Das älteste und großartigste Wunderwerk auf unserer alten,weiten Erde ist das Sonnenjahr. Sein wunderbarerWechsel von Tag und Nacht, seine Mondphasen und Jahres-zeiten, ihr tiefgehender Einflufz auf die ganze belebte Welt, aufdas Blühen und Gedeihen, Absterben und Wiedererstehen derPflanzenwelt, hat schon den frühesten Völkern der Urzeit Be-wunderung und Ehrfurcht eingeflöfzt.
Die weise Weltordnung und die Wirkungen des Sonnen-jahres, der ewigen, mächtigen Naturgewalten, haben zu allenZeiten Herz und Sinn der Menschen auch nach oben gelenkt.Sie haben an das Walten und Wirken ewiger Götter glaubengelehrt und die frohe Hoffnung geweckt, dafz auch wir einmal,gleich der Mutter Erde und ihren Pflanzen, nach langem Winter-schlafe wieder auferstehen werden zu einem neuen, ewigenLebensfrühlinge. Wir kennen kein Volk ohne solchen Götter-glauben und ohne Hoffnung auf Unsterblichkeit.
Auch die germanischen Völker haben lange vor derfrohen Botschaft der geoffenbarten, christlichen Religion sicheine solche Naturreligion geschaffen. Sie haben die sieumgebenden Naturgewalten und Naturerscheinungen belebtund personifiziert, zu Göttern und zu Wirkungen der Göttererhoben.
Wie der Tag nur ein Sonnenauge hat und die Nacht nure i n Mondlicht, so ist auch der germanische Himmelsgott Wuo-tan einäugig. In weitem, dunklem Mantel zieht er gleich demSturmwetter lauttosend in die Schlacht gegen die Frostriesenund gegen die Glutriesen und hinter ihm die ganze Schar derHimmlischen und der verstorbenen Helden.
Ihnen zur Seite fährt der Gewittergott Thor oder Donar.Mit gewaltiger Kraft schleudert er seinen Gewitterhammergegen alle feindlichen Mächte, die der Erde und dem Land-manne Schaden bringen.
Neben den Äsen, den gewaltigen Himmelsgöttern, ver-ehrten die alten Germanen auch die W a n e n, die schönenLichtgötter, die Götter der warmen Jahreszeit, die mit Gras undLaub in Flur und Wald im Frühling erwachten, wuchsen undblühten, im Herbst und Winter aber mit dem Sommerlaube undmit den Blumen verblühten und tot zur Erde sanken, bis derneue Frühling und der lichte Frühlingsgott Phol oder Balder siewieder weckte.
Dr. Grünenwald, Volkstum und Kirchenjahr. 1
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