Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften Stiftung Heinrich Lanz Philosophisch-historische Klasse = Jahrgang 1919. 8. Abhandlung — Studien überRudolf vonEms Beiträge zur Geschichte der Rhetorik und Ethik im Mittelalter Von GUSTAV EHRISMANN in Greifswald Vorgelegt von W. BRAUNE Eingegangen am 30. Juni 1919 Heidelberg 1919 Carl Winters Universitätsbuchhandlung Verlags-Nr. 1504 S. ADV- Katalog] ■*, Inhaltsangabe. Seite A. Die Prologe in Rudolfs Werken................ 3 Die Prologe im Alexander.................. 3 I. Die Kunst ........................ 12 a) Ursprung der Kunst ................. 12 b) Grundbedingungen zum künstlerischen Schaffen..... 13 c) Ideengehalt des Kunstwerkes.............. 19 d) Das Wesen der Kunst................. 19 e) Zweck des Kunstwerkes................ 20 II. Der Dichter....................... 21 a) Nachahmung der Meister................ 21 b) Rhetorik, Stilistik................... 23 III. Das Publikum, Zweck des Prologs............. 39 Die Prologe zu den andern Werken.............. 43 B. Die Elemente von Rudolfs ornamentalem Stil ......... 57 C. Die Zeitfolge der Werke Rudolfs ............... 79 D. Die Weltanschauung Rudolfs................. 103 A. Die Prologe in Rudolfs Werken. Die Prologe im Alexander. Die Prologe in Rudolfs Alexander sind in einer ausgeklügelten Kunstsprache abgefaßt. Es sind stilistische^Prunkstücke, Musterbeispiele einer schulmäßigen Beredsamkeit. Es läßt sich an ihnen eine ritterlich-höfische Rhetorik zusammenstellen und sie sind die umfassendste und wichtigste Quelle für diesen Wissenschaftszweig in der mhd. Literatur. Die Kunst ist in der Theorie des dreizehnten Jahrhunderts „Studium, Wissenschaft, der Inbegriff der sieben Künste" 1 . In ihr Bereich gehört darum auch die Rhetorik. Im engeren Sinne bezieht sich Kunst speziell auf die Dichtung, aber in der begrifflichen Auffassung der Zeit besteht keine bestimmte Grenze zwischen dem engeren und dem weiteren Sinn. Für Rudolf hatte, seiner wissenschaftlich gerichteten Veranlagung entsprechend, der 1 R. Hildebrand im DWb. V, 2666—2684; Norden, Die antike Kunstprosa 2, 670—-731: Die Stellung der Artes liberales im mittelalterlichen Bildungswesen; P. Gabriel Meier, Die 7 freien Künste im Mittelalter, Jahresber. von Maria-Eirsiedeln, 1885 u. 1886; M. Guggenheim, Stellung der liberalen Künste oder encyklischen Wissenschaften im Altertum, Programm der Kantonsschule in Zürich, 1893; Kuno Francke, Zur Geschichte der lateinischen Schulpoesie des XII. u. XIII. Jhd.s, Münchener Diss., 1878; Otto Denk, Geschichte des gallo-fränkischen Unterrichts- und Bildungs- wesens von den ältesten Zeiten bis auf Karl d. Großen; Franz Anton Specht, Geschichte des Unterrichtswesens in Deutschland von den ältesten Zeiten bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts; Cruel, Geschichte der deutschen Predigt im Mittelalter, S. HOff.; Willibald Schrötter, Ovid und die Troubadours (dazu Vossler, Lit.-Bl. 1909f63yTT5iT Rr,AC H, S.-Ber. der Berliner Akademie, 1918, 1015 ff.; die Septem artes bei den mhd. Dichtern s. Strauch, Manier S. 129 u. 183f.; Thomasin, W. Gast, 8883—9196; Heinrich v. Neustadt, Gottes Zukunft ed. Singer, 771 ff.; Heinrich v. Mügeln, Der Meide Kranz ed. Jahr, 119ff. —■ Die Anschauungen über den Begriff der Kunst bei den mhd. Dichtern haben vor allem Burdach, Reinmar und Walther (für Obiges kommen bes. S. 29—-33 und 130—-139 in Betracht) und Roethe, Reinmar (besonders S. 1 86—195) klargelegt. l* 4 Gustav Ehrismann: Begriff Kunst jedenfalls eine stark gelehrte Beimischung 1 . Aber in der Poetik, die er in den Prologen zum Alexander niedergelegt hat, ist Kunst doch im wesentlichen als „Dichtkunst", poesis, poetria, aufgefaßt. Die Prologe der mittelhochdeutschen Dichtungen haben, soweit sie weltlichen Inhaltes sind, die sie bestimmenden Motive aus der Rhetorik gezogen 2 . Über das Wesen der Dichtkunst jedoch und deren Grundbedingungen werden zunächst nur gelegentlich vereinzelte Äußerungen getan, auf eine umfassendere Theorie ist es nirgends abgesehen. Gotfrid hat in der literarischen Stelle seines Tristan sein persönliches Urteil über einzelne hervorragende Meister niedergelegt mit einer unvergleichlich treffsicheren Charakterisierungskunst und mit feinster Kenntnis der rhetorischen Mittel, Wolfram hat zu einer Grundfrage prinzipiell Stellung genommen 3 , Rudolf aber hat eine Reihe von einzelnen Hauptpunkten der Rhetorik in seinen Einleitungen zum Alexander verarbeitet, aus denen sich, wenn man sie aus der poetisch stilisierten Einkleidung loslöst, ein einheitliches System aufstellen läßt. Eine derartige Kenntnis des Gegenstandes, wie sie Rudolf besitzt, kann nur auf einem Studium (arbe it*, Rud. 1 Als „lernbare" Kunst, eine Wissenschaft, wird im Altertum die Rhetorik wie jede Ars aufgefaßt, vgl. u. a. Quintilian II, 14, 5: Rhetorice . . ars erit, quae disciplina percipi debet: ea est bene dicendi scientia. Für die mhd. Auffassung s. Hildebrand a. a. O., Roethe S. 187f., Plenio, Beitr. 42, 427ff. 2 Über diese s. Richard Ritter, Die Einleitungen der altdeutschen Epen, Bonner Diss., 1908. 3 Willeh. 2, 19—22. 4 Stark betont Rudolf den Begriff „Arbeit" (vgl. Ztschr. f. d. A. 56, 183—185). Zunächst versteht er darunter die Arbeit an seinen dichterischen Werken. Die künstlerische Arbeit ist für ihn eine Lebensaufgabe. In diesem höheren Sinne erfüllt der Dichter eine von der sittlichen Anschauung der Zeit gebotene Pflicht, nämlich die, seine ihm von Gott verliehenen Gaben zu verwerten, bezw. nach biblischem Gebot, „seinen Schatz nicht zu vergraben" (Sapientia obsconsa et thesaurus invisus, quae utilitas in utrisque? Matth. 5,16. 25,18.28). Dieses in der mittelalterlichen Literatur immer wiederkehrende Gebot der Kirche ist zum weltlichen Sprichwort geworden, vgl. Begraben schätz, verborgen sin, deist vertust äne gewin Freidank 147, 8f. In mhd. Prologen wird dieses Motiv gerne angebracht (vgl. Ritter, Die Einleitungen der ad. Epen S. 75, dazu bes. auch Krone 11 f. und Bezzenberger in den Anmerkungen zu seiner Ausgabe des Freidank S. 438f.; Roethe, Reimvorreden des Sachsenspiegels, bes. S. 104—107). Hugo v. S. Victor hat die Mahnung, sein Pfund nicht zu vergraben, in sein Lehrbuch vom Unterricht des Wissens aufgenommen: Eruditio didasc. III Kap. 8, Migne 176, 771). Das Versäumnis der geistigen Arbeit zum Guten ist das Laster der Negligentia, die Vernachlässigung der geistlichen Pflichten, Gleichgültigkeit Studien über Rudolf von Ems. 5 Alexander 29-40. 3182. 3255. 20643, Willeh. 125. 2295. 2302. 2323, 5601. 5623. 5644. 5653) der Poetik (Rhetorik) beruhen. In diesen Prologen ist das Wesen der Dichtkunst wissenschaftlich begründet wie ein Lehrgegenstand. Das ist der Kunstbegriff der gelehrten Dichter, der „Meister", der bürgerlichen Fahrenden, wonach der Poet erst als Gelehrter seinen vollen Wert besitzt; der F^gjmj3n_also, und zu ihnen bekennt sich Rudolf von Ems selbst (besonders Prol. zum 2. Buch 3171 ff.). Die Rhetorik, die zweite der sieben freien Künste, umfaßte die Poetik und Stilistik, dabei die dürftig behandelte Literaturgeschichte. Der Lehrer für die mittelalterliche Rhetorik war Cicero 1 , vor allem mit seinen Schriften De inventione, Orator, De oratore, außerdem war viel benutzt die „Rhetorica Giceronis", die ihm zugeschriebene Ars rhetorica Ad Herennium (Cornificius); den reichhaltigsten Stoff boten unter diesen Werken die Libri tres de oratore. In den spätlateinischen und mittelalterlichen Grammatiken bildeten die Kapitel über die rhetorischen Figuren einen besonderen Abschnitt, meistens am Schluß (s. die Texte bei Keil, Grammatici latini; ferner Charles Thurot, Notices et extraits Tome XXII, 1868; Gröber, Grundriß der roman. Philo]. II, l,252f.). Cicero gab seine Regeln für die juristische, forensische, für die Gerichts- und Staatsberedsamkeit, diese hat dann Augustinus auf die Predigt, also in die theologische Literatur übertragen. Auf dem 4. Buch seiner Doctrina christiana sowie einigen Kapiteln seines Büchleins über den Ersten Religionsunterricht, De catechizandis rudibus, auch De ordine II Cap. 12ff., beruht die mittelalterliche ars rhetorica. Er hat der geistlichen Beredsamkeit die Wege gewiesen und damit auch dem Stil der Predigt die Grundregeln gegeben 2 . Die allegorisch-poetische Wissenschafts- gegen die Aufgaben des Priestertums, so unter den Geboten Gregors I., die besonders Gregor VII. wieder eingeschärft hat, vgl. Gotfried Herzfeld, Papst Gregors VII. Begriff der bösen Obrigkeit, Greifswalder Diss. 1914, bes. S. 10ff., 62ff. 1 Vgl. Norden 2, 657—763, bes. 700ff.; Specht, Geschichte des Unterrichtswesens in Deutschland, S. 114ff.; Zielinski, Cicero im Wandel der Jahrhunderte, 3. Aufl. S. 321. — Alanus nennt in seinem Anticlaudianus Lib. III Kap. 2 (Migne 210, 513B) die Rhetorik „Tochter Ciceros", Giceronis filia, ja geradezu Ars Tullia, s. auch Lib. I Kap. 4 (Migne 491C, vgl. auch Sp. 53 A); Tulliana facundia (Johannes v. Neumarkt), Burdach, Zur Kenntnis altdeutscher Handschriften, Zentralb], f. Bibliothekswesen 8, 461. 2 Für die Predigt s. die bekannten Werke von Cruel, Linsenmeyer, Lecoy de la Marche. 6 Gustav Ehrismann: lehre des Marcianus Capeila, De nuptiis Mercurii cum Philologia, enthält unter den sieben Künsten auch die Rhetorica im Buch V und gewährt überhaupt schon durch den stilistischen Ausdruck Belehrung und Anregung für den künstlerischen Gebrauch der Sprache. Isidor gibt in dem 2. Buch seiner Etymologien Buch II, 1—21 einen Abriß über die klassische Rhetorik und Buch I, Kap. 35 u. 36 eine Zusammenstellung der Schemata und Tropen, Beda handelt vom Redeschmuck in seinem Buche De Schematis et tropis sacrae scripturae, Migne 90, 175—186, Alcuin lehrt seinen Herrn und Schüler Karl den Großen die Rhetorik nach Ciceros De inventione in seinem Dialogus de rhetorica et virtutibus (Migne 101, 919—950), Hrabanus Maurus überträgt im Anschluß an Augustinus in seinem Lehrbuch für Geistliche, De clericorum institutione lib. III Kap. 19 u. 28-37 (Migne 107, 396f. 406-415), die weltliche Rhetorik auf die kirchliche Unterweisung. Für den Schulunterricht schrieb Notker seine Rhetorik (De arte rhetorica, Piper II, 623—688), dazu bearbeitete er den Kommentar des Remigius von Autun zum Marcianus Gapella (speziell die Stilistik, Kap. 38—59). Walther von Speyer (gest. 1031) bringt in seiner Schilderung eines klösterlichen Lehrgangs im ersten Teil seiner Christophoruslegende unter den sieben Künsten auch die Rhetorik (W. Harster, Waltheri Spirehsis Vita et Passio S. Christophori Martyris, Progr. Speier 1878, V. 91 ff., bes. 137 ff.). In seinem Compendium „Eruditio didascalica" behandelt Hugo von S. Victor die Septen artes (lib. II u. III, Migne 176, 751—778), darunter auch die Rhetorik; ein ganz kurzer Auszug De modo dicendi et meditandi geht unter dem Namen des Hugo Parisiensis (Migne ebda. S. 877—880). In der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts verfaßte ein Hirsauer Mönch eine kurze Literaturgeschichte der Auetores, d. i. der für den Unterricht empfohlenen klassischen und christlich-lateinischen Schriftsteller, mit unzulänglichen Bemerkungen über Poetik und Stilistik (Conradi Hirsaugiensis Dialogus super auetores sive Didascalon ed. G. Schepss, Würzburg 1889). In seinem Anticlaudianus läßt Alanus de Insulis (Lille, um 1190) die Rhetorica in stark geblümten Versen auftreten (Migne 210, 511—514; Heinrich von Neustadt hat den Inhalt des Abschnittes in „Gottes Zukunft" auf wenige Zeilen zusammengezogen, Singer 833—844). Er auch hat mit seiner Summa de arte prädicatoria (Migne 210, 111 — 198) ein verbreitetes homiletisches Hilfsmittel geschaffen. Stilblümig in schwülstigen Versen, Studien über Rudolf von Ems. 7 ähnlich wie Alanus, lehrt Ekkehard IV in seinem kurzen Abriß De lege dictamen ornandi (Z. f. d. A. 14, 33f., s. auch S. 13—21 ff., ferner S. 62—69, vgl. Norden S. 873f.) und etwas eingehender Marbodus, De ornamentis verborum (Migne 171, 1687 — 1692, s. auch Norden S. 876, Wilh. Meyer, Ges. Schriften 1, 80) und ausführlich der englische Kleriker Galfrid von Vinesauf (de Vino salvo, um 1200) in seiner poetria nova (Polycarp Leyser, Historia poetarum et poematum medii aevi 1721, S. 861—978), Eberhard von Bethune im Laborintus, um 1212 (ebenda S. 796—854), Alexander De Villa Dei in seinem Doctrinale, a. 1200 (ed. Reichling V. 2361 ff.); Vincentius Bellovacensis hat in seine große Encyclopädie, das Speculum doctrinale, ein Kapitel De logica et rhetorica et poetica (Buch IV) eingelegt. Thomasin berührt in seinem Abschnitt über die Künste auch die Rhetorik 8924f. 9007—9012. 9037—9042; den Marner s. oben S. 3; Heinrich v. .Mügeln beschreibt in seiner Wissenschafts-Allegorie „Der meide Kranz" (für Karl IV abgefaßt) die Rhetorica und ihre Farben (Willy Jahr, Diss., Leipzig 1908, S. 105). Um 1280 stellte Hugo von Trimberg einen literaturgeschichtlichen Abriß in lateinischen Vagantenversen zusammen, das Registrum multorum auctorum (ed. J. Huemer, Wiener S.