574 Ge. Newtons Leichenpredigt
der Sünde, als der eigentlichen Ursache derselbenkein Gefühl haben. Diese Neigungen folgen uf dieVorstellungen des Verstandes. Es urtheilen solcheMenschen erst unrichtig; und daher wenden sie auchihre Neigungen am unrechtenQrte an. IhreSündenbetrachten sie als Kleinigkeiten: ihre Leiden und Pla-gen aber machen sie dreyßig,sechzig- und hundertfältiggroß. Sie weinen daher über ihre Noth undwollen sich nicht trösten lassen; da sie im Gegen-theil der Sünde nicht eine Zähre widmen. Unddas war ohneZweifel der Fall, in welchem sich nachJerem. zo, 7 5. das alte Zjrael befand. Sie wa-ren voller Angst und Noth über den Trübsalen, diesie betroffen hatten, aber wegen der Sünde ließensie wenig Kummer an sich spüren. Sie weine-ten und klageten unter der züchtigenden Hand Got-tes, sie schrien überlaut, um dadurch die Größe ih-res Schmerzens zu entdecken: aber wir hören nichtsdavon, daß sie um ihrer Sünden willen Leide ge-tragen. Dalm kömmt nun Gott, und fallt ihnengleichsam in ihre Klagen, die sie ausschütten undspricht zu ihnen: XVas schreyest du über deinenSchaden, und über deinen verzweifelt bösenSchmerz ? Habe ich dir doch solches gethan, umdeiner großen Missethat, und um deiner star-ken Sünde willen. Eben so unrichtig urtheilenauch die Menschen von Strafübeln. Sie glau-ben , daß die leiblichen Gerichte Gottes weit här-ter und unerträglicher waren, als die geistlichenGerichte Gottes. Die Plagen, die den Leib be-treffen, kommen ihnen weit empfindlicher und ge-fährlicher vor, als die heimlichen und verborgenen