Druckschrift 
Johannes Janssen und die Geschichte der deutschen Reformation : eine kritische Studie
Entstehung
Seite
32
Einzelbild herunterladen
 

zu erkennen nnd darznthnn, eine freie, dnrch kein nnerschiikterlichesDogma beengte Lahn, sie berlnngt das Zugeständnis ihres eigenenfreien Lebens, nnd das ist der Pnnkt, an welchem sie mit der da-maligen Kirche entweder in Konflikt geraten oder zu Gunsten desKirchenglanbens abermals darauf verzichten muhte, ihr eigenes Leben,das Leben der unbedingten Wahrheitsforschnng zu leben, d, h. siemuhte aufhören, Wissenschaft zu sein. Kommt es also zu einer Wissen-schaft, so wird sie ihre Wurzeln allein in dem Wachstum des Völker-geistcs haben, sie wird, wie ans diesem Wachstum stammend, dem-selben weiterhelfen, nnd ihm die Mittel liefern, entgegenstehende Mächtezurückzudrängen nnd widerstrebende mit fortznreihcn. Wir stehen alsoeinerseits bor dem Problem, daß die Kirche dem borwärtsstrebendenWachstum des Volksgeistes als solche nichts Neues, nichts Belebendesnnd Weiterführendes zu bieten vermag, sondern sich lediglich daraufbeschränkt, das allgemeine Verlangen mit Gebetbüchern, Beichtspiegeln,n. s. w. zu stillen; wir stehen andrerseits vor dem Problem, dahdieses Leben selbst die Sehnsucht nach einer größeren Erkenntnis seinerselbst erzengt, daß es zur Erlangung dieser Erkenntnis vor keinem„Halt" stillstehen, sich von keiner nnnatiirlichen Grenze einschränken lassenwird. Diese Bewegung wird nnd muß fortschreiten, soweit das inihr lebende Maß von Energie ausreicht, lind ans der Quantitätallein entwirft Janssen ein Bild von der „geistigen Arbeit nnd Energiejener Zeit", das uns staunen macht. Es ist nun allein die Frage,ob die Kirche, welche dieses Leben weder hervorgerufen noch bedingthat, Elastizität »nd jugendliche Kraft genug besitzen wird, sich alsgeistige Führerin an der Spitze dieses Lebens zu behaupten? Undwenn sie dies nicht vermag, so wird das unfehlbare Resultat sein,dah das geistige Leben über die Kirche hinauswächst nnd versuchenwird, seine eigenen Wege zu wandeln. Die zweite Frage ist die, obdie Kirche sich von diesem Lebe», welches sie selbst nicht mehr zuführen vermochte, wird mitziehen lassen, oder ob sie mit starrer Ne-gation sich demselben gegenüberstellen wird? Geschieht das erste,wird eine Verwestlichung auch innerhalb der Kirche Platz greifen, siewird ans dem Stadium der Mystik allmählich in dasjenige realer,vcrstandsmäßiger Denkart überleiten, geschieht das letztere, wird eszum Konflikt kommen, der wie alle Konflikte vorab nicht anders gelöstwerden kann, als dnrch Kompromisse nach beide» Seiten. Denn der