MS«!
82
Feiertag; häusliche Arbeiten sind gestattet. Am Morgen be-suchen aber alle den Gottesdienst in der Kirche, der sehr langedauert, der aber im Gegensatze zu allen anderen katholischenMorgengottesdiensten des ganzen Jahres keine Messe ist.
Der Priester erscheint in schwarzen Mefzgewändern undwirft sich zuerst an den Stufen des Altares auf sein Angesichtnieder zu stillem Gebete. Ebenso „die Leviten" und die anderenMefzdiener. Der Altar ist da noch entblöfzt, durch keine Kerzebeleuchtet, nur mit einem Altartuche bedeckt anstatt der sonstüblichen drei weifzleinenen Tücher. Das Kruzifix ist mit einemschwarzen Tuche verhüllt. Alles zeugt von Schmerz und Trauerüber das Leiden und den Tod Christi.
Der Gottesdienst beginnt dann mit zwei Lesungen aus demalten Testament und mit der Leidensgeschichte unseres HerrnJesu Christi nach St. Johannes, die in Domen von Geistlichenund vom Kirchenchore ohne Orgel lateinisch mit verteiltenRollen und vielstimmigen Chören gesungen wird. Die Dörflersingen gewöhnlich nochmals die Matthäuspassion deutsch wieam Palmsonntage. Daran schliefzen sich die Fürbitten füralle Stände und Alter, auch für die Juden und Heiden. Dannbeginnt die Enthüllung und Verehrung des hl.-Kreuzes, das nach der Enthüllung im Chore der Kircheauf einen schwarzen Teppich niedergelegt wird.
Die dabei vorgeschriebenen Lieder und Gebete sind fastalle volkstümlich. Sie sind in allen katholischen Kirchen diegleichen. An Kunst des Vortrages aber sind sie natürlich sehrverschieden. Wer das feierliche „Ecce lignum crucis" und dieerschütternden Improperien: „Popule meus, quid fecitibi?" etc. mit dem Trisagion: „Agios o theos; Agiosischyros; Agios athanatos; eleison imas" nach der Kompositionvon Vittoria einmal im Dome zu Speyer recht gehört hat, derwird das in seinem ganzen Leben gewifz nie wieder vergessen-
Zur Verehrung und zum Kusse des Gekreuzigten kommendie Geistlichen und die Mefzdiener am Karfreitag alle unbe-schuht, in schwarzen Strümpfen. Sind darnach die Schuhewieder angezogen, dann beginnt die Missa praesanctificatorum:Die am Gründonnerstag konsekrierte hl. Hostie wird in feier-licher Prozession abgeholt, zum Hochaltare gebracht, zur An-betung erhoben und vom Priester dann genossen. Damit schliefztder Gottesdienst; denn am Karfreitag wird keine Messe ge-lesen und keine Kommunion ausgeteilt. Der Chor beginnt dar-nach die Vesper zu singen.
ffifc