Druckschrift 
Volkstum und Kirchenjahr : ein Beitrag zur Volkskunde der Pfalz
Entstehung
Seite
50
Einzelbild herunterladen
 

50

Herr Jesu Christ. Du wollest uns befreien Von Wasserund von Feuer!"

Dafür erhalten sie in jedem Hause ihre Neujahrsgabe, zehnPfennig oder auch ein Ei in ihren weiizen Spreukorb,den zwei Buben mittragen. Darnach verlassen sie die Stube mitdem lautgesungenen Wunsche:Glückselig's Neues Johr,G'sundheit, langes Leben und alles, was Euch lieb ist!"

Um Mitternacht, wenn alle Sammelgaben gleichmäfzigverteilt sind, läuten dieselben Buben von 12 bis 1 Uhr das neueJahr an mit einem langen und zwei kürzerenZeichen" allerGlocken. Gleichzeitig geht der Nachtwächter durch das Dorfund bläst mit zwölf langgezogenen, dumpfen Tönen seines im, stumpfen Winkel geknickten, blechernen Wachthornes das alteJahr zu Ende. Er singt dazu das alltägliche Wächterlied:Hört,ihr Bürger, und lafzt euch sagen; Die Glock hat zwölfeg'schlagen. Lobet Gott und Maria!" Hat ein Protestantdie Wache, dann schliefet er:Lobet Gott den Herrn!"

In der Neujahrsnacht wird oft noch ein frommerGlückwunsch dazu gesungen. Dafür erhält der Wächter in denHäusern, vor denen er in seiner Runde anhält, Neujahrskuchenund Branntwein. Diese mitternächtliche Bewirtung unter-bleibt natürlich, wenn zwei reichere Bürger zufällig die Nacht-wache halten; denn diese Aufgabe wechselt täglich und derGemeindediener trägt das Wachthorn jeden Abend in einanderes Haus. Seine Botschaft:Ihr habt heint die Nachtwach",kann niemand ohne sehr triftige Gründe ablehnen oder umeinige Tage verschieben. Sie verpflichtet die ganze Nacht hin-durch wach zu bleiben und Licht zu brennen und von abends 10bis morgens 4 Uhr jede Stunde einmal durch das ganze Dorf zugehen, sie mit dem Wächterhorne laut anzublasen und auszurufen.Nachlässige Bewachung des Dorfes wird hart bestraft, zumalwenn ein Brand oder sonst ein Unglück in Haus und Hof undStällen ausbricht, das nicht rechtzeitig beobachtet und gemeldetwird. Jetzt ist die Nachtwache fest vergeben. Das Wächter-horn ist verstummt. Das Mitternachtslied an Neujahr ist seltengeworden.

Beim ersten Klange der Neujahrsglocken beginnen die er-wachsenen Burschen in Gruppen von 4 bis 8 Mann ihren Ge-liebten und Schwestern das Neujahr anzuschiefzen. Sie tuendas herkömmlich trotz alljährlichen Polizeiverbotes und trotzstrenger, vom Polizeidiener öffentlich ausgesehener Straf-