-Ber. 116, 1888, S. 146-190). Ein vorzügliches Lehrbuch für Predigt und geistliche Rhetorik, beruhend auf der Praxis der späteren Jahrhunderte des Mittelalters, ist das Manuale curatorum von Surgant, Basel 1502, in dem in Liber 1 Consid. XVI eine umfassende Zusammenstellung der rhetorischen Figuren gegeben ist, welches Gebiet für die sprachlichen Untersuchungen über mhd. Stilistik besonders in Betracht kommt. — Ein eigener Zweig der Stillehre sind die Vorschriften für Abfassung von Urkunden und Briefen, vgl. Rockinger, Briefsteller und Formelbücher des eilften bis vierzehnten Jahrhunderts (Quellen und Erörterungen zur bayrischen und deutschen Geschichte, Bd. 9 u. 10, München 1863); Georg Steinhausen, Geschichte des deutschen Briefes, bes. 1, 39 ff.; Johannes Müller, Quellenschriften und Geschichte des deutschsprachl. Unterrichts, S. 357 ff.; Joachim söhn, Aus der Vorgeschichte des Formulare und Deutsch Rhetorica, Z. f. d. A. 37, 24—121; über Transmundus und weitere Literatur zu den Formelbüchern s. C. Kraus, D. Gedichte des XII. Jhd.s, S. 200ff.; über Johann von Neumarkt und den Kanzleistil in den Anfängen der Renaissance s. Burdach, Centralbl. f. Bibliothekswesen 8, 433 ff. 8 Gustav Ehrismann: Auf die Ausarbeitung der fünf Prologe im Alexander zu Buchl, II, III, IV, VI (Junk, Beitr. 29, 413ff.) hat Rudolf außerordentliche Sorgfalt verwendet. Es sind Kunstwerke in Inhalt und Form. Geflissentlich hat er sich Gotfrid zum Vorbild genommen. Im Prolog zum ersten Buch folgt er ihm in der Strophen- und Reimbildung und in der Anwendung des Akrostichons, im Prolog zum zweiten in der Nachahmung des Dichterkatalogs, im dritten und vierten wieder in der Häufung gleicher bezw. stammverwandter Reimwörter, im Prolog zum sechsten Buch in der Zitierung von Gotfrids Strophe vom gläsernen Glück. Inhaltlich bilden die fünf Proemien ein nach einem einheitlichen Plan angeordnetes System, in dem die Hauptpunkte der Rhetorik zur Sprache gelangen. Die Grundzüge dieses Systems sollen im folgenden dargelegt werden. Prolog zum ersten Buch 1 1—106. — I. 1—28 Ursprung der Dichtung, das künstlerische Schaffen: die von Gott verliehene sxlde, Got, sin, (Schlagwörter): Gott verleiht die künstlerische Begabung (sin), durch welche der Dichter die sselde erringen kann 1—4. Kunst, die nicht von sselde begleitet ist, wird nicht beachtet, sie gerät in Mißachtung, wirt vernihtetb—S. Grundbedingung für den Künstler zum künstlerischen Schaffen ist das von Gott gewährte Glück (gelücke, sselde) 9—12. Die sselde hat die Leitung, Führung der Kunst; welcher Dichter nicht sselde hat, der kann sie auch nicht erzwingen 13—16. Es ist eine häufig zu machende Erfahrung, daß dem Künstler keine sselde zuteil wird 17—20. Ein gutes Gedicht findet (dagegen) immer den rechten Weg, so wie die sselde und das Glück eingreift 21—26. Wenn sselde der Kunst (dem Künstler) besondere Kraft verleiht, so gelangt das dichterische Vermögen (sin) zu höchster Vollendung 25—28. — II. 29—40. Die Aufgabe des Dichters (dar üf arbeiten) bezw. Zweck seines Schaffens, subjektiv (Zweck für den Verfasser), und pris, lön dafür, das ist durch Gottes Beistand sselde und die gunst (das Wohlwollen, die Anerkennung) der edelen herzen erringen. — III. 41—61 Grundgedanke des Werkes (der äventiure), dargetan an dem Helden: den Ruhm, die Wertschätzung der Welt (der weite pris, der weite werdekeit) erwerben. — IV. 62—90 Wesen der Poesie: Darstellung der wdrheit; darum hat der Dichter allen Eifer darauf verwendet (sich vlizen 67), die rechte literarische 1 Junk a.a.O., S. 439 ff. Studien über Rudolf von Ems. 9 Quelle zu finden (70). — V. 91 — 106 Übergang zur äventiure, zur Erzählung. Prolog zum zweiten Buch 1 3063-3299. — I. 3063-3112 Der Dichter will sein Werk den Meistern zur Prüfung (kür 3063) vorlegen, das sind die vorbildlichen Dichter, auch verstorbene, dann überhaupt alle Kunstverständigen, auch das urteilsfähige Publikum 3066. 85. 88. 3105f., und bittet bescheiden (3076-3081) um Belehrung 3063-3085 [lere 3082, 85; s. ferner 3188. 3200. 3247 f. 3273 f. 3276). Gegenwärtiger Stand der Dichtkunst: es gibt viele Dichter, aber die Kunst ist verwaist (dl eine 3093. 95. 3101), sie können den großen Dichtern nicht folgen; wir sind_Epigonen 3086-3112, dazu 3171-3186. - II. 3113-3289 Die Meister (die höfischen Epiker und Freidank), literaturgeschichtlicher Abriß mit Beurteilung des Stils der behandelten Autoren: die vier großen Meister 3113—3170. Die nachahmende Kunst der Epigonen 3171—3186. Die Nachfolger der großen Meister 3187-3268. - HI. 3269-3289 Der Dichter selbst: er ist Nachahmer der von ihm Gepriesenen; Aufzählung seiner früheren Werke. — IV. 3290—3299 Übergang zu der Erzählung: Preis seines Helden. Prolog zum dritten Buch 2 8013-8086. - I.8013-8024 3 Regel für das Verhältnis von Inhalt und Umfang: Gedankenreichtum mit kurzen Worten (langen sin mit kurzen Worten begrijen 8021 f.), nicht umgekehrt, lange Rede mit törichten Gedanken. — 11.8025—8062 Anwendung dieser Regel auf das Werk des Dichters: er würde gerne den anfänglichen Ruhm seines Helden in kurze Worte fassen, dabei in schöner und zugleich gemeinverständlicher Sprache (8029 f.) den eregernden (8033) vortragen zur Unterhaltung, — aber der Stoff seines Gedichtes läßt sich nicht kurz unde guot darstellen (8044), wenn die richtige Überlieferung (diu warheit 8058) gewahrt werden soll. — III. 8063—8086 Übergang zur Erzählung: Bekräftigung des Entschlusses, das Werk mit Gottes Hilfe fortzuführen; Hinweis auf die kommenden Taten des Helden. Prolog zum vierten Buch 12923-13064. - 1.12923 bis 12940 Das Publikum: den Unhöfischen soll man nicht eine Ehre 1 Junk S. 441 ff. 2 Junk S. 449ff. 3 v. Kraus, Ztschr. f. d. A. 56, 43. 10 Gustav Ehrismann: erweisen mit Darbringung eines Preisgedichtes 1 , dagegen vor denen, die Lob verdienen, soll man den Ruhm eines Helden darlegen 12923—12929. Den wohlwollenden Hörern (oder Lesern) will ich den hohen Ruhm des weisen Helden erzählen 12930—12940. - 11.12941-12964 Grundgedanke des Werkes: Ruhm, Wertschätzung der Welt (der weite pris, werdekeit 12941. 45; vgl. Prolog zum Buch I, 41 ff.) und Zweck der Dichtkunst, objektiv, für den Leser berechnet: die versittlichende Kraft der Kunst. Der nach der Welt Strebende soll an den dargestellten Helden lernen 12948, sie sollen ihm Vorbilder sein, er kann sich an ihnen bessern 12957 (vgl. 13007 f.), Juden, Christen, Heiden, die rein die von Gott gesetzte Ordnung bewahrten und doch den Preis der Welt errangen 12941 — 12960. Das Werk des Dichters in Hinsicht auf den sittlichen Zweck der Dichtkunst 12961-12964. — III. Quellen des Werkes 12965—13050, nach denen der Dichter viel gesucht hat 12965-13050. - IV. 13051-13064 Übergang zu der Erzählung: Versicherung der Wahrheit, nach der er lange gesucht hat. Dem fünften Buch 2 ist kein allgemeiner Prolog beigegeben 15635 ff., aber der Schluß leitet mit der Kennzeichnung von Alexanders Laufbahn als der steeten sselde über zum folgenden, dem 6. Buche (Junk, S. 455f.). Prolog zum sechsten Buch 3 20573-20688. - 1.20573 bis 20606 Grundbedingung der Kunst: die seelde, ihr Zweck (subjektiv, für den Dichter): die Gunst der Welt, ihr Ursprung: Gott; Bedingung für den Dichter: mit Vernunft muß er die seelde (die Hilfe der sselde, ir rät) anwenden, um den Preis der Welt zu erlangen; wer die sselde nicht hat, dem nützt auch der gute Wille nichts 20600, 20606. - IL 20607-20640 das Wesen der saslde. Sselde und ere sind unbeständig (das gläserne Glück 20621 bis 20631); trotzdem soll man um sselde werben (Zitat unter Freidanks Namen 20632-20640; vgl. W. Grimm, Freidank 1. Ausg., 1 Die wortspielerische Stelle läßt verschiedene Auslegungen zu; obige scheint mir die Meinung des Dichters am ehesten zu treffen: lop bern bezieht sich auf das Publikum, mit lobe auf den Ruhm des Helden. Indessen kann auch schon lop die Ruhmestaten des Helden meinen: vor die Unhöfischen soll man nicht den Ruhm eines Helden rühmend [mit lobe) bringen. „Der Ruhm des Helden" entspricht den Versen 12935—12940. 2 Junk S. 450. 3 Junk S. 450ff. Studien über Rudolf von Ems. 11 S. 182, 2. Ausg., S. 115) 1 . - III. 20641-20688 der Dichter und das Publikum, der Dichter arbeitet in Aussicht auf Dank und Wohlwollen. Der wohlwollende Hörer 20645—20650; der unzufriedene 20651—20664. Der verschiedene Geschmack des Publikums 20665—20680. Übergang zu der Erzählung unter Hinweis auf den Helden des Gedichtes 20681—20688. Persönlichen Inhalt hat auch, ähnlich den Prologen, Rudolfs Rückblick auf die früheren Bearbeiter der Alexandersage 15753 bis 15828, wo er als Prinzip der Darstellung ebenfalls die historische Wahrheit aufstellt. Ordnet man diese verschiedenen einzelnen Punkte, so ergibt sich folgendes System: I. Die Kunst, a) Ursprung der Kunst: Gott, er verleiht das künstlerische Vermögen (sin), mittels dessen der Dichter die sselde erlangen kann [Prolog zu I und VI], b) Grundbedingungen um künstlerisch schaffen zu können: die sselde, die Gunst der Edeln. (Erfolg, zugleich das vom Dichter erstrebte Gut, also der vom Standpunkt des Dichters aus subjektive Zweck des Werkes) [Prolog zu I, III und VI], c) Ideengehalt des Kunstwerkes: der Weltruhm, der ritterliche Held [Prolog zu I, II, IV und VI], d) Wesen der Kunst: Darstellung der Wahrheit [Prolog zu I, III und IV]. e) Zweck des Kunstwerkes (objektiv, Wirkung auf das Publikum): belehren und bessern [Prolog zu IV]. II. Der Dichter, seine Aufgabe, a) Nachahmung der Meister [Prolog zu II]. b) Rhetorik, Stilistik [Prolog zu II]. III. Das Publikum (die Kritik), Zweck des Prologs [Prolog zu II, IV und VI]. Die Bestandteile eines jeden der fünf Prologe gruppieren sich um ein Hauptthema: Prolog zu I versetzt in die gesellschaftliche Umgebung, das ist die höfische Welt; Prolog zu II führt in das künstlerische Milieu ein, das ist die höfische Dichtkunst; Prolog zu III handelt von der Form, Prolog zu IV vom Gehalt; Prolog zu VI kehrt zum Ausgangspunkt, zum Prolog zu I zurück, zur sselde, und damit zur höfischen Gesellschaft. 1 Leitzmann, Ztschr. f. d. Phil. 43, 315f.; v. Kraus, Ztschr. f. d. A. 56, 45. 12 Gustav Ehrismann: Es sollen nun die einzelnen Punkte dieses Systems historisch verfolgt und mit der klassischen bezw. mittelalterlichen Rhetorik und mit entsprechenden religiösen Glaubenssätzen in Beziehung gesetzt werden. I. Die Kunst. a) Der Ursprung der Kunst ist Gott, Gott verleiht die dichterische Veranlagung (sin) und die seelde. Zugrunde liegen die Gedanken von Augustins IV. Buch des Gottesstaates, besonders Kap. 21. 25. 34: der Urgrund alles Guten und aller Güter ist Gott, die Güter sind bona animi (= Tugenden), bona corporis, bona externa (= bona fortunae), zusammengefaßt 5. Buch praefatio: Quoniam constat, omnium rerum exoptandarum pleni- tudinem esse felicitatem, quae non est dea, sed donum Dei usw., die Fülle aller wünschenswerten Dinge ist die Glückseligkeit, diese aber ist ein Gnadengeschenk Gottes; auch der sin, mens, gehört zu solchem Glückszustand: Quid necesse erat.....deae Menti, ut bonam haberent mentem (IV, 21). Als Lehrstück trägt Augustin in dem Buch von der christlichen Lehre, De doctrina christiana IV, 1516 (s. auch IV, 30), vor, daß Gott die Rednergabe verleiht und dazu das Gedeihen gibt. Die klassische Theorie findet den Ursprung der Kunst in der Natur des Menschen begründet, nach Aristoteles ist die Dichtkunst angeborener Nachahmungstrieb. Cicero erklärt, die Beredsamkeit sei Naturanlage, könne aber durch Lehre feiner ausgebildet werden De oratore I, Kap. 25: sentio naturam primum atque ingenium ad dicendum vim adferre maximam. Diese Ansicht hat Horaz in seiner Ars poetica 408—411 auf die Dichtkunst angewendet: Natura fieret laudabile carmen an arte Quaesitum est: ego nee Studium sine divite vena Nee rüde quid possit video ingenium: alterius sie Altera poscit opem res et coniurat amice; dazu 309: Scribendi recte sapere est et prineipium et fons. Unter den mittelalterlichen Theoretikern folgt Hugo von S. Victor, der in seiner Eruditio didascalica eine den klassischen Studien entgegenkommende Stellung einnimmt und Demosthenes, Aristoteles, Cicero, Quintilian als die Häupter der Rhetorik nennt (Migne 176, 767CD), auch der klassischen Ansicht, daß sensus und ingenium für die Beschäftigung mit den artes (Wissenschaften und Künsten) von der Natur gegeben sei (770CD. 771AC). Aber das ist „philosophische" Theorie, die theologische Lehre mußte an Stelle der Studien über Rudolf von Ems. 13 Natur Gott setzen, denn Gottes Güte ist die Ursache aller guten Dinge. Der heilige Geist ist es, der in dem Verkündiger von Gottes Wort redet, nach Matth. 10, 20: non enim vos estis qui loquimini, sed Spiritus Patris vestri, qui loquitur in vobis (Augustinus, De doctrina christ. IV, 15, darnach Hrabanus Maurus, De clericorum inst. III, 39, Migne 107, 418D) 1 . Daß die Kunst von Gott kommt, das ist ein Gemeinplatz der lehrhaften mhd. Spruchdichter. Gott gibt den sin: diesen Grundgedanken der Verse 2, 15—25 in der Einleitung zum Willehalm schöpft auch Wolfram aus der geistlichen Rhetorik: „Dein Geist (der heilige Geist, der die Weisheit und Wissenschaft verleiht und einem Autor sein Werk eingibt), hat (jeweils) seine Kraft da gespendet, wo ein Schriftwerk in Sprache und Text recht abgefaßt war (jedes rechte Schriftwerk ist immer durch die Hilfe des heiligen Geistes zustande gekommen). Auch mein Sinn (mein dichterischer Genius) verspürt deine Kraft. Nicht aus Büchern habe ich gelernt, sondern die dichterische Veranlagung hat mir meine Kunst gegeben. Deine Güte sende mir wahrhaftigen (aufrichtigen) und verständigen sin (dichterische Fähigkeit, das künstlerische ingenium) ins Herz." 2 Ebenfalls durch die Kunstlehre der Zeit ist Wolframs Versicherung veranlaßt, er habe nicht aus Büchern gelernt (er sei ohne Studium): er tritt hiermit in selbstbewußten Gegensatz zu der Theorie, daß der Dichter vermöge des Studiums, der doctrina, imitatio, der arbeit, sein Werk zustande bringen solle. b) Grundbedingungen zum künstlerischen Schaffen: die saslde (Erfolg), zugleich das vom Dichter erstrebte Gut (sselde und ere). Die rhetorischen Ausführungen stehen in diesen theoretischen Erörterungen der Prologe auf ethischer Grundlage 3 . Der Dichter lebt in der Anschauungswelt der ritterlichen Gesellschaft. Sselde ist der Inbegriff alles irdischen Glücks, sie umfaßt 1. die Tugen- 1 Der heilige Geist verleiht die Gabe der Dichtkunst; Weisheit und Wissenschaft sind zwei der sieben Gaben des heil. Geistes. Daher wird der heil. Geist oft auch in den mhd. Prologen angerufen, z. B. Wolfr. Willeh. 