meister." So großartig und vielumfassend war die Ansicht, so reif und milde das Urtheil, so reich und heiter der Genuß des Königs in dieser weiten religiösen und kirchlichen Sphäre. Die Eine große Hauptsache: den Glauben an Christum, der durch die Liebe thätig ist, unverrückt festhaltend, war Er von der Dürftigkeit und Engherzigkeit, die hier überall dieselbe dogmatische Norm, Form und Farbe verlangt, so weit entfernt, daß Er vielmehr selbst für Seine häusliche Andacht und Erbauung in Seiner Schloß- kapellc acht Geistliche und nebenbei auch noch Auswärtige anordnete und hörte und an den darin hervortretenden, zum Theil auffallenden Verschiedenheiten nicht nur in der Dar- 346 stellung, sondern auch in der Sache, so wenig Anstoß nahm, daß Er vielmehr daran Seine stille, wahre Freude hatte; auch hat man nie bemerkt, daß Er hier den einen vor dem andern Geistlichen bevorzugt hätte. Gott hatte Ihn allmählich auf eine Höhe hingeführt, die Wenige erreichen. Das große, eine ganze Ideenwelt in sich tragende Wort: „Alles ist Euer, so ihr seid Christi!" war mit seinen unendlichen Schätzen Ihm aufgeschlossen. Er hatte die Weisheit, die von Oben und darum milde ist, und sich sagen läßt; das christlich Positive hielt Er unverrückt fest; aber alles Wahre, Schöne und Gute, war Ihm in jeder Parthci, wo Er es fand, zugleich auch christlich, und Er fühlte das Wehen des Weltgeistes, der das große Ganze durchdringt. So sollte Jeder sein; aber so muß ein König sein. Und in diesen Standpunkt gestellt und von diesem Lichte beleuchtet, wie erscheint da die abgrenzende Partheisucht, der sich blähende Egoismus, der anathe- matisirendc Hader unserer theologischen und philosophischen Schulen! Im besten Sinne genommen doch nur als Mittel, um zu diesem großen Ziele zu führen. Wie der König sich wieder gesund und kräftig fühlte, kehrte auch Seine Neigung und Liebe für den öffentlichen Gottesdienst der christlichen Gemeinden zurück. Bis zum Jahre 1817, als bis dahin in Seinen Staaten der trennende Unterschied der lutherischen und rcformirtcn Kirche bestanden, hatte Er, mit Seinem Hause ein Mitglied von dieser, das heilige Abendmahl jedesmal am Charfreitage, nachdem Er am Gründonnerstag der Vorbereitung beigewohnt, in Seiner Pfarrkirche zu Potsdam mit der reformirtcn Gemeinde cm- 347 pfangen. Zur Feier des dritten Jubelfestes der Reformation hatte Er den Wunsch der kirchlichen Union öffentlich in dem merkwürdigen Erlaffe vom 27. September 1817 ausgesprochen, und am 30. Octobcr gab Er bei der Feier selbst dieser Union dadurch die landesherrliche Sanction, daß Er mit Seinem ganzen Hause, und der " bis dahin getrennten lutherischen und reformirten, nun vereinigten evangelischen Gemeinde, in der Hos- und Garnisonkirchc zu Potsdam nach dem biblischen Ritus der Union das heilige Abendmahl mit hohem Ernst und tiefer Andacht genoß. Durchdrungen von der Wichtigkeit der Sache, und erfüllt von dem Wunsche, die begonnene Union immer mehr von Innen heraus ausgebildet zu sehen, stärkte und kräftigte Er sie durch Sein frommes Beispiel, in welchem Er von dieser Zeit an, jedesmal am Gründonnerstage, mit der unirten Gemeinde in Potsdam zur Feier des heiligen Abendmahls erschien. Noch leidend an den Folgen des Ihn getroffenen Beinbruches, sah Er sich gcnöthigt, die Ihm so wichtige heilige Handlung am Gründonnerstage den 0. März 1827 in der eben erst eingerichteten Hauskapellc zu begehen, und ich redete „über das heilige Abendmahl, als ein Beförderungsmittel innerer, geistiger Genesung." Habe ich je einen Christen gesehen, der in heiligen Lebensmomcnten tief gerührt, ernst und heilig gestimmt war, so war Er es auch hier. Aber diese abgeschlossene Abcndmahlsfeicr in dem kleinen Kreise Seiner nächsten Umgebung sagte Seinem großen, Aus welchen Quellen dieselbe entsprungen, von welchen Absichten sie beseelt, von welchen Kräften sie belebt ist, wird im zweiten Theile dieser Schrift historisch entwickelt werden. weiten Herzen nicht zu. Die Theilnahme am heiligen Abendmahl war Ihm, was sie ist und sein soll, eine heilige Com - munion, eine christliche Gemeinschaft, eine öffentliche Bc- kenntnißseier; sie war Ihm die symbolische Handlung der innigsten Verknüpfung mit der christlichen Kirche, ihrem heiligen Stifter und Obcrhaupte. Es war Ihm Bedürfnis öffentlich Seinem ganzen Volke zu zeigen, wie tief und fest Er sich mit demselben auch durch die heiligen Bande des Christcnthums verknüpft fühlte, und wie Er vorzüglich von einer solchen höheren, frommen Gemeinschaft alles Heil erwarte. Ach, vermöchte ich's doch, das, was Er darüber schlicht und einfach, mit wenigen, gedankenreichen Worten sagte, so wieder zu geben, wie ich's aus Seinem Munde vernommen habe, und wie es mir noch immer in der Seele nachklingt! Dieser Seiner Ueberzeugung und Stimmung treu, erklärte Er darum im Frühjahre 1828, daß Er nach Potsdam kommen und mit der unirten Gemeinde in der Ihm so lieben Hof- und Garnisonkirche am Gründonnerstage wieder das heilige Abendmahl empfangen wolle. Die Witterung war noch rauh, kalt und stürmisch. Seine Aerzte riethen Ihm den Besuch der Kirche um so dringender ab, da Er eben wieder an gewöhnlichen rheumatischen Ucbcln litt, und Hufeland ersuchte mich noch ganz besonders, meine Bitten und Vorstellungen mit den seinigen zu vereinigen. Man hatte Ihm gesagt, die Kirchenlust sei dumpf, feucht und der Gesundheit sehr nachthcilig; ich mußte Ihn einige Tage vorher hinführen; Er fand das nicht und blieb bei Seinem Beschlüsse, zur Freude der Stadt und Gemeinde, zur Besorg- niß der Seinigen. 349 Der Gottesdienst begann eine Stunde früher, schon um 9 Uhr, und mährte, wegen der großen Anzahl der Commu- nicanten, bis nach 12 Uhr; der König blieb in ernster, andächtiger Stimmung stehend bis zum Schlüsse. ,,Wie mich," sagte Er nachher, „der Genuß des heiligen Abendmahls selbst, so hat mich auch der Anblick der vielen Thcilnehmenden wahrhaft erbauet: ich befinde mich zwar nicht wohl, doch der Gemeinde war ich das kleine Opfer schuldig." Aber die Leibärzte hatten Recht; was sie fürchtend vorher gesagt, trat ein, der König wurde kränker, bis zur Bcttlägerigkeit, und blieb es mehrere Wochen. Bon dieser Zeit an erschien Er zwar im Sommer und Herbste bei milder Witterung regelmäßig, wie sonst, in dieser Kirche, aber bei zunehmender Empfänglichkeit für Erkältung nicht wieder zur Abendmahlsfeier, und beging sie von da an bis an Sein Ende in der Schloßkapelle. Die große Hof-, Militair- und Civil-Gcmeinde zu Potsdam, die in Ihm nicht nur ihr erstes, sondern auch ihr bestes Mitglied verehrte und liebte, betrübte diese Entfernung; doch blieb Er stets mit ihr in Verbindung, als ihr unmittelbarer Patron, und verlangte jedesmal die Anzeige über die Anzahl der Communicanten am Gründonnerstage, Charsrei- tage, ersten und zweiten Ostertage. Ein solches, nach der Verschiedenheit der Stände rubricirtcs Verzeichniß, welches Er genau durchsah und aufhob, gab Ihm Veranlassung zu interessanten, feinen, vergleichenden Bemerkungen, und wenn gleich der bald mehr, bald minder daraus hervorgehende kirchliche Sinn Ihm noch nicht der sichere Beweis für den nun auch wirklich religiösen war, so schloß Er doch gern von jenem auf diesen. Angenehm war es Ihm, kirchliche Theil- nahme in den höheren Ständen und bei den Oberen und Vorgesetzten wahrzunehmen, Er äußerte das auch ohne Hehl, jedoch immer so, daß Er damit nie verletzte. Nach allen seit vielen Jahren fortgesetzten Beobachtungen, wüßte ich bei genauer Kcnntniß der Real- und Personal-Verhältnisse meiner Gemeinde auch nicht ein einziges Beispiel nahmhaft zu machen, von dem man sagen könnte und dürste, es wären Spuren der Heuchelei sichtbar geworden, in der man ohne innere Neigung und Zustimmung an der Feier des heiligen Abendmahls Theil genommen hätte, blos um damit dem Könige wohlgefällig zu werden, selbst in seiner nächsten Umgebung nicht. Das war eben auch hier das Außerordentliche Seines feinen Tactes, daß, obgleich Jeder Seine wahre, auch kirchliche Pietät kannte und ehrte, doch Keiner sich dadurch beengt und imponirt fand: Jeder vielmehr sich auch in dieser Sphäre frei bewegte, und seiner individuellen Ansicht und Ueberzeugung folgen konnte, und wirklich folgte. Darum ist auch des Königs erhabenes kirchliches Vorbild und Beispiel, selbst in Seinen beiden Re- sidenzien, unmittelbar unter Seinen Augen, bei Vielen, ja bei ganzen Ständen, namentlich in der Klasse der Königlichen Beamten*) fast in allen Branchen, ohne Einfluß und Wir- *) Die Kirchen scheu der Königlichen Beamten, nicht etwa in einzelnen Gegenden und Städten, sondern in der ganzen Preußischen Monarchie, von der Russischen bis zur Französischen Grenze, (ich weiß nicht, ob auch in andern evangelischen Ländern) ist, nach allen öffentlichen und Privat-Nachrichten, mit einzelnen wenigen Ausnahmen, in der Totalität auch da, wo man vortreffliche Geistliche und ausgezeichnete Redner hat, eine notorische Thatsache, Eine merkwürdige psychologische Erscheinung! Gleiche Wirkungen müssen gleiche Ursachen haben. Welche sind diese Ursachen? Diese Frage und deren 35 l kung geblieben, und hat nicht so gefruchtet, wie man gern glauben möchte. Gerade die sich immer gleichgebliebene Erfahrung aber, daß man neben andern rühmlichen Eigenschaften in der Mittlern Volksklassc, wo alle unreinen Neben-Absichten und alte Motive des falschen Ehrgeizes wegsallen, den meisten kirchlichen Sinn in frommer Beständigkeit findet, trug mit dazu bei, den König in Seiner glücklichen Ueberzeugung von der Wichtigkeit und Ehrwürdigkeit dieser mittleren Volksklasse immer mehr zu befestigen. Die Erhaltung und Stärkung dieses christlichen religiösen kirchlichen Sinnes im Wolke lag Ihm warm am Herzen und Sein beim Anfange der Regierung in einer merkwürdigen, an den Minister von Wöllner erlassenen Cabincts-Ordre vom 12. Januar I7l)8 ausgesprochenes großes Wort: „Ich möchte nicht über ein Volk herrschen, welches keine Religion hätte" hielt Er theoretisch und praktisch in stets wachsender Stärke, in allen Stadien bis an Sein Ende fest. Darum fühlte Er aber auch sich von dem Theile des Volkes sympathetisch vorzüglich angezogen, wo Er am Meisten diesen ungeschminkten, christlich-religiösen kirchlichen Sinn wahrnahm, und konnte auf Seinen Reisen, namentlich an Sonntagen, keiner Dorf- und Stadtkirche nahe kommen, ohne sie zu besuchen. In dieser frommen Volksliebe fühlte Er sich glücklich, und in ihrer wechselseitigen Kraft wurde Er der Vater und Restaurator des Vaterlandes, von demselben innig und tief bis zur Begeisterung geliebt. gründliche Beantwortung würde sich zu einer Preisaufgabe eignen, und ein lehrreicher Beitrag zur Cultur-Geschichte sein. 352 Eben in dieser volksthümlichcn Beziehung that es Ihm im edelsten Sinne wahrhaft wehe, daß Er nun nicht mehr, wie sonst immer, öffentlich in der Gemeinde bei der Feier des heiligen Abendmahls erscheinen konnte, da Er in dieser Theilnahme nicht bloß für Sein Herz fand, was es bedurfte, sondern Er auch damit zugleich die höhere göttliche Gemein schast manifestirte, in der Er sich mit Seinem Volke unauflöslich verknüpft fand. Darin hat es auch allein seinen Grund, warum Er, der Seine Frömmigkeit nie zur Schau trug und das Geräuschmachen mit ihr, als etwas ganz Heterogenes, verabscheute, dennoch wollte, daß, so oft Er zum heiligen Abendmahl gegangen war, solches in öffentlichen Blättern kurz, ohne alle weitere Beifügung, bekannt gemacht würde; das öffentliche sreimüthige Bekenntniß Seines Glaubens glaubte Er der Heiligkeit der Sache und Seinem Volke um so mehr schuldig zu sein, da Er mit Betrübniß wahrnahm, wie die Ehrfurcht vor den heiligen Institutionen des Christenthums und der christlichen Kirche immer mehr ab- und die Geringschätzung derselben zunahm. Von diesem Zeitpunkte an (1829), wo der König bis an Sein Ende nur noch die häusliche Privat-Communion feierte, würdigte Er mich eines größeren persönlichen Vertrauens, und stellte mich, statt des bisherigen mehr allgemeinen amtlichen, in das nähere Vcrhältniß eines sogenannten Beichtvaters, im evangelischen Sinne des Worts. Es ist dem menschlichen Herzen Bedürfniß, wenn es ihm mit seiner Religiosität einmal ein wahrhaftiger Ernst geworden, irgend Jemand zu haben, mit dem man offen und aufrichtig über seine heiligsten Angelegenheiten sich aus- 33? sprechen kann. Jeder, der nicht blos die Form ehrt und das Ceremoniel beobachtet, sondern auch die heilige Sache selbst will, liebt und sucht, kann ein solches geistiges Verlangen und Streben nicht in seiner Brust verschließen, er muß sie öffnen. Die Verschlossenheit erstickt, die Lüftung nährt die heilige Flamme. Jeder Christ hat, und der beste am Meisten, im Wechsel des äußeren und inneren Lebens Stimmungen, wo seine Erkenutniß bald Heller, bald dunkler, sein Glaube bald stärker, bald schwächer, sein Lebensmut!) bald frischer, bald matter ist. Hingegeben tausendfachen Eindrücken und angefochten von Versuchungen, die in jeder Lage und auf jeder Altersstufe sich anders gestalten, steigen, wie aus geheinmißrwllcn Abgründen, Zweifel und Räthsel auf. die den Himmel verdunkeln und das Gemüth ängstigen. — Meint man den einen Feind besiegt zu haben, so greift unerwartet oft ein anderer an und verlangt neue Kämpfe. Oft verliert man schnell wieder, was man langsam und mit Mühe errang. Fertig, ganz fertig wird man nie mit sich selbst, und das suhlt eben der, welcher am Weitesten gekommen, am Tiefsten, in schmerzlicher Wehmuth. Ohne Vorwürfe, ohne Reue ist Keiner, und an jedem Herzen, welches das Leben mit seinen Wechseln umstrickt, nagt irgend ein Wurm. Jeder krümmet sich unter irgend einer Lcbensbürdc, und die, welche man nicht stehet, ist oft die schwerste. Jeder bedarf der Stärkung und Anregung; Jeder der Ermunterung und Befestigung. So fluthet und ebbet es in jedem Herzen, es schlage nun unter Stern und Ordensband, oder unter einem härenen Kittel. Der Mensch, als Mensch, bleibt überall sich gleich; die Grundkräste, Grundtriebe und Grundbcdürfnisse 2Z sind uberall dieselben und nur den Graden nach, nicht in ihrem Wesen, verschieden; Jeder trägt, wie sein Schicksal, sv sein Lcbenspcnsum in seiner Brust. Aber in der Art und Weise der Auffassung liegt der große entscheidende Scheidepunkt, das Entweder und das Oder, ob er zur Religion und Kirche sich hinwendet, oder nach langem Schwanken sich von ihr wegwendet. Der Sohn, als er vom Baterherzc» und Baterhause sich losriß und in abgestreiften Zügeln sich der Sinnenlust hingab, schlug er Alles außer sich, und da er endlich einlenkte und umkehrte, kehrte er in sich. Auf dieß Jnsichgchen, auf dicß Klarwerden über den eigenen Stand und Zustand des Innern kommt beim Menschen Alles an, und die große Frage: ob er für das Höhere und Ewige gewonnen werden, oder im Gemeinen und Sündhaften untergehen sotl'k ist dadurch absolut bedingt. Dringt er aber im Kampfe mit sich selbst zum Lichtpunkte der Klarheit, sinken und fallen allmählich am Horizonte seines Innern die Nebel der Jrrthümer und Zweifel, und die Dünste seiner Selbsttäuschungen, verschwinden die Furien seiner Leidenschaften, wird's ruhiger in ihm, fließen die Thräncn der Reue: dann treten Engel Gottes zu ihm, und dienen und Helsen ihm mit den Kräften heiliger Entschlüsse. Jedem aber, der diese Entschlüsse festhält und ausführt, ist Mitthcilung, Rath, Hülfe, Erweckung von dem, welchem er vertrauet, dringendes Bedürsniß. Was sich isolirt, schwächt sich, wird düster und stirbt allmählich in sich selbst ab. Nur in dem Einströmen des Lebens anderer verwandten Herzen in unser eigenes Herz liegt sein Leben, seine Kräftigung und sein Wachsthum. Die wenigsten Menschen sind sich selbst genug; Einer bedarf des Andern: und die harten verschlösse- NM Naturen, die allein auf sich ruhen und es vermögen, den sittlichen Gährungsproceß in ihrem Innern auszuhallen und bis zur Wiedergeburt zu vollenden, ohne Anderen einen Einblick zu gestatten, sind Ausnahmen von der Regel. Diesen Einblick in s Innere kann man freilich mir einem Vertrauten gestatten, und da, wo man offen und wahr das Herz mit allen seinen Schwächen und geheimen Leiden, Kämpfen lind Anklagen ausschütten kann, mag und will, bedarf es der heiligen Siegel der Verschwiegenheit. Das Heilige kann nur durch das Heilige verbürgt werden, und die Religion allein dem unbedingten Vertrauen die Sanction geben. Sic giebt sie: und da nur kann sie geben, was sie hat, und leisten, was sie will und soll, wo ihre allgemeinen Wahrheiten in der speciellcn und individuellen Anwendung nun auch ihre wirkliche Anwendung finden und damit erst lebendig und wirksam werden. Das llnivcrsalmittel ist in der Theorie für Alle da, aber in der Praxis muß es für Jeden besonders nach seiner persönlichen Beschaffenheit sich modisiciren, um den persönlich anklebenden Gebrechen und Mängeln abzuhelfen. Wer wäre ganz rein und frei von ihnen? Wen drückten und beugten sie nicht? Ist der nicht schon der Edelste und Beste, der sie los zu werden ringt? Und wer wünschte sich nicht in dieser ernsthaftesten Und heiligsten Beziehung des Lebens einen gewciheten, vertrauten frommen Freund, dem er sich hingeben kann, wie er ist, um, durch seinen Rath belehrt und durch seinen Trost aufgerichtet, sicherer und schneller zu werden, wie er gern sein möchte! Schon aus diesem allgemeinen humanen Gesichtspunkte betrachtet liegt die Lehre der heiligen Schrift von der sitt- 23" 350 lichm Nothwendigkeit des Sünden-Bekenntnisses und die Anordnung der Kirche, in Feststellung der Beichte na mentlich bei der Feier des heiligen Abcndmahl's, tief in dem ' Bedürfnisse eines jeden wahren Christen, wie in der Natur und Beschaffenheit der christlichen Religion selbst, wenn die Kirche, welche sie organisirt, ihren Gliedern den zugedachten Segen geben soll. O! die ersten, wie die späteren Väter der christlichen Kirche kannten ihre Kräfte und das menschliche Herz, wie die Kräfte der geistlichen Seelsorge, als sie die Beichte anordneten, die zwar nicht in dem Sinne, wie die heilige Taufe und das heilige Abendmahl, ein Sacrament, aber doch ein Heiligthum der Kirche ist. In der Beichte, wenn sie von Seiten des Confitenten und des Confcssionarius wirklich ist, was sie sein kann und soll, liegt die bindende, , zusammenhaltende Kraft einer jeden Gemeinde: sie sichert und sanctionirt alle Parochial-Grenzen und Rechte; sie fesselt an die Kirche, in welche man eingepfarret ist; sie nährt, wo sie gilt und wirksam ist, den kirchlichen Sinn und verhütet den Jndiffcrentismus und Separatismus: sie erhält wach und wirksam das Bewußtsein des heiligen Zusammenhanges mir der Kirche; in ihr liegen die tiefen Lebenswur- zeln jeder wahren, eingreifenden geistlichen Scclsorge: sie ist das schönste und zarteste Band des Vertrauens, welches den Hirten und die Heerde verknüpft: sie ist freilich der schwerste und mühevollste, aber gewiß auch der wichtigste und segensreichste Theil des christlichen Predigtamtes, und der evangelischen Kirche konnte keine tiefere Wunde in ihr inneres Leben geschlagen werden, als dadurch geschehen ist, daß man die Special-Beichte abschaffte, und in deren Stelle die freilich für beide Thcile bequeme allgemeine Beichte setzte. Wenn jene nicht mehr leistete, weis sie ihrer Bestimmung nach leisten konnte und sollte, und eine leere Forin geworden war, so berechtigte dicß noch nicht, diese Form zu zerschlagen; man hätte sie erhalten sollen, um ein neues, frisches Leben in sie zu bringen, — statt daß nun jene, die sogenannte allgemeine Beichte in ihrer Diffusion auch nicht mal eine Form mehr hat, indem sie alle Schranken vernichtet und eine völlige Willkühr gestattet. Dicß ist so einleuchtend und in sei ncn auflösenden Wirkungen so klar geworden, daß Jeder, selbst der entschiedenste Gegner aller hierarchischen Attentate, so lange er nur noch die Heiligkeit der Sache selbst ehrt, darüber nicht zweifelhaft bleiben kann. Der Leser wird nicht zürnen, daß ich diese Lehre von der Beichte hier so umständlich vorgetragen habe, wenn ich sage, daß diese Mittheilung, ihrem ganzen Umfange und Sinne nach, fast wörtlich nichts Anderes enthält, als die eigenen Ideen und Wünsche des hochseligen Königs. Denn im Jahre l83I ließ Er mich zu Potsdam in Sein Cabinet rufen und reichte mir einen von Ihm selbst verfertigten und geschriebenen zwei Bogen langen Aussatz, der den merkwürdigen altertümlichen Titel hatte: „Vom Amte der Schlüssel, oder der bindenden und lösenden Kraft der Kirche." Nachdem ich ihn mit Aufmerksamkeit durchgelesen und der König nun auch noch mündlich, mit steter Berufung auf Luther und vielen Eitationen aus dessen Schriften, den Wunsch, statt der, wie Er sich ausdrückte, flauen allgemeinen Beichte, die energische Special-Beichte wieder eingeführt zu sehen, ausgesprochen hatte, verlangte Er meine Meinung zu hören. 338 Ueberrascht von der ganzen Sache, antwortete ich, so gut ich's im Augenblick vermochte: „die Idee in sich sei vortrefflich und trage ein besseres kirchliches Leben in sich, als es gegenwärtig sei. Aber sie greife so tief in dasselbe ei», daß bei der wirklichen Ausführung viele Hindernisse entgegen trc tcn würden. Man setzte dabei einen Zustand der Kirche voraus, der ein ganz anderer wäre und sein müßte, als der gegenwärtige wirklich sei. In den Provinzen, wo die Pres- bptcrial-Spnodal-Vcrfassung herrsche, wie in Cleve, Jülich, Berg und Mark, als wo das Leben der Kirche mehr aus den Gemeinden selbst hervorgehe, würde sich die Sache leichter,"schwerer aber überall da machen, wo die Königliche Con- sistorial-Verfassung gelte. Die ganze Angelegenheit treffe gerade die zarteste Seite in der religiösen Stimmung des ^ Volkes; erzwingen ließe sich darin nichts, und ich fürchte, die höheren Stände würden sich am Wenigsten fügen I und so könnte leicht eine entgegengesetzte Wirkung eintreten und die Lauheit in Hinsicht auf die Abendmahlsfcicr noch größer werden. Der gegenwärtige Zustand sei allerdings nicht so, wie er sein müsse, und lasse noch Vieles zu wünschen übrig; aber den großen Vorzug hätte er doch, daß alles Gute darin der Act der srciesten Thätigkcit und der wirklichen Thcilnahmc sei. Es sei keine Ehre und keine Schande mehr, beim heiligen Abendmahl zu erscheinen, oder ganz wegzubleiben, Jeder folge darin seiner eigenen Ansicht, und doch wäre die Anzahl der Communicanten in Land- und Stadtgcmeinden an Sonn- und hohen Festtagen noch immer groß. Mein Hauptbedenken sei endlich vorzüglich von der Richtung und Stimmung 5 der Geistlichen selbst, namentlich der jüngeren, hergenommen,- da die Special-Beichte, wenn sie sein und leisten sollte, was sie bezwecke, eine persönliche Würde und ein reiches Maß von 359 Erfahrung und Mcnschenkcnntniß und eine Taetfestigkcit, die nur Wenige besäßen, verlange, und die, wenn sie fehle, gerade hier am Meisten auffalle." Wenngleich der König mich ruhig anhörte und aussprechen ließ, so wies Er doch meinen Widerspruch zurück und wollte ihn nicht gelten lassen. „Luther," sagte Er, „Habs besser gewußt, und wollen Sic auch dem widersprechen?"' „Das kann und wird," erwiedcrte ich, „keinem Geistlichen unserer Kirche einfallen, auch der Beste möchte nicht werth sein, dem großen Manne die Schuhriemen auszulösen; aber dessen bin ich gewiß, daß wenn Luther jetzt im INen Jahrhundert vor Ew. Königlichen Majestät stände, wie Er mu- thig und getrost im Iliten vor dem Kaiser stand, er nun über diese, wie über manche andere Sache anders urtheilcn würde, als damals." Unwillig siel der König ein: „Das sind imaginairc Ideen, und Sie wissen, leere Redensarten liebe ich nicht!" und fragte in einem sonoren Tone: „Soll ich denn die ganze Sache, die mir doch am Herzen liegt, fallen lassen?" „Das nicht," erwiedcrte ich, frischen Athcm schöpfend, „wollte Gott, es geschähe, was Ew. Majestät der Kirche wünschen und ihr gern geben möchten; es würde dann besser mit ihr stehen. Aber unsere Zeit, wie sie eben sich gestaltet, ist in diesem Augenblick dafür nicht gestimmt und noch nicht reif. Die gute bezweckte Sache bedarf noch erst der Einleitung und Vorbereitung; ich würde vorschlagen, sie dem Cul- tusminister von Altcnstein vorlegen zu lassen und dessen Votum zu fordern." „Gut/' antwortete der König, „so sprechen Sie mit ihm und geben ihm meinen Aufsatz." Er entließ mich; doch kaum hatte ich das Zimmer verlassen, als Er die Thür wieder öffnete, und wie, als wenn Er gesuhlt, Er könnte durch Seine eben angeführte Aeußerung des Unwillens mir wehe gethan haben, sagte Er freundlich: „Können wohl diesen Mittag bei mir essen?" — Ein kleiner, aber charakteristischer Zug, der wieder beweiset, wie Ernst und Milde, Festigkeit und Zartheit aufs Innigste in Ihm mit einander verbunden waren. Wenn Er auf der einen Seite keinen Menschen fürchtete, so mochte Er auf der andern auch keinen betrüben, und wo Er glaubte, daß es doch wohl in Ucbereilung geschehen sein könnte, trieb Ihn Sein Herz, sogleich wieder aufs Neue Güte zu erweisen. Gleich des anderen Tages besprach ich mit dem Minister von Altcnstein den Inhalt des Königlichen Austrages, und wenngleich derselbe von seiner Wichtigkeit und den edlen Zwecken, die erreicht werden sollten, erbauet und erfreuet sich äußerte, so beunruhigten ihn doch noch mehr die mannich- fachcn Hindernisse und Schwierigkeiten, die sich der Ausführung entgegensetzen würden. Von Altenstein war sehr scharfsinnig und wcitsehend ine Wahrnehmen, Auffinden und Zusammenstellen der widerstrebenden Kräfte, mit denen jede Verbesserung zu kämpfen hat. Durch eine vielseitige Laufbahn gegangen und reich an Erfahrung, kannte Er die Welt und Menschen und prüfte mit großer Bedächtigkeit. Ost streifte dieselbe an Aengstlichkcit und lange wog er ab, bis es bei ihm zur Entscheidung kam. Beseelt von einem lebhaften Interesse für Wissenschaften und Künste, hatte er auf diesem weiten Gebiete sich einen universellen Ueberblick angc- 36! eignet und besaß eine Bildung von weitem Umfange. Fast in allen Fächern des Wissens im Staatslebcn war er bewandert, da er auf den oft wechselnden Stufen seiner amtlichen Functionen, als Jurist, Cameralist, Financier und Diplomat, in hohen, weitreichenden Stellen, mit nie unterbrochener Thätigkeit gestanden und gearbeitet hatte. Darnach hatte das Königliche Vertrauen den edlen humanen Mann an die Spitze der Wissenschaften und Künste, denen seine Neigung angehörte, gestellt, und das unermeßliche Pensum war ihm geworden, die Angelegenheiten der Kirche, der Universitäten, der Gelehrten- und Volksschulen, wie des Mcdicinalwesens in einer Monarchie zu leiten, deren Stärke im Uebergewichtc fortschreitender Intelligenz liegt. Wenn eine solche Aufgabe schon an sich die Kräfte eines Mannes, auch des reichbegabten, zn übersteigen scheint, so wurde sie noch schwerer durch die Beschaffenheit einer aufgeregten, unruhigen, rcformatorischen Zeit, und dem von Altenstein sehr schwer durch die Eigenthümlichkeit, in der er sie auffaßte und, sich selbst treu, nur auffassen konnte, wenn er selbstständig bleiben wollte. Denn, wenn sein unmittelbarer Vorgänger, der Minister von Schuckmann, mit starker Hand die Formen des Geschäftsganges fest und Alles in einer conse- quenten Bewegung hielt, durch kategorische und, wo es ihm gut dünkte, selbst durch polizeiliche Maßregeln, so faßte von Altenstein den Geist der Sachen auf und behandelte sie wissenschaftlich und kirchlich. Eine allerdings höhere und edlere Ansicht; aber auch eine Ansicht, in der das Werk schwerer und weitläufiger wird. Denn im Reiche freier Ideen läßt sich Nichts befehlen, ihren gewaltigen, die Zeit und Ihre Genossen ergreifenden Strom kann man nicht ein- und abdäm- mcn; wollte man thöricht es auf der einen Seite versuchen, so würde er auf der anderen um so gewaltiger durchbrechen; denn »ach den ewigen Gesetzen der physischen und moralischen Welt erzeugt jeder Druck einen analogen Gegendruck. Diesen Druck feindseliger Parthcien und streitender Oppositionen, in denen das Alte mit dem Neuen kämpfte, fühlte Altenstein und unter seiner Schwere seufzte und stöhnte er. Er übersah das Ganze mit klarem Blick; aber für die Praxis sah er zuviel. Oft, wenn ich den geistreichen Mann stundenlang reden hörte und er das Ende nicht finden konnte, hat sich mir die Frage aufgedrängt: ob man für seinen amtlichen Beruf nicht zuviel wissen könne? Zuviel? Gewiß nicht; denn jede wahre, klare, gründliche Erkenntlich, auch die trockenste und entlegenste, hat ihren Werth und für jede kommt in den zahllosen und seltsam gewürfelten Conflicten des Lebens oft überraschend der Augenblick, wo man sie anwenden und nützlich gebrauchen kann. Aber jede, wenn auch im Fortschritte des Lebens und seiner Studien immer weiter und größer werdende Peripherie des Wissens muß einen festen Mittelpunkt haben, in welchem alle Radien der Erkenntlich sich conccntriren, wenn dieselbe in der Anwendung entschlossen, kräftig lind entscheidend werden und sein soll. In diesem Mittelpunkte stand von Altcnstcin nicht, vielmehr bewegte er sich fortwährend auf der Peripherie. Alles, was er sagte, war geistreich, und jedes Einzelne vortrefflich; wenn man aber von ihm ging, und das Gehörte durchdachte, so konnte man es im Resultate nicht zusammen fassen,'weil Alles in einander schwamm. Eon fusion war es nicht, denn er war ein klarer Denker; aber wohl Diffusion, weil er zuviel auf einmal nach allen Rich- 363 tungcn hin dachte. Ob übrigens diese Vielseitigkeit irach allen Dimensionen hin, in welcher er temporisirtc, häsitirte und lavirtc und in allen zweifelhaften Fällen n«I inteinm verfügte, für die schwankende, von tausend kontroversen bewegte Zeit, in welcher er lebte und wirkte, nicht oft auch die rechte und angemessene war, mag dahin gestellt sein. Gewiß aber ist, daß er manche verwickelte, vielfach angefeindete Sache durch weises Cunctircn und besonnenes Aufhalten, die sich durch Preisgeben zerschlagen haben würde, z. B. die Agende und Unionssachc, erhalten und wesentlich gefördert hat. Sein, nicht aus Bequemlichkeit, sondern a^is Uc- berzeugung entsprungener Grundsatz: „daß viele Uebel der Zeit die Zeit selbst am Besten curirc," hat oft gute Früchte getragen. Einen bösen, schweren Stand hatte der Bote zwischen ihm und dem Könige, und oft habe ich nicht gewußt, was zu thun und zu lassen, was mitzuthcilen und zurückzuhalten sei, wenn das bezweckte Gute nicht gestört, sondern bewirkt werden sollte. Der König war kurz, fest und pcremtorisch; der Minister weitläufig, hypothetisch und zögernd. Ost habe ich, wenn die Abfassung der Entwürfe zu Eabinetsverfügun- gcn mir befohlen war, gerungen, das Rechte und Vermittelnde zu treffen, und auf diesen vieljährigcn Theil meiner mühevollen Laufbahn kann ich jetzt am Ende derselben mit der Beruhigung zurückblicken, beiden Theilen und der guten Sache selbst oft nützlich gewesen zu sein. Das Schwierige und Acngstliche in einem solchen Zwischcnverhältnisse wurde erleichtert und versüßt durch die edle Gesinnung und immer reine Absicht, die der Minister von Altcnstein vollkommen mit dem Könige thciltc. Da, wo ihre Ansichten, Urthciel 364 und Maßregeln divergirten, convergirten doch stets ihre Bestrebungen nach einem Ziele hin, und geschätzt und geliebt vom Landesherrn war und blieb die Stellung von Altcn- steins gegen Ihn, wenngleich oft momentan getrübt, doch im Ganzen günstig und wohlcrhalten bis ans Ende. Keiner kann dem Könige und Staate treuer, hingebender, in gewissenhafter, angestrengter Thätigkeit ausdauernder dienen, als von Altcnstcin gedient hat, und sein Andenken segnet in dem vielen Guten, das er gestiftet und eingeleitet, die dankbare Mit- und Nachwelt. Er war ein durch und durch edler, im besten Sinne vornehmer, liebenswürdiger Mann. In dem Gewebe seiner Gesinnungen und seines Lebens findet sich kein unreiner Fa- ? den. Helsen, Geben und Erfreuen, war seine Neigung. Mit den ihm zu Gebote stehenden großen Fonds aus Staatskassen