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Physikalische Wirkung der Geschosse.
Band IV.
Trifft das Projektil mit mittlerer lebendiger Kraft beieiner Endgeschwindigkeit unter 250 m die Diaphyse senk-recht zur Achse, so wird es einen mehr oder wenigerrundlichen Einschuss durch Zermalmung der getroffenenStelle setzen und bei genügender lebendiger Kraft ausser-dem eine völlige Kontinuitätstremiung bewirken; die hier-her gehörigen Präparate X. A 55, 58 (Taf. XXXIV. 2), 59 und98 machen den Eindruck, als habe ein stumpfer Keil dieTrennung bewirkt. Vergl. auch X. A 9 (Taf. XXV. 2) und 8.
Splitterung durch Sprengung. (Erschütterung undhydraulische Pressung.)
Um mit möglichst gleichen Verhältnissen zu rechnen,wenn man versuchen will, sich die Theorie der Entstehunghochgradiger Splitterbrüche durch Sprengung klar zu machen,deren beide konkurrirende Momente die Erschütterung desKnochens und die bei Eröffnung der Markhöhle event.stattfindende hydraulische Pressung von innen nach aussendarstellen, sind in dem Folgenden eine Anzahl von Prä-paraten ausgewählt, in welchen jedes Mal ziemlich dieselbeKnochengegend — die Diaphyse des Pemur in ihrem un-teren Drittel — getroffen ist (vergl. S. 23).
In Präparat X. A 18 ist ein Stück aus der vorderenFemurwand durch ein von hinten aussen tangential auf-tretendes Projektil herausgeschlagen mit breiter Eröffnungder Markhöhle, aber Erhaltung der Knochenkontinuität.(Wahrscheinlich Chassepot-Projektil, da das Präparat voneinem am 18. 8. 70 verwundeten Preussen stammt.)
No. X. A51 (Taf. XXXII. 3) zeigt 8cm über dem hinterenEande der Knorpelgrenze nach innen von der Medianlinieeinen scharfen 15 mm langen, 12—13 mm breiten Einschussmit ziemlich scharfem Rande, der nach der Markhöhle zubreiter in der gewöhnlichen Weise abgeschrägt ist; in8 mm Ausdehnung fehlt die Umrandung; vom oberen Randederselben gehen drei Fissuren aus, zwei nach oben diver-girende längere und eine kürzere, welche bald in eine derlängeren einbiegt; vom unteren Rande zieht eine Fissur,ziemlich der Knochenfaserung entsprechend, nach abwärtsbis fast zur Epiphysenlinie hin, die äussere Wand zeigteinen Defekt von in maximo 10 cm Länge, die vordereeinen solchen von 5—6 cm; der übrige Theil der vorderenWand wird durch einen Splitter von 12,7 cm Länge beieiner durchschnittlichen Breite von 3 cm gebildet. Dieinnere Fläche des Femur ist durch einen Theil des Ein-schusses, und 4 cm höher durch einen spitzwinkligen Bruchvon dem oberen Fragment getrennt. Betreffend das Pro-jektil ist angegeben, dass dasselbe — Krieg 1870 undGrösse des Einschusses lässt auf Chassepot schliessen —den Körper wieder verlassen hatte, also mit bedeutenderlebendiger Kraft ausgestattet war. .
Bei No. X. A 52 (Taf. XXXIII.) — Preußischer Soldat,16. 8. 70 verwundet, also wahrscheinlich auch Chassepot —■befindet sich der scharfe, leicht ovale, wenig gezackte,nach innen zu in der typischen Weise grösser werdende
Einschuss von 14 bezw. 11 mm Durchmesser genau in derMedianlinie der Hinterfläche des Femur; die Zirkumferenzzeigt nur innen oben einen 7 mm weiten Defekt, welchersich noch weiter nach oben hin fortsetzt; an der vorderenund äusseren Seite sind zwei grössere, sehr unregel-mässige Defekte ebenfalls nicht geschlossen. In 9 cm Längeist das untere — nur bis zur anatomischen Epiphyse ge-rechnet — Pemurdrittel sehr stark gesplittert; die siebenvorhandenen Splitter passen mit ihren Bruchlinien ziemlichgut aneinander, ihre Form ist höchst unregelmässig undinsofern von der gewöhnlichen Diaphysensplitter-Gestaltabweichend, als sie im Allgemeinen kurz und breit sind;bemerkenswerth ist, dass im Verlaufe eines Splitters ein4 cm langes Stück aus der Dicke der Linea aspera heraus-geschlagen ist.
Es stellen diese Präparate eine gewisse stetige Steige-rung der Geschosswirkung dar; in allen Fällen ist dieVerletzung, wie wohl angenommen werden darf, durch dasChassepot bewirkt.
Leider fehlen nähere Angaben über das Aussehen derGeschosse, sowie über die Entfernung, in welcher die Ver-wundungen zu Stande gekommen sind, endlich über dieklinischen Beobachtungen. Die Schwierigkeit der Analysewächst bei den rnazerirten Präparaten der Splitterbrücheganz bedeutend, auch wenn sie so kurze Zeit nach derVerletzung gewonnen sind, dass von sekundären Verände-rungen noch nicht die Rede sein kann: die Präparatemüssen, soweit möglich, künstlich zusammengefügt werden,um einen besseren Ueberblick der Knochenläsion zu ge-währen; die Verhältnisse, wie sie durch den Insult gesetztwaren, werden somit mazerirte Präparate hochgradigererSplitterbrüche niemals erkennen lassen. Zu einer einiger-maassen sicheren Analyse der Entstehung ist es hier aberunumgänglich nothwendig, den primären Zustand nicht mü-des Knochens, sondern auch der umgebenden Weichtheilezu kennen, — die Konfiguration des „Schusskanals' - '. —Es kommt bei den rnazerirten Präparaten der Splitter-brüche noch eine andere Schwierigkeit hinzu: ganz ge-wöhnlich sehen wir Knochen defekte, welche durch die vor-handenen Splitter nicht ausgefüllt werden konnten; für dieDeutung sind diese Defekte aber wichtig, da es nichteinerlei ist, ob es sich um Zermalmung von Knochen-substanz handelt, oder ob die Splitter aus dem Körpermit dem Geschoss herausgerissen wurden oder noch imgetroffenen Theile stecken blieben und ihrer Kleinheithalber entweder nicht gefunden sind oder nicht zusammen-gefügt werden konnten. Für die theoretische Betrachtungder Präparate bietet die klinische Beobachtung alleinwichtige, aber zumeist keine direkt verwerthbaren An-haltspunkte: die Schwierigkeiten einer genaueren — fürunsere Zwecke — Diagnose der hochgradigen Splitter-brüche ist intra vitam ausserordentlich gross, wenn nicht,zumal bei stärkerer Weichtheilbedeckung, geradezu unmög-lich; es erhellt dies zur Genüge aus zahlreichen Beobach-
Band IV.
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