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Studien über Rudolf von Ems : Beiträge zur Geschichte der Rhetorik und Ethik im Mittelalter
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Studien über Rudolf von Ems. 77

hohe Rede angewandt werden, die Aufgabe des Geistlichen ist,das Volk zu belehren, das Haupterfordernis der Predigt also istVerständlichkeit, ist eine klare und sichere Sprache, der maßvolleStil. Medium tenuere beati ruft Alanus dem Prediger zu in seinerSumma de arte praedicatoria, er, der in seinen antikisierendenAllegorien im üppigsten Wortgepränge schwelgt 1 . Die Regeln fürdie mittelalterliche Predigt also sind aus der klassischen Rhetorik,vor allem aus Cicero übernommen und Surgant schickt seinerSammlung rhetorischer Figuren folgende Einleitung voraus: Deci-mustertius modus amplificandi sermonem et extendendi diversasmaterias: per colores rhetoricales, qui a Cicerone in III. librorhethoricorum et pluribus illustribus oratoribus traduntur, BuchlCons. XVI, Bl. 28b 2 . Der Inhalt der Predigt besteht überhauptin Erweiterung, insofern sie den Grundstock, das Thema, der Ge-meinde weiter auseinandersetzen muß. Oft auch war der Predigergenötigt, aus eigenem Zutun seine Rede weiter auszuführen, wennihm als Hilfsmittel nur eine kurz disponierte Musterpredigt vorlag 3 .Die Erweiterung, Amplificatio, ist für die Geschichte der alt-deutschen Übertragungskunst von grundlegender Bedeutung. Derfremde Text sollte dem deutschen Publikum verständlich gemachtund innerlich näher gebracht, seiner Auffassung und seinemEmpfindungsleben angepaßt werden, das geschah eben durcherläuternde Zusätze, durch tiefere Begründung der äußeren Er-eignisse oder der inneren Bewegungen, durch Ausmalung der Situa-tionen oder der Empfindungen der Personen, kurz: durch Er-weiterung. Die für die Predigt übliche Methode der Amplificatio 4

1 Eine vortreffliche Kritik seines eigenen weltlichen Stils gibt Alanus,zugleich indem er dem Prediger vorhält, wie man es nicht machen soll:Praedicatio enim in se non debet habere verba scurrilia vel puerilia vel rhyth-morum melodiös et consonantias metrorum, quae potius fiunt ad aures demul-cendas quam ad animum instruendum, quae praedicatio theatralis est et mimica ..praedicatio enim non debet splendere phaleris verborum purpuramentis colorumnee nimis exsanguibus verbis debet esse dejeeta sed Medium tenuere beati. Quia,si nimis esset picturata, videretur nimio studio exeogitata et potius elaborata adfavorem hominum quam ad utilitatem proximorum et ita minus moveret animosauditorum, Migne 210, 112BCD."

2 Vgl. Lecoy de la Marche, S. 308 ff.; Ztschr. f. d. Phil. 36, 516f.

3Eine Rhetorik, welche durch Häufung analoger Dinge wirkte, floßaus der Predigt in die Dichtung über und ward eine Schule der Phantasie",Scherer, Gesch. d. d. Lit., S. 82.

4 Über die Fülle des Ausdrucks in der Predigt vgl. Edw. Schröder,Anegenge, S. 30ff. Eine.der Anweisungen S.urgants, Buchl Cons. VII, Bl. IIa,