Druckschrift 
Volkstum und Kirchenjahr : ein Beitrag zur Volkskunde der Pfalz
Entstehung
Seite
12
Einzelbild herunterladen
 

12

lebendig gefühlt. Doch über ihnen und über uns und über allemsahen wir ein noch viel mächtigeres, ein allgegenwärtigesWesen, das sie und die Natur und auch uns alle liebend schufund trug und belebte.

Von diesem Volkstume meiner Heimat undmeiner Jugendzeit habe ich schon einmal in meinemPfälzi-schen Bauernkalender" berichtet. Ich soll es hier noch einmaltun und zwar in noch engerem Anschlüsse an das Kirchenjahrum zu zeigen, wie innig beide miteinander verbunden sind, so-dafz man lebendiges Kirchentum und kirchliches Volkstum oftkaum von einander scheiden kann.

Ich tue das pietätvoll und wahrheitsgetreu und hoffe esso tun zu können, dafz dabei in andern kein Schaden entsteht,und dafz kein gesundes Würzelein verletzt oder aus dem Heimat-boden gerissen wird; denn bei uns will niemand gefühllos oderhochmütig kritisiert werden, am wenigsten in seinem altväter-lichen Glauben und in seinem ererbten, heimischen Volkstume.

Leicht wird meine Aufgabe nicht sein und auch nicht ge-fahrlos. Die Fahrt geht durch Klippen links und rechts. Siekann zu seicht und auch zu tief gehen. Bisher hat noch nie-mand mit dem rechten Lot und Kompafz diese Fahrt bei unsversucht und durchgeführt.

Wer nicht katholisch erzogen wurde, der wird den Sinnund Inhalt der alten kirchlichen Bräuche und Zeremonien undder kirchlichen Liturgie nicht leicht verstehen. Er wirddarum über den wichtigsten religiösen und kirchlichen Teilunseres katholischen Volkstumes auch nicht recht urteilenkönnen. Was über das 16. Jahrhundert zurückreicht, wird ihmleicht als ein Stück Altertum und als veraltetes Volkstum odergar als Aberglaube erscheinen, auch wenn es bei uns noch er-baulich und frisch, gesund und lebenskräftig auf das Seelen-leben unseres Volkes und damit auf den tiefsten und wichtig-sten Teil unseres heimischen Volkstumes alltäglich einwirkt.

Andererseits werden kirchlich fromme und theologisch feingebildete Kreise es vielleicht nicht gerne sehen, wenn auchdas katholische Kirchenjahr und die kirchliche Liturgie mit inden Bereich der Volkskunde und der Volkstumskunde hineingezogen werden. Sie werden manches vielleicht nicht recht ge-würdigt und nicht tief genug verstanden glauben.

Ich will mit beiden nicht rechten. Es wäre aber kurzsichtigzu glauben, dafz eine Religion, die den ganzen Menschen sotief erfafzt wie das Christentum, und die seit 1400 Jahren jeden