VI. DIE KIRCHENREFORMA. DELFIN.
Eine ergreifende, unermeßliche Reformsehnsucht durchdrangin den Jahrzehnten Peter Delfins alle Gemüter. Hoch und nieder,Laien und Geistliche, kirchliche Würdenträger aller Rangstufenund Ordensleute aller Geschlechter, Regeln und Länder warenin dem einen, unaufhörlich mit erschütternder Eindringlichkeitgeäußerten, inbrünstigen Verlangen einig, es möchte endlich, end-lich der gottgesandte Retter erscheinen, da es so wie bisher nichtfortgehen könne und dürfe, solle nicht der Verheißung des Er-lösers zum Trotze das Schifflein seiner Kirche dennoch im wüten-den Sturme zerschellen. Der Einsicht in die unaufschiebbareNotwendigkeit einer gründlichen Resserung an Haupt undGliedern vermochte sich auch Delfin nicht zu entziehen. Je näherman Rom sei, schrieb er dem Rischofe R a r o z z i\ um so mehrsehe und höre man, was zum Ärgernisse gereiche und das Elendder Zeit bilde; sich eingehender darüber auszusprechen, wagte«r jedoch nicht, auf daß es nicht den Anschein erwecke, als richteer seinen Mund gegen den Himmel (Ps. 72, 9). Mit dem Kardi-nale Piccolomini seufzte er über den Verfall seiner Zeit 2 .Je höher der Rang sei, welchen der Protektor bekleide, destobesser könne er sich von der allgemeinen Verkommenheit über-zeugen, welche die Schuld am gegenwärtigen Unglücke trage.Alles sei in Wollust verstrickt und habe nur mehr Sinn für leib-liche Genüsse, schätze aber die Güter der Seele gering, wandle inder Finsternis und im Tode, obliege dem Raube, dem Retruge,der Hinterlist und allen Greueln, den wilden Tieren gleich allerReligion, aller Treue, aller Rarmherzigkeit bar. Der Teufelscheine in die Ordensleute und Priester gefahren zu sein, klagteder General ein andermal 3 , so daß sie, die ein gutes Reispiel zurErbauung der Gläubigen geben sollten, im Gegenteile nur Ärgernis