Studien über Rudolf von Ems. 19
stützt (Augustins Enchiridion IX, 32), oder gar: Caveamus autema propria voluntate tanquam a vipera pessima et nequissima etquae sola deinceps damnare possit animas nostras (S. Bernhard,Sermones de Diversis XI).
c) Ideengehalt des Kunstwerkes: der Weltruhm, derritterliche Held.
Ere, Ruhm, Gloria, von der sselde verliehen, ist das erstrebens-werteste Gut in den Standesanschauungen der höfischen Gesell-schaft, der ideale Lebenszweck 1 . Das gilt für den Ritter im Krieg,ebenso für den ritterlichen Dichter im Frieden. Heldenruhm undDichterpreis sind die gleichen seelischen Strebungen. Beide sindErweise für den Erfolg der Lebensarbeit und Bestätigungen diesesErfolges durch das Urteil der Welt. Den Dichterpreis ersehntRudolf für sich als Dichter, den Ritterruhm stellt er dar in demLeben Alexanders. In der Verherrlichung des Weltruhms undWeltglücks liegt der Ideengehalt des Gedichtes. Damit ist auchdieser dritte der in obiger Liste aufgestellten rhetorischen Punkteschon im Stoffe begründet.
d) Das Wesen der Kunst ist Darstellung der Wahr-heit. „Nur die rehte kunst ist eben die Wahrheit." 2 Von der Wahr-heit des Dargetanen überzeugen will die antike Staats- und Prozeß-rede (hier sei nur auf Notkers Rhetorik, Piper 1, 636. 666. 668hingewiesen), noch viel mehr aber ist Wahrheit die innere Formder christlichen Lehre, darum ist Wahrheit auch das geistigeGrundgesetz der Predigt und als solches oft genug ausgesprochen.Die Bibel ist diu wärheit und letzten Endes besteht der Unterschiedzwischen den Schriften der christlichen Autoren und der klassi-schen Literatur in dem Gegensatz von Gottesdienst und Welt-dienst. Fabulae oder gar mendacia, eitle und nichtige Erfindungenoder Lügen sind die Werke der Heiden, auch die nationalen Liederder Germanen; und das erste deutsche christliche Epos in reintheologischem Geiste, Otfrids Evangelienbuch, wurde geschriebenum die schändlichen obszönen Laiengesänge zu verdrängen. DieWahrheitsfrage ist der oberste Grundsatz bei der Beurteilung derliterarischen Erscheinungen im Mittelalter, wahr ist die Lehre derTheologie, aber auch die Werke der Philosophen (der weltlichen
1 Ehre im weitesten Sinne, die Schätzung des sittlichen Wertes in dereigenen und in der fremden Vorstellung, nennt Paulsen, System der Ethik,2. Aufl., S. 469 „ideellen Selbsterhaltungstrieb".
2 Roethe, Reinmar, S. 190f., wo mhd. Zitate.