Zweites Buch. Lamentationen. 95
Ich lag auf der grünen. Wiese des Glücks,
Die Sonne grüßte goldigsten Blicks;
Ein Lorbeerkranz umschloß die Stirn,
Er duftete Träume mir ins Gehirn,
Träume von Rosen und ewigem Mai —
Es ward mir so selig zu Sinne dabei,
So dämmersüchtig, so stcrbefaul —
Mir flogen gcbratne Tauben ins Maul,
lind Englein kamen, und aus den Taschen
Sie zogen hervor Champagnerflaschen . . .
Das waren Visionen, Seifenblasen, —
Sic platzten — Jetzt lieg' ich ans feuchtem Rasen,
Die Glieder sind mir rheumatisch gelähmt,
lind meine Seele ist tief beschämt.
Ach, jede Lust, ach, jeden Genuß
Hab' ich erkaust durch herben Verdruß;
Ich ward getränkt mit Bitternissen
lind grausam von den Wanzen gebissen,
Ich ward bedrängt von schwarzen Sorgen,
Ich mußte lügen, ich mußte borgen
Bei reichen Buben und alten Vetteln —
Ich glaube sogar, ich mußte betteln.
Jetzt bin ich miid' vom Rennen und Laufen,
Jetzt will ich mich im Grabe verschnaufen.
Lebt wohl! Dort oben, ihr christlichen Brüder,
Ja, das versteht sich, dort sehn wir unS wieder.
3.
Auferstehung.
Pvsauncnruf erfüllt die Luft,
Und furchtbar schallt eS wieder;
Die Toten steigen ans der Gruft,Und schütteln und rütteln die Glieder.
Was Beine hat, das trollt sich fort,Es wallen die weißen GestaltenNach Josaphat, dem Sammelort,
Dort wird Gericht gehalten.
Als Freigraf sitzet Christus dortIn seiner Apostel Kreise.
Sie sind die Schoppen, ihr Spruch und WortIst minniglich und weise.