34 Gustav Ehrismann:
gebogen ist Wolframs Ausdrucksweise nach dessen eigenem Be-kenntnis: min tiutsch ist etswä doch so krump Wilh. 237, 11, siewird also in Gegensatz gestellt zu sieht und bedeutet dem geradeneinfachen Ausdruck gegenüber den ausgeschweiften, verschnörkel-ten, schwülstigen. Wilde ist so viel wie vremde (mit vremden sprä-chen) vom Gewöhnlichen abweichend, fremdartig, auffallend, selt-sam, selten (wildiu wort . . selten ie me vernomen 3183—3185), derentsprechende lateinische Terminus ist alienus, Gegensatz zu pro-prius, bei Notker, der dafür § 52 (Piper 1, 672, 3ff.) die Erklärunggibt: Translata uerba et aliena ad ornatum pertinent. Nam dumvilescunt propria, requiruntur aliena, ut eis splendida et illustrisefficiatur oratio, und später: In propriis simplex locutio est, inalienis figurata locutio est (672, 15f.). Aliquando sunt propria,quae quia non sunt ornata requiruntur aliena (672, 26f.). Spsehe,fein, zierlich, kunstvoll, kunstreich, ist die eigentliche Bezeichnungfür die Schmuckwörter der ornata oratio claris coloribus picta,und ähnlich weehe. Für die vermittelnde Stellung, die Rudolfgegenüber den beiden rivalisierenden Meistern einnimmt, ist seineEinschätzung des Gehaltes der Dichtung Wolframs bezeichnend:im Gegensatz zu Gotfrid, der den vindsere wilder msere unter dieGaukler weist 1 , rühmt er Wolframs wilde äventiure, da er mitihnen die Kunst wohl gefördert und trefflichen Unterhaltungsstoff(kurzewile) beigesteuert habe.
Aber den höchsten Preis zollt er Gotfrid. Eingehend undmit besonderer Verehrung verweilt er bei ihm. Zur Charakterisi-rung seiner Formensprache häuft er die auszeichnendsten Kunst-wörter. In Gotfridschen Wendungen malt er den poesievollen unddas Innere erhebenden Gedankengehalt desTristan aus, in seinerBewunderung aufsteigend bis zu den höchsten Werten, die einDichter erringen kann: die Gunst der Leser, ja selbst die Gunstvon Gott. Durch ein umfangreiches Register technischer Ausdrückewird Gotfrids Sprache bestimmt, aber die Aufzählung ist nichteine planlose Häufung, sondern die einzelnen Bezeichnungen habenihre bestimmte rhetorische Bedeutung. Zu den schon für Hart-mann oder Wolfram gebrauchten Kennzeichen sieht, spsehe, guot,wilde, siieze, wsehe (3143—3145) kommen noch reht (3143), das etwa
1 Spsehe, wilde, fremde sind die echten Kunstwörter für die geblümteRede, s. Ehrismann, Beitr. a. a. O., Mordhorst bes. S. 78—82. Zu wildevgl. afrz. sauvage, Singer, Wolframs Stil, S. 10, Aufsätze und Vorträge, S. 171.