Druckschrift 
Studien über Rudolf von Ems : Beiträge zur Geschichte der Rhetorik und Ethik im Mittelalter
Entstehung
Seite
76
Einzelbild herunterladen
 

76 Gustav Ehrismann:

Die Stilkunst der führenden höfischen Dichter beruht incharakteristischen Ausdrucksformen auf der lateinischen Rhetorik.Im Rhetorikunterricht lernte man im Mittelalter die Stilkunst 1 .Die Schule 2 gab die Regeln und erzog die Fähigkeit zum dich-terischen Ausdruck. Für die Notare und Kanzleibeamten war dieRhetorik die wichtigste der sieben Künste, im höchsten Ansehenfür den Kurialstil stand der Typus der päpstlichen Kanzlei. Vielemittelhochdeutsche Dichter besaßen die Bildung einer Gelehrten-schule und hatten jedenfalls das Trivium, also auch die Rhetoricastudiert, Veldeke, Hartmann, Gotfrid, sicher auch Rudolf. Aberfür die Ausübung der dichterischen Kunst war die Nachahmunghervorragender Muster zum Grundsatz geworden. So wirkt aufden dichtenden Autor neben der Tradition der Schule auch nochein spezieller Führer bei der Ausbildung seines Stils. Die mhd.höfischen Dichter waren außerdem, soweit sie altfranzösischeWerke übertrugen, von diesen abhängig. Für Wolfram hatSinger französische Einflüsse nachgewiesen, Gotfrid fand schonin seiner Quelle, dem Tristan des Thomas, die Anlage zum zier-lichen Stil. Wie viel von eigener rhetorischer Schulung ein mhd.Autor bei der Übertragung eines französischen Werkes hinzu-brachte, wird nie restlos zu erkennen sein. Gotfrid hat seinenfranzösischen Gewährsmann, dem er stofflich genau folgte, anEleganz und Kunst übertroffen, in der sprachlichen'Formgebunghat er sich also größere Selbständigkeit bewahrt. Rudolf gehtwieder über sein Vorbild Gotfrid in der formellen Behandlunghinaus. Hat er selbständig die prägnante Eigenart seines Meisterszur Manier ausgebildet, indem er die von jenem schon vorge-zeichneten Formen zum Muster nahm und übertrieb, erweiterte,amplifizierte" ? Oder hat er bei dieser Überspannung der Schmuck-mittel sich wiederum nach einem lateinischen Meister gerichtet ?Die Manier des Alanus war zu seiner Zeit beliebt; ein Beispiel,wie sie wirkte, haben wir in den preziösen Künsten des MagistersHeinrich von Isernia. Diese Mode hat auch Rudolf mitgemacht,vielleicht unter unmittelbarer Anlehnung an Alanus.

Die Ars rhetorica war aber auch die Grundlage für die Kanzel-beredsamkeit. Predigtstil und höfischer Erzählungsstil sinddarum miteinander verwandt, nur durfte die geistliche Sprachenicht in die weltlichen Künsteleien ausarten. Maßvoll soll die

1 Burdach, Deutsche Renaissance, S. 14f.

2 Vgl. Kuno Frakcke a. a. 0., Wilib. Schrötter a. a. 0.