war er, nach allen Richtungen hin freigebig spendend, immer zu früh fertig und gab dann, so viel er konnte, aus eigenen Mitteln. Zahllos, auch von mir, für dürftige Prediger, Schullchrer, Wittwen und arme studirende Jünglinge, eingelegte Fürbitten erfüllte er freundlich, und wer ihn gekannt hat, denkt gerne an ihn. Bielfach, am Bittersten dnrch den frühen Tod seiner liebenswürdigen Gcmahlinn und seines einzigen hoffnungsvollen Sohnes geprüft und geläutert, war seine Stimmung tief religiös, sein Sinn milde und in sich gekehrt, sein Leben in den letzten Jahren still'und zurückgezogen, dem Ewigen zugewandt. Am Wohlstcn war ihm in ruhiger Abgeschiedenheit, doch immer thätig, auf seinem Landhause in Schöncberg bei Berlin. Wer ihn hitr und auf seinem Weinberge bei Werder an der Seite seiner gleich- gesinnten, zärtlich geliebten, ihm auch vorangegangenen Schwc- 365 stcr, heiter, gemüthlich und sinnig unter seinen Blumen gesehen und besucht hat, der bewahrt gewiß sein edles, würdiges Bild, reich an wichtigen und schöneir Erinnerungen, in dankbarem Herzen. An seinem Grabe sind viele Thränen geweint und viele Segenswünsche ausgesprochen. Es ist nicht zu läugnen, die Bedenklichkeit und Schwierigkeit des Ministers von Altenstein ist dem Könige und Seiner Sache, wie öfter lästig und hemmend, so doch auch oft sehr nützlich gewesen. Viele kirchlichen Dinge dachte sich der hochselige Herr, wenn sie Ihm warm am Herzen lagen, leichter in der Ausführung, als sich dieselbe, bei dem in allen Ständen herrschend gewordenen Widerspruchsgeiste, bemerk- stelligen ließ. Wenn Er auf der einen Seite die vollkom- mesiste Gedanken- und Gewissensfreiheit ehrte und sie unangetastet ließ, und doch nun auch auf der andern Seite die Wege unzugänglich und 'verschlossen fand, die zu dem guten Ziele führen sollten, das Er sich klar gedacht hatte und wohin Er wollte: so erwuchsen Ihm daraus bittere Verdrießlichkeiten, und oft habe ich Ihn in solcher Verstimmung sagen hören: ,,Es ist nicht zum Aushalten! Es ist zum Verzweifeln! Es ist, als ob die Menschen mit Blindheit geschlagen wären!" Und doch entschied dann bei Ihm nicht, wie sonst häufig geschieht, der Eigensinn und die Tcnacität der fixen Ideen, (ein gefährliches Ding da, wo sie zugleich die Macht hat,) sondern die Totalität Seines Charakters, als worin Seine ganze Stärke lag. So ließ Er denn auch nach manchen schriftlichen und mündlichen Debatten, bedenklich geworden durch die Zweifel und Einreden des Ministers von Altcnstein, die vorher vor 360 getragene Idee über die Umschaffung der allgemeinen Beichte in die Spccialbeichtc und über die daran sich knüpfende Kirchendisciplin für jetzt fallen: gab sie aber keincswegcs ganz auf. Wenn sie nun gleich späterhin nicht wieder in Anregung gekommen ist, so durste sie bei dieser Charakteristik doch nicht verschwiegen werden: denn eben sie beweiset in ihrem in sich schließenden, sast strengen Ernst, wie wichtig diese heilige Sache dem Könige war, wie tief Er sich in sie hinein gedacht hatte und wie warm nicht nur die äußere, in die Augen fallende, sondern mehr noch die intensive Wohlfahrt der Kirche Ihm am Herzen lag. Denn, was Er für Alle und das Ganze noch nicht bewirken konnte, hielt Er für Seine eigene Person doch fest und scheuete sich nicht, es auf sich selbst in reiner Klarheit und edler Ausrichtigkeit anzuwenden. Was ich in dieser Beziehung in den letzten >2 Jahren Seines Lebens, bei dem gnädigen Vertrauen, dessen Er mich würdigte, so oft ich Ihm in der Schloßkapcllc das heilige Abendmahl gereicht hatte, aus Seinem Munde, als Eonfes sivn in der amtlichen Stellung als Confcssionarius, vernommen habe, hat mich tief in Seine reine, große Seele blicken lassen, die in solchen ernsten, heiligen Stunden sich offen und gerade aussprach und eine Gemüthsstimmung und Lebensrichtung an den Tag legte, die mehr noch, als alles Andere, Seine wahre stille Größe anschaulich machte. Hier gab es Nichts zu verhehlen und zu verbergen; Seine irdische Majestät und Herrlichkeit legte Er ab, sie hielt Ihn nicht zurück, sie täuschte und blendete Ihn nicht: Er war reiner Mensch und wollt e, w ünschtc und rang, ein ganzcrChrist zu werden. Was Er in solchen Wcihestunden nach der Daruni darf ich, ohne die schuldige Discretion auch nur im Geringsten zu verletzen, nicht nur diese Mittheilungen veröffentlichen, ich erkenne vielmehr darin eine heilige Pflicht und danke Gott dafür, als für eine der größten Wohlthaten meines Lebens, daß ich es kann. Was ich einzeln in dem letzten langen Zeiträume von zwölf Jahren vernommen, stelle ich zusammen und erlaube mir, das Vernommeue, wenn auch nicht mit den eigenen, kurzen, originellen Worten des Königs, (wer vermöchte das!) aber doch dem Sinne und Inhalte nach treu und vollständig anzuführen, iu Aphorismen, wie Er sprach. *) „Sie müssen nicht meinen, als ob ich nur-aus Gewohnheit, des Herkommens wegen, zum heiligen Abendmahl ginge. Auch als bloße Gewohnheit würde es nicht zu tadeln sein, denn es giebt auch gute, löbliche Gewohnheiten. Aber die heilige Sache steht mir höher, sie ist mir keine Cercmonie der Kirche, sie ist mir eine Angelegenheit des Glaubens, Herzens und Lebens." Feier in Seinem Wohnzimmer zu Berlin und Potsdam gesprochen, ist kein Geheinmiß, das die Welt nicht wissen dürste, sie muß es vielmehr wissen, damit sie erfahre und das Vaterland noch lebendiger und dankbarer erkenne, welchen König es an Ihm gehabt, und wie es gekommen, daß Gott das ganze Land und das Königliche Haus durch Ihn so unaussprechlich gesegnet hat. „Wer ein Christ ist, mit Bewußtsein, dem ist es Pflicht, ') Die hier gesperrte» Stellen enthalten immer Seine eigenen Worte. 368 Ehre und Freude, das Bekenntniß seines Glaubens an Christum öffentlich abzulegen und von Zeit zu Zeit zu erneuern, um durch diese Auffrischung das Gcmüth zu beleben lind zu stärken. Alles, was man nicht nährt, wird schwach und kümmerlich. Es thut noth im Gedränge des Lebens, von tausend Dingen angezogen und abgestoßen, hin und her gezcrrt, zerstreuet und gcschwächet, wieder zu sich ffelbst zu kommen. Kommt man aber zu sich selbst, so muß man etwas Höheres und Besseres haben, als sein eigenes Selbst. In sich selbst verliebt sein, von sich selbst große Stücke halten, ist ein jämmerlicher, kindischer Zustand." „Ich kenne Nichts, was die müde Seele so erquickt und hebt, als fromme Sammlung. Und von Allem, was sammeln, das heißt, das Zerstreuete, Zerstückelte, wieder vereinigen und durch die Vereinigung stärken kann, zieht Nichts mächtiger und doch auch sanfter, Nichts demüthigender und doch auch erhebender an, als die Feier des heiligen Abendmahls, sobald das Herz dabei ist. Es giebt keine Institution, in der das Göttliche und Menschliche so innig mit einander verbunden, so Eins ist, als hier." „Es giebt starke Geister, die es entbehren können, — das verstehe ich nicht! denn gerade dann, wenn ich im Innern mich am Wohlsten befinde, fühle ich am Lebhastesten das Bedürfniß, an das Ewige und Göttliche mich fester anzuschließen, und kann darin nur allein den rechten Haltpunkt finden. Sie haben letzthin über den Spruch: „Wenn ich schwach bin, bin ich stark", gut und mir aus der Seele gesprochen. Und doch giebt es auch in meiner nach- 369 sten Umgebung, talentvolle, geistreiche, exemplarische Männer, die sich aus dieser heiligen Sache gar nichts machen, und sie nicht vermissen. Seltsam! müssen wohl anders organ isirt scin. Ich thue aber, als merkte ich das nicht, um Keinen zu gcnircn. Bei Männern, die sonst was Tüchtiges leisten, läßt sich das profane Wesen noch wohl ertragen: nur Profanation dulde ich nicht. Die Profanität aber beim weiblichen Geschlecht ist mir in der Seele zuwider. Irreligiöse, gottlose Weiber kann man nicht lieben, denn sie sind keine Weiber mehr. Wohin mit ihnen?" „Aber Gott Lob! das Christenthum, und namentlich das heilige Abendmahl, hat in seiner göttlichen Zartheit in der weiblichen Natur die beste und allgemeinere Wohnstätte gesunden. Es ist, als ob die weibliche Natur mit dem kindlichen Und gcmüthlichen Charakter des Christenthums mehr spmpathisirc, als die männliche. Ihre größere Glaubcnsfähigkcit macht sie so liebenswürdig und gut. Ich kenne nichts Schöneres, als eine fromme Mutter, die fromme Kinder erzieht. Ihr Verdienst ist geräuschlos und still; aber vielleicht größer, als das der Männer auf dem geräuschvollen Schauplatze der Welt. Glaubt der auch kräftigste Mann an nichts Höheres, als an sich selbst, so ist er doch ein armer Mensch." „Was mich betrifft, so kann ich das Christen- thum nicht entbehren und würde elend sein, wenn ich es nicht kennte und hätte. Ich weiß auch nicht, woher Gewißheit und Zuversicht, Erhebung und Würde, Licht, Trost und Hoffnung kommen soll, wenn wir's nicht 24 370 daher Holm. Aber alles dieß tritt mir näher, wird mir wichtiger, hält mich fester, wenn ich mich anschicke, zum heiligen Abendmahl zu gehen, vor, bei, und nach dem Genüsse desselben. Es ist mir dann eigen und sonderlich zu Muthc, und ich wollte, ich könnte mich länger in dieser Stimmung erhalten." „Die dürftigste, miserabelste Ansicht, die man vom Ehri- stenthum und seinen heiligen Gebräuchen haben kann, ist die, wenn man meint: kluge, aufgeklärte Leute hielten darum doch auch noch die Religion in Ehren, weil sie, wenn auch dem Gebildeten überflüssig und entbehrlich, doch noth- wcndig und gut sei, um durch den Aberglauben, den sie einflöße, die mittleren, und mehr noch die untern Aolksklaffen zu zügeln und in Ordnung zu halten: die höheren und höchsten Stände aber könnten solchen Popanz von sich thun. Wenn das Aufklärung sein soll, dann weiß ich nicht, was Verfinsterung ist! Ein solches Licht ist Sonnenstich, der verrückt macht." „Der Mensch, mit Vernunft und Gewissen begabt und mit einem Herzen voll Furcht und Hoffnung, fortwährend, gleichsam instinctartig, in's Unsichtbare hinein gedrängt und von etwas Unbekanntem angezogen, und doch ohne Religion und ungläubig, ist unglückseliger, wie ein Thier, sinkt daher, um's gräßliche Werk fertig zu machen, schnell zum Thiere herab." „Wenngleich ich nun mich gern mit dem Christenthum beschästige, zur Kirche und zum heiligen Abendmahl gehe, und. das rein und allein mein selbst wegen, und das ganz gewiß »och mehr und ungctheilter lind ungestörter thun würde, wenn ich ein Privatmann wäre, so wünsche ich aber damit auch immer zugleich Andern ein gutes, ermunterndes Beispiel zu geben, wieder nicht meinet-, sondern der Sache und der Menschen selbst wegen." „Ich möchte so gern alle meine Untcrthancn glücklich sehen; aber kein Mensch kann wahrhast glücklich sein, der nicht gut ist, und gut von Herzen, im Innern, kann er nur allein durch die stille, uinschaffendc Krast der Religion werden." „Das leidet keinen Zweifel, wenn von dem ersten und höchsten Verhältnisse, in welchem der Mensch stehet, von dem gegen Gott, die Rede ist; aber es ist auch wahr von den Verhältnissen, in welchen der Mensch sich gegen seine Mitmenschen befindet: wecken, ziehen, beleben hier die göttlichen Bande nicht, so verblassen und verlieren diemenschlichen sehr bald ihre Krast." „Es ist Täuschung und Einbildung, wenn man meint, das Erlernen der schönen Künste und Wissenschaften allein könne die Menschen gut »lachen. Eultiviren, abglätten, angenehm machen, o ja! aber das Herz rein und aufrichtig, treu und fest machen, das muß wo anders her kom men." „Kommt dieß höhere Göttliche nicht hinzu, hält es in der häuslichen Erziehung und beim Unterricht in Schulen wenigstens nicht gleichen Schritt, wird es nicht die vorherrschende Krast: dann tritt eben darum eine andere Krast her- 24* vor, die sich des Menschen bemächtigt, und das ist die angeborene Kraft der Eigenliebe, die schnell mächst, um sich wuchert, und das Giftkraut, dcn Egois m u s, erzenget." „Der Egoismus macht den Verstand, und gerade den scharssinnigsten und vielwissendsten am Leichtesten und Ersten, zum Sophisten und Rabulisten: lehrt ihn, in tausend Windungen Verstecken spielen, und wenn der Verstand so opcrirt, dann wird der Charakter schlau, pfiffig und hinterlistig. Alles, was den Egoismus nährt, macht den Menschen schlecht, nur was ihn demuthiget, (und das thut allein der christliche Sinn) bessert ihn. Jntellec- tuelle Cultur, ohne sittliche Veredlung, vergiftet, wenn jene zu- und diese abnimmt, die menschliche Gesellschaft. Sie wird dann ein Convolut von Figuranten, wo Einer den Andern auf die allerartigste Weise belügt und betrügt: und was das Erschrecklichste äst, mit gegenseitigem Bewußtsein. Keiner traut dem Andern mehr- Alles muß hypothekarisch gemacht und assecurirt werden. Das kost liche Wort und der biedere Handschlag unserer Bäter: „Auf Treue und Glauben!" wird dann eine Sage der Vorzeit. Wo kein Glaube mehr ist, da ist auch keine Treue mehr." „Ich befinde mich dabei in Hinsicht auf die laut und immer lauter werdende Forderung des Zeitgeistes für die Volksbildung durch Verbesserung der Schulen in einer fatalen Lage, die mich schon oft inguietirt hat. Allerdings ist Volksbildung die Basis, auf welcher die Volkswohl- sahrt ruhen muß. Ein vernachlässigtes, rohes, unwissendes Volk kann kein gutes, also auch kein glückliches Volk sein. 373 Darum habe ich auch in dieser Parthic gern den Zügel schießen lassen, und gegeben und bewilliget, so viel nur möglich ist und der Staatshaushalt zuläßt? höre auch mit Vergnügen viel Rühmen von den Fortschritten in den Preußischen Landen. Es hat mich in diesen Tagen eine curiv.se statistische Parallele amüsirt, nach welcher, verglichen mit andern Ländern, in den meinigen die meisten Kinder Unterricht erhalten! dagegen cs Gegenden in Europa geben soll, wo noch gar keine Schulen existiren." „Wo sie im besten, blühendsten Zustande sich befinden, drängen sich mir doch allerlei Zweifel und Bcdcnk lichte itcn auf. Kann und darf man bei der Volksbildung fragen: hat dieselbe Grenzen, oder nicht? Hat sie keine Grenzen, so darf man auch nicht eingreifen, aufhalten, hemmen, und muß die Sache gehen lassen, wohin und wie weit sie will und kann. Das möchte ich doch nicht unbedingt zugeben. Schwieriger aber noch wird die Antwort, wenn man Grenzen statuirt und dann fragt: Wo liegen sie? und können sie abgesteckt werden? Es ist darüber von den Herren so viel Uro und Eout.ru geschrieben und mir auch zugeschickt, daß ich fast confus geworden bin. Man kann's fast nicht mehr übersehen. Habe viel darüber in Kö nigsberg mit dem Professor Zellcr gesprochen, und nachher hat mich das, was der Director Snethlage dawider und gegen Pestalozzi geschrieben, turbirt: es ist sehr übel, wenn die Herren, welche die Sache studiren und betreiben, unter sich uneins sind und oft sogar das Gegcntheil behaupten, so daß der Eine dasselbe als heilsam empfiehlt, was der Andere als schädlich verwirft. So Etwas macht 374 müde und verdrießlich, daß man die Lust daran verlieren und es ganz aufgeben sollte. Das darf man aber auch nicht thun: die Sache ist zu wichtig." „Ich habe darüber meine absonderlichen Gedanken; weiß aber wohl, daß ich damit nicht mehr durch komme. Der selige, würdige Bischof Sack hat mal etwas Achnliches in einer Druckschrist aufgestellt, ist aber arg gcta dclt und mit dem jetzigen Licblingswort „Obscurant" bezeichnet; und er war doch ein klarer Mann, der es mit allen Menschen wohl meinte." „Meine Meinung ist die: Jeder Mensch, ohne Aus nähme, hat in jedem Stande als Mensch eine zwiefache Bestimmung: eine für den Himmel, die Ewigkeit; die andere für die Erde, seinen irdischen Beruf. Als moralisches, unsterbliches Wesen betrachtet, gicbt es für seine sstt liche Bildung gar keine Grenzen; die ihm geöffnete Laufbahn ist eine unendliche und ohne Aufhören soll er trachten, immer besser, das heißt Gott immer wohlgefälliger und dem Heilande immer an reiner Gesinnung ähnlicher zu werden. Nie ist er so gut, daß er nicht noch besser werden könnte, also auch nicht sollte. Und je moralisch besser er ist, und wachsend wird, desto ruhiger und zufriedener, desto brauch barer und gemeinnütziger ist er auch. Die Pcrfcctibilität der menschlichen Natur ist mir das Höchste in ihr, und der klarste Beweis, daß sie von Gott ist, und, von ihm angezogen, wieder zu ihm will und soll. In dieser Hinsicht ist mir Stabilität, die man in unfern Tagen mit dem erschrecklichen Worte „Bcrdummung" bezeichnet, in der Seele zuwider, und Alles, was hier Fortschritt heißt, ist mir will- 375 kommen, hat stets meine lebhafteste Thcilnahme gefunden und wird, so lange ich lebe und regiere, meine bereitwilligste Unterstützung finden. In dieser Hinsicht kann in Schulen, und Kirchen, und durch sie, nie zuviel, nie genug geschehen. Hier zu wecken, anzuregen und zu fördern, wie und wo es nur geschehen kann, ist Verdienst. Alle Schulmänner und Geistlichen, die in dieser reinen Sphäre etwas geleistet, habe ich darum gern, und mehr wie früher geschehen, ausgezeichnet." „So weit ist Alles schön und gut. Aber in dem andern Punkte, den irdischen Berus betreffend, da bin ich anderer Meinung und muß widersprechen. Die irdische Bestimmung des Menschen gestaltet sich nach der Lage, in welcher er geboren ist, nach den Verhältnissen, in welchen er sich befindet, nach den Anlagen und Fähigkeiten, die ihm verliehen sind, und nach den Neigungen, in welchen er einen bestimmten Beruf wählt. Für diesen Beruf soll und muß er geweckt, belehrt und gebildet werden, so daß er alle Kenntnisse und technischen Fertigkeiten besitze, und (ich habe hier vorzüglich die mittlere und untere Volksklasse im Auge) sei es als Kaufmann, als Fabrikant, als Handwerker, als Oekonom, als Bauer, als Tagelöhner, als Knecht, (ein Zeder auf seiner Stufe) das wisse, was er wissen muß, um seines Berufes froh und Andern nützlich werden zu können." „Man erzeigt aber ihm und der menschlichen Gesellschaft keine Wohlthat, wenn man über die Grenzen seines Standes und Berufes hinaus ihn belehrt, und ihm Kenntnisse beibringt, die er nicht braucht, und Ansprüche und Be- dürfnisse anregt und weckt, welche zu befriedigen seine Lage nicht gestattet. Alles kann der Mensch dach nicht lernen, dazu ist des Wissenswürdigen zuviel, und das Leben zu kurz. Jeder lerne nur gründlich und ganz, was er für seinen Berns wissen muß. Das Mehr ist sür den Lebenszweck nicht förderlich, sondern störend und hinderlich. Es nimmt und verdrängt die Ruhe, Gelassenheit und Beschränktheit, die alle mechanischen Beruss arten, wenn sie gelingen sollen, verlangen und voraussetzen. Das Wissen über die Grenzen des Standes und Berufes hinaus macht vorlaut, anmaßend, raisonnirsüchtig. Es führt auf den unglücklichen Standpunkt der Vcrglcichung und macht, geweckt vom Gefühl gleicher Menschenrechte, unbillig im Urtheil und mißvergnügt in der Stimmung. Statt sich behaglich in seinen Grenzen abzuschließen, erweitern sich dann die Kreise der Wünsche, und das Leben wird unstät und unruhig. Man vermißt, was man nicht hat, und genießt nicht, was man hat. Keine Ordnung in der Welt kann bestehen ohne Unterordnung! verträgt man diese ungern, indem man wähnt, sür etwas Höheres geschickt zu sein, so wird das Band der Vorgesetzten und Untergebenen, welches das häusliche und öffentliche Leben zusammen hält, locker, und Allen, die sich bei gesteigerten Ansprüchen ungern fügen und biegen, eine drückende Fessel." „Offenbar ist über das jetzt lebende Geschlecht ein trüber Geist der Unruhe und Aufgeregtheit, der Zerrung und des Jagens gekommen. Ein Stand will es dem andern gleich und zuvor thun und ein jeder über seine Grenzen hinaus. Woher dieser Drang mit seinen Stacheln?" „Bei der immer herrschender werdenden Neigung zum sinnlichen Lebensgenüsse und der daraus nothwcndig hervorgehenden, immer größer werdenden Armuth, fermcntirt zugleich ein Gährungsstoff von unten herauf, der hier und da schon eine drohende Gestalt bekommt und dessen Explosion ich nicht erleben mag." „Ist das Gefühl gleicher Menschenrechte geweckt, muß da nicht in gleichem Maße auch die Kraft geweckt und ausgebildet werden, die wie die Rechte, so auch die Pflichten heiliget? Geschieht Jenes, aber Dieses nicht, was wird da das Resultat sein? Die größte Gefahr unserer Zeit ist der mit der Intelligenz wachsende Pauperismus." „Die Cultur der Intelligenz nach allen Richtungen durch Volksschulen ist nicht zu tadeln; aber sie darf nicht das Höchste, nicht das letzte Ziel sein. Auf Tüchtigkeit im Berufe, Charakter und Leben, darauf und darauf allein, kommt zuletzt Alles an." „Fürchterlich ist die diabolische Gewalt, die in der Natur des Menschen liegt. Was ist nicht Alles geschehen und waS geschieht nicht noch fortwährend, ihre Ausbrüche zu hindern und in den Schranken zu halten! Wir haben Schaffottc, Zuchthäuser, Correctionsanstaltcn, Justiz-, Polizeibehörden, Waffen und Wachen, und in allen Monatsberichten aus allen Provinzen der Monarchie muß ich zu meinem tiefen Schmerz lesen, daß die Zuchthäuser voll bleiben und immer voller werden." „Wenn ich die Früchte der gewöhnlichen Volksbildung nicht sehc, so kann ich zu ihr auch kein Vertrauen fassen. Aber die Schuld liegt nicht allein an den Schulen, sie liegt auch noch wo anders. Es ist nicht wahr, wenigstens nicht allein wahr, wenn man sagt: sie liege in der Noh- hcit und Unwissenheit des Volkes; man belehre und unterrichte es, man wecke das Ehrgefühl, man mache die Menschen glücklicher: dann werden sie von selbst schon besser werden. Das Besscrwerdcn muß anderswo herkommen." „Gerade in den höhern Ständen, die man die gebildeten nennet, und wo man dir gerühmte Intelligenz in Hülle und Fülle findet, habe ich für meine Person die meiste moralische Verdcrbtheit gesunden, nicht in diesem Stande, als solchem, aber doch in vielen Individuen, die ihm angehörten, und in ihm sogar excellirten: kluge, gescheite, 'gewandte, brauchbare, charmante Leute. Ich habe sie gewählt, angestellt, an meine Person attachirt, mit Ehren, Würden und Gütern beschenkt, — und gerade diese haben mich undankbar, pflichtvergessen, perfide, heimtückisch behandelt. Im Glück schienen sie Alles thun und leisten zu können, und im Unglück, das sie entlarvte, fielen sie treulos ab." „Der Ehrgeiz und die Habsucht, wenn sie Befriedigung suchen und befriedigt sind, scheinen mit voller Hingebung der Sache und dem Vaterlande zu dienen: aber in der Roth und Gefahr wird's klar, daß sie nur sich selbst gemeint und gedient haben. Im Egoismus wird der Stachel des Ehrgeizes, wenn er Opfer bringen soll, stumpf, und die Habsucht retirirt sich, wenn sie Nichts mehr zu erwarten hat." 379 „Klugheit ist noch keine Weisheit; Aufgcdun- seuheit noch kein Muth; dos schöne Wort noch keine Gesinnung; Aufmerksamkeit noch keine Anhänglichkeit; Geschmeidigkeit noch keine Liebe, und Gcschä'stsgcwandthcit noch keine Treue. Die wahre, achte, ungeschminkte Tugend im Menschen liegt tiefer und entspringt aus einer ganz andern Quelle, die, wenn sie nicht im Innern fließt, auch die Güte des wohlwollendsten Regenten nicht schaffen kann." „Lehre mich Keiner die Menschen kennen! ich habe sie durchschauet in allen Sorten. Das Wahre in der ganzen Geschichte ist: Der Mensch ist mit seinem Herzen von Gott abgefallen, und kehrt er dahin ernst und wahrhaftig nicht zurück, so ist Alles Spiegelfechterei ohne Wurzel und ohne Grund. Ist er aber im Christenthum geboren, erzogen und consirmirt, so kann er auch nur durch den Glauben an Christum zu Gott kommen. Wer im Chri- stcnthum, umgeben von seinen Wohlthaten, mit seinen Gedanken und Gesinnungen von Christo abfällt, erschwert sich die Sache und hat einen bösen Stand. In zehn Fällen wird er neunmal ein lauer Jndifferen tist: er verliert den Anknüpfungspunkt und Uebcrgang. Ucber solche Dinge spreche ich gern mit Hufeland. Hätte dieser zur Zeit Christi gelebt, ich glaube, Christus hätte ihn zu seinein Jünger erwählt." *) Später, als wieder von diesen heiligen Dingen, auf die der König gern zurückkam, die Rede war, sagte Er: „In den lehrreichen Briefen von Niebuhr hat mir sehr sein Bckenntniß gefallen: wie er es beklage, durch den Gang seiner Studien den „Es ist nicht zu läugnen: das Christcnthum iu- commodirt. Will man gern so sein und werden, wie es uns haben will, so tritt es unsern naturlichen Neigungen entgegen. Der Kampf mit dem Temperament ist ein schwerer Kampf. Man kann durch fromme Wachsamkeit über sich selbst es zügeln und sündhafte Ausbrüche vermeiden. Aber ganz seine Impulse zurückzudrängen und es umzuschaffcn, mag Wenigen gelingen. Es kommt immer wieder zum Vorschein; hat man eine böse Wurzel ausgerissen, so tritt in den unbewachten Augenblicken eine andere wieder hervor. Ach, man hat immer mit sich zu thun und wird nie fertig! Gut, daß man mit den Jahren ruhiger und gelassener wird." ,,Am Betrübtesten ist der Widerspruch, in welchem der Mensch mit sich selbst stehet. Das böse und gute Princip in seiner Brust attakiren sich unaufhörlich." „Man muß stets auf der Wache bleiben, daß das Böse uns nicht überwältiget und wir im Guten uns aufrecht erhalten. Langsam geht's damit; aber immer doch etwas besser. Nun, wenn man nur nicht zurückgehet und im Fortschreiten bleibt! Es giebt kein besseres und seligeres Gefühl, als das des Wachsthums. Alle anderen Freuden auf Erden sind dagegen Nichts." Sinn für das positive Christenthum eingebüßt zu haben, und nun denselben sich nicht mehr aneignen könne. Aber trauernd über diesen unersetzlichen Verlust, sei sein ganzes Bestreben dahin gerichtet, seinen Sohn in diesem kindlichen Glauben an den historischen Christus zu erziehen und ihn in diesem Licht- und Stützpunkte fest zu machen." 38 l „Man kann sich leider nur nicht lange in einer selchen guten höheren Stimmung erhalten. Vor, bei und nach der Feier des heiligen Abendmahls hat man gute Gedanken und fasset gute Vorsätze und Gelübde, meint es damit auch ehrlich und aufrichtig. Aber das läßt denn bald nach, und ehe man sich's versieht, ist man wieder in dem alten vorigen Zuge. Es ist was Betrübtes im Leben, fortwährend wird man gestört und unterbrochen: möchte oft gern länger für mich allein sein, aber es geht nicht; das Treiben hört nicht auf und alle Morgen fängt dieselbe Geschichte mit allerlei Variationen im mcr wieder von vorne an. Die göttlichen Gedanken, die man gehabt, die frommen Gefühle, die man gehegt, die gu ten Vorsätze, die man gesaßt hat, spült der Strom der irdischen Dinge wieder mit sich fort, man ist wieder auf dem alten Fleck und kommt nicht weiter. Dieß hat mich oft betrübt und verstimmt, und ich habe mich dann nur damit beruhigen können, daß gewissenhaste Erfüllung der Berufspflicht, selbst in eitlen, nichtigen Dingen, doch auch ein Gottesdienst ist. Wenn nur nicht so viel Widerwärtiges, unnützes Gerede dabei wäre! Ost werde ich mißvcr standen, selbst in trivialen Sachen." „Oft möchte ich Andere beneiden wegen ihrer behaglichen, zufriedenen Stimmung. Bei mir ist das ganz anders: je ernster ich die Sache und mich selbst nehme, desto unzufriedener bin und bleibe ich mit mir. Ich weiß aus dem Worte Gottes, was ich soll, will es auch; aber nie will es mir ganz damit gelingen, ich thue mir nie Genüge. Allem klebt immer was Unreifes, Mangelhaftes an; Alles ist immer unter der christlichen Idee. Gott 382^ hat mich gnädig vor grobm Sünden bewahrt; aber ich weiß doch auch nicht eine einzige Handlung aus meinem ganzen Leben zu nennen, von der ich sagen dürste, sie sei vor seinem heiligen Angesichte ganz rein und ohne allen Makel. Deßhalb ist mir das Loben und Rühmen der Menschen so widerwärtig. Es kommt Alles darauf an, wie wir mit Gott stehen; nur dieser Maßstab ist allein der rechte." „Der Egoismus und die Selbstgenügsamkeit der Menschen hat mich oft geärgert, oft aber habe ich auch darüber lachen müssen; denn sie sielen mir immerein, wenn ich aus der Pfaucninscl einen sich spreizenden Pfau, einen stolzircnden welschen Puterhahn, einen in sich selbst verliebten Affen sah, — justemcnt ebenso! — Lächerliche Thorheit! Jämmerliche Sclbstvcrblcndung! Was ist der Mensch? — Hat er seine, allerdings herrlichen, vicl- vcrmögcnden Anlagen und Fähigkeiten sich selbst gegeben? Er hat sie empfangen. Die günstigen Cvnnerioncn und Umstände, unter welchen er sie glücklich brauchen und anwenden konnte, — hat er sie selbst herbei geführt? Sie sind geschickt. Ist er Herr derselben? Jeden Augenblick können sie ihm genommen werden. Und doch hoch- müthig und hochfahrend! O des Unverstandes! Männer, die den Verstand verlieren und denen er verrückt wird, sind gewöhnlich mit einem eitlen, maßlosen Ehrgeize behaftet; wenn der umkippt, springt die Saite und die fixe Idee ist fertig mit allen ihren Dissonanzen." „Der Egoist ist, weil er keine andere Stütze hat, als sich selbst, innerlich immer schwach und in der Gefahr feige; 383 der wahre, echte Much entspringt allein aus der Demuth. Die Herren bei Auerstädt prahlten und flunkerten. Die Herren zu Culm, zu Leipzig und zu Belle Allianee waren ernst und stille und in sich gekehrt. Jene blickten selbstgefällig in sich, diese dc- müthig hinauf. Das ist der Unterschied und in ihm liegt die Entscheidung." ,,Wenn ich große, herrliche Dinge vielversprechend ankündigen höre, verliere ich gleich das Vertrauen: und habe eben darum von dem Hochmuthe der Philosophie, die Alles, die Alles allein, und Alles besser wissen will, keine sonderliche, große Meinung. Dunst ist keine Gesundheit." „In der Demuth liegt allein die wahre Kraft und ihr Gleichgewicht. Sich selbst nicht überschätzen, sich selbst verstehen, die verliehene Kraft gut und zur rechten Zeit recht anwenden, und dann Gott vertrauen, setzt voraus und verlangt Muth, und darum ist der Demüthige auch immer der Stärkste. Deshalb kann ich in die unbedingten Lobpreisungen unserer Zeit nicht einstimmen; il/rc Tendenz ist egoistisch; Keiner ehrt Autoritäten mehr; Jeder will selbst da, wo er steht, eine Autorität sein: und das geht nicht, es verwickelt und lähmt das Leben." „Gott regiert das Ganze. Jeder Mensch ist ein Fragment, und sein Thun fragmentarisch. Jeder ein Instrument, der Beste immer und allein der, welcher ein Werkzeug in der Hand Gottcs ist. Es gicbt auchWcrk- zeug.e des Teufels, und sein Reich ist das der sinstern Lüge, die da ist die Ursündc mit ihrer ganzen Sippschaft." „An Gottes Segen ist Alles gelegen! Das steht bei mir fest, deis weiß ich, und das habe ich erfahren. Im Jahre 18W, 7 und 8 lag der Unsegen aus uns, und Alles mißlang. Im Jahre 181 und 14 beglückte uns sein Segen, und Alles gelang. Selbst Fehler, die begangen wurden, Verstöße, die eintraten, Mißverständnisse, die ob walteten, Confusionen, die entstanden, schlugen in einer seltsamen Verknüpfung glücklicher Umstände zu unserm Besten aus und führten die unerwartetsten, glücklichsten Resultate herbei, so daß w i r ü berrascht wurden und crst a untc n." „Den in seinen Folgen wichtigen Sieg bei Culm hat man in der Nolkssage, selbst in historischen Werken, meiner Einsicht und Anordnung zuschreiben wollen; die Sache verhält sich aber ganz anders. Mein Bundesgenosse, der Kaiser Alexander, und ich, standen am Tage der Schlacht auf dem Schloßbcrge bei Töplitz und übersahen das ganze Schlachtfeld. Die Wag schalen schwankten und fingen an, sich zum Vortheil der Französischen Armee zu neigen, als gegen Mittag auf den Höhen von Nollendorf Kleist mit seinem Corps gerade in dem Moment der Entscheidung erschien und den Sieg bewirkte. Dieß war keincsweges angeordneter Plan, sondern ein glücklicher Zufall, der den General von Kleist, nach der unglücklichen Affairc bei Dresden, auf der Flucht vor den Franzosen, um sich den Rückzug durch Böhme!, nach Schlesien zu bahnen, gerade in dein Augenblick auf den rechten Punkt führte, wo die Hülfe noth that. Wir und er wußten gegenseitig nichts von einander, nichts war verabredet. Daß er aber nicht früher, nicht später, nicht weiter zur Linken, nicht weiter zur Rechten, sondern in der rechten Stunde, und auf der rechten Stelle, zur Ent- 