2, 23—25 (vgl. Singer, Wolframs Willehalm, S. lf.), Rud. Bari. 4, 3—11; vgl. Ritter S. 9ff. — Die Sselde verleiht kunst in Hartmanns Gregorius 1235 ff., im Grunde genommen ist aber doch Gott der Urheber 1263. 2 Burdach, Reinmar S. 31 f. 3 Wolframs Ausspruch hän ich kunst die git mir sin wurde nachgeahmt von Reinmar von Zweter; vgl. Roethe, Reinmar S. 192. Gustav Ehrismann: den (die vier Kardinaltugenden und ihre einzelnen Unterarten, die das honestum ausmachen), 2. die weltlichen Güter des Körpers und des Glücks, die bona corporis Schönheit, Kraft, Adel usw., und die bona fortunae Macht, Reichtum, Ruhm usw. 1 . Ohne seelde kann die Dichtkunst nicht gedeihen 2 , sie erst verschafft ihr ahte 5, Beachtung. Ohne Gunst keine Kunst 3 , dieses Bewußtsein von der notwendigen Grundbedingung ihres dichterischen Schaffens haben wohl alle mittelhochdeutschen Dichter 4 , mag es die Gunst einzelner bestimmter Gönner oder die des Publikums sein. Es ist überhaupt die Erkenntnis, daß ^ei§tiger_Besitz des einzelnen seinen vollen Wert nur gewinnt, wenn er sich in Wirkung auf die Gesamtheit auslöst, und die seelde eben ist hier die Vermittlerin zwischen Individuum und Gesellschaft. So sagt Freidank 79, 9 5 vom Wissen und der Wissenschaft: Swä witze ist äne sselikeit, da ist niht wan herzeleit 79, 9 f.; und Hugo von Trimberg führt den Gedanken weiter aus: Üf erden nieman wart so wise, wil man sin wort, sin werc niht prise, Er müeze verderben an sinen witzen Und ofte in jämer truric sitzen, So er zühte und künste hat kleinen danc 17869-17876 (Bamberger Dr. 17824-17831) 6 . Es besteht aber ein Unterschied in den Mitteln durch die das Glück die Kunst und Wissenschaft fördert, je nach der Auffassung die der betreffende Dichter oder Gelehrte selbst von dem sittlichen Ziel seiner Arbeit, seiner künstlerischen oder wissenschaftlichen Tätigkeit hat. Die höfischen, ritterlichen Dichter erstreben das ideale Gut der Anerkennung, ere, die fahrenden dagegen materielle Belohnung, guot; sie nehmen guot umb ere, Gaben für die Preislieder die sie zum Lob anderer singen 7 . Beide Male besteht das Gegenseitigkeitsverhältnis von Dienst und Lohn. Rudolf, als ritterlicher Dichter, verfolgt das höhere Ziel. Anerkennung will 1 Zu den im folgenden berührten Gesichtspunkten vgl. meinen Aufsatz über das ritterliche Tugendsystem in der Ztschr. f. d. A. 56, 137—216. 2 Ztschr. f. d. A. 56, 166—168. 3 Ztschr. f. d. A. 56, 141 ff. 4 Siehe Burdach, Reinmar S. 1371'.; Roethe, Reinmar S. 192. — Zu Konrads v. Würzburg Ansichten über die Kunst s. Joseph, Konrads v. Würzburg Klage der Kunst S. 12 ff., Burdach, Reinmar S. 31.137, Roethe, Reinmar S. 187 und Reg. S. 637. 6 Roethe, Reinmar S. 192. 6 Ihr Füllhorn hat vrouwe Sselicheit über den jungen Gregorius ausgeschüttet, Hartm. Gregor. 1235 ff., unter ihren Gaben sind auch künste genuoge. 7 Burdach S. 132, auch S. 32; vgl. auch Thomasin 3790—3798. Studien über Rudolf von Ems. 15 er als Lohn 29 ff., die gunst der edelen herzen, wie sein verehrter Meister, der weise Gotfrid von Straßburg (AI. 3167 f.), die Sympathie jener höheren Menschen, welche die feine höfische Gesittung besitzen (hövescheit und edeles herzen art, Trist. 2260f.). =S \ Dieses höfische Bildungsideal, die Blüte der mittelalterlichen weltlichen Kultur ist eine xaXoxxya&ta, die harmonische Ausbildung der Persönlichkeit, des inneren geistigen Wesens und der äußeren Lebensformen 1 . Das Ergebnis ist die mhd. tugent in höfischem Begriff; sittliche und gesellschaftliche Tüchtigkeit, Tugend und / zugleich gute Lebensart, deren Besitzer die tugentrichen sind / AI. 20645, die Grundlage dieser schönen höfischen Lebensführung ist das Ebenmaß, diu mäze, sei es die platonische ccocppooüvy) oder die aristotelische [xecot/]?. Metaphysisch-religiös gewendet ist diese Harmonie die Überwindung des kirchlichen Dualismus durch die Vereinigung von Welt und Gott, vom Beharren in der gottgesetzten Weltordnung und dem immerfort sich bemühenden Streben nach höherem irdischen Dasein (Prolog zum 3. Buch 12953 —12957) 2 . Sselde und edeler herzen gunst also erbittet der Dichter von Gott, Glück und dessen Wirkung, das ist Anerkennung der Edeln, auch Ansehen, Ehre, und das gleiche besagt die Formel sselde und ere 20607. 650. Ehre, Buhm gloria, ist nach der Philosophia moralis eines der Güter, die das Glück, die soelde (im engeren Sinne, das weltliche Glück, fortuna) verleiht, eines der bona fortunae (Migne 171, 1044), und für die höfische Gesellschaft ist ere die erstrebenswerteste Gabe des Glücks. Sselde und ere sind die beiden 1 Burdach, Walther, S. 95ff.; Roethe, Reinmar, S. 231 f. Über den Begriff daz edele herze s. bes. Vogt, Der Bedeutungswandel des Wortes edel S. lOff. u. S. 31 ff. Auch die Moralis philosophia stellt fest, daß der wahre Adel, vera nobilitas, der ist, der den Geist mit guten Sitten schmückt: Nobililas enim est sola quae animum moribus ornat, nach Juvenal: Nobilitas (animi) sola est atque unica virtus, Moralis philos,, Mignel71, 1043B, dazul047 (Quod nobilitas sit nulla ex pecunia). So teilt Gotfrid in der 'moräliteit' die moralische Erziehung Isoldens durch Tristan in Bildung des Herzens (gemuot) und des äußeren Benehmens (gebeerde). Durch die Erziehung Tristans wurde Isolde so tvolgesite, schöne und reine gemuot, ir gebeerde süeze unde guot 8028—30. Hierzu s. bes. Vogt a. a. O. 2 In Tristans Unterricht ist das Got unde der werlde gevallen 8017 die Grundlehre der moräliteit, ,s. Heinzel, Ztschr. f. d. österr. Gymn. 19 (1868), S. 550. 553 und Kl. Sehr. S. 43. 48; Vogt a.a.O.; Ehrismann, Ztschr. f. d. A. 49, 456. 56, 175 f. 201. 213. Am Schluß der Lehren des Aristoteles sagt Rudolf, des Meisters Ethicä habe solche Sitte gelehrt, womit ein sse'lic man sich dieser Welt gehulden und gelieben könne, Zingerle, Die Quellen des Alexander des Rudolf von Ems, S. 121. 16 Gustav Ehrismann: Zentralwerte für das Standesbewußtsein der mittelalterlichen Aristokratie und Hartmann stellt ihre Erwerbung zusammen an den Eingang und an den Schluß des Iwein als sittlichen Gedanken dieses Werkes. Wie seelde, die Glückseligkeit im allgemeinen, so ist auch ere, ein besonderer Teil der in der sselde begriffenen Werte, eine Triebkraft für den Dichter. Daß Ehre und Ruhm die Kunst fördern, ist antike Erkenntnis und Ciceros Satz der Tusculanen I, 4 honos alit artes et accenduntur omnes ad studio, gloria war im Mittelalter bekannt, denn Servatus Lupus zitiert ihn in einem Briefe als praeclarum dictum?- und die weltliche Morallehre erklärt Ruhm, gloria, als Verherrlichung von Großtaten oder von rechter Kunst. Nach Ruhm ist deßhalb das menschliche Streben gerichtet 2 , also auch das künstlerische Streben. Erfolg bei den Hörern, sselde, ist in der klassischen Rhetorik das notwendigste Erfordernis. Die Rede der Sophisten war hauptsächlich auf das Wohlgefallen der Hörer berechnet (Piatos Gorgias, bes. Kap. 18ff. u. 58). Aber auch die Staats- oder Gerichtsreden wurden ja nur zu dem Zweck gehalten um die Hörer von einer politischen Maßnahme zu überzeugen oder um Richter und Publikum für die Sache des Klienten günstig zu stimmen. Darum wird dieser Punkt in den rhetorischen Schriften auch ganz besonders betont, z. B.: Cicero, De oratore II, 42—44 Valet igitur multum ad vincendum . . . animos, apud quos agetur, conciliari quam maxime benevolentiam quum erga oratorem tum erga illum, pro quo dicet orator 182; vgl. auch I 31. II 19. III 27. Quintilian X, 7, 17 spricht vom Wunsch der Beredsamkeit, zu gefallen und augenblicklichen Ruhm und Anerkennung zu erlangen. Ebenso ist es Zweck des religiösen Vortrags und der Predigt, die Herzen der Hörer zu gewinnen, z. B.: Augustinus De catechi- zandis rudibus Kap. II. X. XI u. ö., De doctrina christ. IV, 4; Hrabanus Maurus, De clericorum institutione III, 37: Hoc quoque nosse convenit unumquemque catholicum doctorem, quomodo sibi conciliet sui sermonis auditorem, ut fructus.....inveniat suae praedicationis et laudes (Migne 107, 413); Alanus: praedicatio elaborata ad favorem hominum . . (Migne 210, 112CD. 113D). — Beifall in die Poetik übertragen bei Horaz, Ars poetica 153 ff. 189 ff. Aus dem Tristan hat Rudolf den Ausdruck edelez herze übernommen, aber bloß als literarische Phrase, als allgemeine Bezeich- 1 Norden S. 702. 2 Moralis philos., Migne 171, 1050. Studien über Rudolf von Ems. 17 nung für die höfische Gesellschaft und nicht in dem empfindungstiefen Gehalt, den Gotfrid dem Worte verleiht. Ein bestimmterer Sinn für edelez herze läßt sich aus dem Eingang von Rudolfs Willehalm erschließen (s. unten). Aber nicht nur aus allgemeinen ethischen Gründen wegen ihrer Bedeutung in der Gedankenwelt des Rittertums räumte Rudolf der Sffilde diese führende Stellung in den theoretischen Darlegungen der Prologe ein, sondern schon der Erzählungsstoff mußte ihn dazu veranlassen, denn er sah an der wunderbaren Lebensbahn seines Helden, daß ihn ein fabelhaftes, nie versagendes - Glück leitete (20545-20572, Junk S. 455f.). Und so beschäftigte"" ihn das Glücksproblem überhaupt, und diese Stellen sind aufschlußreich für die schillernde Bedeutung des in sselde liegenden Begriffes. Einmal ist sselde eine sittlich vernünftige Macht, die dem Kausalitätsgesetz folgt. Das ist die stsete sselde 20545 ff., die Alexander zur Höhe irdischer Herrlichkeit führte. Sie besitzt er zu Recht und aus Vernunftgründen, denn sin witze (sein Verstand, seine Weisheit, Alexander ist oft der wise helt genannt), also ze sselden riet, daz er nie nihtes began im gelänge wol dar an 20548 bis 20550. Aber eine andere ist diu glesin sselde 20553, die wilde sselde 20607—20620, die irre, flüchtige, die ihre Kinder im Stiche läßt. Diese Sseldenkinder 1 sind um ihren Lohn betrogen, anders als Josaphat, der sselden barn Bari. 37, 36. 191, 40, den Gott selbst zum höchsten Glücke, der Gotteserkenntnis, führte, und anders als die gesegneten Kinder der .wahren soelde bei Freidank 134, 2; es ist das glesine gelücke, dessen Nichtigkeit Meister Gotfrid in seinem Spruche kennzeichnet, Rud. AI. 2062f.; die wilsselde der Kaiserchronik („Schicksal, das diu, wile bestimmt"). Die wilde sselde ist also gleichbedeutend mit gelücke 2 . Die stsete sselde ist die 1 J. Grimm, D. Mythologie 4 , S. 724. 2 J. Grimm, ebenda S. 715; Edw. Schröder, Kaiserchron., Reg. S. 437; Röhrscheidt, Studien zur Kaiserchronik, Diss. Göttingen, 1907, S. 44 ff. — Auch die Unzuverlässigkeit der Fortuna in ihrem wilden Treiben ist Gegenstand der Moralis philosophia (Migne 171, 1049AB): Invida fatorum ssevies usw. aus Lucanus, Fortuna seevo Iseta negotio usw. aus Horaz' Oden. Hier auch die Verbindung des wechselnden Glücks mit den unsicheren Ehren, wie im Prolog zum 6. Buch Sselde und ere wilde sint 20607 ff. Der Gedanke der Unbeständigkeit des Glücks ist breit ausgeführt von Marcianus Capella, De Nuptiis Cap. 52, darnach bei Notker, Piper 1, 761 f., und von Alanus im Anticlaudianus VIII Kap. 1, Migne 210, 559f.; vgl. auch Heinzel a. a. O. S. 561 ff. bezw. 59ff. Ehrismann, Studien über Rudoll von Ems. 2 18 Gustav Ehrismann: Felicitas, die wilde saslde ist die Fortuna, das Fatum 1 . Den Unterschied bezeichnet Augustinus De civitate Dei IV, 18: fortuna potest esse et mala, felicitas autem, si mala fuerit, felicitas non erit. . . felicitas illa est, quam boni habent praecedentibus meritis; fortuna vero quae dicitur bona sine ullo examine meritorum for- tuitu accidit hominibus et bonis et malis unde etiam fortuna nominatur. Also: fortuna gelücke, die wilde saslde, kann auch Übel bringen, es ist das Fatum, das planlose Schicksal, das Gute und Böse trifft und nicht dem Sittengesetz untersteht; felicitas, die slsete sselde, kann nicht zugleich gut und auch schlimm sein, sie ist die sittliche Kausalwirkung für gute Taten. Darum hat Alexander die stsete saslde, denn sie ist eine Errungenschaft seiher Weisheit 20552 und seines starken Willens 20562; und er gehört zu den Guten, er ist ja der tugentriche (43. 