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Studien über Rudolf von Ems : Beiträge zur Geschichte der Rhetorik und Ethik im Mittelalter
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30 Gustav Ehrismann:

Asianismus entspricht in der mhd. dichterischen Formensprachedie geblümte Rede 1 , in der die Affektiertheit des xxxo^Aov mitseinem Bombast (lascivia, Ausschweifung), den unsinnigen Hyper-beln, Metaphern, Vergleichen, zum Prinzip geworden ist 2 .

In seinem Prolog zum 2. Buch gibt also Rudolf eine literatur-geschichtliche Übersicht mit stilistischen Bemerkungen und einerBeurteilung der betreffenden Dichter. Er tut es nach dem Musterder literarischen Stelle, die Gotfrid bei der Schilderung vonTristans Schwertleite eingeschaltet hat, 45874818.

Will man Rudolfs Fassung aufs einzelne hin betrachten, somuß man sie mit jener Stelle vergleichen. Durch eine verschwen-derische Fülle von schmuckreichen Worten und phantasievollenBildern hat Gotfrid seine künstlerischen Gedanken zu einemrhetorischen Glanzstück ausgestaltet. Rudolf bleibt stecken inder Zusammenstellung einzelner technischer Ausdrücke, und woer sich zu einigem Schwung erhebt, ist er durch sein Vorbildangeregt. Gotfrid besitzt angeborene rhetorische Begabung, Rudolfhat die Stilistik nur schulmäßig erlernt. Darum aber läßt sich fürdie rhetorischen Begriffsbestimmungen manches aus ihm ge-winnen.

Rudolf bespricht nur epische Dichter (außer Freidank). Erteilt sie in zwei Gruppen: die alten Meister, das sind Veldeke,der Begründer des neuen Stiles 3 , und die ihn zur höchsten Blüte

propter insolentiam. i. seltsani aide ungeuuoneheite. Vgl. Quintilian VIII, 2,12 ff.; Isidor, Etymol. II, 19. 20; Volkmann 2 S. 401 ff. Natürlich ist es keinbloßer Zufall, daß Wolfram gerade diese eigenartige Sprache redet. Sie isteine geistige Ausdrucksform seines innern Wesens und mag zugleich auchschon mit einer ihm angeborenen individuellen sprachlichen Veranlagung imZusammenhang stehen.

1 Ehrismann, Beitr. 22, 313333; Otto Mordhorst, Egen von Bam-berg unddie geblümte Rede", Berliner Beitr., germ. Abt. Nr. 30, Berlin1911.

2 Volkmann 2 S. 406, 541f.; Norden, Reg. Bd. 2, 965 u. bes. 1, 263ff.

3 Er impete daz erste ris usw. Trist. 47364748. Das Bild das Gotfridhier gebraucht, ist die poetische Vorstellung eines literaturgeschichtlichenStammbaums. Es gehörte zur mittelalterlichen Lehrmethode, ein System,ein Schema, unter dem Bild eines Baumes (Stammbaum) mit Ästen undZweigen (Zweigen und Blüten, Stemma) zu veranschaulichen. So stellteTheodulf in siebenundfünfzig Distichen den Baum der Wissenschaftendar, an dessen Wurzel die Grammatik sitzt und dessen Äste die andern Artesmit der Ethik und den vier Kardinaltugenden sind (Mon. Germ. poet. lat.I, 544547, s. auch Ebert, Lat. Lit. 2, 77f.); Ein Arbor juris bei Isidor,Etymol. IX, 28. Ein Arbor vitiorum und ein Arbor virtutum bei Hugo