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Der scheinheilige Rationalismus vor dem Richterstuhl der h. Schrift : Resumé der Bremer Kirchenfehde
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mir zu Gebote stehenden Beweisstellen nur einige der schla-gendsten und gemeinfaßlichsten herauszugreifen, undbeschranke mich auf kurze Andeutungen über eine Sache,die sich wirklich ohne weitläufige Erörterungen zur Evi-denz erheben läßt.

1) Durch das ganze alte Testament hindurch tönt überden allgemeinen sittlichen Verfall des Geschlechts eine tiefe,schmerzensreiche Klage, die oft als lauter, tausendstimmi-ger Jammerschrei an den Himmel schlägt; unter dem Don-ner des Gesetzes nicht selten bis zum Gestöhn herzbrechen-der Todesangst sich steigert; im Rauchgcwölk der Brand-und Sühnopfer, als stummes Gebet um Barmherzigkeit, zumThrone Gottes wallt, und in den Reden der Propheten ih-ren articulirten Ausdruck findet. »Alles Fleisch ist ver-derbt« lautet der Grundklang des alten Testamentes, undder einzige Anhaltspunkt, an dem das arme bebende Men-schenherz sich schwebend über dem Abgrund des Verzagenszu erhalten weiß, ist der süße Himmelslaut Erbarmen,Gnade, wie er bald leiser, bald vernehmbarer aus denVerheißungen eines zukünftigen Mittlers ihm entgegentönt, und den innern Aufruhr in etwa mäßigt und be-schwichtigt. Die Asche auf dem Haupt, die Thräne derSehnsucht im spähenden Auge geht das gläubige Israel sei-nen im Vergleich mit dem Wandel der n eutestamentli-chen Gläubigen immer noch schweren und vielfach um-wölkten Weg. Ueberall schaut ihm der Sinai mit seinemdonnernden Rauchumhüllten Gipfel drohend in'S Lebenhinein, und die Zeit, bis der Gocl komme, wird denarmen Sündern unter der erdrückenden Last ihres Schuld-bewußtseins lange, lange. Verfolgen wir nun denStrom dieses allgemeinen, alle Herzen durchwogcndcn, Sün-digkeitsgefühls zu seiner Quelle aufwärts, so findet sich,daß sich das Maaß seiner Tiefe und Breite, nicht, wie essich bei der Voraussetzung einer mälig eingetretenenmoralischen Entartung doch ergeben müßte, stufenweis'