ALEXANDER VI. DER CHRISTUS DES HERRN
gebührenden Strafe überantwortete. Nach Gottes gerechtem Ge-richte sei sie in die Hände ihrer Feinde gefallen, sie, die es wagte,ihre Hand wider den Christus Gottes zu erheben 26 . Ausführlichschilderte Delfin die Lebensgefahr, in welcher Alexander VI. am28. Juni 1500 durch das Herabfallen einer sechsunddreißigpfün-digen Eisenstange und am folgenden Tage durch den Einsturzeines Kamins schwebte 27 ; es sei ein reines Wunder, daß der Papstdurch die Masse des ihn bedeckenden Schuttes nicht erdrückt understickt worden sei 28 . Mit dem römischen Dichter könne der HeiligeVater sprechen: „Mag der Weltenball in Trümmer stürzen, sowerden diese einenHelden begraben." Durch Gottes Erbarmung fürein längeres Leben zum Schutze der schwer bedrängten, dem gänz-lichen Untergange nahen Christenheit gerettet, werde er nun wohlwilliger daran gehen, sich dem Sturze der Kirche mit frommerSchulter wie eine kräftige Säule entgegenzustemmen! Es war wirk-lich ein starkes Stück, welches nur ein so gewohnheitsmäßigerLobhudler wie Delfin fertig brachte, vom Borjapapste, dessenSchandtaten alle ernsten Gemüter mit Grauen und Entsetzen er-füllten, als von einem Helden, einer Kirchensäule und gar vomChristus des Herrn zu reden! Immerhin nahm er einen Anlaufzu besserer Einsicht gelegentlich des kurzen Ausflugs, welchenAlexander VI. im Februar 1502 nach Piombino unternahm 29 . DerGeneral begleitete ihn zwar mit dem frommen Wunsche 30 , derPapst möge wohlbehalten zurückkehren, vom jubelnden Volkemit dem Zurufe empfangen, mit welchem einst Christus in Je-rusalem einzog: „Gepriesen sei, der da kommt im Namen desHerrn" (Matth. 21, 9)! Aber er maß der Reise keine glücklicheBedeutung bei, denn Piombino sei die „Bleistadt 31 ", vom Bleiaber heiße es in der Schrift: (Jes. Sir. 22, 17 f.) „Was ist schwererals Blei? Und wer verdient diesen Namen mehr als ein Tor?Sand, Salz und Eisenklumpen sind leichter zu ertragen als einunkluger, törichter und gottloser Mensch." Und, fügte Delfin bei.bleiern seien überhaupt die gegenwärtigen Zeiten, härtere undschwerere habe es niemals gegeben. Mehr als schüchterne An-deutungen in Freundesbriefen wagte er jedoch nicht; mit Ent-setzen schreckte seine ängstliche Seele vor dem Gedanken zurück,über die römischen Greuel ein kräftiges Wort verlauten zu lassenoder auch nur seinen Namen einer Schrift zu leihen, worin vonihnen die Rede war. Von seinem Gönner, dem Kardinalprotektor,