Druckschrift 
Peter Delfin : General des Camaldulenserordens (1444 - 1525) ; ein Beitrag zur Geschichte der Kirchenreform, Alexanders VI. und Savonarolas
Entstehung
Seite
228
Einzelbild herunterladen
 

228

QUIRIN UND DIE KIRCHENREFORM

f

Vi

Ii

I

deutungen, in seiner oberflächlichen Art außerstande, sich überZiel und Wege klare Rechenschaft zu geben. Die Einsiedler da-gegen wußten genau, was sie wollten, und gaben die Mittel, welcheihrer Überzeugung gemäß anzuwenden waren, in einer sorgfältigausgearbeiteten, ausführlichen Denkschrift 1 an, welche sie L e o X.bald nach seinerwunderbaren" Erhebung* vorlegten. In sechsAbschnitten handelten sie 1. von der Gewalt und Amtspflicht desPapstes, 2. von der Bekehrung der Juden und Götzendiener, 3. vonder Bekehrung oder Unterwerfung der Mohammedaner, 4. vonder Wiedervereinigung der morgenländischen Kirchen mit derabendländischen, 5. von der Reform aller dem Papste ergebenenChristen und 6. von der Erweiterung der weltlichen Herrschaftder Kirche durch die Länder der Ungläubigen.

1. Von der Machtfülle des Papstes hatten die beiden Freundedie höchste Vorstellung. Ist er ja doch der Stellvertreter Gottesauf Erden, von welchem Petrus nach Matth. 16, 16 ff. undLuc. 22, 31 mit der Sorge über seine ganze Herde betraut ward.Mit Recht trägt daher sein Nachfolger die dreifache Krone, dasSinnbild seiner Herrschaft über alle drei Erdteile. Als StellvertreterGottes auf Erden hat der Papst die Pflicht, für das Seelenheil allerMenschen zu sorgen, er darf sich daher mit dem bloßen Namenund mit dem eitlen Ruhme irdischer Herrlichkeit nicht begnügen,noch sein Leben in Schwelgerei, Müßiggang und Trägheit ver-bringen, Lastern, von welchen ja Leo X. ohnehin nie etwaswissen wollte. Sein Streben darf auch nicht, wie die Einsiedlermit einem Seitenhiebe auf J u 1 i u s IL betonen, auf die Eroberungirdischer Länder gerichtet sein; nicht Städte und Festungen unterdie Botmäßigkeit der römischen Kirche zu bringen, sondern Seelenfür den Himmel zu gewinnen, muß ihm am Herzen liegen; denneine einzige Menschenseele wiegt alle Reiche der Welt auf. DerPapst, und er allein, hat das Recht, ein allgemeines Konzil zuberufen, wie Quirin in einer eigenen Abhandlung 3 zeigt. DieKaiser können ein solches nur im Auftrage und mit Zustimmungdes Papstes versammeln, widrigenfalls es überhaupt kein all-gemeines Konzil wäre. Ein solches kann aus vielen Gründenzusammentreten, namentlich auch zur Zügelung eines Papstes,welcher sein Amt mißbraucht, sich der Simonie schuldig machtoder ein schandbares Leben führt 1 ; der Art war das vom KaiserOtto I. veranstaltete Konzil der italienischen Bischöfe gegen