Belgische Schriftsteller feiern die Königin Maria von Un-garn, die für ihren Bruder die Lande verwaltete, als diejenige,die zuerst an ein neutrales Belgien gedacht habe. Aber ihrBrief vom 8. Februar 1536 zeigt, daß sie als Landesmutter aufein momentanes Mittel greift, ähnlich wie ihre Tante Marga-rethe es schon 1528 getan hatte, durch eine Neutralisierung fürden einzelnen Kriegsfall will sie ihrem Lande die Kriegsleidenersparen. An eine dauernde Ncutralisierung zu denken, warenbeide Damen zu klug 3 ).
Ein „neutrales" Belgien war doch auch das nicht, wasder Kardinal Richelieu 1635 wollte, sondern es sollte ein„freier" Staat sein mit ewiger Offensiv- und Defensivallianzmit Frankreich und den Generalstaaten, unter dem Schutzeder beiden mächtigen Nachbarn. Es war ein Mittel, um denvon dem genialen französischen Staatsmann vorausgefühltenKampf zwischen den Niederlanden und Frankreich hinauszu-zögern; trat er aber ein, so wäre Belgien nichts gewesen alsSpieleinsatz und Schlachtfeld zugleich 4 ). Um die wirklicheNatur dieses Projektes zu finden, muß man, glaube ich, frischheraussagen, beide Nachbarn wollen sich eine gegenseitigeBarriere verschaffen in einem nicht mehr von den Spaniernin die große Politik gezogenen Lande von vollster Passivität,das seiner besten und wichtigsten Stellungen (Scheidemündungund Namur) vorher beraubt werden sollte. Es ist unrichtig,wenn Dollot sagt: „Der Kardinal hat die Verfassung Belgiensals unabhängiger Staat vorausgesehen und seine Neutralität
3 ) Pirenne, Geschichte Belgiens 3, 138, weicht mit Recht vonder Darstellung seiner Landsleute ab.
4 ) Pirenne 4, 379. Dollot, Les origines de la neutralitede la Belgique 60, sieht zu Unrecht darin einen neutralen Staat.
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