86 Leben, Charakter und Amtsführung ^
z. Gebet nicht verschwenderisch mit eurer Frey-heit um, in der Meynung, daß die Gefangenschaft euchetwas leichtes gewmden, und hütet euch selbst aufdemWege eurer Pflicht vor einer Verwegenheit. Ichbesorge zwar lehr, daß einige zu diesen Abwegen möch-ten versuchet werden, und ausden Wabn gerathen, alsob iknen keine christliche Klugheit nöthig sey; sie bleibtvielmehr allezeit nothig, und ist ein wichtiges Stückunserer ganzen Pflicht. Es ist keine Zaghaftigkeit,wenn man sich der erlaubten und besten Mittel bedie-net, seine Freyheit zu erhalten. Aufder andern Seiteaber habt ihr auch dahin zu sehen, daß ihr nicht aus un-zeitiger Furcht eure Pflicht unterlasset, weil euch dieBeobachtung derselben ins Gefängniß gebracht hat.Dieses würde ein schnödes Mißtrauen gegen Gott an-zeigen, von dem ihr doch aus der Erfahrung wisset,wie getreu er sich gegen euch erwiesen. Bleibet da-her be> der Ausübung eurer Pflicht, es koste auch wases wolle.
4. Fabret nicht mit harten Urtheilen über die-jenigen her, dieZicht jo denken wie ihr, oder auch in ih-ren Ucbungen von euch abgehen ; sondern DanketGott dafür, wenn ihr eines bessern unterrichtet wor-den. Ihr wisset, daß nicht allein Ansehung derimstande des Leidens eines Sinnes sind, und daßnicht alle eben denselben Weg betreten. Es sey al-so ferne von euch, eurer selbst dergestalt zu vergessen,daß ihr über eure Brüder ein unbarmherziges Ur-theil sprechen wolltet. Vielmehr soll eure Lie-be noch ausgebreiteter werden , als sie bisher ge-wesen. Gott verhüte es, daß ihr statt des Wachs-thums in der Liebe nicht in lieblosen Bestrafungenzunehmen möget.
§. Z6.