78 Gustav Ehrismann:
wurde dann angewendet auf die dichterischen Übertragungenbiblischer Stoffe, sie befolgte Otfrid, ebenso die Dichter der ad.Genesis und Exodus, der jüngeren Judith usw., und auf diesertraditionellen Übung beruht dann der erweiternde Stil Hartmanns(die sogen, psychologische Vertiefung) 1 .
Sucht man schließlich die architektonische Manier Rudolfsunter eine einheitliche Formel zu bringen, so könnte man sagen,sie besteht in einer starken Ausmeißelung der Form durch Auf-lösung einer Einheit in eine Vielheit gleichwertiger Teile. EinVergleich mit der Gotik liegt nahe, auch dort die Herrschaft desOrnamentalen über das Monumentale. Liegt auch beiden diegleiche Raumanschauung zugrunde ? und vielleicht gar dieselbeIdee ? Beruhen der Sprachstil Rudolfs und die Gotik in der plasti-schen Kunst auf gemeinsamen geistigen Bedingungen, wie es beider Renaissanceplastik und der Renaissancedichtung der Fall ist,etwa auf einem gotischen Zeitgeiste ? Ein gewisser Gleichlauf istnicht in Abrede zu stellen: die Blüte der gotischen Kunst und diegeblümte Sprache beruhen beide auf einer durch längere Übunggesteigerten Technik. Aber die florierte Ornamentierung der Rede-weise ist nur Virtuosität, nur Manier, ein Zeichen von Unvermögen,die gotischen Dome sind Ergebnisse höchster geistiger und materiel-ler Kraft. Beide Formerscheinungen haben innerlich nichts miteinander gemein, die geblümte Rede ist gar keine „Zeitkunst",nicht der Ausdruck einer bestimmten Zeitgenossenschaft wie dieRenaissancedichtung, sie ist Schulgewächs aus dem gesunkenenklassischen Altertum, Asianismus und Gallicanismus, das künst-lich von den Trivialgelehrten weiter gepflegt wurde, ein Erzeugnisstarrer Tradition, nicht lebendiger Kraft 2 .
lautet: per totum sermonem aliquod factum augere et amplificare perdoctrinam auctivam, vel aliquod factum per proportionabilem doctrinamminuere, vel per totum sermonem passionem aliquam inducere vel per totumsermonem persuadere ad aliquid usw. Viele Beispiele von Wiederholungen inder Predigt gibt H. Hasse in der Ztschr. f. d. Phil. 44, 3ff. 32ff. 169ff.
1 Firmery, Notes critiques sur quelques traductions allemandes, S. 108ff.;Ehrismann, Ztschr. f. d. Phil. 45, 306. — Auch die Kürzung des Textes,minuere, ist für vorkommende Fälle in den Predigtvorschriften empfohlen,s. die vorige Anmerkung. Wie Rudolf sich gegenüber seinen Quellen ver-hielt', das nachzuweisen ist Aufgabe von Einzeluntersuchungen.
2 Über Gotik und Reimkunst s. Plenio, Beitr. 41, 127.