Messerbräuche. Studien zur Rechtsgeschichte und Volkskunde 9
Das Messer nimmt dabei auch an dem Rechtsbrauch des cartamlevare 1 teil, wobei die Urkunde mit Tintenfaß und allen Wahr-zeichen vom Boden aufgehoben und dem Notar übergeben wurde 2 :cartam cum calamare et cultellum et festuca notata et gazonem deterra cum ramis arborum et vinearum de terra levavi et tibi tabel-lioni . . . scribendum rogavi.Zu dieser ravennatischen Urkunde vom Jahre 896 vergleiche stattvieler die paduanische aus dem Jahre 955: 3
hanc membranam simul cum calamo et atramentario et pinnaatque cultellum et duas wantos totum insimul manibus nostrisjusta lege nostra salicha de terra levavimus et Ingelbertus notariustradidimus ad scribendum.
In Italien war nach dem Cartularium Langobardicum 4 derMesserbrauch bei der Landübereignung Stammesrecht der Franken,Goten und Alamannen. Miniero Ricci 5 berichtet, daß im König-reich Neapel während der Herrschaft der Anjou das Messersymbolganz allgemein im Gebrauch gewesen sei, und zwar nicht nur beiLandschenkungen, sondern auch bei Eiden und Eheverträgen; ererwähnt namentlich das cultellum flexum. Soweit es sich um dieEheschenkung, das dotarium, handelte, galt die Sitte als französi-sches Adelsrecht 6 . In dem Ehevertrag, den 1262 Peter von Ara-gonieii mit Constanze, der sizilischen Königstochter, in Montpellierabschloß, heißt es: 7
per cultellum flexum- et per hoc praesens scriptum . . . tradimus
vobis D. Constantide dilectae uxori nostrae in dotarium et pro
dotatione civitatem Gerundae integre.
Als Karl IL von Anjou eine bourbonische Prinzessin heiratet, und
zwar more regalium et Francorum jure 8 , da bestellt er ein Wittum
1 E. Goldmann, cartam levare / Mitteilungen des Instituts für österr.Geschichtsforschung 35 (1914) lff. — Vgl. oben S. 7 die Stelle aus demCartularium Langobardicum.
2 Goldmann S. 8.
3 Brunner, Rechtsgeschichte der römischen und germanischen UrkundeI (1880) 111.
4 S. oben S. 7.
5 Camillo Minieri Riccio, Saggio di Codice diplomatico I (1878) 57,Anm. 1.
6 Neumeyer, Die gemeinrechtliche Entwicklung des internationalenPrivat- und Strafrechts bis Bartolus I (1901) 291 ff., dessen Ausführungen ichmich anschließe, um so mehr als die feudistische Literatur mir nur teilweisezugänglich war.
7 Du Cange IV 414. 8 Neumeyer 292.