60 • Gustav Ehrismann:
torik sollen die Gattungen der Redeweise wechseln, nicht fort-gesetzt soll sich der Redner oder Dichter auf hohem Kothurnbewegen, nur an inhaltlich bedeutsamen Stellen ist die erhabeneSprache am Platze. Auch Rudolf kennt diese Schulregel derRhetorik, das Wortspiel ist ihm nicht nur ein formaler, dekorativerSchmuck des sinnfälligen Sprachbildes, sondern eine Stimmungs-verstärkung des Inhalts. Er bringt also diese Künste prinzipiellan ganz bestimmten Stellen an, an solchen die einen stärkerenInteressewert haben. In den meisten Fällen werden wir mitunserm modernen Empfinden die Gründe verstehen, weshalbRudolf das Hebungsmittel der Wiederholung gerade in den betref-fenden Versen anwendet, um so leichter, da sich bei ihm einefast mechanische Regelung für die Anwendung des erhabenenStils erkennen läßt. Die reicher ausgeführte Wiederholung trittnämlich hauptsächlich da ein, wo starke Gefühlseindrücke geschil-dert oder wichtige Lehren verkündigt werden, nicht in der fort-schreitenden Handlung, in der Erzählung 1 ; also in lyrischenPartien, wenn die Stimmung von Freude und Leid ausgemalt,die Schönheit der Frau, die Macht der Minne gepriesen werdensoll, oder in didaktischen, wenn wichtige Punkte des christlichenGlaubens dargelegt werden, oder im Gebet.
Dem entsprechend sind beispielsweise im g. Gerharddurchblühende Sprache und damit auch durch Wortwiederholungfolgende Stellen ausgezeichnet: 1. Stimmungsbilder: Das Elendder Gefangenen 1551-1619 (Schlagwort klagen 1553. 61. 62.67. 84. 1604. 5. 17. 18); Jammer der um Barmherzigkeitflehenden Prinzessin 2293—2330 (süße Worte und phantasievolleBilder 2294-2310, Alliterationen, Schlagwörter weinen 2293. 2310.14. 15. 19, herze 2299. 2300. 1, klagen 2301. 24. 30, schcene 2304.6. 10, regen 2307. 9, diu guote 2318. 23, Uten 2318. 20. 26. 28,ernest [lieh] 2325. 27); Freude 2476-2498 (Schlagwort vreude,vroellche 2476. 77. 87. 89. 90. 91. 92. 94. 96. 97, dazu weinen 2480.83). — 2. Lobpreisung der Schönheit der Frau 1648—1704 {wünsch)1650. 51. 60. 70. 93, guot 1654. 55. 63. 1701, wip 1655. 59. 62.92. 97, vrouwe 1658. 64-69. 73. 77, süeze 1661. 79, schcene 1662.67. 68. 69. 72. 73. 74. 75. 76. 77. 78. 80. 95, kroene 1668. 70. 78,minneclich 1691. 1704, lieht 1685. 88 (süße Worte, Alliteration,
1 Die hier gemachte Einteilung geht von rein stilistischen, architektonisch-räumlichen Grundsätzen aus, die Henrichs S. 250—254 von sprachlichenKategorien.