20 Gustav Ehrismann:
Autoren) und die Lehren der sieben Künste können der Wahrheitförderlich sein, sofern sie zur Liebe Gottes aneifern, zum Kultusdes Unsichtbaren, zum Haß der Welt, zur Verehrung der Wahr-heit und zum Ekel an der Lüge; denn mit dem Studium der freienKünste sollen wir Gott dienen (Conradus Hirs., S. 74f.) 1 . Aberauch Rudolf ist ganz besonders bemüht, die Wahrheit seinerDarstellung zu beteuern. Ihm ist Wahrheit der Darstellung nichtnur ein Pflichtgebot, sondern eine Forderung angeborenen wissen-schaftlichen Triebes. Wie ein Gelehrter macht er Quellenunter-suchungen, denn er hat sich zur Aufgabe gestellt, den historischenAlexander zu beschreiben, im Gegensatz zu seinen Vorgängern,die nicht die rehten wärheit, nicht das, des diu historje von im giht,sagten (62-66. 15767-15828 [Junk, S.460f.]). Rudolf stellthiermit den Unterschied fest zwischen sich und den andern Bear-beitern der Alexandersage, und zwar auf Grund der mittelalter-lichen Poetik: jene andern sindpoetae, er ist ein historiografus, vgl.Conradus Hirs, S.24f.: historiografus rei visae scriptor dicitur.Porropoetafictorvelformator dicitur eo quod pro veris falsa dicatvel falsis interdum vera commisceat {mit lüge und ouch mit wärheit64). Die Erzeugnisse der Geschichtsschreiber sind historiae, die derDichter sind fabulae. Historia est res visa, res gesta (Conrad. Hirs.S. 24), Fabula est quod neque gestum est nee geri potuit S. 25), oder:fabula fieta res est, non facta (S. 34). Diese Erklärungen gehenauf Isidors Etymologien I, 39 u. 40 zurück; fabulae et historiaeauch in Hugos von S. Victor Erud. did. III, 4 (Migne 176, 768D).Der poeta und der historiografus aber gehören wieder zusammenals auetores saeculares (gentiles), weltliche Schriftsteller mit derscientia saecularis stehen den ecclesiastici auetores, den geistlichenSchriftstellern, die die caelestis sapientia besitzen, gegenüber (Con-rad. Hirs., S. 20 f.).
e) Zweck des Kunstwerkes ist
belehren und bessern. Die echte Kunst ist in der ästhetischenAnschauung der ernsteren mhd. Dichter kein Spiel der Phantasiezum bloßen Ergötzen und oberflächlichen Vergnügen der Hörer,
1 In den Prologen der mhd. Epen ist die Versicherung, daß die Geschichtewahr sei, ein häufiges Motiv, vgl. Ritter S. 63ff. —- Auf die Wichtigkeit,die dem Wahrheitsbegriff in der volkstümlichen Literatur zukommt, sei hiernur der Vollständigkeit wegen hingewiesen. —■ Wahrheit verlangt von derErzählung (narratio) im gerichtlichen Prozeß auch die klassische Rhetorik(narratio probabilis, credibilis).