VI. Prinz Eugen von Savoyen. 199
kaiserlichen Rathe seine einsichtsvolle Meinung verwarfen, im Jahre 1702, alser nach Italien abreiste, ihm alle möglichen Hindernisse in den Weg legtenund in der Folge aus Neid ihm zu schaden suchten. Alles dies kann zur Er-läuterung seiner Stellung, seiner Handlungen und seines Charakters bis zuseinem Lebensende dienen.
Seine Feldzüge in Italien in den Jahren 1701, 1702, 1705 und 1706bilden die glänzendste Epoche seiner Kriegsthätigkeit und verdienen weitmehr Beachtung, als sie bisher gefunden haben. Sie bieten die sehr inter-essante Erscheinung, wie eine schwächere Armee zu entscheidenden Offensiv-operationen geleitet werden kann, und wie die letzteren dieVertheidigung ver-stärken können. Dabei muss man die Mitwirkung der Fehler der Gegner desPrinzen Eugen , die er nicht vorhersehen konnte, weglassen, sowie dass er oftdieselben erst in dem Augenblicke benutzte, als er sie erfuhr, wie z. B. imAnfange des Jahres 1706 gegen Vendöme und später, beim Marsche nachTurin, gegen den Herzog von Orleans. Viele Fälle, besonders in den spätemFeldzügen in den Niederlanden, in welchen man nach unsern Begriffen dieFehler des Feindes auf andere Weise hätte benutzen können, müssen von demGesichtspunkte der damaligen falschen Kriegsbegriffe und der Methode desKriegführens beurtheilt werden. Da aber, wo der Prinz Eugen von diesenFesseln frei war, die ihn beengten, z. B. an der Etsch, am Oglio, an derAddaund am Po, beseitigte er jeden Einfluss derselben und handelte, wie GustavAdolph und Turenne, nur nach der Eingabe seines eigenen Genius.
In den Feldztigen von 1704— 1708 und ferner bis 1711 konnte er nichtmit solcher Freiheit operiren, weil er zusammen und unter dem OberbefehleMarlborough's operirte, desgleichen im Feldzuge von 1707, den der Herzogvon Savoyen gänzlich verdarb. Aber sowohl im Glück, als im Unglück istjeder Schritt des Prinzen Eugen durch seine grosse persönliche Thätigkeit be-zeichnet. Es ist nur nöthig alle Zufälle vor dem Kampfe bei Carpi in Erwä-gung zu ziehen und sich davon völlig zu überzeugen. Prinz Eugen nahm anAllem und besonders am Kampfe noch mehr persönlichen Antheil, als Turenne,und führte seine Truppen in den Kampf und kämpfte mit ihnen wie GustavAdolph; als Beweis dafür dienen die Schlachten bei Carpi, Cassano, Turin,Oudenaarde, Lille, Malplaquet und viele andere. In seinen Feldzügen inItalien hat er viel Aehnlichkeit mit Turenne in den Combinationen, und mitHannibal in der Kriegslist und anderen Impulsen.
Aber unter allen grossen Feldherren war er besonders unglücklich; so inden Feldzügen von 1710, 1711 und 1712 in der Weise, dass die Waffenthatenund Erfolge seiner elf vorhergegangenen Feldziige verloren gingen. Oben, beiBeschreibung dieser drei Feldzüge, waren schon einige Ursachen der Miss-erfolge des Prinzen Eugen in deuselben erläutert worden. Die Darlegungder ihn von allen Seiten bindenden und niederdrückenden ungünstigen Um-stände ist möglich und nöthig, aber nur nicht im Sinne einer Rechtfertigung