385 scheidung kam, das war Hülfe und Rettung von Gott. Mein Dank und meine Freude waren darum um so reiner und inniger, und ich werde sie mir dadurch nicht verkümmern und verderben lassen, daß man mir zuschreibt, was nicht mir, sondern ihm alkein und seiner Ehre gebührt." *) „Das Beste, was ein Mensch in seinem Herzen und in seinem Berufe haben kann, ist Gottes Segen; und so verhält es sich mit einem ganzen Lande und Volke. Dahin muß darum Alles gerichtet sein." „Das Disputiren der Herren Theologen über Gebets- Erhörung: ob sie statt finde, oder nicht? ist mir ärgerlich, und hat viel geschadet. Es ist eine Sache der Erfahrung, wie das ganze praktische Christenthum; man denkt sich nicht hinein, man muß sich hinein leben. Von vorn herein aus Begriffen erklären und bestimmen zu wollen, ob Gott meine Bitten hört und erhört, ist ganz verkehrt, ich möchte sagen gottlos. Kann hier irgend ein Mensch, und wäre er der einsichtsvollste, die Grenzen bestimmen, bis wie weit der göttliche Einfluß geht und wo er aushört?" *) Wie wohl alles Politische »nd Militärische, als Solches, dieser Schrift fremd ist, weil es nicht in dem Gesichtspunkte, also auch nicht in der Bcurthcilung ihres Verfassers liegt: so habe ich doch diese Thatsache, wie ich sie aus dem Munde des Königs vernommen, mitthcilcn müssen, einmal, weil sie der Geschichte und ihrer Wahrheit angehört, und dann besonders auch darum, weil sie ein schöner Beitrag zur Charakteristik des Königs ist, und aufs Neue beweist, wie Wahrhaftigkeit und Frömmigkeit Ihm über Alles galt. »Alle Religiosität und Frömmigkeit beruht in dein Bewußtsein des Verhältnisses, in welchem man gegen Gott steht. Je mehr man ihm vertraut, desto mehr kann man von seiner Gnade erhalten, dem Menschen geschieht, wie er glaubt, und er empfängt nach seiner Empfänglichkeit. Diese Empfänglichkeit wird geweckt und erweitert durch's Gebet, und nur der Bittende soll empfangen, nur der Suchende finden. Erfahrung allein entscheidet hier und gilt dem, der sie gemacht hat, mehr, als alle Zweifel und Einwürfe. Wer sie aber gemacht hat, trage sie still und dankbar in seinem Herzen, und profanirc sie nicht. Es giebt, wie im Ehristcnthum, so auch im christlichen Leben Geheimnisse; es giebt einen Vorhof, ein Heiliges, und ein Allcrheiligstes. Es kommt darauf an, wo man steht. Einer darf über den Andern nicht absprechen und sich's nicht herausnehmen, seine subjcctive Idee, die er nun eben hat, zu einem Dogma für Andere machen zu wollen. Jeder muß wissen, wie er daran ist, Jeder seines Glaubens leben." „Uebrigens wird das alte gute Wort: »Rufe mich an in der Noth und ich will dich erretten und du sollst mich preisen" wohl seinen Werth und seine Kraft behalten. Erfahrungen gelten hier mehr, als Theorien. Ost versperrt der Scharfsinn und Dünkel der Theorie der Erfahrung den Weg, namentlich in jungen Jahren. Ich möchte das nicht verschulden. Heilige Dinge wollen mit frommem Zartsinn behandelt sein." »Man macht große Ansprüche an die wissenschaftliche Tüchtigkeit der Lehrer in Kirchen und Schulen, — eben so große sollte man an ihre fromme Gewissenhaftigkeit machen. Jene ohne diese ist nichts werth." „Aber wie läßt sich's ändern! Tausendmal und immer wieder habe ich's ausgesprochen, mündlich und schriftlich, wird auch als wahr anerkannt; aber es wird nicht besser. Der Grundirrthum: „Intelligenz sei das Höchste" behält den Sieg; und doch wollen und sollen Kirche und Schule den Menschen fur's Leben und für seine Praxis bilden." „Was hilft alles Wissen, wenn es nicht bessert! Unsere Vorfahren wußten weniger, aber thaten mehr; wir wissen mehr, aber thun weniger." „Keine Lehre ist ernster und schwerer, als die von der Sünde, und keine wird leichter genommen. Man ana- lysirt ihren Begriff, statt ihr Gewicht in's Gewissen zu bringen, so daß Jeder sagen kann, was sie sei. Aber man fragt und antwortet, als ob von einer logischen oder arithmetischen Idee die Rede sei, und nicht von einer Sache, bei welcher den Menschen ein Grauen ankommen soll. Man de- sinirt die Lüge und impft sie dem eitlen Kinde ein, durch das ihm ertheilte Lob, wenn es die vorgelegte Frage gut beantwortet hat. Der wissenschaftliche Unterricht hat eine Richtung genommen, in welcher offenbar der Egoismus, diese Grundsünde, geweckt und genährt wird." „Eintracht, in der nur allein das Ganze bestehet und gedeihet, entspringt allerdings hauptsächlich aus der Uebcrein- stimmung der Gesinnung; aber doch auch mit aus der Ueber- einstimmung der Begriffe. Wann aber ist die Divergenz der Begriffe größer gewesen und wann größer die Fertigkeit, über Alles sprechen und sein Urtheil abgeben zu können, als in unserer Zeit! Wenn ich die Debatten höre und lese von Menschen aus allen Klassen, erstaune ich oft über solche Fülle der Wortmacherci. Mir will das nicht als Vorzug und Fortschritt erscheinen! denn ich habe innner gesunden, daß der Mensch, je mehr und tiefer er denkt, auch desto weniger spricht." „Ein kleines Capital von Ideen circulirt schneller, als ein großes. In meiner Jugend war das auch ganz anders; da blieb Jeder in den Grenzen der einen Wissenschast, die er erlernt und der er sein Leben gewidmet hatte, und man respectirte sein Urtheil: bei unserer universellen Bildung aber, wie wir die Stoffe dazu in jedem Lehrplane finden, ist nun jeder gute Kopf in allen Fächern so zu Hause, daß er darüber parliren kann, und Jeder macht sein Urtheil geltend. Bringt diese Vielseitigkeit, die doch unmöglich zugleich eine gründliche sein kann, der Wissenschast und dem Leben Gewinn? — Habe viel Gutes von Schulpforte gehört, und sollen die Beamten, die auf dctsclben gebildet sind, Vergleichungsweise die gründlichsten und besten sein. Mag wohl mit der geistigen Speise gehen, wie mit der kör perlichen, — es kommt nicht darauf an, daß man Viel und Vielerlei genießt, sondern daß man das, was man genießt, gut verdauet und in Kraft und Gesundheit verwandelt. Mir kommen die Menschen oft erschrecklich überfüllt vor, und Viele leiden an Blähungen." „Wenn man es nur mit der Sünde ernster und schärfer nehmen wollte! Sie ist das Ucbel, aus welchem alle andern Uebel entspringen. Es ist erschrecklich, wie durch so Vieles ihre Neigung und Lust geweckt wird. Von allen Seiten werden ihr Wege geöffnet, statt daß man sie verschließen sollte. Könnte man sie sehen, wie sie wirklich ist, Jeder würde vor ihrer Häßlichkeit erschrecken; das weiß man auch, darum putzt man sie, schmückt sie und gicbt ihr fremde scharmante Namen, um so viel wie möglich ihre Häßlichkeit aus den Augen zu rücken." „Sic ist Auflehnung gegen Gott in Uebertrc- tung seiner Gesetze, mithin das Erschrecklichste, was es zieht; und doch das Allgemeine. Jeder ohne Ausnahme, freilich der Eine mehr, der Andere minder, trägt diese kranke, wunde Stelle tief in seiner Brust, und mit der Sünde den innern Zwiespalt. Für diesen sittlichen Krankheitszustand des menschlichen Geschlechts ist nun eben in der Person Jesu Christi ein Heiland, ein Erlöser erschienen, der diese Krankheit heilen und von ihr losmachen kann und will. Die Lehre von der Sünde, oder vielmehr die Darstellung ihrer zerstörenden Thatsachen, ist darum der Hauptinhalt des ganzen Christenthums, weßhalb es auch ein Evangelium, eine frohe Botschaft heißt, in welcher Genesung und Freiheit angekündigt wird. Krankheit, Gefangenschaft und Fesseln sollen von uns genommen werden. Die Welt ist voll Freude über die Aufhebung der Leibeigenschaft; mit der, die das Christenthum geben will, und allein geben kann, hat es mehr auf sich. Frei werden von der Sünde, von der Lust und Neigung zu ihr: das ist die großeSache, worauf Alles ankomm t." „Die Kraft und Freudigkeit, darnach zu streben, entwickelt sich aber, und kann sich erst entwickeln, wenn die größte N oth, die den Menschen drückt, Schuld und Strafe, von ihm genommen ist; dieses lebende Bewußtsein der Schuld ist der innere Wurm, der am Kern seines Lebens naget. Soll 3!)0 er Muth und Freudigkeit für Gegenwart und Zukunft haben, so muß er erst zuvor über seine Vergangenheit beruhigt und über diese aufs Klare und Gewisse gekommen sein," „Dcßhalb ist die Lehre der heiligen Schrift von der Vergebung der Sünde die Hauptlehrc des Christenthums und das belebende Princip des großen Werkes der Erlösung, in welchem die ganze Fülle der Gnade liegt." „Vergebung aber ist Aussöhnung, Versöhnung mit sich selbst, mit Gott und Menschen. Mit sich selbst, mit Gott und Menschen, setzt aber die Sünde und ein sündhafter Gc- müthszustand in Streit und Widerspruch; dieser muß erst aufgehoben und die Harmonie wieder hergestellt sein, che der Mensch zum inncrn Frieden unv zur Kraft der Tugend gelangen kann." „Die Versicherung und das Bewußtsein der Sündenvergebung kann sich aber der Mensch nicht selbst geben. Seine Vernunft zeigt ihm vielmehr die nothwendigc Verkettung der Ursachen und Wirkungen; sein Gewissen ver- urtheilt ihn in den Anklagen über tausendfach mir Gedanken, Worten und Werken begangene Sünden und die ganze Natur zeigt ihm wohl einen gütigen Gott in der physischen, aber keinen gnädigen Gott in der moralischen Welt." „Deßhalb haben alle vorchristlichen Völker, die Juden, die Heiden, sich darüber geängstigt und ihr ganzer Gottesdienst mit allen seinen Ccrcmonien mühetc sich darin ab, wie sie es anzufangen hätten, das höchste Wesen zu versöhnen 391 und die Vergebung ihrer Sünden, die der Allwissende allein ganz kennet, zu erlangen. Sobald das Gewissen erwacht, und mit der Besserung es ein wahrer Ernst geworden, ist das Bedürsniß der Sündenvergebung das Erste, ohne dessen Befriedigung Muth, Kraft und Hoffnung nicht möglich ist." „Das große Wort einer totalen Amnestie, die welterlösendc Lehre der allgemeinen Sündenvergebung, ist über den Erdkreis ausgesprochen durch den Versöhnungstod Jesu Christi, und an seinem Kreuze richtet sich die gefallene Menschheit getröstet wieder auf. Vielen ist das Thorheit und Aergcrniß, demjenigen aber, der weiß, was es mit dem Gewissen, der Sünde und ihrer Vergebung, auf sich hat, ist es göttliche Kraft und Weisheit. Dcßhalb ist es mit dem heiligen Abendmahl eine so unaussprechlich ernsthafte und trostvolle Sache. Der Christ legt das Bc- kcnntniß seiner Sünden ab — und erhält die Vergebung. O, was liegt da drin! Wer fühlt, daß er sterben muß und jeden Augenblick sterben kann, wer an Gericht und Ewigkeit glaubt, der kann über seine diesseitige und jenseitige Zukunft nicht eher zur Ruhe kommen, als bis seine Rechnung über seine Vergangenheit aufs Reine gebracht ist." „Wer soll sie auf's Reine bringen? Er selbst vermag es nicht; denn er ist ja der von der Schuld gedrückte Schuldner." „Sophismen, oder Sinncnlust, können den innern Anklä ger durch wiederholtes Abweisen auf eine Zeitlang, aber nicht für immer zum Schweigen bringen. Er weiß seine Rechte geltend zu machen, und macht sie geltend in bangen Stunden und schlaflosen Nächten. Alte, längst vergeh- „Liebe und Dankbarkeit setzen den Menschen in das sanfte und doch zugleich mächtige Verhältnis; eines Kindes zu seinem Vater, und erzeugen eine kindliche Gesinnung. Diese kindliche Gesinnung, wenn sie die herrschende geworden, sührt zu dem glücklichen Zustande der Kindschast, wo man von der Gerechtigkeit Gottes nichts mehr zu fürchten, aber von seiner Väterliche Alles in Zeit und Ewigkeit zu hoffen hat." „Dieses Recht der Kindschast verbreitet über das Herz, das Leben und die ganze Existenz des Christen eine heitere sene Geschwüre brechen wieder auf und das innere Bewußtsein sagt, welche noch ausbrechen werden. Das Gewissen verschläft die Stunde des Todes nicht." „Gerade in diesen tiefsten Punkten des innersten Lebens ist es, wo das biblische Christenthum die ganze Fülle seiner trostvollen Hülfe entwickelt. Die Lehre von dem Vcr- söhnungstodc Jesu und die daran geknüpfte göttliche Zusage der Sündenvergebung erfüllt den Gläubigen mit dem seligen Gefühl der Erlösung, der Errettung und Lossprechung." „Diese größte aller Wohlthaten, die der Innern Befreiung, erfüllt die ganze Seele mit der innigsten Gegen liebe und der herzlichsten Dankbarkeit. Liebe und Dankbarkeit ist die ganze Moral des Christen, und Liebe und Dankbarkeit machen auch die schwersten Pflichten leicht. Liebe und Dankbarkeit sind die Grundkräfte der sittlichen Natur und übertreffen jedes andere Motiv an Reinheit, Kraft und Ausdauer." 393 Ruhe, einen erquickenden Frieden. Alles kommt in Uebcreinslimmung und Harmonie, das äußere Leben in Einklang mit dem innern. Das miserable Flickwerk und das elende Abmühen in einzelnen Tugenden hört nun endlich auf, die durcheinander liegenden Fragmente einzelner Vorstellungen und Begriffe, die Rucke und Wallungen wechselnder Motive verschwinden, die stille, tiefe Kraft der Dankbarkeit und Liebe macht den Strom des Lebens klar, ruhig, und man hat und kennet einen Hafen, wohin es gehet." „Von einzelnen sogenannten guten Werken, als womit sich Manches wieder gut machen lasse, und womit man Etwas bei Gott verdienen könne, kann nicht mehr die Rede sein; sie sind neue Lappen auf ein altes Kleid, wobei der Riß oft ärger wird. Luther sagt vortrefflich: Gute Werke machen nicht den guten Mann, sondern der gute Mann macht gute Werke. Auf die Gesinnung kommt Alles an, und in Verbindung mit Gott kann man nur allein kommen durch die kindliche Gesinnung der Liebe und Dankbarkeit." „Ihm gegenüber ist Nichts verdienstlich, und der Christ ist kein Knecht, der Etwas verdienen will, und Lohn fordern kann, sondern ein Kind im Vatcrhause, das erben will und wird." — „Diese kindliche Stimmung des Gcmüthes, diese kindliche Richtung des Lebens aber, in welcher alles Gute , im und am Menschen sich nun in der Kraft der Liebe und Dankbarkeit von selbst macht, kann erst in's Leben trc- ten durch das Bewußtsein der göttlichen Gnade. Mithin ist sie das belebende Princip und die Ursache eines ihm wohlgefälligen Verhaltens, und dieses die Wirkung. Keineswegs aber verhält es sich damit umgekehrt." „So habe ich die heilige Schrift verstanden; und das ist der reine Kern und der belebende Geist unserer evangelischen Kirche. Seit der Zeit, daß mir dicß klar und wichtig geworden, hat mein Glaube an Zuversicht, meine Pflicht an Leichtigkeit, meine Ruhe an Heiterkeit, meine Krast an innerer Stärke gewonnen." „Ich weiß auch nicht, wie man auf einem anderen Wege es dem Menschen nahe bringen, wichtig und zugleich leichter machen könnte. Und doch habe ich bemerkt, daß die meisten Geistlichen diese Hauptlchren, vom Vcrsöhnungstode Jesu, von der Sündenvergebung, von der Krast der Dankbarkeit und Liebe, vom Zustande der Kindschaft, zu wenig betreiben, sich dagegen zuviel bei Nebendingen aufhalten. Und doch kommt Alles auf die kindliche Gesinnung des Menschen an; hat er erst diese: dann wird auch Alles, was er soll, ihm leichter, — hat er diese nicht, so hilft alle Moral nichts; sie ist dann ein Baum ohne gesunde Wurzel." „Seltsam, aber doch wahr ist, daß solche wichtigen Dinge in ihren Gründen oft von frommen, redlichen Laien leichter begriffen und besser eingesehen werden, als von gelehrten Theologen, die studirt haben, und die heilige Sache am Besten kennen sollten." 395 „Es giebt keine Menschenklassc, die schwieriger ist, und mit der man schwerer fertig wird, als die der Theologen. In alle Verhandlungen mit ihnen kommt gleich Bitterkeit und Partheisucht; ja man spricht sogar von einem theologischen Hasse, und will behaupten, daß derselbe der böseste sein soll. Daß Luther ihn erfuhr, begreift man, denn er war ein heftiger, schonungsloser Mann; aber er muß doch wohl tiefer liegen, denn einer der gelehrtesten, und dabei zugleich sanstmüthigstcn, friedliebendsten Theologen, Mclanchthon, erfuhr ihn, zugefügt von seinen eigenen Leuten, und er beklagt sich schmerzlich darüber. Nicht ohne Rührung habe ich noch vor Kurzem erst das seelenvolle Gebet gelesen, welches der ehrwürdige Mann auf seinem Sterbebette, im Gefühl der Annäherung des Todes, gesprochen hat, und worin er Gott dankt, daß er ihn nun bald befreien werde von der Wuth des theologischen Hasses. Erschrecklich! und das im Gebiete einer sanften Religion, deren höchstes Princip Liebe ist. Es will mir oft scheinen, als ob es eine Theologie gäbe ohne Religion. Was gehen denn die christlichen Gemeinden, die Erbauung und Trost wollen, die Zänkereien streitsüchtiger Theologen an?" „Habe mal einen curioscn Die Künstler haben von Kunst, und dickDicncr der Kirche geschadet." Satz gelesen, der heißt so: jeher am Meisten der Kirche am Meisten der „Das Schlimmste ist, daß so Etwas repetirt und daß alte Geschichten immer wieder neu werden. In der Angelegenheit der kirchlichen Union habe ich mit vielem Interesse die Verhandlungen gelesen,, wie sie schon über denselben Gegen- stand zur Zeit des großen Chursürsten und Friedrich Wilhelm 1. statt gesunden haben. Ich glaubte, wir in der jetzigen Zeit wären weiter, wie damals, und kennten den reinen Geist des Christenthums besser. Aber denselben Widerspruch. den meine Ahnherren damals erfahren h a b e n, m uß ich nunnach 2 I a h r h u n d c r t e n w i e d e r hören, nur mit dem Unterschied, daß er damals durchdachter, gründlicher war, wogegen der jetzige seichter, oft ohne allen Grund und inneren Gehalt ist; ein miserables Gerede." „Sind mir verschiedene Schriften zugeschickt, worin behauptet wird: das Abendmahl-Formular der erneuerten Agende begünstige die rcsormirte Kirche vor der lutherischen, und darum sei diese Agende ein Hindcrniß der kirchlichen Union. Ist kein wahres Wort an!" „Weiß wohl, auf diesen Punkt kam und kommt es bei der Union vornehmlich an. Aber eben darum, um allen confessionellen Unterschied zu verbannen, beide Partheicn auszuheben und zu Einer evangelischen Kirche zu vereinigen, ist die heilige Sache auf ihr Urgcbiet zurück gebracht, woher man doch nur allein den Grundtypus nehmen kann und muß." „Die Lutheraner und Rcformirten glauben ja nicht an Luther und Calvin, sondern an Jesum Christum, den Beide verkündigt haben und der aller christlichen Kirchen und Confesslonen und aller einzelnen Christen alleiniger Herr und Meister ist. Es wird ja nicht Luther s und Calvin's, sondern Jesu Christi heiliges Abendmahl gefeiert." 397 „Kann man aber dasselbe reiner und besser, getreuer und erweckender feiern, als wenn man dabei, ohne alle menschlichen Zusätze, allein und ausschließungsweise nur die Worte, nur die Worte allein braucht, die der Herr selbst, als er es einsetzte, gesprochen hat? Geschieht dieß, so wird dabei weder das lutherische, noch das reformirte Dogma verletzt. Dieß ist geschehen, und damit die unglückliche Scheidewand, sollte man meinen, gehoben. A b e r es giebt seltsame, wunderliche Theologen, die christlicher sein wollen, als Christus selbst. Der wahre Grund ihres Widerspruchs ist jedoch der, daß, von alten Borurtheilcn beherrscht, an herkömmliche, kirchlich sanc tionirte Worte gebunden, von früheren Eindrücken und Gefühlen geleitet, sie sich die heilige Sache nur allein in der angeerbten Form denken können, und meinen und fürchten, die Sache zu verlieren, wenn sie die beliebte alte Form aufgeben sollen." „Bei einfältigen, gutmcinenden Leuten kann man sich so Etwas erklären und entschuldigen, und diese wollen mit zarter Schonung behandelt sein. Aber Doctorcn der heiligen Schrift, Theologdn, Hirten der Gemeinde, sollten doch den belebenden, reinen Geist des Christcnthums besser kennen, nnd wenn sie, vom todten Buchstaben der Confcssion verdunkelt, diesen Geist dämpfen, und die Einigkeit und Einheit, die doch offenbar Christus und seine Apostel gewollt und bezweckt haben, hindern, stören und Unfrieden anrichten, so laden sie schwere Sünden auf sich." „Mir erscheint das Einengen des Geistes Christi in willkührliche menschliche Formen und dos Festbinden an sie, gerade in dieser zarten und doch dabei gewaltigen Sache ganz erschrecklich: ich sehe darin eine Gcwaltthätigkeit und Usurpation, die schwer zu verantworten sein dürste, und welche die gewissenhafte Wahrheitsliebe sich nicht wird zu Schulden kommen lassen/' „Gerade das Zarteste darin sehe ich verletzt, gerade das Herrlichste und Beste, was der Herr im Auge gehabt und was er hat geben wollen, wird gehemmt und denen, die sich ihm nahen, versperrt. Das allumfassende Großartige schrumpft zusammen in der gepreßten Form." „Nicht genug kann ich bewundern die tiefe Weisheit und umfassende Milde des Erlösers, wie in dem heiligen Abendmahl selbst, so die Art und Weise, wie er es angeordnet und die Worte, welche er dabei gesprochen hat. Wie alle seine Aussprüche, so schließen auch diese die beiden Eigenschaften der Klarheit und der Tiefe in sich." „Der Klarheit, so daß Jeder, auch der Einfältigste, sie verstehen kann; der Tiefe, so daß auch der schärfste Denker sie nicht zu erschöpfen vermag." „In der Vereinigung dieser beiden Eigenschaften schließen sich diese Einsetzungsworte an jeden Grad der Bildung, an jede Glaubensstufe der Communicanten an, und geben Jedem, was er nach seiner Fähigkeit fassen, nach seiner Empfänglichkeit empfangen und aus dieser Fülle in sich aufnehmen kann." 399 „Der einfältige, aber redliche, Seelenruhe suchende Christ, der schlichte Bürger und Landmann, verkündiget des Herrn Tod, und es verkündigen ihn in derselben Theilnahme Männer, wie Newton, Lcibnitz und Haller, und jene und diese finden sich gehoben, gestärkt, gefördert, — Jeder nach seiner Fassungsgabe." » „Alle, aus allen Ständen, treten herzu: Alle empfangen dasselbe, aber Jeder empfängt anders: ein Jeder nach dem, was er in sich trägt." „Wunderbar schließt die heilige Feier sich an jede Individualität an: faßt, ergreist, beugt, hebt Jeden in seiner Eigenthümlichkeit, Jeden anders, und doch Alle in Einer großen belebenden Kraft; sie sammelt und vereiniget alle noch so Verschiedenen in dem großen Einen, der für Alle gekommen ist, und dessen Alle bedürfen." „Dem Lichte und der Wärme Einer Sonne zugewandt, weckt, belebt, zeitiget sie jede Frucht, die gewöhnliche und die seltene; jede in ihrer Art, und doch alle entwickelt und ausgebildet durch den Einfluß derselben einen wunderbaren, göttlichen Kraft." „So Halls der Schöpfer der Natur, so der Schöpfer der christlichen Kirche gewollt, und die erhabenste Einheit in der reichsten Mannigfaltigkeit, als das Schönste und Herrlichste, in tausend Sprachen und Zungen, vom Aufgange bis zum Untergange der Sonne, über den ganzen Erdkreis am und im Kreuze aufgerichtet: das, und das allein, ist die tiefe und doch klare Hieroglyphe im heiligen Abcndmahle, dieser Sonne am kirchlichen Himmel." „Was haben nun die Theologen gemacht und was machen sie noch immer? Die klaren und tiefen, in der mannigfaltigsten Einheit gefaßten und gesprochenen Worte des . Herrn, die gewiß selbst seine Jünger, die sie zuerst oernahmen, (ein Jeder nach seiner persönlichen Fähigkeit und Empfänglichkeit) verschieden, doch Eins in Einer Liebe verstanden, drängen und pressen die Theologen armselig und dürftig in eine todte Buchstabenform zusammen und schnüren das allmächtige Wort ein in ein confessionelles kirchliches Dogma." „Was der Herr vereinigen und unter Einem Hirten zu Einer Heerde sammeln wollte, reißen sie aus einander; bringen Spaltungen in die bezweckte Gemeinschaft, knüpfen an ihre gemachte Form Segen und Fluch, und das heilige Mahl der Liebe — ist ein Mahl der Trennung und des Haders geworden. Entsetzlich!" „Der reinsten Absicht mir klar bewußt, und gewiß, daß das begonnene Werk der kirchlichen Union, wie ich es so eben bezeichnet, ein gutes, Gott wohlgefälliges, dem Geiste des Christenthums angemessenes Werk ist, betrübt und ärgert mich der Widerspruch, den es neuerdings wieder, von Seiten der sogenannten Alt-Lutheraner, gefunden hat, und von häßlichen Insinuationen instigirt, noch immer findet. Aber ich werde die gute, heilige Sache nicht fallen lassen, sie liegt mir warm am Herzen. Auch hat sie bereits Wurzel gefaßt und schreitet, wenngleich langsam, vorwärts. Ich hoffe zu Gott, sie wird immer mehr gedeihen, — sollte ich auch die Vollendung nicht sehen. Mit den Theologen steht's aber schlimmer, als ich gedacht habe, und meinen Unwillen muß ich oft dämpfen mit der Fürbitte: „Vater vergieb ihnen, sie wissen nicht, was sie thun." 40 l „Doch das ist ja eben die selige Wirkung der würdigen Feier des heiligen Abendmahls, daß es in seinen tiefen Kräften über alles Widerwärtige, das hier entgegen tritt, drückt und beengt, erhebt und in ein Reich des Lichtes und des Friedens versetzt, wo Alles anders und besser ist. In dieser heiligen Feier befindet man sich auf der Grenze zweier Welten und man wird lebendig inne, daß der ganze Lebensweg dnrch die Schnle der Erziehung und Prüfung in die ewige Heimath gehet, wo uns klar werden wird, was uns hier dunkel war. Aber die Dunkelheit schreckt nicht an der Seite Dessen, der da ist das Licht der Welt u. s. w." Nach meinem Diarium könnte ich diese Königlichen Konfessionen, wie ich sie namentlich in den letzten zwölf Jahren vernommen, noch fortsetzen? aber das hier Mitgctheilte wird vollkommen hinreiche», nm es klar zu machen, ans welchem Grund und Boden König Friedrich Wilhelm III. als Christ stand und in welcher Sphäre Er athmcte und lebte. Aus Allem sieht man, wie es Ihm mit der heiligen Sache ein heiliger Ernst war. Mit der Ihm eigenthümlichen rcspcctvollen, gottcsfürchtigen Scheu sah Er zu ihr hinauf und behandelte sie als ein Heiligthum. Wenn Er alle anderen Geschäfte, so wie sie vorkamen und durch einander liefen, in der Klarheit Seiner Praktik auf der Stelle, ohne weiteres langes Besinnen, prompt abmachte, so ging Er aber zu religiösen Gegenständen und Verhandlungen nicht so leicht und rasch über. Ehe Er ansing zu sprechen, trat eine Pause ein, man sah es Ihm an, daß Er sich sammelte, und durchdachte 2» und ordnete, was Er sagen wollte. Die Bewegung Seines Körpers war dann Seiner Stimmung angemessen. Er streckte sich, Seine Gesichtsmuskeln vibrirten, Seine Zuge wurden milder, Seine Blicke lebendiger, und Seine gewöhnliche, fast an Kalte grenzende Temperatur ging in eine sanfte, wachsende Wärme über. Von ihr belebt, verlor sich dann Seine aphoristische Art fragmentarischer Rede, und sobald der Gegenstand Ihn ergriffen, wurde dieselbe ein klarer tiefer Strom, ein Strom, der aber nie zwischen geschmückten Blumenufern, aber wohl durch fruchtbare Felder floß. Nichts an und in Ihm war imaginär, Alles praktisch. Das war eben das Wahre und Aechte Seiner Religiosität, daß sie nicht isolirt in einzelnen Begriffen und Gefühlen momentan und vorübergehend in Ihm auftauchte, kommend und gehend, wie als wenn sie eine Sache wäre, die man nur für gewisse Zwecke braucht, und nach genommenem Gebrauche dann wieder weglegt, bis es mal wieder so kommt; nein sie war Ihm eine Angelegenheit des Verstandes, des Herzens und Lebens, — die erste und höchste Angelegenheit. Sie war der Punkt, von dem Er ausging, sie der Punkt, wohin Er wollte, und eben weil Er in Allem ein Höchstes hatte, so hatte Er in Allem auch ein Gewisses. Er bc handelte religiöse Dinge nicht wie andere Regierungsgeschäfte, die, besprochen, geordnet und abgemacht, nun nicht weiter berührt werden, bis mal neu eintretende Fälle sie gelegentlich wieder zur Sprache bringen, — nein, weil Ihm Gottesfurcht die Eine, große Bedingung war, unter welcher alles Gute, wie es auch Namen haben mag, nur gedeihen kann, so war sie, wie die Seele Seines Privat-, so die Seines öffentlichen Re- gentenlcbens. Will man Ihm ein fortlebendes Prädicat in In den letzten '25 Jahren Seiner Regierung hat Er die Angelegenheiten der Kirche unmittelbar selbst geleitet, Alles darin Geschehene selbst durchdacht, besohlen und angeordnet, die Sache der Liturgie, Agende und Union, mar so ganz Seine Sache, Sein Werk, daß man mit Gewißheit sagen kann, es wäre bei den vielen Oppositionen, die sich feindselig entgegenstellten, ohne Seine fortgehende unmittelbare impulsi'rcnde Leitung nimmermehr zu Stande gekommen. Seine Autopsie war darin so entschieden, Seine Vorliebe so eifersüchtig, daß Er notorisch diese Angelegenheit bei Seiner Pfarrkirche, der Hof- und Garnisonkirche zu Potsdam, anordnete, feststellte und einführte, ohne dein geistlichen Minister vorher auch nur ein Wort darüber zu sagen: deßhalb wurde, wie nun die Sache für die ganze evangelische Landeskirche einmal in den Gang gebracht war, auch von allen anderen Ministern keiner so viel unmittelbar von Ihm in Anspruch genommen, beschäftiget, und man kann sagen getrieben, als der geistliche Minister, und gewiß hat kein anderes Ministerium aus diesem Zeiträume so viele und große Volumina von Cabinets- ordre's, als das Geistliche. Der Minister von Altenstein kam fast nicht aus der fortgehenden Anregung und hat bei seiner rücksichtsvollen, an Aengstlichkcit grenzenden Bedächtigkeit einen schweren Stand gehabt. Das Wie war hierbei eben so schwierig, als das Was wichtig war. Denn die Ansicht und Ueberzcugung, die der König vom Christenthum hatte, hegte, und geltend machen wollte, der Geschichte geben, so gicbt es kein passenderes, erschöpfenderes und wahreres, als wenn man Ihn nennt: Friedrich Wilhelm III. den Gottesfürchtige». war die einfach großartige aus der alten Zeit, deren .Begriffe und Formen für die unsrige nicht mehr passen wollten. Er hatte Seinen Geist genährt ans der heiligen Schrift selbst. Ihre belebende, umfchaffcnde, tröstende Kraft kannte Er aus eigener Erfahrung, und diese galt Ihm mehr, als ein System von Theoriecn. Vor dem positiven göttlichen Charakter des Christcnthnms beugte sich in Demnth Sein Geist: die Geheimnisse und Wunder desselben erfüllten Ihn mit tiefer Ehrfurcht; denn sie waren Ihm die großen erhabenen Analogien der Geheimnisse und Wunder in dem aufgeschlagenen Buche der Natur. Mit demselben Blicke, womit Er diese ansah, sah Er die göttliche Offenbarung an, und ihre Autorität war Ihm eine entscheidende. Die Verstandesrichtung und Philosophie, die nichts annehmen und für wahr halten will, als was sie begreift, die Alles vorher herabziehen, betasten, messen, nach Zahl und Gewicht berechnen muß, ehe sie es will gelten lassen, war in ihrer Dürftigkeit, Materialität, Dürre und Kümmerlichkeit, tief unter Seinem großen Geiste, und noch größerem Herzen. Die heilige Geschichte, die der Welt ein neues geistiges Leben brachte, und als eine unermeßliche Thatsachc mit den Wundern ihrer Palingcnesie seit k8 Jahrhunderten wie ein Fels im Meere dastehet und zugleich in jedem gläubigen Gemüthe sich immer wieder täglich regenerirt, diese heilige Geschichte in das Reich der Mythen und Fabeln verweisen zu wollen, erschien Ihm als eine vorübergehende geistige Verdunkelung, die bald wieder zurücktreten werde vor D e m, der da ist, der da war, der da sein wird und kommt. Das Urbild der christlichen Kirche trug Er in sich, und Er betrachtete es als die schönste und beste Aufgabe Seines 405 Lebens, die evangelische Kirche Seines Landes zu den ersten Glaubens-Principien, die ihr das Dasein und Leben gaben, und damit zu ihrer ersten apvstvlischen Einfalt und Würde zurückzuführen. Vertraut mit dem Geiste der Reformation, von diesem Geiste genährt und gestählt, hatte Sein religiöser kirchlicher Sinn in demselben Gehalte eine antike stille Größe, und Er war in Gesinnung, Glaubensrichtung und Tendenz, der Gustav Adolph und der große Churfürst Seiner Zeit. Die erste Idee zum heiligen Bunde (von Wenigen in ihrer Tiefe begriffen *) stammt von Ihm her, und wie Er sich das Verhältnis; christlicher Völker zu ihren Regenten, und das dieser gegen jene, wie diö Verbindung beider mit einander, dachte, gehet klar daraus hervor. In einer längst vergangenen Zeit war Er zu Hause und kannte die gegenwärtige. Großes und Herrliches lebte, keimte und trieb in Seiner Seele, — größer wie die Wenigsten in Seiner Umgebung geahmt haben, und zu groß für ein kurzes, seinem Ende schnell zueilendes Leben. In dieser Zeit, wo der Charakter des Königs sich also entfaltete und offen und klar in Allem, was Er wollte und that, der Welt vor Augen lag: in dieser Zeit, welche man, gekrönt mit den Segnungen des schwer und ehrenvoll errungenen Friedens, wohl die glücklichste und genußreichste Seiner ganzen Regierung nennen kann, — dachte Er, statt sich diesem Genüsse in behaglicher Ruhe hinzugeben, an Seinen Tod und schrieb am I. Decembcr 1827 ,, Seinen letzten Willen." ') Im zweiten Theile dieser Schrift wird umständlicher davon die Rede sein. Mit dem, was man „sein Testament machen ' nennt, ist es eine eigene, ernste Sache. Ungern entschließt sich der Mensch dazu; sehr schwer, wenn er noch krästig und gesund ist; in seinem Hause und Berufe Alles wohl stehet: er in angenehmen Verhältnissen das Leben liebt, und noch eine lange Dauer hoffen darf. Treibe» und drängen ihn nicht besonders verwickelte Verhältnisse, so schiebt er einen so ernsten Act gewöhnlich auf, von einem Jahre zum andern; oft, wo Alles klar und in gesetzlicher Ordnung sich befindet, erscheint er sogar nnnöthig, und da, wo er nothwendig ist, wird er gewöhnlich hinausgesetzt bis zur letzten Stunde. Dem wohl- und gutgemeinten Rathc: Mensch bestelle dein Haus! folgt der erschütternde Nachsatz: Du mußt und wirst sterben. — Dicß ernst zu bedenken und danach seine Einrichtungen zu treffen, setzt eine Gemüthsstimmung voraus, die nicht die gewöhnliche ist. Beim hochseligen Könige finden wir sie in einer klaren Besonnenheit, in einem frommen Ernst, in einer heitern Ruhe, in einer Alles berücksichtigenden Liebe, wie man sich solche nur selbst und Andern wünschen kann. Er war damals 57 Jahre alt, krästig und gesund, von dem ein Jahr vorher Ihn getroffenen Beinbrüche vollkommen hergestellt. Er sah den Flor Seines Hauses, das Glück aller Seiner Kinder, die Blüthen Seiner Enkel, die wachsende Wohlfahrt Seines Landes; war im Besitze der Liebe und Anhänglichkeit Seines treuen Volkes, hochgestellt auf des Ruhmes Gipfel, von ganz Europa verehrt, — und mitten in diesem Glück, von seiner Fülle umgeben, sehen wir Ihn still und dcmüthig an Seinem Pulte stehen und Ist Jahre vor Seinem Tode Sein Testament schreiben. 