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Abraham Mendelssohn Bartholdy.
fühle ich mich gedrungen, über Manches, was bis jetzt zwi-schen uns nicht zur Sprache gekommen, ernsthaft zu reden:
Ob Ctott ist? Was Gott sei? Ob ein Tlieil unserer Selbstewig sei und, nachdem der andere Theil vergangen, fortlebe?und wo? und wie? — Alles das weiss ich nicht und habe Dichdeswegen nie etwas darüber gelehrt. Allem ich weiss, dasses in mir und in Dir und in allen Menschen einen ewigenHang zu allem Guten, Wahren und Rechten und ein Gewis-sen giebt, welches uns mahnt und leitet, wenn wir uns davonentfernen. Ich weiss es, glaube daran, lebe in diesem Glau-ben und er ist meine Religion. Die konnte ich Dich nichtlehren und es kami sie Niemand erlernen, es hat sie ein .Te-der, der sie nicht absichtlich und wissentlich verläugnet; unddass Du das nicht würdest, dafür bürgte mir das Beispiel DeinerMutter, dieser edelsten, würdigsten Mutter, deren ganzes LebenPflichterfüllung, Liebe, Wohlthun ist, dieser Religion in Menschen-gestalt. Du wuchsest heran unter ihrem Schutz, in stetem An-schauen undünbewusster Nachahmung und Gewohnheit dessen, wasdem Menschen einen Werth giebt. Deine Mutter war und ist, undmein Herz sagt mir, sie wird noch lange bleiben Deine undDeiner Geschwister und unser Aller Vorsehung und Leitsternauf unserem Lebenspfade. Wenn Du sie betrachtest, wenn Dudas unermessliclie Gute, das sie Dir, solange Du lebst mit ste-ter Aufopferung und Hingebung erwiesen, erwägst und dannin Dankbarkeit, Liebe und Ehrfurcht Dir das Herz auf- unddie Augen übergehen, so fühlst du Gott und bist fromm.
Dies ist Alles, was ich Dir über Religion sagen kann,alles, was ich davon weiss; aber das wird wahr bleiben, so-lange ein Mensch in der Schöpfung existirt, wie es wahr gewe-sen, seitdem der erste erschaifen worden.
Die Form, unter der es Dir Dein Religionslehrer gesagt,ist geschichtlich und wie alle Menschensatzungen veränderlich.Vor einigen tausend Jahren war die jüdische Form die herr-schende, dann die heidnische, jetzt ist es die christliche. Wir,Deine Mutter und ich, sind von unseren Eltern im Judenthumgeboren und erzogen worden und haben, ohne diese Formverändern zu müssen, dem Gctt in uns und unserem Gewissen