108 Gustav Ehrismann:
Vereinigung mit Gott findet. Er hat die Mönchsmoral, die höchsteStufe der Vollkommenheit 1 . Den Sinn der Dichtung gibt Rudolfselbst an im Epilog 404, 5—14: es ist der Kampf gegen die Welt,ez ist der weite widerstrlt. Der Barlaam ist eine didaktische Legende,das Lehrhafte nimmt gegenüber der Erzählung einen sehr großenRaum ein. In fünftausend sechshundert und siebenzig Versen,50, 7—177, 36, in der Katechurnenenlehre, die Barlaam als Vor-bereitung zur Taufe dem Josaphat erteilt, wird das christlicheDogma in mönchischem Geiste entwickelt: Trinität, die biblischeGeschichte des alten und des neuen Testamentes, jenes als der Vor-bereitung, dieses als der Erfüllung, die Dinge nach dem Tode,Sünden und Tugenden, Bedeutung der Taufe, Lostrennung vonder Welt. Wird in dieser Christenlehre das Christentum als diewahre Religion erwiesen, so gilt die Disputation Nachors mit denheidnischen Meistern 230, 19—276, 2 der Widerlegung des Aber-glaubens der Heiden — Chaldäer, Griechen, Ägypter — und Juden(1774 Verse); und in dem Religionsgespräch Josaphats mit demalten Heiden Theodas wird die Nichtigkeit der heidnischen Ab-götter gegenüber der Macht Gottes erwiesen 318, 13—333, 20 (648Verse). In diesen drei großen Lehrstücken wird der Gegensatz, derdas ganze Gedicht durchzieht, der weite widerstrlt, als Kampf desChristentums gegen das Heidentum, des Gottesstaates gegen denWeltstaat, dogmatisch entwickelt. Damit hat Rudolf schon imBarlaam das Thema bearbeitet, das er später in der Weltchronikin viel umfassenderer Weise auszuführen die Aufgabe hatte.
Aber noch eine andere, eine viel gefährlichere Welt als die derHeiden und Juden hat der fromme Christ zu bekämpfen, das istdie in seinem eigenen Herzen, und unter all den weltlichen Mäch-ten, die ihm von hier aus drohen, ist die mächtigste die Minne.Da der zur Heiligung drängende Jüngling dem Minnezauberwiderstrebt, hat er die schwerste Prüfung bestanden 290, 8—309,24 2 . Er lernt erkennen, daß das Weib eine Ausgeburt des Teufelsist (293, 33f. 294, 21. 295, 1). Hier aber regt sich in Rudolf dasWeltkind. Gegen dieses Verdammungsurteil des Weibesnamens
1 Gerhard besitzt das ethische Grundgefühl, das Mitleid, er lindertdas Leiden des Lebens der Menschheit; Josaphat, der Asket, hebt in sichdas Leiden überhaupt auf durch Verneinung des Willens zum Leben.
2 Es ist die Szene, die Richard Wagner in seinem Parsifal benutzthat, vgl. bes. Petsch, Zur Quellenkunde des Parsifal, R.-Wagner-Jahrb. IV,138ff.; Gurt R. Hohberger, Die Entstehungsgeschichte von Wagners„Parsifal", Leipzig 1914, S. 156ff.