71) und wird vom Dichter den tumben und den wisen (51 ff.) als ein leuchtendes Beispiel ritterlicher Tüchtigkeit (44) vorgehalten. Diese sselde ist eine Gnadengabe Gottes, und ein solches wahres Glück, ist das Dichterglück, die große, beseeligende Freude, die von Gott stammende innere Offenbarung (sin) den Menschen mitteilen zu können (die beste kunsi) und von ihnen verstanden zu werden (der weite gunst), die eben nur Gott verleihen kann. Das gelücke kann man nicht an sich fesseln 20633 f., denn es geht balde an und abe und ist vil selten veste 20626f.; aber die saslde, die staste saslde ist dem erreichbar, der in stetem Streben um sie ringt (20635—20640), denn sie ist ja ein Akt des sittlichen Lebens. Allerdings macht der Dichter eine Einschränkung durch und harte vil und lihte aller meist, und noch weniger zuversichtlich drückt er sich im Anfangsprolog über die dichterische saslde aus, denn er sagt, den Erfolg der Kunst kann man nicht erzwingen (13—24). Das aber jedenfalls ist der Schlußstein dieser ritterlichen Morallehre, daß der Wille die treibende Seelenkraft ist und das Handeln die Gestaltung des Lebens bedingt, und die höfischen Helden, vor allem Alexander, sind praktische Musterbeispiele für diese Philosophia moralis. Die theologische Moral ist in diesen Romanen ausgeschaltet, sie würde eine noch stärkere Einschränkung des menschlichen Willens enthalten, sie würde etwa lauten: non volentis neque currentis sed miserentis est dei, Alles schreiben wir Gott zu, der den guten Willen des Menschen vorbereitet und unter- 1 Über den Fatalismus in der abgehenden Zeit des 13. Jahrhunderts s. Roethe, Reinmar, S. 193. Studien über Rudolf von Ems. 19 stützt (Augustins Enchiridion IX, 32), oder gar: Caveamus autem a propria voluntate tanquam a vipera pessima et nequissima et quae sola deinceps damnare possit animas nostras (S. Bernhard, Sermones de Diversis XI). c) Ideengehalt des Kunstwerkes: der Weltruhm, der ritterliche Held. Ere, Ruhm, Gloria, von der sselde verliehen, ist das erstrebenswerteste Gut in den Standesanschauungen der höfischen Gesellschaft, der ideale Lebenszweck 1 . Das gilt für den Ritter im Krieg, ebenso für den ritterlichen Dichter im Frieden. Heldenruhm und Dichterpreis sind die gleichen seelischen Strebungen. Beide sind Erweise für den Erfolg der Lebensarbeit und Bestätigungen dieses Erfolges durch das Urteil der Welt. Den Dichterpreis ersehnt Rudolf für sich als Dichter, den Ritterruhm stellt er dar in dem Leben Alexanders. In der Verherrlichung des Weltruhms und Weltglücks liegt der Ideengehalt des Gedichtes. Damit ist auch dieser dritte der in obiger Liste aufgestellten rhetorischen Punkte schon im Stoffe begründet. d) Das Wesen der Kunst ist Darstellung der Wahrheit. „Nur die rehte kunst ist eben die Wahrheit." 2 Von der Wahrheit des Dargetanen überzeugen will die antike Staats- und Prozeßrede (hier sei nur auf Notkers Rhetorik, Piper 1, 636. 666. 668 hingewiesen), noch viel mehr aber ist Wahrheit die innere Form der christlichen Lehre, darum ist Wahrheit auch das geistige Grundgesetz der Predigt und als solches oft genug ausgesprochen. Die Bibel ist diu wärheit und letzten Endes besteht der Unterschied zwischen den Schriften der christlichen Autoren und der klassischen Literatur in dem Gegensatz von Gottesdienst und Weltdienst. Fabulae oder gar mendacia, eitle und nichtige Erfindungen oder Lügen sind die Werke der Heiden, auch die nationalen Lieder der Germanen; und das erste deutsche christliche Epos in rein theologischem Geiste, Otfrids Evangelienbuch, wurde geschrieben um die schändlichen obszönen Laiengesänge zu verdrängen. Die Wahrheitsfrage ist der oberste Grundsatz bei der Beurteilung der literarischen Erscheinungen im Mittelalter, wahr ist die Lehre der Theologie, aber auch die Werke der Philosophen (der weltlichen 1 Ehre im weitesten Sinne, die Schätzung des sittlichen Wertes in der eigenen und in der fremden Vorstellung, nennt Paulsen, System der Ethik, 2. Aufl., S. 469 „ideellen Selbsterhaltungstrieb". 2 Roethe, Reinmar, S. 190f., wo mhd. Zitate. 20 Gustav Ehrismann: Autoren) und die Lehren der sieben Künste können der Wahrheit förderlich sein, sofern sie zur Liebe Gottes aneifern, zum Kultus des Unsichtbaren, zum Haß der Welt, zur Verehrung der Wahrheit und zum Ekel an der Lüge; denn mit dem Studium der freien Künste sollen wir Gott dienen (Conradus Hirs., S. 74f.) 1 . Aber auch Rudolf ist ganz besonders bemüht, die Wahrheit seiner Darstellung zu beteuern. Ihm ist Wahrheit der Darstellung nicht nur ein Pflichtgebot, sondern eine Forderung angeborenen wissenschaftlichen Triebes. Wie ein Gelehrter macht er Quellenuntersuchungen, denn er hat sich zur Aufgabe gestellt, den historischen Alexander zu beschreiben, im Gegensatz zu seinen Vorgängern, die nicht die rehten wärheit, nicht das, des diu historje von im giht, sagten (62-66. 15767-15828 [Junk, S.460f.]). Rudolf stellt hiermit den Unterschied fest zwischen sich und den andern Bearbeitern der Alexandersage, und zwar auf Grund der mittelalterlichen Poetik: jene andern sindpoetae, er ist ein historiografus, vgl. Conradus Hirs, S.24f.: historiografus rei visae scriptor dicitur. Porropoetafictorvelformator dicitur eo quod pro veris falsa dicat vel falsis interdum vera commisceat {mit lüge und ouch mit wärheit 64). Die Erzeugnisse der Geschichtsschreiber sind historiae, die der Dichter sind fabulae. Historia est res visa, res gesta (Conrad. Hirs. S. 24), Fabula est quod neque gestum est nee geri potuit S. 25), oder: fabula fieta res est, non facta (S. 34). Diese Erklärungen gehen auf Isidors Etymologien I, 39 u. 40 zurück; fabulae et historiae auch in Hugos von S. Victor Erud. did. III, 4 (Migne 176, 768D). Der poeta und der historiografus aber gehören wieder zusammen als auetores saeculares (gentiles), weltliche Schriftsteller mit der scientia saecularis stehen den ecclesiastici auetores, den geistlichen Schriftstellern, die die caelestis sapientia besitzen, gegenüber (Conrad. Hirs., S. 20 f.). e) Zweck des Kunstwerkes ist belehren und bessern. Die echte Kunst ist in der ästhetischen Anschauung der ernsteren mhd. Dichter kein Spiel der Phantasie zum bloßen Ergötzen und oberflächlichen Vergnügen der Hörer, 1 In den Prologen der mhd. Epen ist die Versicherung, daß die Geschichte wahr sei, ein häufiges Motiv, vgl. Ritter S. 63ff. —- Auf die Wichtigkeit, die dem Wahrheitsbegriff in der volkstümlichen Literatur zukommt, sei hier nur der Vollständigkeit wegen hingewiesen. —■ Wahrheit verlangt von der Erzählung (narratio) im gerichtlichen Prozeß auch die klassische Rhetorik (narratio probabilis, credibilis). Studien über Rudolf von Ems. 21 sondern eine Erscheinungsform der Wahrheit zur Erziehung und Stärkung des sittlichen Vermögens. Vom Ergötzen schlechthin sprechen die mhd. Dichter in ihren Prologen nicht 1 , sondern vom leren und bezzern (Prol. zum 4. Buch 12948. 57. 59. 63) 2 , ihre Werke sollen Muster, ihre Helden Vorbilder sein für Tugend und höfische Sitte. Die Dichtkunst steht im Dienste der Ethik, der Tuger>d- lehre, gerade so wie vom Standpunkt der Theologie aus das Lesen auch der weltlichen Autoren das Gute befördern kenn. Sie ist ein Appendix zu den Artes und bereitet den Weg zur Philosophie (d. i. die weltliche Wissenschaft der sieben freien Künste), vgl. Hugo v. S. Victor (Migne 176, 768 D). Darum bezieht die Moralis philosophia ihre Beispiele nicht nur aus den Moralphilosophen, aus Cicero und Seneca, auf die sie gegründet ist, sondern auch aus Horaz, Juvenal, Terenz, Lucan. Als Beiträge zur S'tten- lehre haben die Romane ihre Berechtigung, das setzt Tho riasin im Wälschen Gast 1023—1162 eingehend auseinander 3 : die Jugend kann sie lesen, weil sie bilde und guote lere enthalten 1031. 46. 92, man findet darin, was nützen mag 1028 und die sinne (Gedanken) bezzert 1112. Unter anderm wird dabei auch Alexanders tugent zur Lektüre empfohlen 1050. Auch die Predigt ist nur der Belehrung gewidmet, nicht auch der Unterhaltung, das liegt schon in ihrer Definition: „Prae- dicatio est manifesta et publica instructio morum et fidei, infor- mationi hominum deserviens" (Alanus, Summa de arte praed., Kap. 1, Migne 210, Ulf.); informatio, utilitas ist der Zweck der Predigt, die Predigt wird zum Nutzen der Menschen ausgearbeitet (ad utilitatem procemiorum 112 D). IL Der Dichter, seine Aufgabe. a) Nachahmung der Meister. Cicero stellt unter den Erfordernissen für die Beredsamkeit auch die Lektüre der Dichter und der Lehrer und Schriftsteller der edeln Wissenschaften auf, in jener oft wiederholten Bedingung De oratore I, 34, § 158: 1 Über das Dichten ze kurzewile s.' unten am Schluß dieses Aufsatzes. — Der Fabel kommt die Wirkung auf prodesse und zugleich delectare zu, Conrad. Hirs. S. 33f. (nach Isidors EtymoL, s. Schepss in den Anmerkungen hierzu). 2 Ritter S. 55 ff. 3 Ehrismann, Ztschr. f. d. A. 56, 194f. — Vgl. auch Türlins Krone 2420 f. 'tugentbilde'. 22 Gustav Ehrismann: Legendi etiam poetae, cognoscendae historiae, omnium bona- rum actium doctores atque scriptores legendi. Man soll die geschmackvollsten Schriftsteller (d. i. die besten Stilisten) und Redner lesen und nachahmen: Sit modo is, qui dicet aut scri- bet . . . ornatissimos scriptores oratoresque ad cognoscendum imitandumque delegerit III, 31, 125. Darauf nennt er eine Anzahl der bedeutendsten alten Lehrer und Urheber der Sprachkunst (doctores auctoresque dicendi, Kap. 32, 126) und rühmt ihre Gelehrsamkeit und umfassende Bildung (§126—135); die jetzigen dagegen treten an ihr Amt ohne Kenntnis und Wissenschaft (§ 136). Dieselben Vorschriften gibt Quintilian, dessen Buch X eine Literatur nachahmenswerter klassischer Autoren enthält: Gewandtheit erlangt man, indem man die besten Schriftsteller liest (X, 1, 27, vgl. auch I, 4, 1), dann werden die vorzüglichsten Dichter und Prosaisten aufgezählt, ihre Kunst wird beurteilt hinsichtlich des Geistes und des stilistischen Ausdrucks. Aus diesen und andern lesenswerten Autoren soll man den Wortschatz, die Redewendungen und die Kompositionsmethode entlehnen. Denn die Kunst beruht zum großen Teile auf Nachahmung (X, 2,1 ff.). Wir müssen prüfen welche Schriftsteller wir nachahmen sollen. Viele aber halten sich nur an die Äußerlichkeiten, sie unterscheiden sich dann im Wortlaut und Rhythmus nicht sehr von ihrem Vorbilde, reichen aber an dasselbe in Kraft und Erfindungsgabe nicht hinan ... sie werden schwülstig, wo sie erhaben sein sollten, dürftig, wo sie knapp sein wollten . . ., maßlos, wo blumenreich. Für die christliche Beredsamkeit gilt Augu- stins De doctrina christ. IV, 3. 4. Hrabanus Maurus De cleri- corum inst. III, 19 (Migne 107, 396) hängt von Augustin ab (Beredsamkeit wird durch Lesen befördert; bei Erforschung des Inhalts des Gelesenen wird man sich auch die Darstellungsform, eloquium, aneignen). Ferner Notkers Rhetorik, Piper 1, 643, Gerbert, Norden 2, 706, Bernhard Silvester, ebenda S. 715f. Conradus Hirs. sagt direkt: Plurimi poetarum poetas praecedentes in carmine suo secuti sunt; . . sie et in ecclesiacistis auetoribus multi alios secuti sunt, S. 27 1 . 1 Auf die Nachahmung von Mustern bezieht sich Wolframs selbstbewußte Abweisung der Buchgelehrsamkeit Willeh. 2, 19—22. Er stellt sich damit in Gegensatz zu den Vorschriften und Ratschlägen der Schulrhetorik und spielt auf seinen eigenartigen Stil an. Studien über Rudolf von Ems. 23 Der Begriff der Nachahmung, des Epigonentums, erhält nun eine schärfer umrissene Bedeutung. Es ist eine in den Prinzipien der Bhetorik begründete Forderung für den Dichter, daß er von guten Mustern lernen soll. Nachahmung ist für einen mhd. Autor nicht ein Zeichen der Unselbständigkeit oder ein stilles Eingeständnis mangelnder Begabung, sondern eine historisch bedingte Kunstregel. Sie entspricht dem das Geistesleben des Mittelalters beherrschenden Grundsatz der Kulturvererbung, der Tradition. Bei der Erklärung der Autoren (in libris explanandis) werden im Rhetorikunterricht drei Stücke beobachtet: 1. die Intentio, der Gedankengchalt der Erzählung; 2. die Materie, der Stoff der Erzählung; 3. die Causa finalis, der Zweck der Erzählung, vgl. Conradus Hirs., S. 20. 27 f. und seine Besprechung der einzelnen Schriftsteller S. 28 ff. Rudolf behandelt in dem Prolog zum 2. Buch die gleichen Punkte der Rhetorik wie Cicero und Quintilian: die Autoren lesen und von ihnen lernen, sie nachahmen; er läßt dann ebenso wie jene eine Zusammenstellung der empfehlenswerten Muster folgen und hebt, wie jene, den Rückgang der Kunst bezw. der Beredsamkeit hervor. Wie Quintilian gibt er Urteile über Gehalt und Stil der Dichter und ganz ebenso wie dieser findet er den Grund zu dem Sinken der Kunst in der manierierenden Nachahmung des Epigonentums. b) Rhetorik, Stilistik. Die Stilkunst der führenden höfischen Dichter beruht in charakteristischen Ausdrucksformen auf der mittelalterlichen Schulrhetorik. Sie waren gewiß auch, Wolfram 1 wohl sicher, im Stil von ihren französischen Vorbildern beeinflußt. Aber die altfranzösische Kunstsprache hängt ja auch eng mit der lateinischen Stilistik zusammen. Will man also die Grundlagen des mhd. höfischen Stils verstehen, so muß man auf die lateinische Rhetorik 2 zurückgehen. 1 Vgl. Singer in seiner Abhandlung über Wolframs Stil. 2 Stilistik ist ein Teil der Rhetorik. Für die Geschichte der lateinischen Stilistik sei hingewiesen auf Rich. Volkmann, Rhetorik der Griechen und Römer (2. Aufl.); Gustav Gerber, Die Sprache als Kunst; Norden, Die antike Kunstprosa und die daselbst 2, 670 zitierten Programmabhandlungen von M. Guggenheim und P. Gabriel Meier, ferner Kuno Francke, Wili- bald Schrötter s. o. S. 3. «- 1 Ein besonderes Kapitel der Stilistik, gewöhnlich im letzten Teil der Rhetoriken, bildet die Sammlung der Figuren. Speziell zur Figurenlehre vgl. Aristoteles, Poetik Kap. 22; Horaz, Arspoetica; Cicero, 24 Gustav Ehrismann: Deren Grundgesetze sind: 1. Sprachrichtigkeit, latine loqui, auch incorrupte, pure. 2. Deutlichkeit 1 , plane, explanatio, auch distincte, aperte, lucide, dilucide, explicate; Richtigkeit und Klarheit zusammen bewirken die elegantia der Sprache. 