37
Manche Bekanntschaften beginnen schon in derSchulzeit und dauern dann still und unentwegt. Es ist ein ideal-schönes Jugendglück, wenn zwei brave, junge Menschen, diezueinander passen, einander schon frühe finden, sich gernesehen und einander treu bleiben. Die Werbung aber ist stetseine ernste, wichtige und heilige Herzenssache. Noch mehr dieVerlobung. Findet ein Bewerber keine Gegenliebe, dann lehntihn das Mädchen so deutlich ab, dafz kein Zweifel übrig bleibt,und dafz er keine Brille dazu braucht seinen Korb zu sehen.Andernfalls wird oft ernste, religiöse Selbstprüfung gehaltenmit neuntägigen Andachten und Sakramentenempfang. Undweil man nach dem Sprichworte „die ganze Familie" samt ihrenguten und schlechten Eigenschaften und Naturanlagen mit-heiratet, wird oft auch Familienrat gehalten, ehe das Jawort er-folgt. Dabei spielen die Bravheit und die körperliche Gesund-heit, die Gleichheit der Religion und die annähernde Gleichheitder äufzeren Verhältnisse gewöhnlich die wichtigste Rolle-Religiös gemischte Ehen gelten immer als ein grofzes Unglück,besonders wenn eine Mutter nicht nach ihrem Glauben mitihren Kindern beten darf, und wenn sie deswegen auch vonihrer Kirche ausgeschlossen wird.
Ist die Entscheidung getroffen und sind die zwei Jungenmit einander einig, dann wird Handstreich gehalten unddie öffentliche Verlobung mit einem kleinen Familienfeste ge-feiert. Langer Brautstand gilt als ein Uebel und als eine Ge-fahr. Darum wird nach dem Eheversprechen sogleich auch dieHochzeit besprochen und die beiderseitige Ausstattungbesorgt.
Reicht die selbstgesponnene Leinwand der Braut nicht fürdas nötige Weifzzeug, für Hemden und Bettzeug, dann fahrendie Brautleute miteinander in die Stadt zum Einkaufen. — Brautund Bräutigam werden zu ihrem Hochzeitstage vom Fufz biszum Kopfe neu gekleidet und ausgestattet. Der Bräutigam kauftseiner Braut überdies ein dunkelfarbiges Brautkleid, ihrenSchwestern je ein „Brautstück". Die Braut gibt ihrem Bräuti-gam das Hochzeitshemd und näht es womöglich selbst. So oftsie sich dabei sticht, soviele Küsse erhält sie dafür an ihremHochzeitstage.
Das Hochzeitskleid der Braut ist weifz; ebenso ihrHochzeitsschleier. Ihr weifzer Myrtenkranz ist mit grünen Blätt-chen durchsetzt. Dieses Ehrenkleid jungfräulicher Reinheitdürfen gefallene Mädchen und nochmals heiratende Witwen im
m