Heirath.
27
„Glauben Sie auch, dass die Ehen im Himmel geschlossenwerden?"
„Gewiss, und mir ist noch was Besonderes geschehen.Bei der Geburt eines Emdes wird im Himmel ausgerufen: Derund Der bekommt Die und Die. Wie ich nun geboren werde,wird mir auch meine Frau ausgerufen, aber dabei heisst es:Sie wird, leider Gottes, einen Buckel haben, einen schrecklichen.Lieber Gott, habe ich da gesagt, ein Mädchen, das verwachsenist, wird gar leicht bitter und hart, ein Mädchen soll schönsein, lieber Gott, gieb mir den Buckel, und lass das Mädchenschlank gewachsen und wohlgefällig sein."
Kaum hat Moses Mendelssohn das gesagt, als ihm dasMädchen um den Hals fiel — und sie ward seüie Frau, undsie wurden glücklich mit einander, und hatten schöne undbrave Kinder, von denen noch Nachkommen leben. —
Dass es eine Liebeslieirath war, geht aus einem Brief anLessing*) hervor: „Das Frauenzimmer, das ich zu heiratlienWillens bin, hat kein Vermögen, ist weder schön, noch gelehrt;und gleichwohl bin ich verliebter Geck so sehr von ihr einge-nommen, dass ich glaube, glücklich mit ihr leben zu können."— Und er lebte glücklich mit ihr; er schreibt an Abbt**) 1766:„Ich habe beinahe die ganze Zeit in der äussersten Gemütlis-unruhe gelebt. Ich habe meinen alten Vater, ich habe einKind von einigen Monaten verloren, ich bin in Gefahr gewesen,meine Frau, die ich mehr liebe als Vater und Kind, zu ver-lieren."
Das Einkommen Mendelssohn's war nur ein sehr mässiges:viele seiner Schriften lieferte er ganz unentgeltlich, z. B. diegrosse Pentateuch-Uebersetzung; Vermögen hatte er nicht, undso musste sein Gehalt als Buchhalter ausreichen. Hier wirddas Walten seiner Frau besonders erspriesslich gewesen sein,die alles aufs sparsamste einrichtete. Es wird uns erzählt,
*) Ohne Datum, Moses Mendelssohn's gesammelte Schriften.V. Bd. S. 165.
**) Ohne Datum. 1761 (Briefe an Lessing, herausgeg. v. Kedlich,Berlin 1879, S. 166).