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Physikalische Wirkung der Geschosse.
Band IV.
abgesehen von gelegentlichen äusseren Einflüssen auch beidemselben Gewehre. Dieses sowie die gewaltige Schnellig-keit, mit welcher sich das Geschoss uns entzieht, habenbislang ein Messen der Erwärmung unmöglich gemacht;man weiss eben nur, dass in der That eine solche statt-finden muss, aber der Grad derselben lässt sich nurschätzen. Wie sehr diese Schätzungen schwanken, magaus den Berechnungen Hagenbachs und Bodynskis hervor-gehen, welche für das Chassepotprojektil 100° bezw. 300° C.ergaben. Andere Autoren (Kocher, S. 9) halten die an-
gezogenen Momente wieder für so bedeutungslos, dass siedieselben gänzlich ausser Acht lassen.
Vorzugsweise werden durch die Gase und die Reibungdie Manteltheile der Geschosse erwärmt, von denen ausweiterhin der Kern derselben eine erhöhte Temperaturdurch direkte Leitung der Mantelwärme erhält. Eine gleich-massige Wärme kann somit ein solches Geschoss erst nacheiner gewissen Flugzeit erhalten, trifft es vorher irgendwo auf, so haben seine einzelnen Theile noch eine mehroder weniger grosse Temperaturdifferenz.
1Y. Veränderungen der Gewehrprojektile bei dem Auftreffen auf das Ziel.
Erheblicher als die soeben berührten Momente wirktfür die Erwärmung der Projektile die Hemmung, welchedieselben bei dem Auftreffen auf ein festes Ziel erfahren.
Gegenstand genauerer Untersuchungen ist die Wärme-entwicklung im Augenblicke des Aufschiagens der Geschosseund die Einwirkung dieser Erwärmung auf dieselben eben-falls erst nach dem Deutsch-Französischen Kriege geworden.Eine Erhitzung der Kugeln beim Aufschlagen war schonim 16. Jahrhundert behauptet — „verbrannte Wunden" —und seit 1834 (Richter, S. 99), mit Sicherheit allerdingsnur für Kanonenkugeln, erwiesen; Pirogoff nahm dieselbe1864 auch für die mit grosser Propulsionskraft geschleu-derten Gewehrprojektile als so bedeutend an, dass er dieSchusswunden gelegentlich mit den durch glühend heisseTrokarts erzeugten verglich. Die grosse Bedeutung dieserVorgänge blieb unbeachtet, bis Hagenbach (Socin, S. 11,und Richter, S. 103 ff.) durch Rechnung nachwies, dassdie mechanische Wärmetheorie, die Gesetze von derAequivalenz der Wärme und der mechanischen Kraft auchhierbei in Betracht kämen und einen genügenden Aufschlussgeben könnten. Die lebendige Kraft der Geschosse wirdin Wärme umgesetzt, soweit sie nicht in Form mechanischerArbeit aufgebraucht wird — abgesehen von den Fällen,in welchen das Projektil noch lebendige Kraft übrig hat,um das Ziel zu verlassen. Mit Rücksicht auf das Ziel äussertsich die mechanische Arbeit in Mitbewegung im Sinne desGeschossfluges oder in Form verschiedenartigster Gestalt-veränderung, vom leichten Eindrücken bis zu gewaltigerZerstörung; Leistungen, welche vielfach gleichzeitig neben-einander erzielt werden. Mit Rücksicht auf das Geschossäussert sich die mechanische Arbeit in Gestaltveränderung.Mit dem Durchbohren des Zieles ist die lebendige Kraftdes Geschosses nicht immer erschöpft, dasselbe kann miteinem verbliebenen Ueberschuss weiter fortdringen undnoch an anderer Stelle wirken.
Die zahlreich und exakt angestellten Untersuchungen')haben nicht nur ergeben, dass bei dem Aufschlagen derProjektile auf feste Körper eine bedeutende Erhitzungüberhaupt stattfindet, sondern auch dass die weichen Blei-projektile der Handfeuerwaffen dabei bis zur Schmelzungerhitzt werden können. Mit Zunahme der Erhitzung ver-liert das Blei an Kohäsion, so dass eine stetig geringereKraft erforderlich ist, seine Gestalt zu verändern; es istaber eine Erhitzung Ins zur Schmelzung — etwa 325° C. —nothwendig, um ein Absprühen von Bleipartikelchen zuerzielen. 2 ) Diese Partikel, welche in Folge der Schmelzungauch bei geringstem Widerstände absprühen, sind wesent-lich verschieden von den grösseren Stücken, welche durchscharfe Kanten oder überhaupt härtere Gegenstände — z. B.Knochen und Sehnen — abgerissen werden, was um sohäufiger und leichter vorkommt, je mehr ein Bleigeschosserhitzt ist, d. h. an Kohäsion verloren hat.
Uebrigens partizipiren nicht alle Theile des Geschossesan der Erhitzung gleichmässig; durch die Reibung imLaufe — und an der Luft sowie durch die Einwirkungder Pulvergase — werden, wie bereits erwähnt, vorwiegenddie äusseren Theile der Projektile erwärmt; im Momentedes Aufschlagens wird ausschliesslich der auftreffendeGeschosstheil, in der Regel die Spitze, erhitzt.
') Busch in Lgb. Archiv bis XVI, XVII, XVIII; Wahl,dasselbe, XVI und XVII; Kocher, 1. c; Küster, Berl. Hin. W.1874, No. 15 (Wahl und Küster nehmen nur eine Erwärmung an,keine Schmelzung); Richter, Chirurgie der Schussw.; Heppner undGarfuckel, Gentralblatt f. Chirurgie 1874, No. 14/15; Hagenbach,Poggendorf-Annalen, Bd. 140 u. 143; Socin, Kriegschirurg. Erfahr.
2 ) Busch und Kocher benutzten bei ihren Versuchen verhältniss-mässig geringe Gewalten, um diese Verhältnisse zu prüfen, und kamenzu den obigen Resultaten; Reger (vergl. Anmerkung auf S. 15) legteBleigeschosse unter einen mächtigen Dampfhammer und beobachteteregelmässig ein Auseinanderfahren des Bleies, ohne dass er einebedeutendere Erhitzung dabei hätte konstatiren können.
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