407 Und welch ein Testament! Es ist der reine Abdruck Seiner Seele, in einer Klarheit, Kürze, Innigkeit und Fröin migkeit, wie nur ein christlicher Familienvater es schreiben kann und wie nicht viele Könige es geschrieben haben. Es ist der vertrauliche Erguß eines Herzens, das Abschied nimmt und Worte des Friedens und Segens zurückläßt; eines Her zens, das, versöhnt mit Gott, sich selbst und der Welt, ruhig der letzten entscheidenden Stunde entgegen schlägt. Da ist nichts Gesuchtes, nichts Gespanntes, nichts Geschmücktes: Alles, vom ersten bis zum letzten Worte, Einfalt und Wahrheit und Treue. Aon dem, was Er gewollt, gethan, zu Stande gebracht, ist nirgends die Rede, nur Gottes Gnade und Hülfe hat Er zu preisen, und keinen anderen und höheren Wunsch kennt Er noch, als den, „daß Gott Ihm ein barmherziger, gnädiger Richter sein möge." Sichtbar war dieß köstliche Testament nach der Absicht seines hohen Testators nur zunächst für die Mitglieder Sei ner Familie bestimmt. Er, ein Freund der Publicität, liebte sie doch nicht, wo sie Seine Person betraf; denn Alles, was dieselbe hervorhob und umglänzte, mochte Er nicht; innerer Werth war Sein Schmuck, Dcmuth Sein Kleid. Um so größer ist die Freude, und um so inniger der Dank für die Veröffentlichung dieses Testamentes, womit des jetzt regierenden Königs Majestät gleich bei der Thronbesteigung das ganze Volk, als dem köstlichsten Erbe, beschenkte, das nun wie ein Segensstrom durch das Land floß und fließt, — jeden Bewohner, in Pallästcn wie in Hütten, erbauet, und jedes Herz an den angestammten Landcshcrrn und Sein Haus für immer wo möglich noch fester knüpft. Folgender Königlicher Erlaß erging an das Lttaats- Ministerium: »Ich befehle, zwei kostbare Documcnte der Ocffentlichkcit zu übergeben, welche Mir, nach dem Willen Meines in Gott ruhenden Vaters und Herrn, am Tage Seines Heimganges eingehändigt worden, wovon das eine bezeichnet ist: »Mein letzter Wille," das andere mit den Worten: „Auf Dich, meinen lieben Fritz," anfängt und welche beide von Seiner eigenen Hand geschrieben und vom I. December 1827 datirt sind. Der Helden-König aus unserer großen Zeit ist geschieden und zu Seiner Ruhe an der Seite der Hcißbeweinten und Unvergeßlichen eingegangen. Ich bitte Gott, den Lenker der Herzen, daß er die Liebe des Volkes, die Friedrich Wilhelm III. in den Tagen der Gefahr getragen, Ihm Sein Alter erheitert, und die Bitterkeit des Todes versüßt hat, auf Mich, Seinen Sohn und Nachfolger, übergehen lasse, der Ich mit Gott entschlossen bin, in den Wegen des Vaters zu wandeln. Mein Volk bete mit Mir um Erhaltung des segensreichen Friedens, des theuren Kleinods, das Er uns im Schweiße Seines Angesichts errungen, und mit treuen Vaterhänden gepflegt hat; und das weiß Ich, — sollte dicß Kleinod je gefährdet werden, — was Gott verhüte — so erhebt sich Mein Volk wie Ein Mann auf Meinen Ruf, wie Sein Volk sich auf Seinen Ruf erhob. Solch ein Volk ist es wcrth und fähig, Königliche Worte 409 zu vernehmen, wie die, welche hier folgen, und wird einsehen, daß Ich den Anfang Meines Regimentes durch keinen schöneren Act, als die Veröffentlichung, bezeichnen kann. Sans-sonci, den 17. Junius 1840. (gez.) Friedrich Wilhelm. Mein Ictchcr Mlle. Meine Zeit mit Unruhe, Meine Hoffnung in Gott! An deinem Segen, Herr, ist Alles gelegen. Verleih ihn Mir auch jetzt zu diesem Geschäfte. Wenn dieser Mein letzter Wille Meinen innigst geliebten Kindern, Meiner theurcn Auguste und übrigen lieben Angehörigen zu Gesicht kommen wird, bin Ich nicht mehr unter ihnen und gehöre zu den Abgeschiedenen. Mögen sie dann bei dem Anblick der ihnen wohlbekannten Inschrift: »Gedenke der Abgeschiedenen," auch Meiner liebevoll gedenken. Gott wolle Mir ein barmherziger, gnädiger Richter sein und Meinen Geist ausnehmen, den Ich in seine Hände befehle. Ja Vater, in deine Hände befehle Ich Meinen Geist! In einem Jenseits wirst du uns Alle wieder vereinen: möchtest du uns dessen in deiner Gnade würdig finden, um Christi, deines lieben Sohnes, unseres Heilandes, Willen. Amen. Schwere und harte Prüfungen habe ich nach Gottes weisem Rathschlussc zu bestehen gehabt, sowohl in Meinen persönlichen Verhältnissen (insbesondere, als er Mir vor 17 Jahren das entriß, das Mir das Liebste und Thcuerste war), als durch die Ereignisse, die Mein geliebtes Vaterland so schwer trafen. Dagegen hat Mich Gott, ewiger Dank sei ihm dafür, auch herrliche, frohe und wohlthuende Ereignisse erleben lassen. Unter die ersten rechne Ich vor Allem die glorreich beendigten Kämpfe in den Jahren I8I!t, 1814 und 1815, denen das Vaterland seine Restauration verdankt. Unter die letztern, die frohen und wohlthucndcn, aber rechne Ich insbesondere die herzliche Liebe und Anhänglichkeit und das Wohlgelingcn Meiner geliebten Kinder; so wie die besondere, unerwartete Schickung Gottes, Mir noch in Meinem fünften Dccennium eine Lcbcnsgefährtinn zugeführt zu haben, die ich als ein Muster treuer zärtlicher Anhänglichkeit öffentlich anzuerkennen Mich für verpflichtet halte. Meinen wahren, aufrichtigen, letzten Dank Allen, die mit Liebe, Treue und durch ihre persönliche Anhänglichkeit Mir ergeben waren. Ich vergebe allen Meinen Feinden, auch denen, die durch hämische Reden, Schriften, oder durch absichtlich verunstaltete Darstellungen das Vertrauen Meines Volkes, Meines größten Schatzes, (doch Gottlob nur selten mit Erfolg) Mir zu entziehen bestrebt gewesen sind. Berlin, den I. Deccmbcr 1827. Friedrich Wilhelm. Auf Dich, Meinen lieben Fritz, geht die Bürde der Re- gicrungsgcschästc mit der ganzen Schwere ihrer Verantwort- 411 lichkcit über, durch die Stellung, die Ich Dir in Beziehung auf diese angewiesen habe, bist Du mehr als mancher andere Thronsolger darauf vorbereitet worden. An Dir ist es nun, Meine gerechten Hoffnungen und die Erwartungen des Vaterlandes zu erfüllen — wenigstens darnach zu streben. Deine Grundsätze und Gesinnungen sind Mir Bürge, daß Du ein Vater Deiner Unterthancn sein wirst. Hüte Dich jedoch vor der so allgemein um sich greifenden Ncuerungssucht; hüte Dich vor unpraktischen Theo- riecn, deren so unzählige jetzt im Umschwünge sind; hüte Dich aber auch zugleich vor einer fast eben so schädlichen zu weit getriebenen Vorliebe für das Alte, denn nur dann, wenn Du diese beiden Klippen zu vermeiden verstehst, nur dann sind wahrhaft nützliche Verbcsserungen gerathen. Die Armee ist jetzt in einem seltenen guten Zustande: sie hat seit ihrer Reorganisation Meine Erwartungen, wie im Kriege, so auch im Frieden erfüllt. Möge sie stets ihre hohe Bestimmung vor Augen haben, möge aber auch das Vaterland nimmer vergessen, was es ihr schuldig ist. - Verabsäume nicht, die Eintracht unter den Europäischen Mächten, so viel in Deinen Kräften steht, zu befördern; vor Allem aber möge Preußen, Rußland und Oesterreich sich nie von einander trennen; ihr Zusammenhalten ist als der Schlußstein der großen Europäischen Allianz zu betrachten. lWi M ^.1 Wl Meine innig geliebten Kinder berechtigen Mich Alle zu der Erwartung, daß ihr stetes Streben dahin gerichtet sein wird, sich durch einen nützlichen, thätigen, sittlich reinen und 412 gottesfürchtigcn Wandel auszuzeichnen, denn nur dieser bringt Segen, und noch in Meinen letzten Stunden soll dieser Gedanke Mir Trost gewähren. Gott behüte und beschütze das theure Vaterland. Gott behüte und beschütze unser Haus jetzt und immerdar. Er segne Dich, Mein lieber Sohn, und Deine Regierung. Er verleihe Dir dazu Kraft und Einsicht, und gebe Dir gewissenhafte, treue Räthe und Diener und gehorsame Unterthanen. Amen. Berlin, den I. Decembcr 1827. (gez) Friedrich Wilhelm. In diesem Testamente ist Nichts übersehen und vergessen, ist Alles bedacht und berücksichtigt. Man sieht in Ihm den reinen Menschen, den zärtlichen Gatten, den glücklichen Familienvater, den sorgsamen Landesherrn, den wahrhaften Christen, und alles dieß in Einfalt, Schmucklosigkeit und Demuth. Man stehet in Ihm den Mann, den Gott durch Kreuz und Leid wunderbar, aber herrlich, zu einer Höhe geführt hat, auf der Er dastehet in einer äußeren und inneren Glorie, die alle Welt in Ihm sieht und ehrt, die Ihm selbst aber nichts ist, als göttliche Gnade. Er hat mit eigener Hand geschrieben dieß Testament; aber was Er darin still mit Gott und sich abgemacht und in Ordnung gebracht hat, ist in dem Archive Seiner Brust verschlossen, Keiner erfährt es, Keiner merkt es Ihm an; wohl 413 verwahrt liegt das theure Bermächtniß in Seinem Pulte, doch sv, daß es gleich nach Seinem Tode alsbald gefunden werden kann, und auf ihn vorbereitet, schenkt Ihm Gott noch volle zwölf Jahre des reichsten Friedens und Segens im gesicherten Wohlergehen. Ein merkwürdiger Abschluß, in dem Alles fertig, in Ordnung und Klarheit gebracht ist lange vorher, so daß Alles, was nachher nun nachkommt, Ihm im Genüsse heiterer Ruhe eine kaum mehr erwartete freundliche Zugabe ist. Oft im Leben gedrängt, soll am Schlüsse desselben Ihn Nichts mehr drängen; ein gutes Ende ist Ihm nur noch das Wichtigste, und Er, gerüstet, wartet wie ein Abreisender nur noch auf den letzten Boten, der Ihn abrufen wird. — Deßhalb macht auch dieß Testament einen merkwürdigen Abschnitt, wenn auch nicht so sehr im geschichtlichen, doch im innern Leben des Königs. Alle, die in Seiner Nähe gelebt und Jhw beobachtet haben, wissen, wie nach dem Ihn getroffenen Unglück des Beinbruches mehr noch wie früher eine Gemüthsstimmung in Ihm vorherrschend wurde, die in milder Gelassenheit und heiterer, sanfter Ergebung sich aussprach. Was es mit dem Menschenleben sei und auf sich habe, an welchen dünnen, leicht zcrrcißbaren Fäden es hange, hatte Er aufs Neue in diesem Unfälle erfahren. In tausend Kriegsgefahren behütet und innner glücklich beschützt, begegnet Ihm in Seinem Hause auf ruhigem, gewohnten Berusswege, als Er am Morgen aus Seiner Schlafkannner, im Herabsteigen einer viel tausendmal betretenen bequemen Treppe, zum Be ginnen des Tagewerkes in das Bortragszimmer, wo Seine Geheimräthe auf Ihn warten, gehen will, dieser schmerzvolle Zufall, der Ihn lange an's Krankenlager fesselt. Was auf demselben Ihn vorzüglich beschäftigt und bewegt, wie auf diesem Punkte der Nuhe und Abgeschiedenheit Ihm Seine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vor Augen stand, wie es vorzüglich eine religiöse Stimmung war, die Ihn anhaltend beseelte, das beweiset Alles, was Er in dieser Zeit sprach und that; Alle, die um Ihn waren, reden von dieser Seiner klaren, ruhigen Innern Haltung der Geduld und Ergebung, mit Verehrung, — und in dieser Stimmung und Richtung war es, wo Er nach eingetretener Genesung, wohl vorbereitet und durchdacht, Seinen „letzten Willen" abfaßte, bei dem Er es auch ließ, und in welchem Er später Nichts geändert hat. In diesem psychologischen Gange Seines inneren Lebens entwickelte sich in Ihm, um gleichsam die letzte Hand an Ihn zu legen, jene stille, tiefe, sittlich-religiöse Kraft, die wir mit dem Namen: fromme Resignation, bezeichnen, die früher schon Ihn getragen, aber von diesem Zeitpunkte an, in Seinen letzten zwölf Jahren, zur Vollendung kam. Was fromme Resignation ist, und wie sie angesehen und bcurthcilt werden muß, wurde, wie an dem Beispiele aller ausgezeichneten Menschen, so besonders auch an dem Seinigen klar. Resignation ist keineswegs eine nur passive Kraft, die sich blos im Dulden an den Tag legt, sonder» zugleich eine active, die auch kräftig wirket; aber sie ist die Verschmelzung beider Kräfte in eine Kraft. Wie und wo jede für sich angewandt und gebraucht wird, jede auf ihrer rechten Stelle, und beide wieder in in- 415 ncrcr Verknüpfung, darauf allein kommt es an, wenn sie ein Ganzes und Vollendetes schaffen soll. Mit einer seltsamen, räthselhasten Hcterogenität hat sie es zu thun: auf der einen Seite ist sie sittlich frei, wo sie in Selbstbestim müng wirken und arbeiten soll, und auf der andern ist sie gebunden, und befindet sich in einem physischen Zwange, wo sie nichts thun, sondern sich fügen, nachgeben und gelassen folgen soll. Was jeder Mensch in jedem Moment seines Lebens, in jeder Lage, bei jeder Pflicht und ihren Collisionen, thun muß, ist immer klar, steht immer fest, bleibt unter allen Umständen und Wechseln dasselbe und ist so entschieden, daß dem sittlich Gebildeten es nie zweifelhast sein kann. Dieß ist die Herr lichste Lichtseite des Lebens, in der wir uns frei und unabhängig fühlen, wo Nichts in der Welt uns Zwang anthun kann, wo wir in unserm Innern uns unbeengt bewegen, und wo wir um so freier werden, je mehr unsere sittliche Natur wächst und sich ausbildet. Für den sittlich Freien giebt es keinen Kerker, keine Ketten, und der unglücklichste, vom Despoten gcmißhandelte Sklave kam? dennoch in seinen? Innern frei und dieser ein Herr sein, wenn jener, von seinen Leidenschaften gebunden, ein Knecht ist. Der allmächtigen sittlichen Wcltordnung angchörig, und ein lebendiges Glied derselben, umwehet uns eine frische, reine, freie Luft, und sie athmcnd, fühlen wir im edelsten Selbstbewußtsein die herrliche, unvcr äußerliche Würde der hochgestellten menschlichen Natur. Aber dicht neben dieser klaren, warmen, holden Kraft steht eine andere geheimnißvolle, zwingende Gewalt, die wir nicht lenken können, die uns vielmehr in ihrer Gewalt hat, und unser Leben formt, wie ein Töpfer den Thon, — wir nennen sie die Mo cht des Schicksals. Sie bestimmt und gebietet über uns, ohne uns zu fragen, wie sie es will. Die Aeltern, von denen; die Zeit, wann: der Ort, wo; die Umstände, unter denen; die Anlagen und Kräfte, mit welchen; die Verbindungen, in welchen wir in's Leben treten, und wodurch sein Gang bedingt ist: alles dicß ist ein Gegebenes und von uns hängt es nicht ab, ob wir es annehmen wollen; wir müssen es, denn unsere Existenz ist daran geknüpft und davon, wie von festen Banden, umschlossen. Wir fragen oft: Warum? Warum so, und nicht anders? Aber wir bekomme» keine Antwort. So mächtig die Gewalt des Schick sals ist, so stumm ist sie; ihr eiserner Beschluß steht unabänderlich vor uns und in ihm liegt die Aufgabe des Lebens, bei Jedem anders, aber bei Allen im Zwange der Nothwem digkcit. Diese wunderbare, gcheimnißvolle Macht des Schicksals giebt allen Menschen, ohne Unterschied, dieselbe Bestimmung, dieselben Rechte und Pflichten; aber nicht dieselben Gaben und Güter. Dem Einen macht sie es schwer, dem Andern leicht: den Einen überschüttet sie mit ihren Geschenken, den Andern läßt sie darben; dem Einen läßt sie Alles gelingen, dem Andern Alles mißlingen; sie führt ebene, angenehme Pfade, und steile dornenvolle Wege. Aus ihrer dunklen Urne schüttet sie die Lebensloose, Jedem das seinige, und wie es fällt muß er es hin- und annehmen. Glückliche und unglückliche Umstände, unsere Sprache nennt sie Zufall, herbeigeführt, man weiß nicht wie und wodurch, heben und beugen, erhöhen und stürzen, erleichtern und erschweren, schmücken und entstellen das Leben, und seine Wechsel stehen nie stille. 417 Deßhalb stehen auch die meisten Menschen im steten Kampfe mit ihrem Schicksale, und dieser Kampf ist ein heißer und unglückseliger, wenn der innere, freie, sittliche damit in Ccmflict kommt. Bei den Meisten ist dieß der Fall, und dann ist das Leben sündhaft, unruhig bewegt, und hin und her gerissen von strafbaren Wünschen, gefoltert von verbotenen Lüsten und Begierden. So wird die Welt ein Tummelplatz, wo Jeder das, was man Glück nennt, zu erjagen strebt, wo der Eine dem Andern feindselig in den Weg tritt, und doch nur Wenige dahin kommen, wo sie gern sein möchten. Einige wollen ihr Glück erhaschen durch Wagestücke, und darum ist die Welt so voll Abentheurer, von denen es Wenigen gelingt, den Meisten aber mißlingt, und die darin dann untergehen. Alle, die in ihrem Innern noch nicht sittlich frei geworden sind, ringen mit dem Schmerz, den der äußere Zwang ihnen täglich bereitet, und ihr Schicksal wird ihnen eine schwere, drückende Bürde. Jedem sieht man es bald mehr, bald minder an, daß er zu tragen, oft schwer zu tragen hat, und die Früchte, welche sie schaffen wollen, haben sichtbar den Stich des verborgenen nagenden Wurmes. Ach! die wenigsten Menschen erkennen und begreifen die Stellung ihrer freien sittlichen Natur gegen die Macht ihres Schicksals, und doch liegt in der klaren, richtigen, festen Auffassung dieser Stellung allein die glückliche Lösung jeder Lebensaufgabe! In der Jugend und im kräftigen Mannesaltcr begreift man diese Stellung am Wenigsten. Im Gefühle erwachter strebender Kräfte, im Besitze ihres Gebrauches, gehoben durch ihre Anwendung, nimmt man es muthig auf mit der Macht entgegentretender feindseliger Hindernisse und wähnet, sie be- 27 siegen und den Gang des Lebens in Uebcreinstimmung mit seinen Wünschen bringen zu können. Die Ansicht ist so srisch, der Muth so kühn, die Färbung der Plane und Entwürfe so lachend, daß man, getrieben von diesem innern Drange, die Täuschung nicht wahrnimmt, in welcher man sich befindet, und die das einleitende Leben mit roscnfarbenen Bildern schmückt. Diese bei allen lebhaften Naturen eintretende Täuschung erscheint auch als eine von höherer Hand absichtlich hingestellte, nothwendige und wohlthätige, da sie die Kräfte weckt und spornt und dadurch' ihre schnellere Entwicklung fördert. Ist aber der Frühling der Tage mit seinen Blüthen und Kränze» verschwunden, und der heiße, zeitigende Sommer eingetreten, wo ck!rS gebietende Wort sich geltend macht: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brod essen!" dann fühlt man sich einer Macht gegenüber, die sich nicht zwingen läßt, und vor welcher auch der Kräftigste sich beugen muß. Der großangelegte Lebensplan wird nun allmählich kleiner und bescheidener, die Verhältnisse treten von selbst in die Fugen der Subordination, und wo man eine reiche Eristenz träumte, bleibt beim Erwachen kaum eine dürftige Subsistcnz über: man muß sich biegen, schicken, fügen. - Fast alle Menschen erfahren dieß: auch die Mächtigsten haben die Umstände nicht in ihrer Gewalt, und Jeder, auch der Glücklichste, findet den fortschreitenden Gang seiner Jahre von einer höheren, geheimnißvollen Macht umschlossen, die er nicht leiten kann, von welcher vielmehr er geleitet wird: und nichts bleibt übrig, als ihrem stillen, aber unwiderstehlichen Zuge mit Besonnenheit zu folgen. So kommt jeder Mensch in Pallästen und Hütten, und der Hochgestellte gerade am Meisten, auf den Punkt, wo ihm, wenn er glücklich und mit Ehren sich behaupten will, nichts helfen kann, als Resignation. Was die Theorie entwarf und idealisirte, berichtiget und verkümmert die Erfahrung, und hat diese ihre Resultate hingestellt und ihre eiserne» Grenzen gezogen, dann müssen Alle, selbst die, welche Krone und Scepter tragen, einstimmen in das tief gedachte und schön gesagte Wort von Hallcr: „Gebunden führt der Schmer; uns Alle durch das Fcbcn; Sanft, wenn wir willig geh», rauh, wenn wir widerstreben." Es giebt eine Resignation der Philosophie, die, mit den Gesetzen und Kräften der Nothwcndigkeit bekannt, in starken Seelen eine stoische Energie erzeugt, die es zwar nicht vermag, sich über das Schicksal zu stellen, aber ihm doch fest in's Auge schauet und durch Muth allerdings seine Strenge mildert. Eine solche klare, consequcnte, praktische Philosophie vermag erstaunliche Dinge, wenn sie zugleich ihre Wurzeln im Gemütbe hat, und stellt Beispiele der Stärke, der Selbstbeherrschung und Ausdauer auf, die mit Achtung erfüllen, und bei denen das betrachtende Auge gern verweilt. Der edle Garve litt Jahre lang Tag und Nacht an den entsetzlichsten Gcsichtsschmerzen, und seine Abhandlung „über die Geduld" entwickelt ein so reiches Maß von tiefer, kräftiger, philosophischer Resignation, daß man in ihr den standhasten Dulder ehrt und liebt. Der (wie er früher genannt wurde) Alles zermalmende Kant schrieb, gequält von Podagra-Leiden, eine (später von Hufeland mit einer Vorrede neu herausgegebene) Schrift: „Bon der Macht des Gemüthcs über krankhafte Zustände," und steigert diese Kraft zu einer Höhe, die 27« oft Genesung bewirken, immer aber den Schmerz besiegen will. Diesem Siege, errungen im Gebiete der absoluten Noth- wendigkeit, wird aber immer das höhere Element der heiteren Seelenruhe und inneren Zustimmung mangeln, die allein aus der stille» Hingabc an eine höhere und höchste Macht entspringt, an eine Macht, die nicht nur über dem Schicksale steht, sondern dasselbe als weise, absichtsvolle Fügung schickt und lenkt. Ohne diesen Aufblick mangelt allen abstracten Begriffen und Vorstellungen der Philosophie der letzte, entscheidende Grund, über den sich nicht weiter hinausgehen läßt, und wobei auch der schärfste Verstand befriedigt stehen bleiben muß und kann. Tausend Räthsel und Zweifel bleiben dem vom Schicksal Gedrückten übrig, und schmerzvoll gefesselt von der Wirkung, erhält die immer wiederkehrende Frage nach der Ursache: Warum? Wozu? — nirgends eine beruhigende, befriedigende Antwort. Kraft zum Dulden und Tragen kann allerdings philosophische Resignation geben; aber immer wird sie eine gewisse Verbissenheit mit sich führen, da sie der Nothwcndigkcit nachgiebt, weil sie muß, nicht weil sie in freier Entschließung will. Hinge es von ihr ab, könnte sie es, sie würde die lästige Bürde gern abschütteln. Tugenden, auf diesem Boden gewachsen, haben mehr oder minder den Charakter der Kälte, Härte und Mi- santhropie. Nur in der Freiheit des Willens ist der Mensch moralisch stark, und diese Freiheit erzeugt allein die Ucber- zeugung, daß auch da eine wohlthätige, bezweckte Absicht obwaltet, wo der Verstand sie nicht stehet. Wo dieser schweiget und, an der Grenze stehend, nicht weiter kann, da muß eine andere Potenz in das Herz kommen, die seinen Frieden sichert. 421 Ohne diesen inner» Frieden ist keine Heiterkeit möglich »nd ohne diese keine Liebe. Man kann die stoische Resignation bewundern, aber man si'chlt sich nicht von ihr angezogen, denn ihrer Stärke fehlt die Milde, ihrer Tiefe die Klarheit, ihren Mitteln der Zweck, ihrer Anstrengung die verwandte Sympathie, ihren Aussichten der Trost einer gewissen ewigen Hoffnung. Auf sich selbst und die eigene Kraft zurückgeführt, spannet sie dieselbe über Vermögen unnatürlich an und führt einen Zustand herbei, der offenbar ein erzwungener ist, weil ihm das ruhige Gleichgewicht der Kräfte fehlt. Wie viel Achtung und Verehrung man aber auch für philosophische Resignation und Alle, die in ihr es weit brachten,, hegen mag, so viel ist gewiß, nur die wenigsten Menschen sind für sie befähigt, und sie kann ihrer Natur nach nie eine Lehre der Weisheit, des Trostes und der Hülfe für Alle werden. Eine starke und dabei milde, eine erleuchtende und erwärmende, eine passive und doch zugleich active, eine weckende und beruhigende, eine den ganzen Menschen hebende und tragende Kraft gicbt es jedoch, die allein es vermag, die Freiheit des Willens in Einklang zu bringen mit dem Zwange des Schicksals, und die in ihrer Größe und Herrlichkeit doch Allen zugänglich, für Alle erreichbar ist, und von der man sagen kann: Hier ist mehr als Salomo, Sokrates und Plato; — einfach und schmucklos ist ihr Name, tief ihr Sinn, unerschöpflich ihr Reichthum, sie heißt christliche Ergebung, — des menschlichen Lebens bester Engel! Diese fromme christliche Resignation bildet im Verstände und Gemüthe sich aus als lebendiger Glaube an die gött- liche Vorsehung, die das große unermeßliche Ganze mir allen seinen einzelnen Thcilen umschließt und umathmet, wie der Himmel mit seiner Lust jede Brust. Diese höchste Macht, zugleich die höchste Weisheit und Güte, ist nicht ferne von einem Jeglichen; in ihr lebet, webet und ist ein Jeder. Ein Jeder ist ihr gleich Werth und lieb: sie achtet den Herrlichen nicht mehr, als den Armen: denn Alle sind ihrer Hände Werk und ihre Gnade ist das höchste Gut. Wenn sie die Sterne zählt, sie bei Namen nennt, und ihre unermeßlichen Heere leitet, wie ein Hirt seine Heerde, so kennet sie auch jedes gebrochene arme Menschenherz und heilet seine Schmerzen. Wie ohne ihren Willen kein Sperling vom Dache auf die Erde fällt, so kein Haar von unserm Haupte. Alle unsere Lebenslage, mit dem Wechsel ihrer Freuden und Leiden, sind in ihr Buch geschrieben, ehe noch unser erster Lebenstag da war. Unter ihrer Leitung und Anordnung giebt es kein Schicksal, kein Fatum, keinen Zufall, kein Ungefähr, — Alles, Alles ist in seinen Licht- und Schattenseiten ihre Fügung, Schickung, Zulassung. In scheinbarer Verwirrung und Verwickelung laufen die Millionen Wege der Jahrhunderte in der Weltgeschichte und die der Stunden bei Individuen in- und durcheinander; aber eine Hand lenkt sie, stille, leise und fest, zu Einem großen Ziele, und am Ziele ertönt das Hallclujah durch alle Himmel. Sie weiß von keinem Zwange, hat überall das ganze Herz, Alles athmet in ihr die Freiheit der Liebe. Diese Liebe verbannet jede Furcht, und von dieser Liebe wie auf Mutterarmcn getragen, muß Alles, auch das Bitterste im Leben, zum Besten dienen. Diese Liebe bringt die Frcihet des Willens in Harmonie mit der Führung und dem Gange des Lebens, auch dem räthsclhastcsten, und nun giebt es nur noch eine Loosung, die Loosung: Alles mit Gott! Alles wie Er will! In dieser Hingabe an Gott liegt des Lebens Licht und Kraft, Freude und Trost, und aus ihr cntguillet ein erquickender Friede, der hoher ist, als alle Vernunft. Mit diesem Frieden, in welchem die innere und äußere Welt sich harmonisch verschmelzen, wird der Arme reich: und ohne diesen Frieden, von innern Widersprüchen beengt, der Reiche arm. Daß sich das Leben der Christen also gestaltet hat und bei allen Gliedern an Dem, der das Haupt ist, noch immer so in dieser hoben Resignation gestalten kann, bestätiget die Erfahrung und beweiset die Geschichte in zahllosen glänzenden Beispielen. Ties und reich ist die Kraft, die im thuenden und leidenden Gelsdrsam activ und passiv sich entwickelt, wenn sie nicht bloß in Begriffen und Vorstellungen, sondern zugleich mit der vollen Neigung eines liebenden und dankbaren Herzens sich ernst an den Anfänger und Vollender des Glaubens, an Den, der da ist der Erste und der Letzte, persönlich anschließt und nun erfährt, daß sie Alles vermag durch Den, der da mächtig macht. Wunderbare, einzige Erscheinung! wie sie in dieser Herr lichkeit auf dem weiten Schauplatze der Geschichte sonst nie und nirgends sichtbar geworden ist, und wie sie sich auch nur allein in der Person Jesu Christi enthüllen konnte. In ihm verschmilzt sich die höchste Kraft des freien Willens mit der heitersten, ruhigsten Resignation zur harmonischen, erhabenen Einheit, so daß er gleich groß ist in dem, was er wirkt, und in dem, was er duldet. Mit einer alle Begriffe übersteigende» Kraft hebt er die sittliche Welt auS ihren Angeln und schafft eine neue; mit einer Energie des Willens, die keine Furcht kennet, keine Hindernisse beachtet, keine Gefahren scheuet, gründet er eine neue Ordnung der Dinge und ist mit der größten Ruhe seines Sieges gewiß. Ihn um- nachtct die Finstcrniß des Aberglaubens mit ihren Schrecken, die des Unglaubens mit ihrer starren Kalte, — und er athmct im Lichte, und gründet und bauet ein Reich des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung. Und angethan mit dieser unendlichen Krast und Stärke, seinem Schicksale gegenüber, ist er die reinste Dcmuth, die sanfteste Ruhe, die frommste Ergebung, und an ihm wird eine Resignation sichtbar, in einer Herrlichkeit, die man bewundert, aber nicht fasset. Das Wort: „Ich muß wirken, weil es noch Tag ist, die Werke Dessen, der mich gesandt hat, che die Nacht kommt, wo man nicht mehr wirken kann:" und das andere Wort: „Vater ists möglich, so laß diesen Lcidenskclch vorübergehen : doch nicht wie ich will, dein Wille geschehe!" ist in ihm Ein Wort, Eine That. Die kräftigste Selbstbestimmung und die gelassenste, ruhigste Fügung, die heldenmüthigstc Stärke und die reinste Kindlichkeit fließen in ihm zu einer Harmonie zusammen. Er trägt die Sünden der Welt und seine unendliche Krast kann sie tragen, — aber er trägt sie, wie ein Lamm. So steht er da, umflossen in unantastbarer Herrlichkeit, voll Gnade und Wahrheit, gleich groß und srci mit der unwürdigen Fessel am Arme und im Lichtglanzc der Verklärung auf Tabors Höhen. 