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Studien über Rudolf von Ems : Beiträge zur Geschichte der Rhetorik und Ethik im Mittelalter
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22 Gustav Ehrismann:

Legendi etiam poetae, cognoscendae historiae, omnium bona-rum actium doctores atque scriptores legendi. Man soll diegeschmackvollsten Schriftsteller (d. i. die besten Stilisten) undRedner lesen und nachahmen: Sit modo is, qui dicet aut scri-bet . . . ornatissimos scriptores oratoresque ad cognoscendumimitandumque delegerit III, 31, 125. Darauf nennt er eineAnzahl der bedeutendsten alten Lehrer und Urheber der Sprach-kunst (doctores auctoresque dicendi, Kap. 32, 126) und rühmtihre Gelehrsamkeit und umfassende Bildung (§126135); diejetzigen dagegen treten an ihr Amt ohne Kenntnis und Wissen-schaft (§ 136). Dieselben Vorschriften gibt Quintilian, dessenBuch X eine Literatur nachahmenswerter klassischer Autoren ent-hält: Gewandtheit erlangt man, indem man die besten Schrift-steller liest (X, 1, 27, vgl. auch I, 4, 1), dann werden die vorzüg-lichsten Dichter und Prosaisten aufgezählt, ihre Kunst wirdbeurteilt hinsichtlich des Geistes und des stilistischen Ausdrucks.Aus diesen und andern lesenswerten Autoren soll man den Wort-schatz, die Redewendungen und die Kompositionsmethode ent-lehnen. Denn die Kunst beruht zum großen Teile auf Nach-ahmung (X, 2,1 ff.). Wir müssen prüfen welche Schriftsteller wirnachahmen sollen. Viele aber halten sich nur an die Äußerlich-keiten, sie unterscheiden sich dann im Wortlaut und Rhythmusnicht sehr von ihrem Vorbilde, reichen aber an dasselbe in Kraftund Erfindungsgabe nicht hinan ... sie werden schwülstig, wo sieerhaben sein sollten, dürftig, wo sie knapp sein wollten . . ., maß-los, wo blumenreich. Für die christliche Beredsamkeit gilt Augu-stins De doctrina christ. IV, 3. 4. Hrabanus Maurus De cleri-corum inst. III, 19 (Migne 107, 396) hängt von Augustin ab (Bered-samkeit wird durch Lesen befördert; bei Erforschung des Inhaltsdes Gelesenen wird man sich auch die Darstellungsform, eloquium,aneignen). Ferner Notkers Rhetorik, Piper 1, 643, Gerbert,Norden 2, 706, Bernhard Silvester, ebenda S. 715f. ConradusHirs. sagt direkt: Plurimi poetarum poetas praecedentes in carminesuo secuti sunt; . . sie et in ecclesiacistis auetoribus multi aliossecuti sunt, S. 27 1 .

1 Auf die Nachahmung von Mustern bezieht sich Wolframs selbst-bewußte Abweisung der Buchgelehrsamkeit Willeh. 2, 1922. Er stellt sichdamit in Gegensatz zu den Vorschriften und Ratschlägen der Schulrhetorikund spielt auf seinen eigenartigen Stil an.