3. Schönheit und Angemessenheit der Rede, ornate und apte, venustas (Ad Her. IV, Kap. 12). Die beiden ersten Erfordernisse sind selbstverständliche Bedingungen für den sprachlichen Ausdruck, die Schönheit setzt die beiden Eigenschaften voraus, sie ist es aber, die der Rede ihre eigenartige Gestalt und Färbung verleiht (habitum et colorem § 199). Die Schönheit der Rede beruht in ihrem Schmuck, ornamentum, exornatio, dignitas, und nach der Stärke der ausschmückenden Bestandteile (colores) lassen sich drei Stilarten, genera dicendi oder formae oder figurae, aufstellen. Schon die Griechen, die Begründer der klassischen Rhetorik, unterschieden den niederen (niedrigen), .mittleren, höheren (erhabenen) Stil 2 , meist als Ic/viiv, [xeaov, äSpov, woneben noch De oratore, bes. I. Kap. 31. 32, III. Kap. 7, 27, Kap. 8—14. 24—27 und die eigentlich formale Stilistik III. Kap. 36—55; Ad Herennium B. IV; Quintilian B. VIII. IX. X. XX; Donatus, Ars grammatica III, 4. 5. 6; Augustinus, De doctrina Christ., bes. IV, 7, 10-—14. 17—31; Isidor, Etymol. I, 33—36. II, 16—21; Alcuin, Dialogus de Rhetorica (Migne 101, 919—950); Hrabanus Maurus, De clericorum institutione III, 30—36 (Migne 107, 408 bis 413); Notkers Rhetorik, Kap. 38—57 (Piper 1, 663—682); Hugo v. S. Victor, Eruditio didascalica, Liber III (Migne 176, 765—778); Conradus Hirsaugiensis an vielen Stellen; Alanus de Insulis, Summa de arte praedi- catoria, Kap. I (Migne 210,112-—114); ferner die oben S. 6 von Ekkehard IV an genannten Werke. Endlich: Wackernagel, Poetik, Rhetorik, Stilistik, 2. Aufl., S. 41 Off.; Norden 2, 637 Anm. 7; Thurot, Notices et Extraits a.a.O. S. 233—237. 458 bis 479; Leopold Delisle, Notice sur la Rhe- torique de Ciceron, traduite par maitre Jean d'Antioche, Notices et Extraits Tome XXXVI (1899), 207 bis 265; Burdach, Ackermann aus Böhmen, vom MA. zur Ref. III, 1, 332. 333f. 1 Quintilian VIII, 3, 42 f. versteht, mit Berufung auf Cicero, De partit. orat. 6, 19, unter oratio probabilis eine annehmbare, einwandfreie Darstellung. Pjr^gicua ac probabilis, deutlich und richtig, ist eine notwendige Voraussetzung für die ornata oratio: Ornatum est, quod perspicuo ac probabili plus est VIII, 3, 61. Vgl. Volkmann 2 S. 402f. 2 Über die Stilarten vgl. Cicero, De oratore III, 10—14. 24—27. 36—55 (bes. §199. 212); Ad Herennium IV, 8—12 (bes. Kap. 10—12). 56; Quintilian B. VIII (über Richtigkeit, Deutlichkeit, Schönheit), X, 1, 42ff. XII, 10, 58ff.; Augustinus, De doctrina Christ. IV, 1-0—-26; Isidor, Etymol. II, 16, 17; Alcuin, Dial. de Rhet. (Migne 101, 939—941); Hrabanus Maurus, De clericorum instit. III, 31—36; Notkers Rhetorik Kap. 38—42. 52—54; Studien über Rudolf von Ems. 25 andere synonyme Ausdrücke im Gebrauch waren. Auch die lateinischen Rhetoriker haben verschiedenartige Bezeichnungen: Cicero, De oratore III, § 199. 212 stellt die Termini auf: oratio tenuis, mediocris, plena; im Orator Kap. XXIII—XXIX: summissus et humilis (Atticus), sermo purus erit et Latinus (richtiges Lateinisch), dilucide planeque dicetur-tenuis orator; Kap. XXVI, 91: modica et temperata, forma suavitatis; Kap. XXVIII, 97 u. XXIX: amplus, copiosus, gravis ornatus, in quo profecto vis maxima est. Ad Herennium IV, 8: extenuata, mediocris, gravis. Quinti- lian X, 1, 44: 1. pressa et tenuia et quae minimum ab usu coti- diano recedant, 2. elatior ingenii vis et magis concitata et plena spiritus, 3. lenis et nitidi et compositi generis. Gellius (wahrscheinlich nach Varro, vgl. Volkmann 2 S. 534): gracilis, mediocris, über. Augustinus De doctrina christ IV, 17: Is erit igitur eloquens qui ut doceat, poterit parva submisse; ut delectet, modica temperate; ut flectat, magna granditer dicere. Isidor Etym. II, 17: humile oder lene, pedestre, subtile, summissum; medium oder mediocre, moderatum, temperatum; grandiloquum oder grande, sublime. Notker macht eine Vierteilung, nach den Rednerschulen, genera oratorum (Kap. 38, Piper 1,663): graviores ut Romani (magni- fice loqui Kap. 39), acutiores ut Greci (acute loqui Kap. 40), orna- tiores ut Attici (ornate loqui Kap. 41), copiosiores ut Asini (Quid copiosum sit Kap. 42). Seine Quelle hierfür war wohl ein Brief des Hieronymus (über diesen, Ep. 125, s. Norden 2, 634f.). Für die Stilistik kommt das acute loqui der Griechen (Kap. 40) nicht in Betracht, da es den Inhalt, nicht die sprachliche Form betrifft. Eigenschaften einer geschmückten Rede (oratio) zählt Cicero auf De oratore III, Kap. XXV, 96: gewichtvoll (inhaltvoll, gravis), lieblich, anmutig (suavis), fein gebildet (erudita), edel (überaus), bewundernswürdig (admirabilis), geglättet (polita); ebda. § 100: wohl abgerundet (concinna), klar geordnet (di- stincta), geschmückt (ornata), schön aufgeputzt (festiva), in hellen Farben prangend (claris coloribus picta). Aber der Schmuck soll eine herbe und gediegene Lieblichkeit haben, nicht Bernhard Silvester bei Norden 2, 715—717; Conradus Hirs., Schepss S. 27 undAnm.; Surgant Buch 1 Consid. 16, wo weitere Autoren zitiert sind. Ferner Volkmann 2 S. 532—566; Norden passim, bes. 1, 216. 2, 631—763; Wackernagel 2 S. 421ff.; J. Grimm, Kl. Sehr. 7, 451; Wilmanns, Walther 84, 22; Bemerkungen von mir Ztschr. f. d. Phil. 33, 395—397. 35,106. 36, 489. 516, Germ, roman. Monatsschr. 1, 664 ff. 26 Gustav Ehrismann: eine süßliche und kraftlose (Ita sit nobis igitur ornatus et suavis orator . . . ut suavitatem habeat austeram et solidam, non dulcem atque decoctam ebenda 103). Eine andere Reihe stellt er an Beispielen berühmter Redner auf Kap. VII, 28: Lieblichkeit (sua- vitas), Feinheit (subtilitas), Scharfsinn (acumen), Wohllaut (sonitus), Kraft (vis), Ernst (gravitas), Sanftheit (lenitas), Heftigkeit (asperitas), etwas Fließendes und Wohltönendes (pro- fluens quiddam et canorum). Darauf, §30, von Cäsar: er hat eine neue Behandlung der Rede (novam quamdam rationem orationis) angewandt und eine ganz absonderliche Art der Beredsamkeit (dicendi genus prope singulare) eingeführt. Die drei Arten unterscheiden sich durch die Verwendung des Redeschmuckes: die niedere Art kommt nahezu der einfachen, gewöhnlichen Ausdrucksweise gleich; die mittlere Art hält die Mitte zwischen der niederen und der höheren; die höhere, erhabene Art ist reich ausgestattet mit decorativen Worten und bedeutenden Wendungen. Die schmückenden Mittel bleiben für alle drei Stilarten die gleichen, es besteht nur ein Unterschied in der Stärke der Anwendung schmückender Formen. Allzu üppig aber darf die Ornamentierung niemals sein, vielmehr muß auch hierin ein gewisses Maß gewahrt bleiben. Jede der drei Stilarten hat ihre Berechtigung, wenn sie an der richtigen Stelle gebraucht wird, und es gilt als Vorschrift, jede nach den Erfordernissen des Inhalts anzuwenden so, wie es das Ethos des Gedichtes bezw. der Rede verlangt. Das ist die Angemessenheit der Rede (aptum). Insbesondere ist die niedere Art geeignet, die Zuhörer zu belehren, docere; die mittlere, zu ergötzen, delectare; die höhere, zu rühren, movere, flectere. Innerhalb ein und desselben Werkes sollen die Schmuckmittel nicht gleichmäßig über die ganze Rede ausgegossen, sondern verteilt sein. Die Sprechart soll die Zuhörer nicht bloß ergötzen, sondern ohne Überdruß ergötzen (quod non solum delectet, sed etiam sine satietate delectet, De oratore III, § 96). Aber in der hellenistischen Periode, in der der Hang zum Ungewöhnlichen das klassische Maß in Pomp und Überschwang verkehrte, wurde die klare attische Redekunst, der Atti- cismus, durch den aus Asien eingeführten Asianismus verdrängt, ein auf Worteffekt berechnetes Formgepränge, das sich einerseits in überelegante Zierlichkeit, andererseits in pomphaftes Pathos ausspreizte. Diese Manier ging durch das Spätlateinische über in die gallischen Rednerschulen und von da ins Mittelalter Studien über Rudolf von Ems. 27 und in die Volkssprachen. Hervorgehoben wird an diesem Galli- canus cothurnus von den gleichzeitigen Schriftstellern die Fülle (ubertas, copia, abundantia) und Zierlichkeit (nitor), der übertriebene und leere Schmuck (inanes sermonum phalerae et verborum ornamenta), die Redeblumen (flores, flosculi), die Buntheit und Malerei in manchfaltigen Farben (colores, oratio picta), die Süßigkeit (suavitas), der Schwulst (pompa), die Dunkelheit (obscuritas) 1 . In Deutschland sind die Vertreter der beiden Gegensätze, der süßen, weichen Formen und des dunkeln Pathos, Got- frid und Wolfram. Ihre Eigenart wurde dann noch überboten durch ihre Nachahmer, die Maniristen, und einer der eifrigsten Koloristen mit seinen Redeblumen und süßen Worten war Got- frids Schüler Rudolf v. Ems, der erste Meister der geblümten Rede. Über die sprachlichen Mittel zur Erhöhung der Rede handelt, um ein bedeutendes Beispiel auszuwählen, Quintihan X, 1, 5ff. im allgemeinen und verlangt Abwechslung im Ausdruck, um die Rede treffender oder glänzender oder wirkungsvoller oder wohllautender erscheinen zu lassen. Er empfiehlt Synonyma, Umschreibungen, Manchfaltigkeit, Fülle und Reichtum der Wendungen 2 . Im III. Buch Kap. 37—55 von De Oratore behandelt Cicero die Redeornamentik unter den beiden Gesichtspunkten: der Schmuck kann entweder a) im einzelnen Wort liegen (Kap. 37—51) oder b) im Zusammenhang der Rede, das heißt in den Figuren (Kap. 52-55) 3 . a) Die einzelnen Worte können entweder sein a) eigentliche, propria verba, die einfache Bezeichnung der Dinge; oder ß) übertragene, zum Schmuck dienende (ad illustrandam atque exornandam orationem, Kap. 38 § 152), deren es drei Arten gibt: 1. das ungewöhnliche Wort, inusitatum verbum, 2. das neugebildete, selbsterfundene, novatum verbum, 3. das übertragene (metaphorische) Wort, translatum verbum. Es sollen niedrige und verschollene Worte (abiecta atque obsoleta) gemieden, dagegen auserlesene und lichtvolle, die etwas Volles und Tonreiches zu haben scheinen, gebraucht werden (lectis atque illustribus utatur, in quibus plenum quiddam et sonans inesse videtur § 150), vgl. 1 Norden, Register S. 962 u. bes. S.126ff. 263ff. 367ff. 407ff. 586ff. 753 ff. * Literatur zur Figurenlehre s. oben S. 23 Anm. 2. 3 Tropen und Figuren, vgl. Volkmann 2 S. 415ff. 456ff. 28 Gustav Ehrismann: auch Quintilian I, 5, 71 f. 6, 39 ff. IV, 2, 36ff. Ähnlich wie Cicero teilt Notker Kap. 52 (Piper S.671, 21) die einzelnen Worte ein (Quid bipartita sit elocutio) in eigentliche, propria verba (propria verba rebus dare hoc est plane dicere), und in solche, welche die Darstellung füllen und schmücken (copiose ornateque dicere). Damit korrespondiert dann die Unterscheidung von locutio simplex und locutio figurata (673, 11 ff.). Vgl. auch Alcuin Sp. 940. b) Die Figuren sind sehr manchfaltig und die Rhetoriker haben umfangreiche Systeme von Formen und technischen Ausdrücken angelegt. Hier möge eine Anzahl der für die Sprachkunst der höfischen Dichter wichtigen Figuren folgen, zusammengestellt aus Cicero und anderen Rhetoriklehrern Wort- wiederholung, verschiedene Arten (Traductio, Repetitio, Conversio, ävTavocxXo«u<;, dcva8i7tXcoai<; oder Conduplicatio); Umschreibung eines Substantivs durch ein Substantive- Genitiv (circuitio); das etymologische Schema, die etymologische Figur, Wörter gleichen Stammes (7iapovofAa0ta, 7roXi!>7rraTov, Annominatio, Declinatio); Anapher; Antithese; allgemeine Sentenz (Sententia, yvcofnq); Steigerung (gradatio, xX£f/.cc£); Asyndeton, Polysyndeton; Ausruf (Exclamatio); Frage (Interrogatio); Selbstbeantwortung der Frage (sibi ipse res- ponsio, (k-KÖypxaiq). Fast alle die genannten Sprachmittel fallen unter die Amplificatio, denn eben in der Erweiterung und Vergrößerung des einfachen Gedankens und in der Fülle des Ausdrucks (copia, copiose loqui, ubertas, abundantia) besteht vornehmlich die Ausschmückung, die Schönheit der Rede. Auf Variierung und Abstufung der Begriffe durch Synonyma und Häufung der Worte läuft diese Technik hinaus, die leicht zur Virtuosität führen und in Überladung ausarten kann. — Durch Erweiterung des metaphorischen Wortes entstehen die ästhetischen Figuren, die Metapher, Synekdoche und Metonymie, weiterhin der Vergleich, das Gleichnis, die Allegorie, deren Cicero einige in De oratore III, 166—168 nach den übertragenen Worten behandelt. Die mhd. höfischen Epiker sahen ihre hauptsächliche Aufgabe nicht in der Erfindung des Stoffes, sondern in dem Problem der Form. Sie haben sich eine bestimmte Kunstsprache geschaffen. Der Stil ist ihnen der Ausdruck der Persönlichkeit. Wie Hartmanns menschliches Wesen gegründet ist auf ruhevolle Mäßigung, so stellt er auch die lehrhaften Bilder seiner Romane in einer maß- Studien über Rudolf von Ems. 29 vollen Sprache dar, in der gemäßigten, temperierten, Stilart (Lo- cutio simplex, Notker);. Gotfrid hat sein Ideal der Schönheit in einen reichen Schmuck edler Formen gekleidet (Locutio figurata), in denen seine ästhetische Lebensanschauung das passend sich anschmiegende Gewand gefunden hat um die Hörer zu erfreuen, den edelen herzen z'einer hage 47; Wolfram, der eigenwillige Wahrheitsucher, verhüllt seine tiefen Gedanken in schwerflüssige, oft dunkle Worte und seltsame Vorstellungen. Hartmann und Gotfrid stimmen in ihrer Sprache überein mit den Forderungen der Schulrhetorik: jener folgt der mittleren, dieser der höheren Stilart; man könnte Hartmanns Stil einen mittelhochdeutschen Atticismus nennen, der Gotfrids stellte die suavitas der geschmückten Rede dar 1 . Wolfram aber ist überhaupt kein Ciceronianer, er hat die pathetische, gallische oder gallicanische Manier, eine Fortsetzung des Asianismus 2 , der regellosen Willkür 3 . Und gerade dieser Mißbrauch ist es, der Schwulst und die Dunkelheit, derent- halben Gotfrid seinen Stil so heftig tadelt 4 . Dem vollendeten 1 Der Münchener Tristan erstrebt eine Vereinfachung von Gotfrids Redeschmuck durch Annäherung an die einfachere Ausdrucksweise Hartmanns, vgl. Kurt Herold, Der Münchener Tristan, QF. 114, vgl. auch E. Stadler, Über das Verhältnis der Handschriften D und G von Wolframs Parzival, Diss. Straßburg 1906. 