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Studien über Rudolf von Ems : Beiträge zur Geschichte der Rhetorik und Ethik im Mittelalter
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Studien über Rudolf von Ems. 23

Der Begriff der Nachahmung, des Epigonentums, erhältnun eine schärfer umrissene Bedeutung. Es ist eine in den Prinzipiender Bhetorik begründete Forderung für den Dichter, daß er vonguten Mustern lernen soll. Nachahmung ist für einen mhd. Autornicht ein Zeichen der Unselbständigkeit oder ein stilles Eingeständnismangelnder Begabung, sondern eine historisch bedingte Kunst-regel. Sie entspricht dem das Geistesleben des Mittelalters beherr-schenden Grundsatz der Kulturvererbung, der Tradition.

Bei der Erklärung der Autoren (in libris explanandis) werdenim Rhetorikunterricht drei Stücke beobachtet: 1. die Intentio,der Gedankengchalt der Erzählung; 2. die Materie, der Stoffder Erzählung; 3. die Causa finalis, der Zweck der Erzählung,vgl. Conradus Hirs., S. 20. 27 f. und seine Besprechung der ein-zelnen Schriftsteller S. 28 ff.

Rudolf behandelt in dem Prolog zum 2. Buch die gleichenPunkte der Rhetorik wie Cicero und Quintilian: die Autoren lesenund von ihnen lernen, sie nachahmen; er läßt dann ebenso wiejene eine Zusammenstellung der empfehlenswerten Muster folgenund hebt, wie jene, den Rückgang der Kunst bezw. der Beredsam-keit hervor. Wie Quintilian gibt er Urteile über Gehalt und Stilder Dichter und ganz ebenso wie dieser findet er den Grund zudem Sinken der Kunst in der manierierenden Nachahmung desEpigonentums.

b) Rhetorik, Stilistik. Die Stilkunst der führenden höfi-schen Dichter beruht in charakteristischen Ausdrucksformen aufder mittelalterlichen Schulrhetorik. Sie waren gewiß auch, Wolf-ram 1 wohl sicher, im Stil von ihren französischen Vorbildern beein-flußt. Aber die altfranzösische Kunstsprache hängt ja auch eng mitder lateinischen Stilistik zusammen. Will man also die Grundlagendes mhd. höfischen Stils verstehen, so muß man auf die lateinischeRhetorik 2 zurückgehen.

1 Vgl. Singer in seiner Abhandlung über Wolframs Stil.

2 Stilistik ist ein Teil der Rhetorik. Für die Geschichte der lateinischenStilistik sei hingewiesen auf Rich. Volkmann, Rhetorik der Griechen undRömer (2. Aufl.); Gustav Gerber, Die Sprache als Kunst; Norden, Dieantike Kunstprosa und die daselbst 2, 670 zitierten Programmabhandlungenvon M. Guggenheim und P. Gabriel Meier, ferner Kuno Francke, Wili-bald Schrötter s. o. S. 3. «- 1 Ein besonderes Kapitel der Stilistik, gewöhnlichim letzten Teil der Rhetoriken, bildet die Sammlung der Figuren. Speziellzur Figurenlehre vgl. Aristoteles, Poetik Kap. 22; Horaz, Arspoetica; Cicero,