425 Eines solchen Retters und Erlösers bedurste und bedarf das menschliche Geschlecht und jeder einzelne Mensch, wenn ihm der zugemessene Kampf mit sich selbst und seinein Schicksal siegreich gelingen soll, gleichzeitig in der Kraft des Wirkens und in der Kraft des Duldcns. Und was dieser Glaube gewirkt, und welche Wunder der Wiedergeburt er erzeugt hat, beweiset tatsächlich die Geschichte. Aus ihm ist der Sieg des Christcnthums in welt- überwindender Kraft hervorgegangen. In seiner ersten frischen Liebe hat er die Schaaren aller Märtyrer begeistert und gekräftiget, süß und selig zu finden den Tod für ihn. Dieser Glaube, der das Leben in sich selber hat, altert nicht: im Jedem, der ihm sich hingiebt, wird und bleibt er jung und neu. In Christus findet er das Christenthum, und in seiner Person und in dem Anschließen an sie bekommt die Wahrheit eine lebendige und belebende Gestalt. In dem aufgerichteten Kreuze personisicirt sich symbolisch die im Thun und Leiden siegende sittliche Stärke, und in der Befähigung für die Erde empfängt sie die Weihe des Himmels. Die aus solcher heiligen Quelle entspringende Resignation ist keine durch Räsonncment von außen hineingekommene und aufgeklebte, sondern von Innen heraus entwickelte wahre, gleichförmige, ruhige, milde, gesunde Stimmung des Gcmü- thes. Wo sie Ausnahme findet, da schließt sie sich an jeden Stand, an jede Lage, still und sinnig, segnend an. Sie macht kein Geräusch und will nichts scheinen: sie blickt frei und fest nach Oben, woher sie kommt und immer neue Stärke empfängt. Sic verträgt sich mit jedem Berufe; hebt den Herrn, zügelt den Diener: deinüthigct den Reichen: tröstet den Armen; macht stille, sanft und gelassen das Weib: erquickt den Kranken: bcwahrr vor Verzweiflung die Hoffnungslosen, und erfüllet mit Much die Lebensmüden. Wo sie in ihrem stillen Frieden waltet, da wird alles Unabänderliche mit Fassung getragen, und verwandelt sich in dieser Fassung in Segen. Unter ihren sansten Flügeln wohnen die Gelassenheit, die Eintracht und Versöhnung mit ihrer tragenden und schweigenden Nachsicht. Wie schwer und anhaltend auch manche Lcbenslast mit ihren Pflichten sein mag, christliche Resignation erleichtert sie, sie bringt in jede Dunkelheit Licht und in die Nacht der Gräber das Morgenrock) eines ewig heitern Tages, der keinen trüben Abend mehr kennt. Diese psychologische Erörterung war nothwendig, um den Grundzug in dem Charakter des Königs, der sich eben in der Resignation cvncentrirte, nicht nur in das rechte, volle Licht zu stellen, sondern auch die nicht gewöhnliche Bedeutung, Stärke und Reife derselben, wie wir sie an Ihm erblicken, gehörig zu würdigen. Sie war in Ihm unendlich mehr, als was man im gewöhnlichen Leben mit den currcn- tcn Namen i „Geduld, Gelassenheit, sich fügen, nachgeben," zu bezeichnen pflegt; sie war gewachsen aus gesunder, tiefer Wurzel aus einem kräftigen Stamme, den die Orkane des Unglücks unistürmten, und den eben diese Stürme befestigten. Wie hier Alles großartig ist, so ist auch Alles hier individuell, und gerade eben darum um so lehrreicher und anziehender. Wie in jedem menschlichen Leben mehr und minder der Makrokosmus (die große Welt im Ganzen) sich im Mikrokosmus (der Welt im Kleinen) abspiegelt, so war dicß in 427 Ihm im eminentesten Sinuc der Fall, und nicht viel Mm- schcnlebcn hat es gegeben, in welchen die active Kraft für eine große Wirksamkeit so dicht neben der passiven Kraft zur ungewöhnlichen Resignation stand, als in dem Seinigen. Nun, da Er vom irdischen Schauplatze abgetreten ist, und man Seine gesammte Lausbahn mit Einem Blick überstehet, enthüllet sich auch der ganze Lebensgang in allen seinen Richtungen vor unfern Blicken; wir sehen Ihn werden, was Er geworden ist: die Theile sammeln sich zu einem Ganzen, und das Ganze ist ein seelenvolles, harmonisches, schönes Bild, auf dem das Auge mit Wohlgefallen ruhet. In Wahrheit kann man sagen, der Charakter des Königs hat die Physiognomie Seines Schicksals, und Sein innerer und äußerer Lcbensgang haben sich zuletzt, nach langen und schweren Kämpfen, herrlich in Einheit verschmolzen, so daß Seine sittliche Natur mit Seinem Schicksal, und Sein Schicksal mit Seiner sittlichen Natur sich identisicirte. Bei den meisten Menschen, und namentlich bei denen, deren LebenSgang ungewöhnlich ist, geschieht das Gegentheil; ihr Charakter und ihr Schicksal bleiben in Opposition; der Friede zwischen beiden kommt selten zu Stande und gewöhnlich endet erst der Tod den Kampf. Dieser Widerspruch zwischen dem, was das Herz wünscht und gern hätte, und dem, was das Leben wirklich gewährt, zieht sich mit seinen streitenden Kräften zähe durch's Leben hin, in welchem es dann ein Aggregat von einzelnen, durcheinander liegenden Fragmenten bleibt: ein Lebensbild, bunt und voll chaotisch durcheinander, ohne Plan und Ordnung. Und was ist davon die Ur- s.ich? Es fehlt die leitende, vermittelnde, ausgleichende und vollendende Kraft der frommen Resignation: der Uebergangs- punkt zur Versöhnung und zum inncrn Frieden liegt allein in ihr. Diese psychologische Thatsachc des innern Bewußtseins läßt sich überall historisch in dem Leben der Menschen nachweisen und beweisen, und wenngleich sie sich in unendlich verschiedenartigen Modifikationen gestaltet, so ist sie doch überall in ihren tiefliegenden Naturgründen dieselbe. Aus der Lcbensgeschichtc großer Regenten ließen sich hier leicht viele analoge Fälle als Beweise anführen: aber wir wählen ein anomales Beispiel, das vom Kaiser Napo leon Bonapartc, in welchem der Contrast die Wahrheit hier um so Heller herausstellt. Gewiß war er ein außerordentlicher Mann, der ein Maß von Kräften in sich trug, in welchen er den größten Heroen aller Jahrhundertc an die Seite gestellt werden kann und den meisten überlegen ist. So erschien er der Welt äußerlich in furchtbarer Größe, so lange die Sonne des Glückes sie umglänztc: aber so war er in seinem Innern wirklich nicht, als die Nacht des Unglücks über ihn einbrach. In jenem übcrmüthig, in diesem nun ohne Muth : in jenem maßlos, in diesem ohne Fassung; in jenem verwegen, in diesem verzagt. *) Des Glückes Probe ist das Unglück und in ihm ") Napoleon hatte, nach dem Zeugnisse seiner Biographen, namentlich vor den Kosacken eine maßlose Furcht, und bei seiner Abführung nach Elba und Helena befand er sich im Zustande geistiger Betäubung. 429 allein kommt's an den Tag, was erborgt und angenommen, und was wahres, tiefliegendes Eigenthum ist; nur dieses bleibt im Läuterungsfcucr, jenes brennt als Schlacke ab. Wohl war des außerordentlichen Mannes außerordentliches Genie sein volles, ganzes, bewundertes Eigenthum, und gewiß hier nichts Erborgtes und Angenommenes, vielmehr Alles individuell originell: aber wie jedes Menschen, auch des niedrigsten und kleinsten, Schwer- und Ruhcpunkt nicht im Verstände, sondern allein im Gemüthe, im Charakter liegt, so mehr noch bei großen außerordentlichen Männern auf den Höhen der Regierung. Mit Erfolg gut und glucklich bis an's Ende, gesegnet von der Mit- und Nachwelt, regiert nur der Herrscher allein, der sich selbst zu beherrschen gelernt hat; nur in seiner eigenen Brust kann er den festen Mittelpunkt für seine Lebenspcriphericn finden; je weiter und größer diese sind, desto nothwendiger ist jener. Hätte der außerordentliche Mann es verstanden und gelernt, die Wagschalc seiner ungewöhnlichen Kräfte im Gleichgewichte zu fsriren: hätte er seinen Ehrgeiz beschränken, seinen Egoismus beherrschen, hätte er vor Allem sich mäßigen und im Glücke Maß halten können, — wie viel glücklicher würde er geworden und wie viel länger es, und dann wahrscheinlich in ungetrübter Herrscher-Herrlichkeit bis an sein Ende, geblieben sein! Aber ihm fehlte die höhere, zügelnde, temperirende Kraft, die da weiß, wie weit sie gehen kann und darf; die, wenn ihr auch Alles offen steht, doch in den srciesten Spielräumen sich mit Schonung und Vorsicht bewegt: die nie die ewigen Gesetze des Rechts, der Gerechtigkeit und Billigkeit verletzt, und nur stets in dem Grade extensiv sich ausdehnt, als sie intensiv würdig, fest und in sich abgeschlossen ist. Diese Unterlage, dieser Stütz-, Hebe-, Beweg- und Nuhepunkt schltc dem wunderbaren, seltenen Manne; darum war er ohne innere Haltung im Unglück, und auch mitten im Glück doch nie glückselig; immer unruhig, getrieben, gejagt, unersättlich; sortgerissen wie von dämonischen Gewalten zu den äußersten Enden, den letzten höchsten Spitzen, bis wohin getrieben sein kolossales Werk in Trümmern über ihn zusammenstürzte. Und nun endlich seine Gemüthsstimmung in seinem Eril! Allerdings ein erschreckliches, in welchem die Mythe des Prometheus zur Geschichte wird; aber am Meisten doch erschrecklich durch ihn selbst, durch das leidenschaftliche Feuer, das in ihm brannte, durch den Wurm, der in seinem Innern nagte, — ein Feuer, das ihn im bittersten Unmuth verzehrte, ein Wurm, der im verbissenen Seclcnschmcrz ihn zernagte. Statt sei» Schicksal, als es sich verdunkelte, durch die milde Kraft der Resignation zu versöhnen, den Berlust äu ßcrer Güter durch den Gewinn innerer zu ersetzen, und so groß und unabhängig in sich selbst zu werden, haderte er fortwährend mit seinem Unglück und verkümmerte in demselben. Der mächtige, eine lange Zeit Alles vermögende Mann, ausgerüstet mit allen Kräften der Intelligenz, hatte doch nicht begriffen, daß die Summe aller physischen, materiellen Mächte in ihren tiefsten Wurzeln und feinsten Lebensadern 43 l in einem höheren übersinnlichen Gebiete liegt, mit dein man nicht in Opposition treten kann, ohne zu unterliegen. Ohne moralische Kraft ist die physische bald erschöpft und an der heiligen Grenze der moralischen Nothwendigkeit muß die Körpcrwelt vor der geistigen sich beugen. Bis zu welcher schwindelnden Höhe die cultivirte und rassinirte Intelligenz es bringen und ihr Uebergewicht geltend macheu kann; aber wie sie, ohne die Tragekrast eines religiösen Elementes gesteigert bis zur Monstrosität im iunern und äußern Zerwürf- niß, auf den letzten Punkt gekommen, dann in sich selbst zusammenstürzt und ein Ende mit Schrecken nimmt, - dicß Beides ist zur Lehre und Warnung für alle Jahrhunderte, wie früher in der älteren Weltgeschichte, so in der neuen an diesem Manne, iu welchem sich der Egoismus personisicirte, klar geworden, bis zur lebendigsten Anschauung. Das Unbezwingbare, sein Schicksal, wollte er erzwingen und bezwingen, und nun erst wurde er inne, daß es eine höhere und höchste Allmacht giebt, deren Wille in der letzten Instanz allein entscheidet, und dann des Lebens Drama endet. In seiner egoistischen Verblendung und im verwöhnten Bewußtsein seiner bis dahin Alles vermögenden Kräfte scheint er keinen Begriff, keine Almung von der Haupt-Tragckraft im, auch dem mächtigsten, Menschen: „der Resignation" gehabt zu haben. Noch einige Tage vor dem entscheidenden Siege auf Montmartre wies er die ehrenvollen Friedensanträge der combinirten Mächte höhnend zurück, mit der stolzen Drohung, vor den Thoren von Wien und Berlin den Frieden dictiren zu wollen. Hätte er sie angenommen, so wäre er Kaiser von Frankreich geblieben; lind nun war er bald darauf ein armer transportirter Gefangener nach Elba. So ging an ihm das fatalistische Wort in Erfüllung: cjuv« ckeus pevckoie vult, obooevat. Verblendung, Hochnntth kommt, vor dem Falle, und Keiner entgeht in dieser Verblendung seinem Schicksale. *) ') Die Alles forcirendc Gewalt, die nichts von Resignation wissen will und mag und kann, auf der einen Seite, und die rechigste Ergebung, die sanfteste Gelassenheit, und doch dabei sclbststandig und energisch, auf der andern Seite, hat sich im grellsten Co» traste vielleicht nie interessanter, pikanter, kürzer und schneidender berührt und dann abgestoßen, als in der merkwürdige», historisch richtigen, aber wenig bekannt gewordenen Sccne zwischen dem Kaiser Napoleon Bonapartc und dem Papste Pius VII. Bei dessen Anwesenheit zu Paris >804 zur Kaiser-Krönung, lag dem Kaiser Alles daran, den heiligen Vater für sich und seine Zwecke zu gewinnen, und er ließ kein Mittel der Güte, und kcins der in Aussicht gestellte» Strenge und Gewalt unversucht, um den festen, ruhig in sich abgeschlossenen Kirchcnfürstcn fügsam und nachgiebig zu machen. Mit dem, was Napoleon eigentlich wollte und bezweckte, rückte er endlich »ach vielen am- birendcn Umwegen gerade heraus, als er den zu einer geheimen Confcrenz eingeladenen Papst in seinem Audienz-Zimmer erwartete. Der Kaiser (so hat nachher sein, im angrenzenden Alkoven sich befindender, doch unbemerkter Kammerdiener als naher Augen- und Ohrcnzcugc erzählt) ging unruhig auf und ab, voll von dem, was er in sich trug und ausschütten wollte, stoßend, stechend und bohrend, wie er im Zustande der Aufregung zu thun pflegte, mit einem eisernen Instrumente in Tische und Stühle. Endlich, nach manchem vergeblichen Aussehen, trat der ehrwürdige heilige Vater ernst, ruhig und feierlich herein, und ehrerbietig bot ihm der Kaiser einen prachtvollen Sessel, dm er, wie ihm gebührend, einnahm. In vertraulicher, einschmeichelnder, süßer Rede trug jetzt der eben zum Kaiser gekrönte und gesalbte mächtige Mann, dem heiligen Vater seine Wünsche vor, bittend, rathcnd, den Sitz von Rom nach Paris zu verlegen, wo er dann in einem der Kaiserlichen Schlösser seinen heiligen Stuhl errichten möchte. Mit ihm gemeinschaftlich wolle er dann von der Weltstadt Paris aus die heilige, allgemeine, apostolische römisch-katholische Kirche des ganzen Wie milde und wohlthucnd ist dagegen das Licht, welches in dieser Beziehung die Person und das Schicksal Friedrich Wilhelms III. umleuchtct, und in dessen belebender Wärme wir Ihn Seiner Bollendung entgegen reifen sehen! Erdkreises regieren, seine Einkünfte verdoppeln, eine päpstliche, glänzende Leibwache ihm geben, und alle Herrschaft, Macht und Herrlichkeit mit ihm als nvnlrntnr theilcn. Der Papst Pius VII. hörte diese schwunghafte Rede mit allen ihren Verheißungen ruhig an und antwortete am Schlüsse derselben nur mit dem einzigen lakonischen, wiederholte» Worte „Eoinödiantv!" „Was!" rief, jähzornig aufspringend, der Kaiser wüthcnd aus: „Ich ein Eomödiant! Pfaffe, nun ist cS aus mit uns." Heftig und schnaubend auf- und abgehend, ergriff er ein auf dem Tische stehendes Kunstwerk in Mosaik, die Peters-Kirche in Rom vorstellend, und vor den ruhig sitzen gebliebenen Papst hintrctcnd, warf er es in Stücke zur Erde mit den donnernden Worten: „Sichcst du, so werde ich nun dich, deinen Stuhl, deine Kirche und dein Reich zerschmettern: der Tag des Zorns («lies irnej ist über dich ausgebrochen." Und der heilige Vater sprach in derselben feierlichen Haltung, klar und fest, wie das Erstemal, nun abermals nur das eine Wort „Tt'tigöviaiitr!" und verließ dann ruhig das Zimmer. Und Pius VII. sah den Untergang Napoleons, seiner Sache und Dynastie, und dieser war unvermögend, die festgcschlosscne Kette päpstlicher Hierarchie zu zerbrechen. Und Pius setzte in ruhiger Conscqucnz sein Werk fort, und starb hochbctagt in seinem Vatican. — Nur das Eine fehlte Napoleon zu seiner Erhaltung und Behauptung, zu seiner inner» und äußeren Vollendung: die Weisheit, Ruhe und Stärke achter — Resignation. 28 Wie überhaupt Sein ganzer Charakter auf Pietät ru- hcte, so lernte und übte Er die von ihr empfangene Resignation bis zu einer Tiefe und Höhe, wie wir sie auf dem Schauplätze der Geschichte in dem Leben großer Männer selten finden. Der heißeste Punkt und der Focus ihres läuternden Feuers liegt vorzüglich in den Jahren 1811 und 18IN Alle, die damals dem Könige (beschränkt aus Charlot- tcnburg und Potsdam, fast gefangen und von Argus-Augen bewacht und von Corsikanischer Arglist umgarnt,) nahe standen, wissen, was Er in dieser Zeit sich hat gefallen lassen müssen, was Er geduldet und ertragen hat. Persönlichen, fast an Insulten grenzenden Beleidigungen Französischer Marschälle ausgesetzt, war es darauf berechnet, Ihn zum Zorn zu reizen, und dadurch zum Ungehörigen hinzureißen, um einen förmlichen Bruch zur gänzlichen Vernichtung Preußens herbei zu führen. Aber Sein Heller Blick, Sein Gott vertrauender Sinn, durchschauete dieß Gewebe der Satanität, und eine höhere Kraft hielt Ihn aufrecht, so daß Er mit Weisheit jeder Versuchung auswich und stets in klarer Seelenruhe Seine Würde behauptete. Er verstand sich selbst, übersah die Verkettung der Verhältnisse, blieb besonnen, folgte actio und passiv dem Zuge Seines Schicksals, und in den dunkelsten Lcbensnächten gingen Ihm die ewigen Sterne der Hoffnung nicht unter. Die Roth mehrte sich, die Verwickelung wuchs, das Ungeheuere trat hervor, als der Kaiser Napoleon sich zum Kriege gegen Rußland, furchtbarer wie je, rüstete: die Regenten Deutschlands in Dresden, wie seine Vasallen, um sich sammelte, von ihnen Hülfstruppen verlangte, und auch der König genöthiget war, ihm, Seinem Todsemde, gegen den Freund und Bundesgenossen ein Armeecorps zu stellen. Bis zur Unnatur steigerte sich die stolze Zumuthung, und nachgebend der Gewalt der Umstände, wurde die Resignation des schwer geprüften Dulders bis zur äußersten Grenze geführt. Diejenigen, welche sich den König in dieser erschrecklichen Lage nur allein passiv, gezwungen und muthlos denken, haben Ihn nicht gekannt und verstanden. Seine hohe, edle sittliche Natur blieb auch hier frei, ruhig und heiter, und entwickelte eben in dieser Zeit eine moralische Kraft, die vielleicht am Meisten zu Seiner inneren Erstarkung und Befestigung beigetragen hat. Anführen darf ich ohne Verletzung der Bescheidenheit ein geschichtliches Factum, zum Beweise des hier Gesagten, wenngleich unbedeutend, doch charakteristisch. — In dieser drang- und schmachvollen Zeit hatte ich in Seiner Gegenwart über die köstliche biblische Stelle: „Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet: denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen, welche Gott verheißen hat denen, die ihn lieb haben" — geprediget, damals nicht ahnend, daß dieses Wort Sein Leichen-Text einst sein würde. In dieser Rede kam folgende Stelle vor: „Fromme Ergebung ist nicht Schwäche und Klein- muth: sie ist die gereiste Frucht eines ernsten, tiefen, und richtigen Nachdenkens; sie ist die klare Auffassung unserer eigenthümlichen Stellung; sie ist die treffende Würdigung unseres Verhältnisses gegen Gott, die Welt und die Gewalt der Umstände. Sie kehrt nur in das Herz ein, das den 28' Sinn für das Höhere und Bessere in sich bewahrt; sie ist die Belohnung eines frommen und reinen Gemüthes. Das Höchste und Beste, was der Mensch erringen kann, die oberste Stufe religiöser Ausbildung, die er zu ersteigen vermag, liegt in der männlichen Selbstvcrläugnung seines eigenen Willens, in dem muthigen Verzichtleisten auf seine eigenen, liebste» Wünsche, so daß der Wille Gottes überall sein Wille und Gottes Wege nun seine, gern betretenen Wege werden." „So ist es, so soll es sein, so muß es auch mit uns werden, dahin auch mit uns kommen. Nicht schwächen, sondern unsere edelsten Kräfte stärken; nicht abspannen, sondern mit festem Muthc erfüllen: nicht gleichgültig und verdrossen machen, sondern zur pflichtmäßigen Thätigkeit an spornen; nicht in finstere Schwermut!) versenken, sondern zum entschlossenen Kampfe rüsten, soll das Ungemach der Erde, wie ungeheuer es uns auch entgegentreten und auf uns einstürmen mag. Das Unglück setzt uns auf die Probe, und in ihm zeigt und bewährt sich die wahre Größe und Stärke einer männlichen Seele. Im Schöße des Glückes, umgeben von den Begünstigungen desselben, ist unser in nerer Werth noch zweideutig und unentschieden: so Manches kommt da auf Rechnung unserer Einsicht und unseres Charakters, was doch oft nur Folge und Geschenk glücklicher Umstände ist. Groß, wahrhast groß wollen wir auch den Vielvcrmögenden, Mächtigen, Alles Durchsetzenden nur dann erst nennen, wenn er die Probe des Unglücks bestanden und auch in ihm sich groß und würdig erwiesen hat. Das Ende krönt das Werk. Die Feuerprobe der Leiden ist es, wo unser innerer Gehalt, und was wir wirklich sind, erst unverdächtig sichtbar wird." 43? „Suchen wir sie aus, alle ausgezeichneten und vorzüglichen Menschen, deren Namen als Lichtpunkte in der Geschichte glänzen, und denen, oft verkannt von der Mitwelt, die recht richtende Nachwelt Gerechtigkeit widerfahren ließ, — aus der Schule der Noch und schwerer Prüfungen sind sie hervorgegangen; im entschlossenen Kampfe mit den räthsclhasten Widerwärtigkeiten des Lebens errangen sie die Kraft und Stärke, die stille Größe der Seele, die ihnen unsere Verehrung und Liebe sichert. In den Stürmen eines harten und unverdienten Unglücks schlug ihr Lebensbaum tiefere Wurzeln, hob sich muthiger und höher ihr innerer Sinn; in stets sich erneuerndem Kampfe mit Allem, was die Erde Bitteres und die Erfahrung Schmerzhaftes hat, läuterten sie, wie das Gold im Feuer, ihre Tugend, und begründeten in sich die unerschütterliche Charakterstärke, die entschlossene Standhastig- keit, den reinen Edelmuth, die siegende Heldenkrast, worin sie späterhin, wenn sie bewährt erfunden, ein Segen der Menschheit, die Wohlthäter ihrer Zeit, die Beglücker von Millionen und, ein anerkanntes Muster, in der Geschichte unsterblich wurden. Ja, selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet; denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens, oft schon hier, empfangen." Nach beendigtem Gottesdienste ließ mich der König rufen, bezeigte mir Seine Zufriedenheit mit der gehaltenen Rede, verlangte die Abschrift derselben, und die aus ihr hier citirte Stelle mußte ich Ihm noch einmal vorlesen. Zwar sprach Er von den damaligen politischen Zeitumständen nicht, wo- ' rin Er überhaupt immer an sich haltend war, aber Er redete vortrefflich über die belebende, stärkende, calmircnde *) ") Einer Seiner Lieblings-Ausdrücke. Kraft der christlichen Resignation, und schloß dann mit den Worten: „Wie es nun auch kommen mag, dabei werde ich mich am Besten befinden, und für Andere das Meiste gewinnen: ruhig vertraue ich Dem, der die Zukunft in seiner Hand hat und sie entwirren wird." Statt daß also bittere, schmerzvolle Erfahrungen sehr häusig und vielleicht am Meisten die Hohen und Mächtigen der Erde erbittern, verhärten, aufreizen, und, je nachdem nun das Temperament ist, bald entmuthigen, bald verwegen und trotzig machen, bearbeiteten sie die sittliche Natur des Königs, reinigten, stärkten, veredelten sie in der christ lichen Resignation, der Er sich willig hingab und in der Er fest stand. Nun sehen wir Ihn werden, was Er geworden ist. und die Stadien Seiner EntWickelung liegen in ihren Ur fachen und Wirkungen klar vor uns. Gebeugt von der lln treue und dem Wortbruche der Menschen, die Er geliebt, geehrt und an sich gezogen, sieht Er von nun an in Kei nein mehr eine feste Stutze: prüft, fast mißtrauisch, mit gro ßcr Vorsicht: und hat und kennet keinen Liebling, keine Günstlinge mehr, und steht damit nun als Herrscher auch innerlich über Seinen Dienern fest und selbstständig. Schmerzvoll belehrt, daß nicht an Geburt, Stand und Rang, auch immer der geistige innere Werth des Menschen geknüpft ist, vielmehr von Hochgestellten und Vornehmen am Bittersten getäuscht und gekränkt, fällt die Decke 439 der Borurthcile mit ihrem schimmernden Flitterwerke äußerer Unterschiede nun von Seinen Augen und Sein klar gewordener Blick stehet von nun an in den Menschen nur den Menschen in jeder Form und Hülle. Bon der Intelligenz, ihren, Raisonuement, ihrer So- phistik und Kasuistik, vielsach berückt und hintergangen, stehet und findet Er von nun an den Werth und die Brauchbarkeit des Menschen nicht in seinem Kopfe und dessen Ausklärung allein, sondern mehr in seinem Charakter: und darnach prüft, wählt und entscheidet Er. Verwundet von zahllosen, schneidenden Disharmonicen, hat Er den reinen Tact für wahren Mcnschenwerth sich angeeignet, und fühlet und findet ihn auch in dem Gewände der Armuth und Niedrigkeit. Das Unglück hat Ihn populär gemacht, im edelsten Sinne. Bon der Engherzigkeit, Schwäche und Sündhaftigkeit des Kasten- und Partheigeistcs in Noch und Elend gebracht, erblickt Er nun in der Totalität und Eintracht aller Kräfte die wahre Kraft des Volkes: gicbt jedem Stande in seinen Grenzen eine freie Bewegung, und zerreißt die Bande aller begünstigenden Privilegien. Auf die treue Brust des tapferen Landwehrmannes, eines nachherigen Tagelöhners, heftet Er den Stern des eisernen Kreuzes, wie auf die treue Brust des tapscrn Generals, und Beide sind Ihm gleich lieb und werth. Den Bürgern giebt Er die Freiheit und Macht der Städte-Ordnung: die Landlcute erlöset Er vom Joche der Leibeigenschaft und nimmt die sklavische Abhängigkeit gutshcrrlicher Willkühr von ihnen. Fortan giebt's in Preußen nur Freie. Durch Erfahrung belehrt, daß des Lebens bitterste Prüfungen und schwerste Kränkungen doch Momente der Aufheiterung und seliger innerer Erguickung mit sich führen: daß die körperliche Natur mit Wenigem zufrieden ist, und dabei froh sein kann, bleibt Er mit Seiner Familie mäßig und einfach und duldet keine Vergeudung. Die Quelle der Zufriedenheit fließt in Seinem Herzen. Er liebt die Kunst: aber nie entfernt sie Ihn von der Natur. Gedrückt von der schweren Last zu zahlender Kriegs- Contributioncn und Schulden, ehrt und hält Er geschlossene Verträge, und zahlt und trägt ab ehrlich, bis auf den letzten Heller. Sein geregelter, fester, einfacher Haushalt wird das Vorbild und der Typus des ganzen Staats-Haushaltes, und durch Ordnung und Sparsamkeit stellt Er den Staats-Credit wieder her, wird Jedem gerecht, erfüllet jede Verbindlichkeit, giebt Jedem das Seinige, und rein, wie Sein Herz, bleibt Seine Hand. In schmerzvoller Entbehrung und von Schulden gedrückt, hat Er den Werth und die llnentbehrlichkeit des Geldes kennen gelernt, und zur Sparsamkeit geneigt, giebt Er, sobald Er wieder kann, mit vollen Händen nach allen Rich- Von unerschwinglichen Forderungen gepreßt, von unbezahlbaren Schulden gedrückt, für sich mit Seiner Familie auf das Nothdürftigste beschränkt, weiset Er doch den Antrag, den Staats-Banquerot zu erklären, mit Verachtung und den Worten zurück: „Auch im Unglück nie ehrlos!" Er schickt Sein goldenes Tafel-Service in die Münze und will an Seinem Tische nicht eher Champagner sehen, bis alle Seine Unterthanen wieder wenigstens Bier haben. 44l tungm hin. Er errichtet und dotirt Universitäten, bauet Museen, Kirchen, Schulen, Chausseen durch's ganze Land, und sendet reiche Hülfe bei allen Calamitätcn; befördert Künste und Wissenschaften, kennet keine nepotischcn Begünstigungen, berufet ausländische berühmte Gelehrten, gicbt reiche Besoldungen; und dessen, was Er aus Seiner Privat-Chatoulle täglich im Stillen spendet, ist mehr, als Er für sich und Sein Haus braucht und bedarf. Tief und schmerzlich gekränkt durch den Jammer, in den Reihen Seiner Gegner auch deutsche Völker, Sachsen, Braunschwciger, Hessen, Bayern, Würtcmbcrgcr, Badencr u. s. w. gehabt zu haben, fühlt Er — (eine wahre, reine, aufrichtige, Deutsche Natur) — die Schmach Deutschlands und seiner Zerrissenheit. Seine Seele ist voll des Wunsches, „das Deutsche Vatexland wie in Einer Zunge, so im gemeinschaftlichen Interesse, zur Einheit zu verknüpfen," und — Er stiftet (zum Nachtheil Seiner Finanzen) den Deutschen Zollverein, als ein wahres, kräftiges Bindungs- und Beförderungsmittel der mcrcantilischen Wohlfahrt und politischen Größe des gemeinschaftlichen Vaterlandes. In der Nacht der Trübsale, nur allein von Seinem christlichen Glauben gehalten, getragen, getröstet und crmu- thiget, liegt das Wohl der Kirche, zu welcher Er sich bekennt, Ihm warin am Herzen, und Er stiftet die evangelische Union, verknüpft durch eine gemeinschaftliche altkirchlichc biblische Agende. Den geistlichen Stand — dankbar Seinen Lehrern, den Bischöfen Sack und Borowsky — zeichnet Er aus und unterstützt die Wittwcn der Kirchendiener mehr, als je vorher geschehen. Ties gedcmüthigct von der heimsuchenden Hund Gottes, erhebt Er sich zu der Kraft und Höhe wahrer ungeschminkter Demuth, die Alles der freien Gnade Gottes ver dankt, und Alles nur allein durch sie und in ihr ist, sein und leisten will. Ihrer würdig zu bleiben, ist die Kraft Seines Wirkens und der erste und letzte Wunsch Seines aufrichtig frommen Herzens. Ein christlicher König zu sein, und bis an's Ende zu bleiben, war das höchste Ziel Seines Strebens, — und Er hat es errungen. „Wen Gott zu großen Dingen auserschen, den führet er zuvor durch Kreuz und Leid;" so sehen wir aus denselben Friedrich Wilhelm III. hervorgehen, angethan mit einer innern Kraft und Stärke, mit einer Milde und Liebe, wie Er sie nur allein auf diesem Wege, in solcher LebenSschule, erlangen konnte. Was Er geworden, ist Er durch die ac- tive und passive Krast einer acht christlichen Resignation geworden; ihre göttliche Natur ist in Seinem Charakter rein und vollständig ausgeprägt, so, wie es in unserer Zeit unter regierenden Herren weiterhin kein dem ähnliches Beispiel giebt. Diese Resignation, in der man eine Reihe von Jahren den Ausdruck der Anstrengung und oft der Wehmuth wahr nahm, wurde eine siegende freie, in sich abgeschlossene, ruhige, fertige, nachdem Er Sein Testament gemacht und depo nirt hatte. Mit demselben betrat Er einen höheren gewcih ten Standpunkt, von dessen Höhe herab Er nun die Welt und Seine Stellung in ihr in einem anderen Lichte erblickte. Sein ganzes Leben, wie als wenn es schon geschlossen wäre, saßt Er in eine Hauptsumme zusammen und giebt ihm die 443 Inschrift, die Er einst in Königsberg auf dem Gottesacker als für Ihn passend gefunden: Meine Zeit mit Unruhe; Meine Hoffnung in Gott. Das ist Ihm das Resultat eines langen, großartigen Lebens in den Aufgaben, die es Ihm gestellt; aber auch in den Kräften, womit es Ihn getragen hat. Kcinesweges lebensmüde und das Ende herbeisehnend, vielmehr kräftig, gesund und froh, noch 12 Jahre von Seinem Todestage entfernt, saßt Er ihn doch, als wenn er ganz in der Nahe wäre, ernst und ruhig in's Auge, und thut und vollbringt nun, was er gebietet; und nachdem Er es gcthan und vollbracht, im Geiste schon Abschied genommen hat, flehet Er nun mit diesem Blick und Herzen Alles an. Was Er geschrieben und als Seinen letzten Willen niedergelegt hat, wissen die Seinigcn nicht, sie haben davon keine Ahnung; aber Er trägt es still in Seiner Brust, und nun schlägt das treue Herz in ihr um so inniger Allen, die Er liebt, entgegen. Das Staatsrudcr liegt noch in Seiner festen, erfahrenen, sichern Hand; Er bleibt fortwährend in Thätigkcit, Er hat die hohe, glänzende Stufe eines Seniors unter den Regenten Europas erstiegen; Sein Ansehen, Seine imponirende Ruhe erhält der Welt den Frieden; noch stehet Er im Mittelpunkt der öffentlichen Angelegenheiten, Sein Wille, Sein Verhalten entscheiden, und doch flehet Sein Auge das Regiment schon in den Händen Seines hohen Sohnes: aber Er ist voll Ruhe und Hoffnung, Er konnte das vollwichtige Wort in hoher, väterlicher Freude schreiben: „Deine Grundsätze und Gesinnungen, lieber Sohn! sind mir Bürge, daß Du ein Vater Deiner Untcrthancn sein wirst." So hatte Er sich losgemacht von irdischen Banden und einen freien Sinn errungen, den nichts mehr beengen kann. Wie ein Unsterblicher wandelt Er fortan unter den Sterblichen; Er besitzt noch, aber, als besäße Er nicht. Er hat noch, aber, als hätte Er nicht. Er freuet sich noch, aber, als freuetc Er sich nicht. Das Bild und der Charakter des Christen tritt immer herrlicher in Ihm hervor. Mit dieser hohen Resignation stand Friedrich Wilhelm III. in den letzten Jahren Seines Lebens über demselben. Die Stürme und Wolken, die Sein Schicksal lange umschlossen, hatten sich längst gelegt und zu Seinen Füßen gesenkt. Auf der Höhe desselben stand Er in heiterer Ruhe; hinter sich ein Leben voll Arbeit und Mühe; um sich ein reiches Erntefeld; vor sich die nahe Ewigkeit mit ihren Verheißungen. Er selbst war nun größer, als Sein Werk, und fertig mit demselben, reif für eine höhere Ordnung der Dinge. „Und als 1840 der Tag der Pfingsten erfüllet war, standen alle, alle Seine Kinder cinmüthig bei einander" an Seinem vom Frieden Gottes umwehe- ten Sterbebette, und sanst und selig entschlief Er unter ihren Thronen und Gebeten. Durch das ganze Land aber, von der einen Grenze bis zur anderen, haltete wie Abcndgcläutc das große Wort: „Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet; denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens cmpsahcn." 