210
schon oft gegen die Pelagianer bemerkt worden ist,« derEinfluß des Beispiels nur auf das Gebiet der Handlun-gen sich beschränkt; das Wesen der Sünde aber in derGesinnung ruht.« Wie wäre es z. B. möglich, durchNachahmung neidisch, zornig u. s. w. zu werden?So dreht sich der Rationalismus, wenn er die allgemeineSündigkeit erklären soll, immerdar nur in Widersprüchenoder in Cirkeln umher, und mag laviren, wie er will; zu-letzt muß doch Eins von Beidem scheitern: seine Theorieoder — die Heiligkeit des Schöpfers.
3) Hat die Sünde »ihren Ursprung in der Sinnlichkeit,«und besteht sie eben in dem Uebergewicht der letzteren überdie Vernunft, so muß consequenter Weise diejenige Askese,welche die Ertödtung der sämmtlichen Natur zumPrinzip aller wahren Tugendlehre erhebt, nicht mehr, wiebis jetzt von den Rationalisten geschieht, als eine düstere,mönchische und unmenschliche verschrieen, sondern als dieeinzig rechte, vernünftige, göttliche und empfehlenswerthegepriesen werden. Jedoch wird von unsern Popularphilo-sophen auch wieder behauptet, daß zur Production derwahren Tugend die Macht der Sinnlichkeit, als Object derBekämpfung, unentbehrlich sey; und so stellt sich denn einjener Carthäuser-Moral Entgegengesetztes, nämlich dieNahrung, Stimulirung und Steigerung der sinn-lichen Gelüste, als das Prinzip der rechten Ethik dar;— denn »je mächtiger die zu überwindende Gewalt, destoglänzender der Triumph, desto werthvoller und belohnungs-würdiger die Tugend.« Ich frage nun den Rationalismus,welches dieser beiden Prinzipe gelten solle? — Zu einemmuß er sich folgerecht bekennen.
4) Nach der »Sinnlichkeitstheorie« ist die »Vernunftdie höhere Kraft im Menschen; die Sinnlichkeit dieuntergeordnete, niedere.« — Dem stimmen wir vollkommenzu. — Woher rührt's nun aber, daß es der »höhernKraft« so schwer fällt, sich als solche auch zu mainte-