Druckschrift 
1 (1880) 1729 - 1835
Entstehung
Seite
95
Einzelbild herunterladen
 

Einsegnungsbrief an Fanny.

95-

zu folgen gewusst. Wir haben Euch, Dich und Derne Ge-schwister, im Christenthum erzogen, weil es die Glaubensformder meisten gesitteten Menschen ist und nichts enthält, wasEuch vom Guten ableitet, vielmehr Manches, was Euch zurLiebe, zum Gehorsam, zur Duldung und zur Resignation hin-weist, sei es auch nur das Beispiel des Urhebers, von soWenigen erkannt, und noch Wenigeren befolgt.

Du hast durch Ablegung Deines Glaubensbekenntnisses-erfüllt, was die Gesellschaft von Dir fordert, und heissest.eine Christin. Jetzt aber sei, was Deine Menschenpflicht vonDir fordert, sei wahr, treu, gut, Demer Mutter, und ich darfwohl auch fordern, Deinem Vater bis in den Tod gehorsamund ergeben, unausgesetzt aufmerksam auf die Stimme DeinesGewissens, das sich betäuben aber nicht berücken lässt, undso wirst Du Dir das höchste Glück erwerben, das Dir auf Erden,zu Theil werden kann, Einigkeit und Zufriedenheit mit Dir selbst.

Hiermit drücke ich Dich mit väterlicher Innigkeit an meinHerz und hoffe stets in Dir die würdige Tochter Deiner, unsrerMutter zu finden. Leb wohl und meiner Worte eingedenk."

Derselbe Ernst, dieselbe strenge Auffassung der Pflichtender Kinder gegen die Eltern aber auch der Eltern gegendie Kinder, ging durch die ganze Erziehung. Dieser Vater-glaubte nicht genug gethan zu haben, wenn er den Kinderndie besten Lehrer gab, er erzog selbst und hielt keins seinerKinder hei seinen Lebzeiten seiner Zucht sogar seiner Züch-tigung entwachsen, wenn es auch erwachsen war.

Aus derselben Zeit, wie der soeben mitgetlieilte Ein-segnungsbrief, ist folgender:

Paris, 16. Juli 20.

Sonntags. Unvergleichlich schönes Wetter.

Du hast mir, liebe Fanny, während meiner diesmaligenEntfernung viel lange und gute Briefe geschrieben, mit denenich sehr zufrieden und Dir dafür dankbar bin. Ich bin da-gegen in Deine Schuld gerathen, und das hat den Nachtheilnicht allein, dass ich mich selbst deswegen anklagen muss rsondern dass es nun zu spät geworden, Dir auf Vieles in Dei-