445 Vierter Abschnitt. Das Lebe» des Königs in Seinen (Härten. Im Sommer lebte der König gern in Seinen Gärten und bewegte sich viel im Freien. Aber auch hier folgte Er dem Grundzuge Seines Gemüthes und suchte dos Einfachste aus. Wenn Er den Mittag auf der obersten Terrasse in Sans-souci gespciset hatte, hielt Er sich am Morgen, Abend und des Nachts in dem großen einsamen, stillen neuen Palais auf, welches Prachtgebäude Friedrich der Große unmittelbar nach beendigtem siebenjährigen Kriege hat bauen lassen, seinen besiegten Feinden zn zeigen, wie wenig seine Mittel und Kräfte erschöpft waren. Dieses Riesenschloß hat viele Millionen gekostet und ist reich an großen prächtigen Gemächern, angefüllt mit den mannigfaltigsten Kunst- schätzcn. Aber wenn Friedrich Wilhelm III. hier wohnte, wählte Er die entlegensten, stillsten und einfachsten Stuben, und in den daran grenzenden schattigen Lindenalleen sah man Ihn in den Nachmittagsstunden allein, ohne alle Begleitung, in einem Buche lesend, langsam auf- und abgehen. Dabei beobachtet zu werden, war Ihm unangenehm: und doch blieben die Königlichen Gärten auch bei Seiner Gegenwart dem gcsammten Publicum stets geöffnet. Unter Friedrich II. und Friedrich Wilhelm II. waren, wenn sie sich daselbst aufhielten, alle Zugänge und Thurm mit Wachen besetzt. Den neuen Garten, wiewohl am See romantisch gelegen und reich an den schönsten malerischen Banmgruppen, Diese Vergnügungsorte wurden von anständigen Gä sten zahlreich besucht, und wohl verlebte man hier heitere Sommcrabende. Ost schickte der König die Garde-Hand Hoisten hin, um das Vergnügen zu erhöhen, und man sah es Ihm an, daß der Naturgcnuß seiner lieben Potsdam schcn Bürger Ihm Freude machte, wenn Er, sreundlich grü ßend, und mit Diesem und Jenem sprechend, durch- und vorüberging. Waren die hohe, herrliche Königinn und die lieblichen Königlichen Kinder dabei gegenwärtig, so entzückte Ihre Anmuth, lind Jeder kehrte befriedigt am späten Abend nach der nahe gelegenen Stadt zurück. — Vor allen Königlichen Landhäusern und Gärten liebte aber der König Paretz und die Pfaucninsel am Meisten, und in dieser Vorliebe spiegelt sich charakteristisch wieder Seine cigenthümliche Gcmüthsstimmung ab. Etwas Ausgezeich netcs und Vorzügliches hat das ^ Meilen von Potsdam an den Wiesen der Havel gelegene Dorf Paretz gar nicht, vielmehr gicbt es schönere Dörfer im fruchtbaren Havellande. Aber die Gegend ringsum hat einen milden,' ländlichen, idyllischen Charakter, und macht auf den, der Ruhe, Stille und liebte der König nicht und im Marmorpalais hat Er nie eine Nacht zugebracht. Bei Anwesenheit des Kaisers von Rußland ließ Er aber den schönen Orangcriesaal für Diner's und Conccrte öffnen: und da das Publicum den neuen Garten, besonders zur Zeit der Fliederblüthc, liebt und gern besucht, so gestattete Er einem pcnsionirten Laquai, in einem bequemen, am See romantisch gelegenen Hause Kaffee und Bier zu schenken, wie dem Ockonomcn auf der Meierei, Milch zu reichen. 447 Einsamkeit sucht und liebt, einen sanften, wohlthuenden Eindruck. Das Auge ruhet gern auf diesen von Heerden belebten, grünen Flächen und es wehet daher der sanfte Hauch friedlicher Abgeschiedenheit. Es wird ruhig in der Brust und man möchte gern länger dableiben. Das Dorf selbst ist heiter, hat wohlerhaltcne Bauernhäuser und in seiner Mitte eine höher gelegene Kirche, wohin angenehme, mit Bäumen bepflanzte Wege führen. Die Bauern-Familien, die hier wohnen, sind durch die Güte des Königs wohlhabend, man sieht's ihnen an, daß es ihnen wohlgehet, und ihre Kinder, in einer guten Schule unterrichtet, bewegen sich gesittet, gesund und fröhlich umher. Das Königliche Amtshaus, von einem Amtsrathe bewohnt, verkündiget Wohlhaben heit und gicbt das angenehme, volle, lebendige Bild einer gesegneten Landwirthschaft. Auf einem der schönsten Punkte, der Kirche gegenüber, liegt das Königliche Schloß, einfach und schmucklos, wie viele Edellcute und Gutsbesitzer es reicher, besser und geräumiger haben: doch fehlt nichts, was Bequemlichkeit und Behaglichkeit sich wünschen mag. Ein heiterer Garten- und Speisesaal steht auf dem Hofe in der Nähe der Gewächshäuser und das Ganze umzieht, in verschlungenen, schattigen Wegen, in Aus- und Fernsichten und kräftigen Baumgrup- pcn, ein schön angelegter und gut erhaltener Park. Namentlich ist eine stille Grotte in der Nähe einer Brücke, und mit dem Anblick der nahen Wiesen und ihren still einher- schreitenden Störchen bildet sie eine vertrauliche Ruhestätte, in der man gern über Vergangenheit nachdenken lind träumend an ihrem Bilde hangen mag. Die Singvögel der Umgegend, beschützt und genährt vom Hofgärtncr, wählen Seine ruhigsten, glücklichstm Stunden Hut der König hier verlebt. Wenn Er allein sein wollte, so weit ein König es sein kann: wenn Er für ernste, wichtige Gegenstände die ungestörte Ruhe des ernsten Nachdenkens und Durch- dcnkens bedurfte, — in Paretz suchte und fand Er sie. Von dem stillen, friedlichen Dörfchen Paretz sind viele wichtigen und einflußreichen Landesherrlichen Verfügungen ausgegangen, erlassen und datirt. Hier wurde die schwere Bürde Seiner Königlichen Krone leichter, und der Zwang Seiner vielfachen Verhältnisse weniger fühlbar. Hier war Er geschützt vor lästigem Anlauf, und heiterer und leichter gingen die Tage und Wochen, die Er hier in jedem Sommer verlebte, an Ihm vorüber? hier senkten sich tiefer und fester in Seine Brust die Lebens-Ansichten und Grundsätze, die den inncrn Frieden bewahren. Die Einwohner des stillen, friedlichen Dorfes wurden des Segens Seiner Gegenwart froh und wenn ein Familienvater bei betroffenem Unglück der Hülfe bedurste, schnell und reichlich wurde sie ihm von der immer offenen Königlichen Hand gewährt. Am Abend pflegte der König aus und ab zu gehen im Dorfe und an den still ländlichen Sce- ncn der beim Sonnen-Untergange heimkehrenden Hccrden hatte Sein patriarchalischer Sinn inniges reines Vergnügen. Mit fröhlicher Gutmüthigkeit näherten sich dann Ihm die spielenden Kinder, denen es eine freundlich gestattete Gewohnheit geworden war, bei der Anwesenheit des Königs jeden Mittag vor dem Garten- und Speisesaal sich zu ver- gcrn diesen stillen Park zu ihrem freien, frohen Ausenthalt. Hier wird dem Herzen wohl und hier athmet es leichter. 449 sammeln und den Ucberrest der Kuchen und Früchte von der Königlichen Tafel zu empfangen. Diese kleinen willkommenen Geschenke reichten ihnen der König und die Königinn und die Königlichen Kinder gewöhnlich selbst, und Freude jauchzend eilten sie damit z» ihren Eltern. Einst fragte' der König einen hübschen Baucrknaben mit frischem, offenen Angesicht: ob er schon mal Ananas gegessen hätte? Auf die verneinende Antwort reichte ihm der König eine Scheibe, mit den Worten: „Nun iß, mit Bedacht." Man will behaupten, die Ananas schmecke wie mehrere Früchte zusammen und habe einen Beigeschmack von fast allen Obstsorten. „Sage mir, was schmeckst du heraus?" Und der Knabe, vergnügt essend, antwortete, das ihm Beste und Dclicateste nennend: „Herr König, sie schmeckt mir wie Wurst." Alles lachte laut auf; der König aber, milde lächelnd, wie Er pflegte, bemerkte: „So trägt Jeder seinen ei- genthümlichen Maßstab, nachdem er denkt und fühlt und ur- theilt, persönlich in sich, und Jeder glaubt daran Recht zu haben. Der Eine schmeckt in der Ananas die Melone, ein Anderer die Birne, ein Dritter die Pflaume: der Knabe da findet darin, in seinem Gefühlskreise, sein Lieblingsgericht, die Wurst:" und zurücktretend in den Speisesaal und vor ein Fenster von vielfarbigem Glase sich hinstellend, fuhr Er treffend fort: „Wer die Gegenstände draußen durch diese violett-farbige Scheibe anschauet, hält Alles, was er sieht, für violett gestaltet: so der Andere, der durch ein grünes Glas schauet, Alles für grün; und wieder ein Dritter für gelb, und so weiter. Jeder behauptet, Recht zu haben: und doch haben Alle Unrecht und des Widcrsprechens und Disputircns ist kein Ende. So geht's (mich gutmüthig, jedoch mit ei- nem satyrischen Lächeln ansehend, —) den Herren Theolo- gen, wenn sie nur sich, das Snbject, und nicht das Object, die göttliche Offenbarung, anerkennen und ehren. Jeder hat dann sein Glas." In der Nähe von Paretz hatte der König auf einem schönen Punkte ein Belvedere erbauen lassen, von wo aus man die ganze Umgegend überschauet. Der Blick nach den entfernten Hügeln, Kirchdörfern, einzelnen Bauerhäuscrn, Wiesen und Baumgruppen, ist ungemein lieblich und erheiternd und stimmt das Gcmüth zum stillen Frieden. Hier ruhete der König gern aus: Er ging aber nach dem Tode der Königinn gewöhnlich allein hin, ohne Begleitung. Die Grund-Stimmung Seines Gemüthes war eine con templative, und wenn Er dieser nachhängen wollte, war Er auch immer gern einsam, ohne Zeugen: ja Er entfernte Al lcs von sich, was Ihn hätte stören und in Seinen Betrachtungen unterbrechen können. In dieser Beziehung waren Ihm die alten hohen, schattenreichen Buchen- und Eichen- Alleen im Parke Friedrich des Großen lieb und wcrth. An einem schönen milden Svmmerabcnd im Jahre hatte ich meinen Spaziergang nach dem Jedem offenstehenden Sans-souci genommen. In der Nähe des Japanischen Hauses ging langsam, mit in einander verschränkten Armen, der König auf und ab und stand oft, wie in Gedanken vertieft, stille. Dicß bemerkend und diese Seine Stimmung kennend und ehrend, wollte ich ausweichen, um Ihn nicht zu Hören. Aber Er hatte mich schon gesehen. Ich stand also ehrerbietig stille und Er ging, leicht die Hand zur 431 Feldmütze hebend, ernst und trübe aussehend, an mir vorüber. Bald darauf kehrte Er aber wieder um, redete mich freundlich an, und forderte mich auf, mit Ihm zu gehen. „Sind wohl gern in Sans-souci?" fragte Er. „Ja," antwortete ich, „dieser alte Barden-Hain ist mir in der Umgegend von Potsdam der interessanteste Ort, zu dem ich mich am Meisten hingezogen fühle. Er ist der ernste, ansprechende Schauplatz großer Erinnerungen." „Gicbt," siel der König ein, „allerdings viel zudenken und zu vergleichen!" „In den trüben Jahren 1807 — 8 und 1899," — fuhr ich fort, „bin ich oft mit betrübtem Herzen hier auf- und abgegangen, und tröstete mich mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Gott hat sie segensreich über uns herausgeführt, und nun wandelt sich» froher in Sans-fouci." „Haben Sie," fragte der König, „Friedrich II. gekannt?" „Ich erinnere mich, den großen Herrn in meiner frühen Kindheit gesehen zu haben, und von daher ist mir sein Flammen-Auge unvergeßlich geblieben. Bei seiner Anwesenheit zu Hamm sollte mein seliger Vater, ein sonst fester, entschlossener Mann, im Namen der Geistlichkeit ihn anreden; aber getroffen von seinem gewaltigen Blick, verlor er die Fassung." Der König lächelte und setzte hinzu: „Ja, sein Auge war seines Geistes Spiegel, und dieser Geist war voll Licht und Tiefe. Er" eilte seinem Zeitalter voraus, stand über demselben, und Vieles, was er gedacht, geschrieben und hinterlassen, trägt jetzt erst seine Früchte." „Wenn man," bemerkte ich, „seine Schriften liest, namentlich die, wo von Menschen-Rechten die Rede ist, dann will es scheinen, als ob seine Grundsätze milder und umfassender gewesen wären, als seine Praxis, in der sich doch oft viel Härte, Willkühr und Gewalt herausstellt." Der 29" König sah mich mit einem sirirenden ernsten Blick an, — nahm dann das Wart und sprach: „Was Sie da sagen, habe ich ost gehört und gelesen: ist aber irrig, so sehr es auch äußerlich den Schein der Wahrheit haben mag. Man muß nur die große Verschiedenheit der Zeit bedenken, damals und jetzt, und darf in der Bcurtheilung nicht denselben Maßstab anlegen. Was damals in der Individualität des großen Mannes ihm und der Ordnung gemäß war, würde freilich jetzt unpassend sein und nicht mehr gehen. Andere Zeiten, andere Sitten! Damals war Alles compacter, derber, dreister: wir sind artiger, feiner, geschmeidiger geworden, ob im Grunde besser, ohne Falschheit und Gleißne- rei, will ich nicht untersuchen; — und wer und wo ist der Mensch, der es sich herausnehmen dürste, dicß richtig abzu wägen? Wie jeder Mensch, so hat auch jede Zeit, in seltsamer Mischung, Gutes und Böses, Licht und Schatten, oft diesen, um jenes zu heben. Die miserable Schmeichelei elender, hündischer Speichellecker, die in Friedrich II. nur Vollkomm- ncs und keine Schwächen sehen, ist mir in der Seele zuwi der, so wie denn alles unbegrenzte Loben und Preisen immer eine geistige Leerheit und Flachheit bezeichnet. Die Jugend, die noch wenig gesehen und erlebt hat, mag sich wundern und bewundern, weil alles Ungewöhnliche ihr als ein Wunder erscheint: dem ernsten, gesetzten Manne,, der Geschichte stu- dirt und den Erfahrung gereist hat, geziemt Mäßigung und Maßhalten. Jede Schmeichelei macht mir ihren Sprecher von vorne herein verdächtig. Es fehlt da immer entweder an Klarheit der Erkenntniß, oder an Reinheit des Herzens, oft an beiden." Indem der König, stille stehend, dieß sagte, trat Er, wie -138 Er zu thun pflegte, wenn Er lebhaft wurde, stark mit dem rechten Fuße auf, und fuhr weitergehend fort: „Allerdings klebten Friedrich Schwächen und Gebrechen an, ja man kann das oft gehörte Wort: Wo viel Licht, ist auch viel Schatten! auf ihn anwenden; denn er war und blieb Mensch. Aber diejenigen, welche ihm eine natürliche Neigung zur Härte und Despotie beilegen, wie Sie vorher bemerkten, haben ihn am Wenigsten begriffen. Vielmehr war reines menschliches Wohlwollen, lebendiges, kräftiges Mitgefühl, oft bis zur Rührung, die ursprüngliche natürliche Stimmung seines Gcmü- theS. Er trug diese so tief in sich, fand in ihr so ganz sein Element, daß er unaufhörlich darauf bedacht war, sie in sich zu befestigen, zu nälyren und zu stärken. Daher fein reger Sinn für Freundschaft, seine Liebe und Zärtlichkeit für seine Freunde, und, des großen Abstandes der Verhältnisse ungeachtet, seine Treue und .Beständigkeit: daher seine Liebe zur Musik und ihre sausten Eindrücke, — auf seiner Flöte gelangen ihm die Adagio s bekanntlich am Besten; — daher seine entschiedene Neigung für die Wissenschaften, sowohl in den Tiefen der abstrakten Philosophie, als aus den heiteren Höhen der Poesie: daher seine Liebe für Thiene, freilich auch die Hunde: daher seine Sympathie mit der Einsamkeit und für die ewig neue Natur. Dieser Garten hier, wie ernst, wie würdevoll, und doch auch zugleich wie stille, wie vertraulich, wie ansprechend! O! wie oft ist er hier, auch in heiteren ruhigen Nächten, erfüllt mit den edelsten Empfindungen, aus- und abgegangen. Wer so denkt, fühlt, wählt, genießt, und darin sich gleich bleibt: der kennet die Härte der Misanthro- pie nicht." „Aber er ist in seiner Jugend maltraitirt; intimidiren ließ er sich nicht, dagegen schützte ihn seine kräftige, eminente Natur. Aber man machte ihn damit mißtrauisch, und dicß Mißtrauen, genährt durch die Ränke, Jntrigucn und Caba- lcn, von denen er am Hofe seines jähzornigen Vaters ihn, sich selbst, seine Mutter, Geschwister und Umgebungen um spönnen sah, wurde nun permanent und ein hervorstehender Zug seines festen Charakters. Von solcher trüben Seite hatte er die höheren und höchsten Stände ganz in der Nähe und täglicher Anschauung kennen gelernt, und daher sein oft an Härte grenzender Widerwille gegen sie, in welchem er in die bittersten Sarkasmcn sich ergoß. Gewiß nicht aus Neigung, sondern aus Princip, war er strenge, oft hart, weil er der Meinung war, daß Furcht in den meisten Fällen, namentlich in den höheren Klassen, mehr ausrichte, als Liebe. Diese, und besonders die Beamten, hielt er darum in steter Spaninnig und Furcht; er sah sie mit mißtrauischen Augen an, und züchtigte jede begangene Ungerechtigkeit unerbittlich. Dagegen war er mit zuvorkommendem Vertrauen dem gemeinen Manne, dem Bürger und den Landleuten, vor Allen seinen braven Soldaten, zugcthan, und die treue An hänglichkeit seines Volkes- war sein größter Schatz. Mit einem Worte: an diesem Herrn war Alles großartig, Alles Ausfluß seiner festen Grundsätze." Der König, in einer sanften Aufregung, sprach lebhast und rasch, und wie immer, wenn Er erst im Zuge war, an haltend, lange; das Abgebrochene in Seiner sonst gewöhnlichen Redeweise hörte dann auf, und wenngleich schmucklos bleibend, wurde Er doch beredt. Aber nun hörte Er auf, lehnte sich an eine Buche, sah sinnend vor sich hin, und sprach leise: „Ja ein wahrhast großer Mann! Eben auf dieser Stelle hier, auf dieser Bank war es, wo ich ihn zum Letztenmal sah und sprach. Mich beglückte sein Wohlwollen, das in Zärtlichkeit überging. Er pruste mich in den wissenschaftlichen Gegenständen, in welchen ich damals unterrichtet wurde, namentlich in der Geschichte und Mathematik. Ich mußte in Französischer Sprache mit ihm reden; dann zog er aus der Tasche Lafontaines Fabeln, von denen ich eine übersetzte. Zufällig war es gerade eine solche, die ich beim Informator eingeübt hatte und die mir geläufig war. Dieß sagte ich, als er meine Fertigkeit lobte. Sein ernstes Angesicht erheiterte sich, er streichelte mir sanst die Wangen und setzte hinzu: So ist's recht, lieber Fritz; nur immer ehrlich und ausrichtig! Wolle nie scheinen, was du nicht bist; sei stets mehr, als du scheinst." Diese Ermahnung hat auf mich einen unauslöschlichen Eindruck gemacht und Ner- stellung und Lüge sind mir von Kindesbeinen an zuwider gewesen und geblieben." ,,Vorzüglich ermunterte er mich zur Fertigkeit in der Französischen Sprache; sie sei die diplomatische in der ganzen Welt, und wegen ihrer Flexibilität auch dazu vorzüglich geeignet. Wirklich spreche ich sie auch, weil sie biegsamer ist, fertiger, als die Deutsche; doch ist diese mir lieber. Als mich Friedrich entließ, sprach er: „Nun Fritz, werde was Tüchtiges iinr Lxeellvnee. Es wartet Großes auf dich. Ich bin am Ende meiner Earricrc und mein Tagewerk ist bald absolvirt. Ich fürchte, nach meinem Tode wird's IVIAIo gehen. Ucberall liegen Gährungsstoffe, und leider nähren sie die regierenden Herren, vorzüglich in Frankreich, statt zu calmiren und erstirpiren. Die Massen fangen schon an, von unten auf zu drängen, und wenn dieß zum Ausbruche kommt, ist der Teufel los. Ich fürchte, du wirst mal einen schweren, bösen Stand haben. Habilitire, rüste dich: sei firm: denke an mich. Wache über unsere Ehre und unfern Ruhm. Begehe keine Ungerechtigkeit; dulde aber auch keine." „Unter solchen Aeußcrungcn war er in Sans-souci bis zum Ausgange gekommen, wo der Obelisk steht. „Sieh ihn an," sprach er zu mir. „Schlank, aufstrebend und hoch, und doch fest Im Sturm und Ungewitter. Die Pyramide spricht zu dir: IVlu soi ce est um clroiture. Der Culminations Punkt, die höchste Spitze, überschauet und krönet das Ganze: aber trägt nicht, sondern wird getragen von Allem, was unter ihr liegt, vorzüglich vom unsichtbaren, tief untergebautcn Fundament. Das tragende Fundament ist das Volk in seiner Einheit. Halte es stets mit ihm, daß es dich liebe und dir vertraue; darin nur allein kannst du stark und glücklich sein." Er maß mich mit festem Blick von der Fußsohle bis zum Scheitel, reichte mir die Hand, küßte mich, und entließ mich mit den Worten: „Vergiß diese Stunde nicht!" Ich habe sie nicht vergessen und eben jetzt steht sie lebhaft vor meiner Seele. Was sagen Sie dazu?" „Bei solchen herzcrhebcnden Erinnerungen," antwortete ich, „welche die stille Größe des unvergleichlichen Königs treu und wahr darstellen, erscheint die Mäkelei der Tadler noch kaum der Beachtung wcrth. Mir fällt dabei eine in dieser Beziehung treffende, kurze, naive und geistreiche Reccnsion ein, die ich in der Jenaer Allgemeinen Litteratur-Zeitung las." „Wie lautet sie?" „Der Obcr-Consistorialrath Büsching zu Berlin, ein zu seiner Zeit hochgeachteter Geistlicher und Schriftsteller, hat eine Biographie Friedrichs des Großen herausgegeben, und weil er sich von diesem zurückgesetzt und verletzt glaubte und manche scharfe, sarkastische Cabinctsordre nicht verschmerzen konnte, beurtheiltc er auf seinem individuellen Standpunkte Friedrich i>. einseitig und sammelte in seiner Schrift alles Nachtheilige und Schwärzende, was er über seinen Charakter, namentlich in religiöser Beziehung, zusammen bringen konnte. Ucber dieses Buch sagte nun der Recensent kurz und treffend: „Es giebt wenig Menschen, die ein gescheutes Gesicht machen, wenn sie in dieSonne seh cn." „Scharmant, ganz scharmant!" siel der König ein und um Seinen Mund schwebte ein satyrisches Lächeln, das, immer gemischt mit Gutmüthigkeit, einen eigenthümlichen Zauber hatte. Einmal eingegangen in den interessanten Gegenstand, erlaubte ich mir die Bemerkung: daß Friedrich am Meisten getadelt sei in religiöser Beziehung. Der König runzelte die Stirn und sagte: „Sie berühren da einen Punkt, über den ich nicht gern spreche. Ich habe darüber so viel Einseitiges und Verkehrtes hören und lesen müssen, daß es nur widerwärtig geworden ist." Dann schwieg Er stille: aber aus tiefer Brust Athem holend, wie ansetzend, fuhr Er fort: „Große, ausgezeichnete Menschen, an denen Alles individuell und originell ist, darf man nicht nach gewöhnlichem Maßstabe messen: sie haben ihren eigen thümlichcn, so wie Alles an ihnen cigenthümlich ist. Solchen können aber nur diejenigen anlegen, die sich selbst über das Mediocre erheben und für die in Rede stehende Größe ein Auge haben. Sie muß nicht in einzelnen abgerissenen Stük- ken, Anekdoten, fragmentarischen Aeußerungen, sondern in ihrer Totalität aufgefaßt und das Ganze muß zusammengehalten werden. Wie schwer ist das schon bei gewöhnlichen Menschen: ungewöhnliche, außerordentliche haben von jeher etwas Räthselssaftes gehabt und sind darum mehr oder minder verkannt worden, bis die ruhig richtende Nachwelt ihnen Gerechtigkeit widerfahren ließ. Wo ist der Mensch, mit eigenen Irrthümern und Fehlern behaftet, der über den wahren innern Werth des Andern sich ein absprechendes Urthcil erlauben dürste? Kennen wir uns doch selbst nicht! Und was ist zarter, geistiger, was zieht sich mehr in die geheimnißvollc Tiefe der Brust zurück, als das Religiöse mit seinen Ahnuw- gen und Schrecken? Da ist es oft am Wenigsten, wo die voluble Zunge am Meisten darüber spricht, und da oft am Meisten, wo sie schweigt." Als der König, zum Himmel ausblickend, zu sprechen aufhörte und ich reden wollte, siel Er ein: „Ich bin noch lange nicht fertig, Sie haben mich einmal in den Zug gebracht, nun will ich mich auch ganz aussprechen. Wenn ein klarer, denkender Verstand, wenn ein sensibles Herz, wenn Sinn für das Erhabene, wenn Achtung für Gesetz und Orb nung die Eigenschaften sind, die für Religion, namentlich die christliche, als die beste, befähigen: wer hatte dann mehr angeborene Anlagen für das Heilige und Höchste, als-eben er? Aber statt sie zu wecken und auf eine seiner Eigenthümlichkeit angemessene Weise zu entwickeln und mit seinen übrigen Studien in Verbindung zu bringen, in welchen sein Geist sich in raschen Fortschritten leicht und glücklich bc- wegte, legte man ihm enge, drückende Fesseln an; und Zwang ertrug er nicht. Der Unterricht, den er im Christcnthum erhielt, war, was ich nicht tadeln will, wenn es auf die rechte Art geschehen wäre, nach dem Lehrbegriff der re- formirten Kirche abgemessen, und von festen, schroffen Schranken umschlossen. Der ganze Zuschnitt war nach dem Geiste der damaligen Zeit, nicht so sehr unterrichtend, als vielmehr polemisch. Diese intolerante Polemik, die es sich herausnahm, den Himmel und die Hölle öffnen und verschließen zu können, that seinem Geiste, damals schon mit dem Studium der Wolsschen Philosophie beschäftigt, kein Genüge, und sein Herz blieb dabei unberührt. So kam es, daß ihm die Grunddogmcn unserer Kirche zuwider wurden, und er um so weniger ihnen Geschmack abgewinnen konnte, je mehr er gezwungen wurde, sie nach dem Katechismus auswendig zu lernen. Je mehr er aus kindlichem Respect sich äußerlich zu fügen schien, desto mehr widerstrebte sein Inneres. Wenn seine aufstrebende Kraft in unbewachten Augenblicken diese lästigen Fesseln abwarf, so erbitterte die darauf folgende Strafe, die oft in unwürdige Züchtigung überging, ihn noch mehr und sammelte in seiner Seele den Zunder des Hohnes und Spottes. Jeden Morgen mußte er mehrere Capitel in der Bibel ohne Auswahl und Erklärung als sein Pensum auswendig lernen und sonntäglich in der Garnisonkirche lange und sterile Predigten hören. In seinen nächsten Umgebungen fand er eine tiefe, ängstliche Bencralivn für den Cultus; aber er sah auch, daß gerade diejenigen, welche solche gerade am Lautesten im Munde führten und als Fromme gelten wollten, am Wenigsten es waren, und sich sündhafte Ausschweifungen, Ränke und Spitzbübereien erlaubten, und Lastern stöhnten, die selbst das Heideuthum vcrurtheilt. Dieß erfüllte seine Seele mit Widerwillen und Erbitterung und umschloß den gesunden Kern seines Innern mit einer äußeren horten, stechenden Schale, die späterhin Viele verletzt und verwundet hat." „Aber der Lebensfern blieb in ihm gesund ; freilich nicht genährt mit den Einflüssen, wie die Form der damaligen Kirchlichkeit sie vorschrieb, aber doch stets angcsrischt und belebt von dem ernsten,' tiefen Sinne für menschliche und göttliche Gesetze. Man kann in Wahrheit sagen: er war in Erfüllung seiner Pflichten praktisch-religiöser, als er es schien. Sophistisch-theoretische Atheisten mag es gegeben haben und geben; aber ein praktischer Atheist ist mir undenkbar. Der verständige Mensch kann dem Glauben an Gott eben so wenig entsagen, als sich dem Einflüsse der Lust entziehen, wenn er gesund bleiben will." Der König schien sich aus Etwas zu besinnen und fuhr dann fort: „Ja, da fällt mir's ein. Ihr Amtsvorgä'ngcr, der Hofprcdiger Pischon, stellte mir vor mehreren Jahren einen Geistlichen aus Zerbst vor, mit Namen Sintcnis. Er überreichte ein mir dcdicirtes Buch, das den Titel hatte: Pistevon. Als ich nach der mir unbekannten Bedeutung fragte, antwortete der gelehrte Herr: „Ich habe in diesem Buche das Dasein Gottes zu beweisen gesucht." „Haben Sie," mußte ich erwiedcrn, „auch schon versucht, das Dasein der Sonne zu beweisen, die eben herrlich in's Fenster schien." „Freilich hat sich Friedrich manche Spöttereien über das Heiligste, was der Mensch hat, erlaubt, und diese sarkastischen Verhöhnungen sind leider in's Publicum gekommen. Aber man hat mehr daraus geschlossen und gefolgert, als darin liegt. Solche Witze geistreicher Köpfe sind durch äußere zu- fällige Umstände, namentlich bei frohen Gastmählern, herbei geführt, momentan auffliegende Impulse, die ankommen, wie das Niesen, und man widersteht dem Reize des Ausprustens nicht. Der Reiz wird vermehrt durch die Lacher, und so können oft gerade die tiefsten, ernstesten Männer, wenn sie einmal in einer humoristischen Stimmung sind, sich vergessen und sich gehen lassen. Es amüsirt, Witzfunken zu streuen und geistige Blitze zu schleudern, und man achtet es in solchem farbigen Phantasienspicle nicht, wenn die Wahrheit lächerlich gemacht und manches edle Herz verwundet wird. Aber es ist damit nicht so ernst gemeint: Alles kommt dabei auf Zeit, Ort, Umstände und Umgebungen an, und dcrselbige witzige Spötter, der am Abend im Genüsse der Tafclfreudcn in froher Gesellschaft höhnte und scherzte, wird das am Morgen in einer ernsten Stunde nicht vermögen, vielmehr bereuen, sich so vergessen zu haben. Ist das nicht schon oft auch den Beste» begegnet L Man darf, will man billig und gerecht sei», den Menschen, namentlich große Männer, nicht nach einzelnen abgerissenen Acußerungen in unbewachten Augenblicken bcurtheilen und richten, in ihrer Ganzheit und fortgehenden permanenten Lebensstimmung und Richtung muß man sie würdigen." „Der große Luther würde oft sehr klein erscheinen, wenn man ihn nur nach seinen Tischreden beurtheile» wollte. Was Friedrich, oft von lächerlichen Contrasten gereizt, an der Tafel und bei sonstigen Veranlassungen Unehrcrbietiges und Profanes gesprochen, hat die Welt erfahren und, wie sie nun ist, entweder daran ihre Freude gehabt, oder ein Aergerniß 462 genommen. Was er aber, namentlich hier auf seinen einsamen Gangen, Großes, Erhabenes und Göttliches gedacht und gesuhlt, ist nicht zu ihrer Kenntniß gekommen. Das ist ja eben das Wesen und die reine echte Natur wahrer, ungeschminkter Frömmigkeit, daß sie tief verborgen im Innersten liegt und alle Redensarten ihr zuwider sind." „Uebcr diese tiefliegende Pietät Friedrichs weiß ich eine schöne Anekdote. Erlauben Ew. Majestät, daß ich sie erzählen darf!" „Anekdoten über ihn," fiel der König ein, „giebt's nur zu viele. Ich liebe sie nicht; es wird abgenommen und zugesetzt, nach der Phantasie der Erzähler. Enthält die Ihrige geschichtliche Wahrheit, so theilen Sie dieselbe mir mit." „Ich habe sie aus dem Munde des vor einigen Jahren gestorbenen Königlichen Laquaien Heise, welchen der König gern hatte, der sein Leib-Kammerdiener war, und bis an sein Ende bei ihm geblieben ist. Er, ein gebildeter und wahrhafter Mann, erzählte mir als Augen - und Ohrenzeugc Folgendes:" „Friedrich sah nach glücklich beendigtem siebenjährigen Kriege unter seinen Tischgenofscn vorzüglich gern den alten General von Ziethen, und mußte derselbe, wenn gerade keine sürstlichen Personen gegenwärtig waren, immer zunächst bei ihm an seiner Seite sitzen. Einstmals hatte er ihn auch zum Mittagessen am Charsreitage einladen lassen; Ziethen aber entschuldigte sich, daß er nicht erscheinen könne und werde, weil er an diesem hohen Festtage immer zum heiligen Abendmahl zu gehen pflege und dann gern in seiner andächtigen Stim- mung bliebe: er dürfe sich darin nicht unterbrechen und stören lassen." „Als er das nächste Mal wieder in Sans-souci zur Königlichen Tafel erschien, und die Unterredung bald, wie gewöhnlich, einen geistreichen, heiteren Gang genommen hatte, richtete der König scherzend die Rede an seinen nächsten Nachbar mit den Worten: „Nun Ziethen, wie ist Ihm das Abendmahl am Charfreitage bekommen? hat Er den wahren Leib und das wahre Blut Christi auch ordentlich verdauet?" Ein lautes, höhnendes Gelächter schallte durch den Saal der fröhlichen Gäste. Der alte Ziethen schüttelte unwillig sein graues Haupt, stand auf, und nachdem er tief vor seinem Könige sich gebeugt, richtete er in lauter, fester Stimme folgende Worte an ihn: „Ew. Königliche Majestät wissen, daß ich im Kriege keine Gefahr gefürchtet und überall, wo es darauf ankam, entschlossen mein Leben für Sie und das Vaterland gewagt habe. Diese Gesinnung beseelt mich auch heute noch, und wenn es nützt und Sie befehlen, so lege ich mein graues Haupt gehorsam zu Ihren Füßen. Aber es gicbt Einen über uns, der ist mehr, wie Sic und ich, mehr als alle Menschen, das ist der Heiland und Erlöser der Welt, der sür Sic gestorben und uns Alle mit seinem Blute theuer erkauft hat. Diesen Heiligen lasse ich nicht antasten und verhöhnen, denn auf ihm beruht mein Glaube, mein Trost und meine Hoffnung im Leben und im Tode. In der Kraft dieses Glaubens hat Ihre brave Armee muthig gekämpft und gesiegt; unterminircn Ew. Majestät diesen Glauben, dann un- tcrminiren Sie zugleich damit die Staatswohlfahrt. Das ist gewißlich wahr. Halten zu Gnaden!" „Der König war von dieser Rede sichtbar ergriffen. Er stand auf, reichte dein wackern christlichen General die rechte Hand, legte die linke auf seine Schulter und sprach bewegt: „Glücklicher Ziethen! möchte auch ich es glauben können! Ich habe allen, Respect vor Seinem Glauben. Halte Er ihn fest; es soll nicht wieder geschehen." „Eine tiefe feierliche Stille trat ein. Keiner hatte den Muth, ein Wort zu reden. Und da nach einer solchen ernsten Sccne auch der König keinen schicklichen Uebcrgang zu einem anderen Gesprach finden konnte, hob er die Tafel, wenngleich erst in der Mitte derselben, auf, und gab das Entlassungszcichen. Ziethen aber reichte er die Hand mit den Worten: „Komme Er mit in mein Cabinet." „Vortrefflich," sagte der König, „ganz vortrefflich! Habe das noch nicht gekannt. Die Mittheilung ist mir lehrreich und angenehm. Wenn man doch auch wüßte, was der König und Ziethen, wie sie nachher allein waren, mit einander gesprochen haben. Hat Ihnen der Kammerdiener das nicht auch erzählt?" Ich mußte das verneinen, mit dem Bemerken, daß er wahrscheinlich dabei nicht gegenwärtig gewesen sei : doch noch hinzugefügt habe: daß der König seit dieser Zeit mit der größten Aufmerksamkeit und Zartheit den alten Ziethen behandelt, fortwährend ihn bei sich gesehen, und nach dessen Tode, wie er mit der Moralität der Armee weniger zufrieden war, wiedcrholcntlich geäußert habe: „Mein alter Ziethen hat doch Recht gehabt. Gebt mir die Armee wieder, die ich im siebenjährigen Kriege hatte." Unter diesen Gesprächen war der König nach dem Schlosse zurückgekommen, und auf der obersten Terrasse vor demselben stehend, trat der Hofmarschall von Maltzahn zu Ihm, mit der Frage: „Ob das koupev angerichtet werden sollte?" — Der König, pünktlich in allen Dingen und ein Freund geregelter Ordnung, sah nach der Uhr und sagte: „In zehn Minuten." Indem ich mich empfehlen und nach Hause zurückgehen wollte, trat der König näher heran, mit der frenndlichen Aeußerung: „Danke Ihnen, haben mir einen frohen Abend gemacht. Können zum Nachtessen hier bleiben!" Ich entschuldigte mich, da ich im gewöhnlichen Obcrrocke war, mit der dazu nicht passenden Kleidung. „Weiß wohl," sagte Er lächelnd, „daß Sic einen Talar und schwarzen Lcibrock haben: in beiden sind Sie doch immer derselbe. Will nur Sie haben, nicht Ihren Rock: treten Sie herein!" Es wurde gespeist in demselben schönen Zimmer mit der hohen Kuppel, wo Friedrich der Große am Liebsten zu speisen pflegte, und wo die eben erwähnte Scenc mit Ziethen sich zugetragen hatte. Ich mußte, Seinem Winke gehorsam, neben dem Könige meinen Platz nehmen, und außer dem Hofmarschall von Maltzahn war Niemand weiter gegenwärtig, als der damalige Oberst, nachheriger Kriegsminister, von Witzlebcn, der Geheime Cabinctsrath Albrecht, und ein Adjutant. Der König war ungemein heiter und, wie im kleinen Kreise gewöhnlich, gesprächig. Denn bald sagte Er, wie man sich gesetzt hatte: „Der Bischof hat mir so eben eine schöne Anekdote aus dem Leben Friedrich's und Zielhcn's erzählt: theilen Sie dieselbe doch auch den Herren mit!" „Damit," antwortete ich, „Ew. Majestät sie nicht zweimal zu hören brauchen, werde ich sie den Herren später besonders 30 erzählen. Aus dem Munde des vorhererwähnten Kammerdieners Friedrichs habe ich über ihn »och mehrere Mitthei- lungcn einpfangen. Befehlen und gestatten Ew. Majestät, so werde ich sie vortragen." Der König nickte, mit dem Zusätze: „Lassen Sie hören!" „Friedrich hatte, wie oft geschah, anhaltend gearbeitet und saß noch schreibend an seinem Pulte, als die Mitternachtsstunde schon geschlagen hatte. Der hcreintretende Kam mcrdicncr Heise, der bei dem Königlichen Vertrauen, das er besaß, sich mehr erlauben durfte, wie ein Anderer, erinnerte daran, daß es schon spät und Zeit zur Ruhe sei. Der König sagte: „Ich habe da eine wichtige Arbeit vor, die keinen Ausschub leidet. Wenn ich jetzt zu Bette gehen soll, so muß Er mich spätestens Morgen früh um 4 Uhr wieder wecken. Ich werde dann noch schläfrig sein, nicht aufstehen wollen, und ihn wieder wegschicken. Aber ich befehle Ihm, sich nicht abweisen zu lassen, und authorisirc Ihn, im Falle der Weigerung, mir die Bettdecke abzuziehen. Hört Er? — beim Verluste meiner Gnade!" „Mit dem Glockcnschlagc Vier trat der treue und furcht lose Diener herein und sah den König sanft und fest schlafen. Aber mit lauter Stimme weckte er ihn, und als der König die Augen aufschlug, sagte er: „Es ist mir leid geworden: ich muß noch zwei Stunden schlafen: komme Er um sechs Uhr wieder. Nun fort zum Zimmer hinaus!" „Erinnern sich Majestät an Ihren mir gegebenen Befehl und Ihre Drohung!" „Schäker!" rief Friedrich, „Er hört's ja, ich will nicht!" „Majestät, Sie müssen," antwortete Heise, und zog damit die Bettdecke entschlossen weg. Nun stand der König auf, und als er, noch schlaftrunken, gähnte „Ach Gott! wäre ich doch worden." 