2 Norden 2, 631 ff. 3 Norden 1, 131 f. 4 Über Wolframs Asianismus und das „trobar clus" s. meine Artikel in der German.-roman. Monatsschrift 1 (1909), 664 ff. und in der Ztschr. f. d. Phil. 42 (1910), 490 (vgl. auch Ztschr. f. d. Phil. 33 [1901], 395, und jetzt besonders die höchst inhaltsreiche Untersuchung von Singer über Wolframs Stil und den Stoff des Parzival, Wiener S.-Ber. 180 (1916), 4. Abhdlg., wo diese Manier Wolframs und überhaupt der Einfluß der französischen Kunst auf Wolfram eingehend behandelt ist. Die auf klassischen Regeln aufgebaute mittelalterliche Schulrhetorik verpönt die Dunkelheit und den Schwulst, die ja der Forderung der Deutlichkeit und der maßvollen Anwendung der Schmuckmittel wiedersprechen. Gerade von solchen rhetorischen „Fehlern", vitia (ein besonderes Kapitel in den lateinischen Stilistiken), vitiosus sermo, macht Wolfram gerne .Gebrauch. Mehrere der von Notker als vitia singu- larum dictionum getadelten Ausdrucksformen (§53, Piper 1, 675—677) sind Elemente seines Stils: barbara. i. endirskiu alder jrcemidiu, wie sie in den alemannischen Gesetzen sehr häufig zu lesen sind; ihnen entsprechen Wolframs volkstümliche Redensarten. Bekannte Wörter, die aber in ungewöhnlichem Zusammenhang gebraucht sind, inpropria, antiquata. i. firniu uel uiruuor- feniu, sind bei Wolfram die sogen, unhöfischen Wörter (vom Standpunkt der modernen höfischen Sitten aus); longe repetita sunt. i. ze uerro genomeniu, weither geholte Wörter; insolenter probata sunt, id est uuider geuuoneheite . . 30 Gustav Ehrismann: Asianismus entspricht in der mhd. dichterischen Formensprache die geblümte Rede 1 , in der die Affektiertheit des xxxo^Aov mit seinem Bombast (lascivia, Ausschweifung), den unsinnigen Hyperbeln, Metaphern, Vergleichen, zum Prinzip geworden ist 2 . In seinem Prolog zum 2. Buch gibt also Rudolf eine literaturgeschichtliche Übersicht mit stilistischen Bemerkungen und einer Beurteilung der betreffenden Dichter. Er tut es nach dem Muster der literarischen Stelle, die Gotfrid bei der Schilderung von Tristans Schwertleite eingeschaltet hat, 4587—4818. Will man Rudolfs Fassung aufs einzelne hin betrachten, so muß man sie mit jener Stelle vergleichen. Durch eine verschwenderische Fülle von schmuckreichen Worten und phantasievollen Bildern hat Gotfrid seine künstlerischen Gedanken zu einem rhetorischen Glanzstück ausgestaltet. Rudolf bleibt stecken in der Zusammenstellung einzelner technischer Ausdrücke, und wo er sich zu einigem Schwung erhebt, ist er durch sein Vorbild angeregt. Gotfrid besitzt angeborene rhetorische Begabung, Rudolf hat die Stilistik nur schulmäßig erlernt. Darum aber läßt sich für die rhetorischen Begriffsbestimmungen manches aus ihm gewinnen. Rudolf bespricht nur epische Dichter (außer Freidank). Er teilt sie in zwei Gruppen: die alten Meister, das sind Veldeke, der Begründer des neuen Stiles 3 , und die ihn zur höchsten Blüte propter insolentiam. i. seltsani aide ungeuuoneheite. — Vgl. Quintilian VIII, 2, 12 ff.; Isidor, Etymol. II, 19. 20; Volkmann 2 S. 401 ff. — Natürlich ist es kein bloßer Zufall, daß Wolfram gerade diese eigenartige Sprache redet. Sie ist eine geistige Ausdrucksform seines innern Wesens und mag zugleich auch schon mit einer ihm angeborenen individuellen sprachlichen Veranlagung im Zusammenhang stehen. 1 Ehrismann, Beitr. 22, 313—333; Otto Mordhorst, Egen von Bamberg und „die geblümte Rede", Berliner Beitr., germ. Abt. Nr. 30, Berlin 1911. 2 Volkmann 2 S. 406, 541f.; Norden, Reg. Bd. 2, 965 u. bes. 1, 263ff. 3 Er impete daz erste ris usw. Trist. 4736—4748. Das Bild das Gotfrid hier gebraucht, ist die poetische Vorstellung eines literaturgeschichtlichen Stammbaums. Es gehörte zur mittelalterlichen Lehrmethode, ein System, ein Schema, unter dem Bild eines Baumes (Stammbaum) mit Ästen und Zweigen (Zweigen und Blüten, Stemma) zu veranschaulichen. So stellte Theodulf in siebenundfünfzig Distichen den Baum der Wissenschaften dar, an dessen Wurzel die Grammatik sitzt und dessen Äste die andern Artes mit der Ethik und den vier Kardinaltugenden sind (Mon. Germ. poet. lat. I, 544—547, s. auch Ebert, Lat. Lit. 2, 77f.); Ein Arbor juris bei Isidor, Etymol. IX, 28. Ein Arbor vitiorum und ein Arbor virtutum bei Hugo Studien über Rudolf von Ems. 31 brachten, Hartmann, Wolfram, Gotfrid; und die jüngeren, die er nicht in dem gleichen Maße preist, denen er aber doch das Lob zollt: sie hänt gesprochen alle wol 3268. Die beiden Reihen behandelt er nach verschiedener Methode. Während er bei den jüngeren Dichtern nur allgemeine Angaben macht, lobende Redensarten, Nennung des Titels der betr. Werke oder kurze Andeutungen des Inhalts, bei Bliker, Türlin und Freidank noch besondere Bemerkungen über das betr. Gedicht, geht er bei den älteren auf spezielle stilistische Erscheinungen ein, die er bei Hartmann, Wolfram und Gotfrid in ein gewisses System bringt. Er folgt nämlich in der Gliederung nach leitenden Gesichtspunkten Gotfrid, der in seiner literarischen Übersicht die Kunst der epischen Dichter nach den beiden Grundeigenschaften des Äußeren und des Inneren, der Form und des Inhalts, von wort (verbum) und sin (sententia), beobachtet. Zuvörderst also ist Gotfrids Zweiteilung zu erörtern: er prüft die Kunst der von ihm behandelten Epiker nach den beiden Grundeigenschaften, nach dem Äußeren und Inneren, nach Form und Inhalt. Gleich eingangs bei Hartmann macht er die Teilung: beide uzen unde innen, mit Worten und mit sinnen . . . wie er mit rede figieret der äventiure meine (sententia) Trist. 4619 ff. Bei Hartmann preist Gotfrid vor allem die Form, den Stil, die Worte (wortelin) 4626—4631; die schließenden Zeilen 4632—4635 sprechen dann im allgemeinen über Hartmanns Kunstweise (rede als Totalität einer Dichtung), zielen aber vielleicht doch vornehmlich auf v. S. Victor, Migne 176, 1007—1010; das Motiv vom Lasterbaum verwendet Hugo v. Trimberg als allegorische Einkleidung seines Renner, einen Baum der Liebe, Albre d'amor, Matfre Ermengaud in seinem Breviari d'amor (vgl. bes. Aza'is in seiner Ausgabe, Einl. S. XXXIVff.); vgl. ferner Germ. 8, 32 (Tugendbaum); zum Baum der Tugenden und dem Baum der Liebe s. Ztschr. f. d. A. 56, 174 Anm. 2 (vgl. Singer, Aufsätze und Vorträge, S. 168). Ein Baum der Wissenschaften ist abgebildet im Hortus deliciarum der Herrad von Landsperg (Engelhardt, Tafel VIII). Ein Baum der rhetorischen Formen befindet sich in Surgants Manuale S. 19 rückwärts. Galfrid gebraucht bei der Ordo et Dispositio der Poetria das Bild vom Baum, Kap. III, Leyser S. 867, lOOff. und Kap. IV (Exordium), S. 869, 134ff. (plantae sunt partes in themate: prima, secunda, ultima; de quarum trunco [stam Rud. Alex. 3111. 16. 33] quasi surculus [ris Trist. 4736, Rud. Alex. 3119. 29. 41] exit). Die provenzalischen Leys d'amors haben an Stelle des Baumes der Dichter das Bild einer Quelle, welche sich in Bäche zerteilt (ed. Gatien- Arnoult, Bd. 1, S. 5). Systembäume der Tugenden und Laster, auf Pergament gezeichnet, waren als Anschauungsmittel in den Schulen aufgehängt. 32 Gustav Ehrismann: die Art der Darstellung, denn in diesem literarischen Abschnitt bezieht sich rede sonst auf die Form (4624—4659. 4711, rederich 4723; in 4679 umfaßt rede wohl mehr im allgemeinen die Kunstweise). Getadelt werden an Wolfram der Stil 4636—4646 (wort- heide, bickelworf), 4658—4662 {wort, rede), mit Übergang zum Inhalt 4663—4678 (vindsere wilder msere, der msere wildeneere) 1 , der Schluß 4679—4888 bezieht sich wieder zunächst auf die dunkle Ausdrucksweise, also den Stil. Deutlich scheidet Gotfrid bei Bliker wort 4690-4696 und sin 4697-4702, beide zusammen 4703-4707; hier spricht er auch von der Verskunst 4708—4720. Bei Veldeke hebt er den Gedankenreichtum des Inhalts hervor, 4725 f., und die Schönheit der Formgebung 4727, darauf seine Kunstfertigkeit (wisheit) im allgemeinen 4728—4730. Auch in der allgemeinen Bemerkung 4721—4723 stellt Gotfrid den Begriff Kunst vor als ein Zusammenwirken von innerem Sinn und Erscheinungsform: sinnec und vil rederich 4723. In dem Schlußwort des Abschnittes über die epischen Dichter 4736—4748 überblickt er die Entwicklung der Dichtkunst seit Veldeke: dieser hat die neue (die höfischepische Kunst) begründet, aus ihm schöpfen seine Nachfolger die Kunstsprache (die bluomen, colores), aus welcher sie die fein ersonnenen Bedewendungen (spaehe der meisterlichen fände) lernten. Diese Kenntnis (künde, etwa = Kunstfertigkeit, Gewandtheit) besitzen jetzt die Dichter allgemein, so daß sie die schönste Fülle der schmückenden Mittel an Wort und Weise (hier = Wohlklang der Sprache) aus ihren Vorgängern entnehmen. Der Gebrauch des Ausdrucks bluomen, colores, macht es äußerst wahrscheinlich, daß Gotfrid hier ganz speziell die Nachahmung der sprachlichen Kunstformen, des Stils, im Auge hat. Nun zu Budolf zurück. Bei Veldeke (3113—3118) hebt er technisch nur hervor, daß er rehter rime alrerst began, er hat zuerst „gute Verse" gemacht 2 , Bhythmus und Beim zu einer höheren künstlerischen Form erhoben. Auch bei der darauffolgenden Überleitung zu Veldekes drei großen Nachfolgern erwähnt er nur die 1 Burdach, D. Rundschau 29 (1902), S. 253ff.; John Meier, Festschrift zur 49. Versammlung deutscher Philologen in Basel, 1907, S. 511 f.; Singer, Aufsätze und Vorträge, S. 166—173. 2 Über die Bedeutung von rim, speziell hinsichtlich Veldekes, s. Braune, Reim und Vers, Sitz.-Ber. der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philos. hist. Kl., 1916, 11. Abh., S. 5ff.; Norden S. 825; Saran, Rhythmus des franz. Verses, S. 129; Herm. Fischer, Münchener S.-Ber. 1916, 5. Abh., S. 21 Anm. Studien über Rudolf von Ems. 33 Schönheit des Stils (bluomen; die ganze Stelle 3113—3122 ist ein variierter Auszug aus Trist. 4736—4748), dann aber beurteilt er Hartmann, Wolfram und Gotfrid nach beiden Richtungen hin, nach der Sprache und nach dem Inhalt. Einen scharfen, trennbaren Unterschied kann man bei der Besprechung Hartmanns und Wolframs finden, wo sich 3123 bis 3125 bezw. 3130-3132 auf die Form, 3128 bezw. 3135-3138 auf den Inhalt beziehen. Bei Gotfrid aber sind die beiden Seiten der Kunst nicht durchweg streng auseinandergehalten. Das Äußere wird behandelt in 3143—3145, dann der Gehalt (sinne 3147) 3146—3152; beides zusammen aber 3154—3166 (wort-sinnc 3161 f.). Auf Grund der lateinischen Rhetorik und unter Berücksichtigung der Technik Gotfrids in seiner Schwertleite soll nun Rudolfs Abhandlung über den Stil Hartmanns, Wolframs und Gotfrids besprochen werden. Von allen dreien rühmt er, daß sie in dichterisch kunstvoller und geschmückter Sprache reden (spaeheliche zerleitet, bluomen gespreitet 3121 f.). Hartmanns Ausdrucksweise wird sieht, süeze unde guot genannt. Sieht, schlicht, einfach, bedeutet denjenigen poetischen Stil, welcher auf Klarheit und Deutlichkeit (zweites Grundgesetz) gerichtet ist und über die gewöhnliche, niedere Art (tenuis, humilis oratio) zwar hinaus geht, aber rhetorische Mittel (Schönheit, Schmuck, drittes Grundgesetz) nur mäßig anwendet, das ist die mittlere Stufe, die oratio mediocris, moderata, temperata etc. (Die Klarheit und Lieblichkeit von Hartmanns Sprache betont Gotfrid: wie lüler und wie reine sin kristalliniu wortelin beidiu sint und iemer mäezen sin Trist. 