ABT GUARIN VON S. MICHAEL
keit gegen die Armen, Mönche und Geistlichen angesehenerMann 11 . Bei ihm fand auch der Abt Guarin von S. Michaelzu Cusan im südfranzösischen Sprengel Perpignan gastliche Auf-nahme, als er auf seiner Pilgerfahrt zu den Heiligtümern derChristenheit auch nach Venedig kam, um am Grabe des hl. Evan-gelisten Markus zu beten. Durch den noch immer starken Anhangseines ermordeten Vorgängers an Leib und Leben gefährdet 12 , be-schloß Peter Orseolo auf den Rat des weisen Abtes Guarin, sichder Rache seiner Gegner durch heimliche Flucht nach dem fernen,venezianischen Nachstellungen entrückten Pj'renäenkloster Cusanzu entziehen; sein Neffe Johannes Grade nigo sowie seinSchwiegersohn Johannes Morosini, beide nicht wenigerbedroht, wollten ihm in die frei gewählte Verbannung folgen. VonOrseolo ins Vertrauen gezogen, faßten auch Marin und Romualdden Entschluß, nach S. Michael mitzuziehen. Marin hatte wohllängst erkannt, daß er, im geistigen Leben selbst ohne Erfah-rung und Halt, seinem Schüler gegenüber am Ende seines Lateinssei und der Führung durch die sichere Hand eines geschultenGeistesmannes bedürfe; Romuald aber mochte sich längst nacheiner Gelegenheit sehnen, die klaffenden Lücken seiner höchstmangelhaften Bildung wenigstens notdürftig auszufüllen —, undwo hätte dies leichter geschehen können als in Cusan unter derLeitung seines ob seiner Gelehrsamkeit ebenso 13 wie ob seinerFrömmigkeit gefeierten Abtes Guarin! In der Nacht auf den 1. Sep-tember 978 bestieg der Doge mit seinen beiden Verwandten undmit den drei heiligen Männern die Gondeln, welche sie nach demFestlande brachten, von wo sie auf bereitgehaltenen Pferden inrasender Schnelligkeit über Verona und Mailand nach S. Michaeljagten. Das erste, was hier ihr Auge auf sich zog und blendete,war die prachtvolle Basilika, welche, soeben erst vollendet undeingeweiht (974), im strahlenden Glänze ihrer marmornen Säulenund ihres in verschwenderischer Fülle angebrachten Schmuckesaus Gold und Edelstein prangte 14 . In ihr kam die außerordent-liche Bedeutung zum Ausdrucke, welche dem Kloster durch seinenvon Tag zu Tag steigenden Reichtum sowie durch seine beherr-schende Stellung als Hochburg der kluniazensischen Reform-bewegung im südlichen Frankreich eignete. Cusan war aber auchMittelpunkt des wissenschaftlichen Lebens, namentlich blühtenhier die mathematischen und astronomischen Studien, worin der