5) Mit den Uebrigcn lachte auch der König, nahm das Wort und bemerkte: „wie charakteristisch es sei, daß Friedrich, der sich sonst nicht leicht von Andern Etwas gefallen ließ und Alles um sich herum in ehrerbietiger Entfernung zu halten wußte, gerade seine Kammerdiener, wenn er sie einmal lieb gewonnen, gern mit Liebe, Nachsicht und Vertrauen, ja treuherzig behandelt habe." — Sonst ist man, im Wechsel guter und böser Laune, gedrängt von vielen, oft unangenehmen Geschäften, sehr geneigt, seinen Unwillen und Jähzorn schonungslos gegen Menschen, die uns dienen und aufwarten, auszulassen und ihnen damit das Leben nicht nur zu erschweren, sondern auch sie verstellungssüchtig, falsch, hinterlistig und schlecht zu machen. Die Behandlung der Diener bezeichnet am Besten die wahre, natürliche Ge- müthsstimmung des Herrn, in der man sich hingicbt, wie man ist, und oft wähnt, gegen Subordinirte sich Alles erlauben zu dürfen. Die gefälligsten, zuvorkommenden, freund? liehen, nachgebenden Menschen gegen diejenigen, die entweder höher, oder mit ihnen auf einer Linie stehen, sind oft in ihrem Hause gegen ihre Untergebenen unbarmherzige Despoten, und wo dieses der Fall ist, da ist gewiß jenes nichts als Verstellung und Heuchelei. ') Die LandcscoUcgicn, die jetzt Regierungen heißen, hießen damals ' Krieges- und Domänen-Kammern und ihre Näthc Kriegsräthc; der König hatte von ihnen die Meinung, daß sie sich's gerne bequem machten. und sich reckte, rief er aus: ein Krieg es rath ge- Es ist wahr, Friedrich hat überall als Herrscher mit fester Eonsequenz, oft, wo es ihm nöthig schien, mit durchgreifender Härte gehandelt. Aber in seinem Hause war er, seiner natürlichen Gemüthsstimmung treu, am Liebsten milde und schonend, so oft und so lange er es sein konnte, und wohl nie hat ein regierender Herr Diener gehabt, die mit größerer Treue und Liebe an ihm hingen', als eben er. ,.Derselbe Kammerdiener Heise theilte mir," fuhr ich dann fort, „darüber einen rührenden Zug mit." „Als ich," so erzählte er, „in der letzten Nacht beim sterbenden Könige an seinem Bette wachte, forderte er, wie aus tiefen Träumen erwachend, zu trinken. Friedrich war so schwach, daß er sich nicht mehr allein aufrichten konnte. Mit meinem rechten Arme hob ich ihn, unter das Kopskissen fassend, sanst in die- Höhe, und mit der linken Hand hielt ich ihm das Glas Limonade vor. Aber sein Haupt sank auf meinen linken Arm, und ohnmächtig schlief er, ohne trinken zu können, wieder ein. Meine Stellung war höchst unbequem, und ich durfte nicht zucken, damit der liebe Herr nicht aufwachte. Eine halbe Stunde mochte ich so ausgehalten haben, als ich nicht länger konnte, meinen rechten Arm zurückziehen und den König wieder hinlegen mußte. Er kam wieder zu sich und sagte: „Heise, Du wolltest mir ja zu trinken geben!" ,,Ja, Ew. Majestät: aber indem ich Sie mit meinem rechten Arme in die Höhe richtete, sind Sie aus meinem linken, das Glas vor dem Munde, wieder eingeschlafen." „Wie lange hat das gedauert?" „Wohl eine halbe Stunde." „Armer Junge, da hast Du einen bösen Stand gehabt. Wie hast Du das so lange ausgehalten? ich danke Dir." „Wie er getrunken hatte und mir das Glas zurückgab, strich er saust mit seiner schon kalten Hand meine Wangen und sagte: ,,Gieb mir meine Beinkleider." Nachdem ich sie ihm gereicht, befahl er mir, die Börse heraus zu nehmen. Er schenkte sie mir, mit den Worten: „Nimm das und eine von meinen Taschen-Uhren zum Andenken. Auch die dastehenden Flaschen Eap- und Ungerwein sind Dein. Ich habe nun nichts Irdisches mehr nöthig." — „Einige Stunden nachher starb der König. Es ist nicht auszusprechen, mit welcher Verehrung, Dankbarkeit, Liebe und Treue, der redliche Kammerdiener Heise an dem großen Friedrich hing. Die Anfangsworte einer Ode von Fischer: „Laß PiuS selig preisen, wen er will: Mein Heiliger ist Er," waren bei ihm eine stehende Redensart geworden, die er bei jeder Gelegenheit hersagte. Ich hatte den Mann lieb und habe ihn oft besucht, wo er mir denn immer von Friedrich dem Großen erzählte. Als ich ihm vor einigen Jahren auf seinem Sterbebette nach seinem Wunsche das heilige Abendmahl reichte, mußte ich auf sein Verlangen den Kelch mit dem vom Könige ihm geschenkten und sorgfältig aufbewahrten Weine füllen." „Diese Bonhomie des großen Königs sprach sich noch vollständiger, origineller und fröhlicher aus," bemerkte der Obrist von Witzleben, „im Umgange mit seinen Soldaten, namentlich den Helden aus dem siebenjährigen Kriege, die ihn nur immer Papa Fritz nannten. Gern redete er bei Tafel von Schlachten und Siegen und gruppirte diese historisch- militairischen Gemälde lebendig zum Anschauen. So er- zählte er unter Anderem eine Affaire, bei Gelegenheit eines feindlichen nächtlichen Uebcrsalls bis in's kleinste Detail. Nachdem er ausgesprochen, sagte der neben ihm sitzende General Ziethen: „Halten Ew. Majestät zu Gnaden, so ist die Sache nicht gewesen: sie trug sich ganz anders zu." „Nun so er- zähle Er mal." Nachdem Ziethen den Hergang erzählt hatte, wurde der König unwillig und sagte: „Das ist nicht wahr; will Ers besser wissen, als ich?" „In diesem Falle ja, Ew. Majestät; denn ich selbst habe die Affaire gehabt und ausgeführt. Da eben sehe ich im Nebenzimmer den wacheha bcnden Wachtmeister Krüger von meinem Regimcntc, der bei dieser Gelegenheit an meiner Seite brav gefachten hat. Wollen Ew. Majestät mir nicht glauben, so gestatten Sic, daß er, der nicht weiß, wovon eben die Rede ist, herantreten und die Sache erzählen darf." „Gut! dann wird Ers hören." „Mit festem Tritt, kühnem Blick und martialischem Wesen stand der herbeigerufene alte Husar neben dem Stuhle des Königs. Der König sah ihn wohlgefällig an: er hatte die Physiognomie und Haltung, das charakteristische Gepräge der damaligen großen Zeit. „Krüger, hast Du die und die Affaire mitgemacht?" „Ja, Papa." „So erzähle mal!" und ganz einfach, doch beredt, erzählte er die Sache gerade so, wie Ziethen. Der König sah ihn verdrießlich an und sagte: „Krüger, Du lügst." Und der Husar trat näher heran, nahm die Gabel des Königs, fuhr damit in die vorstehende Schüssel Fasanen, hielt den gespießten Fasan in die Höhe, mit den Worten: „Ich will den Tod in diesem Fasane fressen, wenn ich nicht die Wahrheit gesagt habe!" und rechts umkehrend ging er, unter dem lauten, beifallenden Lachen der gan- 47 l zen Tischgesellschaft, mit seiner Königlichen Beute ans seinen Posten zurück. Der König selbst lachte herzlich, ließ dem biederen, treuherzigen alten Wachtmeister eine Flasche Wein und Kuchen von seiner Tafel bringen, und setzte hinzu: „So kenne ich sie, die guten alten, braven Jungens. Nun Ziethen, eine Prise!" und er reichte ihm — was er selten zu thun pflegte, seine Dose." „Köstlich," sprach der König, „wahrhast ritterlich; aber so was läßt sich heute nicht nachmachen: originelle Charaktere nur schaffen es. Die Bonhomie, die Friedrich als Mensch im höchsten Grade hatte, die er hegte und bewahrte, weil er sich dabei am Wohlstcn befand und die der Grundzug seines starken Charakters war, ist am Prägnantesten hervorgetreten in seinem Verhältnisse gegen Voltaire. Er ehrte den damals berühmte» Schriftsteller wegen seiner außerordentlichen Talente, und vorzüglich zog ihn seine Meisterschaft in der Französischen Sprache an. — Er dachte es sich als ein großes Glück, ihn in der Nähe zu haben und mit dem geistreichen Manne umgehen zu können. Er zog ihn unter den glänzendsten Verhältnissen an seinen Hof; ja er mußte hier in Sans-souci neben und bei ihm wohnen. Aber so sehr das Verwandtschaftliche geistiger Kräfte eine wechselseitige Annäherung herbeiführte, so schnell bewirkte die große Verschiedenheit der Charaktere in der Grundstimmung eine innere Entfernung. Diese trat bald ein, und Voltaire wurde in seiner Verstecktheit, Gleißnerei, Falschheit, Habsucht und Hadcrhastigkcit, wohl kann man sagen Bosheit, dem Könige so zuwider, daß er, nach seinem eigenen Geständnisse, eben so sehr sein Herz verabscheuen mußte, als er seinen eminenten Kopf ehrte. Wo aber das sittliche Band zerrissen ist, läßt das intellektuelle nach, und Scheidung tritt ein. Bekanntlich removirte Friedrich den höhnenden Spötter, und war dermaßen über ihn indignirt, daß er ihm sogar verliehene Ehren und Würden wieder abnahm, — zum offenbaren Be weise, daß sittlicher Werth ihm das Höchste war' wie es denn auch verdient, bemerkt zu werden, daß Alle, die fort dauernd seine Achtung und sein Vertrauen bis an's Ende genossen, untadelhaste, würdige Männer waren." „In meinem Vatcrlande, der Grafschaft Mark," nahm ich das Wort, ,,erzahlt man im Volke eine lustige Anekdote von Voltaire, über einen unangenehmen Vorfall, der ihm auf seiner Reise mit dem Könige nach Wesel und Eleve be gegnct ist. „Wie ist die?" „Majestät kennen sie vielleicht schon, — mit dem Königlichen Leib-Affen?" „Affen? — Sic machen mich neugierig." „Voltaire war im Gefolge des Königs auf gedachter Reise sehr unzufrieden mit den schlechten Wegen, und klagte unaufhörlich über harte, unverdauliche Westphälische Kost- Er behelligte mit seinen Beschwerden den König und wirkte dadurch nachthcilig aus dessen Stimmung. Darüber geriet!) er mit dem Königlichen Adjutanten, der das Benehmen Voltaires tadelte, in Streit. Schon oft von ihm, und jetzt wieder, sarkastisch gekränkt, dachte er auf Rache und wünschte, ihm einen Possen zu spielen. Früher mit dem Könige an gekommen in dem Dorfe Hultrop, zwischen Lippstadt und Hamm, benutzte er, wie der König ausgestiegen war und sich im Posthausc befand, den günstigen Augenblick, den um- herstehcndcn Bauern zu befehlen, schnell Harken, Flegel und Mistgabeln zu holen und den nächstkommenden Wagen da- 473 mit zu umstellen. In demselben befände sich der Lcibaffe des Königs; (Voltaire hatte bekanntlich eine Physiognomie, die an einen Pavian erinnerte). Necken, ärgern, zwicken und picken könnten sie die wilde Bestie: aber sie müßten sich wohl in Acht nehmen, daß sie nicht entspränge, und sie ja nicht aus dem Wagen lassen, — sonst würde die Ungnade des Königs, der den Affen liebe, sie strafend treffen." „Bald nach der Abfahrt des Königs kam auch wirklich der Wagen an, in welchem Voltaire sich befand. Wie die Bauern sein auffallendes, hageres, grinsendes Gesicht sahen, riefen sie alle mit Einem Munde: „Kiek, kiek! dat is de Ape van dem Künnig; jo, jo, hei is het!" und damit umspran gen und umstellten sie, wie ihnen befohlen war, den Wagen Voltaire's und richteten ihre Harken, Flegel und Mistgabeln ihm entgegen und neckten und zerrten ihn. Voltaire wird wüthend; aber je ungestümer und verzerrter er sich gcbehrdct, desto belustigender wird die komisch-tragische Sccne, desto dreister das Baucrnvolk. Alle Umherstehenden lachen; der abhaltende, einredende Französische Bediente wird nicht ver standen, und je mehr dieser abwehren will, desto lauter beruft sich die bewaffnete Schaar auf den ihr vom Königlichen Ad jutanten gegebenen Befehl, den Leibaffen des Königs nicht aus dem Wagen zu lassen, und jeder Versuch, Voltaire aus dieser Angst zu befreien, mißlingt, aus Furcht der Bauern, der Affe möchte entspringen. Und so mußte der sonst so verwegene Spot ter in dieser Noth aushalten, bis endlich sein Wagen abfuhr und ihn crlösete. *) Kein Wunder, daß Voltaire die ihm *) Diese Anekdote ist auch sonst schon hie und da erzählt und oft bezweifelt. Die Quelle, aus der sie hier fließt, ist eine authcn- 474 zugefügte Schmach nicht vergessen konnte und seit der Zeit mit Verachtung und Unwillen, Hohn und Spott über West- phalen sprach. In seiner bekannten Schrift: „Candide," nennt er dieses Land, weil es gerade bei seiner Anwesenheit viel regnete: Uot ele ollkunkwe et und die Markaner: Ueuple «nuvntze." Alle Anwesenden belustigte die Anekdote; der Konig aber blieb dabei ernst, und lächelte nicht mal. Zwar hatte Er wohl Sinn und Empfänglichkeit für das Komische, und oft habe ich Ihn herzlich lachen sehen. Aber der Scherz durste das sittliche Gefühl nicht verletzen und nicht wehe thun, wenn er Ihm gefallen sollte. Was irgend einem Menschen je Angst und Noth gemacht hat, die Umstände mochten dabei auch noch so possierlich sein, konnte Ihn nicht amüsiren. Ein zarter sittlicher Tact war der Träger Seines Lebens und der Maßstab, an den Er Alles legte. Er wurde verstimmt, ja verlegen und Schamröthc überflog Sein edles Angesicht, wenn irgend etwas Unanständiges und Zweideutiges vorkam. Vielleicht hat es nie eine Fürstentafel gegeben, an der jedem geladenen Gaste so wohl war, und wo Jeder sich so unbeengt, so heiter und behaglich fühlte; aber gewiß auch keine, wo weniger gescherzt und gelacht ist, als an der Sei rügen. Dcßhalb war es so schwer, mit Ihm zu scherzen und Ihm darin zu gefallen. Es gab dabei nur einen Punkt, (xunc-tmn s.uUon«) bis wie weit man gehen durste. Wurde tisch richtige. Der damalige Prediger zu Hultrop erzählte sie, bald nachher, wie es geschehen, als gewesener Augenzeuge, meinem Vater, — aus dessen Munde ich, als Kind, sie oft gehört habe. diescr zart inne gehalten, so war es gut und man gefiel; wurde er aber übersprungen und urgirt, so trat Verfilm mung ein. Absichtlich habe ich diese Anekdote von Voltaire hier erzählt, weil, wie schon überhaupt bei jedem Menschen, so besonders bei einem Merkwürdigen Könige, es charakteristisch ist, ob, wie, und in welchen Grenzen, er scherzt und Scherz ertragen kann, und es verbreitet dieser eine psychologische Zug Licht über die ganze Individualität. Der König nahm dann aber wieder ernst das Wort und bemerkte, ,,wie irrig es sei, wenn fast allgemein angenommen würde, der Unglaube Voltairc's habe Friedrich angesteckt und zum Unglauben verführt. Wo der Unglaube die herben Früchte sündhafter Leidenschaftlichkeit, der Bosheit, Habsucht, Selbstsucht, wie hier erzeugt, da kann er wohl warnen und abschrecken, aber nicht verführen, und mußte das sein, tief, edel und menschlich fühlende Herz des großen Mannes verschließen. Er konnte es daher in seiner Atmosphäre nicht lange aushalten; er mußte ihn, bei aller Achtung für seine geistigen Gaben, bei aller Freude über seinen un crschöpflichcn Witz, geschmückt mit dem Zauber der Französischen Sppache, dennoch von seiner Person entfernen, zum sichtbaren Beweise, daß er seine praktischen Grundsätze des- avouirte. Ein gläubiger Christ war Friedrich allerdings nicht: aber mir ist, einzelne, sarkastische Einfälle abgerechnet, doch auch kein einziges Factum bekannt, wo er dem positiv-christlichen Glauben im Volke feindselig entgegen getreten wäre. Nielmehr hat er überall und in allen Fällen, wo ganze Gemeinden über kirchliche Neuerungen sich beschwerten und na- mentlich dcr Einführung moderner Gesangbücher sich widersetzten, stets zu ihren Gunsten entschieden und gern ihre Wünsche erfüllt. Das orthodoxe System war ihm als Volksglaube in seiner festen Konsequenz lieber, als das schwankende periclitirende Ncologische, und er hat, wo es auf Erhaltung und Bewahrung ankam, jenem, wiewohl es nicht das seinige war, doch stets in dem ihm bciwoh ncnden Rcspcct vor dem Antiken den Vorzug vor diesem gegeben." „Mit wahrem Acrgcr habe ich oft hören und vor Kur zem noch lesen müssen, daß man ihn einen Heiden nannte, der keine Ahnung von der Göttlichkeit des Christenthums gehabt habe. Als ob man, da das Christenthum alle christ lichen Völker mit seinen hohen Lehren und Institutionen durchdrungen hat und Staatsreligion geworden ist, auch noch ein Heide sein könnte! Auch der, welcher ihm das Herz abgewendet, hat dennoch, in seiner umschließenden Lust ath- mcnd, Vieles, uud oft das Beste, ohne es zu wissen von demselben in sich ausgenommen. Die Bibel ist in Luthers kräftiger Ucbersetzung des Deutschen, namentlich evangelischen Volkes Volksbuch geworden und ihre überall circulircnden Kcrnsprüche beseelen und regeln das Denken und Handeln auch da, wo man sich der heiligen Quelle nicht bewußt ist. Friedrich kannte von seiner Jugend her die heilige Schrift und ihre vorzüglichsten Sprüche wußte er auswcn dig; freilich hat er sie oft ganz verkehrt angewendet, - - wer aber mag sagen, daß die großen und ewigen Wahrheiten, die sie enthalten, in den vielen ernsten einsamen Stunden, die er liebte, ohne allen Einfluß auf seine Denkart, Gesinnung und Gcmüthsstimmung geblieben wären? Ach, dcr elenden Silbenstecher und Wortspießer, die den Menschen anatomiren und den Menschen in seiner Ganzheit nicht aufzufassen wissen. „An den Fruchten sollt ihr sie erkennen!" sagt die Bibel. Wessen Leben war aber reicher an Früchten der Weisheit, der Tapferkeit, der Gerechtigkeit, der ernsten Pflichtliebc, als das Leben Friedrichs? Können solche Früchte wachsen und reisen in einem christlichen Lande ohne Einfluß des Christenthums? Man muß nur nicht bei dem tobten Buchstaben desselben stehen bleiben, sondern den lebendigen Geist dcsscl den in sich aufnehmen." Der König sprach mit hinreißender Beredtsamkeit. Entzückt sahen wir uns an und Keiner wagte es, den vollen Strom Seiner Rede zu unterbrechen. Dann fuhr Er fort: „Den oft ausgesprochenen Grundsatz Friedrichs: „Ein Jeder kann in meinem Lande nach seiner Fayon selig werden," kann ich nicht unbedingt gut heißen. Nimmt man ihn individuell in der Anwendung auf einzeln vorkommende subjective Fälle und Personen, so hat er valle Wahrheit und muß stets aufrecht erhalten werden. Kein Mensch, kein Herrscher hat das Recht, einem Anderen vorzuschreiben, was er glauben soll: der Glaube läßt sich nicht gebieten, er ist der frcieste Act des freien GeistcS. Der Eine faßt ihn, nach der Beschaffenheit, Mischung und Richtung seiner Fähigkeiten, mit dem Verstände, der Andere mit dem Herzen aus und seine Stufen und Bildungsgrade sind so mannigfaltig und verschieden, als die Menschen verschieden sind. Eine vollkommene Uebcrein- stimmung hier ist ein Unding. Wollte man sie durch aufgestellte Formen äußerlich erzwingen, so wäre'dieser äußere Zwang doch nur ein todter Buchstabe, der sogar Widerwillen und Abneigung erzeugen würde, da der Geist des Menschen, sobald er zu denken angefangen, vorzüglich ini Gebiete des Religiösen seine Freiheit nicht aufgeben kann, und, soll er sclbststandige Würde behaupten, auch nicht aufgeben darf." „In dieser Beziehung ist der Grundsatz Friedrichs: „Jeder kann in meinem Lande nach seiner Fa<,'vn selig werden," allerdings richtig, indem er-gegen allen intoleranten Sectcn haß schützt; aber er wird irrig und falsch, wenn von der ernsten Stellung die Rede ist, in welcher der protestantische Regent gegen die protestantische Kirche steht. Diese ist unter dem Beitritt der Fürsten, die zu ihr übergingen, ins Leben getreten, und durch ihre Unterschrift und Vollziehung hat die Augsburgische Confession Sanktion und kirchliche Autorität empfangen. Die Reformatoren haben, um der rcgcnerirten evangelischen Kirche die äußere Haltung und Festigkeit zu verschaffen, sie unter den Schutz der evangelischen Landesherren gestellt und diese sind ihre geborenen Schutzherren. Diese ihre heilige Pflicht, die mit Allem, was im Lande intensiv lebt, aufs Genaueste zusammenhängt, ist durch den Westphälischen Frieden und die Grundsätze, die er basirt, ihr heiliges Recht geworden und ist es immer geblieben bis zu dieser Stunde. Sie müssen daher die evangelische Landeskirche in ihre Obhut nehmen: das kann aber vernünftiger Weise nichts Anderes heißen, als sie müssen wachen über die Aufrechthaltung und bleibende Geltung der festen leitenden Grundsätze, die den Geist und das Wesen der evangelischen Kirche ausmachen; durch welche und in welchen sie das geworden ist, was sie ist: wodurch sie sich von jeder anderen, namentlich der Römisch-Katholischen, unterscheidet, und die sie nicht aufgeben und verlieren kann, ohne ihren eigen thümlichen Charakter zu verlieren. Fehlt diese ordnende, zu- 479 sammenhaltende, leitende Hand, so tritt Willkühr ein, und Willkühr ist überall, im Staate, wie in der Kirche, das Schrecklichste; sie säet, da sie keine Schranken mehr achtet, die Keime des Verderbens aus, alle Bande werden locker, und Auflösung ist die unvermeidliche Folge." „Ich bin ein entschiedener Gegner jeder Hierarchie, weil sie dem Geiste des Christcnthums zuwider ist, und verabscheue ihr despotisches Regiment; wenn aber die evangelische Kirche ohne alles Regiment ist, und jeder Geistliche das Recht und die Freiheit haben soll und haben darf, nach seiner subjecti- ven Ansicht und Willkühr die Sacramcnte zu verwalten, zu predigen und zu unterrichten, in der einen Gemeinde so, in der andern anders, so hört aller verknüpfender Zusammenhang auf, und von einem Glaubens-Bekenntniß der evangelischen Kirche, was sie doch als solche haben muß, kann dann nicht mehr die Rede sein. Sie bewegt sich dann im Wechsel momentaner Zeit-Ideen, wählt und verwirft, bauet auf und reißt nieder und untergräbt damit den evangelischen Volksglauben. Die Kinder haben dann einen andern Glanben, als ihre Väter: häusliche Andacht und Frömmigkeit hat keinen Einigungspunkt mehr; die gemeinsame öffentliche Andacht verliert allen Reiz, und die Kirche selbst alle bindende Kraft und Autorität. Bindende, zusammenhaltende, gemeinschaftliche liturgische Formen sind daher nach dem Vorgange der Reformatoren ein wesentliches Bcdürfniß, wie jeder, so auch der evangelischen Kirche." „Diese vorgeschriebenen Formen sind keinesweges das Wesentliche, aber sie sind das umschließende, bewahrende Gefäß der Sache, und diese verschwindet oft, wenn man jenes 480 zerschlägt. Es kommt dabei nur immer auf die individuelle Beschaffenheit des jedesmal fungirenden Geistlichen an, so daß er fern von jedem kalten, todten Mechanismus in die einfache, edle Form den lebendigen und belebenden Geist zu bringen meist. Geschieht dieß, so liegt gerade in der festen Gleichförmigkeit dieser litnrgischen Formen und in der steten Wiederkehr derselben ein eigcnthümlichcr Reiz, indem sie, nach dem Zeugnisse der Erfahrung, den christlichen Gemeinden, namentlich den mittleren und unteren Volksklassen, um so mcrther und wichtiger erscheinen, je bekannter und vertrauter sie ihnen im Wechsel des Lebens und damit ein fester Führer werden." „Ich habe viel über diese Sache nachgedacht und gelesen, pro und contra: dieß ist meine wohl geprüfte Ueberzeu gung, und kann kein Widerspruch sie mir rauben. Den Grundsatz Friedrichs: „Jeder kann in meinem Lande nach seiner Fa<,-on selig werden!" muß ich darum, wenn von der Stellung des Regenten gegen die evangelische Landeskirche und seiner Obliegenheit gegen sie die Siede ist, für einen u» richtigen und gefährlichen erklären, und hat derselbe leider verderbliche Folgen genug erzeugt, welchen Schranken zu setzen die höchste Zeit ist." „Die Praxis Friedrichs," bemerkte ich, „war jedoch dabei besser, als seine Theorie." „Wie so?" fragte der König. „Der General von Nüchel hat mir erzählt, daß er einer Taufe in Potsdam beigewohnt habe, bei welcher Friedrich Gevatter stand. Der taufende Feldpredigcr glaubte seine Sache recht gut zu machen in einer Lobrede auf Friedrich dm Großen, und da auch der Vater des Kindes ein tapferer, vom Könige geschätzter General war, so concentrirte der Geistliche seine Wünsche sür den Täufling darin: „nicht daß er ein frommer Christ, sondern auch einst ein Held und der Ehre würdig werden möge, von Friedrich über der Taufe gehalten zu sein." Als er nun aber gar, statt der vorgeschriebenen Taufformcl: „Ich taufe dich im Namen des Vaters, und des Sohnes und des heiligen Geistes" sagte: „Friedrich! ich taufe dich im Namen Friedrich des Großen," trat dieser vor und sprach: „Halt Priester! Er ist ein Narr. Was? auf meinen Namen will Er däs Kind taufen? Was hat es denn, wenn ichgestor - den bin? Taufe Er nach kirchlicher Vorschrift, oder ich lasse einen Andern holen." Zitternd gehorchte der arme thörichte Mann. „Vortrefflich!" sprach der König, „exccllent! Sehen Sie, so tief lag bei aller mißverstandenen Aufklärung doch die Ehrfurcht vor dem Göttlichen in seiner Brust und er ertrug solche profane Caricatur nicht." Der König sah nach der Uhr. Gegen Seine Gewohnheit war es spät geworden. Er stand auf und entließ uns. Zu mir sagte Er noch besonders: „Sic haben es als einen Beweis meiner Achtung und meines Vertrauens anzusehen, daß ich mich so umständlich über einen Gegenstand expecto- rirt habe, über den ich sonst nicht oft und nicht gerne rede. Können, wenn ich hier bin, mal wieder Ihren Weg nach Sans-souci nehmen." Dankbar und still vergnügt ging ich, belehrt und geweckt, nach Hause, und noch AlteS in, frischen Gedächtnisse tragend, schrieb ich die merkwürdige Unterredung auf, wie ich sie hier wörtlich treu nütgetheilt habe. Nebst Paretz und Sans-souci war und blieb dem Könige vorzüglich lieb die Pfauen-Insel. Mitten im Havelstrome, eine kleine Meile von Potsdam, gelegen; nach der Nord- und Südseite von bewachsenen Hügeln eingcschlos scn, im Westen mit der Aussicht nach Potsdam, im Osten mit dem Blicke nach Spandau: beschattet von alten präch tigen Eichen; reich an größeren und kleineren, gut erhalte neu grünen Rasenplätzen: geschmückt mit Blumen, vorzüglich Rosen, und belebt von Thieren allerlei, größtentheils seltener Art, — ist diese Insel ein lieblicher Aufenthalt, den in schöner Jahreszeit ein eigenthümlicher Zauber umfließt. Das kleine idcalisch gebaute, romantisch situirte Schloß athmet in seinen meist kleinen Gemächern eine ansprechende Vertraulichkeit, und die ganze Einrichtung bezeichnet die Bestimmung für ein stilles, behagliches Familienleben. Die beiden Thürm- chen auf der höchsten Spitze sind, vermittelst einer im Freien schwebenden bequemen Brücke, mit einander verbunden, und von hier aus das stille, friedliche Thal in seiner reichen Man nigfaltigkeit und Harmonie zu überschauen, gicbt eine Stim mung und gewährt einen Genuß, der erquickt und erhebt. Alles auf der Insel, die etwa eine kleine Meile im Umfange haben mag, trägt das sanfte Gepräge einer heiteren reichen Ruhe, die sich von selbst dem Gemüthe mittheilt, und Jedem wird hier wohl um's Herz: die stille Einsamkeit und Abgeschiedenheit, die hier waltet, ist dennoch eine sanft belebte. Wohl nie hat es einen mächtigen regierenden Herrn gegeben, der so verschlossen war für alle erkünstelten Genüsse der Pracht und des Luxus, und so offen und empfänglich für die stillen und sanften Eindrücke der Natur, als Friedrich Wilhelm III. Von allen Seinen ländlichen Besitzungen schien keine Ihm mehr zuzusagen, als die Pfauen-Insel. Es lag in dein Könige ein Hang zur Einsamkeit, eine Liebe zur Stille. Gern hing Er derselben nach, und Er entfernte Alles, was Ihn darin stören konnte. Dieß hatte Er ans der Insel in Seiner Gewalt, da, dem Publicum nur an bestimmten Tagen geöffnet, ') Dieser idyllische 'Charakter ist späterhin durch die Aufnahme und Aufbewahrung vieler ausländischer wilden Thicrc getrübt, wenngleich das Interessante und Lehrreiche des Orts dadurch vermehrt wurde. 