4626—4628). Süeze ist suavis, lieblich, anmutig, guot ist soviel wie passend, geeignet, und entspricht etwa dem Terminus aptus, bezeichnet also eine Sprechweise, die dem Inhalt angepaßt ist. Die gemäßigte Stilart ist nach den Rhetorikern bestimmt zum Ergötzen, Unterhalten, Wohlgefallen, Behagen erwecken, de- lectare: das sagt auch Rudolf, nur meint er es wärmer und herzlicher: den herzen sanfte tuon, was Gotfrid bildreicher wiedergibt mit si koment den man mit siten an ff. Rudolfs Ausdruck: Da ist niht wurmseziges an, da ist nichts Faules, Unechtes, Schadhaftes, kommt etwa dem decocta suavitas nahe. Anders lautet die Würdigung Wolframs. Die Kraft der Sprache wird zuerst hervorgehoben durch starc, lat. vis (Cicero De oratore III, 7, 28 in bezug auf Demosthenes). In manege wis Ehrismann, Studien über Rudolf von Ems. 3 34 Gustav Ehrismann: gebogen ist Wolframs Ausdrucksweise nach dessen eigenem Bekenntnis: min tiutsch ist etswä doch so krump Wilh. 237, 11, sie wird also in Gegensatz gestellt zu sieht und bedeutet dem geraden einfachen Ausdruck gegenüber den ausgeschweiften, verschnörkelten, schwülstigen. Wilde ist so viel wie vremde (mit vremden sprächen) vom Gewöhnlichen abweichend, fremdartig, auffallend, seltsam, selten (wildiu wort . . selten ie me vernomen 3183—3185), der entsprechende lateinische Terminus ist alienus, Gegensatz zu pro- prius, bei Notker, der dafür § 52 (Piper 1, 672, 3ff.) die Erklärung gibt: Translata uerba et aliena ad ornatum pertinent. Nam dum vilescunt propria, requiruntur aliena, ut eis splendida et illustris efficiatur oratio, und später: In propriis simplex locutio est, in alienis figurata locutio est (672, 15f.). Aliquando sunt propria, quae quia non sunt ornata requiruntur aliena (672, 26f.). Spsehe, fein, zierlich, kunstvoll, kunstreich, ist die eigentliche Bezeichnung für die Schmuckwörter der ornata oratio claris coloribus picta, und ähnlich weehe. Für die vermittelnde Stellung, die Rudolf gegenüber den beiden rivalisierenden Meistern einnimmt, ist seine Einschätzung des Gehaltes der Dichtung Wolframs bezeichnend: im Gegensatz zu Gotfrid, der den vindsere wilder msere unter die Gaukler weist 1 , rühmt er Wolframs wilde äventiure, da er mit ihnen die Kunst wohl gefördert und trefflichen Unterhaltungsstoff (kurzewile) beigesteuert habe. Aber den höchsten Preis zollt er Gotfrid. Eingehend und mit besonderer Verehrung verweilt er bei ihm. Zur Charakterisi- rung seiner Formensprache häuft er die auszeichnendsten Kunstwörter. In Gotfridschen Wendungen malt er den poesievollen und das Innere erhebenden Gedankengehalt desTristan aus, in seiner Bewunderung aufsteigend bis zu den höchsten Werten, die ein Dichter erringen kann: die Gunst der Leser, ja selbst die Gunst von Gott. Durch ein umfangreiches Register technischer Ausdrücke wird Gotfrids Sprache bestimmt, aber die Aufzählung ist nicht eine planlose Häufung, sondern die einzelnen Bezeichnungen haben ihre bestimmte rhetorische Bedeutung. Zu den schon für Hartmann oder Wolfram gebrauchten Kennzeichen sieht, spsehe, guot, wilde, siieze, wsehe (3143—3145) kommen noch reht (3143), das etwa 1 Spsehe, wilde, fremde sind die echten Kunstwörter für die geblümte Rede, s. Ehrismann, Beitr. a. a. O., Mordhorst bes. S. 78—82. Zu wilde vgl. afrz. sauvage, Singer, Wolframs Stil, S. 10, Aufsätze und Vorträge, S. 171. Studien über Rudolf von Ems. 35 probabilis wiedergibt, und eben unde sieht ebenmäßig und glatt, und reine, das nach Trist. 4626 f. zu schließen so viel ist wie lüter, kristallin klar, durchsichtig, dilucide, distincte. Rede und vunt 1 3155—3157 bezeichnen wohl im allgemeinen die Darstellung im weitesten Sinn, die innere und die äußere Formgebung, Gehalt und Sprache. Hervorgehoben wird die Richtigkeit {der nie valschen trit mit valsche in siner rede getrat = er machte keine vitia), die Einfachheit und Richtigkeit (ebensieht), doch dabei die große Fülle (riche, copiosus, amplus, über), der Reichtum an Geist (sinneclich). Zusammengefaßt wird Gotfrids Genie in 3161. 3162: er war ein Künstler im Zuschneiden der Worte (verba) und ein Verkündiger weiser Gedanken (sententiae, sensus). Stellt man nun die eigentlich den Stil charakterisierenden Attribute zusammen, so erhält man je nach der Verteilung auf die drei Dichter folgende Tabellen: 1. auf alle drei wird angewendet: guot; 2. auf Hartmann und Gotfrid, nicht aber auf Wolfram: sieht (eben unde sieht), süeze; 3. auf Wolfram und Gotfrid, nicht aber auf Hartmann: wilde, spsehe, washe; 4. nur auf Hartmann: sanfte tuon, niht wurmseziges; 5. nur auf Wolfram: starc, in manege wis gebogen, fremde Sprüche; 6. nur auf Gotfrid: reine, reht, volle- komen. Wenn man die Verteilung negativ wendet, so ergibt sich folgendes: Hartmanns Stil ist nicht wilde und spsehe wie der Wolframs und Gotfrids, Wolframs Stil nicht sieht und süeze wie der Hartmanns und Gotfrids, Gotfrids Stil aber umfaßt alle Eigenschaften, die Hartmann und Wolfram zukommen 2 und dazu noch einige mehr. An Hartmanns Sprache werden Einfachheit und Anmut hervorgehoben; an Wolframs die Kraft (starc), Schwulst {in manege wis gebogen), Phantasie (wilde, mit vremden Sprüchen wsehe), Kunstfertigkeit (spsehe), von Anmut ist nicht die Rede; Gotfrid vereinigt Hartmanns Einfachheit und Anmut mit Wolframs Phantasie und Kunstfertigkeit, Anmut und Ebenmaß unterscheidet ihn aber von der Kraft 3 und Ausschweifung Wolframs. Deutlich unterscheidet Rudolf die Ausdrucksweisen: Hartmann dichtet in der mittleren, der gemäßigten Stilart, Gotfrid sowohl in der mittleren als in der höheren, der reich geschmückten, Wolfram in der höheren, aber nicht ohne deren Auswüchse. D iese 1 Vunt (inventio), prov. trobar, trobador, die Erfindung und das Erfundene; vgl. Singer, Aufsätze und Vorträge, S. 171. 2 v. Kraus bei Junk, Beitr. 29, 468. 3 Anmut —■ Kraft, vgl. suavitas — vis, Cicero, Orator, s. oben S. 26. 3* 36 Gustav Ehrismann: drei verschiedenen Kunstformen müssen auch verschieden wirken: Hartmanns Anmut verleiht dem Herzen Wohlbehagen, Gotfrids Kunst in ihrer Anmut und Schönheitsfülle ist die größte Gnade zuteil geworden, schmerzbeladene Seelen zu trösten und lebensmutige zu noch höherem Leben zu erheben; darum hat er die Liebe der Menschen und seine Kunst ist eine von Gott verliehene Gnade. Und welches Verdienst kommt Wolfram zu ? Er liefert eine gute Beisteuer zur Kurzweil, zur Vertreibung müßiger oder schwerer Stunden. Rudolf hat nicht verhohlen, welchem der beiden führenden Meister seine Sympathie gehört. Sein eigenes Stilprinzip legt Rudolf, wenigstens für den Alexander, im Prolog zum 3. Buch 8025—8039 dar: Weitschweifigkeit soll vermieden werden, durch einfache Anmut zum Herzen gehend soll die Sprache sein (an näher gender süeze sieht), mit richtigem Ausdruck und gemeinverständlichen Worten, und fein gefügt, aber nicht im Übermaß gekünstelt (um keinen Überdruß zu erwecken), zur Zeitverkürzung für die hochgesinnten Gesellschaftskreise. Das sind die Eigenschaften der gemäßigten Rede mit der Absicht auf das Unterhalten, delectare. Auf den Gedanken, die bedeutenden deutschen Dichter in einem kleinen literarischen Abriß zusammenzustellen, ist Gotfrid durch die wissenschaftliche' Tradition gekommen. Er hat die christlich lateinische Art der Literaturgeschichtsschreibung 1 auf deutsche Verhältnisse übertragen. Schon in den Lehrbüchern der klassischen Rhetorik, bei Cicero, Quintilian, gibt es einen Abschnitt über die nachzuahmenden Dichter und Redner. Der Begründer dieses Wissenschaftszweiges ist für das Mittelalter Hiero- nymus durch sein Buch De viris illustribus, der als Vorbild Ciceros Brutus nennt. Er hat zur Hauptquelle die Kirchengeschichte des Eusebius. Seine Behandlung der einzelnen Autoren ist recht dürftig und besteht zumeist nur in einer trockenen Aufzählung ihrer Werke mit wenigen historischen Notizen. Hieronymus wurde benutzt und fortgesetzt von Cassiodor (De institutione Divinarum litterarum I, Cap. 17—23), von Gennadius, Isidor, Beda. Diese wieder wurden ausgeschrieben und weitergeführt von Sigebert von Gembloux (Migne 160, 547—588), Honorius Augustodunensis (Migne 172, 197—234) 2 und dem Anonymus Mellicensis (Migne 213, ' 1 Vgl. Paul Lehmann, Literaturgeschichte im Mittelalter, Germ.-roman. Monatsschrift, IV. Jahrg., H. 11, S. 569—582, H. 12, S. 617—636. 2 Jos. Ant. Endres, Honorius Augustodunensis, S. 9ff. 69ff. Studien über Rudolf von Ems. 37 961—984) in ihren Büchern De scriptoribus ecclesiasticis (bezw. bei Honorius mit dem Haupttitel De luminaribus ecclesiae), von Vincentius Bellovacensis in seinem Speculum doctrinale am Ende des letzten (XVIII.) Buches. Sigebert und der Anonymus fügen oft erläuternde Ausführungen ein und Honorius gibt zuweilen, wie auch schon Hieronymus, lobende Urteile über den Stil: dulci sermone dictatum, suavi ac praeclaro eloquio, subtili sensu atque illustri sermone, melius plane, diserta lingua et scientia eruditus, dulcisone, pulcherrimo carmine compositum, eleganti epigrammate coaptatum, mirabilem librum, egregio stylo, miro modo. Solche Attribute haben auch Gotfrid und Budolf, man vergleiche bei Rudolf: dulcis, dulcisonus, suavis = süeze, subtilis, plane — eben unde sieht; disertus —spiehe, scientia eruditus = wise; pulcherrimus, elegans = cp«Ae; praeclarus, egregius = vollekomen. Das Lob, das Honorius dem Rupert von Deutz erteilt: a Spiritu sancto per visionem illuminatus (Migne Sp. 232), spendet Rudolf seinem Meister Gotfrid: got im der kunst wol gunde 3169. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß Rudolf neben Gotfrid noch ein derartiges lateinisches Dichterkompendium gekannt hat. Auch damit, daß Rudolf am Schlüsse der Dichterreihe seine eigenen Werke aufzählt, folgt er dem Herkommen, denn das Gleiche tun Hieronymus, Gennadius, Sigebert und Honorius (chronologisch auch Hugo von Trimberg im Registrum multorum auctorum, vgl. auch Renner, Prolog, 25—29) 1 . Über Rudolfs Selbstzitierung s. ferner, unten unter C, Zeitfolge. Der letzte Teil der klassischen Rhetorik, die Lehre vom Vortrag (actio, pronunciatio) 2 , die auf dem Gesetz der psycho- physischen Wechselwirkung (vgl. dazu Saran, Verslehre, S. 26 ff. 120 ff.) beruht, mit der Einteilung in Bewegungen der Sprache, vocis figura (der sprachliche Vortrag in der Mienenbewegung, vultus) und in Bewegungen des Körpers (corporis motus, gestus, das Gebärdenspiel), ist ebenfalls ins Mittelalter übergegangen, aber in der mhd. Literatur wird sie meines Wissens nicht berührt 3 . 1 In diesem Zusammenhang sei auch an die Aufzählung von Notkers Werken in seinem Brief an den Bischof von Sitten erinnert. Zur Zeitangabe der Legenda aurea s. Helm, Beitr. 43, 341 f.; Edw. Schröder, Beitr. 43, 545—548; Strauch, ebenda S. 549. 2 Volkmann 2 S. 573—580. 3 Bemerkungen über dieVortragskunst sind im Mittelalter nicht zahlreich. Hier sei nur verwiesen auf Marcianus Capeila V, 450 ff.; Alcuin, Migne 101, 941 ff.; Hrabanus Maurus, Migne 101,-941 f.; Notker, Piper I, 682f.; 38 Gustav Ehrismann: Sie geht auf Cicero zurück, die Renaissancepoetik hat sie vom klassischen Altertum wieder aufgenommen, uns ist sie historisch wohl am bekanntesten aus Lessings Abhandlung von den Pantomimen der Alten und seiner Übersetzung des Riccoboni. Aber die mittelalterlichen Vortragsregeln geben keinen klaren Einblick in die wirklichen körperlichen Ausdrucksformen des Redners bezw. Sprechenden. Wie sprach und wie gebärdet sich der Spielmann? Hatte er noch etwas von dem Auftreten des heimischen Rapsoden, des Skop, oder ist er ganz ein Schüler des römischen Mimus 1 ? Das Benehmen des höfischen Rezitators war jedenfalls, den Anforderungen der Gesellschaft entsprechend, gehalten und maßvoll. Schließlich hängen diese Bewegungsformen in Sprache und Mimik von der Bildung des Vortragenden und seines Standes ab und sind Auswirkungen der ethischen Gesamtlage der Zeit. In einem Falle können wir aber doch aus unserer Gegenwart weitergehende Rückschlüsse auf die mittelalterlichen Verhältnisse ziehen, nämlich bei der geistlichen Beredsamkeit der katholischen Kirche. Die Kirche hält traditionell fest an den geheiligten Gebräuchen und den festgesetzten Formen, denn alles ist Symbolik und hat den Zweck, eine höhere Idee in die äußere Erscheinung treten zu lassen. Darum werden beim katholischen Priestertum auch die Äußerungen des Temperamentes dem Wandel der Zeiten weniger unterworfen gewesen sein, hier werden auch die Ausdrucksmittel der Sprache in den Schallformen, in Rhythmik und Melodik auch heute noch etwas von dem alten Charakter bewahrt haben und bei Untersuchungen dieser Fragen könnte vielleicht eine Beobachtung der gegenwärtig in der katholischen Kirche üblichen Vortragsregeln Anhaltspunkte geben. Auch der gregorianische Kirchengesang 2 , der sich ja bis ins frühe Mittelalter verfolgen läßt, könnte über Aussprache, Rhythmus und Tonführung Aufschlüsse gewähren. Das Grundgesetz der Vortragsweise steht jedenfalls fest, es ist das Maßhalten, die temperantia, keine übertrieben leidenschaftlichen Mienen und Gesten machen. Natürlich ist auch hierin ein Honorius Augustodunensis, Migne 172, 861. 862; Galfrid de Vinesauf, Leyser S. 866, 83—85. S. 974—976, 2024—2059; für die Predigt Cruel S. 250 u. ö., Lecoy de la Marche S. 320ff., Surgant Buch I Consid. 21. Über die Ethopöie s. Volkmann 2 S. 281. 490; Isidor, Etymol. II, 14; Vincentius Bellovacerisis, Speculum doctrinale, Buch IV Kap. 128; Kuno Francke, Latein. Schulliteratur, S. 25. 