Druckschrift 
Volkstum und Kirchenjahr : ein Beitrag zur Volkskunde der Pfalz
Entstehung
Seite
41
Einzelbild herunterladen
 

41

darauf, dafz Bräutigam und Braut einander möglichst gleicheMitgift zubringen, damit s i e nicht später alsBellmäel", d. h.als Bettelmädchen, und e r nicht alsZottelbock", als einer derkeine Knöpf an den Hosen hat", verspottet werden. Es sollein guter Anfang da sein, damit die Liebe nicht verhungert;denn wo die Not drückt,da werden die Menschen leicht hart.Es ist darum nach alter Erfahrung wirklich gut, wenn junge Ehe-leute im Dorfe an Besitz und Kraft, an Alter, Bravheit undTüchtigkeit einander möglichst gleich sind. Die Hauptsacheaber ist, dafz sie stets voll Hochachtung an einander hinauf-schauen können; denn das Leben ist hart und legt allen schwerePrüfungen und Opfer auf.

Die erste gemeinsame Freude und Sorge der Neuvermähl-ten gilt dem Nachwuchs; dennKinder sind ein Geschenk Got-tes" und eine Ehe ohne Kinder wäre im Dorfe freudlos undliebeleer. Jeder Bube macht seine Eltern umtausend Guldenreicher"; jedes Mädchenum hundert". Die Mutter aberstehtbei jeder Geburt mit einem Fufz im Grab". Sie gibt für jedesKindeinen Zahn" undein Stück ihres Lebens hin". Sieschenkt" jedes Kleine, d. h. sie nährt es an ihrem eigenenBusen, bis es laufen kann, dick und stark wird, oder bis siewiederin anderen Umständen" ist. Dann erst wirdder kleineHerznager, der dicke Prossel", abgewöhnt. Er bekommt dannZuckermilch aus einer Tasse oder aus einer Flasche mit Gummi-schnuller, oder auch Kindeisbrei, den die Mutter mit einemKaffeelöffelchen ihm mühsam beibringt. In der Zwischenzeit gibtsie ihm auch einenSchlutzer", d. h. Weck und Zucker, diezerdrückt, in Leinwand gebunden und in sülze Milch getauchtsind, zum aussaugen.

Ein Kind richtig grofzzuziehen ist auf dem Lande zumeisteine sehr mühsame Arbeit. Weil die Mütter sich nicht ent-sprechend nähren und schonen können, gibt es viele Schrei-kinder,Neunwochenkrischer", die ihren Eltern Tag und Nachtkeine Ruhe lassen. Anfangs hilft zwar die Hebamme morgensund abends. Dann aber kommt sie täglich nur einmal und nach10 bis 12 Tagen nicht mehr. Aehnlich machen esdie G'schweiund die Gevattern" und die Nachbarinnen. Sie bringen zwaranfangs gute Rahmsuppe und Weinsuppe, auch Kalbfleisch mitNudeln und dürren Zwetschen, manchmal auch guten Rat, weifzeWindeln und ein Flügelhemdchen oder ein Häubchen für dasKleine. Dann aber lassen sie die junge Mutter mit ihrem Kindeallein und oft weinen dann alle beide hilflos und ratlos mit

"' v ' 1

$111!!

MI

kB

iiili

II

_JB