3l- Das im Schatten liegende, reich mit Blumen geschmückte Schweizerhaus des Castellans und Hofgärtners, das Cava- lierhaus, die Meierei mit den zerstreut liegenden kleinen Wohnungen der Arbeiter, das große prächtige Palmen und Gewächshaus beleben das Bild, und die im Walde weidenden' Rehe und Hirsche, die vorüberziehenden Heerde» ausländischer Schafe und Ziegen, die gemessen cinherschreitenden Pfauen, und das fröhliche und friedliche Leben der Sangvögel und Tauben, — alles dieß giebt dem freundlichen Aufenthalte einen sanften, idyllischen Charakter. Das Gefühl der Abgeschlossenheit, Sicherheit und Ruhe, das hier von allen Seiten, namentlich in stillen Morgen- und Abendstunden, das Gemüth wohlthuend anhaucht, giebt zum äußeren Frieden den inneren, und wer contemplativen Naturgenuß liebt, der kann ihn hier finden. und oft von Tausenden gleichzeitig dann besucht, sie doch bei Seiner Anwesenheit für Jedermann geschlossen war, und kein Fremder herüber geholt, auch außer der bestimmten Fahre an andern Uferstellen nicht gelandet werden durste. Unterbrochen, gestört, ermüdet, oft auch verstimmt von täglich wiederkehrenden, durch den ganzen Tag gehenden An sprachen, Anläufen, Bitten, Querelen und Zudringlich keiten, eilte Er mit einem Gefühl von Sehnsucht nach dem stillen, friedliche» Eilande, wo Er für sich, und die Mittagsund Abendstunden mit Seiner Familie allein war. Wenn Er das Schiff betrat, um herüber zu fahren, knöpfte Er gewöhnlich unwillkührlich den eng angeschlossenen Rock auf und lüftete die freier athmende Brust. So wie Er den ersten Schritt aufs Ufer gcthan hatte, ging Er langsam, schlendernd, mit den Händen auf dem Rücken, im Ausdruck Seiner Stim mung, nach Seinem kleinen Wohnzimmer, wechselte die Kleidung und Alles an Ihm, vorzüglich Sein mildes Angesicht, bezeichnete Ruhe und Behaglichkeit. Nachdem Er sich mehrere Stunden in Seinem Cabinet aufgehalten, die dort hingelegten eingegangenen Sachen durchgesehen, sie mit Marginal-Bemerkungen, Frag- und Ausru fungszeichen, vermittelst eines Bleistiftes bezeichnet, in den »reisten Fällen auch das Eontentum der zu gebenden Antwort hinzugefügt hatte, trat Er frei in's Freie, und hier muß man Ihn gesehen und beobachtet haben, um zu wissen, daß auch ein belasteter König ein Glücklicher sein kann, wenn er ein reiner, edler, gemüthlicher Mensch ist. Nun durchstrich Er die Insel nach allen Richtungen hin, bald lesend in einem Buche, das Er gewöhnlich in der Hand hatte, bald sinnend umherschaucnd, sich lehnend an einen Baum; bald setzte Er sich auf einen der vielen Ruheplätze; bald stand Er innig heiter vor einem Blumenbeete stille: bald uutcrredcte Er sich mit den Hirten, oder erfreuctc vorübergehende Kinder. Hier hatte Er an der Seite Seiner schönen, edlen, an- muthsvollcn Gemahlinn, noch unberührt von dem Unglück der Zeit, in der ersten süßen Gatten- und Vatersrcude glückliche Jahre verlebt. Alle, welche das hohe, frische, jugendliche, Königliche Ehepaar damals gesehen und Augenzeugen dieser heiteren Harmonie, die Ihre Herzen beseelte, gewesen sind, sprechen mit Entzücken davon. Man erzählt darüber eine Menge Anekdoten, wovon die eine noch lieblicher ist, als die andere. Eines Tages im Sommer I7W waren zwei Reisende aus England nach der Pfaueninsel gefahren, und, unbekannt mit dem Verbote, an einem Punkte fern von der gewöhn liehen Fähre, wo Niemand sie bemerkt, an s Land gestiegen. Nicht wissend, daß die Königliche Familie anwesend sei, gin gen sie in früher Morgenstunde vergnügt umher, als ihrer der Hofmarschall von Massow ansichtig wurde, der ihnen befahl, umzukehren und sofort die Insel zu verlassen. Die beiden Reisenden nahmen aber einen Umweg, und auf diesem begegnete ihnen ein Herr und eine Dame, ohne alle Begleitung und so einfach gekleidet, so ungekünstelt in Haltung und Wesen, daß sie keine Ahnung davon hatten, wer sie waren. Der ungckannte Herr aber fragte sie: ,,wic ihnen die Insel gefiele?" und als sie ihre Freude über ihre Lage und Cultur ausgedrückt, forderte die ungckannte Dame sie freundlich auf, mitzugehen; sie, bekannt hier, würden ihnen gerne Alles zei gen. „Wir thäteiss gerne," antworteten die Engländer; „aber 456 der Herr Hofmarschall hat uns so eben zurückgewiesen und besohlen, gleich die Insel zu verlassen. Ihre Majestäten der König und die Königinn sollen hier sein; und dann ist Fremden der Zutritt nicht gestattet." „So schlimm ist's nun eben nicht," sprach die freundliche schöne Frau; „kommen Sic nur mit, mir wollen Sic schon entschuldigen; der Herr von Massow ist unser guter Freund." So gingen alle Biere in heiteren geistreichen Gesprächen, in welchen die Dame mit Entzücken über England sprach, lange mit einander, und namentlich erfreute Beide das dreiste, kccke Urtheil der Engländer. Aber wie erstaunten diese, als sie, in die Nähe des Schlosses gekommen, vor demselben ehrerbietig stehend die Dienerschaft in Königlicher Livree erblickten und Herr von Massow das Dejeuner ankündigte! Nun erkannten sie mit freudigem Schrecken den König und die Königinn. Sic wollten sich entschuldigen; aber die herzgewinnende Güte der Königinn entfernte jede Verlegenheit, und der König sprach: „Treten Sic näher, meine Herren! Frühstücken Sie mit uns. Nach der schönen Morgenpromenade, denke ich, wird's unS schmecken." Alles, was das Hoflebcn, seiner Natur nach, Abgemessenes, Feierliches und Beengendes hat, mit allen seinen Formen hergebrachter Etiquette, wurde hier abgelegt. Der König hatte sich zwar sehr in Seiner Gewalt und verlor, auch wenn Er froh war und sich gehen ließ, nie Seine Haltung. Aber diese Haltung war eine innere und in Seinem Innern war Er stets frei und folgte Seiner Neigung, da Er in der Reinheit und Lauterkeit Seines Wesens Nichts zu verbergen und zu verstecken hatte. In den Stunden, die Er dem stillen 487 Naturgenusse widmete, hatte Er aus Seiner Umgebung auch nur solche Personen um sich, mit denen Er sympathisirte, und so gab Er sich ganz hin, wie Er war. Hier mußte man Ihn sehen und hören, wenn man Ihn, den Menschen, wollte kennen lernen : da konnte man Ihn durchschauen, denn Sein Inneres wurde ein Acußercs. Die idealische Natur und glückliche poetische Stimmung der Königinn, die in Ihrer srischen schönen Jugend Alles im roscnsarbcncn Lichte ansah und ausfaßte, bedurfte gar keiner äußeren angenommenen Form; denn ihr ganzes Wesen um- floß der Zauber weiblicher Anmuth. Man denke sich dieses glückliche Ehepaar in seiner frischen Jugend, umgeben von ausblühenden lieblichen Kindern, auf der Pfaucninsel, im Besitze alles dessen, was das Leben Reiches, Prächtiges und Herrliches hat, und doch im einfachen Naturgenusse entfernt, von allen Reizmitteln der Kunst und Verwöhnung, in sich glücklich und befriedigt, und man kann in Wahrheit behaupten, daß es wohl nie einen König gab, der glücklicher war, als Friedrich Wilhelm IN. es damals war. In der Einfalt der Sitte, wenn sie durch Geist und persönliche Würde gehalten ist, liegt, wo wir sie auch finden, ein wunderbarer Reiz: denn sie kann nur da sein, wo Unschuld und Wahrheit und Kindlichkeit noch die Brust heben und die Wangen röthen. Dieser Reiz wird größer, wenn wir sie in de» höheren und höchsten Ständen finden, in denen das Leben mit seinen complicirtcn und gesuchten Genüssen vom Einfachen abführt und stets neuer künstlicher Reizmittel bedarf, um in den bald durchlaufenen Kreis der Zerstreuungen wieder Abwechselungen zu bringen. Gott hat den Mcn- schen aufrichtig gemacht; aber sie suchen viele Künste. Diese Kunstmittel reizen allerdings; aber sie erschlaffen auch, und verlieren, oft wiederholt, ihre Wirkung. Die dann eintretende Erschlaffung macht satt, matt und. müde; und darin hat es seinen Grund, warum reiche und mächtige Menschen, die, wie man sagt, dem Glücke im Schöße sitzen, so selten in sich wahrhast glücklich sind. Auch das reichste Leben ist doch arm an außerordentlichen, seltenen, kostbaren und köstlichen Genüssen, und die Einförmigkeit des täglich Wiederkehrenden schließt sich an jedes Menschen Leben, in Hütten, wie in Pallästen, in Werkstätten, wie auf Thronen an. Dem verwöhnten, gereizten, eklen, wählenden, probircndcn, unruhigen Sinne wird diese Einförmigkeit langweilige Qual; dem einfachen, unverdorbenen, naturgemäßen bereitet sie in ihrer Stetigkeit, Ruhe und Sicherheit, gerade die süßeste Freude und gicbt in ihrem harmonischen Tacte dem ganzen Tage in der festen geregelten Reihenfolge seiner planmäßig vcrtheilten Stunden einen eigcnthümlichen, stillen Reiz. Dieser stille Reiz liegt mehr im Kleinen, Alltäglichen und Gewöhnlichen, als in dem Seltenen und Außerordentlichen. Wenn dieses spannt, aufregt, exaltirt, so schließt jenes sanst, stille, leise, sich an das Gcmüth und gicbt ihm die Erquickungcn eines heiteren äußeren und inneren Friedens. Da ist es das Morgen- und Abendroth und eine hehre Sternennacht; da ist es die immer frische Lust an Berufsarbeiten; da ist es das nicht ausgesprochene, aber tief empfundene selige Einverständniß mit den Unsrigcn: da ist es das klare, reine, offene Angesicht eines edlen Menschen, die fröhliche Unschuld eines Kindes: da ist es eine schöne Blume, eine reife Frucht, eine heimkehrende Heerde, ein frugales Mahl, in 'Liebe gegeben und genossen, was wahrhaft glücklich macht und einen Kreis um uns bildet, in dem sich Alles wohl fühlt, — in inniger Verschmelzung. So war das Leben unseres Königs, der Königinn und Ihrer Familie, in einer Reinheit, Heiterkeit und Unschuld, wie man es aus Herrscher-Thronen selten, vielleicht nie gesehen hat. Ich erinnere mich dabei einer Familienscene, die lieblich und einfach das anmuthigc Bild wahrer häuslicher Glückseligkeit darstellt. Nach aufgehobener heiterer Tafel auf der Pfaucninsel im Freien, unter alten schattigen Eichen, fragte die Königinn: ,,Wo sind die Kinder?" Und es wurde geantwortet: „Sie sind alle dort auf der Landzunge und spielen auf der Wiese." „Können wir sie da nicht überraschen, liebster Freund?" sagte die Königinn zum Könige. „Ja," antwortete Er, „da müssen wir mit der Gondel einen Umweg durch's Rohr nehmen, so daß sie uns vorher nicht sehen." Das geschah: und der König selbst ruderte still, langsam und leise; die Königinn stand in ihrer hohen, edlen Gestalt aufrecht im Schiffe, und ihr seelenvolles, mütterliches Auge sah spähend nach dem bezeichneten Orte, und lispelte, je nä her man demselben kam: „Sachte, stille!" Und nun sprang sie und der König ans Ufer, und die Kinder jauchzten fröhlich auf, ihren Eltern entgegen, und diese umarmten sie der Reihe nach mit inniger, froher, frischer Zärtlichkeit, wie als wenn sie dieselben seit acht Tagen nicht gesehen hätten. „Papa!" fragte der Kronprinz, „wo sind Sie hergekommen?" Der König antwortete: „Durch's Schilf-Rohr!" „Das ist scharmant!" Auf die Frage: „Warum?" sagte er: Dic ganze Gesellschaft lagerte sich aus ausgebreiteten Teppichen. Die Königinn lehnte sanft ihr Haupt an dic Schulter des Königs, Seine Hand in der ihrigen haltend. Fröhlich spielten dic lieblichen Königlichen Kinder umher. Alles war bei einem frugalen Mahle in sanfter, heiterer Stimmung. Nach einem schönen Sommertage ging prächtig die Sonne unter, und aus dem nahen Gebüsche ertönte wie Abendsegen dic sanfte Abendmusik der Gardc-Hautboistcn. Eine heilige fromme Ruhe umschwebte die schöne patriarchalische ländliche Scene, und daß dic Erde ein Borhof des Himmels werden kann, suhlte Jeder. Dieß Gefühl drückte sich durch feierliche Stille aus, die Keiner unterbrechen mochte; denn für das Unaussprechliche hat die Sprache keine Worte. Dic Königinn blickte im Ausdruck tiefer heiterer Ruhe nach der untergehenden Sonne hin; ihr Blick war Gebet, Dank und Freude. Ihr Angesicht schien wie verklärt, und seit ich sie so gesehen, hat keines ihrer Bilder, auch das beste und gelungenste nicht, mir ferner ein Genüge thun können. „I — im Rohre ist gut Pfeifen schneiden?" „Wie verstehst Du das?" „Das heißt: Kluge Leute wissen die Umstände zu benutzen." „Wenn Du das auf Dich anwenden wolltest: welche Pfeife würdest Du denn jetzt schneiden?" Und der Kronprinz antwortete mit der ihm cigcnthümlichcn Anmuth: „Dann würde ich bitten, daß wir hier auf der Wiese unsere Abend-Milch genießen dürften und Alle, Alle, sroh zusammen blieben." Der König reichte dem hohen edlen Jünglinge scherzend dic väterliche Hand; dic Königinn drückte ihn innig an ihr glückliches Muttcrhcrz, und seine kindliche Bitte wurde erfüllt. 491 Solche erquickenden Genüsse eines stillen Familicnglückcs können in allen Ständen, auch den untersten, wenn den Hausvater und die Hausmutter der rechte Sinn dafür beseelt, stattfinden. Aber eben das Allgemein-Menschliche darin, das in jeder reinen Brust, sie schmücke Stern und Ordensband, oder umschließe ein härener Kittel, Anklang findet, ist das Göttliche. Göttlicher Natur ist ursprünglich jeder Mensch: aber sie auszubilden, zu nähren, zu befestigen, daß das Göttliche in ihr vorherrschend werde, ist des versuchten Lebens schwere Aufgabe. Würdig gelöst, so viel es nach menschlichen Kräften möglich ist, finden wir sie in den: Leben des Königs und der Königinn. Nie hat Ihr hoher Stand und Rang, nie irdische Macht und Herrlichkeit das Göttliche in Ihnen unterdrückt und verdunkelt: unter allen Wechseln eines viel und schwer geprüften Lebens war das Nein-Menschliche, beseelt von ungeschminkter christlicher Frömmigkeit, Ihre Natur, und den milden, zarten Sinn für alles Wahre, Schöne und Gute, haben Sie bewahrt bis an Ihr Ende. Bei den prächtigsten, herrlichsten Hofcsfesten, die mit der reichsten Freigebigkeit gegeben wurden, hat man den König, der keiner Eitelkeit sähig war, oft verstimmt, unlustig und verschlossen gesehen: wo Er aber heiter, gesprächig, offen und glücklich war, war es nur immer da, wo Er Seiner natürlichen Stimmung für das Ungesuchtc, Einfache und Naturgemäße, sich hingeben konnte. Ach wie viele süße Erinnerungen der schönen Tage, die Er mit Seiner Gcmahlinn ungetrübt auf der Pfauen-Insel verlebte, trug Er in sich! Wie führte Alles, was sie einst an Seiner Seite hier eingerichtet, angeordnet und verschönert 492 hatte, Ihr theures, liebes Bild vor Seine Seele und wie war Ihm, eben in diesen sanften, wehmüthigen Nachklängen in der Tiefe Seiner Brust, dieser Ort so besonders lieb und wcrth! Auf der äußersten östlichen Spitze der Insel, da, wo die Aussicht eine trübe, schwermüthige Färbung hat, ließ Er nach dem Tode der Königinn eine offene, einfache Halle bauen und schmückte sie mit ihrer wohlgetroffcnen Büste. Dahin ging Er gern, und verweilte daselbst oft lange in ern- sten Betrachtungen. Gewöhnlich machte Er diesen Weg ohne alle Begleitung ; einmal forderte Er mich auf, mit Ihm zu gehen. Als Er die Halle betrat, sah Er sinnend die Büste an und setzte dann hinzu: „Eine ernste Stelle, wo ich lieber denke und fühle, als höre und rede." Es wurde also gar nicht gesprochen, und als Er nach geraumer Zeil aufstand, seufzte Er aus tiefer Brust: „Das Wesen dieser Welt ver- geht!" Ich wollte daran einige Worte des Trostes knüpfen, aber Er ging darauf nicht ein; machte vielmehr eine Bewegung mit der Hand, die mir zu erkennen gab, Er wolle nicht gestört sein. Er liebte überhaupt das Jnsichgckchrtsein und war schweigsamer, intensiver Natur. Was Ihn am Angelegentlichsten beschäftigte und am Tiefsten bewegte, verschloß Er gewöhnlich in Seiner Brust. Schweigen war Ihm eine wichtigere Kunst, als Reden, und Nichts war Ihm mehr zu wider, als leeres Geschwätz. Was nicht inneren Gehalt, Grund und Boden hatte, wies Er gewöhnlich mit dem Worte zurück: „Redensarten!" Er liebte in allen Dingen Tiefe, Klarheit und Kürze, was darüber hinaus war, nannte Er naiv: „Emballage." Alle, die je in Seiner Nähe waren, haben Ihn stets würdevoll, oft feierlich, ruhig, heiter und wohlwollend. Wenige aber nur gesprächig, und die Allerwe' nigsten beredt gesehen und gehört, was Er im hohen Grade sein konnte und war, wenn die Wichtigkeit des Gegenstandes es mit sich brachte und Er sich dazu aufgelegt fand. War Er in einer religiösen Stimmung und ging diese in eine sanfte Wehmuth und Sehnsucht über, so wollte Er durch Nichts darin gestört sein. Langsam und schweigend ging Er auch jetzt nach dem Schlosse zurück, und entließ mich; der vorher angekündigte gemeinschaftliche Abend-Thee wurde abgesagt. Des anderen Tages sagte mir der Adjutant, Oberst von Witzlcben, daß der König spät noch denselben Weg zur Halle der seligen Königinn beim Mondschein gemacht, und beim Schlafengehen gesprochen habe: „Die Stille und Ruhe der Nacht hat mir wohlgethan. Die Wahrheit des biblischen Ausspruches: „Wenn ihr stille bliebet, so würde euch geholfen," habe ich auss Neue wieder an mir bestätigt gefunden." So war Sein Gemüth: Er wandelte vor Gott und war fromm. Aber je mehr es Ihm damit ein heiliger Ernst war, je stiller war Er Er hielt dann Seine Kraft zusammen: mochte sie nicht durch Worte zersplittern, oder sich zersplittern lassen. Bei aller Neigung zur Andacht, hat man nie An- dächtelei, nie eine Geräusch machende Frömmigkeit an Ihm bemerkt. Das reine Gefäß, worin Er den geistigen Duft des ewigen Lebens sammelte, hielt Er gerne verschlossen. In der Nähe der Pfauen-Insel, ihr schräg gegenüber, liegt nach der Südseite ein anmuthiger, mit hohen Fichten bewachsener Hügel; die Aussicht auf demselben ist halb ge- schlössen Und bekommt darin etwas Vertrauliches. Die Pfauen-Insel liegt, wie in einen Rahmen eingefaßt, als ein heiteres Bild im Thale und man übersieht sie in allen ihren Gruppen, ihren äußeren Umrissen nach. Auf dieser stillen Höhe sammelt sich gern, wie von selbst, das Gcmüth: es wird ihm wohl und „hier mochte man Hütten bauen." Der König ließ hier eine Hütte bauen, und zwar, — Keiner wußte warum, — ein Russisches Blockhaus, mit allen ihm eigenthümlichcn nationalen Einrichtungen und nach einem Plane, den Er von einem Russischen Baumeister in St. Petersburg hatte kommen lassen. Zum Kastellan machte Er einen geborenen Russen mit Namen Ivan, — ein schöner alter Mann mit langem weißen Bart, in der bequemen Russischen National - Tracht. Als ein Jahr darauf der Russische Kaiser Nicolaus I. und seine Gemahlinn, die Kaiserinn, zum Besuche in Berlin und Potsdam waren, die noch nichts von diesem Baue wußten, führte sie der König dahin. „Siehe," sprach Er zu Seiner Tochter Charlotte, „ein Russisches Bauerhaus. Es ist eine vollkommen treue Copie des Blockhauses, das Dir so wohl gefiel, und in welchem wir froh waren, als ich Euch in Petersburg besuchte. Du wünschtest Dir damals ein solches Haus, und meintest, man könne darin eben so vergnügt sein, als in einem Kaiserlichen Pallaste. Dieß Dein Wort habe ich behalten und zum Andenken daran gerade ein solches Haus hier Dir zu Liebe erbauen lassen. Heute wollen wir froh es einweihen, und nach dem Dir theu ersten Namen soll es heißen für immer: Nicolskom" Welch' ein patriarchalisches, glückliches Familienfest! Es läßt sich nur mitempfinden, nicht beschreiben. Dem Reinsten und Besten, was der König dachte und that, drückte Er auch immer gern das Gepräge der Pietät auf. Später ließ Er auf demselben Hügel, in der Nähe des Blockhauses, eine schöne Landkirche sür die Bewohner der Pfauen Insel und der benachbarte» Gegend bauen. Aus dem Fichtenwalde schauen Haus und Kirchthurm in's stille Thal hinab: gern blickt man zu dieser Höhe hinauf. Vorzüglich schön ist hier, von Bäumen umschattet, der trauliche Weg an den Ufern der Havel. Und wenn am Abend die Glockentöne durch's Thal hallen und das Herz zur Andacht stimmen, gedenkt man gern des unvergeßlichen Herrn, der hier glücklich war und glücklich machte. Der König besuchte Sonntags oft diese Bergkapelle, und erbauete sich, wie in Paretz, gern in einer Landkirche, wo es am Stillsten geschehen konnte. Als sie erbauet werden sollte, fragte mich der König: „ob ich einen tüchtigen frommen jungen Geistlichen, der sich für diese Stelle eigene, kenne?" Nach dem Wunsche des Hofgärtners Fintelmann auf der Pfauen-Insel schlug ich seinen Vetter, den er hatte erziehen und bilden lassen, den Candi- daten und Lehrer am Königlichen Eadetten-Corps, Fintelmann, um so lieber vor, da derselbe in seinen theologischen Prüfungen wohl bestanden, und die besten Zeugnisse über seine wissenschaftliche und. sittliche Ausbildung mir vorgelegt hatte. Wiewohl ich damit meinen Vorschlag motivirtc, so ging der König doch nicht darauf ein, und schwieg, so daß es schien, als sei er nicht geneigt, die Bitte zu erfüllen. Als aber der Kirchenbau langsam zu Stande kam und später das hohe Ministerium der geistlichen Angelegenheiten drei andere wahlfähige Candidaten in Vorschlag brachte, strich der König 496 diese drei Namen aus, und schrieb, Seinem guten Gedächtnisse und Herzen treu, den Namen Fintelman» darüber. Nachher sagte Er mir: „Ich habe absichtlich den jungen Mann in Ungewißheit gehalten und warten lassen, um zu sehen, wie er sich inzwischen verhalten würde: und nun, da alle über ihn eingezogenen Erkundigungen zu seiner Ehre sprechen, habe ich ihm um so lieber und ruhiger die Stelle gegeben." Der Grundzug im Charakter des Königs war rein- menschliches Wohlwollen: aber immer, namentlich bei Verleihung eines Amtes, verbunden mit großer Vorsicht und Besonnenheit. Deßhalb gab Er nie vorher Versprechungen, saßtc sie auf jeden Fall stets bedingt: liebte es aber, zu überraschen und damit um so mehr zu erfreuen. Wenn Er irgend Jemanden eine Wohlthat, eine Auszeichnung zugedacht hatte, so ging derselben nie eine annähernde Wahrscheinlichkeit vorher, und am Wenigsten ahnete sie der, welcher sie dann als eine unvermuthetc Wcihnachtsgabe empfing. Nie blickte Sein seelenvolles blaues Auge heiterer und zufriedener, als wenn Er überraschte und Glückliche sah und machte. Als Er nach beendigtem Kriege nach Petersburg reiste, Seinen Freund, den Kaiser Alexander I., zu besuchen, nahm er Seinen Adjutanten, den damaligen Obersten von Witzleben, mit, und angekommen auf der Russischen Grenze, überreichte Er ihm selbst die Gencrals-Uniform, die der Beglückte noch nicht erwartet hatte. Herr von Witzlebcn erzählte: „der König sei dabei so vergnügt und herzlich gewesen, als wenn Ihm selbst eine Wohlthat wäre zu Theil geworden." Solche Züge erfreuender Milde gehen permanent durch scheinen oder ercelliren wollte, sondern, weil es so Seine Natur war, und Er nach dem Impuls derselben nicht anders konnte. Darum verließ Ihn auch nie die Wahrhaftigkeit einer schmucklosen, edlen Einfalt, und wenn Er einem ausgezeichneten, verdienstvollen Manne den schwarzen Adler-Orden gab, sah Er nicht anders aus, als wenn Er einem unschuldigen, Ihm in Seinen Gärten begegnenden Kinde eine Blume schenkte. Auch Charlotteuburg war dem Konige lieb und angenehm, wo Er oft, namentlich im Herbste, sich aufhielt. Wenn Paretz in seiner ländlichen abgeschiedenen Stille anzieht, der neue Garten in seiner Heiterkeit belustiget, Sanssouci iu seiner Feierlichkeit zum coutemplativen Ernst einladet, und die Pfauen-Insel in ihrer gemüthlichen Abgeschlos senhcit das Gefühl der Behaglichkeit giebt: so trägt Charlot- tenburg in seinem großartigen Schlosse, mit dem es umgebenden an den Ufern der Spree gelegenen, an ländlichen Fern sichten reichen Parke den imponirenden Charakter Königlicher Pracht. Die weiten inneren, mit Gemälden und anderen Kunstgegenständen geschmückten Räume dieses heiteren Schlosses sind ganz für glänzende Königliche Feste geeignet, und es wurden solche, von der Zeit der unvergeßlichen Königinn Charlotte her, darin oft gegeben. Gern durchwandelt man diese prächtigen Säle, bei deren Betrachtung lehrreiche historische vaterländische Erinnerungen erwachen. Im Schlosse selbst liegt die Kapelle, deren innere einfache Einrichtung den Eintretenden zur Andacht stimmt. In früheren Zeiten, wo der Hof es noch liebte, privatim sogenannten Hof Gottesdienst zu halten, 32 wurde von den sechs Hofpredigern zu Berlin abwechselnd oft in dieser Kapelle gepredigt: unter der Regierung Friedrich Wilhelm III., der es vorzog, öffentlich in Stadt- und Landkirchen mit der Gemeinde sich zu erbauen, hörte dieß ganz auf, und selbst wenn Er an Sonn- und Feiertagen in Charlottenburg war, besuchte Er die Stadtkirche und gab damit den kirchcnscheuen lebens- und sonntagslustigen Charlottenburgern ein ermunterndes Beispiel zur Nachfolge. Doch sind in der Schloßkapelle auch mehrere Königliche» Kinder getaust und getrauet. Die Königliche» Familienfeste, die bei solchen Gelegenheiten gegeben wurden, athmeten die heiterste Freude und gestatteten die sreieste Bewegung. Denn obgleich der König in Seiner hohen Gestalt und ernsten Stimmung imponirte und Ehrfurcht einflößte, so beengte doch Seine Gegenwart und Nahe nicht: mit der heiteren Gutmuthigkeit eineS wohlwollenden Wirthes trat Er zu Seinen Gästen Hera», und an Seinen Tafeln war Allen, wie denen, die entfernt, als denen, die in Seiner Nähe Ihm gegenüber saßen, wohl. Ein cigenthümlichcr Geist reiner Humanität ging mittheilend von Ihm aus, und in dieser reinen Atmosphäre athmete jede Brust leicht. Wohl nie hat ein Herrscher gelebt, vor dem die Gefühle der Ehrfurcht und des Vertrauens sich so innig verschmolzen, als in Seinem Anschauen. Wahrlich, man wußte nicht, ob man ihn mehr ehren, oder mehr lieben sollte. Dankbar erinnere ich mich dabei des schönen, heiteren Vermählungs-Fcstes des Grafen von Stolbcrg-Stolbcrg mit der Gräfin» von Stolbcrg, das der König dem edlen Paare zu Ehren in Charlottenburg gab, und welches zu trauen ich Dic lieblichen Mädchen sahen deir hohen Königlichen Herrn mit ihren Tauben-Augen an; Seine milden Worte drangen wiv Blütheudust in ihre offenen Seelen und ver> breiteten über das ganze Fest einen eigenthümlichen stillen Zauber. Bei solchen Festen ging die Belenchtnng vom Mittelpunkte, dem Könige, aus: Seine hohe, gewöhnlich ernste Stirn umglänzte dann eine heitere Klarheit, und man wurde erinnert an den biblischen Ausdruck: „Wenn des Königs Angesicht sreundlich ist, das ist Leben, und seine Gnade ist wie ein Abendrcgen." die Erbauung hatte. Die junge liebenswürdige, geistvolle Gräfinn war in der musterhaften weiblichen Erziehungsanstalt des FrauleinS Dölln zu Berlin gebildet. Sic, wie alle ihre Schülerinnen, einige zwanzig an der Zahl, aus verschiedenen Ständen, waren vom Könige mit zur Feier dieses Hochzeit- festes eingeladen, und bildeten in ihrer frischen Jugcndblüthe den schönen Kranz um die glückliche Braut. In diesen lieblichen Kreis der Unschuld und Freude trat nachher der König mit heiterem, mildem, segnendem Blick, und sah sinnend und mit Wohlgefallen die Kinder an. Ihrer Erzieherin» sagte Er viel Ernstes und Berbindliches über die Bcrdienstlichkeit ihrer Thätigkeit und ihrer Bestrebungen. Dic Kinder ermunterte Er mit freundlichen, geistvollen Worten, eingedenk zu bleiben der für das ganze Lebrn wichtigen und entscheidenden Jugendzeit, — wie es dabei nicht auf Geburt, Stand, Rang und Reichthum, sondern allein auf gute dauernde Gesinnung und Gemüthsrichtung besonders beim weiblichen Geschlecht ankomme, und verhieß ihnen dann, sreundlich scherzend, auch einst ein glückliches Hochzeitsest. Innerlich heiter, und äußerlich geweckt, so, daß Er sich hingab, war Er aber nur dann und da, wenn und wo Er gemuthlich sein konnte. Diese Seine eigcnthüinlichc Gemüth- lichkeit sprach sich vorzüglich zu Charlottcnburg in der Wahl und Einrichtung Seiner Wohnung aus. Das große, prachtvolle Schloß war Ihm zu groß und zu prächtig: seine Zimmer und Säle waren Ihm zu weit, was Er haben und brauchen wollte, lag Ihm da zu ferne: was Er gern zunächst um sich hatte, zu getheilt und zerstreut, als daß Ihm in dieser weiten Umgebung hätte behaglich sein können. Dem Zuge Seines Herzens folgend, ließ Er darum neben dem großen Schlosse eine kleine Wohnung für sich bauen, die nur wenige Zimmer enthält, aber Alles in sich vereinigt, was man freundlich, heiter und ansprechend nennen kann. Sic steht auf einem stillen, ruhigen, romantischen Punkte, auf dem man auf der einen Seite den großen breiten Platz in der ganzen Länge des Schlosses vor sich hat, und auf der andern durch eine Allee von alten Linden die friedliche 'Aussicht »ach der Spree, ihren weiten Wiesengründcu und den entfernten Kirchdörfern, sich öffnet. Nuhe und Frieden athmet hier Alles, und alle Gemälde und Kupferstiche an den Wanden geben dieser Stimmung Nahrung. Hier muß man gut und heiter sein und besser werden: das fühlt jeder edle Mensch, der je diese Wohnung betrat. Lieblicher und zutraulicher kann cS keine geben; und doch dabei auch so, daß jeder wohlhabende Privatmann sich eine ähnliche bauen und einrichten könnte. Als solcher wohnte der König hier, und darum war und blieb sie auch so lange Er lebte für Alle unzugänglich, und nur die besten und trcuesten Seiner Diener hatten hier die Auswartung. 501 Im Wohnzimmer lagen auf den Tischen die Briefe Seiner Kinder, vorzüglich Seiner abwesenden Töchter, und die Geschenke ihrer Herzen und Hände, womit sie den hohen Vater an Seinem Geburtstage erfreuten, standen in feinen, köstlichen Stickereien und Geweben umher. Das daran grenzende kleine, einfache, hclldunklc Schlafzimmer athmcte sanfte Ruhe, und die Decke Seines Bettes war ein großes schönes Umschlagetuch, welches die verewigte Königinn lange und gern getragen hatte. Morgens, wenn der Diener das Bette machte, mußte er dieses Tuch gefaltet auf den vorstehenden Stuhl legen, und wenn der König sich schlafen legte, breitete Er jedesmal selbst es aus. Ein kleiner Zug: der aber einen tiefen Blick thun läßt in Sein treues Herz. Nach dem Tode der Unvergeßlichen wurde Ihm Charlottenburg noch lieber. Ernste Wehmuth, genährt von reichen Erinnerungen, umhauchte Ihn hier. Einsam wandelte Er oft durch die düstern Baumgänge, die zu ihrem Mausoleum führen, uno den Schlüssel zum unteren Grabgewölbe desselben hatte nur Er allein. Früher war Garten und Schloß den ganzen Tag hindurch fortwährend dem Publicum geöffnet,— seit dieser Zeit aber bei Seiner Anwesenheit, Vormittags, geschlossen. Nichts war Ihm unangenehmer, als von Neugierigen beobachtet zu werden, und Alles, was die Aufmerksamkeit auf Ihn hinleitete und Geräusch machte, mochte Er nicht. Glänzende große Hosfeste wurden fortan nicht mehr in Charlottenburg gegeben; eine heilige Stille und Ruhe umschwebt den Ort, wo die unvergeßliche Königinn Luise ihr frühes Grab gefunden. Wenn Er von demselben zurückkam und als Mensch gefühlt und gekämpft hatte, stand Er gewöhnlich als Regent sinnend stille vor der trefflichen Marmorbüste des großen Chur sürsten, am Eingange zu Seiner kleinen Wohnung. Dicß Bild eines Seiner größten Ahnherren, mit dem Er am Mei stcn sympathisirte, war dann vor Seinen Augen: und wie Jener einst, so rang Er, Kraft und Liebe in sich zur Einheit zu verschmelzen. Seine Liebe war nie ohne Kraft, Seine Kraft nie ohne Liebe; diese nie weich und sentimental, jene nie hart und schroff: die eine hielt und beseelte die andere; beide standen im ruhigen Gleichgewichte und bildeten in ihrer Wechselwirkung die hohe sittliche Würde und stille Größe, die Er, ohne es zu wissen, im reichen Maße besaß. Seit der Zeit nun, daß auch Er zu Seinen Vätern versammelt ist und in demselben Mausoleum, auf der von Ihm selbst gewählten und bestimmten Stelle, neben Seiner Luise ruhet, hat Charlottenburg, Schloß und Park, eine lugübre Färbung erhalten, die, wenn man dort ist, das Herz in die Stimmung einer ernsten Wchmuth setzt: aber einer Wehmuth, die von selbst in Pietät übergeht und das Herz hebt und erquickt. Denn hier ruhet ein Königspaar, das, als es hier noch unter uns wandelte, die Liebe und das Entzücken aller guten Menschen war, und dessen Andenken Mit- und Nachwelt segnet. Gnde des ersten Theils. Nachschrift. 503 Nachschrift. Der zweite Theil dieser-Schrift kann erscheinen, so Gott will, im nächsten Jahre !d!43, und wird enthalten: 1. Die verewigte Königinn Luise, Die ihrem Andenken gewidmeten Stiftungen. 2. Die Erziehung der Königliche» Kinder. 3. Die Regicrungsgrundsätze des hochseligen Königs. -l. Die Sache der Liturgie, Agende, und kirchlichen Union. 5. Die wissenschaftliche und moralisch-religiöse Bildung der Armee. l>. Die Stiftung des eisernen Kreuzes. 7. Der Herr und Seine Diener. Günstlinge. Das demagogische Gespenst. Die Zeit der Cholera. 8. 'Die Neigung des Königs für das Schauspiel. !1. Das Leben des Königs in den Badeörtcrn Carlsbad und Töplitz. IN. Des Königs zweite Ehe. Trauung in Charlottenburg. >1. Der König als Verwandter. Joste: 12. Der Einzug des Königs in Berlin, nach beendigtem Kriege. >3. Das Neujahrsfest in Potsdam. 14. Das Krönungs- und Ordensfest. 15. Vermählungsfeste. Ili. Das Geburtsfest des Königs. 17. Das Fest Seiner 25jährigen Regierungs-Jubelfeier. 304 18. Das Fcst der Einweihung der Gcdä'chtnißtafeln in der Kirche zu Potsdam. III. Die Einweihung des Denkmals auf dem Schlachtfeld? zu Culm. 211. Das Denkmal auf dem Templower Kreuz-Berge bei Berlin. 21. Der Russische Kaiser Alexander. Ein Dialog. Sein Andenken. Das Fest der weißen Rose. 22. Die Gedächtnißfeicr des hochseligcn Kaisers Franz. Fürst von Metternich. 23. Der Geburtsort des hochseligen Königs, die Residenz-Stadt Potsdam. Ei» Lebensbild. 24. Das Letztem«! in Potsdam. 26. Die letzten Tage und Stunden. Tod und Bcgräbniß. 2V. Rückblick. Würdigung. 27. Biographisch-psychologische Skizzen: ».Hardenberg. ».Stein, v. Blücher. Herzog Carl von Mecklenburg, v. Bcrnstorf. Ancillon. v. Bcyme. v. Brenn. Maassen. Ober-Präsident Sack. ». Witzleben. Albrccht. v. Brühl. Hufeland. Druck: Hünelsche Hofbuchdruckrrci in Mngd-burg.