1 Vgl. Notker a. a. O. 2 Vgl. Saran, Der Rhythmus des französ. Verses, S. 37ff. Studien über Rudolf von Ems. 39 Spielraum gelassen, der Bußprediger und Volksredner wendet derbere Ausdrucksbewegungen an als sie im normalen Predigtvortrag üblich sind. — Das getreueste und umfassendste Bild der Lebensäußerungen der mhd. Zeit gibt uns die Literatur, in der Darstellung von Freude und Leid usw. spielen sich vor uns die inneren seelischen Vorgänge ab, auch die bildende Kunst zeichnet uns die körperlichen Beaktionen auf Gefühl und Willen 1 , mit beschränkteren Mitteln traditionell gebunden und typisch noch unfreier. Aber zur realistischen Ausgestaltung des Wirklichkeitsbildes, zur individualisierenden Beobachtung des rhythmischen Ablaufs und der relativen Stärke der Beizauslösungen ist die mittelalterliche Kunst nicht gelangt. III. Das Publikum (die Kritik). Zweck des Prologs. Eine lateinische Gerichtsrede zerfällt in fünf Teile: 1. Ex- ordium, Eingang; 2. Narratio, Erzählung; 3. Propositio, Feststellung der Hauptfrage; 4. Confirmatio, Beweisführung; 5. Con- clusio, Schluß (De oratore II, 19, De inventione I, 19; Ad Heren- niuml, 8; s. ferner Isidor Etymol. II, 7; Notker, De arte rhetorica, §10 u. 12 [Piper 2, 650f.]; Conradus Hirs. S. 23f., 76f.). Für ein literarisches Werk kommen nur drei dieser Teile in Betracht (die Propositio und Confirmatio sind lediglich prozessuale Bestandteile): der Eingang, Exordium, Proemium, Prologus; der Hauptteil, die Erzählung, Narratio; der Schluß, Gonclusio. Die Eingänge 2 der Beden müssen mit Sorgfalt und Scharfsinn ausgearbeitet, reich an Gedanken (sententiis), treffend im Ausdruck sein, denn im Eingang liegt die Empfehlung des Bedners (Cicero, De oratore II, 78, 315). Sie müssen Schmuck und Würde besitzen (ornamentum et dignitatem). Dieses Gesetz wird allgemein auch in den mhd. Prologen beobachtet und gerade Budolf hat die seinen ja sehr kunstreich und gedankenschwer ausgestaltet. Auf die Zuhörer ist das Exordium berechnet und hat diesen gegenüber drei Bedingungen zu erfüllen: benivolum, attentum (oder intentum), docilem facere, es muß sie wohlwollend, aufmerksam, gelehrig machen De oratore II, 19, 80, und besonders De inventione I, 15. 16. 18; Ad Herennium I, 4; Quintilian IV, 1 Burdach, Deutsche Renaissance (Deutsche Abende, Vierter Vortrag) S. 15 und Literaturangaben S. 98. 2 Volkmann 2 S. 127 ff. 40 Gustav Ehrismann: 1, lff. [X, 1, 48], wo die Mittel zur Captatio benevolentiae, zum attentum et docilem facere, empfohlen werden; Augustinus De doctrina christ. IV, 2; Isidor, Etymol. II, 7; Alcuin De Rhe- torica (Migne 101, 929f.); Hrabanus Maurus De clericorum instit. III, 19. 28 (Migne 107, 396D.406C); Notker §10 (Piper 1, 650); Hugo Parisiensis (Migne 176, 880G); Conradus Hirs. S. 24. 57. 76. Die Mittel zum Erwirken der drei Anforderungen werden von Cicero De inventione I, 16 und darnach von Alcuin (Sp. 930) angegeben, von denen hier aber nur die für die mhd. Prologe in Betracht kommenden genannt werden sollen. Zur Captatio benevolentiae soll der Redner betreffs seiner eigenen Person demütige Bitten vorbringen: Benivolentia . . . comparatur ... ab nostra [persona] . . . si prece et obsecratione humili ac supplici utemur. Was die Hörer betrifft, so soll ihr Verhalten, falls es tüchtig ist, ohne Schmeicheln gelobt werden. Die Erregung der Aufmerksamkeit wird erzielt, wenn man das im Text Dargestellte als etwas Großes, Neues, noch nie Dagewesenes, Unglaubliches ankündigt (magna, nova, incredibilia), das sich . . . auf ausgezeichnete Männer beziehe (ad aliquos illustres homines pertinere), und dazu verspricht, den Vortrag kurz zu halten. Die Belehrung geschieht durch einen summarischen Hinweis auf den Inhalt. Der Redner — und ebenso der Dichter —, der die Gunst der Hörer gewinnen will, hat notwendiger Weise mit ihrem Urteil zu rechnen. Ein immer wiederkehrender Punkt in den mittelhochdeutschen Prologen ist darum die Stellungnahme zur Kritik 1 . Das Publikum teilt sich darnach in wohlwollende und übelwollende Hörer. Der antike Rhetor ist ja wesentlich von den Richtern und Zuhörern abhängig, darum auch die Empfehlung, die Rede dementsprechend einzurichten, z. B. Cicero, De oratore I, Kap. 25; Quintilian X, 1, 16 ff.; für die christliche Beredsamkeit vgl. Augustinus, De doctrina christ. IV, 26, 31, De catechiz. rudibus, Kap. 10. 13; Hrabanus Maurus, De cleric. inst. III, 30. 35. Für die christliche Predigt gilt dann als eine Hauptregel, den Inhalt und die Vortragsweise der Bildung und dem Stande der Hörer anzupassen, Z.B.Augustinus, De catechiz. rudibus, Kap. 15. 16; Hrabanus Maurus, De cleric. inst., Kap. 37. Diesem Zweck entspricht die Gattung der Sermones ad Status oder ad omne hominum genus 2 . 1 Ehrismann, Ztschr. f. d. A. 49, 417—421; Richard Ritter S. 49ff. 2 Lecoy de la Marche, S. 206ff. 276—279. Im besonderen sei hier verwiesen auf Alanus' Summa de arte praed. Kap. 39—-47 (Migne 210, 184—195). Studien über Rudolf von Ems 41 Gotfrid geht in seinem Prolog auf das Thema von der Kritik näher ein und betrachtet es von dem Grundsatz aus, daß man derjenigen, welche der Welt etwas Gutes tun 1 , mit Wohlwollen gedenken soll, wobei er rhetorisch das Schlagwort guot betont. Diese Forderung hat schon Augustin gestellt; der geistliche Redner behandelt gute Dinge, deshalb strebt er auch darnach mit willigem Herzen gehört zu werden: Agit itaque noster iste eloquens, cum et justa et sancta et bona dicit . . agit ergo quantum potest cum ista dicit, ut intelligenter, ut libenter, ut obedienter audiatur, De doctrina christ. IV, 15; vgl. ebenda Kap. 30: der Redner soll Gott bitten, daß er ihm eine gute Rede auf die Zunge lege (sermonern bonum) . . . und daß die Zuhörer sie gut aufnehmen (ut bene proferant et illi ad quos proferunt sumant). Notker übersetzt ut faciat benivolos mit taz si in güotomo sin § 10 2 (Piper 1,650). Mit der Wendung an das Publikum verbinden die Redner oder Dichter oft eine Entschuldigung wegen ihrer mangelhaften dichterischen Fähigkeit (Ritter S. 49ff.). Die Excusatio ist in der mittelalterlichen Rhetorik vorgesehen, denn ein Prolog kann den Zweck verfolgen, den Verfasser gegenüber dem Publikum entweder zu entschuldigen, oder zu empfehlen: Est autem omnis prologus aut apollogeticus aut commendaticius, vel enim se excusat aut commendat, Conradus Hirs. S. 24. Eine Steigerung der Excusatio ist die Rezeugung der humilitas, die ihre eigentliche Stelle in den religiösen Prologen hat (Ritter S. 15 ff.), denn diese strenge Form der Selbstverkleineruhg ist begründet in dem mönchischen Demutsgefühl. Principium disciplinae humilitas est lautet die Grundbedingung für den Lernenden, für den Studierenden der Wissenschaft, also überhaupt für den Gelehrten und Künstler (Hugo von S.Victor, Erud. did. IV, 14, Migne 176, 773C), und Alanus fordert vom geistlichen Redner: praedicator debet captare benevolentiam auditorum a propria persona per humilitatem (Migne 210, 113 D). Im Grunde geht allerdings die demütige Ritte auch auf die antike Rhetorik zurück, vgl. Cicero, De inventione I, 16. Renivolentia . . . comparatur a nostra (persona), si prece et ob- secratione humili ac supplici utemur, darnach Alcuin, Migne 101, 930 A. 1 Aliquid boni efficere, Conradus Hirs., S. 76; Mit kunst wol luon Burdach, Reinmar, S. 31. 2 In guotemo sin ist auch der Grundgedanke des Eingangs von Gotfrids Tristan: Gedsehte man ir ze guote niht. 42 Gustav Ehrismann: Eine alte Vorschrift der Rhetorik ist es, daß die Erzählung (narratio) kurz sein solle: Cicero, De oratore II, 19, 80—83, De inventione I, 20, darnach Alcuin Sp. 931A; Quintilian IV, 2, 40ff.; Isidor, Etymol. II, 7, 2; Notker § 11 (Piper I, 651); Alanus Kap. I (Migne Sp. 114C): Sit autem sermo compendiosus, ne prolixitas pariat fastidium. Der Verfasser entschuldigt sich wegen des Um- fangs der Rede bezw. des Buches: Augustinus, De doctrina Christ. IV, 31; Honorius Aug., Migne 172, 817 A; Alanus Kap. I (Migne Sp. 114A); Cruel, Geschichte der d. Pred., S. 135f.; vgl. Volkmann 2 S. 135. Rudolfs Prologe umfassen weit mehr als nur jene drei Eigenschaften, da er überhaupt einen großen Teil des rhetorischen Wissenschaftgebietes behandelt. Jedoch ist mit den theoretischen Erörterungen jene dreifache Beziehung auf das Publikum verflochten und es lassen sich viele Stellen auch unter diesem Gesichtspunkt betrachten. Unter das benevolum facere fallen diejenigen Verse, in welchen der Dichter den Wert der Gunst des Publikums hervorhebt, auch jene, in welchen er über die Gesinnung der Zuhörer spricht, und auch die Demutbezeugungen. Die Belehrung der Zuhörer (docilem facere) geschieht da, wo von dem Inhalt der Erzählung und von dem Helden die Rede ist, wie im Prolog zum 1. Buch 41—90, wo das bescheiden 41 (auch 12966) eben das docilem facere bedeutet; oder im Prolog zum 3. Buch 8069—8086, wo das Verbum sagen auf die Bekanntgebung des Inhalts hinweist: swer ez verneinen danne wil, dem sage ich urliuge vil 8069 f., ferner 8075. 79. 85. Die Aufmerksamkeit der Hörer wird erregt (intentum facere) durch Hervorhebung der Taten des Helden, so im Prolog zum 1. Buch 41—90 (er hat Wunder vollbracht 71—74, vgl. nova, incredibilia Cicero De inv., s. oben S. 25f.); oder der Heldenpreis im Prol. zum 2. Buch 3293-3298 und zum 4. Buch 12935-12940 mit der gleich folgenden Aufforderung zur Lektüre der wahren Alexandergeschichte 12941 ff. Das Aufmerksammachen auf den Inhalt, auch die Betonung der historischen auf Quellenforschung beruhenden Richtigkeit der Darstellung fällt unter den Begriff eines Prologus commendaticius. Apologetisch (prologus apologeticus) ist der Prolog zum 2. Buch, besonders 3063-3084 und 3269-3276, und die Entschuldigung der Länge des Gedichtes 8025 ff. {kurz und got machen 8044). Genau abgrenzen lassen sich die Stellen des intentum facere und des docilem facere nicht, da sie stofflich zusammen fallen, indem sowohl die Aufmerksamkeitserregung als Studien über Rudolf von Ems. 43 die Inhaltsbelehrung von Alexander handeln. Auch Cicero De inv. a. a. 0. äußert sich dahin: eum quem docilem velis facere, simul attentum facies oportet. Noch ist zu erwähnen, daß zum Exordium auch die Namensnennung des Autors gehört, titulus: titulus auctorem et unde tractet breviter innuit Conradus Hirs. S. 24. Im Alexander besteht der titulus im Eingangsakrostichon. Als Erweiterung des titulus könnten die Verse 3279—3289 betrachtet werden, wo Rudolf über seine früheren Werke eine kurze Andeutung macht. Die Prologe in den andern Werken. Die Prologe im Willehalm. Prolog zum I.Buch, 1—132. a) 1 — 16 Publikum. Allgemeine Charakteristik des tugendhaften Mannes 1 (der eregernde, den diu bescheidenheit tugendet, also der nach dem Honestum strebt). Aus edelm Herzen kommt die Lehre, die uns zur Erlangung der Tugend hilft, edelez herze ist die Quelle reiner fügende (des Honestum), den höchsten Preis trägt diu zuht, die gute Erziehung, die feine Bildung 1—4. Lop und lobelichez guot (ere und guot, honestum und bonum) muß der Mann in sich, in strebendem Herzen, zur Blüte und Dauer bringen, erziehen 5—10. Alle Wohlmeinenden (getriuwe) sind Kinder der Ehre (des Honestum). Bescheidenheit, sittliche Erziehung, sittliche Bildung, verleiht mehr als alles andere die Tugenden (das Honestum) 11 — 16. Der Schluß, 11—16, wiederholt den Eingang 3. 4, zuht und bescheidenheit bedeuten ein und dieselbe Tugend, die modestia. Die modestia ist die erste Teiltugend der Tem- perantia (aoxppoavÜT]), ja sie kann in ihren Grundbedingungen ihr gleichgesetzt werden, denn sie besteht in der Beherrschung der Begierden (appetitus) durch die Vernunft (ratio). So lehrt die Moralis philosophia (Migne 171, 1034—1039) nach Cicero, De officiis I, Cap. XXVII-XXXVII. Der Begriff von modestia = moderatio ist Mäßigung (diu mäze), Selbstbeherrschung, Sittsamkeit, Gefühl für Ehre und Zucht, Sittlichkeit. Freidanks bescheidenheit lehrt also das, was die mittelalterliche Ethik unter der modestia zusammenfaßte. 1 Ztschr. f. d. A. 56, 137 ff. 44 Gustav Ehrismann: ß) 17—39 Publikum. In a) stellt Rudolf eine Gemeinde fein gebildeter Menschen dar, gleichsam ein Idealpublikum für den höfischen Dichter, denen schon die zuht gebietet, getriuwe, wohlmeinend (11, vgl. 2148), zu sein. In 17—39 wendet er sich unmittelbar an die Hörer. Er scheidet sie in die bekannten Gruppen: die höhnischen 17—32, die er als die Bildungslosen jenen edel Gebildeten gegenüberstellt, und die verständigen 33—39. y) 40—123 Der Inhalt, betrachtet nach den drei Gesichtspunkten der Texterklärung: 1. 40—68 Intentio, der Gedankengehalt der Erzählung; 2. 69—88 Materia, der Stoff der Erzählung; 3. 89—123 Causa finalis, der Zweck (berechnet auf die verschiedenen Gattungen der Leser, sermo ad status). 8) 124—132 Schluß des Exordiums, Übergang zur Narratio: subjektiver Zweck der Arbeit; Wahrheitsbeteuerung. Die drei Aufgaben, die das Exordium zu erfüllen hat, bene- volum, intentum, docilem facere, sind berücksichtigt: die Gap- tatio benevolentiae liegt in der Wendung an die wohlmeinenden Redner (1—16. 33—39. 124—132) und in der bescheidenen Beurteilung der eigenen Kunst (89ff.); die Aufmerksamkeit wird erregt durch die Darlegung des empfindsamen Gehaltes 40ff. und des umfangreichen Interessengebietes 108ff., sowie durch den Hinweis auf die beiden Hauptpersonen 69 ff.; das Belehren geschieht durch die kurze Inhaltsangabe, die ebenfalls in 69ff. enthalten ist. Prolog zum 2. Buch, 2143-2334. a) 2143—2172 Publikum. Die Aventiure 1 (die Erzählung, der Stoff, der Inhalt, narratio) wendet sich an den wohlwollenden Leser (guot 2143, getriuwe 2148) mit der Bitte, den Dichter zur Fortsetzung zu bewegen. ß) 2173—2296 Demut. Rudolf verweist die Aventiure an bessere Meister. Literarischer Abriß. y) 2297—2334 Versprechen des Dichters, die Arbeit fortzusetzen. Die Aventiure (also Rudolfs Dichtung) soll bei der Dame des Veranlassers, Konrads von Winterstetten, Fürsprecherin sein, daß sie dessen Minnedienst erhöre. Prolog zum 3. Buch, 5595—5658. a) 5595—5613 Publikum. Dichter und Kunstverständige mögen jetzt dem Verfasser mit ihrer Belehrung beistehen, da er 1 J. Grimm, Kl. Sehr. 1, 88ff.; Henrich S. 243f. Studien über Rudolf von Ems. 45 an die Stelle gekommen ist, wo er seinen Helden die höchste Würde, die Schwertleite (Inhalt), erlangen lassen soll. ß) 5614—5636 Demutsbezeugung. y) 5637—5658 Zweck: der werden gunst erlangen (oc, ß, y Captatio benevolentiae). Prolog zum 4. Buch, 9735—9890.