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Studien über Rudolf von Ems : Beiträge zur Geschichte der Rhetorik und Ethik im Mittelalter
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Studien über Rudolf von Ems. 35

probabilis wiedergibt, und eben unde sieht ebenmäßig und glatt,und reine, das nach Trist. 4626 f. zu schließen so viel ist wie lüter,kristallin klar, durchsichtig, dilucide, distincte. Rede und vunt 131553157 bezeichnen wohl im allgemeinen die Darstellung imweitesten Sinn, die innere und die äußere Formgebung, Gehaltund Sprache. Hervorgehoben wird die Richtigkeit {der nie valschentrit mit valsche in siner rede getrat = er machte keine vitia), die Ein-fachheit und Richtigkeit (ebensieht), doch dabei die große Fülle(riche, copiosus, amplus, über), der Reichtum an Geist (sinneclich).Zusammengefaßt wird Gotfrids Genie in 3161. 3162: er war einKünstler im Zuschneiden der Worte (verba) und ein Verkündigerweiser Gedanken (sententiae, sensus).

Stellt man nun die eigentlich den Stil charakterisierendenAttribute zusammen, so erhält man je nach der Verteilung aufdie drei Dichter folgende Tabellen: 1. auf alle drei wird angewendet:guot; 2. auf Hartmann und Gotfrid, nicht aber auf Wolfram:sieht (eben unde sieht), süeze; 3. auf Wolfram und Gotfrid, nichtaber auf Hartmann: wilde, spsehe, washe; 4. nur auf Hartmann:sanfte tuon, niht wurmseziges; 5. nur auf Wolfram: starc, in manegewis gebogen, fremde Sprüche; 6. nur auf Gotfrid: reine, reht, volle-komen. Wenn man die Verteilung negativ wendet, so ergibt sichfolgendes: Hartmanns Stil ist nicht wilde und spsehe wie derWolframs und Gotfrids, Wolframs Stil nicht sieht und süeze wieder Hartmanns und Gotfrids, Gotfrids Stil aber umfaßt alle Eigen-schaften, die Hartmann und Wolfram zukommen 2 und dazu nocheinige mehr. An Hartmanns Sprache werden Einfachheit undAnmut hervorgehoben; an Wolframs die Kraft (starc), Schwulst{in manege wis gebogen), Phantasie (wilde, mit vremden Sprüchenwsehe), Kunstfertigkeit (spsehe), von Anmut ist nicht die Rede;Gotfrid vereinigt Hartmanns Einfachheit und Anmut mit Wolf-rams Phantasie und Kunstfertigkeit, Anmut und Ebenmaß unter-scheidet ihn aber von der Kraft 3 und Ausschweifung Wolframs.

Deutlich unterscheidet Rudolf die Ausdrucksweisen: Hart-mann dichtet in der mittleren, der gemäßigten Stilart, Gotfridsowohl in der mittleren als in der höheren, der reich geschmückten,Wolfram in der höheren, aber nicht ohne deren Auswüchse. D iese

1 Vunt (inventio), prov. trobar, trobador, die Erfindung und das Er-fundene; vgl. Singer, Aufsätze und Vorträge, S. 171.

2 v. Kraus bei Junk, Beitr. 29, 468.

3 Anmut Kraft, vgl. suavitas vis, Cicero, Orator, s. oben S. 26.

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