Studien über Rudolf von Ems. 107
stoff gebotene Maß erweitert, in der Einschaltung solcher reli-giösen Episoden zeigt sich sein frommer, für theologische Frageninteressierter Sinn. In dem dem Kaiser in den Mund gelegtenGebet 300—484 entwickelt er zuerst 300—412 die Grundlage desDogmas, die Trinität, und zwar ähnlich wie in der Einleitungzum Barlaam: die drei Personen 300—324; der Vater (gewalt)ist der Schöpfer 325—368; der Sohn (wisheit) ist der rät, dasWort durch das Gott die Welt geschaffen 369—378; der heiligeGeist {güete, diemüete) 379—412, verleiht der Schöpfung das Leben,und zwar in der dreifachen (aristotelischen) Abstufung des Seelen-lebens (das „dreifaltige Leben" 389), wonach den Pflanzen nurWachstum zukommt, aber kein verstau (hier = Empfindung,Sinnentätigkeit, die vegetative Seele) 391—396; den Tieren Be-wegung (vliezent, vliegent unde gänt) und sinnliche Wahrnehmung,aber ohne das Vermögen, diese verständig (vernünftig) äußern zukönnen (sich verstau, die sensitive Seele) 397—402; den Menschendie Vernunft (vernunst, die rationale, vernünftige Seele) 403—408.Auf die Erklärung der Trinität folgt die Heilsgeschichte413—446, geteilt in Sündenfall 413—416 und ErlösungswerkChristi 417—446. Den Schluß bildet ein Bittgebet an Gott umMitteilung, welchen lön er für seine arbeit erhalten werde. Dasganze Gebet ist aufgebaut nach den vier Teilen einer SummaTheologiae (I. Dreieinigkeit, II. und III. die Heilsgeschichte, be-stehend aus Sündenfall und Erlösung; dem IV. Teil einer Summeentspricht hier das Bittgebet).
Eine einzelne, zur Sakramentenlehre gehörige Frage behandeltRudolf in der Mahnung des Erzbischofs an den jungen Gerhard4329—4412: die Rede ist eine Predigt über die Ehe nach derPericope Matth. 19,6: Was Gott zusammengefügt hat, das sollder Mensch nicht trennen.
Die Legende von Barlaam und Josaphat ist ein Gegen-stück zu der erbaulichen Erzählung vom guten Gerhard. Gerhardund Josaphat, beide sind mit Gott vereint, Kinder Gottes, Ange-hörige des Gottesstaates auf Erden, aber Gerhard ist der in derWelt lebende Mensch, er hat die Laienmoral, indem er reinenHerzens Gott dienend doch auch dem Irdischen sein ihm zu-kommendes Recht läßt; Josaphat dagegen ist der ganz in Gottsich versenkende Mönch, der Heilige, der durch Flucht aus derWelt und durch Abtötung des Menschlichen in der Askese die